D.Lit. 16121 Rara whit eigenhändigen Namensing von G. W. Fr. Hegel, der von 1808-18ль Rektor 1. Marnberga Gymarums war Erstausgabe +4055 496 01 Nicht ausleihbar Macte pour virtute! Preisbuch fier Endw. Fried Will. Aug. Seebeck Schüler der Oberprimairclaffe I'm Studienjahr 1846 Kön. Gymnafil Rectoral Nämberg den 29 Aug. 1816. Hegel ། ། ཀ ཙཎྜི, ཀེ, ། བྷབྷསཾ 1:|: ཀྱི ན ་ 3.3 ང་ 8 བཛཊ་ པའོ །2, ཀ ॰ ་ Scha z k å st lein des rheinischen Hausfreundes, I. P. Hebel. Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung I 8 I I. Vorred C. Die Veranlassung zur Herausgabe dieses Buchleins muß seinen Titel rechtfertigen, und der Tis tel die Herausgabe. Der Verfasser hat nemlich seit vier Jahren die Lesestücke des Vadischen Landcas lenders, genannt der rheinländische Hauss freund, geliefert, und die Cottaische Buchhands lung in Tübingen hegte die gute Meinung, es wäre schade, wenn die besten Aufsäße darinn, innerhalb des Marktkreises des Calenders und mit dem nemlichen Jahr, wofür sie geschrieben sind, wieder untergehen sollten, und druckt sie daher für ein eis genes Büchlein, samt den mittelmäßigen ab, damit sich jene besser herausheben. Der geneigte Leser wird sich gefällig erinnern, mehrere der eingebrachten Erzählungen und Anekdoten anderswo auch schon gehört oder gelesen zu haben, wäre es auch nur im Bademekum, von welcher Almende oder Gemeinwiese sie der Verfasser zum Theil selber gepflückt hat. Doch ließ ers nicht beym blosen Abschreiben bewenden, sondern bemühte sich, diesen Kindern des Scherzes und der Borrede. Laune auch ein nettes und lustiges Rocklein umzuhängen, und wenn sie darinn dem Publikum wohlgefallen, so ist ihm ein schöner Wunsch gelungen, und er macht auf die Kinder selbst keine weiteren Ansprüche. seinem Uebrigens, sagt die Verlagshandlung, findet sich das Beste nicht sogleich am Anfang, sondern in der Mitte, und wie an einem Ballen Tuch am Ballen Ende des Büchleins, von welchem auch das lehte Muster im Morgenblatt abgeschnitten ist. Sie rechnete auf viele Leser, die, wie die Bekenner des mosaischen Gesezes, dort zu lesen anfangen, we endere aufhören. 1190 dedemanded as bi Inhalt. Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude. Die Erde und die Sonne. Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande. Erstes Rechnungserempel. Von den Processionsraupen. Fortsetzung über die Erde und Sonne. Seite I 2 8 10 II 13 22 Zwey Gehülfen des Hausfreundes. Des Adjunkts Standrede im Gemüßgarten seiner Schwiegermutter. Von den Schlangen. Geiz und Verschwendung. Kindesdank und Undank. Das wohlfeile Mittagessen. · 333 25 30 37 37 4° Auflösung des ersten Rechnungserempels und ein zweites. 41 Mancherley Regen. Auflösung des zweiten Rechnungserempels. Drittes und viertes Rechnungserempel. 42 49 50 Müßliche Lehren. 5I Guter Rath. 54 Das Mittagessen im Hof. 57 Der kluge Richter. 58 Der Mensch in Kälte und Hike. 60 Der schlaue Husar. 64 Sommerlied. Der Maulwurf. Der Zahnarzt. 66 68 71 Nüßliche Lehren. Der Mond. Auflösung des 3ten und 4ten Mechnungserempels. Sweo Erzählungen. 74 76 83 84 Müzliche Lehren. 86 Die Spinnen. 89 Die Planeten. 93 Des wohlbezahlte Gespenst. 99 VI Inhalt. Seite Der vorsichtige Träumer. 102 Müßliche Lehren. 103 Mißverstand. 104 Die Eideren.. 104 Unglück der Stadt Leiden. 108 Fliegende Fische. IIo Schlechter Gewinn. Der wohlbezahlte Spaßvogel. Eine sonderbare Wirthszeche. 112 113 114 Seltsamer Spaziertitt. Drey Wünsche. . 116 117 Eine merkwürdige Abbitte. Der große Sanhedrin zu Paris. Der schlaue Pilgrim. Untreue schlägt den eigenen Herrn. Jakob Humbel. 120 122 126 128 131 Franz Ignaz Naroci.. 135 Der Wegweiser. 137 Brodlose Kunst. 139 Glück und Unglück. 140 Abendlied.. 142 Der Commandant und die Jäger in Hersfeld. 143 Pieve.. 144 Die Planeten. Fortseßung. 148 Ranvitverstan. 154. Schlechter Lohn. 158 Der kann Deutsch. 158 Der Frembling in Memel. 159 Das seltsame Necept 161 Einfältiger Mensch in Mayland. 161 Der Barbierjunge in Segringen. 162 Merkwürdige Gespenster- Geschichte. Gute Antwort. 164 169 Drey andere Wünsche. 170 Der Husar in Neisse. 171 as in einer großen S.adt drauf geht. 174 Inhalt. VII Seite Ein Wort giebt das andere. 175 Moses Mendelsohn. 176 Ein theurer Kopf und ein wohlfeiler. 177 Theure Eyer. 178 Die drey Diebe. 178 Suwarow. 182 Klein und Groß. 183 Hohes Alter. 185 Kayser Napoleon und die Obstfrau in Brienne. 186 Das Bombardement von Koppenhagen. 188 Fürchterlicher Kampf eines Menschen mit einem Wolf. 192 Unglück in Koppenhagen. 194 Merkwürdige Schicksale eines jungen Englanders.. 195 Der unschuldig Gehenkte. 200 Der Rekrut. 202 Böser Markt. 202 Die Cometen. 205 Der silberne Löffel. Einträglicher Rötzelhandel. Des Seilers Antwort. Der gebeilte Patient. 2II 213 217 218 Wie der Bundel Frieder und sein Bruder dem rothen Dies ter abermal einen Streich spielen. 221 Der Kluge Sultan. 223 Wie man aus Barmherzigkeit rasirt wird. 225 Der Zirkelschmied. 225 Heimliche Enthauptung. 227 Der Staar von Segringen. 230 Wie man in den Wald schreit, so schreit es heraus. 232 Die falsche Schäßung. 233 Das letzte Wort. 234 Gutes Wort, böse That. 235 Der geduldige Mann. 236 Der schlaue Mann. 237 Der Heiner und der Brassenheimer Müller. 238 Der falsche Edelstein. 34° VIII Inhalt. Seite Das schlaue Mädchen. 243 Ein gutes Rezept. 244 Bereitelte Rachsucht. 246 Schreckliche Unglücksfälle in der Schweiß. 249 Wie eine gráuliche Geschichte durch einen gemeinen Mez gerhund ist an das Tageslicht gebracht worden. 254 Die Firsterne.. 256 Seltsame Ehescheidung. 261 Der liftige Stepermarker. +262 Etwas aus der Türkey. 264 Das bequeme Schilderhaus. 265 Wie der Sundel- Frieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Gränzen kam. 266 Die leichteste Todesstrafe. 268 Nüßliche Lehren. 269 Die Firsterne. Fortseßung. 271 Die Bekehrung. 275 Der fremde Herr. 277 Theures Späßlein. 279 Der General Feldmarschall Suwarow. 280 Die zwei Postillione. 282 Der betrogene Kramer. 284 Mettung einer Officiersfrau. 286 Baumzucht. 288 Unverhoftes Wiedersehen. 292 Andreas Hofer. 294 Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude. Dem geneigten Leser, wenn er zwischen seinen bes kannten Bergen und Bäumen daheim sizt bey den Seis nigen, oder bey einem Schöpplein im Adler, so ist's ihm wohl, und er denkt just nicht weiter. Wenn aber früh die Sonne in ihrer stillen Herrlichkeit aufgeht, so weiß er nicht, wo sie herkommt, und wenn sie Abends untergeht, weiß er nicht, wo sie hinzieht, und wo sie die Nacht hindurch ihr Licht verbirgt, und auf welchem geheimen Fußpfad sie die Berge ihres Aufgangs wieder findet. Oder wenn der Mond einmal bleich und mager, ein andermal rund und voll durch die Nacht spaziert, er weiß wieder nicht, wo das herrührt, und en er in den Himmel voll Sterne hinausschaut, einer blinkt schöner und freudiger als der andere, so meint er, sie seien alle wegen seiner da, und weiß doch nicht recht, was sie wollen. Guter Freund, das ist nicht löblich, daß man so etwas alle Tage sieht, und fragt nie, was es bedeutet. Der Himmel ist eint großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man feis nen Dolmetscher hat. Wer aber einmal in diesem Hebels Schaykäsẞtlein. I Buch lesen kann, in diesem Psalter, und ließt darin, dem wird hernach die Zeit nimmer lang, wenn er schon bei Nacht allein auf der Strasse ist, und wenn ihn die Finsterniß verführen will, etwas Böses zu thun, er fann nimmer. Also will jezt der Hausfreund eine Predigt halten, zuerst über die Erde und über die Sonne, darnach über den Mond, darnach über die Sterne. Die Erde und die Sonne. Nach dem Augenschein und nach dem allgemeinen Glauben wäre die Erde mit allen ihren Bergen und Thälern eine große runde Fläche gleich einer ungeheuer großen Scheibe. Am Rande derselben weiter hinaus kommt nichts mehr, dort ist gleichsam der Himmel an sie angefügt, der wie eine große hohle Halb, kugel über ihr steht und sie bedekt. Dort geht amt Tag die Sonne auf und unter, bald früher, bald später, bald links an einem gewissen bekannten Berg oder Haus, bald rechts, und bringt Tag und Nacht, Sommer und Winter, und bey Nacht den Mond und die Sterne, und sie scheinen nicht gar entsetzlich hoch über unsern Häuptern zu stehen. Das wäre nun alles gut, wenn's niemand besser wüßte, aber wir Sternseher und Kalendermacher wis sen's besser. Denn erstlich, wenn einer daheim weggeht, und will reisen bis an's Ende der Erde, an den Rand, wo man einen aufgehenden Stern mit der Hand weghaschen und in die Tasche steken kann, und er geht am isten April von Hause aus, so hat er den rechten Tag gewählt. Denn er kann reisen, wenn 3 er will durch Deutschland, durch Polen, durch Ruß. land, nach Asien hinein durch die Muhamedaner und Heiden, vom Land auf's Wasser, und vom Wasser wieder auf's Land, und immer weiter. Aber endlich, wenn er ein Pfeifein Tobak einfüllt, und will daran denken, wie lang er schon von den Seinigen weg ist, und wie weit er noch zu reisen hat an's Ende der Ere de und wieder zurük, auf einmal wirds ihm heimlich in seinem Gemüth, es wird nach und nach alles, wie es daheim war, er hört seine Landessprache wieder sprechen, zulezt erblikt er von weitem einen Kirch thurm, den er auch schon gesehen hat, und wenn er auf ihn hingeht, kommt er in ein wohlbekanntes Dorf, und hat nur noch 2 Stunden oder drei, so ist er wieder daheim, und hat das Ende der Erde nie gesehen. Nemlich er reist um die Erde, wie man einen Strich mit Kreide um eine Kugel herumzicht, und kommt zu Tezt wieder auf den alten Flek, von dem er ausgieng. Es sind schon mehr als 20 solcher Reisen um die Erde nach verschiedenen Richtungen gemacht worden. In zwey bis vier Jahren, je nachdem, ist alles geschehen. Ist nicht der englische Seckapitán Cook, in Einem Leben zweymal um die ganze Erde herum gereis't, und von der andern Seite her wieder heimges kommen, aber das drittemal haben ihn die Wilden auf der Insel Owai ein wenig todt geschlagen, und gegessen. Daraus und aus mehrern sicheren Anzeigen erfen nen die Gelehrten folgendes: die Erde ist nicht blos eine ausgebreitete, rund abgeschnittene Fläche, nein fie ist eine ungeheure große Kugel. Weiters: fie bängt und schwebt frei und ohne Unterstüzung, wie 20 seines Orts die Sonne und der Mond, in dem uner. meglichen Naum des Weltalls unten und oben zwis schen lauter himmlischen Sternen. Weiters: sie ist rings um und um, wo sie Land hat, und wo die Hiße oder der bittere Frost es erlaubt, mit Pflanzen ohne Zahl besezt, und von Thieren und vernünftigen Menschen belebt. Man muß nicht glauben, daß auf diese Art ein Theil der Geschöpfe mit dem Kopf abwarts hange, und in Gefahr stehe, von der Erde weg, und in die Luft herab zu fallen. Diß ist lächer lich. Ueberall werden die Körper durch ihre Schwere an die Erde angezogen, und können ihr nicht entlaufen. Ueberall nennt man unten, was man unter den Füßen hat; und oben, was über dem Haupt hinaus ist. Niemand merkt oder kann sagen, daß er unten sey. Alle sind oven, so lang fie die Erde unter den Füßen, und den Himmel voll Licht oder Sterne über dem Haupte haben. Aber der geneigte Leser wird nicht wenig erstau nen, wenn er's zum erstenmal hören sollte, wie groß diese Kugel sey: Denn der Durchmesser der Erde beträgt in grader Linie von einem Vunkt der Oberfläche durch das Centrum hindurch zum andern Punkt, Eintausend sieben hundert und zwanzig deutsche Meilen. Der Umkreis der Kugel aber beträgt fünftausend vierhundert deutsche Meilen. Ihre Oberfläche aber beträgt über neun Millio. nen Meilen in's Gevierte, und davon sind zwey Drita theil Wasser, und Ein Drittheil Land. Jbre ganze Waffe aber beträgt mehr als zweytau662, send, sechs hundert und zwey und sechzig Millionen Meilen im Klaftermaas. Das haben die Gelehrten mit großer Genauigkeit ausgemessen und ausgerechnet, und sprechen davon, wie von einer gemeinen Sache. Aber niemand kann die göttliche Allmacht begreifen, die diese ungeheure große Kugel schwebend in der unsichtbaren Hand trägt, und jedem Pflanzlein darauf seinen Thau und sein Gedeihen giebt, und dem Kindlein, das gebohren wird, einen lebendigen Odem in die Nase. Man rechnet, daß tausend Millionen Menschen zu gleicher Zeit auf der Erde leben, und bey dem lieben Gott in die Kost gehen, ohne das Gethier. Aber es kommt noch besser. Denn zweitens die Sonne, so nahe sie zu seyn scheint, wenn sie früh hinter den Bergen in die frische Morgenluft hinauf schaut, so ist sie doch über zwanzig Millionen Meilen weit von der Erde ents 20,00 fernt. Weil aber eine solche Zahl sich geschwinder aussprechen, als erwägen und ausdenken läßt, so merke: Wenn auf der Sonne eine große scharf geladene Canone stunde, und der Constabler, der hinten steht und sie richtet, zielte auf keinen andern Menschen als auf dich, so dürftest du deswegen in dem nemlichen Augenblick, als sie losgebrannt wird, noch herzhaft anfangen ein neues Haus zu bauen, und könntest darinn essen und trinken und schlafen, oder du könntest ohne Anstand noch geschwinde heirathen, und Kinder erzeugen und ein Handwerk lernen lassen, und sie wies der verheirathen und vielleicht noch Enkel erleben. Denn wenn auch die Kugel in schnurgerader Richtung und immer in gleicher Geschwindigkeit immer fort und fort sloge, so könnte sie doch erst nach Verflus von 25 Jahren von der Sonne hinweg auf der Erde 14 anfangen, so doch eine Canonenkugel einen scharfen Flug hat, und zu einer Weite von 600 Fuß, nicht mehr als den sechzigsten Theil einer Minute bedarf. Daß nun weiters die Sonne auch nicht blos eine glänzende Fensterscheibe des Himmels, sondern wie unser Erdkörper eine schwebende Kugel sey be= greift man schon leichter. Aber wer vermag mit seinen Gedanken ihre Größe zu umfassen, nachdem sie aus einer so entfeßlichen Ferne solche Kraft des Lichts und der Wärme noch auf die Erde ausübt, und alles segnet, was ihr milder Antlig bescheint? Der Durchs messer der Sonne ist 114 mal größer als der Durch messer der Erde. Aber im Körper- Maas betragt ihre Masse anderthalb Millionen mal so viel als die Erde. Wenn sie hohl wäre inwendig, so hätte nicht nur unsere Erde in ihr Raum, auch der Mond, der doch 50,000 Meilen von uns absteht, könnte darinn ohne Anstoß auf und untergehn, wie so, ja er konnte noch einmal so weit von uns entfernt seyn als er ist, und doch ohne Anstoß um die Erde herum spazieren, wenn er wollte. So groß ist die Sonne, und geht aus der nemlichen allmächtigen Hand hervor, die auf der Erde das Magsaamen oder Mohnsamenkornlein in feis ner Schale bildet und zur Reife bringt, eins so uns. begreiflich, wie das andere. Der Hausfreund wenigs stens wüßte keine Wahl, wenn er eine Sonne, oder ein Magsamentoenlein machen müßte mit einem frucht baren Keim darinn. Lange nun glaubten selbst die gelehrtesten Stern, forscher, diese ganze unermeßliche Sonnenmasse sey nichts anders als eine glühende Feuerkugel durch und durch. Nur konnte keiner von ihnen begreifen, wo dieses Feuer seine ewige Nahrung faßt, daß es in tausend und aber tausend Jahren nicht abnimmt, und zu, lezt, wie ein Lämplein verlöscht; denn die gelehrten Leute wissen auch nicht alles, und reiten manchmal auf einem fablen Pferd. Wer alles wissen will, dem ist schlecht zu trauen, sondern er treibt's mit seinen Antworten, wie der Matheis, der das Eis bricht. 6» Hat er feins, macht er eins" nach dem Sprichwort. Deswegen will es nun heut zu Tag den Sternforschern und andern verständigen Leuten scheinen, die Sonne fonne an sich wohl wie unsere Erde ein dunkler und temperirter, ja ein bewohnbarer Weltkörper seyn. Aber wie die Erde ringsum mit erquifender Luft umgeben ist, so umgibt die Sonne ringsum das erfreuliche Licht, und es ist nicht nothwendig, daß dasselbe auf dem Sonnenkörper selbst eine unausstehliche zerstörende Hize verursachen müsse, sondern ihre Strahlen erzeugen die Wärme und Hiße erst, wenn sie sich mit der irdischen Luft vermischen, und ziehen dieselbe gleichsam aus den Körpern hervor. Denn daß die Erde eine große Masse von verborgener Warme in sich selbst hat, und nur auf etwas warten muß, um sie von sich zu geben, das ist daran zu erkennen, dag zwey falte Körper mitten im Winter durch anhal tendes Reiben zuerst in Wärme, hernach in Hiße, und endlich in Glut gebracht werden können. Und wie geht es zu, je weiter man an einem hohen Berg binaufsteigt, und je nåher man der Sonne kommt, daß man immer mehr in die Hände bauchen muß, und zulezt vor Schnee und Eis nimmer weiter kommt, fragen die Naturkundiger, wenn die Sonne ein sprus hendes Feuer seyn soll? 8 Also wäre es wohl möglich, daß sie an sich ein fes fter mit mildem Licht umslossener Weltkörper sey, und daß auf ihr Jahr aus Jahr ein wunderschöne Pfingst blumen blühen und duften, und statt der Menschen fromme Engel dort wohnen, und ist dort, wie im neuen Jerusalem keine Nacht und kein Winter, sondern Tag und zwar ein ewiger freudenvoller Sabbath und hoher Feyertag. Schon Doktor Luther hat ein mal so etwas verlauten lassen, und der gelehrige Leser begreifts ein wenig, aber doch nicht recht. ( Die Fortseßung folgt.) Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande. I, In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohlthat anßlehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein. Die es sahen verdroß es, aber Nies mand konnte errathen, warum der arme Mann den Stein aufbob, und ohne ein Wort zu sagen in die Tasche steckte, und Niemand dachte daran, daß er ihn von nun an so bei sich tragen würde. Aber das that er. Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nemlich er verübte einen Spizbubens streich, und wurde deswegen nicht nur seines Vermos gens verlustig, sondern er mußte auch nach dortiger Sitte zur Schau und Schande, rufwärts, auf ei nen Esel gesezt; durch die Stadt reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem räthselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben auch da, und erkannte seinen Beleidi ger. Jezt fuhr er schnell mit der Hand in die Tafche; jest griff er nach dem Stein; jest hob er ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Bes leidiger zu werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, ließ er ihn wieder fallen, und gieng mit einem bewegten Gesicht davon. Daraus fann man lernen: Erstens man soll im Glück nicht übermüthig, nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen seyn. Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war, und wer dir als Freund nichts nußen kann, der kann vielleicht als Feind dir schaden." Zweitens, man soll seinem Feind feinen Stein in der Tasche, und keine Rache im Her zen nachtragen. Denn als der arme Mann den seis nen auf die Erde fallen ließ und davon gieng, sprach er zu sich selber so: Nache an dem Feind auszuüben, so lange er reich und glücklich war, das war thöricht und gefährlich; ießt wo er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und schändlich." 2. Ein anderer meinte, es sen schön, Gutes zu thun an seinen Freunden, und Böses an seinen Feinden. Aber noch ein anderer erwiederte, das sey schön, an den Freunden Gutes zu thun, und die Feinde zw Freunden zu machen. 3. Es ist doch nicht alles so uneben, was die Mor genlander sagen und thun. Einer, Namens Lockmann, wurde gefragt, wo er 18 feine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: Bei lauter unheßlichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegentheil von dem jenigen gethan, was mir an ihnen nicht gefallen hat. 4. Ein anderer entdeckte seinem Freund das Geheimniß, durch dessen Kraft er mit den zanksüchtigen Leuten immer im guten Frieden ausgekommen sey. Er fagte so: Ein verständiger Mann und ein therichter Mann können nicht einen Strohhalm mit einander. zerreissen. Denn wenn der Thor zieht, so läßt der Berständige nach, und wenn jener nachläßt, so zicht dieser. Aber wenn zwey Unverständige zusammen fommen, so zerreißen sie eiserne Ketten. Erstes Rechnungs Exempel. = Man sollte nicht glauben, daß ein Mensch, der auf leichtfertigen Wegen sein Glück sucht, mit lauter Gewinnen immer verlieren, und zuleht um Habe und Vermögen dabey kommen kann. Aber die Sache hat Grund. Man erzählt, daß ein Mensch, der fich lieber im Müßiggang durch schlechte Mittel, als durch Fleiß und Arbeit ernähren wollte, einen Bund mit dem bösen Geist gemacht habe. Der Mann wohnte an einem Wasser, und der Böse versprach ihm alles baare Geld, das er im Hause habe zu vers doppeln, wenn er damit über die Brücke gebe, und verlange nichts dafür, als daß er ein 24 Kreuzer Stück davon ins Wasser werfe, wenn er wieder über die Brücke zurückgehe, und das dürfe er wiederhos len, seinetwegen so oft er wolle. Der Einfältige I I schlägt mit Freuden ein, sucht alles baare Geld im Hause zusammen, macht die erste Probe und dismal scheint der schwarze Feind chrlich zu seyn, denn er hålt Wort, und der andere natürlicher Weise auch. Wie oft und lange mag nun der Glückliche seis nen Gang über die Brücke hin und her wiederholen? So lange es gut thut, so lange er etwas hinüber zu tragen hat, dreymal in allem. Denn als er zum dritten mal mit seiner verdoppelten Baarschaft zurückkehrte und das drittemal den ausbedungenen Brücken Zoll ins Wasser warf; so hatte der böse Feind sein Geld alles rein und baar bis auf den lekten rothen Heller, und der arme Betrogene gieng leer nach Haus, und hatte nichts mehr in den Strom zu geben, wenn er über die Brücke gieng, als Thra nen um feine, legte verlohrne Baarschaft- Wer rechnen kann, wirds bald beraus haben, wie viel der Betrogene zum erstenmal Geld über den Strom zu tragen hatte, und daß alles natürlich zugieng. Und mancher, den die Erfahrung auch schon klug gemacht hat, wird denken: Accurat so gehts! die Auflösung wird bald nachfolgen. Von den Processions= Raupen. Oft fürchten wir, wo nichts zu fürchten ist, ein andermal find wir leichtsinnig nahe bei der Gefahr. In unsern Eichwäldern hält sich eine Art von graufarbie gen baarigen Raupen auf, die sich in sehr großer Anzahl zusammenhalten, und in ganzen grossen Zügen dicht an einander und auf einander von einem Baum auf den andern wandern, deßwegen nennt man se 12 Processions Raupen. Oft sieht man sie langsam auf der Erde fortfriechen, oder an den Eichenstammen hinauf zichen; fie theilen sich bisweilen wie ein Strom in zwey und mehrere Arme, ziehn eine Strecke weit so fort, vereinigen sich dann wieder und schließen einen leeren Raum in der Mitte, wie eine Insel zwis schen sich ein: Oft sieht man an der Länge eines ganzen Stammes hin eine unzählige Menge leere Bålge, welche sie bei der Hautung hängen ließen. Wer im Sommer oft in Eichwälder kommt, wird sich erinnern, dieses schon gesehen zu haben. Daß solche ganze Züge von gefråßigen Raupen an den Blättern der Bäume, wo sie hinkommen, große Verwüstungen anrichten, und das Gedeihen und die Gesundheit der Bäume hindern können, ist leicht zu erachten; doch ist das nicht das schlimmste, sondern sie können sogar dem menschlichen Körper gefährlich werden, wenn man ihnen zu nahe kommt, sie muthwillig beunruhigt, oder gar aus Unvorsichtigkeit mit einem ents blößten Theil des Körpers berührt und drückt. Sie dulden es nicht ungestraft, wenn sie sich råchen fon, nen. Man hat schon einige traurige Bevspiele an Leuten erlebt, denen solches wiederfahren ist. Sie bekamen bald starke Geschwulst, heftige und schmerzhaf te Entzündungen an der Stelle des Körpers, wo sie diese Raupen mit bloser Haut berührten, und nach dem Zeugniß erfabrner Aerzte könnte daraus noch grö Beres Unheil entstehen, wenn man nicht mit zweckmäßigen Heilmitteln zuvor fame. Aber wie das zugeben mag. Die Raupen lassen augenblicklich ihre kurzen, steifen stechenden Haare geben, und drücken und schies sen sie gleichsam wie Pfeile ihrem Feind in die zarte 13 Haut des Körpers. Dies ist das Mittel, welches die Natur auch diesen verachteten Thieren zu ihrer Vera theidigung gegeben hat. Mehrere andere Arten von Haar Raupen thun es auch. Aber bei den ProcessionsRaupen ist die Menge gefährlich. Der Körper bes kommt unzählig viele kleine unsichtbare Wunden; in jeder bleibt der feine reizende Pfeil stecken, und viel kleine Ursachen zusammen thun eine große Wirkung, was man auch sonst im menschlichen Leben so oft ers fährt, und doch so wenig bedenkt. Man soll also mit diesen Thieren keinen unnöthigen Muthwillen treiben; wenn man Ursache hat, an einem Baum hinauf zu klettern, soll man aufschauen, was daran ist; man foll in der Nähe von Eichbäumen halb nackte Kinder nicht auf den Boden setzen, ohne ihn zuerst zu besich tigen, und sie warnen, daß sie es nicht selber thun. Es ist leichter, Schaden zu verhüten, als wieder gut zu machen. Fortsezung über die Erde und Sonne. Nachdem in der vorhergegangenen Predigt zuerst von der Erde und hernach von der Sonne, jede für sich geredet worden ist, so wollen wir nur noch mit wenigem hören, wie sie unter einander in guter Freund, schaft leben, und wie aus ihrer Liebe zu einander Tag und Nacht, Merzveilchen, Erndekränze, Wein und gefrorne Fensterscheiben entstehen. Da die unermeßlich große Sonne in einer fo uns ermeßlich weiten Entfernung von uns weg ist, so bat es den Sternforschern schon lange nicht mehr ein leuchten wollen, daß sie unaufhörlich und je in 24 14 Stunden um die kleine Erde herumspringen soll in einer unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, nur damit wir in diesem kurzen Zeitraum einmal Morgen und Mittag, Abend und Nacht bekámen, und wan delnde Sterne. Denn die Naturkündiger haben sich überzeugt, daß alles, was geschieht, auf eine viel einfachere und leichtere Art auch geschehen könnte. Allein ein rechtschaffner Sternseher, Copernikus genannt, bat bewiesen, daß es nicht nur so geschehen könnte, wie die Naturforscher denken, sondern daß es wirklich so geschieht, und die göttliche Weisheit hat früher daran gedacht, als die menschliche. Der geneigte Leser wird jezt erfahren, was Copernikus behauptet und bewiesen hat, wird aber ers sucht, zuerst alles zu lesen ehe er den Kopf schüttelt, oder gar lacht. Erstlich, sagt Copernikus, die Sonne, ja selbst die Sterne haben gegen die Erde weiters keine Be wegung, sondern sie stehen für uns so gut als still. 