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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXX. Vorlesung.

zem wegen chronischen Alkoholismus zugewiesen wurde. Er gerätbei der Anrede zunächst in eine gewisse Verlegenheit, beginnt aberdann mit unerwarteter Lebhaftigkeit in Gebärden und Ausdrucks-weise über seine Lebensschicksale zu berichten; mehrfach hat erMühe, Tränen zu unterdrücken. Sein Vater, der ein schüchternes,weiches Gemüt hatte, starb früh; die Mutter war überaus jähzornigund leidenschaftlich und heiratete später wieder. Sich selbst schil-dert er alsfeig von Natur, gerade wie ein Hase, ohne Unterneh-mungsgeist; er habe sich als Kind in die Einsamkeit zurückgezogen,sich niemals mit jemandem geschlagen, schimpfe höchstens einmal,wie ein kleiner Spitz, der bellt;wenn es zur Tat geht, bin ich nichtzu gebrauchen.

Das Metzgerhandwerk, das er lernen sollte, behagte ihm dahernicht; er lief davon. Aber auch als Bäcker hielt er nicht lange aus,sondern geriet schon in jungen Jahren in ein Stromerleben, das erbis jetzt mit kurzen Unterbrechungen fortgesetzt hat. Anfangs ginger in Begleitung anderer, die ihn, da er ein hübscher Junge war,geschlechtlich mißbrauchten und freihielten; später hielt er sichmehr für sich. Obgleich er gar keinen Ortssinn besaß und sich über-all verlief, fühlte er doch einen unwiderstehlichen Drang, die Weltzu sehen, und hielt es nirgends lange aus, auch dann nicht, wennsich ihm, wie mehrmals, Aussicht auf eine dauernde, angenehmeStellung eröfFnete. Der Grund war einfurchtbarer Leichtsinn,das Erbteil seiner Mutter.Die nervöse Unruhe, die Jagd nach Ab-wechselung und Veränderung wußte alles zu vereiteln.Ich warwie ein kleines Kind bis in die 20er Jahre hinein; mein bißchenVerstand ist ja erst im letzten Jahrzehnt gekommen. Länger als6Monate blieb er nirgends; vielmehr wanderte er jahraus, jahreinvon seiner sächsischen Heimat aus in Deutschland, Österreich, Un-garn, Italien, Frankreich herum; einige Zeit schloß er sich auch einerZigeunertruppe an. Seinen Unterhalt verdiente er sich, so gut esging, durch Anfertigung von Kinderspielzeug aus Holz und Pappe.Zu ernsthafter Arbeit fühlte er sich nicht fähig.Ungeschickter,als ein 12 jähriges Kind zu jeder Hantierung, ohne Sinn für jedehandwerkliche Arbeit, unüberwindliche Abneigung gegen jede, nurim geringsten monotone Beschäftigung, fehlt mir die Freude unddas Interesse, was zu jeder Tätigkeit notwendig ist. Er habe allesMögliche versucht, sich aber stets als unbrauchbar erwiesen und