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Südamerica.
den von den Chiguitosindiancrn heutzutage sehr dünn bewohnten Provinzen findet maneinige Missionsdörfer; schöne Kirchen und alte Schulgebäude bezeugen den gedeihlichenZustand, welchen die Jesuiten kurz vor der Aufhebung des Ordens hier erzielt hatten.Die Missionen unter den Moros sind längst zerfallen, die meisten dieser Indianer lebenzerstreut in kleinen Haciendas, d. h. sie sind so ziemlich zu ihrer primitiven Lebensweisezurückgckehrt.
Die kleinen Städte des Departements von Santa Cruz zeigen eine cigcuthümlicheund nicht minder bedeutsame Erscheinung: es kommt hier im Durchschnitt kaum 1 Mannauf 15 Weiber. Diese Anomalie rührt von zweierlei Umständen her: einerseits ist esin den Bürgerkriegen vielfach vorgekommcn, baß die Besiegten ohne Erbarmen nicder-geschossen wurden; andererseits haben viele Männer die Gewohnheit angenommen, alsHagestolze auf entlegenen Farmen mitten unter den Indianern und nach deren Weisezu leben. Die Sitten haben natürlich unter einem so ungewöhnlichen Stande derDinge gelitten: ein eigentliches Familienleben eristirt da sozusagen nicht mehr;Liebeshändcl und wilde Ausschweifungen ersticken wie Schlingpflanzen den Baum derCivilisation, und das schließlich«: Ergebnis ist physische Erschlaffung wie sittliche Ent-artung: die Folge davon aber ist eine merkliche Abnahme der Bevölkerung.
IX. Chile. Hier können unsere Blicke bei weniger betrübenden Bildern verweilen.„Es eristirt irgendwo ein bescheidener, stiller Freistaat, der in den Handelscomptoirsder bedeutendsten europäischen Länder besser gekannt ist als bei dem höhcrn und nicdcrnPublicum der alten Welt: ein Staat, der in Wahrheit ein 4000 Stunden weit ineine andere Hemisphäre verpflanztes Stück Europa darstellt, der durch seine freisinnigenEinrichtungen, seine Liebe zur gesetzlichen Ordnung, sein gleichmäßiges Vorgehen aufder Bahn des Fortschritts, seine großen territorialen Hülfsquellen, seine bedeutendeHandelstätigkeit, und einen andauernden Frieden, dessen Werth er zu schätzen weiß,in der That eine Ausnahmsstcllung eiunimmt gegenüber den andern Nationalitäten,welche den gleichen Ursprung haben: — dieser Staat ist Chile."*) Man kann zu-geben, daß der patriotische Schriftsteller, welcher das geschrieben hat, die Dinge wohlbis zu einem gcwißcn Grade durch das Prisma seiner Vorliebe für seine Heimat sieht,allein cs ist auch unbestreitbar, daß die Republik Chile, der Verfassung getreu an-hängcnd, welche sie sich im I. 1833 gegeben hat, seit dieser Zeit einen immer mehrhervortretenden Contrast darstcllt gegen ihre Nachbarrepubliken. Schon die Thatsache,daß unter allen spanisch-americanischen Staaten Chile der einzige ist, welcher eineregelrechte, nach einem rationellen Plan redigirte Statistik besitzt, ist ein Beweis seinerhöheren Stellung. Indem man in dieser Statistik die verschiedenen Zweige des Staats-dienstes der Reihe nach studirt, gewinnt man die Ueberzeugung, daß überall Ordnung,geistiger und sittlicher Fortschritt und fortwährende Zunahme des materiellen Wohl-standes zu Tage tritt. Es ist am Platze hiebei zu bemerken, daß die Weiße Race inChile dominirt und der kaukasische Typus selbst bei den farbigen Leuten vorherrscht.Andererseits ist die Ausdehnung der Küstenlinie eine sehr beträchtliche, was von hoherWichtigkeit ist; das Klima im ganzen ist gemäßigt, durchaus nicht ungesund; das Landist reichlich bewässert, mehrere Flüsse sind schiffbar, andere sind schwer passirbare Gebirgs-bäche — giftige Thicre sind selten, dagegen haben sich die europäischen Säugcthierevollkommen acclimatisirt und so sehr vermehrt, daß sie in einigen Gegenden verwildertVorkommen; Gewächse aller Art, zumal Futtcrkräuter, sind im Ueberflusse und in er-staunlicher Mannigfaltigkeit vorhanden; die Gctreidearten gedeihen wunderbar; die Steiu-kohlcngruben, werthvoller als Goldminen, bieten unerschöpfliche Ausbeute; mit einemWort, Chile scheint von der Natur zum Wohnplatz einer arbeitsamen, friedliebendenBevölkerung bestimmt zu sein. So geartet waren die Chilenen auch schon vor 1810
*) Lssai sur Is Oliili xar V. keren-Rosales p. XtV.