Druckschrift 
3,1,1 (1875) Chemische Industrie : mit einem Rückblick auf die Entwicklung der chemischen Industrie während des letzten Jahrzehends
Entstehung
Seite
698
Einzelbild herunterladen
 

698

Gruppe III. Chemische Industrie.

Steinkohlenfeuer an Stelle der theuren Holzfeuerung umgebildet hat.In neuerer Zeit aber sucht man sieh ihrer ganz zu entledigen undOefen mit Gasfeuerung an ihre Stelle treten zu lassen. Nachdem diesein anderen Zweigen der Industrie namentlich bei der Glasfabrikationund in Eisenwerken mit Erfolg eingeführt waren, lag es nahe, sieauch fürs Garbreunen des Porzellans dienstbar zu machen. An Ver-suchen in dieser Richtung hat es.nicht gefehlt. Sie wurden yon denverschiedensten Seiten unternommen, schlugen aber in Folge von un-zweckmässig construirteu Brennöfen meist fehl und wurden dannwegen ihrer Kostspieligkeit aufgegeben.

Der Erste, welchem es gelang, ein' gutes Resultat mit dem Brennenvon Porzellan im Gasofen zu erzielen, war Venier 1 ). Er führte in dergräflich. Thunschen Fabrik zu IOösterle in Böhmen die Gasöfen indie regelmässige Fabrikation ein und erreichte mit denselben sehr guteResultate. Er feuerte, den Verhältnissen der dortigen Gegend Rech-nung tragend, die Generatoren bis vor Kurzem mit Holz und behielt fürseine Constructionen im Wesentlichen die alte Form der runden Oefenbei. Möller 2 ) dagegen, welcher bei dem Neubau der königl. Porzellan-manufäctur zu Berlin die Gasöfen construirte, bediente sich eines fürPorzellanbrände gänzlich neuen Ofensystems. Er gab den Oefen anStelle der alten runden, die sogenannte Kofferform, trennte die Ver-glühbrände, welche bis dahin bekanntlich stets in'einem auf dem Gut-ofen befindlichen Raume durch die abgehendo Flamme bewirkt wordenwaren, von den Gutbränden und benutzte dagegen die abgehende Flammezum Vorwärmen des nächsten Ofens, während die Hitze der in Ab-kühlung befindlichen Kammern dazu dient, die zur Verbrennung er-forderliche Luft zu erwärmen. Die Resultate, welche mit diesem Ofenerzielt werden, sind sehr zufriedenstellend.

Dass die Einführung der Gasbrennöfen für die Porzellanindustrievon grosser Bedeutung zu werden verspricht, braucht wohl kaum nochbesonders betont zu werden. Wenn auch vom theoretischen Stand-punkt'e betrachtet die Gasfeuerung nicht sparsamer zu sein scheint,wie die directe, da ein grosser Theil der Verbrennungswärme im Gene-rator verbraucht wird, um die Kohlensäure zu Kohlenoxyd zu redu-ciren, so ist in der Praxis die Ersparniss doch eine sehr bedeutende,weil man bei directer Feuerung, um Weissgluth im Ofen zu erzeugen,so intensiv feuern muss, dass brennbare Gase in erheblicher Mengeaus dem Schornstein entweichen. Auch lässt sich im Generator jedesbeliebige Brennmaterial benutzen, während dies bei directer Feuerungnicht möglich ist. Man hat ferner im Gasofen, da man Gas und Luftin jeder beliebigen Menge zur Disposition hat, die Flamme ganz in der

Hack, Ding], pol. J. CLXXV, 42. 2 ) Gustav Möller, Hie neue

Bauanlage der königl. Porzellanjnanufactur zu Berlin 1873.