388 Gruppe VIII. Holz - Industrie.
Grössere Mannigfaltigkeit herrschte unter den Tischen. Jeneausgezeichnete Construction einer gewissen Art gothischer Tische, beiwelchen die Platte an ihren Schmalseiten von zwei senkrecht stehendenBrettern getragen wird, die nahe dem Boden oder in halber Höhe durchejnen oder zwei feste Sparren, sogenannte Spriegel, unverrückbar ver-bunden sind, fehlte durchaus, wie ja das treffliche gothische Gonstruc-tionsprincip nicht einmal bei den wenigen als gothisch bezeichnetenMöbeln befolgt war. Auch die Ausprägung dieses gothischen Schemasin den Zierformen der Renaissance war nur in wenigen Beispielen ver-treten, als deren bestes der von Daniel Schäffler in Nürnbergausgestellte Tisch zu erwähnen ist. Bei diesem waren die senkrechtenBrettstützen durch geschnitzte Ornamente im Stil der deutschen Renais-sance und einige gut behandelte Figuren recht glücklich belebt, ohnedass ihrer Function durch diese Verzierung Abbruch gethan wäre.Häufiger war eine Tischform der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts,bei welcher die Platte ausser von vier Füssen an den Ecken, nochdurch eine Reihe von Balustpen gestützt wird, die in der Richtung derLängenachse des Tisches auf dem die Beine nahe über dem Boden ver-bindenden Gespärre stehen. Nach diesem Schema waren unter anderengebaut: ein sehr grosser Eichenholztisch von de Bruyne in der belgi-schen Abtheilung der Kunsthalle, der von Roudillon ausgestelltezierliche Nussholztisch mit Einlagen weissen Metalles, ein mit Elfen-beinmosaik „alla certosina“ verzierter Tisch in der italienischen Abthei-lung. Im Allgemeinen herrschte unter den Tischen noch das Schemavor, bei welchem die viereckige Platte von vier senkrechten Stützengetragen wird. Die Verbindung der Stützen durch Sparren werk oderFussbretter war nicht häufig und selten mit Geschmack durchgeführt.Die geschwungenen Linien der Spriegel, die festonsbehangene Vaseauf der Kreuzung derselben, wie wir dies bei vielen Tischen aus demvorigen Jahrhundert sehen, herrschten noch mehr als wünschenswert]!vor. Mit besonderer Vorliebe waren die runden Tische mit centralemFuss zum Gegenstand reichster decorativer Ausstattung gewählt. Figür-liche Zuthat fehlte nur selten, bald war der untere Theil des säulen-förmigen Fnsses in phantastische Thiergestalten, Greife oder Chimärenaufgelöst, die mit kraftvoll vorgestreckten Tatzen der Basis diejenigeBreite gaben, welche, die Stabilität des Tisches verlangt; bald wardiesem Erforderniss dadurch genügt, dass die Stütze auf der Kreuzungvon zwei oder drei wagerecht liegenden Brettern oder Latten fusste, wo-bei letztere häufig mit Putten oder anderen Figürchen besetzt waren, undzwar meist auf recht üble Art, denn eine innere, durch irgend welchescheinbare'Function begründete Berechtigung zum Dasein menschlicherGestalten an eben dieser Stelle ist nicht vorhanden, und zur Aufstellungfigürlicher Nippes ist der Fuss eines Tisches wohl der denkbar un-schicklichste Platz. Die Scheu vor plastischem Ornament hatte die Eng-