24Zweitens, die Erde dreht sich in 24 Stunden um sich selber um. Nemlich, man stelle sich vor, wie wenn von einem Punkt der Erdkugel durch ihr Centrum bis zum entgegengesetzten Punkt eine lange Spindel oder Are gezogen wäre. Diese zwey Punkte nennt man die Pole. Gleichsam um diese Are herum dreht fich die Erde in 24 Stunden, nicht nach der Sonne sondern gegen die Sonne, und wenn ein langer rother Faden ohne Ende, ich will fagen am 21ften Merz von der Sonne herab auf die Erde reichte, und Mittags um 12 Uhr, an einen Kirschbaum oder an einem Cruzisir auf dem Felde angefnüpft würde, so würde die Erdkugel diesen Faden in 24 Stunden einmal IS ganz um sich herum gezogen haben, und so jeden andern Tag. Auf diese einfache Weise geschicht das Nemliche, was geschehen würde, wenn die Sonne in der nem lichen Zeit, einen Kreisgang von 132 Millionen Meis len rings um die fest stehende Erde herum wandeln müste. Nemlich die eine Hälfte der Erdfugel ist ges gen die Sonne gekehrt, und hat Tag, und eine Hälfte ist von der Sonne abgekehrt gegen die Sterne hinaus, und hat Nacht, aber nie die Nemliche, sondern wie die Erdkugel sich gleichsam an ihrer Are gegen die Sonne dreht, löst sich immer an dem einen Rand der finstern Hälfte ein wenig von der Nacht in die Dämmerung auf, bis man dort die ersten Strablen der Sonne erbliken kann, und meint, sie gebe auf, und an der andern Seite der erleuchteten Hälfte wird's immer spáter- und fühler, bis man die Sonne nicht mehr siebt, und meint sie fey untergegangen, und den Mors gen und Mittag und Abend, das heilige Osterfest und sein Glockengeläute wandeln in 24 Stunden um die Erde herum, und erscheinen nie an allen Orten zu gleicher Zeit, sondern in Wien zum Beispiel 24 Mi, nuten früher als in Paris. Drittens, sagt Copernikus, während die Erde, den Morgen und den Abend, und zu seiner Zeit das heilige Osterfest in 24 Stunden gleichsam um sich hers um spinnt, bleibt sie nicht an dem nemlichen Ort, im unermeßlichen Weltraum stehen, sondern sie bes wegt sich unaufhörlich, und mit unbegreiflicher Ges schwindigkeit in einer großen Kreislinie, zwischen der Sonne und den Sternen fort, und kommt in 365 Ta 16 gen und ungefähr 6 Stunden um die Sonne herum, und wieder auf den alten Ort. Deßwegen und weil alsdann nach 365 Tagon, und ungefähr 6 Stunden alles wieder so wird, und alles wieder so steht, wie es vor eben so viel Zeit auch ges standen ist, so rechnet man 365 Tage zu einem Jahr, und spart die 6 Stunden vier Jahre lang zusammen, biß sie auch 24 Stunden ausmachen, denn man darf nichts von der kostbaren Zeit verlohren gehn lassen. Deswegen rechnet man je auf das 4te Jahr einen Tag mehr, und nennt es das Schaltjahr. Die Sache fångt an, dem verständigen Leser eins zuleuchten, und er wäre bald bekehrt, wenn er nur auch etwas von dem Drehen und Laufen der Erdkugel verspühren könnte! Deßwegen und Viertens, saat der Hausfreund, man kann die Bewegung eines Gefährtes, auf welchem man mitfahrt, eigentlich nie an dem Gefährte selbst erkennen, sondern man erkennt sie an den Gegenständen rechts und links, an den Bäumen und Kirchthürmen, wel che stehen bleiben, und an denen man nach und nach vorbeikommt. Wenn ihr auf einem sanftfahrenden Wagen, oder lieber in einem Schifflein auf dem Rhein fahrt, und ihr schließt die Augen zu, oder ihr schaut eurem Cameraden, der mit euch fahrt, steif auf einem Rockknopf, so merkt ihr nichts davon, daß ihr weiter kommt. Wenn ihr aber umschaut nach den Gegenständen, welche nicht selber bey euch auf dem Gefährte sind, da kommt euch das Ferne immer nåher, und das Nahe und Gegenwärtige verschwindet hinter eurem Rücken, und daran erkennt ihr erst, daß ihr vorwärts kommt, also auch die Erde. An der - 17 Erde selbst und allem was auf ihr ist, so weit man schauen kann, läßt sich ihre Bewegung nicht absehens ( denn die Erde ist selbst das grosse Gefährte, und alles was man auf ihr sieht, fahrt felber mit:) sons dern man mug nach etwas schauen, das stehen bleibt, und nicht mitfahrt, und das sind eben nach Nro. 1. die Sonne und die Sterne, zum Beispiel der soge. nannte Thierkreis. Dann 12 große Gestirne, welche man die 12 himmlische Zeichen nennt, stehn am Hims mel in einem hohen Kreis um die Erde herum. Sie beissen: Der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Krebs, der Löwe, die Jungfrau, die Wage, der Skorpion, der Schüß, der Steinbock, der Wassermann, die Fische. Eins folgt auf das andere, und das lezte schließt an das erste wieder an, nemlich die Fische an den Widder. Dieß ist der Thierkreis. Er steht aber noch viel höher am Firmament als die Sonne, und sie steht von hier aus betrachtet immer zwischen den zwei Linien, die seinen Rand bezeichnen, und in einem Zeichen derselben. Denn ob sie gleich noch weit her. wärts desselben steht, so meint man doch wegen der sehr großen Entfernung, sie befinde fich in dem Zeis chen selbst. Wenn sie aber heute in dem Zeichen des Steinbocks steht, so steht sie nach 30 Tagen nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im nächsten, und je nach 30 Tagen immer in dem nächstfol= genden, und daran erkennt man, daß die Erde in ihrem Kreislauf unterdessen vorwärts gegangen sey. Es kann nicht fehlen. Zu dem allem sagt Fünftens und leztens der Copernikus wieder, wenn gleichwohl die Are der Erdkugel gegen die Hebel Schazkäftlein. 18 Sonne waagrecht läge, und die Erde drehte sich auch to, und sie bewegte sich waagrecht in einer vollkom men runden Cirkellinie um die Sonne, also daß die Sonne genau im Mittelpunkt des Cirkelkreises stun. de, so müste Jahr aus Jahr ein, und auf allen Orten der Erde Tag und Nacht gleich seyn. Ja es mußte mitten auf der Erde rechts und links um den rothen Faden ein ewiger Sommer glühn, weiterhin zu beiden Seiten am Abhang der Kugel milderte und kühlte sich die Hitze ein wenig, je schiefer die Sonnens strahlen herab fielen, und nåher gegen die Pole bin herrschte ein Winter ohne Trost und ohne Ende. Aber es ist nicht so, sagt der Sternseher. Die Are der Erde liegt nicht waagrecht und nicht senkrecht gegen die Sonne, sondern schief in einem Winkel von 67 Graden, wer's versteht. In dieser Richtung gegen die Sonne dreht sich die Erde in 24 Stunden um, in dieser Richtung wandelt sie in einem Jahr um die Sonne ebenfalls nicht senkrecht, sondern schief. Wenn am 21sten Merz der geneigte Leser sich vor den rothen Adler stellt, vor das Wirthshaus, und fich mit dem Geficht gegen Sonnenaufgang kehrt, so ist der Kreis, den an selbigem Tag der rothe Faden um die Erde zieht noch 1470 Stundenwegs, oder 735 Meilen rechts hinaus von ihm entfernt, sein Vol aber, dem er am nächsten ist, ist 1230 Stunden oder 615 Meilen von ihm entfernt links binaus. In sols chem Standpunkt steht der geneigte Leser am 21 Merz. Aber schon am 22sten legt sich der Faden nicht mehr ganz an das bewußte Eruzikir, und an seinen Anfang an, sondern er lauft etwas herwärts gegen uns daran vorben, und so windet er sich von 24 Stun 19 den zu 24 Stunden in einer Schraubenlinie fort, und kommt immer näher gegen uns bis zum 21 Juni, und ist alsdann gleichwohl noch nicht bey uns, son, dern ist uns nur ungefähr um 705 Stunden, oder 352 1/2 Meile näher gekommen. Aber vom 21 Juni an kehrt der Faden in den nemlichen Windungen wieder zurük, immer weiter von uns weg, bis er ungefähr am 21 September in gleicher Entfernung von beiden Polen wieder satt an dem Cruzifir vorbeistreift. Von dieser Zeit an windet er sich jenseits gegen den andern Pol immer weiter und weiter von uns weg bis ungefähr zum 21 December, wo er 1440 Stunden weit, rechts hinaus von uns entfernt ist, kehrt alsdann eben so zurük, und trift am 21 Merz wieder richtig bei dem Eruzifir ein. Aber bis zu uns kommt er nie, weil wir so weit von ihm weg wohnen, hinaus gegen den Pol. Aus dieser figürlichen Vorstellung ist nun zu ers kennen, was zwar der geneigte Leser schon weiß, daß er während des Kreislaufs der Erde nicht immer in der nemlichen Richtung gegen die Sonne bleiben kön ne, aber die Astronomen haben daraus berechnet, in welcher schiefen Linie die Erde binnen Jahresfrist die Sonne umlaufen muß, damit diese Veränderungen und die 4 Jahreszeiten zu Stande kommen. Der Frühling beginnt um den 21sten Merz, wann der rothe Faden gerade auf das Cruzisir herabreicht. Die Sonne steht gleich weit von beiden Polen über der Erde. Tag und Nacht sind gleich. Die Sonne fcheint immer näher zu kommen, und immer höher am Himmel aufzusteigen, ie mehr sich der rothe Fa 20 den nähert. Der Tag und die Wärme nehmen zu, die Nacht und die Kälte nehmen ab. Der Sommer beginnt um den 21sten Juni, wenn der Faden am weitesten von und am nächsten bey uns ist. dem Cruzisir entfernt, Alsdann steht die Son ne am yöchsten über dem Haupt des geneigten Lesers, und dieser Tag ist der längste. So wie sich der Fas den wieder hinauswindet, kommt die Sonne immer schiefer gegen und zu stehen, und die Tage werden fúrzer. Der Herbst beginnt am 21. September. Tag und Nacht sind wieder gleich, weil die Sonne, besage des Fadens wieder über dem Cruzifir steht. Aber je weiter er alsdann jenseits binauslauft gegen den andern Pol, desto tiefer stellt sich gegen uns die Son ne. Die Tage und die Wärme nehmes immer mehr ab, die Nächte und die Kühle nehmen zu. Der Winter beginnt, wenn am 20. December der Faden am weitesten jenseits von uns entfernt ist. Der geneigte Leser verschläft alsdann die langste Nacht, und die Sonne steht so tief, daß sie ihm noch früh um 9 Uhr durch des Nachbarn Camin but in das Stüblein schauen kann, wenn die Fensterscheiben nicht gefroren find. Endlich wenn von diesem Tage an der Faden zurükkehrt, verlängern sich auch die Tage wieder. Am 22. Februar auf Petri Stublfcier kommt schon der Storch in seine alte Heimath zurük, und ungefähr am 20. Merz trift der rothe Faden wieder bey dem Eruzifir ein. Dies hat noch nie fallirt. Hieraus ist zu gleicher Zeit zu erkennen, daß nie auf der ganzen Erde die nemliche Jahrszeit herrscht. 21 Denn zu gleicher Zeit, und in gleichem Maaße, wie fich die Sonne von unserm Scheitelpunkt entfernt, oder wir von der Sonne, kommt sie höher über dies jenige zu stehen, welche jenseits des Cruzcfires gegen den andern Pol hinauswohnen, und umgekeht eben so. Wenn hier die lezten Blumen verwelken, und das Laub von den Bäumen fällt, fangt dort alles an zu grünen und zu blühen. Wenn wir in unserm Win ter die langste Nacht verschlafen, schimmert dort der langste Sommertag, und der Hausfreund kann sich nicht genug über die göttliche Weisheit verwundern, die mit Einer Sonne auf der ganzen Erde ausreicht, und in die winterlichste Landschaften, noch einen lue ftigen Frühling, und eine fröhliche Erndte bringen fann. Soviel für diesmal von der Erde. Gleichwohl wenn ein Mensch von derselben sich aufheben, und in grader Linie langsam oder geschwind zum Abendstern aufsteigen könnte, der unter allen Sternen der nächste ist, so würde er noch merkwürdige Dinge sehen. Der Stern würde vor seinen Augen immer größer wer den, zuerst wie der Mond, bald darauf wie ein gros ses Rad, zulezt wie eine unübersehbare Kugel oder Fläche. Sein Licht würde ihm immer milder erschei nen, weil es sich immer über eine größere Fläche vers breitete, ja er würde in einer gewissen Entfernung davon schon Berge und Thäler eurdeken, und aller ley, und zulezt auf einer neuen Erde landen. Aber in der nemlichen Proportion müßte unter ihm die Ers de immer kleiner werden, und glänzender ihr Licht, weil es sich auf einen kleinern Raum zusammen drängt. In einer gewissen Entfernung hätte sie für ihn noch 22 den Umfang wie ein großes Rad, hernach wie eine Schützenscheibe, hernach wie der Mond, und endlich wenn er gelandet wäre, würde er sie weit draufen am Himmel, als einen lieblichen Stern unter den andern erbliken, und mit ihnen auf und untergehn se hen.„ Sich dort, würde er zu seinem ersten Be kannten sagen, mit dem er bekannt wird, sich jenen lieblichen Stern, dort bin ich daheim, und mein Bater und meine Mutter leben auch noch dort. Die Mutter ist eine gebohrne so und so. Es müste ein wundersames Vergnügen seyn, die Erde unter den Sternen des Himmels und ganz als ihres Gleichen wandeln zu sehen, und der Hausfreund hat dem ges neigten Leser diese Freude in dem Artikel von den Plas neten zugedacht. ( Die Fortsetzung folgt.) Zwey Gehülfen des Hausfreunds. Es wird in Zukunft bisweilen, von einem Adjunkt die Rede seyn, was der geneigte Leser nicht verstehen könnte, wenn es ihm nicht erklärt wurde. Als nemlich der Hausfreund den rheinländischen Calender noch schrieb, er schreibt ihn noch, hat er den Bezirk seiner Hausfreundschaft disseits Rheins, wie die Franzosen das Land jenseits Rheins in zwey Provinzen getheilt, in die untere, und in die obere: und hat in die untere einen Statthalter gesezt, einen Präfekt, der aber nicht will genannt seyn, denn er ist kein Landskind. Auch nennt ihn der Hausfreund selber nicht leicht Statthalter, und niemand, sondern Ad. junkt, denn selten ist jeder auf seinem Posten, son. dern fizen bei einander und schreiben mit einander neue hoch deutsche Reimen, oder sinnreiche Räthsel. Zum Erempel, Adjunkt, sagt der Hausfreund: Rathet hin, rathet her, was ist das? Der arme Tropf Hat keinen Kopf; Das arme Weib Hat keinen Leib, Die arme Kleine Hat keine Beine. Sie ist ein langer Darm, Doch schlingt sie einen Arm Bedächtig in den andern ein. Was mag das für ein Weiblein seyn? Hausfreund, sagt der Adjunkt, wenn ihr mir eis nen Groschen leiht, so will ich euch, für dieses Rathfel ein paar Brezeln kaufen. Der Wein, den wir dazu trinken, bezahlt ihr. Rathet hin, rathet her, was ist aber das? Holde, die ich meine, Niedliche und kleine, Ich liebe dich, und ohne dich Wird mir der Abend weinerlich. Auch gönnst du mir, Nachrühm' ichs dir, Wohl manchen lieblichen Genuß; Doch bald bekommst du's Ueberdruß, Und laufst zu meiner tiefen Schmach Ein feiles Mensch den Juden nach Und dennoch Falsche aus und ein, Hörst du nicht auf mir lieb zu seyn. Ihr errathets nicht, sagt der Statthalter, wenn ichs euch nicht explicire. Es ist eine Adjunkts Be. 24 foldung, zum Erempel meine eigene, die ich von euch bekomme. Allein der Adjunkt hat selber wieder eine Adjunktinn, nemlich seine Schwiegermutter, die Tochter hat er noch nicht, bekommt sie auch nicht, und der Hausfreund hat an ihm einen ganz andern Glückszug gethan, als sein guter Freund, der Doktor, auf seiner Heimreise aus Spanien an der Madridter Barbiergils de. Denn als er aus der großen Stadt Madrid heraus ritt, seinem Thierlein wuchsen in dem warmen Land, und bey der üppigen Nahrung die Haare so kräftig, daß er nach Landesart zwey Barbiere mit- nehmen mußte, die auch ritten, und wenn sie Abends in die Hers berge kamen, so rasirten sie sein Thierlein. Weil sie aber selber keine gemeine Leute waren, und die gans ze Nacht Arbeit genug hatten, bis das Thierlein eingeseift, und rasirt, und wieder mit Lavendelöhl eingerieben war, so nahm jeder wieder für sein eigenes Thierlein zwey Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese wieder. Als nun der Doktor oben auf dem pyrenäischen Berg zum erstenmal umschaute, und mit dem Perspektiv sehen wollte, wo er bergekommen war, als er mit Verwunderung und Schreken den langen Zug seiner Begleiter gewahr wurde, und wie noch immer neue Barbiere zum Stadtthor von Mas drid herausritten, und innwendig wieder cuffassen, fagte er bey sich selbst: Was hab ich denn nöthig långer zu reiten, es geht nun jezt Berg unter, und gieng früh am Tag in aller Stille zu Fuß nach Montlouis. Also hat der Hausfreund mit seinem Adjunkte auch die Adjunktinn des Adjunkts gewonnen, ist aber nicht erschroken, und davon gelaufen. Wers noch 25 nie erlebt hat, wie sie allen Leuten Red und Ant wort gab, und schöne Schweizerlieder vom Nigiberg fingen, und wie sie sich verstellen kann, bald meint man, man sehe eine Heilige mitten aus dem gelobten Land heraus, bald die heidnische Zauberinn Medea, und noch viel, wers nicht gesehen hat, stellt sichs nicht vor. Balla Der freundlichen Schwiegermutter des Adjunkts, soll dieses Büchlein zum Dank und zur Freundschaft gewidmet seyn. Des Adjunkts Standrede im Gemüßgarten seis ner Schwiegermutter. Sezt ohne Anstand die Hüte auf, gute Nachbarn und Freunde. Ich will nun von der Fruchtbarkeit und schnellen Verbreitung der Pflanzen mit euch reden.„ Es gieng ein Gdemann aus, zu såen seinen Saamen, und etliches fiel auf ein gut Land." I. Man kan sich nicht genug über die Menge und Mannigfaltigkeit der Pflanzen verwundern, mit wel chen die Natur alle Jahre die Erde bekleidet. In dem Eleinen Raum, den das Auge auf einmal überschauen kann, welch eine Vielfachheit der Gestalten, welch ein Spiel der Farben, welche Fülle in der Werkstätte der reichsten Kraft und der unerforschlichen Weisheit? Nicht weniger muß man sich wundern über die Geschwindigkeit, mit welcher die Natur jede lecre Stelle auf öden Feldern, verlassenen Wegen, fablen Felsen, Mauern und Dächern, wo nur eine handvoll - 26- fruchtbarer Erde hingefallen ist, ansået und mit Gras, Kräutern, Stauden, und Buschwerf besetzt. Das fieht man oft und achtets nicht, eben weil man es von Kindheit an so oft sicht; die größte Weisheit vers rathet sich in der einfachen und natürlichen Einrichs tung der Dinge, und man erkenut sie nicht, eben weil alles so einfach und natürlich ist. ſie 2. Die meisten Pflanzen haben cine wunderbare Vers mehrungskraft, wie jeder aufmerksame Landwirth wohl weiß. Tausend Saamenkerne von einer einzigen Pflanze, so lange sie lebt, ist zwar schon viel ge sagt, nicht jede tragts, aber es ist auch noch lange nicht das höchste. Man hat schon an einer einzigen Tabackspflanze 40, Goo Kornlein gezählt, die sie in ei nem Jahre zur Reife brachte. Man schågt einer Eiche, daß sie soo Jahre leben könne. Aber wenn wir uns nun vorstellen, daß sie in dieser langen Zeit nur somal Früchte trage, und jedesmal in ihren weit verbreiteten Aesten, und Zweigen nur 500 Eicheln, so liefert sie doch 25000 wovon jede die Anlage hat, wies der ein solcher Baum zu werden. Gesetzt, daß dieses geschehe, und es geschehe ben jeder von diesen wieder, so hätte sich die einzige Eiche in der zweiten Abstammung schon zu einem Walde von 625 Millio nen Bäumen vermehrt. Wie viel aber eine Million oder 1000 mal 1000 sey, glaubt man zu wissen, und doch erkennt es nicht jeder. Denn wenn ihr ein gan zes Jahr lang vom 1. Jenner bis zum 31. Dec. alle Tage 1000 Striche an eine große Wand schreibet, so habt ihr am Ende des Jahrs noch keine Million, sondern erst 365000 Striche, und das zweite Jahr 27° noch keine Million, sondern erst 730,000 Striche, und erst am 26. September des dritten Jabrs würdet ihr zu Ende kommen. Aber unser Eichenwald hätte 625 solcher Millionen, und so wäre es ben ieder an dern Art pon Pflanzen nach Proportion in noch viel kürzerer Zeit, ohne an die zahlreiche Vermehrung durch Augen, Wurzelsprossen und Knollen zu gedenken. Wenn man sich also einmal über diese große Kraft in der Natur gewundert hat, so hat man sich über den großen Reichthum an Pflanzen aller Art nicht mehr zu verwundern. Obgleich viele 1000 Kerne und Körn. lein alle Jahre von Menschen und Thieren verbraucht werden, viele Tausend im Boden ersticken, oder im Aufteimen durch ungünstige Witterung und andere Bufälle wieder zu Grunde gehen, so bleibt doch Jahr aus Jahr ein, ein freudiger und unzerstörbarer Ues berfluß vorhanden. Auf der ganzen weiten Erde fehlt es nirgends an Gesäme, überall nur an Plaz und Raum. 3. Aber wenn jeder reife Kern, der sich von seiner Mutterpflanze ablöset, unter ihr zur Erde fiele und liegen bliebe; alle lågen auf einander, keiner könnte gedeihen, und wo vorber keine Pflanze war, káme doch keine hin. Das hat die Natur vor uns bedacht, und nicht auf unsern guten Rath gewartet. Denn einige Kerne, wenn sie reif find, fliegen selbst durch eine verborgene Kraft weit auseinander, die meisten find klein und leicht, und werden durch jede Bewes gung der Luft davon getragen, manche sind noch mit fleinen Federlein besest, wie der Löwenzahn( Schlen. ke, Kettenblume) Kinder blasen sie zum Vergnügen 28 auseinander, und thun damit der Natur auch einen kleinen Dienst, ohne es zu wissen, andere gehen in zarte breite Flügel aus, wie die Saamenkerne von Nadelbolzbäumen. Wenn die Sturmwinde wehen, wenn die Wirbelwinde, die im Sommer vor den Gewittern hergehen, alles von der Erde aufwühlen und in die Höhe führen, dann fået die Natur aus, und ist mit einer Wohlthat beschäftiget, während wir uns fürchten, oder über sie klagen und zürnen; dann flies gen und schwimmen und wogen eine Menge von uns sichtbaren Keimen in der bewegten Luft herum, und fallen nieder weit und breit, und der nachfolgende Staub bedeckt sie. Bald kommt der Regen und bes feuchtet ihn, und so wirds auf Flur und Feld, in Berg und Thal, auf First und Halden auch wahr, daß etliches auf dem Weg von den Vögeln des Himmels ges fressen wird, etliches unter den Dornen zu Grund geht, etliches auf trockenem Felsengrund in der Son nenhige erstirbt, etliches aber gut Land findet, und hundertfältige Frucht bringt. Weiter sind manche Kerne für den Wind zu groß und zu schwer, aber sie find rund und glatt, rollen auf der Erde weirer, und werden durch jeden leichten Stoß von Menschen oder Thieren fortgeschoben. Andere sind mit umges bogenen Spitzen oder Häcklein versehen, sie hängen sich an das Fell der Thiere, oder an die Kleider der Menschen an, werden fortgetragen, und an einem an dern Orte wieder weggestreift, oder abgelesen und ausgefäet, und der es thut, weiß es nicht, oder denkt nicht daran. Viele Kerne gehn unverdaut und unzerstört durch den Magen und die Gedärme der Thieve, denen sie zur Nahrung dienen sollen, und werden 29 an einem andern Ort wieder abgesetzt. So haben wir ohne Zweifel durch Strich- Vögel schon manche Pflanze aus fremden Gegenden bekommen, die jetzt bey uns dabeim ist, und guten Nugen bringt. So gehen auf hohen Gemäuren und Thürmen Kirschbaume und andere auf, wo gewiß kein Mensch den Kern hingetragen hat. Noch andere fallen von den über. hangenden Zweigen ins Wasser, oder sie werden durch den Wind und Ueberschwemmungen in die Ströme fortgerissen und weiter geführt, und an andern Or ten durch neue Ueberschwemmungen wieder auf dem Lande abgesetzt. Ja einige schwimmen auch wohl auf den Strömen bis ins Meer, erreichen das jenseitige Gestade, und heimen sich alsdann in einer landesfrem. den Erde ein. Es sind da und dort schon Pflanzen als Unkraut aufgegangen, von denen man wohl wisfen kann, daß der Samen dazu auf diese Art über das Meer gekommen sey. Also müssen alle Kräfte und Elemente die wohlthätigen Absichten des Schöp. fers beförders, Schnee und Regen, Blik und Hagel, Sturm und Winde, die seine Befehle ausrichten. 4 Aber das ist ja eben die Plage des Landmannes! da= her kommt also das viele Unkraut im Garten. Gelän de und auf den Acker Furchen, das der schönen ge reinigten Saat Naum und Nahrung stiehlt, so viel Mühe macht, und doch mit aller Gedult und Sorgfalt nicht vertilgt werden kann! Die Sache ist nicht so schlimm, wie sie scheint. Denn zum ersten, so ist der Mensch nicht allein auf der Erde da. Vies le 1000 Thiere aller Art, von mancherley Natur und Bedürfnissen wollen auch genährt seyn, und warten 30 - auf ihre Speise zu seiner Zeit. Manche davon find uns unentbehrlich und wir wissens wohl, manche schaf fen uns grossen Nugen, und wir wissens nicht; und es muß doch wahr bleiben, woran wir uns selber so oft erinnern, daß sich eine milde Hand aufthut, und fäts tiget alles, was da lebet mit Wohlgefallen. Zum andern, so hat doch der Mensch auch schon von manchem Krautlein Nußen gezogen, das er nicht sel ber gesået und gepflanzet, nicht im Frühlingsfrost gedeckt, und in der Sommerbize begossen hat. Und eis ne einzige unscheinbare und verachtete Pflanze, deren Kraft dir oder deinen Kindern, oder auch nur deinem Vich eine Wunde heilt, einen Schmerz vertreibt oder gar das Leben rettet, bezablt die Mühe und den Schaden reichlich, den tausend andere verursachen. Aber wer stellt den Menschen zufrieden? Wenn die Natur nicht so wäre, wie sie ist, wenn wir Baldrian und Wohlgemuth, Ebrenpreis und Augenttrost, und alle Pflanzen in Feld und Wald, die uns in gesunden und kranken Tagen zu mancherley Zwecken nüßlich und nöthig sind, selber ansåen, warten und pflegen müßten, wie würden wir alsdann erst klagen über des viel bedürftigen Lebens Mühe und Sorgen! Von den Schlangen. Noch immer glauben Leute, daß die giftigen Schlangen mit der Zunge stechen. Allein es ist schon lange ausser Zweifel gesetzt, daß sie an der obern Kinns lade zwey Giftzähne habe, die sie in eine Scheide zus rückziehen und wieder hervorstossen können. Diese - 31 3áhne sind hohl und haben an den Spitzen eine feine Defnung, hinter icdem derselben befindet sich eine Drüse in welcher das Gift bereitet wird, und wenn das Thier beißt, so tritt das Gift aus der Drüse in den Zahn und durch die Oeffnung in die Wunde. Es ist also eis ne Fabel, daß die Schlangen, ehe sie ins Wasser gehen, das Gift unter einen Stein ablegen. Wenn ein solches Thier im Wasser nicht giftig ist, so bat es auch kein Gift ausser demselben. An jenen Zähnen håtte man also wohl ein Kennzeichen, die gefährli chen Thiere dieser Art von den unschuldigen zu uns terscheiden. Aber wie kann man ihnen so lange fie leben, in den Mund schauen und wer wirds thun. Lieber geht man ihnen zur Sicherheit aus dem Wege oder schlägt sie todt. Allein so wird doch auch manches unschädliche und sogar nüßliche Thier getödtet. Denn die Schlangen verzehren viel sogenann tes Ungeziefer, und helfen also, uns von der schad. lichen Menge desselben bewahren. Und ein guter und besonnener. Mensch will doch lieber erhalten, als ohne Zweck und Noth zerstören, lieber leben lassen als tödten, war es auch nur ein Thier im Staube. Und die Schlange, ob sie gleich mit dem Bauch auf der Erde schleicht, ist doch ein merkwürdiges und wirklich ein schönes Thier. Schon das verdient ia unsere Bewunderung, daß dieses Geschöpf ohne Füsse nur durch seine zahlreichen Muskeln sich so leicht fortbewe gen kann. Ihre Gestalt ist so einfach und doch fehlt ihnen nichts, was ihnen zur Erhaltung und zum Ges nusse ihres Lebens nöthig ist. Mit welcher Geschwin digkeit und Gewandheit gleiten sie in den mannigfals tigsten Wendungen ihres schlanken Körpers nach al 32 Ten Richtungen dahin, und ereilen ihre flebende Beute, oder retten ihr verfolgtes Leben? Mit welcher leichten Biegsamkeit wenden sie sich zwischen und über und unter den tausend Hindernissen durch, die ihrem Laufe überall im Wege liegen? Wer hat über den ganzen Körper hinab Schild an Schild und Schuppe an Schuppe gereiht und übereinander gelegt, daß sie bey jeder Bewegung in der größten Geschwindigkeit ausweichen, nachgeben, sich über einander schieben, und doch den zarten Körper bedecken und allemal wieder in ihre vorige Lage zurückkehren? Wer hat sie mit der Schönheit und Mannigfaltigkeit ihrer Fars ben geziert? In Amerika wird eine Schlange mit rothen, schwarz eingefaßten Flecken, und citronengel ben Querstreifen wegen ihrer ausnehmenden Schönheit zum Staat als Halsschmuck getragen, oder in die Haare geflochten. Auch von unsern Schlangen sind manche, zumal wenn sie sich noch nicht lange gehäutet haben, an Farbe und Zeichnungen schön, wenn man sie nur ohne Furcht und Abscheu betrachten kann. 2. Aber wenn wir nur erst die gefährlichen unter ihnen fennten! Ein gelehrter Beobachter dieser Thie re hat folgende allgemeine Kennzeichen angegeben, die leicht zu merken sind. Wenn der Kopf breit, und mit dünnen Schuppen besetzt ist, so ist die Schlange verdächtig; wenn er aber mehr rund ist, so ist sie's nicht. Ferner wenn sich das Ende des Körpers fein zus spist, so ist nicht zu trauen; ist es aber stumpf und abgerundet, so hat man keine Gefahr. Doch giebt er diese Kennzeichen selber nicht für ganz untrüglich aus, und das beste an der Sache ist das, daß wir 33 nur wenige giftige Schlangen haben, die leicht zu kennen sind, und daß diese nicht muthwillig den Menschen angreifen, sondern nur sich selber vertheidi gen, wenn sie beunruhigt, gereizt, gedrückt oder vers letzt werden. Zum Beyspiel die sogenannte Otter hat einen fast berzförmigen Kopf, eine Länge von 1 bis 2 Fuß und ein spiziges Ende. Die Farbe ist nach den verschie denen Hautungen, oben grau oliven braun, oder schwärzlich, unten hellgrau auch bläulich. Auf dem Kopfe steht ein grosser herzförmiger brauner Fleck, auf dem Halse dergleichen Punkte im Zickzack, dann Streis fen und von der Mitte an noch einzelne grössere und klei nere Flecken, hie und da, die ebenfalls braun sind. Die Kupferschlange, auch Kreuzotter hat einen plats ten, eyrunden Kopf, dünnen Hals, eine Länge von 6, 8 bis 12 Zoll und einen zugespigten Schweif. Oben ist sie rostfarbig, bald stärker bald schwächer. Sie hat auf dem Kopfe zwey von einander abgekehrte Halbzirkel). Ueber den Rücken bineb lauft ein dunkels brauner Streifen im Zickzack, und an den Seiten hin liegen braune Vunkte. Der Unterleib ist aschgrau mit weißen Querbinden, auf welchem wieder schwärzliche Punkte stehn, und die Endspize ist braun. Auch findet man hie und da noch eine giftige Schlange, die am ganzen Körper schwarz ist, und deßwegen auch die schwarze Otter genennt wird. Alle halten sich gern in einsamen, waldigen, důs stern und verwilderten Gegenden auf. Jede Art von giftigen Schlangen bringt durch ih ren Biz andere, aber allemal schmerzhafte, traurige, bisweilen sehr gefährliche Folgen hervor. Auch ist Hebels Schazkästlein3 34 der Biß von der nemlichen Schlangen- Art nicht im mer gleich furchtbar. Er ist gefährlicher, wenn das Thier alt, als wenn es jung ist, gefährlicher in der heißen und schwühlen Witterung, als in der fühlen, und desto gefährlicher, je mehr der Feind gereizt und erbost ist. Auf alle Fälle soll man nicht säumen, oder sich auf Segensprechen und Sympathie verlassen, wenn man gebissen worden ist, sondern so geschwind als mög, lich einen erfahrnen Arzt oder Wundarzt zu Rathe ziehn. Unterdessen soll man zum wenigsten die Wunde unter binden, wenn es seyn kann, erweitern, mit Salzwasser auswaschen. Man empfiehlt auch ein Loch in die Erde zu graben, und das verwundete Glied binein zu stecken. Jás ger haben schon Schießpulver auf die Wunde geftrcut, und angezündet, und haben die Wirkung gerühmt. Auch mit den getödteten Schlangen von giftiger Natur muß man gar behutsam seyn. Man hat Bey spiele, daß unvorsichtige Personen durch die Giftzähne noch am abgeschnittenen Kopf einer Schlange gefährlich verwunder worden sind. Aber verschlucken könnte man solches Gift ohne Gefahr, wenn man nur innerlich gesund und unverletzt ist, denn es schadet nur, wenn es unmittelbar ins Blut kommt. Auch das Fleisch dieser Thiere ist unschädlich. Schon mans che Schlange ist gegessen worden, ja man bereitet von dem Fleische der giftigen Otter für gewisse Kranke eine sehr nahrhafte und heilsame Brübe. Aber an allen unsern Schlangen, die nicht Giftzáh ne haben, ist auch sonst nichts furchtbares und ihre Größe macht sie nicht gefährlich. Ob man gleich nicht genau sagen kann, wie alt sie werden, so hat man doch Ursache zu glauben, daß sie lange wachsen, und 35 die ungewöhnliche Grösse mancher Schlangen bewiese also nur, daß ihr der Zufall viel Zeit gelassen hat, sich zu strecken. 