Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
554
Einzelbild herunterladen
 

554

Ungerathenc Kinder.

in einen: vorgezeichnetcn Kreise, Sommers langsamer, Winters im Hundctrab, „einjammervoll-lächerlicher Anblick!" — In den andern Gefängnissen Londons leben stetsunter etwa 12,000 Vcrbrechcrinncn durchschnittlich 800 jugendliche unter 17 Jahren.Auch diese sitzen in langen Reihen, in Strafuniform, Oakum zupfend, Stroh flechtend,strickend; nichts hörbar, als das Knittern und Klirren der Nadeln! — Und warum hier?Im Tothillgcfängnis waren von 9000 während 1851—1855 bestraften Kindern 6000für kleine Vergehen und Unarten eingesteckt, 3000 wegen Stcinwcrfens, Ziehens anKlingeln, Skandals auf Straßen und anderer Flegeleien oder kindischer Roheiten. Tie mei-sten Knaben kommen, wenn einmal hier gewesen, wieder, 3 bis 20 mal, und enden meistin Strafanstalten für Erwachsene. Die grauen Sträflingskleider numcrirt man mit derZahl der wiederholten Einspcrrung. Ein Junge mit Nr. 14 am Arm wird gefragt, ober, wenn er entlasten werde, wieder, statt zu seinen Eltern, zur Schlafstelle gehen undstehlen werde? Ganz einfach erwiderte er: „Ja, natürlich, was sonst?" Dabei zeigteer mit stolzem Lächeln auf seine Numer: „Vierzehnmal hier gewesen, 4 mal 3 Mo-nate, dann 1 mal 14 Tage, dann wieder manchmal 2 Monate und so und so vielMonate — weiß nicht!" (Knnmsrat milss vnlnoru). Manches noch nicht 17 Jahrealte Mädchen antwortet auf die Frage: „Warum hier?" mit der Miene der altenGarde: „Ltrsnts, 8ir!" (feile Preisgebung). Tie gewöhnlichen sittlichen Begriffe findensich in den Regionen, aus denen diese Kinder meistens kommen, geradezu umgekehrt.Die Schande wird ihnen zur Ehre (Phil. 3, 19: ^ «-vrmv). Sind

solche Corrcctions- d. h. Verbesserungshäuscr nicht wahre Verböscrungsanstalten? —Mayhcw leitet mit Rücksicht auf diese gänzliche Verkehrung des Ehr- und Tugenbbegriffsdiese Zustände nicht sowohl aus Armut oder Volksdichtigkeit oder Mangel an Bildungoder an Religion oder von Theurung re. ab, sondern von einer gewitzen Verachtung derArbeit und des ehrlichen Gewinns als einer niederen, des freien Mannes unwürdigenBeschäftigung und sieht darin Ueberreste eines romantisch beleuchteten Raubrittcrthuinsoder Zigeunerwesens. In den Augen der englischen Verbrecherwelt sind die arbeitendenLeute die bllnts (Flach- und Dummköpfe), und die stehlenden die Llmrps (scharfsinnige,gebildete und höher stehende Wesen), lind diese romantische Verherrlichung der Tag-und anderer Diebe dürfte schwerlich ein Privilegium der englischen Verbrecher sein.Wir erinnern uns aus unserer Jugend noch einer Räuberbande im bayrischen Ober-franken, die mit der Devise prahlte:

„Wir sind unser dreißig,

Bei der Nacht sind wir fleißig,

Bei Tag sind wir im Wirthöhaus

Und lachen die fleißigen Leut aus." —

Mit Recht sagt Mayhcw: „Wie schlechte Luft und Rinnsteine und faule PfützenCholera und andere ansteckende Krankheiten erzeugen, so liegt auch in unseren socialenVerhältnissen eine Kraft moralischer Pesterzeugung und Verbrechcrnahrung." In solchenVerbrecherregivnen, wie sie auch andere große Städte außer London bieten, finden sichdie ungerathcnen von Gott und Kirche und Obrigkeit sich emancipirenden Kinder zu-sammen, von Geschlecht zu Geschlecht sich fortzengcnd; sie organisiren sich mehr undmehr nach den wahrheitschillcrnden, aber im Grunde aller Wahrheit Hohn sprechendenTheorieen des Communismus in immer weiter sich ausbreitcndcn Verbindungen, welche nichtbloß Europa, sondern die ganze Erde zu umspannen suchen, und haben bereits mitRecht die ernste Aufmerksamkeit der Regierungen wie aller Freunde der Ordnung aufsich gezogen. Hier liegt für Staat und Kirche eine Aufgabe von riesiger Wucht undAusdehnung vor. Der Staat wird sie auch mit den zweckmäßigsten Gesetzen alleinnicht zu lösen vermögen; es fehlen ihm zur Behandlung der ins innerste Leben reichendenDinge meistens schon die geeigneten Werkzeuge, wenn er auch das Verständnis von demtieferen Grunde des in widergesetzlichen Werken heraustretendcn Verderbens hätte. Seine