688 Sardinische
Einigkeit zwischen Kammern n. Regiernng mußteCavonr im No», die Kammern auflösen. Die neu-gewählten, namentlich auch der Senat, zeigten sichgefügiger. Ausfälligerweise trat 19. Dec.-1853 derKönig plötzlich bei Eröffnung der Kammern mit derAufforderung zum Vertrauen gegen die Krone her-vor, um eng vereinigt das große Werk zu vollenden,welches Karl Albert ins Leben gerufen habe n. wel-ches er selbst vertheidigen u. erhalten werde. Dabeiaber beschrankte sich die Thätigkeit der Kammern nurans finanzielle n. Fragen der inneren Verwaltung,n. in dieser war es bes. die Einrichtung des neuenGerichtswesens u. Gründung vonHypothekenbanken.Die Kammer von 1854/55 verhandelte über den Ge-setzentwurf über Aushebung der religiösen Körper-schaften u. das Bündniß Sardiniens mit England u.Frankreich u. nahm Beides an. In diesem, EndeOct. 1854 zu Stande gekommenen Bllndnißvertragezur Theilnahme am Kriege gegen Rußland verpflich-tete sich der König, 26. Jan. 1855 ein sardinischesHilfscorps von 15,000 Mann unter einem sardini-schen General aus eigene Kosten zu stellen, wogegendie englische Negierung für das Jahr 1855 der sar-dinischen ein niit 4"/» zu verzinsendes Darlehn vonI Will. Psd. Stcrl. gewährte n. im I. 1856 einegleiche Summe vorznstrccken versprach, wenn dannder Krieg noch nicht beendigt wäre. In der zweitenWocheAprils 1855 wurden die sardinischcnTruppenans Kosten Englands nach der Krim hinübergesührt,wo sie in der 1. Halste Mais anlangten n. in einerStärke von 17—18,000Mann fortwährend bis znmFrühjahr 1856 erhalten wurden.
Indessen kam es durch Aufhebung der religiösenKörperschaften im Mai 1855, nachdem die diplo-matischen Beziehungen mit Rom bereits längst ge-stört waren, zum förmlichen Bruche mit Nom und25. Juli 1855 verhängte der Papst, ohne Namenzu nennen, den großen Kirchenbann über alle, diebei jener Maßregel sich betheiligt. Jedoch wurdediese Maßregel weder der sardinischen Geistlichkeitamtlich von der päpstlichen Regierung mitgetheilt,noch in den Kirchen veröffentlicht. Im Nov. 1855machte der König, vom Grafen Cavonr begleitet,eine Reise nach Paris n. London gerade zu der Zeit,als zwischen England, Frankreich u. Österreich dieVerhandlungen über die letzten Friedensbedingnngenschwebten, welche man aber der sardinischen Regier-ung erst nach ihrer Feststellung mittheilte. Erwünschtkonnte die Fortsetzung des Krieges Sardinien nursein, wenn Österreich für Rußland sich erklärte, inwelchem Falle Erwerbungen in Italien ans Öster-reichs Kosten nicht außer dem Bereich der Möglich-keit gelegen hätten; aber der enge Anschluß Oester-reichs an dis Westmächte mußte jede Hoffnung derArt vernichten. Es wurde sogar nicht einmal einsardinischer Bevollmächtigter zugezogen, als die Ver-treter Rußlands, Österreichs, Englands, Frankreichsn. der Türkei 1 . Febr. 1856 das Protokoll über An-nahme der Friedensbedingnngen von Seiten Ruß-lands in Wien Unterzeichneten. Auf den PariserFriedensconserenzenjv. 25. Febr. bis 16. April 1856)war jedoch Sardinien durch den MinisterpräsidentenGrafen Cavonr u. durch den sardinischen Gesandtenin Paris, Marquis von Villamarina, vertreten (s.Italien, Gesch., S. 74). Nicht zufrieden mit den hiervom Zaun gebrochenen, die italienische Frage bctr.