3. Es liesse sich noch viel merkwürdiges von diesen Thieren besonders aus fremden Ländern erzählen z. B. die giftige Klapperschlange in Amerika giebt mit mehrern beweglichen Gelenken am Schweif einen zischenden oder rauschenden Laut von sich, che sie angreift. Wer es hört, ist gewarnt und kann sich in Acht nehmen. Aber Eichhörnchen und andere Thiere, die zu ihrer Nahrung bestimmt sind, werden durch dies sen Laut ordentlich herbeygelockt und liefern sich selber zur Beute und die jungen Amerikaner, wenn sie Eichhörnchen fangen wollen, sind so keck, daß sie sich irgendwo im Gebüsche verbergen, das Rauschen der Klapperschlange nachmachen, die Eichhörnchen damit locken, und sich alsdann ihrer zu bemächtigen suchen. Es gibt auch ungeheure große Schlangen in Afrika, Ostindien tc. die größte soll mehr als Mannsdicke und eine Länge von 40 Fuß auch drüber erreichen. Sie ist nicht giftig, aber durch ihre Größe und Stärke selbst dem grausamsten Raubthiere, dem Tiger, gefährlich. Sie umwindet ihn, und drückt ihm die Kno chen im Leibe eutzwey. Sie schlingen Thiere ganz hinab, die dicker als sie selbst sind, weil der Körper nachgibt, und sich über seine gewöhnliche Dicke ausdehnen läßt, werden aber alsdann träge und unbehülsich. Man erzählt, daß ein Vater eben dazu kam, als eine grosse Schlange sein Kind verschluckte. Augenblicklich und glücklich soll er sie getödtet, ihr den Bauch aufgeschnitten, und sein Kind lebendig und unversehrt 36 Heraus gezogen haben. Es gehört Glauben dazu, aber als ein äusserst glücklicher Zufall scheint es wenigstens möglich zu seva. Wenn die Neger in Afrika einer grossen Schlange die Haut abstreifen wollen, so ziebu sie dieselbe mit einem Strict an den At eines hohen Baumes auf. Einer flettert alsdann mit einem Messer hinauf, geht auf den Ast hervor, läst sich an das Ungeheuer hins ab, löst ihm die Haut unter dem. Kopf, streift sie ab, und gleitet alsdann sachte mit der Haut, die er von oben nachzieht, an dem glatten Körper zur Erde binab. Grosse Schlangen wurden bey den Alten auch Drachen genannt. Aber wer dabei an geflügelte und feuerfpeiende Unthiere denkt, oder an sogenannte Ba filisten, der denkt an eine Fabel. Und es ist nur so viel an der Sache, daß es in fremden Welttheilen auf den Bäumen Eideren giebt, die durch sogenann te Flugbaute auf dem Rücken und am Hals, oder an den Seiten zwischen den vordern und hintern Bei nen sich in der Luft schwebend erhalten und weite Sprünge machen können. Man fennt auch eine Schlange, die auf dem Kopfe zwey bewegliche Auswüchse wie Horner bat, und nennt sie deswegen die Gehörnte. Sie weiß sich sehr geschickt im Grase zu verbergen, so daß nur diese Ause wüchse hervorschauen. Vögel, die dies seben, haltens für Warmer, fliegen herzu und wollen anbeissen, wers den aber augenblicklich von der Schlange erbascht, und gefressen. So begegnet wohl auch manchem Menschen ges rade dasienige selber, was er aus Eigennuß oder Schadenfreude einem andern zugedacht hat. 37 Geiz und Verschwendung. Der Geizige rafft Geld und Gut zwecklos zue sammen; der Verschwenoer bringt es zwecklos durch. Der Geizige hat keinen, der Verschwender hat ein nen unnüßen Genuß von dem Seinigen. Der Geitige fann auf die goldene Mittelstraffe zus rückkehren, so bald er will; dem Verschwender wird es immer schwerer, je weiter er sich davon entfernt. Der Geizige kann, aber er will es selten; der Verschwender möchte oft, aber er kann nicht mehr. Der eine macht sich Feinde; der andere erwirbt Freunde, die schlim ner find als ein Feind. Jenen peinigt der Wunsch, immer weiter zu kom men; diesen die Reue, daß er schon so weit gekom. men ist. Geiz ist die Wurzel alles Uebels; Verschwendung ist ein Baum voll bitterer Früchte. Den Geizigen verzehrt die Sorge, den Verschwens der die Ausschweifung Jenen lohnt am Ende die Furcht; diesen der Kummer. Nicht selten wird der jugendliche Verschwender noch ein geiziger Greis. Sehr oft kommt das Vermögen geiziger Samms ler an verschwenderische und im eigentlichen Sinne, lachende Erben. Kindesbank und Undank. Man findet nar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, daß Menschen im Alter von ihren Kindern wieder eben so behandelt werden, wie sie 38 einst ihre alten und kraftlosen Eltern behandelt has ben. Es geht auch begreiflich zu. Die Kinder lernens von den Eltern; sie sehens und hörens nicht an. ders und folgen dem Beyspiel. So wird es auf die natürlichsten und sichersten Wege wahr, was ges sagt wird und geschrieben ist, daß der Eltern Segen und Fluch auf den Kindern ruhe und sie nicht verfehte. Man hat darüber unter andern zwey Erzählungen, von denen die erste Nachahmung und die zweite große Beherzigung verdient. Ein Fürst traf auf einem Spazierritt einen fleißigen und frohen Landmann an dem Ackergeschäft an, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, daß der Acker nicht sein Eigenthum sey, sondern daß er als Tagelöhner täglich um 15 fr. arbeite. Der Fürst, der für sein schweres Regierungsgeschäft freilich mehr Geld brauchte und zu verzeh ren hatte, konnte es in der Geschwindigkeit nicht auss rechnen, wie es möglich sey, täglich mit 15 fr. aus. zureichen, und noch so frohen Muthes dabey zu seyn, und verwunderte sich darüber. Aber der brave Mann es wäre mir übel ges im Zwilchrock erwiederte ihm: fehlt, wenn ich so viel brauchte. Mir muß ein Drit theil davon genügen; mit einem Drittheile zahle ich meine Schulden ab, und den übrigen Drittheil lege ich auf Capitalien an." Das war dem guten Fürsten ein neues Räthsel. Aber der fröhliche Landmann fuhr fort, und sagte:» Ich theile meinen Verdienst mit meinen alten Eltern, die nicht mehr arbeiten konnen, und mit meinen Kindern, die es erst lernen müssen; jenen vergelte ich die Liebe, die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen bof 39 se ich, daß sie mich einst in meinem müden Alter auch nicht verlassen werden." War das nicht artig gesagt, und noch schöner und edler gedacht und gehandelt? Der Fürst belohnte die Rechtschaffenheit des wackern Mannes, sorgte für seine Söhne, und der Segen, den ihm seine sterbende Eltern gaben, wurde ihm im Alter von seinen dankbaren Kindern durch Liebe und Unterstügung redlich entrichtet. Aber ein anderer gieng mit seinem Vater, welcher durch Alter und Kranklicheit freilich wunderlich gewor den war, so übel um, daß dieser wünschte in ein Armen- Spital gebracht zu werden, das im nemlichen Orte war. Dort hoffte er wenigstens bey dürftiger Pflege von den Vorwürfen frei zu werden, die ihm daheim die lezten Tage seines Lebens verbitterten. Das war dem undankbaren Sohn ein willkommenes Wort. Ehe die Sonne hinter den Bergen hinabgieng, war dem armen alten Greis sein Wunsch erfüllt. Aber er fand im Spital auch nicht alles, wie er es wünschte. Wenigstens ließ er seinen Sohn nach einiger Zeit bitten, ihm die letzte Wohlthat zu erweisen, und ihm ein paar Leintücher zu schicken, damit er nicht alle Nacht auf blosem Stroh schlafen müßte. Der Sohn suchte die 2 schlechtesten, die er hatte, heraus, und befahl seis nem zehnjährigen Kind, sie dem alten Murrkopf ins Spital zu bringen. Aber mit Verwunderung bemerkte er, daß der kleine Knabe vor der Thür eines die. fer Tücher in einen Winkel verbarg, und folglich dem Großvater nur eines davon brachte.„ Warum hast du das gethan?" fragte er den Jungen bey seiner Zus rückkunft. Zur Aushülfe für die Zukunft," erwies derte dieser kalt und bösherzig, wenn ich euch, o Ba - وو 40 ter! auch einmal in das Spital schicken werde." Was lernen wir daraus? Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlgehe! - Das wohlfeile Mittagessen. - Es ist ein altes Sprüchwort: Wer Andern eine Grube gråbt, fällt selber darein. Aber der Loswenwirth in einem gewissen Städtlein war schon vors her darinn. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und troßig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemůß, für sein Geld. Der Wirth fragte ganz bößlich: ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe? O freilich ja, erwiederte der Gaft, wenn ich etwas Gutes haben fann für mein Geld. Nachdem er sich alles wohl hatte schmecken las sen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte:» Hier, Herr Wirth, ist mein Geld." Der Wirth sagte: Was soll das heißen? Seid ihr mir nicht einen Thaler schuldig? Der Gast erwies derte: Ich habe für keinen Thaler Speise von euch verlangt, sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab ich nicht. Habt ihr mir zu viel dafür gegeben, so ists eure Schuld.- Dieser Eins fall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur Unverschämtheit dazu, und ein unbekümmertes Ge muth, wie es am Ende ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch." Ihr seyd ein durchtriebener Schalf," erwiederte der Wirth, und hättet wohl etwas anders verdient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier noch ein Vierundzwanzig- Kreu 41 zer Stück dazu. Nur seyd stille zur Sache, und gehr zu meinem Nachbarn, dem Bärenwirth, und macht es ihm eben so." Das sagte er, weil er mit seinem Nachbarn, dem Bärenwirth, aus Brodneid im Unfrieden lebte, und einer dem andern jeglichen Tort und Schimpf gerne anthat und erwiederte. Abek der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Geld, mit der andern vorsich tig nach der Thüre, wünschte dem Wirth einen guten Abend, und sagte:„ Bey Eurem Nachbarn, dem Herrn Bärenwirth, bin ich schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein anderer." So waren im Grunde beyde hintergangen, und der dritte hatte den Nuzen, davon. Aber der listige Kunde hatte sich noch obendrein einen schönen Dank von beyden verdient, wenn sie eine gute Lehre daraus gezogen, und sich miteinander ausgesöhnt hatten. Denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt. Ausäösung des ersten Rechnungs- Exempels, und ein Zweites. Wie groß mag denn nun wohl die Baarschaft des betrogenen Mannes anfänglich gewesen seyn, den wir vorbim dreymal über die Brücke geben ließen? Jedesmal verdoppelte sich sein Geld, jedesmal mußte er auf dem Heimweg dem bösen Feind ein 24 Kreuzer Stück zum Opfer bringen. Antwort: 21 Kreuzer war seine Baarschaft, mit welcher er anfieng. Denn als sie sich das erstemal verdoppelte, hatte er 42 kr. und 24 fr. davon, bleiben 18 fr. Das zweytemal 36 kr. und 24 fr. davon, bleiben 12 kr. Das drittemal - 42 24 kr., und gerade so viel mußte er noch haben, um dem listigen Feind zum leztenmal Wort zu halten. Das war leicht zu errathen; aber folgende Aufgabe wird etwas mehr Nachdenken erfordern. Um die Osterzeit, wo jede Mutter ihren Kindern. gerne mit ein paar gefärbten Eyern eine Freude macht, verkauft eine Händlerin an ihre Nachbarsfrau die Hälfte von allen Eyern, die sie hatte, und noch ein halbes Ey dazu. Aber wohlverstanden! es darf keins zerbrochen oder getheilt werden. Es kommt die zwey, te, diese kauft vom Rest wieder die Hälfte, und ein halbes dazu. So die dritte und die vierte, jedesmal vom Rest die Hälfte, und ein halbes mehr. Am Ende hatte die Händlerin noch ein einziges Ey übrig. Jezt ist die Frage: wie groß war ihr Vorrath vom Anfang? Mancherley Regen. Der beste Regen, meint der Adjunkt, sey doch immer der, mit welchem der Himmel unsere Felder und Weinberge trånkt und den Segen fruchtbarer Zei ten sendet. Aber was sagen wir dazu, fragt der Adjunkt, wenn Schwefel oder Blut regnet, wenn Frös sche, Steine oder gar Soldaten- Hüte regnen? I. Schwefel regen. Nach den Gewittern im Frühjahr, wenn sie mit starken Regengüssen verbunden waren, sieht man oft am Rande der Lachen, die vom stehenden Regen- Was ser entstanden sind, ein gelbes Pulver, das wie kleinge. riebener Schwefel aussieht. Nun meinen ohnehin noch 43 viele Leute, daß die Gewitter von schweflichten Dunsten entstehen, die sich in den Wolken erzeugen, und bilden sich alsdann ein, es sey mit dem Regen solcher Schwefel vom Gewitter berabgefallen, und denken daran, daß ja auch schon einmal Feuer und Schwe fel vom Himmel regnete auf Sodom und Gomorra. Allein fürs erste wohnen wir Gottlob nicht in So dom und Gomorra. Für das andere fann manchmal etwas so oder so aussehen, und es ist doch etwas an ders, wie man schon oft mit Schaden erfahren hat. Und so ist auch das gelbe Pulver auf den Regenpfü en fein Schwefel: auch wenn es sich am Feuer ents zündet, nicht, sondern Blüthenstaub von den Baus men. In den Tulpen stehen inwendig im Ring herum sechs fleine Säulen, auf deren Spigen ein schwarzer Staub sizt. Wer daran riccht, bekommt daher eine schwarze Nase. Auf den Lilien ist er schön gelb, und wer an eine weisse Lilie riecht, bekommt davon eine gelbe Nase. Das ist Blüthenstaub. Er findet sich in allen Blumen und in allen Blüthen, denn er ist unentbehrlich und nothwendig, wenn aus der Blüthe Frucht und Saamen entstehen soll. Wenn es nun im Frühjahr, wo die Bäume blühen, starke Regengusse giebt, so schwemmt der Regen diesen Staub von den Blüthen ab, und dieß ist auch eine Hauptursache, waram kein gutes Obst- Jabr zu erwarten ist, wenn es viel in die Blüthen geregnet hat. Wo nun viel folcher blühenden Bäume beysammen stehen, da schwemmt auch der Regen viel solchen Blüthen Staub herab. Dieser sammelt sich alsdann wieder auf der Erde, und bleibt liegen, wenn das Wasser verdünstet, und das ist der vermeintliche Schwefelregen. Im Sommer 44 und Spátjahr, wo doch die Gewitter meistens hefftger find, wird niemand mehr etwas von Schwefelre= gen seben, weil dann das Blüben ein Ende hat. Da regnen Aepfel, Nüsse, Eicheln zc. von den schweren Aesten der Bäume herab, aber kein eingebildeter Schwefel mehr. 2. Blut regen. Im Frübiahr und im Sommer kann es wohl ges schehen, daß man hie und da viel rothe Tropfen, wie Regentropfen, noch naß oder vertrocknet auf dem Laub oder auf Gegenständen von hellerer Farbe wahr, nimmt, die auf der Erde liegen, z. B. auf Tuch, das zum Bleichen in Grasgarten ausgebreitet wird. Und weil man nicht begreifen kann, wober das koms men mag, und weil man lieber etwas unglaubliches, als etwas natürliches glaubt, so faßt mans furz und sagt, es habe Blut geregnet, und das bedeute Krieg. Allein, wie nicht alles Schwefel ist, was gelb aussiebt, so ist auch nicht alles Blut, was eine rothe Farbe hat. Dießmal geht die Sache so zu. Aus einem kleinen Ey, das den Winter über irgendwo an einer Hecke oder an einem Baumzweig klebte, brutet im Frühjahr die Sommerwärme ein kleines lebendi ges Rauplein aus. Nach wenig Wochen, wenn sich die Raupe groß und rund gefressen hat, kriecht sie irgendwo in die Höbe, wenn sie nicht schon oben ist, hängt sich mit dem Hintertheil des Körpers fest, mit dem Kopfe abwarts, streift die Raupenhülle ab, und verwandelt sich in eine eckige Gestalt, die man Puppe nennt, ohne Kopf, obne Füße und Flügel. Man fieht dem Ding nicht an, was es seyn und werden 45 soll. Aber wieder nach kurzer Zeit spaltet sich die Haut und es kommt etwas mit, kleinen zusammenge schrumpften Flügeln und einem dicken unförmlichen Hinterleib hervor, dem man wohl ansicht, daß es gern ein Schmetterling oder Sommervogel werden möchte. Nach wenigen Stunden, wo es stille ſizen bleibt, find die schönen farbigen Flügel gewachsen und ausgebreitet. Aus dem Hinterleib gehen sechs bis acht rothe Tropfen ab, die auf die Erde herabfallen, alsdann ist der Sommervogel gemacht, und flattert leicht und fröhlich in der Luft herum, und von Blume zu Blume. Das kann der liebe Gott, aus einer båßlichen und verachteten Raupe einen schönen und fröhlichen Sommervogel machen. Wo nun ganze Hecken oder Bäume im Frübiabr mit Gespinnst überzogen find, in welchem viele tausend solcher Eyer verbors gen seyn können, da brutet auch die Sonnenwärme alle auf einmal aus. Alle, die davon kommen, föns nen daher auch, wenn sie reichliche Rahrung haben, zu gleicher Zeit ihre Vollkommenheit erreichen, zu gleicher Zeit sich in Puppen verwandeln, und zu gleis cher Zeit als Schmetterlinge wieder aus der Puppe zurückkehren. Wo nun viele dergleichen nahe bensams men sind, da geben sie auch viele rothe Tropfen von sich, che sie davon fliegen. Hundert in einem Garten können schon 6- 800 Tropfen geben, und das ist alsdann der eingebildete Blut Regen. 3. Frofchregen. Man spricht auch von einem Froschregen. Aber das wird noch niemand gesehen haben, daß es Fros sche aus der Luft herab regnete. Die Sache verhält 46 - fich ganz kurz so: Im Sommer bey anhaltend trockner Size zieht sich eine Art von Landfröschen in benach barte Wälder und Buschwerke zurück, weil sie dort einen fühlern und feuchtern Aufenthalt haben, und verhalten sich ganz stille und verborgen, so daß sie nies mand bemerkt. Wenn nun ein sanfter Regen fällt, so kommen sie in zahlreicher Menge wieder hervor, und erquicken sich in dem nassen, fühlen Gras. Wer alsdann in einer solchen Gegend ist und auf einmal so viele Fröschlein sieht, wo doch kurz vorher fein eins ziges zu sehen war, der kann sich nicht vorstellen, wo auf einmal so viele Frösche herkommen; und da bilden sich einfältige Leute ein, es habe Frösche geregnet. Denn aus lieber Trägheit läßt man eher die unvernünftigsten Dinge gelten, als man sich die Müs he giebt, über die vernünftigen Ursachen dessen nachzudenken oder zu fragen, was man nicht begreifen kann. 4. Steinregen. Aber mit dem Steinregen verhält es sich anderst. Das ist keine Einbildung. Denn man hat darüber vies Ic alte glaubwürdige Nachrichten und neue Beweise, daß beld einzelne schwere Steine, bald viele mit einander von ungleicher Größe, mir nichts, dir nichts, aus der Luft herabgefallen sind. Die älteste Nachricht, welche man von solchen Ereignissen hat, reicht bis in das Jahr 462. vor Christi Geburt. Da fiel in Thracien, oder in der jetzigen türkischen Provinz Rumi, ein großer Stein aus den Lüften herab, und feit jener Zeit bis jezt, also in 2267 Jahren, hat es, so viel man weiß, 38mal Steine geregnet. 3. 3. im Jahr 1492. am 4. November fiel bey Ensisheim ein - 47 - Stein, der 260 Pf. schwer war. Im Jahre 1672. bey Verona in Italien zwey Steine von 200 und 300 Pf. Nun kann man denken, von alten Zeiten sey gut etwas erzählen. Wen kann man fragen, obs wahr sey? Aber auch ganz neue Erfahrungen geben diesen alten Nachrichten Glauben. Denn im Jahr 1789. und am 24. July 1790. fielen in Frankreich, und am 16. Juny 1794. in Italien viele Steine vom Himmel, das heißt, hoch aus der Luft berab. Und den 26, April 1803. kam bey dem Ort l'Aigle im Orne Departement in Frankreich ein Steinregen v011 2000- 3000 Steinen auf einmal mit großem Getöse aus der Luft. Sonntags den 22. May. 1808. find in Mähren Steis ne vom Himmel gefallen. Der Kaiser von Oestreich lich durch einen sachkundigen Mann Untersuchung darüber anstellen. Dies ist der Erfund. Es war ein heiterer Morgen, bis um halb sechs Uhr ein Nebel in die Luft einrückte. Die Filial. Leute von Stannern waren auf dem Weg in die Kirche, und dachten an nichts. Plößlich hörten sie drei starke Knalle, daß die Erde unter ihren Füßen zitterte; und der Nebel wurde auf einmal so dicht, daß man nur 12 Schritte weit zu sehen vernischte. Mehrere schwächere Schläge folgten nach, und lauteten wie ein anhaltend Flinten Feuer in der Ferne, oder wie das Wirbeln großer Trommeln. Das Nollen und das Pfeifen, das zwischen drein in der Luft gehört wurde, brachte daher einige Leute auf den Gedanken, jest komme die Garnison von Telisch mit turkischer Musik. An das Kanoniren dachten sie nicht. Aber während als sie vor Verwunderung und Schre 48 eken einander anfaben, fieng in einem Umkreis von unacfábr 3 Stunden ein Regen an, gegen welchen kein Mantel oder Maltersack über die Achseln schüßt. Eine Menge von Eteinen, von der Größe einer wels schen Nuß bis zu der Größe eines Kindskopfs, und von der Schwere eines halben Lothes bis zu 6 Pfund, fielen unter beständigem Rollen und Pfeifen aus der Luft, einige senkrecht, andere wie in einem Schwung. Viele Leute saben zu, und die Steine, welche sogleich nach dem Fallen aufgehoben wurden, waren warm. Die ersten schlugen nach ihrer Schwere tief in die Erde. Einer davon wurde 2 Fuß tief herausgegrahen. Die spätern ließen es beym nächsten bewenden, und fielen nur auf die Erde. Ihrer Beschaffenheit nach sind sie inwendig sandartig und grau, und von aussen mit einer schwarzen glänzenden Rinde überzogen. Die Zahl derselben kann niemand angeben. Biele mogen in das Fruchtfeld gefallen seyn, und noch in der Erde verborgen liegen. Diejenigen welche gefunden und gesammelt worden, betragen an Gewicht 2 1/2 Centner. Alles dauerte 6 bis 8 Minuten, und nach einigen Stunden verzog sich auch der Nebel, so, daß gegen Mittag alles wieder hell und ruhig war, als wenn nichts vorgegange wäre. Dieß ist die Begebenheit. Was es aber mit solchen Steinen, die vom Himmel fallen, für eine Bewandnis habe, daraus machen die Gelehrten ein Geheimniß, und, wenn man sie fragt, so sagen sie, sie wissen es nicht. 5. Hutregen. Am unbegreiflichten ist es, daß es einmal Soldat ten Hüte soll geregnet haben. Ein Bürger aus einem 49 kleinem Land Städtchen irgendwo in Sachsen soll eines Nachmittags nicht weit von einem Berg auf sei nem Felde gearbeitet haben. Auf einmal ward der Himmel stürmisch; er hörte ein entferntes Donner; die Luft verfinsterte sich; eine grosse schwarze' Wolke breitete sich am Himmel aus, und ehe der gute Mann es sich versah, fielen Hüte über Hüte rechts und links und um und an aus der Luft herab. Das ganze Feld ward schwarz und der Eigenthümer desselben bat te unter sielen hunderten die Wahl. Voll Staunen Tief er heim, erzählte was geschehen war, brachte, zum Beweis davon, so viel Hüte mit, als er in den Händen tragen konnte, und der Hutmacher des Orts mag keine große Frezde daran gehabt haben. Nach einigen Tagen erfuhr mar aber, daß hinter dem Berg in der Ebene ein Regiment Soldaten ererzirt hatte. 3u gleicher Zeit kam ein heftiger Wirbelwind oder eine sogenannte Windsbraut, rig den meisten die Hüs te von den Köpfen, wirbelte sie in die Höhe über den Berg hinüber, und ließ sie auf der andern Seite wieder falien. So erzählt man. Ganz unmöglich wäre wohl die Sache nicht. Indessen gehört doch eine starke Windsbraut und folglich auch ein starker Glaube dazu. Auflösung des zweiten Rechnungserempels. Das Räthsel von den Eyern wird schon lange cr rathen seyn. Man muß nemlich auf eine Zahl dens ken, die selber ungerade ist, und nach dem Abzug der gekauften Eyer allemal eine ungerade Zahl zum Nest zurück läßt. Und das ist hier die Zahl Ein und Dreia sig. Denn die Hälfte davon ist Fünfzehn und ein halbes, Hebels Schazkäftlein. 50 und noch ein halbes Ey dazu sind Sechszehn. Soviet Eyer kauft die erste Nachbarin und folglich bleiben Funfzehn im Rest. Die Hälfte davon sind sieben und ein halbes und noch ein halbes dazu sind acht. So viel kauft die zweite, und so bleiben noch Sieben. Von diesen wieder die Hälfte und ein balbes dazu find Vier, und es bleiben Drey, und die Hälfte von Drey mit einem halben mehr ist 3wey, und so bleiben alle Eyer ganz und die Händlerin behålt Eins im Rest. Drittes und viertes Rechnungsexempel. 3. Zwey Schafer begegnen sich mit Schaafen auf der Strasse. Hans sagte zu Friß: Gieb mir eis nes von deinen Schaafen! Alsdann hab ich noch einmal so viel als du" Frig sagt zu Hans: Nein, gieb du mir eins von deinen! Alsdann hab ich eben so viel als du." Nun ist zu errathen, wie viel ein jeder hatte. Diese Aufgabe ist klein und leicht. Folgende ist auch nicht schwer aber artig. Nur muß man richtig rechnen, und nicht irre werden, was leicht möglich ist. 4. Ein Mann hatte sieben Kinder zu einem Vermos gen von 4900 fl. Da giengen ihn die jüngern Kinder öfters an, eine Verordnung darüber zu machen, das mit sie in der Theilung nach seinem Absterben mehr bekommen sollten, als die ältern. Das kam dem guten Vater hart an, weil er eines von seinen Kindern 5I liebte wie das andere, und weil er glaubte, Gott werde den jüngern, wenn sie seißig und gut gesit tet seyen, nach seinem Tode helfen, wie er den ål tern bei seinen Lebzeiten geholfen habe. Weil sie thm aber keine Ruhe ließen, und die ältern Bru der es auch zufrieden waren, so machte er folgende Verordnung: Der älteste Sohn soll von dem ganzen Vermo gen 100 f. zum Voraus haben und von dem übrigen den achten Theil. Der zweite soll alsdann 200 fl. wegnehmen, und von dem Uebrigen wieder den achten Theil. Der dritte soll 300 fl. vor dem nachfolgenden vorausempfangen und auch wieder den achten Theil vom Rest. Und so soll jeder folgende 100 f. mehr als der erste und dann von dem übrigen den Achtel erhalten, und der Lette bekommt, was übrig bleibt, wie überall. Damit waren die Kinder zufrieden. Nach dem Tode des Vaters wurde sein letzter Wille vollzogen, und es ist nun auszurechnen, wie viel ein ieder bes kommen habe. Nühliche Lehren. I. Die Menschen nehmen oft ein kleines ungemach biel schwerer auf, und tragen es ungeduldiger, als ein grosses Unglück, und der ist noch nicht am schlimms sten daran, der viel zu flagen hat, und alle Ta ge etwas anders. Erfahrung und Uebung im Un glück lehrt schweigen. Aber wenn ihr einen Menschen wißt, der nicht klagt, und doch nicht fröhlich seyn 52 fann, ihr fragt ihn, was ihm fehle, und er sagts cuch kurz und gut, oder gar nicht, dem sucht ein gu tes Zutrauen abzugewinnen, wenn ihr es werth seyd, und rathet und helft ihm, wenn ihr könnt.2. Ist denn der Mensch deswegen so schlimm und so schlecht, weil die bösen Neigungen zuerst in seinem Herzen erwachen, und das Gute nur durch Erzie hung und Unterricht bei ihm anschlägt? Euer bester Ackerboden trägt doch auch nur Gras und Unkraut aus eigener Kraft und euer Lebenlang keine WaizenErndte; und ein dürres Sandfeld, das nicht ein, mal aus eigener Kraft Unfraut treibt, wird auch euern Fleiß und cure Hoffnung nie mit einer Fruchts garbe erfreuen. Aber wenn ihr den guten Boden ansact zu rechter Zeit, sein wartet und pfleget, wie sichs gebühret, so steigt im Morgenthau und Abends regen eine fröhliche Saat emper, und die Raden und Kornrosen und mancherley taubes Gras möchten gern, aber es kann nicht mehr empor kommen. Die gesunde Achre schwankt in der Luft, und füllt sich mit kostbaren Körnern. So ist es mit den Menschen und mit seinem Herzen auch. Was lernen wir da. raus? Man muß nicht unzeitig klagen und hadern und die Hoffnung aufgeben, che sie erfüllt werden kann. Man muß den Fleiß, die Mühe und Geduld, die man an eine handvoll Fruchthalmen gerne vers wendet, an den eigenen Kinder sich nicht verdrüßen lassen. Man muß dem Unkraut zuvorkommen, und guten Saamen, schöne Tugenden in das weiche zarte Herz hineinpflanzen, und Gott vertrauen, so wirds besser werden. 