Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
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Puncte zusammen, die nicht überall Zusammentreffen, sondern sichin andern Werken auch wohl trennen, um sich anders zu combi-niren; wonach man nur im Allgemeinen sagen kann: je mehr vonden Merkmalen, welche den zweifellosen Repräsentanten einerKunstgattung zukommen, in einem Werke Zusammentreffen, destomehr wird man geneigt sein müssen, es noch zu derselben Gattungzu rechnen, und wird es so lange thun dürfen, als nicht in nochmehreren oder wichtigeren Beziehungen ein Zusammentreffen mitden Merkmalen entschiedener Repräsentanten einer andern Gattungslattfindet. Wo aber das Mehr und Wichtigere beginnt, kann oftnur Sache eines unbestimmten Apercu sein.

Es mag nützlich sein, diesen für die begriffliche Auseinandersetzung derKünste wichtigen Gesichtspunct an einem besondern Beispiele zu erläutern.Nehmen wir es von der Architektur her. Lotze zeigt in s. Geschichte (S. 505;,wie die Bestimmungen, die Kant nnd Hegel von der Baukunst geben, denBegriff derselben zu weit fassen lassen, indess man fragen kann, ob er nichtvon ihm selbst zu eng gefasst wird.

»Begriffe von Dingen sagt Lotze die nur durch Kunst möglich sind,und deren Form nicht in der Natur, sondern in einem willkürlichen Zweckeihren Bestimmungsgrund hat, soll nach Kant die Baukunst ästhetisch wohl-gefällig machen und zugleich jener willkürlichen Absicht anpassend ver-wirklichen. Hegel aber findet ihre allgemeine Aufgabe darin, die äussereunorganische Natur so zurecht zu arbeiten, dass sie als kunstgemässe Aussen-w'elt dem Geiste verwandt sei.« Aber, macht Lotze mit Recht geltend, nachKant würde auch die Erzeugung alles Hausgeräthes, sogar eines weissenBlattes Papier, nach Hegel Strassen, Canäle, Eisenbahnen, Gärten und ParkeErzeugnisse der Architektur sein, »jede Ansicht aber sei verdächtig, die sichin so grellen Widersprüchen gegen den Sprachgebrauch bewege.« Lotzeseinerseits findet Baukunst überall da, »wo eine Vielheit discret bleibenderschwerer Massenelemente [als namentlich Bausteine] zu einem Ganzen ver-bunden ist, das durch die Wechselwirkung seiner Theile sich auf einer unter-stützenden Ebene im Gleichgewichte hält,« »Werke der Baukunst ent-springen immer aus Addition nicht aus Subtraction.« Dazu «scheine dieArchitektur als Kunst noch zu verlangen, dass das Gleichgewicht ihresganzen Werkes nicht durch mancherlei verschiedene Kunstgriffe erzwungen,sondern durch die Gew'alt eines einzigen Princips und seiner zweckmässigenAnwendung gesichert werde.« Hienach würden die in den Felsen gehauenenTempel der Inder und selbst manche Wohnungen, die man hier und da inFelsen gehauen findet, von der Architektur ausgeschlossen sein; doch wirdman in Verlegenheit sein, sie anders unterzubringen, trotzdem dass sie viel-mehr durch Subtraction als Additiou des Materials entstanden sind; auchwürden so viele Häuser der Chinesen, die sich auf Flüssen schaukeln, nichtmehr als Bauwerke gelten können, wenn das Gegründetsein auf festem Bodenzum Charakter eines Bauwerkes gehörte, und wohin sie doch sonst zählen?