Monarchie.
Beschlüssen der Pariser Conserenz, erließ Cavonr 16.April 1856 eineneneNote, worin über die Gefahr ge-klagt wurde, in welche Sardinien durch den über-wiegenden Einfluß Österreichs in Italien versetztwerde, Sardinien als der einzig italienische Staat be-zeichnet, welcher sowol der österreichischen Übermacht,als dem revolutionären Geiste, Schranken setzenkönnte, n. daran die Hoffnung geknüpft wurde, daßEngland u. Frankreich die üble Lage Italiens in ernsteErwägung ziehen n.mit Sardinien über die Anwend-ung von Heilmitteln sich verständigen würden. Nochrücksichtsloser sprach sich Cavonr in der Deputirten«kammer im Mai ans: die österreichischen u. sardini-schen Bevollmächtigten wären ans der Conserenz mitder festen Überzeugung von einander geschieden, daßdie Politik beider Länder mehr als je von einer An-nähermig entfernt sei; die Lage sei nicht ohne Ge-fahr; das Hanptresnltat aber sei, daß die italienischeFrage von jetzt an ans der europäischen Tagesord-nung bleibe. Die österreichische Regiernng erklärtedagegen in einem Rundschreiben an die italienischenRegierungen, daß die sardinische Regiernng kein Rechthabe, im Namen ganz Italiens zu sprechen. Ob-gleich die von England n. Frankreich ans die Notevom 18. April ertheilten Antworten nicht zur Fort-setzung eines Streites mit Österreich ermuthigenkonnten, so wies doch ein königl. Decret v. 12. Julieinen Credit von 1 Will. Franken zur BefestigungAlessandrias an, um gegen die von Österreich be-wirkte Befestigung Piacenzas Front zu machen,während dieses auf die Verstärkung von Piacenza u.des linken Ponfers sich beschränkte. Der Kaiser vonÖsterreich beseitigte die Veranlassung diesesZerwürf-nisses, indem er auf einer Reise nach Venedig, wo ihnVictorEmanueldnrcheinenAdjutantenbegrüßenließ,2. Dec. 1856 die Sequestration aller Güter politi-scher italienischer Flüchtlinge ohne Ausnahme anshob.
Bei Beginn des Landtags von 1857 (7. Jan.)hob der König in der Thronrede wieder hervor, wieznm ersten Mal dieJnteressen von einer italienischenMacht auf einem europäischen Congrcsse vertretenworden seien, um aufs Klarste die NothwendigkeiteinerVerbesserungderpolitischenLageJtaliensdarzn-thnn, u. die in den Beziehungen zwischen Sardinienu. Österreich obwaltende Spannung trat immer mehrhervor: den Kundgebungen der Presse für die Frei-heit Italiens u. gegen Österreich wurde freieste Handgelassen. Die Kammern bewilligten wieder 5 Mill.Frcs. zur Befestigung Alessandrias. Nach einerneuen Rede Cavonrs in den Kammern über die Be-festigung Alessandrias erhielt die österreich. Gesandt-schaft von ihrer Regiernng den Befehl, Sardinien zuverlassen u. die preußische Gesandtschaft zu Turinübernahm die Leitung.ihrer laufenden Geschäfte(23. März). In Übereinstimmung mit den Kam-mern schuf die Negierung eine Art Landwehr u. ver-mehrte die Reserve, weil die Umstände eine Erhöh-ung der Wehrkraft des Landes erheischten. In derGesetzgebung herrschte reges Leben; die Kammernbeschlossen die Durchstechung des Mont Cenis ansKosten des Staates u. die Aushebung der Wncher-gcsetze n. Feststellung von Zinsen auf Darlehen aufGrund freienUebereinkommens. Infolge des Kloster-gesetzes waren schon in der ersten Hälfte des Jahres1857 330 Mönchs- u. 78 Nonnenklöster mit 4063
Mönchen n.1426Nonnen aufgehoben worden, welche