53 3. - Man vergist im menschlichen Leben nichts so leicht, als das Multipliciren, wenn man es noch so gut in der Schule gelernt hat und kann. Und doch lernt man in der Schule für das Leben, und die Weiss heit besteht nicht im Wissen, sondern in der rechten Anwendung und Ausübung davon. Es kann jemand einen Tag in den andern nur eis nen Groschen unnöthigerweise ausgeben. Mancher, der den Groschen übrig hat, thut es, und meynt, es sey nicht viel. Aber in einem Jahre sind es 365 Groschen, und in dreißig Jahren 10950 Groschen. Facit 547 f. 30 fr. weggeworfenes Geld, und das ist doch viel. Ein anderer kann einen Tag in den andern zwey Stunden ynnüß und im Müßiggang zubringen, und meynt jedesmal, für heute lasse es sich verantworten. Das multiplicirt sich in eim Jahr zu 730 Stunden und in dreißig Jahren zu 21900 Stunden. Facit 912 verlohrene Tage des kurzen Lebens. Das ist noch mehr als 547 fl. wer's bedenkt.- Die Erde bat, 5400 deutsche Meilen, oder 10800 Stunden im Umkreis. Das ist ein weiter Weg. Aber wenn man in gerader Linie fortgehen könnte, und es wollte jes mand jeden Tag nur eine Stunde davon zurücklegen, so könnte er im dreyßigsten Jahr wieder daheim seyn. Daraus ist zu lernen, wie weit ein Mensch in seis nem Leben es nach und nach bringen kann, wenn er zu einem múzlichen Geschäft jeden Tag nur eine Stuns de anwenden will, und wie viel weiter noch, wenn er alle Tage dazu benutzt, besser und vollkommener zu 54 werden, und sein eigenes Wohl und das Wohl der Seinigen zu befördern. Aber wer nie anfängt, der hort nie auf, und wem Wenig auf einmal nicht genug ist, der erfährt nie, wie man nach und nach zu Vies Icm kommt. 4. Zum Erwerben eines Glücks gehört Fleiß und Ge duld, und zu Erbaltung desselben gehört Mäßigung und Vorsicht. Langsam und Schritt für Schritt steigt man eine Treppe hinauf. Aber in einem Augenblick fällt man hinab, und bringt Wunden und Schmerzen genug mit auf die Erde. Guter Rath. Was ich jest sagen will, wird manchen, der es liest, geringfügig und vielleicht lächerlich scheinen; aber es ist nicht lächerlich; und mancher, der es liest, wird meynen, ich habe ihn leibbaftig gesehen und es ware wohl möglich. Doch weiß ich's nicht, und will niemand besonders meynen. Es giebt Ge genden hin und wieder, wo die Männer und Jung, linge im Ganzen recht gesund und stark aussehen, wie es bey guter Arbeit und einfacher Nahrung mög lich und zu erwarten ist. Sie baben eine gesunde Gesichtsfarbe, eine starke Brust, breite Schultern, guten Wuchs, furz, der ganze Körperbau ist wohl, propertionirt und tadellos, bis unter die Knice. Da fommts auf einmal so dünn und so schwach bis zu den Füssen hinab, und man meynt, die armen Beis ne müssen zusammen brechen unter der schweren Last, die sie zu tragen haben. Das wißt ihr wohr: Man 55 chem, der sich vor dem Spiegel einbildet, ein hübscher Knabe zu seyn, geht es wie dem Pfau, wenn er auf seine Füße schaut, und deßwegen zieht ihr die starken ledernnen Riemen, mit welchen ihr die Strümpfe unter dem Knie zu binden pflegt, immer fester an, und setzt ihn in eine Schnalle ein, wo er nie nachgeben kann, damit das Fleisch ein wenig an schwellen, sich heraus heben, und etwas gleichsehen soll, und eben daber kommts. Denn der ganze mensch liche Körper und alle seine Glieder erhalten ihre Nahrung von dem Blut. Deswegen lauft das Blut unaufhörlich von dem Herzen weg, zuerst in grossen Adern, die sich nachher immermehr in unzählig viele kleine Acderlein vertheilen und vervielfältigen, durch alle Theile des Körpers bis in die äußersten Glieder hinaus, und kehrt aisdann durch andere Acderlein, die wieder zusammen geben, folglich grösser und an der Zahl weniger werden, zu dem Herzen zurück, und das geht unaufhörlich so fort, so lange der Mensch lebt, und auf diesem Wege giebt das Blut dem Fleisch, den Knochen und allen Theilen des Körvers ihre Nahrung, ihre Kraft und Ausfüllung, und wird selber wieder auf eine andere Art durch tägliche Speise und Trant erhalten und ersezt. Es geht da fast so zu, wie bei einer wohleingerichteten Wasserleitung. Da wird das Wasser aus dem größferen Strom in kleinere Stanåle fortgeleitet. Aus diesen vertheilt es sich immermehr in kleinere Bache und Bächlein, dann in Rausen, und endlich findet es jeden Grasbalm auf einer Wiese, Klee und Ha, bermark, Liebfrauen Mantelein, und was darauf wächst, und giebt ihm seine Erquicung. Aber wo 56 wenig Wasser hinkommt, da bleiben auch die Pflan zen klein und schlecht, und was kann davor seyn? So ist es mit dem menschlichen Körper ungefähr auch, und je weniger derselbe durch die Kleidung gedrückt oder eingeengt wird, desto freier und reichlicher kann sich auch das Blut durch seine Adern bewegen, desto besser werden auch alle Theile des Körpers mit dem Wachsthum zu ihrer Kraft und Vollkommenheit ges langen und darin erhalten werden. Wenn ihr aber einen Arm oder ein Bein unterbindet und den Blutlauf aufhaltet, so wird auch diesem Glied scine Nahs rung entzogen. Das geschieht nun, wenn man von früher Kindheit an, die Beine unter dem Knie mit einem ledernen Riemen durch eine Schnalle so fest bindet. Die feinen und größern Adern werden zus fammengepreßt, cs fann nicht so viel Blut ab und aufsteigen als nöthig ist, die Knochen kommen daher kaum zu ihrer gehörigen Stärke und es setzt sich nicht genug Fleisch und Fett um dieselben an. Da zicht man nun den Riemen immer fester an, und das hilft ein wenig zum Schein, macht aber eigentlich nur aus Uebel Aerger, wie es immer gebt, wenn man nur auf den Schein sieht und zur Abhülfe eines Fehlers oder Gebrechens die rechten Mittel nicht zu wissen verlangt und mit den nächsten besten sich begnügt. Mein guter Rath wäre also der: Jbr follt's machen wie andere vernünftige Leute auch. Man binde die Strümpfe mit geschmeidigern Ban dern über dem Knie, oder wenn man bei der alten Weise bleiben will; so ziebe man wenigstens die Riemen nicht fester an als nöthig ist, um die Strüm pfe oben zu erhalten. Man muß nie mehr Kraft 57 anwenden, and mehr thun als nöthig ist, um seis nen vernünftigen Zweck zu erreichen. Besonders mús fen die Eltern frübe darauf sehen, daß ihre Kinder die Strümpfe nicht zu fest binden. Alsdann wird das Blut seinen Weg schon finden, und den Gliedera die Nahrung und Stärke geben, die ihnen gebührt. Diß ist mein guter Rath; und wer keinen Glauben daran hat, der frage nur einen Arzt oder den Herrn Pfarrer; die mugens auch wissen. Aber folgen muß man alsdann. Denn wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen. Das Mittagessen im Hof. Man flagt häufig darüber, wie schwer und unmögs lich es sey, mit manchen Menschen auszukommen. Das mag denn freylich auch wahr seyn. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich, und wenn man sie nur immer recht kennte, inwendig und auswendig, und recht mit ih nen umzugehen wußte, nie zu eigensinnig und nie zu nachgebend, so wäre mancher wohl und leicht zur Be finnung zu bringen. Das ist doch einem Bedienten mit seinem Herrn gelungen. Dem konnte er manch mal gar nichts recht machen, und mußte vieles cut= gelten, woran cr unschuldig war, wie es oft gebt. So fam einmal der Herr sehr verdrüßlich nach Hause, und setzte sich zum Mittagessen. Da war die Suppe zu beiß oder zu kalt, oder feines von beiden; aber genug, der Herr war verdrüßlich. Er faßte daher die Schüssel mit dem, was darinnen war, und warf fie durch das offene Fenster in den Hof hinab. Was 58 Verwegener, was soll das und fuhr mit drobendem Aber der Bediente erwies that der Diener? Kurz besonnen warf et. das Fleisch, welches er eben auf den Tisch stellen wollte, mir nichts, dir nichts, der Suppe nach, auch in den Hof hinab, dann das Brod, dann den Wein, und eni lich das Tischtuch mit allem, was noch darauf war, auch in den Hof hinab. seyn?" fragte der Herr, Zorn von dem Sessel auf. derte kalt und rubig: Verzeihen Sie mir, wenn ich Jbre Meynung nicht errathen habe. Ich glaubte nicht anders, als Sie wollten heute in dem Hof speis sen. Die Luft ist so beiter, der Himmel so blau, und sehen Sie nur, wie lieblich der Apfelbaum blüht, und wie fröhlich die Bienen ihren Mittag halten;- Diesmal die Suppe hinabgeworfen, und nimmer! Der Herr erkannte seinen Fehler, heiterte sich im Anblick des schönen Frühlingshimmels auf, lächelte heimlich über den schnellen Einfall seines Aufwärs ters und dankte ihm im Herzen für die gute Lehre. Der kluge Richter. Daß nicht alles so uneben sey, was im Morgens lande geschieht, das haben wir schon einmal gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetras gen haben: Ein reicher Mann batte eine betracht, liche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenähet war, aus Unvorsichtigkeit verlohren. Er machte daber seis nen Verlust bekannt, und bot, wie man zu thun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Thalern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. Dein 59 Geld habe ich gefunden. Dieß wirds wohl seyn! So nimm dein Eigenthum zurück!„ So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verlohren geschäßtes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld, und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seis ne versprochene Belohnung bringen könnte. Guter Freund" sprach er hierauf, es waren eigentlich 800 Thlr. in dem Tuch eingenähet. Ich finde aber nur noch 700 Thlr. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und eure 100 Thlr. Belohnung schon heraus genommen haben. Da habt ihr wohl daran gethan. Ich danke euch." Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten und Unrecht schlägt seinen eiges nen Heren. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100 Thlr. als um seine unbescholtene Rechtschaf fenheit zu thun war, versicherte, daß er das Packlein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie ers gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den Richter. Beyde bestunden auch hier noch auf ihrer Behauptung, der eine, daß 800 Thlr. seyen eingenåht gewesen, der andere, daß er von dem Gefun denen nichts genommen und das Packlein nicht ver sehrt habe. Da war guter Rath theuer. Aber der kluge Richter, der die Ebrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum Vor aus zu kennen schien, grief die Sache so an: Er ließ fich von beiden, über das was sie aussagten, eine бо fefte und feierliche Versicherung geben, und that hiers auf folgenden Ausspruch: Demnach, und wenn der eine von euch 800 Thlr. verloren, der andere aber nur ein Påklein mit 700 Thir. gefunden hat, so kann auch das Geld des Lettern nicht das nemliche seyn, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlis cher Freund nimmst also das Geld, welches du ges funden hast, wieder zurük, und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Thlr. verloren hat. Und dir da weiß ich keinen Rath, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deis ne 800 Thlr. findet." So sprach der Richter, und dabei blieb es. Der Mensch in Kålte und F. Der Mensch fann nichts núßlicheres und besseres kennen lernen, als sich selbst und seine Natur; und manchem, der bei uns an einem heisen Sommertage fast verschmachten will, oder im falten Jenner sich nicht getraut, vom warmen Ofen wegzugeben, wird faum glauben können, was ich sagen werde, und doch ist es wahr. Bekanntlich ist die Wärme des Sommers und die Kälte des Winters nicht in allen Gegenden der Erde gleich, auch kommen sie nicht an allen Orten zu glei cher Zeit, und sind nicht von gleicher Dauer. Es giebt Gegenden, wo der Winter den größten Theil des ganzen Jahrs Herr und Meister ist, und ents seglich streng regiert, wo das Wasser in den Seen 10 Schuh tief gefriert, und die Erde selbst im Sommer nicht ganz, sondern nur einige Schuh tief auf 61 thaut, weil dort die Sonne etliche Monate lang gar nicht mehr scheint, und ihre Strahlen auch im Soma mer nur schief über den Boden hingleiten. Und wiederum gibt es andere Gegenden, wo man gar nichts von Schnee und Eis und Winter weiß, wo aber auch das Gefühl der höchsten Sommerbige fast unerträg lich seyn muß, zumal wo es tief im Land an Gebirgen und großen Flügen fehlt, weil dort die Senne den Einwohnern gerade über den Köpfen sicht, und ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die Erde hinabwirft. Es muß daher an beiderlei Orten auch noch manches anders seyn, als bey uns, und doch leben. und wohnen Menschen, wie wir sind, da und dort. Keine einzige Art von Thieren hat sich von selber so weit über die Erde ausgebreitet, als der Mensch. Die falten und die heißen Gegenden haben ihre eigenen Thiere, die ihren Wohnort freiwillig nie verlass sen. Nur sehr wenige, die der Mensch mitgenommen bat, sind im Stande, die größte Hize in der einen Weltgegend und die grimmigste Kälte in der andern auszuhalten. Auch diese leiden sehr dabei, und die andern verschmachten oder erfrieren, oder sie verbun» gern, weil sie ihre Nahrung nicht finden. Auch die Pflanzen und die stärksten Bäume kommen nicht auf der ganzen Erde fort, sondern sie bleiben in der Ges gend, für welche se geschaffen sind, und selbst die Tanne und die Eiche verwandeln sich in den fåltes fen Ländern in ein niedriges unscheinbares Gesträuch und Gestruppe auf dem ebenen Boden, wie wirs auf unsern hohen kahlen und kalten Bergen auch bisweis len wahrnehmen. Aber der Mensch hat sich überall ausgebreitet, wo nur ein lebendiges Wesen fortkoms 62 uten kann, ist überall daheim, liebt in den heisesten und kältesten Gegenden sein Vaterland und die Heis math, in der er geboren ist, und wenn ihr einen Wilden, wie man sie nennt, in eine mildere und schönere Gegend bringt, so mag er dort nicht leben und nicht glüklich seyn. So ist der Mensch. Seine Natur richtet sich allmählig und immer mehr nach der Gegend, in welcher er lebt, und er weiß wieder durch seine Vernunft seinen Aufenthalt einzurichten, und so bequem und angenehm zu machen, als es möglich ist. Das muß der Schöpfer gemeynt haben, als er über das menschliche Geschlecht seinen Segen aussprach.„ Seyd fruchtbar und mehret euch, und erfüllet( oder bevölkert) die Erde, und machet sie euch unterthan." Ich will jest einige Beispiele anführen, was für hohe Kälte und Hiße die Menschen aushalten können. Zu Jenifeiss in Siberien trat einst im Jenner 1735 eine solche Kälte ein, daß die Sperlinge und andere Vögel todt aus der Luft herabfielen, und alles, was in der Luft gefrieren konnte, wurde zu Eis, und doch leben Menschen dort. Zu Krasnaiarsk ebenfalls in Siberien, wurde im Jahr 1772 den 7 December die Kälte so heftig, daß eine Schaale voll Qucksilber, welches man in die freye Luft setzte, in ein festes Metall zusammengefror. Man konnte es wie Bley biegen und hammern, und doch hielten es Menschen aus. Eine ähnliche Kälte erlitten einst die Engländer in Nord Amerika an der Hudsonsbay. Da fror ihnen selbst in den geheizten Stuben der Brantewein in Eis zusammen. Sie konnten ihn nicht flüßig erhal 63 ten. In den langen dunkeln Wintertagen erleuchtete man die Stuben mit glübenden Kanonenkugeln, und die starke Ofenbize daneben konnte doch nicht hindern, daß nicht die Wände und Bettstätten mit Eis und Duft überzogen wurden. Was für eine Hize bingegen wieder die nemliche Menschen Natur aushalten kann, das sehen wir schon an unsern Feuerarbeitern, zum Beispiel in Glashüts ten, Eisenschmelzen, Hammerschmidten, wo die Leu te sich durch schwere Arbeit noch mehr erhigen müss sen. Im Breitlingen, das ist eine Erzgrube am Tams melsberg in Sachsen, mußte das feste Gestein unter Der Erde durch Feuer mürbe gemacht werden. Da sind nun viele schweflichte Theile und Dünste, die in Entzündung gerathen, und eine so erstaunliche und unerträgliche Hize verursachen, daß die Bergleute selbst noch den Tag nach der Löschung des Feuers nakt arbeiten und alle Stunde innehalten und sich wieder abkühlen müssen. Manche Personen, die in Krankheiten viel aufs Schwizzen halten, kriechen in einen heißdünftigen Backofen, wenn das Brod herausgenommen ist, lassen nur so viel Oeffnung zu, als zum Athemholen nöthig ist, und schwitzen so nach Herzenslust. Das mag nun freylich nicht viel nutzen, und ein vernünftiger Arzt wird es nicht gros loben. Wer das aber weiß, der wird nun folgende wahre Erfahrungen nicht mehr so unglaublich finden. Vier bekannte und berühmte Männer, ließen einst ein klei nes Zimmer so stark erbizen, als nur möglich war. Da tam die Hiße der Luft fast der Hitze des kochenden Wassers gleich. Und doch hielten dieselben sie 10 64 Minuten lang aus, wiewohl nicht ohne Beschwerden. Einer von ihnen trieb den Versuch noch weiter. In einer Hize, wo frische Eier in 10 Minuten in der Luft hart gebacken wurden, bielt er 8 Minuten aus. Das war nun freylich eine gemachte fünftliche Hize. Aber auch in der Natur gebt es manchen Or ten nicht viel besser. So webt bisweilen in beißen Gegenden auf einmal ein so trockener und heißer Wind von den Eandwüsten her, daß die Blätter an den Bäumen, wo er durchzieht, augenblicklich versengt werden und abdorren. Menschen, die alsdann im Freyen sind, müßen sich freylich ohne Verzug mit dem Gesicht auf die Erde niederlegen, damit sie nicht ers sticken, und haben gleichwohl noch viel dabei auszustchen. Selbst in geschlossenen Zimmern fann man sich vor Mattigkeit fast nicht mehr bewegen. Aber gleichwohl übersteht man es, wenn man vorsichtig ist und Erfahrungen benut. Wenn man so etwas liest oder hört, so lernt man doch zufrieden seyn daheim, wenn sonst schon nicht alles ist, wie man gerne mögte. Der schlaue Husar. Ein Husar im legten Kriege wußte wohl, daß der Bauer, dem er iezt auf der Straße entgegen gieng, 100 fl. für geliefertes Heu eingenommen hatte, und heimtragen wollte. Deswegen bat er ihn um ein klei nes Geschenk zu Tabak und Branntwein. Wer weiß, ob er mit ein paar Bazen nicht zufrieden gewesen wa rc. Aber der Landmann versicherte und betheuerte bei Himmel und Hölle, daß er den eigenen lezten Kreu 65 zer im nächsten Dorfe ausgegeben, und nichts mehr übrig habe.„ Wenns nur nicht so weit von meinem Quartier wäre," sagte hierauf der Husar, so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du hast nichts, ich hab nichts; so müssen wir den Gang zum heil. Alfonsus doch machen. Was er uns heute beschert, wollen wir brüderlich theilen." Dieser Alfonsus stand in Stein ausgehauen in einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg. Der Landmann hatte Anfangs keine große Lust zu dieser Wallfahrt. Aber der Hufar nahm keine Vorstellung an, und versicherte unters wegs seinen Begleiter so nachdrücklich, der heil. Alfonsus habe ihn noch in keiner Notb stecken lassen, daß dieser selbst anfieng Hoffnung zu gewinnen. Vermuthlich war in der abgelegenen Kapelle ein Camerad und Helfershelfer des Husaren verborgen? Nichts weniger! Es war wirklich das steinerne Bild des Alfonsus, vor welchem sie jest niederknieten, wäh rend der Husar gar andächtig zu beten schien.„ Jezt, sagte er seinem Begleiter ins Ohr, jest hat mir der Heilige gewinkt." Er stand auf, gieng zu ihm hin, hielt die Ohren an die steiner Lippen, und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter zurük.„ Einen Gulden hat er mir geschenkt, in meiner Tasche müße er schon stecken." Er zog auch wirklich zum Erstaunen des andern einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und theilte ihn verspro chenermaßen brüderlich zur Hälfte. Das leuchtete dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, daß der Husar die Probe noch einmal machte. Alles gieng das zweitemal wie zuerst. Nun kam der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurük.„ HunHebels Schatkäntein. 5 66 dert Gulden hat uns jezt der gute Alfonsus auf ein mal geschenkt. In deiner Tasche müssen sie stecken." Der Bauer wurde todesblas, als er dies hörte, und wiederholte seine Versicherung, daß er gewiß keinen Kreuzer habe. Allein der Husar redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem heil. Alfonsus ha ben, und nachsehen. Alfonsus habe ihn noch nie getäuscht. Wollte er wohl oder übel, so mußte er seine Taschen umkehren und leer machen. Die Hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher dem schlauen Husaren die Hälfte von seinem Gulden abgenommen, so mußte er iezt auch seine Hundert Gulden mit ihm theilen, da half kein Bit ten und kein Fleben. Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer Kapelle. Sommerlied. Blaue Berge! Von den Bergen strömt das Leben. Reine Luft für Mensch und Wieh; Wafferbrunn, in spat und früh Müßen uns die Berge geben. Frische Matten! Grüner Klee und Dolden schießen; An der Schmehle schlank und sein Glänzt der Thau wie Edelstein, Und die klaren Báchlein fließen. Schlanke Bäume! Muntrer Vögel Melodeien Tonen im belaubten Reiß, Singen laut des Schöpfers Preis. Kirsche, Birn und Pflaum gedeihen. 67 Grüne Saaten! Aus dem zarten Blatt enthüllt sich Halm und Aehre, schwanket schön, Wenn die milden Lüfte wehn, Und das Körnlein wächst und füllt sich. An dem Himmel Strahlt die Sonn im Brautgeschmeide, Weiße Wolklein steigen auf, Siehn dahin im stillen Lauf. Gottes Schäflein gehn zur Waide. Herzensfrieden, Woll ihn Gott uns allen geben! O dann ist die Erde schön. In den Gründen, auf den Höh'n Wacht und singt ein frohes Leben. Schwarze Wetter Ueberziehn den Himmelsbogen, Und der Vogel singt nicht mehr. Winde rausen hin und her, Und die wilden Wasser wogen. Rothe Blike Sufen hin und zuken wieder Leuchten über Wald und Flur. Bange harrt die Creatur. Donnerschläge stürzen nieder. Gut Gewissen, Wer es hat, und wer's bewachet, In den Blik vom Weltgericht, Schaut er, und erbebet nicht, Wenn der Grund der Erde krachet. 68 Der Maulwurf. Unter allen Thieren, die ihre Jungen säugen, ist der Maulwurf das einzige, das seiner Nahrung allein in dunkeln Gängen unter der Erde nachgebt. Und an dem einen ist's zu viel, wird mancher sas gen, der an seine Felder und Wiesen denkt, wie sie mit Maulwurfs Hügeln vedeft sind, wie der Boden zerwühlt und durchlöchert wird, wie die Gewächse oben absterben, wenn das heimtükische Thier unten an den Wurzeln weidet. Run so wollen wir denn Gericht halten über den Missethäter. Wahr ist es, und nicht zu läugnen, daß er durch feine unterirdischen Gänge bin und wieder den Bos den durchwühlt, und ihm etwas von seiner Festigkeit raubt. Wahr ist es ferner, daß durch die herausgestoße nen Grundhaufen viel fruchtbares Land bedeckt, und die darunter liegenden Keime im Wachsthum gehin dert, ja erstickt werden können. Dafür ist jedoch in einer fleißigen Hand der Rechen gut. Aber wer bat's gesehen, daß der Maulwurf die Wurzeln abfrist? wer fann's behaupten? Nun, man sagt so: Wo die Wurzeln abgenagt sind und die Pflanzen sterben, wird man auch Maul würfe finden; und wo feine Mautwürfe sind, ges schicht das auch nicht. Folglich thuts der Maulwurf. Der das sagt, ist vermuthlich der Nemliche, der einmal so behauptet hat: Wenn im Frühlinge die Frösche zeitlich quafen, so schlägt auch das Laub bei Beuten aus. Wenn aber die grösche lange nicht qua 69 fen wollen, so will auch das Laub nicht kontmen. Folglich quaken die Frösche das Laub heraus. Seht doch, wie man sich irren fann! Aber da kommt ein Advokat des Maulwurfs, ein erfahrner Landwirth und Natur Beobachter, der sagt so: Nicht der Maulwurf frist die Wurzeln ab, son, dern die Quadten oder die Engerlinge die unter der » Erde sind, aus welchen bernach die Maykäfer und anderes Ungeziefer kommen. Der Maulwurf aber frißt die Quadten, und reinigt den Boden von die. >> sen Feinden.* Jezt wird es also begreiflich, daß der Maulwurf immer da ist, wo das Gras und die Pflanzen frank sind und absterben, weil die Quadten da sind, denen er nachgeht und die er verfolgt. Und dann muß er's gethan haben, was diese anstellen, und bekommt für eine Wohlthat, die er euch erweisen will, des Hen fers Dant. „ Das hat wieder einer in der Stube erfunden, oder aus Büchern gelernt, werdet ihr sagen, der noch keinen Maulwurf gesehen bat." - Halt, guter Freund! der das sagt, kennt den Maulwurf besser als ihr alle, und eure besten Scheermäuser, wie ihr sogleich sehen werdet. Denn ihr könnt zweyertei Proben anstellen, ob er die Wahrheit fagt. » Erstlich, wenn ihr dem Maulwurf in den Mund schaut." Denn alle vierfüßigen oder Säugibiere, welche die Natur zum Nagen am Phanzenwerk bes stellt hat, haben in jeder Kinnlade, oben und unten, nur zwei einzige, und zwar scharfe Vorderzähne, und 70 gar keine Eckzåbne, sondern eine Lücke bis zu den Stockzähnen. Alle Naubthiere aber, weiche andere Thiere fangen und fressen, haben sechs und mehr spits zige Vorderzähne, dann Eckzähne auf beiden Seiten, und hinter diesen zahlreiche Stockzåbne. Wenn ihr nun das Gebiß eines Maulwurfs betrachtet, so wer det ihr finden: Er hat in der obern Kinnlade sechs und in der untern acht spizige Vorderzähne und hinst ter denselben Eczähne auf allen vier Seiten, und daraus folgt: Er ist kein Thier, das an Pflanzen nagt, sondern ein kleines Raubthier, das andere Thiere frist. „ Zweitens, wenn ihr einem getödteten Maulwurf den Bauch aufschneidet, und in den Magen schaut." Denn was er frist, muß er im Magen haben, und was er im Magen hat, muß er gefressen haben. Nun werdet ihr, wenn ihr die Probe machen wollt, nie Wurzelfasern oder so etwas in dem Magen des Maulwurfs finden, aber immer die Haute von Engerlingen, Regenwärmern und anderm Ungeziefer, das unter der Erde lebt. Wie sieht's jezt aus? Wenn ihr also den Maulwurf recht fleißig verfolgt, und mit Stumpf und Stiel vertilgen wollt, so thut ihr euch selbst den größten Schaden und den Engerlin. gen den größten Gefallen. Da können sie alsdann ohne Gefahr eure Wiesen und Felder verwüsten, wach sen und gedeihen, und im Frühjahr kommt alsdann Der Maykäfer, frist euch die Baume kabl wie Besenreis, und bringt euch zur Vergeltung auch des Gukuts Dank und Lohn. So sieht's aus. 7I Der Zahnarzt. Zwey Tagdiebe, die schon lange in der Welt mit einander herumgezogen, weil sie zum arbeiten zu tråg, oder zu ungeschickt waren, kamen doch zuletzt in grosse Roth, weil sie wenig Geld mehr übrig batten, und nicht geschwind wußten, wo nehmen. Da geriethen sie auf folgenden Einfall: Sie bettelten vor einigen Hausthüren Brod zusammen, das sie nicht zur Stillung des Hungers genießen, sondern zum Betrug mißbrauchen wollten. Sie fnetteten nemlich und drehten aus demselben lauter kleine Kügelein oder Pil len, und bestreuten sie mit Wurmmehi aus altem zerfressenem Holz, damit sie völlig aussaben wie die gelben Arznei Pillen. Hierauf kauften sie für ein paar Ba zen einige Vogen rothgefärbtes Papier bei dem Buchs binder( denn eine schöne Farbe muß gewöhnlich bei jedem Betrug mithelfen:) Das Papier zerschnit ten sie alsdann und wickelten die Pillen darein, je sechs bis acht Stücke in ein Päcktein. Nun gieng der cine voraus in einen Flecken, wo eben Jahre markt war, und in den rothen Löwen, wo er viele Gäste anzutreffen boffte. Er forderte ein Glas Wein, tranf aber nicht, sondern sas ganz wehmüthig in einen Winkel, hielt die Hand an den Backen, wins felte halb laut für sich, und fehrte sich unruhig bald so her, bald so hin. Die ehrlichen Landleute und Bürger, die im Wirthshaus waren, bildeten sich wohl ein, daß der arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben müße. Aber was war zu thun?. man bedauerte ihn, man tröstete ihn, daß es schon wieder vergehen werde, trank sein Gläslein fort, und 72 machte seine Marktaffairen aus. Indessen tam der andere Tagdieb auch nach. Da stellten sich die bei den Schelme, als ob noch keiner den andern in seis nem Leben gesehen hätte. Keiner sab den andern an, bis der Zweite durch das Winseln des Erstern, der im Winkel fas, aufmerksam zu werden schien.