2
I. Vorlesung.
oder die Idiotie, aber sie dürften als unverständliche oder seltsameMerkwürdigkeiten mehr Eindruck auf Ihr Gemüt, als auf Ihr ärzt-liches Denken gemacht haben.
Das Irresein verändert die geistige Persönlichkeit, jeneSumme von Eigenschaften, die für uns in weit höherem Maße,als die körperlichen Eigentümlichkeiten, den wahren Kern desMenschen darstellen. Auch die gesamten Beziehungen desKranken zur Außenwelt werden dadurch in der eingreifendstenWeise beeinflußt. Die Kenntnis aller dieser Störungen ist dahereine reiche Fundgrube für die Erforschung des Seelenlebens über-haupt. Sie enthüllt uns nicht nur viele seiner allgemeinen Gesetze,sondern sie gewährt uns auch tiefe Einblicke in die Entwicklungs-geschichte des Menschengeistes beim einzelnen wie bei unseremganzen Geschlechte; sie gibt uns endlich den richtigen Maßstabfür das Verständnis so mancher geistigen, sittlichen, religiösen,künstlerischen Strömungen und Erscheinungen unseres Gesell-schaftslebens.
Indessen diese weitverzweigten wissenschaftlichen Beziehungenzu so vielen der wichtigsten Fragen unseres Menschendaseins sindes nicht in erster Linie, die für den Arzt die Kenntnis der psychi-schen Störungen unerläßlich machen, sondern vor allem ihreaußerordentliche praktische Wichtigkeit. Das Irresein gehörtauch in seinen mildesten Formen zu den schwersten Leiden, dieder Arzt zu behandeln hat; nur ein verhältnismäßig sehr kleinerBruchteil der Geisteskranken findet im strengsten Sinne dauerndeund vollständige Genesung. Dabei ist die Zahl der Irren, die wirzurzeit mit 200,000 für Deutschland kaum zu hoch anschlagendürften, anscheinend in unheimlich raschem Wachstum begriffen.Zum großen Teil mag diese Zunahme auf der besseren Kenntnisdes Irreseins, auf der reicher entwickelten Fürsorge für die Kran-ken, auch auf der wachsenden Schwierigkeit der häuslichen Pflegeberuhen und somit nur eine scheinbare s,ein. Bedenken wir aber,daß vielfach etwa y 4 —y 3 der in die Irrenanstalten aufgenommenenKrankheitsfälle auf Alkoholmißbrauch oder syphilitische An-steckung zurückzuführen sind, Ursachen, deren Verbreitung gewißnicht abnimmt, so läßt sich die Vermutung nicht von der Handweisen, daß die Zahl der Irren in der Bevölkerung nicht nur ansich, sondern auch verhältnismäßig anwächst. Wir wollen dabei