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Deutsches Reich.
leugnen, wer den tiefsten Grund der Kraft und Innigkeit des deutschen Gemüthslebensnicht kennt, und auch vergißt, was Deutschland dem protestantischen Geist der Refor-mation verdankt, und daß der Grundbegriff des xrotssts-ri nicht die Negation, sonderndas positive Bekenntnis zur Wahrheit ist. Wie es ein verderblicher Jrrthum seinwürde, wollte man sich bei der politischen Gesetzgebung auf volkswirthschaftliche undfinanzielle Interessen beschränken, so kann bei neu herzustellendeu und zu befestigendenOrdnungen der Erziehung und Bildung des Volks einem so mächtigen Factor wiedie Religion es ist die volle Würdigung nur zum Schaden des Volks versagt werden.
Der noch fortdauernde Streit unter den höheren Schulen selbst, je nachdem sieder gymnasialen oder der realistischen Richtung angehören, kann für ein Uebel nichtangesehen werden, wenn er ein neidloser und nicht auf Kosten der Schuljugend geführterWettstreit ist zur Erprobung der gegenseitigen Leistungsfähigkeit. Die von Gegnernder Realschulen erhobene Forderung, höhere Lehranstalten nur für eine alle praktischenInteressen ausschließende wissenschaftliche Beschäftigung zum Bildungszweck „reinerMenschlichkeit" einzurichten, oder jeden, der eine höhere Bildung erstrebt, zu nöthigen,ein Gymnasium zu besuchen^ wird die Realschulen nicht aus der Welt schaffen. DieWirklichkeit des Lebens und die Macht der Bedürfnisse, der Neigungen und der Vor-urteile sind stärker als die Theorien; und daß die Schulverwaltung sich nur durchtheoretische Erwägungen bestimmen lassen solle, wird niemand verlangen oder erwarten,der die Bedingungen ihrer Wirksamkeit kennt. — Wollte man mit Beseitigung derRealschule, die jetzt ihre Stelle zwischen dem Gymnasium und der Fachschule hat, dasGymnasium zur ausschließlichen wissenschaftlichen Vorbereitungsschule machen, so würdediese Lücke sehr bald fühlbar sein und von den jetzigen Realschülern eine größere Zahlden Fachschulen als den Gymnasien zugeführt werden. Die Behauptung, daß durchdie jetzigen zwei nebeneinander laufenden Wege höherer Schulbildung ein unheilbarerRiß in die allgemeine Bildung der Nation gekommen sei, bedarf keiner Widerlegung.
-— Viel wichtiger ist es, daß die Fragen, welche sowohl den Gymnasien wie den Real-schulen bei der Ausführung ihrer Lehrpläne und bei ihrer ganzen Thätigkeit zu schaffenmachen, nach gesunden pädagogischen und didaktischen Principien und auf Grundtatsächlicher Erfahrungen weiter zum Austrag gebracht werden als es bis jetzt ge-schehen ist.
Ein allgemeines Bedürfnis der höheren Unterrichtsanstalten ist die Vereinfachungdes Lehrplans. Bei den Realschulen wird, wie leicht erklärlich, eine größere Anhäufungdes Lehr- und Lernstoffs angetroffen als bei den Gymnasien; am stärksten aber tritt siebei den technischen Anstalten hervor, die (z. B. in Norddeutschland die neu organisirtenGewerbe- und die Landwirthschaftsschulen) zugleich die wichtigsten Gegenstände allge-meiner Bildung in ihren Lehrplan ausgenommen haben. Wie die Verhältnisse desöffentlichen Lebens geworden sind und die Wissenschaften sich entwickelt haben, sind all-mählich die Grenzen eines einfachen, dem Jugendalter angemessenen Lehrplans fast'allenthalben überschritten worden; die oberste Schulleitung ist — es muß wiederholtwerden — in keinem Lande so unabhängig, daß sie die von anderen Behörden undvoin Publicum erhobenen Ansprüche ignoriren und lediglich nach den Grundsätzen einerrationellen Pädagogik verfahren könnte. So ist in Hoffnung, daß das Einverständnisder Lehrer und ihre methodische Kunst der erschwerten Aufgabe gewachsen sein werde,nach und nach eine Vermehrung der Lehrgegenstände versuchsweise zugelassen worden.Aber nachtheilige Folgen sind nicht ausgeblieben; dazu gehört auch die oft beklagteUeberbürdung der Schüler. Die Verordnungen dagegen werden den beabsichtigten Zweckerst dann erreichen können, wenn es gelingt, den Lehrplan selbst einzuschränken.
Wie das geschehen soll oder kann, gehört eben auch zu den Problemen der Zeit;und die Schwierigkeit der Entschließung wird in diesem Falle dadurch erhöht, daß überden Werth der verschiedenen Bildungsmittel weit divergirende Ansichten zahlreiche undberedte Vertreter haben. Von einigen wird unbedenklich behauptet, daß die altenSprachen der Welt ihre Dienste geleistet, und daß cs endlich Zeit sei, daß sie das
Dädag. Encyklopädie II. S. Ausl. 3