„ Gu ter Freund, sprach er, ihr scheint wohl Zahnschmerzen zu haben?" und gieng mit großen und langsamen Schritten auf ihn zu.„ Ich bin der Doctor Schnauzius Rapunzius von Travalgar," fuhr er fort. Denn solche fremde volltönige Namen müssen auch zum Betrug behülsich seyn, wie die Farben. Und wenn ihr meine Zahnpillen gebrauchen wollt, fuhr er fort, so soll es mir eine schlechte Kunst seyn, euch mit einer höchstens zweyen, von euren Leiden zu befreyen." „ Das welle Gott," erwiederte der andere Halunk. Hierauf zog der saubere Doctor Napunzius eines von seinen rothen Packlein aus der Tasche, und verordnete dem Patienten ein Kugelein daraus auf den bösen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu beisen. Jest streckten die Gäste an den andern Tischen die Köpfe herüber, und einer um den andern kam herbei um die Wunderkur mit ans zusehen. Nun könnt ihr euch vorstellen, was geschah. Auf diese erste Probe wollte zwar der Patient wes nig rühmen, vielmehr that er einen entseßlichen Schrey. Das gefiel dem Doctor. Der Schmerz, fagte er, sen jetzt gebrochen, und gab ihm geschwind die zweite Pille zu gleichem Gebrauch. Da war nun plößlich aller Schmerz verschwunden. Der Pas tient sprang vor Freuden auf, wischte den Angstschweiß von der Stirne weg, obgleich keiner daran 73 war, und that, als ob er feinem Retter zum Danke etwas Nahmhaftes in die Hand drükte. Der Streich war schlau angelegt, und that seine Wirkung. Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen Pillen haben. Der Doctor bot das Pak. lein für 24 Kreuzer, und in wenig Minuten waren alle verkauft. Natürlich giengen jezt die zwei Schels me wieder einer nach dem andern weiters, lachten, als sie wieder zusammen kamen, über die Einfalt dies fer Leute, und ließen sich's wohl seyn von ihrem Geld. Das war theures Brod. So wenig für 24 fr. bekam man noch in feiner Hungersnoth. Aber der Geldverlust war nicht einmal das Schlimmste. Denn die Weichbrod. Kügelein wurden natürlicher Weise mit der Zeit steinhart. Wenn nun so ein armer Bes trogener nach Jahr und Tag Zahnwch bekam, und in gutem Bertrauen mit dem franken Bahn einmal und zweimal darauf biß, da denke man an den entsetzlichen Schmerz, den er, statt geheilt zu werden, sich selbst für 24 Kreuzer aus der eigenen Tasche machte. Daraus ist also zu lernen, wie leicht man kann betrogen werden, wenn man den Vorspiegelungen icdes hers umlaufenden Landstreichers traut, den man zum ers stenmal in seinem Leben sicht, und vorher nie, und nachher nimmer; und mancher, der dieses ließt, wird vielleicht denken: So einfältig vin ich zu meinem eigenen Schaden auch schon gewesen." Merke: Wer so etwas kann, weiß an andern Orten Geld zu verdienen, lauft nicht auf den Dörfern, und Jahrmärkten herum mit Löchern im Strumpf, oder mit einer weißen Schnalle im rechten Schuh, und am linten mit einer gelben. 74 Nühliche Lehren. 5. „ Ein Narr fragt viel, worauf fein Weiser antwortet." Das muß zweimal wahr seyn. Fürs Erste kann gar wohl der einfältigste Mensch eine Frage thun, worauf auch der Weiseste keinen Bescheid zu geben weiß. Denn Fragen ist leichter als Antworten, wie Fordern oft leichter ist, als Gehen, Rufen leichter, als Kommen. Für's andere könnte manchmal der Weise wohl eine Antwort geben, aber er will necht, weil die Frage einfältig ist, oder wortwizig, oder weil sie zur Unzeit kommt. Gar oft erkennt man ohne Mübe den einfältigen Menschen am Fragen und den Verständigen am Schweigen.„ Ke is ne Antwort ist auch eine Antwort." Von dem Doctor Luther verlangte einst iemand zu wissen, was wohl Gott vor Erschaffung der Welt die lange, lange Ewigkeit hindurch gethan habe. Dem erwies derte der fromme und wißige Mann in einem Birs kenwald sey der liebe Gott gesessen und habe zur Be strafung für solche Leute, die unnüße Fragen thun, Ruthen geschnitten." 6. „ Rom ist nicht in einem Tage erbaut. worden." Damit entschuldigen sich viele fahrläs fige und träge Menschen, welche ihr Geschäft nicht treiben und vollenden mögen, und schon müde sind, che sie recht anfangen. Mit dem Rom ist es aber ei gentlich so zugegangen. Es baben viele fleißige Hans de viele Tage lang vom frühen Morgen bis zum spåten. Abend unverdrossen daran gearbeitet, und nicht 75 abgelassen, bis es fertig war und der Hahn auf dem Kirchthurm stand. So ist Rom entstanden. Was du zu thun hast, machs auch so! 7 » Frisch gewagt ist halb gewonnen." Daraus folgt: Frisch gewagt ist auch halb verlos ren." Das kann nicht fehlen. Deswegen fagt man auch: Wagen gewinnt, Wagen verliert." Was muß also den Ausschlag geben? دو arufung, ob man die Kräfte habe zu dem, was man wagen will, Ueberlegung wie es anzufangen sey, Benutzung der günstigen Zeit und Umstände, und hintennach, wenn man sein muthiges A. gesagt hat, ein besonnenes B., und sein bescheidenes C. Aber so viel mug wahr bleis ben: Wenn etwas Gewagtes soll unternommen werden, und fann nicht anders seyn, so ist ein frischer Muth zur Sache der Meister, und der muß dich durchreißen. Aber wenn du immer willst, und fangst nie an, oder du hast schon angefangen, und es reut dich wieder, und willst, wie man sagt, auf dem trofenen Lande ertrinken, guter Freund, dann ist schlecht gewagt ganz verloren." 8. " Es ist nicht alles Gold, was glänzt.cc Mancher, der nicht an dieses Sprichwort denkt, wird betrogen. Aber eine andere Erfahrung wird noch öfter vergessen: Manches glänzt nicht und ist doch Gold," und wer das nicht glaubt, und nicht daran denkt, der ist noch schlimmer daran. In einem wohlbestellten Acker, in einem gut eingerichteten Gewerbe ist viel Gold verborgen, und eine fleißige Hand weiß es zu finden, und ein ruhiges Herz dazu und ein gutes Gewißfen glänzt auch nicht, und ist noch mehr als Goldes werth. 76 Oft ist gerade da am wenigsten Gold, wo der Glanz und die Brahlerei am größten ist. Wer viel Lerm mack, hat wenig Muth. Wer viel von seinen ThaTern redet, hat nicht viel. Einer prablte, er habe ein ganzes Simri( Sefter) Dukaten daheim. Als er fie zeigen sollte, wollte er lange nicht daran. Endfich brachte er ein fleines rundes Schachtelein zum Vorschein, das man mit der Hand decken konnte. Doch half er sich mit einer guten Ausrede. Das DukatenMaas, sagte er, sev kleiner als das Frucht Maas. Betrachtung über das Weltgebäude. Der Mon d. Der geneigte Leser wird nun recht begierig seyn, auch etwas Neues von dem Monde zu erfahren, der ihm des Nachts so oft aus der Stadt nach Hause leuch tet, oder aus dem Wirthshaus. Erstlich der Mond ist auch eine große Kugel, die im unermeßlichen Weltraum schwebt, nicht ans derst als die Erde und die Sonne, aber in seiner kör, perlichen Masse ist er fünfzig mal kleiner als die Ers df, und nicht viel über 50,000 Meilen von ihr ents fernt. Man sieht hieraus, daß der Hausfreund nicht darauf ausgebt, mit großen 3ablen um sich zu were fen, wenn's nicht seyn muß, und den gutmurbigen Le ser im Numeriren zu üben, sondern daß er gerne bey der Wahrheit bleibt. 3weitens, daß der Mond wie die Sonne, ie in 24 Stunden um die Erde berum zu geben scheint, will nicht viel sagen. Gesezt er stehe unbeweglich still 77 att seinem Ort, so dreht sich ja die Erde um ihre Ae, daraus erfolgen in Rüksicht auf den Mond die nemlichen Erscheinungen, wie bey der Sonne, und wenn von ihm ein langer gelber Faden ohne Ende auf die Erde berabreichte, und auch an dem Cruzisir im Felde angeknüpft würde, so müste sich der gelbe Fas den ebenfalls in 24 Stunden um die Erde herum legen. Aber der Mond ist deswegen nicht um die Erde herum gegangen, sondern die Erde durch die Umdres hung um ihre Ape hat den Faden selber an sich aufgewunden. Drittens, der Mond muß auch sein Licht und sein Gedeiben von der Sonne empfangen. Eine Halfte seiner Kugel ist erhellt, die gegen die Sonne ges kehrt ist, die andere ist finster. Damit nun nicht immer die nemliche Hälfte bell, und die nemliche fine ster bleibe, so dreht sich der Mond wie die Erde ebenfalls um sich selber oder um seine Axe, und dem Hausfreund that die Wahl weh, will er fagen in 27 Tagen und 8 Stunden, oder in 29 und einem halbes Tag. Denn beides ist richtig, je nachdem man's ansicht. Wir wollen aber sagen in 29 und einem halben Tag, weil's die Calendermacher so anseben. Daraus folgt, daß in dieser langen Zeit der Tag und die Nacht nur Einmal um den Mond herum wandeln. Der Tag dauert dert an Einem Ort so lange als ungefähr z von unsern Wochen und eben so lang die Nacht, und ein Nachtwächter muß sich schon sehr in acht nehmen, daß er in den Stunden nicht irre wird, wenn es einmal anfängt 223 zu schlagen oder 309.- Aber Biertens, der Mond bewegt sich in der nemli chen Zeit auch um die Erde. Dies sicht man aber 78 mal an den Sternen. Wie wenn man einen langsam gehenden Postwagen aus weiter Ferne beobachtet, meint man er stehe still. Wenn man aber bemerkt, wie er doch nicht immer neben dem nemlichen Baum an der Straße sich befindet, sondern nach ein paar Minuten neben einem andern, so erkennt man, daß er nicht still stebt, sondern auf die Station geht. Wenn er aber in einem großen Kreis um den geneigten Les fer berum fubre, so müste er doch zulezt wieder zu dem nemlichen Baum kommen, bei welchem er zuerst stand, und daran müfte man erkennen, daß er jezt feinen Kreislauf vollendet hat, also auch der Mond. Er bált sich nicht jede Nacht bei dem nemlichen Sterns lein auf, wenn's noch so schön ist, sondern er rúkt weiter von einem zum andern. Am andern Abend um die nemliche Zeit ist er schon um ein Beträchtli ches vorgerüft, aber ohngefähr in oben benannter Zeit, etwas früher fommt er wieder zu dem nemlis chen Stern, bei dem er zuerst stand, und hat seinen Kreislauf um die Erde vollendet. Fünftens, da sich der Mond also um die Erde bewegt, so ist daraus leicht abzunehmen, was es mit dem Mondwechsel für eine Bewandniß hat. Der Neumond ist, wenn der Mond zwischen der Son. ne und Erde steht aber etwas höher oder tiefer. Alsdann ist seine ganze erleuchtete Hälfte oder sein Tag gegen die Sonne gekehrt, und seine Nacht schaut herab gegen uns. Vom Neumond an, wenn der Mond auf seinem Umlauf zwischen der Sonne und Erde her. aus tritt, und sich gleichsam mit ihnen in den Triangel stellt, erbliken wir zuerst einen schmalen Streif 79 von der erhellten Mondkugel, der immer größer wird bis zum Ersten Viertel. Das Erste Viertel ist, wenn der Mond so steht, daß gerade die Hälfte von der erleuchteten Halbkugel, oder der vierte Theil von dem Mond gegen uns im Licht ist, und die Hälfte von der verfinsterten Halbkugel im Schatten. Da kann man recht sehen, wie Gott das Licht von der Finsterniß scheidet, und wie auf den Weltkörpern der Tag neben der Nacht wohnt, und wie die Nacht von dem Tag bis zum Vollmond allmählig besiegt wird. Der Vollmond ist, wenn der Mond auf sei nem Kreislauf um die Erde, hinter der Erde steht, also daß die Erde zwischen ihm und der Sonne schwebt, aber etwas tiefer oder höher. Alsdann können wir seine ganze erleuchtete Hälfte sehen, wie sie von der Sonne erleuchtet wird, und aus unserer Nacht hins aufschauen in seinen Tag. Vom Bollmond an, wenn der Mond sich wieder auf der andern Seite berums. biegt um die Erde, kommt wieder etwas von seiner finstern Hälfte zum Vorschein, und immer mehr bis zum lezten Viertel. Das lezte Viertel ist, wenn wieder die eine Hälfte der Halbfugel, die gegen uns steht, erleuchtet, und die andere verfinstert ist, und jezt kann man sehen, wie die Nacht den Tag besiegt, bis sie ihn im Neumond wieder verschlungen hat. Dieß ist der Mondwechsel. Sechstens aber, und wenn der Mond und die Erde einmal in schnurgrader Linie vor der Sonne stes ben, so geschehen noch ganz andere Sachen, die man nicht alle Tage sehen kann, nemlich die Finsternisse, Wenn der dunkle Reumond je zuweilen in seinem Lauf gerade zwischen die Erde und die Sonne hineinrüft, nicht höber und nicht tiefer, so können wir vor ihm am hellen Tag die Sonne nimmer seben, oder doch nicht ganz, und das ist alsdann eine Sonnenfinsterniß, die Sonnensinsternis kann nur im Neumond Statt finden. Wenn aber im Vollmond die Erde ge-rade zwischen die Sonne und zwischen den Mond hineintritt, nicht höher und nicht tiefer, so kann die Sonne nicht ganz an den Vollmond scheinen, weil die Erde ihren Stralen im Wege steht. Dies ist alsdann die Mondsfinsterniß. Die Dunkelheit, die wir am Mond erbliken, ist nichts anders als der Schatten von unserer eignen Erde, und ein solches Exempel am Mond kann nur im Voll- Licht ftatuirt werden. Alle diese Finsternissen nun, die einzig von der Bewegung. des Monds und der Erde herrühren, wissen wir Sternseher und Calendermacher ein ganzes Jahr, und wer's verlangt, auf weiter hinaus vorher zu sagen, und der Hausfreund gibt jest wenig gute Worte mehr, wenn einer kommt, der nicht glauben will, was bisher von den Himmelslichtern gesagt worden ist, und ferner soll gesagt werden.„ Woher wißt ihr, fragt der vorsichtige Leser, das die Sonne und der Mond so groß ist, oder so, so weit oder so nabe; und daß sich die Erde und der Mond auch ganz gewiß so bewegen, wie's cuch vorkommt? Wer ist dort gewesen und hat's gemessen? Antwort: Wenn wir das nicht gewiß wüsten und auf das Haar, so könnten wir nicht auf ein ganzes Jahr, und wer's verlangt, auf weiter hinaus eine Finsterniß voraussagen, auf welchen Tag, ia auf welche Minute fic anfängt, und wie tief sie sich in 81 den Mond oder in die Sonne hineinfrist. Oder fagts auch voraus, wenn ihr könnt, und warum sucht ihr es im Kalender, wenn ihr meint, wir falliren. Siebentens, und wenn der Mond in seinem vollen Licht am Himmel erscheint, sieht er bey allem dem furios aus mit seinem trüben Gesicht, und mit seinen helleren und blassern Flecken. Denn bekanntlich ist die Helle nicht gleichmäßig über ihn verbreis tet, sondern ungleichmäßig. Damit hat er die Ges lehrten lange Zeit verirt, und ihnen weiß gemacht, die helleren Theile seyen Land, von welchem die Lichts strahlen wieder zurükprellen, und die dunkleren seyen Wasser, welches die Lichtstrahlen verschluft. Allein mit einem kapablen Perspectiv, wie es in vorigen Zei ten keine gab, hat ein rechtschaffner Sternseher, Nas mens Schröter, ganz andere Dinge auf dem Mond entdeckt als Land und Wasser, nemlich auch Land aber kein Wasser, sondern weite Ebenen, hohe Bers ge und tiefe Abgründe von wunderbarer Gestalt und Verbindung. Hat er nicht ihren Schatten sogar bes obachtet, und wie er sich von Abend gegen Morgen. bewegt, verkürzt und verlängert? Hat er nicht zu= lezt sogar aus dem Schatten der Berge ihre Höhe ausgerechnet, gleichsam wie ein Erempel aus der Re. gel detri? Die höchsten Berge auf dem Mond find höher als die höchsten auf der Erde, nemlich 25,000 Fuß. Der Hausfreund hat Respekt vor dem Stern. scher, und vor der göttlichen Almacht, die einem schwachen Menschenkind den Verstand und die Ges schiflichkeit geben kann, auf 50,000 Meilen weit Berge auszumessen, die unser einer( der geneigte Leser ist gemeint) gar nicht sieht. Fragt man nun noch Hebels Schazkästlein. 6 82 Ach tens und leztens, was denn eigentlich der Mond am Himmel zu verrichten hat. Antwort: Was die Erde. Soviel ist gewiß, er erhellt durch sein mildes Licht, welches der Wiederschein von seinem Sonnenschein ist, unsere Nächte, und sicht zu, wie die Knaben die Mägdlein füssen. Er ist der eigents liche Hausfreund und erste Kalendermacher unserer Erde, und der oberste General, Nachtwächter, wenn die andern schlafen. Hinwiederum scheint die Erde mit ihrem Sonnenglanz, in wechselndem Licht, an die finstere Halbkugel des Monds, und erhellt ihre lange, lange Nacht. Was will der geneigte Leser fagen! Sicht man nicht in den ersten Tagen des Neulichts, wenn der Mond noch wie eine frumme Sichel am Himmel steht, sieht man nicht auch den übrigen dunkeln Theil seiner Scheibe, oder seine Nacht durch einen schwachen grünlichen Schimmer erhellt. Das ist eine Wirkung des Sonnenscheins, der von der er leuchteten Halbkugel unserer Erde auf den Mond fällt, oder ist der Erdschein im Mond. Zudem ist es gar wohl möglich, daß auch jener Weltförper allerley vernünftige und unvernünftige Geschöpfe von furiosen Gestalten und Eigenschaften beherbergt, die uns alles besser sagen könnten, und die sich in ihrer Nacht auch über den milden Erdschein freuen. Vielleicht glauben die einfältigen Leute dort auch lange her, die Erde gehe um den Mond herum, und sey blos wegen ihnen da, und wir könn tens ihnen auch besser sagen. ( Die Fortseßung folgt.)" 83 Auflösung des 3ten und 4ten Rechnungss Exempel. Ich werde wohl zu spät kommen, und alle, wers che sich um das erste Rechnungs- Exempel beküm merten, werdens heraus haben, Schafe hatte. Friß aber hatte s. daß Hanns 7 Wenn nun der lestere dem ersten Eins von den seinen gab, so hats te Friß noch 4, Hanns aber hatte 8; folglich noch einmal so viel. Giebt aber der erste dem letzten Eins, so behält Hanns noch 6 und Friz bekommt 6. Und also lautete die Aufgabe. So ein Schaf hin oder her zu geben, wenn man selber nur s oder 7 Stücke hat, ist nun freylich keine Kleinigkeit. Sonst aber und wo es angeht, ist es immer besser, gute Freunde baltens mit einander so, daß die Theile gleich werden, als daß einer viel hat und der andere wenig. Denn Mehrhaben macht leicht übermüthig und gewaltthätig, und Wenighaben macht misgünstig; und wo einmal Uebermuth und Misgunst sich einnisten, da hat es mit der guten Freundschaft bald ein Ende. Das muß der verständige Vater wohl überlegt haben, der im zweyten Exempel sein Vermö gen unter seine 7 Kinder vertheilte. Denn wer es ausgerechnet und keinen Fehler dabey begangen hat, der wird bald gefunden haben, daß jedes Kind 700 Gulden bekommen habe, keinen Kreuzer mehr und keinen minder. Wenn alle Eltern so vernünftig wären, und ihren Kindern, die gleiche Liebe verdienen, gleiche Liebe bewiesen, wie viel Unfrieden und Unheil könnte das durch verhütet werden, und wie manches Stündlein 84könnten die Herren Advokaten doch auch ein wenig spazziren gehen und frische Luft schöpfen. Zwey Erzählungen. Wie leicht sich manche Menschen oft über unbedeutende Kleinigkeiten ärgern und erzúrnen, und wie leicht die nemlichen oft durch einen unerwarteten spass haften Einfall wieder zur Besinnung können gebracht werden, das haben wir an dem Herrn gesehen, der die Suppenschüssel aus dem Fenster warf, und an seinem wizigen Bedienten. Das nemliche lehren fols gende zwey Beyspiele. Ein Gassenjunge sprach einen gut und vornehm gekleideten Mann, der an ihm vorbeygieng, um einen Kreuzer an, und als dieser seiner Bitte fein Gehör geben wollte, versprach er ihm, um einen Kreuzer zu zeigen, wie man zu Zorn und Schimpf und Händeln kommen fönne. Mancher der dieß liest, wird denken, das zu lernen sey keinen Heller noch weniger einen Kreuzer werth, weil Schimpf und Händel etwas Schlimmes und nichts Gutes find. Aber es ist mehr merth als man meynt. Denn wenn man weiß, wie man zu dem Schlimmen kommen fann, so weiß man auch, vor was man sich zu buten hat, wenn man das von bewahrt bleiben will. So mag dieser Monn auch gedacht haben, denn er gab dem Knaben den Kreu Allein dieser forderte jezt den zweyten, und als er den auch erlangt hatte, den dritten und vierten, und endlich den sechsten. Als er aber noch immer mit dem Kunststück nicht herausrücken wollte, gieng doch die Geduld des Mannes aus. Er nannte den 85 Ihr Knaben einen unverschämten Burschen und Betteljun gen, drohte, ihn mit Schlägen fortzuiagen, und gab ihm am Ende auch wirklich ein paar Streiche. grober Mann, der ihr seyd, schrie jezt der Junge, schon so alt und noch so unverständig! hab ich euch nicht versprochen zu lehren, wie man zu Schimpf und Handeln kommt? Habt ihr mir nicht sechs Kreuzer dafür gegeben? Das sind ja iezt Händel, und so kommt man dazu. Was schlagt ihr mich denn?" So unangenehm dem Ehrenmann dieser Vorfall war, so sah er doch ein, daß der listige Knabe Recht und er felber Unrecht hatte. Er besänftigte sich, nahm sichs zur Warnung, nimmer so aufzufahren, und glaubte die gute Lebre, die er da erhalten habe, sey wohl sechs Kreuzer werth gewesen. In einer andern Stadt gieng cin Bürger schnell und ernsthaft die Straße hinab. Man sab ihm an, daß er etwas Wichtiges an einem Ort zu thun habe. Da gieng der vornehme Stadtrichter an ihm vorbey, der ein neugieriger und dabey ein gewaltthätiger Mann muß gewesen seyn, und der Gerichtsdiener Fam hinter ihm drein. Wo geht Ihr hin so eilig? sprach er zu dem Bürger. Dieser erwiederte ganz gelassen: Gestrenger Herr, das weiß ich selber nicht. Aber Ihr seht doch nicht aus, als ob Ihr nur für Lange weile herumgehen wolltet. Ihr müßt etwas Wichtis ges an einem Orte vorhaben. Das mag seyn, fuhr der Bürger fort, aber wo ich hingehe, weiß ich wahr. baftig nicht. Das verdroß den Stadtrichter sebr. Vielleicht fam er auch auf den Verdacht, daß der Mann an einem Ort etwas Böses ausüben wollte, das er nicht sagen dürfe. Kurz, er verlangte iezt 86 ernsthaft, von ihm zu hören wo er hingehe, mit der Bedrohung, ihn sogleich von der Straße weg in das Gefängniß führen zu lassen. Das half alles nichts, und der Stadt- Richter gab dem Gerichtsdiener zu lezt wirklich den Befehl, diesen widerspenstigen Menschen wegzuführen. Jezt aber sprach der verständige Mann: Da sehen Sie nun, hochgebietender Herr, daß ich die lautere Wahrheit gesagt habe. Wie konn te ich vor einer Minute noch wissen, daß ich in den Thurn gehen werde, und weiß ich denn jest ges wiß, ob ich drein gehe? Nein, sprach jezt der Sich ter, das sollt Ihr nicht. Die wißige Rede des Bür gers brachte ihn zur Besinnung. Er machte sich stille Vorwürfe über seine Empfindlichkeit, und ließ den Mann ruhig seinen Weg geben. Es ist doch merkwürdig, daß manchmal ein Mensch, hinter welchem man nicht viel sucht, einem andern noch eine gute Lehre geben kann, der sich für erstau nend weise und verständig hält. Nähliche Lehren. 9. Es sagt ein altes Sprichwort: Selber essen macht fett. Ich will noch ein paar dazu setzen: Selber Achtung geben macht verständig. Und selber arbeiten macht reich. Wer nicht mit eigenen Augen siebt, sondern sich auf ande re verläßt, und wer nicht selber Hand anlegt, wo es nöthig ist, sondern andere thun läßt, was er sels ber thun soll, der bringts nicht weit, und mit dem Fettwerden hat es bald ein Ende. 87 10. . Ein anderes Sprichwort heißt so: Wenn man den Teufel an die Wand mahlt, so kommt er. Das sagt mancher, und verstehts nicht. Den bösen Geist fann man eigentlich nicht an die Wand mahlen, sonst wäre es fein Geist. Auch kann er nicht kommen. Denn er ist mit Ketten der Finsternis in die Hölle gebunden. Was will denn das Sprichwort sagen? Wenn man viel an das Böse denkt, und sich dasselbe in Gedanken vorstellt, oder lang davon spricht, so kommt zuletzt die Begierde zu dem Bösen in das Herz, und man thuts. Soll der böse Feind nicht kommen, so mabr' ihn nicht an die Wand! Willst du das Böse nicht thun, so denke nicht daran wo du gehst und stehst, und sprich nicht davon, als wenn es etwas Angenehmes und Lustiges wäre. II. Einmal ist Keinmal. Dieß ist das erlogenste und schlimmste unter allen Sprichwörtern, und wer es gemacht hat, der war ein schlechter Rechnungsmeister oder ein boshafter. Einmal ist wenigstens Einmal, und daran läßt sich nichts abmarkten. Wer Einmal gestohlen hat, der kann sein Lebenlang nim, mer mit Wahrheit und mit frobem Herzen sagen: Gottlob! ich habe mich nie an fremden Gut vergrif fen, und wenn der Dieb erhascht und gehenft wird, alsdann ist Einmal nicht Keinmal. Aber das ist noch nicht alles, sondern man kann meistens mit Wahrheit sagen: Einmal ist Zehnmal und Sunderts und Tausendmal. Denn wer das Böse Einmal. angefangen hat, der seht es gemeiniglich auch fort. Wer A gesagt hat, der sagt auch gern B, und als 88 dann tritt zulegt ein anderes Sprichwort ein, daß der Krug so lange zum Brunnen gehe, bis er bricht. 12. Nun kommen zwey Sprichwörter und die sind bey de wahr, wenn sie schon einander widersprechen. Von zwey unbemittelten Brüdern hatte der eine keine Lust und keinen Muth etwas zu erwerben, weil ihm das Geld nicht zu den Fenstern hineinregnete. Er sagte immer: Wo nichts ist, kommt nichts hin. Und so war es auch. Er blieb sein Lebenlang der arme Bruder Wonichts ist, weil es ihm nie der Mühe werth war, mit einem kleinen Ersparnis den Anfang zu machen, um nach und nach zu einem größ fern Vermögen zu kommen. So dachte der jüngere Bruder nicht. Der pflegte zu sagen: Was nicht ist, das kann werden. Er hielt das Wenige, was ihm von der Verlassenschaft der Eltern zu Theil worden war, zu Rath, und vermehrte es nach und nach durch eigenes Ersparnis, indem er fleißig arbei tete und eingezogen lebte. Anfänglich gieng es hart und langsam. Aber sein Sprichwort: Was nicht ist, kann werden, gab ibm immer Muth und Hoffnung. Mit der Zeit gieng es besser. Er wurde durch unverdrossenen Fleiß und Gottes Segen noch ein reicher Mann, und crnábrt jezt die Kinder des armen Bruders Wonichts ist, der selber nichts zu beissen und zu nagen hat. 89 doad Die Spinnen. I. Die Spinne ist ein verachtetes Thier, viele Men schen fürchten sich sogar davor, und doch ist sie auch ein merkwürdiges Geschöpf und hat in der Welt ihs ren Nuzen. Zum Beyspiel die Spinne bat nicht zwey Augen, sondern acht. Mancher wird dabey denken, da sey es keine Kunst, daß sie die Fliegen und Mücken, die an ihren Faden hängen bleiben, so geschwind erblickt und zu erbaschen weiß Alcin das machts nicht aus. Denn eine Fliege bat nach den Untersuchungen der Naturkundigen viele hundert Augen, und nimmt doch das Neh nicht in Acht und ihre Feindinn, die groß genug darinn fizt. Was foigt daraus? Es gehören nicht nur Augen, sondern auch Verstand und Geschick dazu, wenn man glücklich durch die Welt kommen und in keine verborgenen Fallstria cke gerathen will. Wie fein ist ein Faden, den eis ne Spinne in der größten Geschwindigkeit von einer Wand bis an die andere zu ziehen weiß? Und doch versichern abermal die Staturfündigen, daß ein solcher Faden, den man kaum mit bloßen Augen sieht, wohl sechstausendfach zusammen gesetzt feyn könne. Das bringen sie so heraus: Die Spinne bat an ihrem Körs per nicht nur eine, sondern sechs Drüsen, aus wels chen zu gleicher Zeit Fåden hervorgeht. Aber jede von diesen Drüsen hat wohl tausend feine Deffnungen, von welchen keine umsonst da seyn wird. Wenn also jedesmal aus allen diesen Oeffnungen solcher Faden berausgeht, so ist an der Zahl se ch stausend nichs auszusetzen, und dann kann man wohl begreifen, daß 90 ein solcher Faden, obgleich so sein, doch auch so fest seyn könne, daß das Thier mit der größten Si cherheit daran auf und absteigen, und sich in Sturm und Wetter darauf verlassen kann. Muß man nicht über die Kunst und Geschicklichkeit dieser Geschöpfe erstaunen, wenn man ihnen an ihrer stillen und unverdrossenen Arbeit zuschaut, und an den großen und weifen Schöpfer denken, der für alles sorgt, und kleinen und unscheinbas solche Wunder in einem so ren Körper zu verbergen weiß? 2. Das mag alles gut seyn, denkt wohl mancher, wenn sie nur nicht giftig wären, und lauft davon, oder zertritt sie, wo er eine findet. Aber wer sagt denn, daß unsere Spinnen giftig seyen? Noch kein Mensch ist in unseen Gegenden von einer Spinne ver. giftet werden. Gibt es nicht hie und da Leute, die sie aufs Brod streichen und verschlucken? Wohlbes. komms, wem es schmeckt! Auch sonst thun diese Thiers lein, die nur für die Erhaltung ihres eigenen Lebens besorgt sind, keinem Menschen etwas zu leide. Im Gegentheil leisten sie in der Natur einen großen Nuzen, den man aber, wie es oft geschieht, nicht hoch anschlägt, weil jede einzelne wenig dazu beyzutragen scheint. Es ist das geringste, daß sie hie und da einer Stuben Fliege den Garaus machen. Für diese was re noch anderer Rath. Aber sie verzehren auch jähr lich und täglich eine große Anzahl anderer sehr kleinen Mücklein, die uns durch ihre Menge erstaunend beschwerlich und schädlich werden, und gegen welche man sich nicht erwehren könnte, wenn sie überhand nahmen. Sind nicht manchmal ganze Ackerfurchen 91 mit Spinnengewebe überzogen und glänzen im Morgenthau? Da geht manches Mücktein zu Grunde, das die aufkeimende Saat vielleicht angegriffen und verlegt hätte. Ein Gefangener machte einst in seinem einsamen Kerker eine Spinne so zahm, daß sie seine Stimme fannte, und allemal kam, wenn er sie lockte und etwas für sie hatte. Sie verkürzte ihm an einem Ort, wo kein Freund zu ihm kommen konnte, manche traurige Stunde. Aber als der Kerkermeister es merkte, brachte er sie ums Leben. Was ist verab= scheuungswürdig? Ein solches Thier, das doch noch einem Unglücklichen einiges Vergnügen machen kann, oder ein solcher Mensch, der dem Unglücklichen auch dieses Vergnügen misgónnt und zerstört? Ein andes rer Gefangener, der sonst nichts zu thun wußte, gab lange Zeit auf die Spinnen acht, und merkte, daß fie auch Wetterpropheten seven. Bald liessen sie sich sehen und arbeiteten, bald nicht. Einmal spannen sie tråg, ein andermal hurtig, lange Faden oder kurs ze, einmal näher zusammen, ein andermal weiter auseinander, so oder so, und endlich konnte er daran er kennen, was für Wetter kommt, Sturm, Regen oder Sonnenschein, anhaltend oder veränderlich. Also auch dazu sind sie gut, und wenn sich iemand verwundet hat, und findet geschwind ein Spinnengewebe, das er auf die blutende Wunde legen kann, so ist er doch auch froh darüber. Wenn es rein ist, so kann es Blut und Schmerzen stillen. Wenn es aber voller Staub ist, so schmerzt es noch mehr, weil der unreine Staub in die Wunde kommt. 