470 Gruppe V. Textil- und Bekleidungs - Industrie. .
in Fond, Mittelstück und Bordüre eingetheilt. Dieses Princip, welches,von der Bildung bestimmter Figuren absehend, hauptsächlich daraufausgeht, verschiedene Farben so zusammenzustellen, dass sich für dasAuge eine wohlthuende angenehme Harmonie ergiebt, und dass nach denim Eingänge berührten Gründen für Teppiche das ästhetisch Ange-messenste erscheint, fängt an, sich in unserer Fabrikation mehr undmehr Bahn zu brechen und dem Geschmacke — wenigstens der gebil-deteren Stände —■ zu entsprechen. Es ist vorzugsweise die türkischeMusterung, welche beliebt wird. Das andere Princip, das sogenanntenaturalistische, versucht die Nachahmung natürlicher Gegenstände,ganz besonders der den Boden bedeckenden Pflanzen, farbenreichenBlumen und Aehnlichem, aber auch ganze Landschaften mit allen aufder Erde und in den Lüften befindlichen lebenden Wesen werden abge-bildet. Wir können hier zwei Richtungen unterscheiden, von denendie eine den Teppich mit Rücksicht darauf, dass er ein Ganzes ist,kunstgerecht eintheilt und auf ihm die naturalistischen Zeichnun-gen in regelmässiger Vertheilung anbringt; die andere die Fläche wildmit Blumen, Gärten, Landhäusern, Vögeln, kurz, den verschiedenstenGegenständen bedeckt.
Der eigenthümliche Unterschied unserer Ornamentationsweise vonder orientalischen beruht darin, dass hier die Zeichnung dem Stoffeund dem Zwecke entsprechend gebildet wird, — dort die Verbesserun-gen und Vervollkommnungen der technischen Herstellungsmethoden,welche der Musterung grösseren Spielraum eröffnen, auch Veränderun-gen in dem ganzen Principe derselben hervorrufen. Es findet also beiuns kein Festhalten an hergebrachten, stilgemässen Zeichnungen statt,sondern vielmehr mit jedem Fortschritte der Technik sucht der Fabri-kant mit neuen durch sie herstellbaren Mustern die frühere Herstel-lungsweise zu schlagen. Als ob ein Gegenstand aufhörte der alte zusein, wenn er aus neuen Materialien und nach neuen Methoden ange-fertigt wird und nicht vielmehr die Gesetze des Stils tiefbegründete unddurch technische'Erfindungen nicht so leicht zu ändernde sind! Sokommt es, dass der Jacquardplüschteppich, bei dem die Anwendunggrösserer Farbenzahlen Schwierigkeiten verursacht, sich mit Vorliebedie orientalischen Dessins wählt; der Druckteppich, dessen Nüancirungnicht an diese engen Grenzen gebunden ist, die naturalistischen Zeich-nungen liebt, und vor allen der Chenilleteppich, der der Ornamentationgar keine Schwierigkeiten entgegenstellt, in der excentrischsten Weisedem Naturalismus fröhnt. Der Fabrikant fragt also nicht: was macheich, und welches sind die Stilgesetze dieses Stoffes, — sondern wiemache ich es, und bis zu welchen Grenzen erlaubt mir meine Technikin der Dessinirung zu gehen!
Es ist nicht zu leugnen, dass es fiir den Industriellen schwer ist,das nöthige Maass zu halten; dass, wo die mangelhafte Technik für