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Fellenberg.
auf einen fremden Standpunct zu versetzen, in seinen Reden leicht polternd und sichüberstürzend eignete er sich zu nichts weniger als zum Vorsitzenden einer parlamentarischenVersammlung und zum Leiter parlamentarischer Debatten. Uebrigens behielt Fellenbergbis zu seiner letzten kurzen Krankheit, welche den 21 . November 1844 im 74 . Lebens-jahre seinen Tod herbeifiihrte, seine geistige Kraft und rastlose Thätigkeit so wie seinekörperliche Rüstigkeit vollkommen bei. Bis in seine letzten Tage verfolgte er unermüdlichseine Zwecke und entwarf neue Plane, wie er auch immer noch mit starker Stimme seineBefehle ertheilte, gemessen und kräftig einher schritt und aufrecht und fest zu Pferde saß.Er war von mittlerer Größe, kräftig aber etwas hager gebaut. Seine hohe Stirne,seine Adlernase, sein feiner Mund gaben ihm ein interessantes Profil. In der Unter-haltung mit ihm fühlte man sich unwillkürlich befangen. Das Deutsche sprach er reinmit stark schweizerischem Accent, gegen Untergeordnete bediente er sich stets des BernerDialects. Das Französische war ihm schriftlich und mündlich ganz geläufig. Seine Klei-dung war die der Zöglinge der wissenschaftlichen Anstalt, welche auch Wehrli trug, einmittelblauer Nock mit gleichfarbiger langer Hose.
Fellenbergs Verdienste liegen freilich nicht auf dem Gebiete der Politik; sie liegenauf dem Gebiete der Landwirthschaft und, womit wir es hier zu thun haben, der Päda-gogik. Nicht als wäre er selbst ein großer Pädagoge gewesen, oder als hätte er neuepädagogische Ideen in Umlauf gesetzt. Die Ideen waren gegeben. Fellenberg hat sieins Leben eingeführt; sein Verdienst ist, daß er der „Stifter von Hofwyl"war, wie er sich gerne nannte, in Hofwyl ein pädagogisches Gemeinwesengründete von einer Ausdehnung, einem Ruf und einer Bedeutung,wie die Geschichte kein anderes Beispiel ihm au die Seite stellenkann. Das den geistigen Bestrebungen der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuGrunde liegende Bewußtsein von den Ungeheuern Fortschritten des menschlichen Geistes,von der hohen Vollkommenheit und Fürtrefflichkeit der menschlichen Natur mußte bei derAnschauung der tiefen Verkommenheit und Verwahrlosung der niederen Volksclassen undder sittlichen Entartung der höchsten Kreise der Gesellschaft in edleren Naturen die IdeeHervorrufen, diesem Verderben auf dein Wege der Belehrung und Erziehung (vgl. denArt. Aufklärung) und durch Zurückgehen auf die angeblich unverdorbene Natur desMenschen (Rousseau) abzuhelfen, und wo dieses ideale Streben noch durch ein feurigesTemperament und einen kräftigen Willen unterstützt wurde, da legte man rasch Handms Werk und suchte sogar durch beschleunigte Hülfsleistung dein Verderben zu steuern.In diesen Bemerkungen liegt der Schlüssel zu Fellenbergs pädagogischer Thätigkeit. Eswar einem späteren weniger begeisterten aber tiefer in sich selbst blickenden ZeitalterVorbehalten, das Einseitige auszugleichen, welches in dieser keineswegs unchristlichen, nochweniger irreligiösen Richtung lag. Fellenbergs Christenthum war allerdings ein anderesals das unserer Tage. Er theilte die rationalistischen Anschauungen seiner Zeit, worinübrigens einzelne hervorragende, für den Gang der Erziehung einflußreiche Glieder seinerFamilie von ihm abwichen; aber der Geist seiner Erziehung wollte ein christlich religiösersein. Die Hebungen christlicher Frömmigkeit waren ihm theuer und wurden ernst undstrenge im engern und weiteren Kreise der Familie Hofwyl beobachtet. Es war ihmvon höchstem Werth, Männern von entschieden christlicher Gesinnung, mochte ihre Dog-matik auch von der seinigen weit abweichen, die Seelsorge an seinen Instituten an-zuvertrauen. In unseren Tagen weiß man, daß auch in der Pädagogik der eine Satzvon dem Ebenbilde Gottes in dem Menschen nicht von dein andern getrennt werdendarf, welcher die Unzulänglichkeit, die Sünde und das daraus hervorgehende Verderbendes menschlichen Wesens behauptet. Wenn die Pädagogik unserer Tage den letzterenSatz mit den: ersteren in Verbindung setzt und auf dem Grunde einer Verinnerlichungdes Menschen und einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit dem heiligen und gerechtenGott durch die Versicherung der göttlichen Gnade und des Friedens mit Gott in Christod ie „Verch ristlichung, Versittlichung, Vermenschlichung des Geschlechts") herbeiführeu*) Fellenberg'sche Ausdrücke.