3. Daß es mancherley Thiere dieser Gattung gebe, 92 sieht man schon an der Verschiedenheit ihres Gewebes in der freyen Luft, an Fensterscheiben, in den Win keln, auf den Feldern, da und dort. Manche spinnen gar nicht, sondern springen, nach ihrer Beute. Im Frühjahr und noch vielmehr im trockenen warmen Nach Sommer sicht man oft gar viele weisse Fåden in der Luft berum fliegen. Alle Bäume hången manch mal voll, und die Hüte der Wanderer auf der Straße werden davon überzogen. Man konnte lange nicht errathen, wo diese Faden und Flocken herkommen, und machte sich allerley wunderliche Vorstellungen davon. Jetzt weiß man gewiß, daß es lauter Gespinnst ist von unzählig viel kleinen schwarzen Spinnen, wel che deswegen die Spinnen des fliegenden Sommers genennt werden. Da sicht man wieder, wie viel auch durch kleine Kräfte kann ausgerichtet werden, wenn nur viele das nemliche thun.- Aber eine gefürchtete Spinne lebt in dem untersten beissen Italien. Sie ist unter dem Namen Tas rantel bekannt. Diese soll wohl die Menschen beiss sen und durch den giftigen Bis frank und schwermus thig machen. Ein Mittel dagegen soll ein gewisser Tanz seyn, die Tarantata genannt. Wenn die Kran ken die Musik dazu hören, so fangen sie an zu tanzen, bis sie vor Müdigkeit umfallen, und sind alsdann ges nefen. Es liesse sich wohl begreifen, daß durch die beftige Bewegung das Gift aus dem Körper heraus, getrieben werde. Allein es ist doch, wie man für gewiß weiß, viel Einbildung und Uebertreibung dabey, und wohl auch Betrug. Ein anderes merkwürdiges Thier dieser Art lebt in einer Gegend von Amerika und heißt Buschspin. 93 ne. Diese nimmt nicht mit Stuben Fliegen und Mucklein vorlieb. Nein, einer gewissen Art von Vogeln geht sie nach, greift sie an und zwingt sie, töd. tet sie und saugt ihnen das Blut und die Eyer aus. Worüber soll man sich am meisten verwundern, über die große Spinne oder über die kleinen Böget? Die Planeten. Bis jetzt haben wir in unsern Betrachtungen über das Weltgebäude unsern Wohnplak, die Erde, die Sonne, und den Mond näher kennen gelernt. Jetzt erheben wir unser Auge zu den leuchtenden Sternen, an denen sich so oft das Auge des nächtlichen Wanderes ergötzt. Wer etwa in einer großen Haupts stadt oder in der Nähe derselben gelebt hat, der kann wissen, was eine Illumination ist, und wie herrlich es aussieht, wenn zu Ehren eines großen Herrn in der ganzen Stadt viele tausend kleine Lampen zu gleicher Zeit angezündet werden und bren» nen. Das Auge kann sich nicht satt schauen, und überall erblickt es etwas anderes und schöneres. Aber alle diese irdische Herrlichkeit ist in gar keine Berglei chung zu sehen mit der großen himmlischen Illumi nation, die in jeder wolkenlosen Nacht zur Ehre des großen Weltbeherrschers aus unermeßlicher Höhe herabflimmert. Fürs erste müssen wir wissen, daß es zweyerley Arten der Sterne giebt. Denn so sehr sie alle, groß und flein, in der größten Unordnung unter einander zu stehen scheinen, so behalten doch die meis ften derselben Jahr aus Jahr ein ihre nämliche Stels 94 Tung gegen einander, gehen Jahr aus und Jahr ein in der nämlichen Ordnung mit und nach einander auf and unter, keiner kommt dem andern nåber, keiner entfernt sich von dem andern. Jeder von uns, der auch nur ein Gestirn fennt, den Heerwagen oder den Jakobsstab, der wirds wissen. Wie diese Sters ne in seiner Jugend fanden, so stehen sie noch, und wo er sie im Sommer oder Winter, Nachts um 8 Uhr oder in der Mitternacht zu finden wußte, dort findet er sie in der nemlichen Jahrszeit wieder. diese Sterne heissen Fixsterne. Und Nur mit sehr wenigen andern, welche man Irr sterne oder Planeten nennt, hat es auch eine andere Bewandtniß. Diese behalten nicht ihre gleichförmis ge Stellung gegen die andern. Wenn der Planet, Jupiter genannt, heute Nacht zwischen zwei ges wissen Sternen steht, so steht er von heute übers Jahr nicht mehr zwischen den nämlichen, sondern an ei nem andern Ort. Es ist, als ob diese Sterne für Kurzweil bei den andern berum spazierten, ihnen gu te Nacht oder guten Morgen bráchten, und sich um die Zeit und Stunde nicht viel bekümmerten. Aber sie haben ihre Ordnung so gut wie die übrigen, nur eine andere. Die mehresten von ihnen kennt jeder Leser aus den Kalendern, besonders aus dem huns dertjährigen. Diese Planeten haben nun folgende Ei, genschaften mit einander gemein: 1) Sie sind unter allen Sternen unsrer Erde am nächsten, viet näher als irgend ein Fixstern. 2) Sie bewegen sich in großen Kreisen und in ungleich langen Zeiten um die Sonne, welches die 95 andern nicht thun. Und aus diesem Grunde verán. dert sich unaufhörlich ihre Stellung am Himmel. 3) Es sind von Natur dunkle Weitförper. Sie empfangen ihr Licht wie unfre Erde von der Sonne. Was wir in der Nacht an ihnen glänzen sehen, ist Sonnenschein, der wie aus einem Spiegel zu uns zurückstrahlt, so daß wir auch in der finstersten Ster nennacht doch nicht ganz von diesem fröhlichen Lich. te verlassen sind. Jeder Planet ist eine ungeheure grosse Kugel, die sich immer und ohne Ruhe herum dreht. Nur diejenige Hälfte, die alsdann gegen. der Sonne steht, hat Licht, die andere ist finster. Sie haben daher auch ihres Theils Tag und Nacht. 4) Ein Planet steht nicht immer in gleicher Entfernung und Richtung gegen die Sonne. Sie ha ben daher, wie unsre Erde, verschiedene Jahrszeiin ihrer Art, Sommer und Winter. Falsch ist es also, wenn man glaubt, die Sons ne sey selber ein Planet. Denn sonst müßte sie sich felber in einem großen Kreis um die Sonne bewegen, sie müßte Tag haben, wenn sie von sich selber beschienen wird, und Nacht, wenn sie nicht von sich selber beschienen wird. Sie mußte Sommer und Winter haben, wenn sie näher oder weiter von sich selber absteht, und das ist lauter Widerspruch. Hin gegen haben die Weltweisen entdeckt, daß in dem unermeßlichen Weltraum, und unter den unzäh ligen Weltkugeln desselben, unsere Erde selber ein Planet sey, weil sie alle Eigenschaften der andern Planeten hat, und wer auf einem andern Planeten stünde, und aus einer Weite von Millionen Meilen nach der Erde schaute, dem würde sie eben so als 96 ein kleiner glänzender Stern erscheinen, wie uns der Abendstern erscheint. Denn es ist die Entfernung von den Sternen zu uns gerade so weit, als von uns zu den Steriten. Mißlich muß es daher auch um die Behauptung stehen, daß unsere Erde abwechselnd von den Plas neten regiert werde, oder daß Witterung, Fruchts barkeit und andere Dinge von ihnen herrühren, ob man gleich die Erfahrung haben kann, daß je nach fieben Jabren manches wieder so kommt, wie es sie ben Jabre früher war. Denn 1) sonst müßte ein Planet den andern regieren, weil ja unsere Erde selber ein Planet ist, und sol che Unordnung wird in dem Reich der Weltkörper nicht ftatuirt. 2) so mußte unsere Erde auch die andern Plane ten hinwiederum regieren, und das kann nicht seyn, sonst müßten wir auch etwas davon wissen. 3) So sind nicht sieben Hauptplaneten, son dern es sind, wie man mit guten Fernröhren entbeckt hat, bis jest eilf, und folglich kann nicht als le sieben Jahre wieder der nämliche regieren. Wie sichts jetzt aus? Also ist auch der Mond kein Planet, wie schon aus der vorigen Betrachtung über ihn ersichtlich ist, sondern er ist der Mond und bleibt der Mond. Bon den wahren Planeten aber sind einige schon Tange bekannt, nämlich Der Merkurius, aber diesen wird keiner von euch leich. gesehen haben. Denn er umläuft die Sonne in einem so kleiner Kreis, und steht immer so nahe bei ihr, daß er Morgens nur kurz vor ihr 97 aufgeht, und bald in dem anbrechenden Tag erblast, oder Abends bald nach ihr untergeht, und also nicht überall zu sehen ist. Er ist ungefähr zwei und ein balbmal näher bei der Sonne als wir, welches doch 8 Millionen Meilen beträgt. Ein Jahr währt auf diesem Planet nur 88 Tage, denn in so viel Zeit lauft er einmal um die Sonne herum, und vollendet seine Jahrszeit. Dafür ist er auch einer von den kleinen Planeten, und 16mal kleiner als die Erde. Die Benus ist der zweite Planet, und diesen kennen wir alle unter einem andern Namen, als Abend stern oder Morgenstern. Denn wenn fie auf ihrem Lauf um die Sonne, welcher 224 Tas ge beträgt, gegen uns betrachtet vorne an der Sons ne steht, so geht er auch früh ein Paar Stunden lang vor ihr auf, und das ist alsdann der schöne Morgenstern. Aber wenn er zu einer andern Zeit in feinem Umlauf so steht, daß er erst nach der Sonne aufgehen kann, so können wir wegen der Tageshelle und dem Sonnenglast ihn nicht mehr sehen. Unsichtbar folgt er den ganzen Tag der Sonne, wie ein Kind seis ner Mutter nach, und erst wenn die Sonne untergegangen ist, wenn auf der Erde die Lichter bald angezündet werden und die Betglocke in die Damme, rung lauten, wird er am Abendhimmel sichtbar. Die fer Stern ist der einzige unter allen, der nicht nur aus der Ferne uns seinen Schimmer zeigt, sondern sogar einige Helle auf der Erde verursacht, und daher auch einen Schatten wirft. Dics rührt von der Nä he desseiben her, die bisweilen nur 6 Millionen Meilen Hebels Schazkästil ein. 98 beträgt, da die Sonne selbst 21 Millionen weit ent fernt ist. Auch ist das Licht des Abendsterns nicht immer gleich. Oft sirahlt er im schönsten Glanze, oft wieder blasser, und scheint sogar kleiner zu feyn. Aber die Sternkundiger haben schon lange durch ihre Fern gläser die Ursache davon entdeckt. Die Venus hat nämlich, von der Erde aus betrachtet ihr au- und abnehmendes Licht wie der Mond, und dies ist sehr bes greiflich. Denn da sie eine große Kugel ist, und also. nur die eine Hälfte derselben von der Sonne erleuch tet seyn kann, während es auf der andern Nacht und stockfinster ist, so kann es oft geschehen, daß sich nur die Hälfte, ja weniger, von ihrer erleuchteten Seite gegen die Erde kehrt. Aber was noch viel merkwürdigeres haben die Sternfundiger durch die Hülfe der stärksten Ferns gläser in dem Abendstern entdeckt. Er ist nähmlich so wenig als unsere Erde eine ganz glatte Kugel, und hat eben so wie sie seine Berge und Thaler, und ob er gleich etwas kleiner als sie ist, so hat er doch Berge, welche den höchsten Berg unsers Weltkörpers um das vier bis fünffache an Höhe übertref fen, welches die Aftronomen aus dem Schatten ders felben mit Genauigkeit zu berechnen wissen. O das muß ein wundersames Vergnügen seyn, mit einem solchen Fernrohre in der finstern Erden. Nacht 6 Millionen Meilen weit in eine fremde er leuchtete Welt hineinzuschauen, wenn man bedenkt, wie viel Vergnügen es schon macht, wenn wir von einem erstiegenen Berg nur in ein Thal hinüber schauen können, welches unsre Augen noch nie gese 99 hen haben. Noch heimlicher und lieblicher aber müßte der Blick in einen solchen Stern hinein seyn, wenn wir auch sehen könnten, was auf seinen Bergen wächst, was für Thiere darauf weiden, was für Menschen die Thiere hüten, und was sie sonst thun und treiben in ihrer lichten, luftigen Höhe. Das hat die menschliche Neugierde. So viel man weiß, gern wüßte man noch mehr. Merkurius und Venus sind die zwey einzis gen bekannten Planeten, welche zwischen der Sonne und der Erde stehen. Weiter über die Erde hins aus kreisen um die Sonne noch die dren längst bekannten, Mars, Jupiter und Saturn, nebst fünf neuendeckten, Pallas, Ceres, Juno, V e- sta und Uranus genannt, welche in der Folge sollen beschrichen werden. Das wohlbezahlte Gespenst. In einem gewissen Dorfe, das ich wohl rennen könnte, geht ein üblicher Fußweg über den Kirchhof, und von da durch den Acker eines Mannes, der an der Kirche wohnt, und es ist ein Recht. Wenn nun die Ackerwege bei nasser Witterung schlüpfrig und ungangbar sind, gieng man inmer tiefer in den Acker hinein, und zertrat dem Eis genthümer die Saat, so daß bei anhaltend feuchter Witterung der Weg immer breiter und der Acker immer schmäler wurde, und das war kein Recht. Zum Theil wußte nun der beschädigte Mann sich wohl zu hel fen. Er gab bey Tag, wenn er sonst nichts zu thun batte, fleißig acht, und wenn ein unverständiger 100 Mensch diesen Weg kam, der lieber seine Schuhe als seines Nachbars Gerstensaat schonte, so lief er schnell hinzu und pfändete ihn, oder thats mit ein Paar Ohrfeigen kurz ab. Bey Nacht aber, wo man noch am ersten einen guten Weg braucht und sucht, wars nur desto schlimmer, und die Dornenáßte und Rispen, mit welchen er den Wandernden verständlich machen wollte, wo der Weg sey, waren allemal in wenig Nächten niedergerissen oder ausgetreten, und Mancher thats vielleicht mit Fleiß. Aber da kam dem Mann etwas anderes zu statten. Es wurde auf ein mal unsicher auf dem Kirchhofe, über welchen der Wey gieng. Bey trockenem Wetter und etwas hels len Nachten sab man oft ein langes weisses Gespenst über die Gräber wandeln. Wenn es regnete oder sehr finster war, hörte man im Beinhaus bald ein ängstliches Stöhnen und Winseln, bald ein Klappern, als wenn alle Todtenköpfe und Todtengebeine darin lebendig werden wollten. Wer das hörte, sprang bebend wieder zur nächsten Kirchhofthure hinaus, und in kurzer Zeit sah man, sobald der Abend dämmer te und die letzte Schwalbe aus der Luft verschwun den war, gewiß keinen Menschen mehr auf dem Kirchhofwege, bis ein verständiger und herzhaf= ter Mann aus einem benachbarten Dorfe sich an diefem Ort verspätete, und den nächsten Weg nach Haus doch über diesen verschrieenen Plak und über den Gerstenacker nahm. Denn ob ihm gleich seine Freunde die Gefahr vorstellten und lange abwehrten, so sagte er doch am Ende: Wenn es ein Geist ist, geb ich mit Gott als ein ehrlicher Mann den nächsten Weg zu meiner Frau und zu meinen Kindern heim, fol have nichts Böses gethan, und ein Geist, wenns auch der schlimmste unter allen wäre, thut mir nichts. Ists aber Fleisch und Bein, so habe ich zwey Faus ste bey mir, die sind auch schon dabey gewesen. Er gieng. Als er aber auf den Kirchhof kam, und kaum am zweiten Grab vorbei war, hörte er hinter sich ein klägliches Aechzen und Stöhnen, und als er zurückschaute, siehe, da erhob sich hinter ihm, wie aus einem Grabe berauf, eine lange weisse Gestalt. Der Mond schimmerte blag über die Gräber. Tods tenstille war rings umber, nur ein paar Fledermaus se fatterten vorüber. Da war dem guten Manne doch nicht wohl zu Muthe, wie er nachher selber gestand, und wäre gerne wieder zurückgegangen, wenn er nicht noch einmal an dem Gespenst hätte vorbei geben müssen. Was war nun zu thun? Langsam und stille gieng er seines Weges zwischen den Grås bern und manchem schwarzen Todtenkrenz vorbey. Langsam und immer ächzend folgte zu seinem Entfes zen das Gespenst ihm nach, bis an das Ende des Kirchhofs, und das war in der Ordnung, und bis vor den Kirchhof hinaus, und das war dumm. Aber so geht es. Kein Betrüger ist so schlau, er verrathet sich. Denn sobald der verfolgte Ehrens mann das Gespenst auf dem Acker erblickte, dachte er bey sich selber: Ein rechtes Gespenst mug wie eine Schildwache auf seinem Poften bleiben, und ein Geist, der auf den Kirchhof gehört, gebt nicht aufs Ackers feld. Daher bekam er auf einmal Muth, drehte sich schnell um, faßte die weisse Gestalt mit fester Hand, und merkte bald, daß er unter einem Leintuch einen Burschen am Brusttuch habe, der noch nicht auf 102 dem Kirchhof daheim sey. Er fieng daher an, mit der andern Faust auf ihn loszurrommeln, bis er seis nen Muth an ihm gekühlt hatte, und da er vor dem Leintuch selber nicht fah, wo er hinschlug, so mußte das arme Gespenst die Schläge annehmen wie fie fielen. Damit war nun die Sache abgethan, und man hat weiter nichts mehr davon erfahren, als daß der Eigenthümer des Gerstenackers ein Paar Wochen lang mit blauen und gelben Zierrathen im Gesicht herum gieng, und von dieser Stunde an kein Ge spenst mehr auf dem Kirchhof zu sehen war. Denn solche Leute, wie unser bandfester Ehrenmann, das find allein die rechten Geisterbanner, und es wäre zu wünschen, daß jeder andere Betrüger und Gaukelhans eben so sein Recht und seinen Meister finden möchte. Der vorsichtige Träumer. In dem Stadtlein Witlisbach im Canton Bern war einmal ein Fremder übernacht, und als er ins Bett geben wollte, und bis auf das Hemd ausgekleidet war, zog er noch ein Paar Pantoffeln aus dem Bündel, legte sie an, band sie mit den Strumpfhåndern an den Füßen fest, und legte sich also in das Bette. Da sagte zu ihm ein anderer Wandersmann, der in der nämlichen Kammer übernachtet war: Guter Freund, warum thut ihr das?" Dar auf erwiederte der Erste:„ Wegen der Vorsicht. Denn ich bin einmal im Traum in eine Glasscherbe getreten. So habe ich im Schlaf solche Schmer 103 zen davon empfunden, daß ich um keinen Preis mehr barfuß schlafen möchte." Nühliche Lehren. 13. Verständige, ia gelehrte Landwirthe machen oft neue Versuche zur Verbesserung ihres Ackerbau's oder der Vichzucht. Mancher sieht etwas neues in andern Ländern und bringts der Zufall einen Vortheir Deim. Manchen lehrt der ihm hernach groß sen Gewinn bringt. Meint er's gut mit seinen Mitbürgern, so theilt er ihnen seine Entdeckungen mit, und ermuntert fie, seinem Beispiel zu folgen. Die meisten sagen alsdann: Wir wollen bei der Weise unserer Väter bleiben, und wie fie's getrieben haben, so treiben wirs auch. Das ist sehr verständig gesprochen, geneig ter Leser! Nur mug man's nicht bey den Worten bewenden lassen, sondern auch seinen guten Vorsatz erfüllen. Denn der Ackerbau und jede Vorsicht und Beobachtung dabey ist gewiß nicht auf einmal so erfunden worden, wie er jetzt ist, sondern eben uns sere Båter und Voreltern haben lange und vielerlei versucht, und guten Rath nicht verachtet. Manches ist mißlungen, manches ist wohlgerathen und besser worden, und so können wir auch noch in Zu kunft weiter kommen, und unsern Ackerbau und Wohlstand verbessern, wennn wir nur Wort halten, und dem Beispiel unserer lernbegierigen und fleißigen Vorfahren folgen. 104 Misverstand. Im neunziger Krieg, als der Rhein auf iener Seite von französischen Schildwachen, auf dieser Seite von schwäbischen Kreis Soldaten besezt war, rief ein Franzos zum Zeitvertreib zu der deutschen Schilds wache herüber: Filu! Filu! Das heißt auf gut deutsch; Spizbube. Allein der ehrliche Schwabe dachte an nichts so Arges, sondern meynte, der Frans zose frage: Wie viel Uhr? und gab gutmüthig zur Antwort: Halber vieri. Die Eideren. Dag viele Menschen sich vor den Schlangen fürch ten, davon springen oder sie des Lebens berauben, das ist noch wohl begreiflich, weil man sie für gefábr lich halt, und im zweifelhaften Fall lieber eine un giftige todtschlägt, als von einer giftigen sich beissen last. Aber warum sind viele Leute sogar den Eideren feind, diesen unschuldigen Thieren, die niemand beleidigen, niemand schaden, vielmehr dem Landmann nüßlich werden, indem sie von allerley fleinen Insek ten oder sogenanntem Ungeziefer sich nähren? Hochstens können sie euch ein wenig erschrecken, wenn ihr so in euren stillen Gedanken dahin wandelt, und auf einmal etwas im Laub rauscht. Aber wer ein gutes Gewissen hat, muß sich gewöhnen, nicht vor allem zut erschrecken. Wer ein böses Gewissen hat, dem ist freylich in diesem Punkt übel rathen. " Der Wind im Wald, das Laub am Baum faust ihm Entsezen zu." 105 Nun, alle Leute sind so furchtsam freylich auch nicht, und im Frühjahr, wenn man wieder ins Feld und ins Grüne geht, und überall in der manchfaltigs sten Gestalt das frohe Leben hervorwimmelt und laut wird, bleibt auch wohl ein verständiger Mann einen Augenblick vor einer Eidere stehen, betrachtet ihr grünes Gewand, wenn es schöner als Smaragd an. der Sonne schimmert, bewundert ihre unnachahiliche Geschwindigkeit, und sieht mit Vergnügen ihren unschuldigen Spielen. Dann geht er mit guten Gedanken seines Weges weiter, riecht an seinem Früh lingsstraus, und fann sich nicht genug erschauen an den blühenden Bäumen und farbigen Matten umber. Gott sorgt auch für diese Thiere. Sie haben nicht genug Warme in sich, um den Winter über dem Bos den, auszubalten, auch würde es ihnen an Nahrung und Gebüsch zum verborgenen Aufenthalt fehlen. Sie verkriechen sich daher, und bringen den Winter im Schlaf zu. Obne Calender wissen sie ihren Monat. Aber wie im Frühjahr das Volk der kleinen Mücken lebendig wird, und alle Keime in Gras und alle Knospen in Laub aufgeben, ruft die tiefer dringende Frühlingssonne auch dieses Geschöpf aus seinem Schlaf und Winterquartier, und wenn es erwacht, ist schon für alles gesorgt, was zu seines Lebens Nahrung und Nothdurft gehört. Bekanntlich haben nicht alle diese Thiere einerley Farbe; aber eine Art derselben muß um ihrer Nahrung willen sich am meisten aus dem dunkeln Gebüsch heraus ins Grüne wagen. Dare um ist auch ibre Farbe grün. In dieser Farbe wird sie im Gras weder von den Thieren, welchen sie nachs - гоб stellt, so leicht entdeckt, noch von dem Storch, der ihr selber aufs Leben geht. 2. Es giebt auch zweyerley Eideren im Wasser, nur nennt man sie anders, und diese sind zum Schwim men abgerichtet. Selbst auf dem Grund der flaren Brunnenquellen findet man sie oft, und darf sich deßwegen vor dem Wasser nicht scheuen. Auch diese sind nicht giftig und theilen dem Wasser feine Unreinig. keit mit. Vielmehr loben es viele Brunnenmeister als ein gutes Zeichen. Solch ein Thierlein in seiner verschlossenen Brunnenstube hat ein geheimliches Leben und Wesen, sieht nie die Sonne auf oder unters gehen, erfährt nichts davon, daß der Prinz von Bras filien nach Amerika ausgewandert ist, und daß die englischen Waaren auf dem festen Land verboten sind. weiß nicht, obs noch mehr solche Brunnenstuben in der Welt giebt, oder ob die seinige die einzige ist, und ist doch in seinem nassen Element des Lebens froh, und hat keine Klage und keine Langeweile. An der großen schwarz- und gelb gesteckten warzigen und schmutzig feuchten Eidere, die man den Salamander oder gelben Molch nennt, hat niemand Freude. Noch weniger aber freut es ihn, wenn er einen Menschen erblickt. Denn selten kommt er unangefochten davon. Er bålt sich nur an dunkeln, feuchten und kühlen auch modrigen Orten auf, und das beste ist, daß man ihn dort sißen lasse. Wer aber Luft hat, darf ibn berzhaft in die Hände nehmen. Er that euch gewiß nichts Leides. 3. Wer sich aber mit Recht vor den Eideren fürch 107 ten oder eine Heldenthat durch die Erlegung dersel ben vollziehen will, der muß nach Afrika oder Asien oder Amerika geben. Das fürchterliche Crokodill ist nichts anders als eine 20 bis 50 Fuß lange Eidere. Davor muß jeder mann Respekt haben. Oben braun oder schwarzge= fleckt, unten weißlichgelb. Durch die schuppige Ru ckenhaut geht kein Flintenschuß; am Bauch ist sie weich. In jedem Kiefer des großen Nachens stehen so scharfe Zähne. Der Schwanz beträgt mehr als die Hälfte von der ganzen Långe. Damit wirft es im Wasser kleine Schiffe um, und tödtet einen Menschen. mit Einem Schlag. Es lebt im Wasser, z. B. im Nilfluß in Egypten, und geht an's Land, frist Fische und andere Thiere, Buben und Mägdlein, auch ere wachsene Egypter. Schnell wie ein Pfeil geht es in gerader Linie auf seinen Raub, kann sich aber nur langsam umdrehen. Mit einem glücklichen Seitensprung ist man ausser Gefahr. Das Weibchen legt 100 häutige Eyer, so groß wie die Gänse Ever, und verscharrt sie in den Sand. Die Sonnenwärme brús tet sie aus. Die meisten werden aber, ehe es dazu tommt, von einer egyptischen Raße gefressen. Auch von Menschen werden sie aufgesucht und zerstört oder gegessen. Wohl bekomms! 