Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
138
Einzelbild herunterladen
 

138 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.

die höchsten Lockungen des Realismus und des malerischen Scheinesabbringen. An plastischen Talenten ist in der italienischen Kunst-welt kein Mangel. Maggis lesendes Mädchen erfreut durch die ein-fache Empfindung, Tantardinis Sockelstatue zum Cavourdenkmalin Mailand,die Geschichte ist wirkungsvoll aufgebaut. Auch Argenti,Peduzzi, Ansiglioni verdienen hervorgehoben zu werden. Dennochwird die italienische Sculptur erst dann zu voller Blüthe gelangen,wenn die Phantasie der Künstler einen festeren Ausgangspunkt und eineinheitliches Ziel gewonnen hat. Das Maasslose, Zerfahrene, Oberfläch-liche kann nur durch eine bessere Schulbildung beseitigt werden. AlsLehrer würde vielleicht die Frührenaissance sich noch besser .empfeh-len, als die Antike. Jene steht dem Volksthum näher, ist der reali-stischen Richtung verwandter und besitzt vor allem eine Eigenschaft,welche der modernen italienischen Plastik am meisten abgeht: dieenergische Kraft der Formen. Die Industrie hat dem Rückgänge aufdie Muster der Renaissance neues Leben und glänzende Triumphe zudanken. Es wäre wohl den Versuch werth, auch die jungen Künstlermit den Vorbildern der altheimischen Sculptur vertraut zu machen,nicht, dass sie dieselben nachahmen, wohl aber, um an ihnen die eigeneGedanken- und Formenwelt zu regeln und zu-messen.

Beneidenswerth wäre die Lage der deutschen Kunst, wenndas Heilmittel für sie in ähnlicher Weise wüchse, und das blosse Zurück-wandeln der eingeschlggenen Bahn ihr die erwünschte Hilfe brächte.Denn wenn sie auch nicht schwer und ernst krankt, so erscheint dochihr Zustand keineswegs gesichert und befriedigend. Dafür legen schondie arg widersprechenden Urtheile Zeugniss ab, welche über sie beiGelegenheit der Ausstellung laut wurden. Dass sie alle Nebenbuhlerüberflügelt habe, konnte man hier und da vernehmen, ebenso oft undvielleicht noch öfter, dass sie den Wettkampf ehrenvoll bestanden, ohneaber den unbedingten Sieg davonzutragen, und endlich wurden auchStimmen laut, welche ihre Niederlage beklagten. Einen schlechthingünstigen Eindruck zu empfangen, verhinderte das viele Mittelgut,welches in der deutschen Abtheilung wucherte. Diesem hätte einestrengere Auswahl der eingesendeten Werke steuern können. Bei derherrschenden Decentralisation der Kunst sind aber ähnliche Einrich-tungen, wie sie in Frankreich bestehen, wo eine Staatscommission überdieZulassungentscheidet, bei uns schwer durchführbar. Wir müssen ebendiese Nachtheile der Decentralisation tragen, wie wir uns ihrer Vor-theile erfreuen. Die übertriebene Schonung nicht immer berechtigterEinzelinteressen ist übrigens nicht der einzige Nachtheil, der aus derDecentralisation unserer Kunst entspringt. Die Richtung, welche diedeutsche Malerei seit mehreren Jahren eingeschlagen, verträgt sichschlecht mit dem Kleinleben, welches in gar mancher unserer Kunst-städte herrscht. Es gilt nicht bloss die Erhebung des Colorits zu dem