112 Lieber die menfchlielie Natur.
wenn eine folche Linie eine gerade, eine Flächeeine ebene Fläche fey; fondern wir können überallkeinen Begriff von jener Proportion oder diefen Fi-guren erlangen, der feft und unveränderlich wäre.Wir muffen ftets an das fchwache und trügliche Ur-theil appelliren, rvelches fich auf die finnliche Vor-ftellung der Objekte ftiitzt, und welches tvir nacheinem Konipaffe oder gemeinen Maafse berichtigethaben; und nehmen Avir noch eine vollkommnereVerbefferung an, fo ift eine folche entAveder unnützoder nur eingebildet. Umfonft Avürden Avir untreZuflucht zu dem Gemeinorte nehmen, und eineGottheit .ins Spiel bringen, deren Allmacht fie fä-hig machte, eine vollkommene geometrifche Figurzu zeichnen, und eine gerade Linie ohne Krüm-mung oder Biegung zu befchreiben. Denn da dasletzte Richtmaas für diefe Figuren immer nur inden Sinnen und der Einbildungskraft gefucht wer-den mufs, fo ift es ungereimt, von einer Vollkom-menheit zu fprechen, die fo hoch ift, dafs diefeFähigkeiten gar nicht darüber entfcheiclen können;da die Avahre Vollkommenheit eines Dings docheben in der Uebereinftimmung mit feinem höchftenMufter befteht.
Wenn nun aber diefe Begriffe fo fchwankendund ungewifs find, fo Avercle ich einen Mathemati-ker umfonft fragen, Avorauf (ich denn feine untrüg-liche GeAvifsheit nicht nur der venvickeltften unddunkelften Sätze feiner Wiffenfchaft ftütze, fon-dern felblt die Gewifsheit feiner allgemeinften und
alltäg-