3 Daß es nicht nur auf der Erde und im Wasser, sondern auch in der Luft Eideren gebe, nemlich sols che die da sßliegen, wird Mancher nicht gerne glaus ben. Aber wenn thm ein Fabelhans von Drachen spricht, die auf hohen Felsen und in alten zerstörten Bergschlössern hausen, und feuerspeyend durch die Luft schiessen, Brunnen vergiften, den Reiter und 108 das Nos mit Sporn und Hufeisen Schluck und Druc verschlingen, das findet man schon glaublicher, weil einem der falte Schauer vom Kopf bis zum Nagel des Zebens über die Haut lauft, wenn man's hört. Ben allem dem muß so viel wahr bleiben, daß es in Asien und andern Welttheilen Eideren von ein bis anderthalb Fuß Länge giebt, die auf Bäumen leben, wie bey uns der Laubfrosch, und durch Hülfe von häutigen Auswüchsen auf beyden Seiten große Sprin ge in der Luft machen, und von einem Baum auf den andern schießen können. Einige haben dabey nur zwey, andere vier Füße, sind unschädlich, und leben wie andere Eideren von Insekten. Andere Basilisken und Drachen giebt es in Asien nicht, ausser unter den Menschen, wenn einer den andern gern mit dem Blick vergiften oder durchbohren möchte, und giftige Ver. läumdungen und Scheltworte über ihn ausgießt, wie man denn dergleichen auch schon in Europa und am Rhein will viele gesehen haben. Unglück der Stadt Leiden. Diese Stadt beist schon seit undenklichen Zeiten Leiden, und hat noch nie gewußt, warum, bis am 12 Jan. des Jabes 1807. Sie liegt am Rhein in dem Königreich Holland, und hatte vor diesem Tag eilftausend Häuser, welche von 40,000 Menschen bes wohnt waren, und war nach Amsterdam wohl die größ, te Stadt im ganzen Königreich. Man stand an dies fem Morgen noch auf, wie alle Tage; der Eine betete fein: Das walt Gott der Andere ließ es seyn, und niemand dachte daran, wie es am Abend ausوو 109 sehen wird, obgleich ein Schiff mit siebenzig Fåffern vou Pulver in der Stadt war. Man aß zu Mittag, und ließ sichs schmecken, wie alle Tage, obgleich das Schiff noch immer da war. Aber als Nachmittags der Zeiger auf dem großen Thurn auf halb fünf stand. fleißige Leute faßen daheim.und arbeiteten, froms me Mütter wiegten ihre Kleinen, Kaufleute giengen ihren Geschäften nach, Kinder waren beysammen in der Abend Schule, müßige Leute hatten lange Weile und saßen im Wirthshaus beym Kartenspiel und Weinkrug, ein Bekümmerter sorgte für den andern Morgen, was er essen, was er trinken, womit er sich kleiden werde, und ein Dieb steckte vielleicht gerade einen falschen Schlüssel in eine fremde Thure, und plößlich geschah ein Knalt. Das Schiff mit seinen 70 Fässern Pulver bekam Feuer, sprang in die Luft, und in einem Augenblick,( ihr könnts nicht so geschwind lesen, als es geschab) in einem Augenblick waren ganze lange Gassen voll Häuser mit allem was darinn wohnte und lebte, zerschmettert und in einen Steinhaufen zusammengestürzt oder entsezlich beschä digt. Viele hundert Menschen wurden lebendig und todt unter diesen Trümmern begraben oder schwer verwundet. Dren Schulhäuser giengen mit allen Kindern die darinn waren, zu Grande, Menschen und Thiere, welche in der Nähe des Unglücks auf der Straße waren, wurden von der Gewalt des Pul. vers in die Luft geschleudert und famen in einem fläglichen Zustand wieder auf die Erde. Zum Unglück brach auch noch eine Feuersbrunst aus, die bald an allen Orten wüthete, und konnte fast nimmer ges löscht werden, weil vicle Vorrathshäuser voll Oet ΠΙΟ und Thran mit ergriffen wurden. Achthundert der schönsten Häuser stürzten ein oder mußten niedergeris sen werden. Da sah man auch, wie es am Abend leicht anders werden kann, als es am frühen Mor gen war, nicht nur mit einem schwachen Menschen, sondern auch mit einer großen und volkreichen Stadt. Der. König von Holland sezte sogleich ein nahmhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch lebendig gerettet werden konnte. Auch die Todten, die aus dem Schutt hervorgegraben wurden, wurden auf das Rathhaus gebracht, damit sie von den Ihrigen zu einem chrlichen Begräbniß konnten abgeholt werden. Viele Hülfe wurde geleistet. Obgleich Krieg zwischen England und Holland war, so kamen doch von Lon don ganze Schiffe voll Hülfsmittel und große Geld. summen für die Unglücklichen, und das ist schön denn der Krieg soll nie ins Herz der Menschen koms men. Es ist schlimm genug, wenn er aussen vor allen Thoren und vor allen Sechaven donnert. Fliegende Fische. Im Meere giebt es Fische, welche auch aus dem Wasser gehen und in der Luft fliegen können. Man sollte meynen, es sey erdichtet, weil bey uns so ets was nicht geschicht. Aber wenn ein Mensch auf einer Insel wohnte, wo er feinen andern Vogel, als Maisen, Distelfinken, Nachtigallen und andere derglei chen luftige Musikanten des Waldes könnte fennen ler nen, so würde er es eben so unglaublich finden, wenn er hörte, daß es irgendwo ein Land gebe, wo Vögel auf dem Wasser schwimmen und darinn untertauchen; III und doch können wir dieses auf unserm Gewässer alle Tage sehen, und wir müssen daber auch nicht glaus ben, daß alle Wunder der Natur nur in andern Landern und Welttheilen seyen. Sie sind überall. Aber diejenigen, die uns umgeben, achten wir nicht, weil wir sie von Kindheit an und täglich sehen. Was nun die Fische und Vögel betrist, so schwimmt eine Ente freylich nicht eben so wie ein Fisch, und ein Fisch fliegt nicht wie ein Storch, sondern damit hat es folgende Bewandtniß. Die Floßfedern an der Brust dieser Thiere sind sehr lang und mit einer weis ten Haut überzogen. Durch deren Hülfe kann sich der Fisch eine Zeitlang in der Luft erhalten. Aber erstlich das thut nicht länger gut, als diese Haut naß ist. So bald sie trocknet, fällt der Fisch ins Wasser zurück. Zweytens, er geht nicht aus dem Wasser ohne Noth, fliegt nicht spazieren für Kurzweil oder um seine Kunst zu zeigen, sondern wenn ihn ein Raubfisch verfolgt, und kann ihm nicht mehr anderst entrinnen, und darinn ist er kluger als mancher Mensch, der schon Hais und Bein gebrochen hat. Denn der Fisch sagt: Man muß seiner Natur und seinem Stand getreu bleiben, so lang man kann, kein Wagstück treiben, wenns nicht seyn muß, nicht oben zum Fenster hinaus springen, wenn die Thüre offen steht. Solche fliegende Fische geben den Schiffahrenden, die viele Wochen lang nichts als Himmel und Wasser um sich haben, auf ihrer langweiligen Reise manche Kurzweil, besonders wenn der Raubfisch, welcher fie verfolgt, ebenfalls fliegen kann und ihnen nacheilt. Da sieht man eine seltsame Fischiagd in der Luft. Oft 1112 erhascht der Raubfisch seine Beute, und zieht sie wieder in das Wasser hinab. Oft entgeht sie durch Geschwindigkeit oder Glück. Manchmal ist noch ein ganz anderer Spaß zu sehen. Denn gewisse Vögel fliegen über dem Wasser her und hin, und stellen den Fischen nach, können ihnen aber nichts anhaben, so lang diese daheim im Wasser bleiben, wohin sie ges hören. Wenn aber ein solcher Luftkrieg zwischen ih nen angeht, so wird bald der Fliebende, bald der Feind, bald deyde von dem Vogel, der das Fliegen besser versteht, erhascht, und kommen ihr Lebenlang nimmer ins Wasser. Und dazu lachen die Schiffer. Merte: Solcher Spaß, bey dem man aber oft lieber weinen als lachen möchte, ist manchmal auch mitten auf dem trockenen Lande zu sehen, wenn zwey Brüder oder Verwandte oder Bundesgenossen Prozeß und Streit miteinander führen, und fommt ein Drit ter dazu, und beraubt beyde des Vortheils, den je der von ihnen allein baben wollte und feiner dem ans dern gönnte. Merke: Wann die Fische im Meer Hån. del haben, ists lauter Freude für die losen Vögel in der Luft. Schlechte Gewinn. Ein junger Kerl that vor einem Juden gewaltig groß, was er für einen sichern Hicb in der Hand füh re, und wie er eine Stecknadel der Länge nach spal ten könne mit Einem Zug. Ja gewiß, Mauschel Abraham, sagte er, es soll einen Siebzehner gelten, ich haue dir in freyer Luft das Schwarze vom Nagel weg auf ein Haar und ohne Blut. Die Wette galt, denn II3 der Jude hielt so etwas nicht für möglich, und das Geld wurde ausgesezt auf den Tisch. Der junge Keel zog ein Messer und hieb, und verlor's, denn er hich dem armen Juden in der Ungeschicklichkeit das Schwarze vom Nagel und das Weisse vom Nagel und das vordere Gelenk mit Einem Zug rein von dem Finger weg. Da that der Jude einen lauten Schrey, nahm das Geld und sagte: Au weih, ich habs gewonnen! An diesen Juden soll jeder denken, wenn er vera sucht wird, mehr auf einen Gewinn zu wagen, als derselbe werth ist. Wie mancher Prozeßkrämer hat auch schon so fagen können! Ein General meldete einmal seinem Monarch den Sieg mit folgenden Worten:„ Wenn ich noch einmal so siege, so komme ich allein heim." Das heißt mit andern Worten auch: Oweih, ich habs gewonnen! Der wohlbezahlte Spaßvogel. Wie man in den Wald schreyt, so schreyt es wie der heraus. Ein Spaßvogel wollte in den neunziger Jahren einen Juden in Frankfurt zum Besten haben. Er sprach also zu ihm:„ Weißt du auch, Mauschel, daß in Zukunft die Juden in ganz Frankreich auf Eseln reiten müssen?« Dem har der Jude also ges antwortet:„ Wenn das ist, artiger Herr, so wollen wir Zwey auf dem deutschen Boden bleiben, wenn schon Ihr kein Jude seyd." Hebels Schaßfäßlein. 114 Eine sonderbare Wirthszeche. Manchmal gelingt ein muthwilliger Einfall, mancha mal kostets den Rock, oft sogar die Haut dazu. Dieß mal aber nur den Rock. Denn obgleich einmal drey lustige Studenten auf einer Neise keinen rothen Hels ler mehr in der Tasche hatten, alles war verjubelt, so giengen sie doch noch einmal in ein Wirthshaus, und dachten, sie wollten sich schon wieder hinaus hela fen, und doch nicht wie Schelmen davon schleichen, und es war ihnen gar recht, daß die junge und artige Wirthin ganz allein in der Stube war. Sie aßen und tranfen gutes Muthes, und führten mit einander ein gar gelehrtes Gespräch, als wenn die Welt schon. viele tausend Jahr alt wäre, und noch eben so lang stehen würde, und daß in jedem Jahr, an jedem Tag und in jeder Stunde des Jahrs alles wieder so koma me und sey, wie es am nemlichen Tag und in der nemlichen Stunde vor sechstausend Jahren auch ges wesen sey. Ja, sagte endlich einer zur Wirthin- die mit einer Strickerey feitwärts am Fenster saß und aufmerksam zuhörte,„ ia, Frau Wirthin, das müssen wir aus unsern gelehrten Büchern wissen." Und Einer war so keck und behauptete, er könne sich wieder dunkel erinnern, daß sie vor sechstausend Jahren schon einmal da gewesen seyen, und das hübsche freundliche Gesicht der Frau Wirthin sey ihm noch wohl bekannt. Das Gespräch wurde noch lange forts gesetzt, und je mehr die Wirthin alles zu glauben schien, desto besser liessen sich die jungen Schwenkfela der den Wein und Braten und manche Brezel schmeks ken, bis eine Rechnung von 5 ft. 16 kr. auf der Kreis IIS de stand. Als sie genug gegessen und getrunken hat ten, rückten sie mit der List heraus, worauf es abgeseben war. " Frau Wirthin, sagte einer, es steht diesmal um unsere Basen nicht gut, denn es sind der Wirthshäuser zu viele an der Strasse. Da wir aber an cuch eine verständige Frau gefunden haben, so hoffen wir als alte Freunde hier Credit zu haben, und wenns euch recht ist, so wollen wir in 6000 Jah, ren, wenn wir wieder kommen, die alte Seche samt der neuen bezahlen." Die verständige Wirthin nahm das nicht übel auf, war's vollkommen zufrieden, und freute sich, daß die Herren so vorlieb genommen, frellte sich aber unvermerkt vor die Stubenthus re und bat, die Herren möchten nur so gut seyn, und jetzt einstweilen die s fl. 16 kr. Bezahlen, die sie vor 6000 Jahren schuldig geblieben seyen, weil doch alles schon einmal so gewesen sey, wie es wieder komme. Sum Unglück trat eben der Vorgesetzte des Ortes mit ein Paar draven Männern in die Stube, um mit einander ein Glas Wein in Ehren zu trin, fen. Das war den gefangenen Bögeln gar nicht lieb. Denn jetzt wurde von Amts wegen das Ur, theil gefällt und vollzogen:„ Es sey aller Ehren werth, wenn man 6000 Jahre lang geborgt habe. Die Herren sollten also augenblicklich ihre alte Schuld bezahlen, oder ihre noch ziemlich neue Oberrocke in Verfazz geben." Dieß lezte mußte geschehen, und die Wirthin versprach, in 6000 Jahren, wenn sie wies der kommen und besser als jetzt bei Bazzen seyen, ibnen alles, Stück für Stück, wieder zuzustellen. - 116 Dieß ist geschehen im Jahr 1805 am 17ten April im Wirthshause zu Segringen. Seltsamer Spazierritt. Ein Mann reitet auf seinem Esel nach Haus und läßt seinen Buben zu Fuß neben her laufen. Kommt ein Wanderer und sagt: Das ist nicht recht, Vas ter, daß ihr reitet und laßt euern Sohn laufen; ihr habt stärkere Glieder. Da stieg der Vater vom Esel herab und ließ den Sohn reiten. Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: Das ist nicht recht, Bursche, daß du reitest und läsest deinen Vater zu Fuß geben. Du hast jüngere Beine. Da saßen beis de auf und ritten eine Strecke. Kommt ein dritter Wandersmann und sagt: Was ist das für ein unver stand: Zwei Kerle auf Einem schwachen Thiere; Sollte man nicht, einen Stock nehmen, und euch beis de hinab jager? Da stiegen beide ab und giengen selb dritt zu Fuß, rechts und links der Vater und Sohn, und in der Mitte der Efel. Kommt ein vierter Wan dersmann und sagt: Ihr seyd drey kuriose Gesellen. Its nicht genug, wenn Zwey zu Fuß gehen? Gehts nicht leichter, wenn Einer von euch reitet? Da band der Vater dem Esel die vordern Beine zusammen, und der Soon band ihm die hintern Beine zusammen, zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Achfel heim. So weit fann's kommen, wenn man es allen Leutten will recht machen. II Drei Wünsche. Ein junges Ehepaar lebte recht, vergnügt und glücklich beysammen, und hatte den einzigen Fehler, der in jeder menschlichen Brust daheim ist: Wenn man's gut hat, bått' man's gerne besser. Aus diefem Fehler entstehen so viele thörichte Wünsche, woran es unserm Hans und seiner Life auch nicht fehlte. Bald wünschten sie des Schulzen Acker, bald des Löwenwirths Geld, bald des Meyers Haus und Hof und Vich, bald Einmal hunderttausend Millionen baierische Thaler kurz weg. Eines Abends aber als sie friedlich am Ofen saßen und Nüse aufklopften, und schon ein tiefes Loch in den Stein hincine geklopft hatten, kam durch die Kammerthür ein weiß ses Weiblein herein, nicht mehr als einer Elle lang, aber wunderschön von Gestalt und Angesicht, und die ganze Stube war voll Rosendust. Das Licht löschte aus, aber ein Schimmer wie Morgenroth, wenn die Sonne nicht mehr fern ist, stratte von dem Weiblein aus, und überzog alle Wände. Ueber so etwas kann man nun doch ein wenig erschrecken, so schön es aussehen mag. Aber unser gutes Ehepaar erhohlte sich doch bald wieder, als das Fräulein mit wundersüßer silberreiner Stimme sprach:» Ich bin cure Freundinn, die Bergfey, Anna Frige, die im kristallenen Schloß mitten in den Bergen' wohnt F mit unsichtbarer Hand Gold in den Rbeinsand streut, und über siebenhundert dienstbare Geister gebietet. Drei Wünsche dürft ihr thun; drei Wünsche sollen erfüllt werden." Hans drückte den Ellenbogen an den Arm seiner Frau, als ob er sagen wollte: Das laus tet nicht übel. Die Frau aber war schon im Be 118 griff, den Mund zu öffnen und etwas von ein paar Dußend goldgestickten Hauben, seidenen Halstüchern und dergleichen zur Sprach zu bringen, als die Bergs fey sie mit aufgehobenem Zeigefinger warnte: Acht Tage lang, sagte sie, habt ihr Zeit. Bedenkt euch wohl, und übereilt euch nicht. Das ist kein Febs ler, dachte der Mann, und legte seiner Frau die Hand auf den Mund. Das Bergfräulein aber vers schwand. Die Lampe brannte wie vorher, und statt des Rosendust's zog wieder wie eine Wolfe am Hims mel der Deldampf durch die Stube. So glücklich nun unsere guten Leute in der Hof= nung schon zum voraus waren, und keinen Stern mehr am Himmel sahen, sondern lauter Baggeigen; so waren sie jest doch recht übel d'ran, weil sie vor lauter Wunsch nicht wußten, was sie wünschen wolls ten, und nicht einmal das Herz hatten, recht das ran zu denken oder davon zu sprechen, aus Furcht, es möchte für gewünscht passiren, che sie es genug überlegt båtten. Nun sagte die Frau: Wir haben ja noch Zeit bis am Freitag. Des andern Abends, während die Cartoffeln zum Nachtessen in der Pfanne prasselten, standen beide, Mann und Frau, vergnügt an dem Feuer beysams men, saben zu, wie die kleinen Feuerfünklein an der rußigen Pfanne hin und her zungelten, bald aus giengen, bald auslöschten, und waren, ohne ein Wort zu reden, vertieft in ihrem fünftigen Glück." Als sie aber die gerösteten Cartoffeln aus der Pfan ne auf das Plåttiein anrichteten, und ihr der Ges ruch lieblich in die Nase stieg: Wenn wir jest nur ein gebratenes Würstlein dazu hätten," sagte sie - 119 in aller Unschuld, und ohne an etwas anders zu den ken, undo weh, da war der erste Wunsch ges than. Schnell wie ein Blizz kommt und vergeht, kam es wieder wie Morgenroth und Rosenduft untereinander durch das Kamin herab, und auf den Cartoffeln lag die schönste Bratwurst. Wie gewünscht so geschehen. Wer sollte sich über einen solchen Wunsch und seine Erfüllung nicht ärgern? Welcher Mann über solche Unvorsichtigkeit seiner Frau nicht unwillig werden? „ Wenn dir doch nur die Wurst an der Nase an gewachsen wäre," sprach er in der ersten Ueberraschung, auch in aller Unschuld, und ohne an et was anders zu denken und wie gewünscht, so ges schehen. Kaum war das letzte Wort gesprochen, so saß die Wurst auf der Nase des guten Weibes fest, wie angewachsen in Mutterleib, und hieng zu beyden Seiren hinab wie ein Husaren Schnauzbart. Nun war die Noth der armen Eheleute erst recht groß. Zwei Wünsche waren gethan und vorüber, und noch waren sie um keinen Heller und um fein Waizenkorn, sondern nur um eine böse Bratwurst. reicher. Noch war ein Wunsch zwar übrig. Aber was half nun aller Reichtbum und alles Glück zu einer solchen Nasenzierrath der Hausfrau? Wollten sie wohl oder übel, so mußten sie die Bergfey bitten, mit unsichtbarer Hand Barbiersdienste zu leisten, und Frau Lise wieder von der vermaedeyten Wurst zu befreyen. Wie gebeten, so geschehen, und so war der dritte Wunsch auch vorüber, und die armen Eheleute saben einander an, waren der nemliche Hans 120 und die nemliche Lise nachher wie vorher, und die schöne Bergfey kam niemals wieder. Merke: Wenn dir einmal die Bergfey also kommen sollte, so sei nicht geißig, sondern wünsche Numero Eins: Verstand, daß du wissen mos gest, was du Numero Zwei wünschen sollest, um glücklich zu werden. Und weil es leicht möglich wäre, daß du alsdann etwas wähltest, was ein thörichter Mensch nicht hoch anschlägt, so bitte noch Numero Drei: um beständige Zufriedenheit und keine Neue. Oder so: Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichtse wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen. Eine merkwürdige Abbitte. Das ist merkwürdig, daß an einem schlechten Mens schen der Name eines ehrlichen Mannes gar nicht haftet, und daß er durch solchen nur ärger ges schimpft ist. Zwei Männer sagen in einem benachbarten Dorf zu gleicher Zeit im Wirthshaus. Aber der eine von ihnen hatte bösen Leumund wegen allerley, und fah ihn und den Iltis niemand gern auf seinem Hof. Aber beweisen vor dem Richter konnte man ihm nichts. Mit dem bekam der andere Zwist im Wirths haus, und im Unwillen, und weil er ein Glas Wein zu viel im Kopf hatte, so sagte er zu ihm: Da schlechter Kerl! Damit kann einer zufrieden seyn, wenn ers ist, und braucht nicht mehr. Aber I2I der war nicht zufrieden, wollte noch mehr haben, schimpfte auch, und verlangte Beweis. Da gab ein Wort das andere, und es hieß: du Spizbub! du Felddieb!- Damit war er noch nicht zufrieden, sondern gieng vor den Richter. Da war nun freylich derjenige, welcher geschimpft hatte, übel d'ran. Leugnen wollt er nicht, beweisen konnt' er nicht, weil er für das, was er wohl wußte, keine Zeugen hatte, sondern er mußte einen Gulden Strafe erles gen, weil er einen ehrlichen Mann Spisbube gebeis sen habe, und ihm Abbitte thun, und dachte bei sich selber: theurer Wein! Als er aber die Strafe erlegt hatte, so sagte er:„ Also einen Gulden kostet es, Gestrenger Herr, wenn man eis nen ehrlichen Mann einen Spizzbuben nennt? Was koster's denn, wenn man eina mal in der Vergeßlichkeit oder sonst zu einem Spizbuben sagt: Ehrlicher Mann! c Der Richter lächelte und sagte: Das kostet nichts, und damit ist niemand geschimpft. Hierauf wens dete sich der Beklagte zu dem Kläger um, und fagte:„ Es ist mir leid, ehrlicher Mann! Nichts für ungut, ehrlicher Mann! Adies, ehrlicher Mann!" Als der erboste Gegner das hörte, und wohl merkte wie es gemeynt war, wolls te er noch einmal anfangen, und hielt sich jetzt für ärger beleidigt als vorher. Aber der Richter, der ihn doch auch als einen verdächtigen Menschen kennen mochte, sagte zu ihm: Er konnte jetzt zufrica den seyn. 122 Der große Sanhedrin zu Paris. Daß die Juden seit der Zerstörung Jerusalems, das heißt, seit mehr als 1700 Jahren, ohne Vas terland und ohne Bürgerrecht auf der ganzen Erde in der Zerstreuung leben, daß die meisten von ihnen, ohne selber etwas Nüßliches zu arbeiten, sich von den arbeitenden Einwohnern eines Landes nähren, daß sie daher auch an vielen Orten als Fremdlinge verachtet, mishandelt und verfolgt werden, ist Gott bekannt und leid.- Mancher sagt daher im Unvers stand: Man sollte sie alle aus dem Lande jagen. Ein Anderer sagt im Verstand: Man sollte arbeitsame und nützliche Menschen aus ihnen machen, und sie alsdann behalten. Den Anfang dazu hat der große Kaiser Napoleon gemacht. Merkwürdig für die Gegenwart und für die Zukunft ist dasjenige, was er wegen der Judens schaft in Frankreich und dem Königreich Italien verordnet und veranstaltet hat. Schon in der Revolution bekamen alle Juden, die in Frankreich wohnen, das französische Bürgers recht, und man fagte frisch weg: Bürger Aron, Bür ger Levi, Bürger Rabbi, und gab sich brüderlich die Hand. Aber was will da herauskommen? Der christliche Bürger hat ein anderes Gesetz und Recht, so hat der jüdische Bürger auch ein anderes Gesetz und Recht, und will nicht haben Gemeinschaft mit den Gojim. Aber zweierlei Gesez und Willen in Einer Bürgerschaft thut gut, wie ein brausender Strudel in einem Strom. Da will Wasser auf, da will Was ser ab, und eine Mühle, die darin steht, wird nicht viel Mehl mahlen. 123 Das sah der große Kaiser Napoleon wohl ein, und im Jahr 1806, ehe er antrat die große Reise nach Jena, Berlin, und Warschau, und Eylau ,. ließ er schreiben an die ganze Judenschaft in Frants reich, daß sie ihm sollte schicken aus ihrer Mitte ver ständige und gelehrte Männer aus allen Departe mentern des Kaiserthums. Da war nun jedermann in großem Wunder, was das werden sollte, und der Eine sagte das, der Andere jenes, z. B. der Kaiser wollte die Juden wieder bringen in ihre alte Heimath am großen Berg Libanon an dem Bach Egypti und am Meer. Als aber die Abgeordneten und Rabbiner aus allen Departementern, worinn Juden wohnen, beis sammen waren, ließ bald der Kaiser ihnen gewisse Fragen vorlegen, die sie sollten bewegen in ihrem Herzen, und beantworten nach dem Gesetz, und war daraus zu sehen, es sey die Rede nicht vom Forts schicken, sondern vom Dableiben, und von einer fes ften Verbindung der Juden mit den andern Bürgern in Frankreich und in dem Königreich Italien. Denn alle diese Fragen giengen darauf hinaus, ob ein Ju de das Land, worin er lebt, nach seinem Glauben und könne ansehen und lieben als sein Vaterland, die andern Bürger desselben als seine Mitbürger, und die bürgerlichen Geseze desselben halten. Das war nun fast spißig, und wie es anfänglich schien, war nicht gut sagen: Ja, und war nicht gut sagen: Nein. Allein die Abgeordneten sagen, daß der Geist der göttlichen Weisheit erleuchtet habe ihre Gemüther, 124 und sie ertheilten eine Antwort, die war wohlgefäls lig in den Augen des Kaisers. Darum formirte die jüdische Versammlung aus fich, zum unerhörten Wunder unsrer Zeit, den groß sen Sanhedrin. Denn der große Sanhedrin ist nicht ein großer Jude zu Paris, wie der Riese Goliath, so aber ein Philister war, sondern San hedrin, das wird verdollmetscht eine Bersamm lung, und wurde vor alten, alten Beiten also genannt, der hohe Rath zu Jerusalem, so bestand aus 71 Rathsherren, die wurden für die verständigsten und weises ften Männer gehalten, ein ganzes Bolf, und wie die se das Gesez erklärten, so war es recht, und mußte gelten in ganz Ifrael. Einen solchen Nath fezten die Abgeordneten der Judenschaft wieder ein und sagten, es sey seit 1500 Jahren kein großer Sanhedrin gewesen, als dieser uns ter dem Schuß des erhabenen Kaisers Napoleon. Dieß ist der Inhalt der Gesetze, die der große Sanhedrin aussprach zu Paris im Jahr 5567 nach Erschaffung der Welt im Monat Adar desselbigen Jahres am 22sten Tag des Monats. 1) Die jüdische Ebe soll bestehen aus Einem Manne und Einer Frau. Kein Ifraelite darf zu gleicher Zeit mehr haben, als Eine Frau. 2) Kein Rabbiner darf die Scheidung einer Ehe aussprechen, es sey dann, die weltliche Obrigkeit has be zuvor gesprochen, die Ehe sey nach dem bürgers lichen Gesetz aufgelöst. 3) Kein Rabbiner darf die Bestätigung einer Ehe aussprechen, es sey dann, daß die Verlobten von der weltlichen Obrigkeit einen Trauschein haben. - 125 Aber ein Jude darf ein Christentochter heyrathen, und ein Christ eine füdische Tochter. Solches hat nichts zu sagen. 4) Denn der große Sanhedrin erkennt, die Chris sten und die Juden seyen Brüder, weil sie Einen Gott anbeten, der die Erde und den Himmel erschaffen hat, und befiehlt daher, der Israelite soll mit dem Franzosen und Italiener und mit den Unterthanen jedes Landes, in welchem sie wohnen, so leben, als mit Brüdern und Mitbürgern, wenn sie denselben einigen Gott anerkennen und verehren. 5) Der Israelite soll die Gerechtigkeit und die Liebe des Nächsten, wie sie befohlen ist im Gesez Mo. ses, ausüben, eben so gegen die Christen, weil sie seine Brüder find, als gegen seine eigene Glaubensgenossen, in und ausser Frankreich und dem Königreich Italien. 6) Der große Sanhedrin erkennt das Land, wors inn ein Israelite gebohren und erzogen ist, oder wo er sich niedergelassen hat, und den Schutz der Gefeße genießt, sey sein Vaterland, und befiehlt daher allen Ifraeliten in Frankreich und in dem Königreich Ita lien, solches Land als ihr Vaterland anzusehen, ihm zu dienen, es zu vertheidigen 2c. Der jüdische Soldat ist in solchem Stand von den Ceremonien frey, die damit nicht vereinbar find. 7) Der große Sanhedrin befiehlt allen Israeliten, der Jugend Liebe zur Arbeit einzustoßen, sie zu nützli chen Künsten und Handwerkern anzuhalten, und era mahnt sie, liegende Gründe anzukaufen, und allen Beschäftigungen zu entsagen, wodurch sie in den Au 126 gen ihrer Mitbürger könnten verhaßt oder verächtlich werden. 8) Kein Jfraelite darf von dem Geld, welches ein Ifraelitischer Hausvater in der Roth von ihm ge lichen hat, 3ins nehmen. Es ist ein Werk der Liebe; aber ein Capital, das auf Gewinn in den Handel ges steckt wird, ist verzinsbar. 9) Das nemliche gilt auch gegen die Mitbürger anderer Religionen. Aller Wucher ist ganzlich verboten, in und ausser Frankreich und dem Königreich Italien, nicht nur gegen Glaubensgenossen und Mits bürger, sondern auch gegen Fremde. Diese neun Artikel find publicirt worden den 2ten Merz 1807, und unterschrieben von dem Borsteher des großen Sanhedrin, Rabbi d. Sinzheim von Stras burg und andern hohen Rathsherren. Der schlaue Pilgrim. Vor einigen Jahren zog ein Müßiggånger durch das Land, der sich für einen frommen Pilgrim auss gab, gab vor, er komme von Paderborn, und laufe geraden Wegs zum heil. Grab nach Jerusalem, frag te schon in Müllheim an der Post: Wie weit ist es noch nach Jerusalem? Und wenn man ihm sagte: Siebenhundert Stunden; aber auf dem Fußweg über Mauchen ist es eine Viertelstunde näher, so gieng er, um auf dem langen Weg eine Viertelstunde zu erspa ren, über Mauchen. Das wäre nun so übel nicht. Man muß einen kleinen Vortheil nicht verachten, sonst kommt man zu feinem großen. Man bat öfter Gele. genheit, einen Batzen zu ersparen oder zu gewinnen, 127 als einen Gulden. Aber 15 Baßen sind auch ein Gul den, und wer auf einem Wege von 700 Stunden nur allemal ans Stunden weiß eine Biertelfiunde abzus kürzen, der hat an der ganzen Reise gewonnen- wer rechnet aus, wie viel. Allein unser verkleides ter Pilgrim dachte nicht even so, sondern weil er nur dem Müßiggang und guten Essen nachzog, so war es ihm einerley, wo er war. Ein Bettler fann nach dem alten Sprichwort nie verirren, muß in ein schlechtes. Dorf kommen, wenn er nicht mehr darinn bekommt, als er unterwegs an den Schlen zerreißt, zumal wenn er barfuß geht. Unser Pilgrim aber dachte doch ima mer darauf, so bald als möglich wieder an die Lands straße zu kommen, wo reiche Häuser stehen, und gut gekocht wird. Denn der Halunke war nicht zufrie den, wie ein rechter Wilgrim feyn soll, mit gemeiner Nahrung, die ihm von einer mitleidigen und frommen Hand gereicht wurde, sondern wollte nichts fressen als nahrhafte Kieselstein Suppen. Wenn er nemlich irgendwo so ein braves Wirthshaus an der Straße ste hen sah, wie zum Erempel das Posthaus in Krozingen, oder den Baselstab in Schliengen, so gieng er hinein und bat ganz demüthig und hungrig um ein gutes Wasser Supplein von Kieselfieinen, um GotteswilTen, Geld habe er keines. Wenn nun die mitleidis ge Wirthin zu ihm sagte:„ Frommer Pilgram, die Kieselsteine konnten euch bart im Magen liegen!" so sagte er: Eben deßwegen! die Kieselsteine halten långer an, als Brod, und der Weg nach Jerusalem ist weit. Wenn ihr mir aber ein Gläslein Wein dazu bescheren wollt, um Gotteswillen, so könnt ichs freylich besser verdauen. Wenn aber die Wirthin sagte: 128 Aber, frommer Pilgram, eine solche Suppe kann euch doch unmöglich Kraft geben!" So antwortete er: En, wenn ihr anstatt des Wassers wolltet Fleischbrühe dazu nehmen, so wars freylich nahrhafter. Brachte nun die Wirthin eine solche Suppe, und fagte:„ Die Tünklein sind doch nicht so gar weich worden," so sagte er: Ja, und die Brühe sieht gar dünn aus. Hättet ihr nicht ein paar Gabeln voll Gemúß darein, oder ein Stücklein Fleisch, oder beydes? Wenn ihm nun die mitleidige Wirthin auch noch Ges múß und Fleisch in die Schüssel legte, so sagte er: Vergelts euch Gott! Gebt mir jezt Brod, so will „ ich die Suppe essen. Hierauf streifte er die Ermel feines Pilgergewandes zurück, fezte sich, und grifan das Werk mit Freuden, und wenn er Brod und Wein und Fleisch und Gemüß und die Fleischbrühe aufge= zehrt hatte bis auf den lezten Brosamen, Faser und Tropfen, so wischte er den Mund am Tischtuch oder an dem Ermel ab, oder auch gar nicht, und sagte: " Frau Wirthin, eure Suppe hat mich rechtschaffen gesättigt, so daß ich die schönen Kieselsteine nicht eins mal mehr zwingen kann. Es ist schade dafür! Aber hebt sie auf. Wenn ich wieder komme, so will ich euch eine heilige Muschel mitbringen ab dem Meeresstrand von Ascalon, oder eine Rose von Jericho." Untreue schlägt den eigenen Herrn. Als in dem Krieg zwischen Frankreich und Preuß sen ein Theil der französischen Armee nach Schlesien einrückte, waren auch Truppen vom rheinischen Bun desheer dabey, und ein baierischer oder würtembergi 129 scher Offizier wurde zu einem Edelmann einquartirt, und bekam eine Stube zur Wohnung, wo viele sehr schöne und kostbare Gemählde hiengen. Der Offizier schien recht große Freude daran zu haben, und als er etliche Tage bey diesem Mann gewesen und freunds lich behandelt worden war, verlangte er einmal von feinem Hauswirth, daß er ihm eins von diesen Gemåhlden zum Andenken schenken möchte. Der Haus wirth sagte, daß er das mit Vergnügen thun wollte, und stellte seinem Gaste frey, dasjenige selber zu wäh len, welches ihm die größte Freude machen könnte. Nun, wenn man die Wahl hat, sich selber ein Ge schenk von jemand auszusuchen, so erfordern Verstand und Artigkeit, daß man nicht gerade das Vornehmste und Kostbarste wegnehme, und so ist es auch nicht ges meynt. Daran schien dieser Mann auch zu denken, denn er wählte unter allen Gemåblden fast das schlechteste. Aber das war unserm schlesischen Edelmann nichts desto lieber, und er båtte ihm gern das kost barste dafür gelassen. Mein Herr Obrist, so sprach er mit sichtbarer Unruhe, warum wollen Sie gerade das geringste wählen, das mir noch dazu wegen einer andern Ursache werth ist? Nehmen Sie doch lieber dieses hier oder jenes dort. Der Offizier gab aber darauf kein Gehör, fchien auch nicht zu merken, daß sein Hauswirth immer mehr und mehr in Angst ges rieth, sondern nahm geradezu das gewählte Gemälde berunter. Jezt erschien an der Mauer, wo dasselbe gewesen war, ein groffer feuchter Fleck. Was soll das seyn? sprach der Offizier, wie erzurnt, zu sei nem todtblassen Wirth, that einen Stoß, und auf einmal fielen ein Paar frisch gemauerte und überHebels Schazkäßtlein. 