IV
Vorbemerkung.
die aber Deutschland durchaus fern liegende politische und militärische Zieleverfolgten. Andererseits aber dürfte die Veröffentlichung einer weitern denEinzelschriften gestellten Aufgabe*): „aus dein Gebiete der Einzelforschungund kritischen Betrachtung mitzuwirken an der Anregung und Förderungder in unserer Armee jederzeit mit Vorliebe gepflegten kriegsgeschichtlichenStudien" — entsprechen. Es kommt hinzu, daß die Kriegsereignisse umCandia einst das ganze christliche Europa und die Muhamedanische WeltJahrzehnte lang in Athem gehalten, daß die dortigen Kämpfe eine noch bisfast in die Gegenwart hineinreichende sagenhafte Berühmtheit erworben haben,und daß, was die Hauptursache für die Veröffentlichung ist, das rein Kriege-rische und Militärische davon noch hent von vielseitigem Interesse ist.
Die Berichte Rospigliosis, die, wie erwähnt, die archivalische Hanpt-quelle der Studie bilden, liefern werthvolle Beiträge zur Kenntniß der Kriegs-führung des 17. Jahrhunderts namentlich hinsichtlich des Festungskrieges,der ja damals eine so wichtige oft entscheidende Rolle spielte; sie lehrenzugleich die über das Zusammenwirken von Heeren und Flotten geltendenAnschauungen und den Einfluß der Seemacht auf die Ereignisse kennen.Auch die mit einem Koalitionskriege des 17. Jahrhunderts unzertrennlichverbundenen Reibungen und Hemmnisse treten in greller Beleuchtung hervor.
In rein geschichtlicher Hinsicht gestatten die Berichte die Lösung der vielumstrittenen Frage, wer an dem Falle Candias im Herbst 1669 die un-mittelbare Schuld'trägt. Die Venezianer schieben den Französischen Hiilfs-kräften die Verantwortung zu, die Franzosen wiederum den Venezianern.Da nun Rospigliosi 1669 Generalissimus sämmtlicher christlicher Streitkräftein und bei Candia war und in dieser Eigenschaft alle Fäden der Ereignissein der Hand hielt, so läßt sich aus seinen Berichten zum ersten Mal einklarer Einblick in die verwickelten Verhältnisse gewinnen, die bei der Ver-theidigung und dem Falle der Festung geherrscht haben.
Die Schilderung der Unternehmungen auf Türkischer Seite mußte sichauf die wichtigsten Thatsachen beschränken, denn eine Geschichtsschreibung derTürken über den Krieg um Candia giebt es nicht, diejenige ihrer Gegneraber ist in dieser Beziehung einseitig und parteiisch.
*) Siehe Fußnote auf Seite III.