Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
613
Einzelbild herunterladen
 

Section YI. Die Wirkwaaren. Bekleidungsstücke und Hüte. 613

die sich wiederum mit der Ausbreitung der Civilisation für die aufeiner Cultur- und Bildungsstufe stehenden Völker zu einem internationalenverallgemeinert. Diesen Gang können wir bei den Bewohnern Europasdeutlich verfolgen. Mehr und mehl breitet sich die sogenannte fran-zösische Tracht aus, die altererbte Kleidung in der Culturentwickelungoder in der socialen Gleichstellung bisher zurückgebliebener Classenfängt mit der Gleichstellung derselben an zu verschwinden: die ur-väterlicken Bauerntrachten, Nationalcostüme, sie alle gehen unter inder grossen nivellirenden Tracht des gebildeten Europas. So bildetwie in alter Zeit auch heute die Kleidung die äussere Signatur desMenschen. Europäische Sitte und Cultur drückt sich aus unter euro-päischer Kleidung, und wo diese Cultur befruchtend hingelangt, folgtauch die Kleidung nach; im fernsten Osten beginnt selbst der Japanerin unserem Costüm umherzuwandeln.

Wohl nirgend ist Gelegenheit gewesen, die Eigenthümlichkeitender Tracht der verschiedensten Völker der Erde in so reichhaltigerWeise sehen und studiren zu können, wie auf der Wiener Ausstellung.Die sowohl in Gruppe V. ausgestellten modernen Kleidungsstücke allerLänder, wie die unter Gruppe XXI. vorgeführten Zusammenstellungengegenwärtiger wie vergangener nationaler Trachteigenthümlichkeitender verschiedensten Stände und* Lebensverhältnisse boten das an-ziehendste und lehrreichste Bild in mannigfachen Richtungen. Nächstdem Interesse, welches das Kunstgewerbe an den schönen Erzeugnissenalter nationaler Hausindustrie nahm, die werthvolle Motive zur Nach-ahmung boten, waren die ausgestellten Trachten ganz besonders inculturgeschichtlicher Beziehung von der höchsten Bedeutung, indem siedas nivellirende Element der Cultur rücksichtlich der Tracht auf dasAnschaulichste zu Tage legten.

Nächst dem angedeuteten Unterschiede unserer modernen Kleidungvon der des Alterthums drängen sich dem Beobachter noch einigeweitere charakteristische Merkmale auf: Wir bemerken einerseits gegen-über dem Festhalten an der Tracht, welches frühere Zeiten und dieunserer europäischen Cultur ferner stehenden Völker noch heute aus-gezeichnet, bei uns eine Sucht nach Veränderungen, welche mit jedemJahre, ja mit jeder Jahreszeit einen mehr oder minder bedeutsamenWandel in unserer Kleidung eintreten und unsere schnelllebende Zeit,die so rasch abnutzt und Neues hervorbringt, gleich im äusseren Menschenerkennen lässt. Die Mode, dieser eigenthümliche Schönheitsmaassstab,den unsere Zeit, wenn auch nicht geschaffen, so doch fast zum unbe-schränkten Alleinherrscher in unserem Kunstgewerbe gemacht hat, istbesonders im Kleiderfache zur despotischen Gebieterin geworden. Vor-nehmlich von Paris aus dictirt sie die Kleiderveränderungen und be-vorzugt die weibliche Tracht durch ebenso schnelle wie extravaganteNeuerungen.