130 tünchte Backsteine zusammen, hinter welchen alles Geld und Gold und Silber des: Edelmanns einges mauert war. Der gute Mann hielt nun sein Eigens thum für verloren, wenigstens erwartete er, daß der feindliche Kriegsmann eine nahmhafte Theilung ohne Juventarium und ohne Commissarius vornehmen wer de, ergab sich gedultig darein, und verlangte nur von ihm zu erfahren, wober er habe wissen können, daß hinter diesem Gemahlde sein Geld in der Mauer vers borgen war. Der Offizier erwiederte: Ich werde den Entdecker sogleich holen lassen, dem ich ohnehin eine Belohnung schuldig bin; und in furzer Zeit brach te sein Bedienter sollte man's glauben den Maurermeister selber, den nemlichen, der die Vertic fung in der Mauer zugemauert und die Bezahlung dafür erhalten hatte. Das ist nun einer von den größten Spizbubenstrei chen, die der Satan auf ein Sünden Register setzen fann. Denn ein Handwerksmann ist seinen Kunden die größte Treue, und in Geheimnissen, wenn es nichts Unrechtes ist, so viel Verschwiegenheit schuldig, als wenn er einen Eid darauf hätte. Aber was thut man nicht um des Geldes willen! Oft gerade das nemliche, was man um der Schläge, oder um des Zuchthauses willen thut, oder für den Gals gen, obgleich ein großer Unterschied dazwischen ist. So etwas erfuhr unser Meister Spisbub. Denn der brave Offizier ließ ihn jezt hinaus vor die Stube führen, und ihm von frischer Hand 100, fage hundert Prügel baar ausbezahlen, lauter gute Valuta, und war kein einziger falsch darunter. Dem Edelmann aber gab er unbetastet sein Eigenthum zurück. Das wollen wir 131 beides gut heissen, und wünschen, daß jedem, der Eins quartirung haben muß, ein so rechtschaffener Gast, und jedem Berråther eine solche Belohnung zu Theil wer den möge. Jakob Humbe 1. Jakob Humbel, eines armen Bauern Sohn von Boneschwyl im Schweizer Canton Argau, kann je dem seines gleichen zu einem lehrreichen und aufmun ternden Beyspiel dienen, wie ein junger Mensch, dem es Ernst ist, etwas Nügliches zu lernen und et was Rechtes zu werden, trotz allen Hindernissen, am Ende seinen Zweck durch eigenen Fleiß und Gottes Hülfe erreichen kann. Jakob Humbel wünschte von früher Jugend an ein Thierarzt zu werden, um in diesem Beruf seinen Mitbürgern viel Nußen leisten zu können. Das war sein Dichten und Trachten Tag und Nacht. Sein Bater gab ihn daher in seinem 16ten Jahr einem sogenannten Vich Doktor von Mummenthal in die Lehre, der aber. fein geschickter Mann war. Bey diesem lernte er zwey Jahre, bekam alsdann einen braven Lehrbrief, und wußte alles was sein Meister wußte, nemlich Tranklein und Salben ko= chen, auch Pflaster kneten für den bösen Wind, sonst nichts und das war nicht viel. - Ich weiß Einen, der wäre damit zufrieden gewesen, hätte nun auf seinen Lehrbrief und seines Meis fters Wort Salben gekocht, zu Pflaster gestrichen drauf und dran für den bösen Wind, das Geld dafür genommen und selber gemeynt, er sey's. 132 Jakob Humbel nicht also. Er gieng zu einem an dern Viehdoktor in Oberostern im Emmenthal noch einmal in die Lehre, hielt abermal ein Jahr bey ihm aus, bekam abermal einen braven Lehrbrief, und wuß te abermal- Nichts, weil auch dieser Meister die wichtige Kunst selber nicht verstand, keine Kenntniß hatte von der innern Beschaffenheit eines Thieres im gesunden und kranken Zustand, und von der Natur der Arzneymittel. Ich weiß Einen, der hatt's jezt bleiben lassen, war eben wieder heimgekommen wie er fortgegangen und hatt' sich mit Andern getröstet, aus denen auch nichts bat werden wollen. Fast sah es mit unserm armen Jakob Humbel eben so aus. Mit Windfalben war wenig Geld, noch we niger Credit und Ehre zu verdienen. Was er vers diente, zog der Vater. Humbel wurde gemeiner Tags löhner, gieng in armseliger Kleidung umber, ohne Geld, ohne Nath, und dennoch hatte er noch immer den Thierarzt nicht im Kopf, denn das wäre schon recht gewesen, sondern im sehnsuchtsvollen Verlangen. Jetzt verdingte ce fich als Hausbedienter bey Herrn Ringier im Klösterli zu Zofingen. Bey diesem Herrn mar er drey Jahre, bekam einen guten Lohn, und wurde gütig behandelt, wie ein Kind. Ich weiß Einen, der hätte die Güte eines solchen Herrn mißbraucht, wäre meisterlos worden, den Lohn hätten bekommen der Wirth und der Spielmann. Aber Jakob Humbel wußte mit seinem Verdienst etwas besseres anzufangen. Oft wann er bey dem Essen aufwartete, hörte er die Herren am Tisch französisch reden. Da kam er auf den Gedanken, diese 133 M Sprache auch zu lernen. Vermuthlich hoffte er das durch auf irgend eine Art leichter zu seinem Zweck zu kommen, noch ein geschickter und braver Thierarzt zu werden. Er gieng mit seinem zusammengesparten Verdienst nach Nion in die Schulanstalt des Herrn Snell, und lernte so viel, als in 9 Monaten zu ler. nen war. Jest war sein Vorrath verzehrt, und che er seine Studien fortsezen konnte, mußte er darauf denken, wie er wieder Geld verdiente. Gott wird mich nicht verlassen, dachte er. Er gieng zu Herrn Landvogt Bucher in Wildenstein als Kammerdiener in Dienste, erwarb sich bey diesem und nachher bey einem andern Herrn wieder etwas Geld, und befand sich im Jahr 1798, als die Franzosen in die Schweiz kamen, in seinem Geburtsort zu Boneschwyl, und trieb mit seinem erworbenen Geld einen kleinen Kornhandel nach Zürch, der recht gut von Statten gieng, und seine Baarschaft nach Wunsch vermehrte. Jezt war er im Begriff, ins Ausland zu- gehen, und von dem ehrlich erworbenen Geld endlich feine Kunst rechtschaffen zu studiren. Da wurde ein Korps von 18,000 Mann helvetischer Hülfstruppen errichtet. Die Gemeinde Boneschwyl mußte 8 Mann stellen. Die jungen Bursche müssen spielen, den gu ten Jakob Humbel trifft das Loos, Soldat zu werden. Ich weiß Einen, der hätte gedacht: die Welt ist groß, und der Weg ist offen; war mit seiner kleinen Baarschaft ins Weite gangen, und hätte seine Mit bürger dafür sorgen lassen, wo sie statt seiner den 8ten Mann nehmen wollten. Aber Jakob Humbel liebt sein Vaterland, und ist ein ehrliches Blut. Er stellte einen Mann, den er 134- zwey Jahre lang auf seine Kosten unterhalten mußte. Das Beste von seinem erworbenen Vermögen, wovon er noch etwas lernen wollte, gieng zu seinem unsågs lichen Schmerzen drauf, und er dachte: Jezt habe ich hobe Zeit, sonst ists Matha am lezten. Mit dies sem Gedanken nahm er den Rest seiner Habschaft in die Tasche, einen Stock in die Hand, und lief eines Gangs, ohne sich umzusehen, nach Carlsruhe, und als er auf der Mühlburger Straße zwischen den langen Reihen der Pappelbäume die Stadt erblickte, da dachte er, Gottlob! und Gott wird mir helfen. Guter Jakob Humbet, Gott bilft jedem, der sich wie du von Gott will helfen lassen, und du hast es erfahren. In Carlsruhe ist eine öffentliche Anstalt zum Uns terricht in der Thierarzneykunst. Die Lehrstunden werden unentgeldlich ertheilt. Die sehr geschickten Lehrer geben sich Mühe, ihre Lehringer gründlich zu unterrichten. Schon mancher brave Thierarzt hat in dieser nützlichen Schule sich zu seinem Beruf vors bereitet und gebildet. Hier war nun Humbel in seinem rechten Element, an der reichen Quelle, wo er seinen lang gehaltenen Durst nach Wissenschaft befriedigen konnte, lernte ein frankes Thier mit andern Augen anschauen als in Mummenthal und Emmenthal, konnte andere Sachen Ternen als Wind machen und bösen Wind vertreiben, und war nicht viel im Bierhaus zur Stadt Berlin, oder im Wirthshaus zur Stadt. Strasburg, oder in Klein, Carlsruhe im Wilhelm Tell zu seben, ob er gleich sein Landsmann war, auch nicht einmal recht am Sonntag auf dem Paradeplatz, oder zu Mühl 135 burg im Rappen, sondern vom frühen Morgen bis in die späte Nacht beschäftigte er sich zwanzig Monate lang unermüdet und unverdroffen mit seiner Kunst, und wenn er wieder etwas Neues, Schönes und Nüßliches gelernt hatte, so machte ihn das am Abend vergnügter, als der Zapfenstreich mit der schönsten türkischen Musik: zumal wenn ihm bey derselben sein Kostgänger einfiel bey den helvetischen Hülfstruppen. Endlich kehrte er als ein ausgelernter Thier- Arzt, mit den schönsten Zeugnissen seiner Lehrer aus Carlsruhe, freudig in sein Vaterland zurück, wurde von dem Sanitätsrath in dem Canton Argau geprüft, legte zu Jedermanns Erstaunen und Freude die weit. läuftigsten und gründlichsten Kenntnisse an den Tag, erhielt mit wohlverdienten Lobsprüchen und Ehren das Patent auf seine Kunst und sab sich nun nach allen ausgestandenen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten am schönen Ziel seiner lebenslänglichen Wünsche, eis ner der geschickteßten und angesehensten Thier- Aerzte, in dem ganzen Schweizerlande. Jezt weiß ich Vier, die denken: Wenn solcher Muth und Ernst dazu gehört, etwas Braves zu ler nen, so ists kein Wunder, daß aus mir nichts hat werden wollen. Guter Freund, nimm Gott zu Hülfe, und ver suche es noch! Franz Ignaz Narocki. Man erfährt doch durch den Krieg allerley, uns ter vielem Schlimmen auch manchmal etwas Gutes, und es heißt da wohl: Die Berge kommen nicht zu 136 sammen, aber die Leute. So wird wohl zum Bey, spiel ein Polak, Namens Franz Ignaz Narocki, im Jahr 1707 auch nicht daran gedacht haben, daß nach 100 Jahren der französische Kaiser Napoleon noch zu ihm nach Polen kommen, und ihm ein sorgenfreyes Alter verschaffen werde; und doch ists geschehen in den ersten Wochen des Jahrs 1807. Er ist geboren. im Jahr 1690, und lebt noch, und ich will glauben, daß er in seiner Jugend sich nicht oft betrunken und nicht ausschweifend gelebt habe, denn er hatte in seis nem hundert und siebenzehnten Lebensjahr noch kein Gebrechen, ob er gleich in seiner Jugend Kriegsdien ste that, als Gefangener von den Russen nach Asien geführt wurde, und nachher auch nicht lauter gute Tage hatte. Diesem Mann hat es seit 1690 manch mal auf den Hut geschneit, und er fann wohl von manchem Grabe sagen, wer darinn liegt. seinem 70sten Jahr, wenn Andere bald an's Sterben den ken, bat er zum erstenmal gebeyrathet, und vier Kin der erzeugt. Jm 86sten Jabr nahm er die zweyte Frau und zeugte mit ihr sechs Kinder. Aber von allen ist nur noch ein Sohn aus der ersten Ehe am Leben. Der König von Preussen ließ diesem polnischen Methusalem bisher alle Monate cin Gehalt von 24 polnischen Gulden bezahlen. Das ist doch auch schön. Ein polnischer Gulden aber beträgt nach deutschem Geld ungefähr 15 kr. Als nun Kaiser Napoleon in seinem siegreichen Feldzug in die Gegend seiner Heis math tam, wünschte ihn der alte Mann auch noch zu feben. Es geschah, und er überreichte ihm ein sehr artiges Schreiben, welches er noch selber mit eigener Hand recht leserlich geschrieben hatte. Der Kaiser 137 nahm es mit Wohlgefallen auf, und machte ihm ein schönes Geschenk von hundert Napoleonsd'or. Ein Napoleonsd'or ist eine Goldmünze von 9 f. 18 kr. unseres Geldes. Der Wegweiser. Bekanntlich klagte einst ein alter Schulz von Was selnheim seiner Frau, daß ihn sein Französisch fast unter den Boden bringe. Er sollte nämlich einem französischen Soldaten, der ausgerissen war, den Weg zeigen, verstand ihn nicht recht, antwortete ihm verkehrt, und bekam für die beste Meynung Schläge genug zum Dank, oder vielmehr zum Undank. Anderst sab ein Wegweiser an der würtem bergischen Gränze die Sache an. Er sollte nämlich im letzten Krieg cinem Zug Franzosen den Weg über das Gebirg zeigen, wußte aber kein Wort von ihrer Sprache, als Oui, welches so viel beißt als I a, und Bougre, welches ein Schimpf Name ist. Diese zwei Worte hatte er oft gehört, und lernte sie nach, fagen, ohne ihren Sinn zu verstehen. Anfänglich gieng alles gut, so lange die Franzosen nur unter fich sprachen, und ihn mit seiner Laterne und drei oder vick Tornistern, die sie ihm angehängt hatten, voraus oder neben her gehen liessen. Da er aber der Spur nach allemal mitlachte, wenn sie etwas zu lachen hatten, so fragte ihn Einer französisch, ob er auch verstünde was sie mit einander redeten. Er båtte herzhaft sagen dürfen: Nein! Aber eben, weil er es nicht verstand, so kam es ihm nicht darauf an, was er antwortete. Er nahm daher all sein Französisch 138 zusammen, und antwortete Oui Bougre,( Ja Kes Her!) Mit einem eblenlangen französischen Fluch ris der Soldat den Säbel aus der Scheide, und ließ ihm denselben um den Kopf herum und nahe an den Ohren vorbei sausen.„ Wie? sagte er, du willst einen französischen, Soldaten schimpfen?« Oui Bougre! war die Antwort. Die Andern hatten die höch sie Zeit, dem erbosten Cameraden in den Arm zu fallen, daß er dem Wegweiser, ohne welchen sie in der finstern Nacht nicht konnten, weiter kommen, nicht auf der Stelle den Kopf spaltete; doch gaben sie ihm mit manchem Fluch und Flintenstoß rechts und links zu verstehen, wie es gemeynt sey, und frag ten ihn alsdann, ob er jetzt wolle manierlicher seyn. Oui Bougre, war die Antwort. Nun wurde er jämmerlich zerschlagen, und alle seine Bitten um Verzeihung und alle seine Bitten um Schonung Tegte er ihnen mit lauter Oui Bougre, ans Herz. Endlich kamen sie auf die Bermuthung, er sey verrückt( denn daß er französisch verstehe, hatte er bejabt.) Sie nahmen daher auf einem Hof, wo noch ein Licht brannte, cinen andern Fübrer, jagten dies sen fort, und er erwiederte den Abschied des Einen, daß er sich zum Henker packen sollte, richtig mit Oui Bougre, Als er aber so bald wieder nach Haus kam, und sich seine Frau verwunderte, die ihn erst auf den andern Mittag wieder erwarten konnte. so er= zählte er, wie die Soldaten unterwegs viel Spaß mit ihm gehabt hätten, so daß es ihm fast sey zu arg worden, und wie sie hernach auf dem Zirnhauser Hof einen Andern genommen, und ihn wieder heimgeschickt hätten. Die Franzosen( setzte er treubers 139 zig hinzu) sind nicht so schlimm als man meynt, wenn man nur mit ihnen reden kann, Brodlose Kunst. In der Stadt Achen ist eine Fabrike, in wel cher nichts als Nähnadeln gemacht werden. Das ist keine brodlose Kunst. Denn es werden in ieder zweihundert Pfund Nadeln verfertigt, von denen 5000 Stück auf ein Pfund gehen, Facit: Eine Million, und der Meister Schneider und die Näherinn und jede Hausmutter weiß wohl, wie viel man für einen Kreuzer bekommt, und es ist nicht schwer, auszurechnen, wie viel Geld an den Aachner Nadeln in der Fabrike selbst und durch den Handel jährlich verdient und gewonnen wird. Das Werk geht durch Maschinen, und die meisten Arbeiter sind Kinder von 8-10 Jahren. Ein Fremder besichtigte einst diese Arbeiten, und wunderte sich, daß es möglich sey, in die allerfeinsten Nadeln mit einem noch feineren Instrument ein Loch zu stechen, durch welches nur der allerfeinste, fast unsichtbare Faden kann gezogen werden. Aber ein Mägdlein, welchem der Fremde eben zuschaute, zog sich hierauf ein langes Haar aus dem Kopfe, stach mit einer der feinsten Nadeln eine Oeff nung dadurch, nahm das eine Ende des Haares, bog es um, und zog es durch die Oeffnung zu einer artis gen Schleife. Das war so brodlos eben auch nicht. Denn das Magdlein bot dieses künstlich geschlungene Haar dem Fremden zum Andenken und bekam dafür ein artiges 140 Geschenk, und das wird mehr als einmal im Jabe geschehen seyn. Solch ein kleiner Nebenverdienst ist einem fleißigen Kinde wohl zu gönnen. Aber während ehrliche Eltern und Kinder aller Orten etwas Nuzliches arbeiten und ihr Brod mit Ehren verdienen, und mit gutem Gewissen essen, zog zu seiner Zeit ein Tagdieb durch die Welt, der sich in der Kunst geübt hatte, in einer ziemlich großen Entfernung durch ein Nadelöhr kleine Linsen zu werfen. Das war eine brodlose Kunst. Doch lief es auch nicht ganz leer ab. Denn als der Lin senschutz unter anderm nach Rom kam, ließ er sich auch vor dem Pabst sehen, der sonst ein großer Freund von seltsamen Künsten war, hoffte ein hübsches Stück Geld von ihm zu bekommen, und machte schon ein paar wunderliche Augen, als der Schaze meister des heiligen Vaters mit einem Såcklein auf ihn zugieng, und bückte sich entsetzlich tief, als ihm der Schatzmeister das ganze Säcklein anbot. Allein was war darin? Ein halber Becher Lins sen, die ihm der weise Pabst, zur Belohnung und Aufmunterung seines Fleißes, übermachen ließ, das mit er sich in seiner Kunst noch ferner üben und immer größere Fortschritte darinn machen könnte. Glück und Unglück. Auf eine so sonderbare Weise ist Glück im Un glück, und Unglück im Glück noch selten beysammen gewesen, wie in dem Schicksal zweyer Matrosen in dem lezten Seekrieg zwischen den Russen und Tür ken. Denn in einer Seeschlacht, als es sehr hißig 141 zugieng, die Kugeln fausten, die Bretter und Mastbäume krachten, die Feuerbrände flogen, da und dort brach auf einem Schiff die Flamme aus und konnte nicht gelöscht werden. Es muß schrecklich seyn, wenn man keine andere Wahl hat, als dem Tod in's Was fer entgegen zu springen, oder im Feuer zu verbren nen. Aber unsern zwey russischen Matrosen wurde diese Wahl erspart. Ihr Schiff feng Feuer in der Pulverkammer, und flog mit entsetzlichem Krachen in die Luft. Beyde Matrosen wurden mit in die Höhe geschleudert, wirbelten unter sich und über sich in der Luft herum, fielen nahe hinter der feindlichen Flotte wieder ins Meer hinab, und waren noch lebendig und unbeschädigt, und das war ein Glück. Allein die Türken fuhren jest wie Drachen auf sie heraus, zogen sie wie nasse Mäuse aus dem Wasser, und brachten sie in ein Schiff; und weit es Feinde waren, so war der Willkomm kurz. Man fragte sie nicht lange, ob sie vor ihrer Abreise von der russischen Flotte schon zu Mittag gegessen hätten oder nicht, sondern man legte sie in den untersten feuchten und dunkeln Theil des Schiffes an Ketten, und das war kein Glück. Unterdessen sausten die Kugeln fort, die Bretter und Maßtbäume krachten, die Feuerbråns de flogen, und paf! sprang auch das türkische Schiff, auf welchem die Gefangenen waren, in teusend Trimmern in die Luft. Die Matrosen flogen mit, kas men wieder neben der russischen Flotte ins Wasser herab, wurden eilig von ihren Freunden hineingezo gen, und waren noch lebendig, und das war ein großes Glú cf. Allein für diese wiedererhaltene Freyheit und für das zum zweytenmal gerettete Les 143 Und wer sein Glåslein trinkt, Ein lustig Liedlein singt Im Frieden und mit Sittsamkeit. Und geht nach Haus zu rechter Zeit, Der Gast darf wieder kehren, Mit Ehren. Des Wirths sein Töchterlein Ist züchtig, schlank und fein, Die Mutter hålt's in treuer Hut, Und hat sie keins, das ist nicht gut. Mußt eins in Straßburg kaufen, Ja kaufen. Jeßt Brüder, gute Nacht! Der Mond am Himmel wacht; Und wacht er nicht, so schläft Er noch. Wir finden Weeg und Hausthur doch. Und schlafen aus im Frieden, Ja Frieden. Der Commandant und die Jäger in Hersfeld. Im letzten preußisch's russischen Krieg, als die frans zösische Armee und ein großer Theil der bundsgenossischen Truppen in Polen und Breussen stand, bes fand sich ein Theil des badischen Jágerregiments in Hessen und in der Stadt Hersfeld auf ihren Pos sten. Denn dieses Land hatte der Kaiser im Anfang des Feldzugs eingenommen, und mit Mannschaft besetzt. Da gab es nun von Seiten der Einwohner, denen das Alte besser gefiel, als das Neue, mancherley Unordnungen, und es wurden besonders in dem Ort Hersfeld mehrere Widerseßlichkeiten ausgeübt, und unter andern ein französischer Offizier getödtet. Das konnte der französische Kaiser nicht 144 geschehen lassen, während er mit einem zahlreichen Feind im Angesicht kämpfte, daß auch hinter ihm Feindseligkeiten ausbrachen, und ein kleiner Funke sich zu einer großen Feuersbrunst entzündete. Die armen Einwohner von Hersfeld bekamen daher bald Ursache, ihre unüberlegte Kühnheit zu bereuen. Denn der französische Kaiser befahl, die Stadt Hersfeld zu plündern, und alsdann an vier Orten anzuzünden und in die Asche zu legen. Dieses Hersfeld ist ein Ort, der viele Fabriken, und daher auch viele reiche und wohlhabende Einwohner und schöne Ges bäude hat; und ein Menschenherz kann wohl empfinden, wie es den armen Leuten, den Vätern und Müttern zu Muthe war, als sie die Schreckenspost vernahmen und der arme Mann, dem sein Haab und Gut auf einmal auf dem Arm konnte weggetragen werden, war jetzt so übel dran, als der Reiche, dem man es auf vielen Wagen nicht wegführen konn te, und in der Asche sind die großen Häuser auf dem Platz und die kleinen in den Winkeln auch so gleich, als die zeichen Leute und die armen Leute auf dem Kirchhof. Nun zum Schlimmken kam es nicht. Auf Fürbitte der französischen Commandanten in Cassel und Hersfeld wurde die Strafe so gemildert: Es sollten zwar nur vier Häuser verbrannt werden, und dieß war glimpßlich; aber bey der Plünderung sollte es bleiben, und das war noch hart genug. Die uns glücklichen Einwohner waren auch, als sie diesen lezten Bescheid hörten, so erschrocken, so alles Muthes und aller Besinnung beraubt, daß sie der menschen. freundliche Commandant selber ermahnen mußte, statt des vergeblichen Klagens und Bittens, die kurze Frist 142 ben, mußten diese guten Leute doch ein theures Opfer geben, nemlich die Beine. Diese Glieder wurden. ihnen beym Losschnellen von den Ketten, als das türkische Schiff auffuhr, theils gebrochen, theils jammerlich zerrissen, und mußten ihnen, sobald die Schlacht vorbey war, unter dem Knie weg abgenom men werden, und das war wieder ein großes Unglück. Doch hielten beyde die Operation aus, und lebten in diesem Zustande noch einige Jahre. Endlich starb doch einer nach dem andern, und das war nach allem, was vorhergegangen war, nicht das Schlimmste. Diese Geschichte hat ein glaubwürdiger Mann bes kannt gemacht, welcher beyde Matrosen ohne Beine selber gesehen, und die Erzählung davon aus ihrem eigenen Munde gehört hat. Abendlied, wenn man aus dem Wirthshaus geht. Jest schwingen wir den Hut. Der Wein der war so gut. Der Kaiser trinkt Burgunder Wein, Sein schönster Junker schenkt ihm ein. Und schmekt ihm doch nicht besser, Nicht besser.. Der Wirth, der ist bezahlt, Und keine Kreide mahlt Den Namen an die Kammerthur, Und hinten dran die Schuldgebühr. Der Gast darf wieder kommen, Ja kommen. 145 zu benutzen, und ihr Bestes noch geschwind auf die Seite zu schaffen. Die fürchterliche Stunde schlug, die Trommel wirbelte ins Klaggeschren der Unglück lichen. Durch das Getümmel der Flüchtenden und Fliehenden und Verzweifelten eilten die Soldaten auf ihren Sammelplas. Da trat der brave Com mandant von Hersfeld vor die Reihen seiner Jäger, stellte ihnen zuerst das traurige Schicksal der Einwohner lebhaft vor die Augen, und sagte hierauf:„ Sol= daten! die Erlaubniß, zu plündern, fångt jezt an. Wer dazu Lust hat, der trete heraus aus dem Glied." Kein Mann trat heraus. Nicht einer! Der Aufruf wurde wiederholt. Kein Fuß bewegte sich; und wolls te der Commandant geplündert haben, so hatte er müssen selber gehen. Aber es war niemand lieber als ihm, daß die Sache also ablief, das ist leicht zu bemerken. Als die Bürger das erfuhren, war es ihnen zu Muthe, wie einem, der aus einem schwe ren Traum erwacht. Ihre Freude ist nicht zu be schreiben. Sie schickten sogleich eine Gefandschaft an den Commandanten, liessen ihm für diese Milde und Großmuth danken, und boten ihm aus Dankbar keit ein großes Geschenk an. Wer weiß, was Mancher gethan hatte! Aber der Commandant schlug dasselbe ab, und sagte: er lasse sich keine gute That mit Geld bezahlen. Dies geschah zu Hersfeld im Jahr 1807, und das Stadtlein steht noch. Pieve. Jedermann kennt die Bilder und LandkartenHändler, die im Land herum ihre Waaren, BildHebels Schatzkäst lein. 10. 146 nisse von Heiligen, Bildnisse von Kaisern und Köni gen und Kriegsschauplätzen feil tragen. Aber für Manchen kommen sie wie die Storken ins Land, das heißt, er weiß nicht, wober sie kommen. Von Pieve kommen sie, im Canton Tefino, in welsch Tyrol, und dieses Pieve dient zum Beweis, was aus einem armen Dorfe werden kann, wenn auf unverdrossene und sparsame Våter eben so brave Cohne und Enkel folgen, und deswegen ist an einem solchen Bilders mann mehr zu sehen, als an seinen Bildern allen. Pieve hat eine unfruchtbare Gemarkung. Der Vo den nährt seine Einmohner nicht. Lange behalfen sich daher die armen Leute mühsam und fümmerlich mit einem Handel von Feuersteinen, der eben nicht viel cintrug. Als aber der Besitzer der berühmten Buchund Kupferstichhandlung, Remondint in Bassano, fab, wie unverdrossen und fleißig diese Leute waren, so vertraute er ihnen anfangs schlechte, alsdann immer bessere Kupferstiche und Helgen an, um damit einen kleinen Handel zu treiben. Damit durchzogen sie nun Tyrol, die Schweiz und das angrenzende Deutschland, und es gieng schon besser. Sie hatten an den gemahlten Kaisern und Königen, Propheten und Aposteln selber mehr Freude, als an der plym pen Feuersteinen. Sie trugen auch leichter daran, und hatten mehr Gewinn. Bald brachten sie es so weit, daß sie den Kupferstichhandel aus dem Fundas ment verstanden, und mit eigenem Gelde treiben konn ten. Und, was fast unglaublich ist, sie bildeten in kurzer Zeit stehende Handelsgesellschaften in Augs burg, Strasburg, Amsterdam, in Hamburg, Lu beck, Koppenhagen, Stockholm, Warschau und Bers 147 lin. In allen diesen und noch mehrern Städten sind fie Jahr aus Jabr ein mit großen Borräthen von sehr kostbaren Kupferstichen und Landkarten zu finden. Ja eine Gesellschaft kam sogar bis nach Tobolsk in Asien, und eine andere, welche aber misglückte, bis nach Philadelphia in Amerika, lauter Leute, aus dem armen Dörflein Pieve. Neben diesen stehenden Bilderhandlungen aber durchwandern noch viele andere von ihnen alle Länder von Europa, besonders Deutschland, Volen, Preussen, Holland, Danemark, Schwes den, Rusland, England und Frankreich. Alle MannsTeute in Pieve kennen diesen Handel und beschäftigen sich damit. Vor der französischen Revolution, als ihre Geschäfte am glücklichsten von statten giengen, war zur Zeit des Sommers, ausser Kindern und alten Greisen, keine männliche Person daheim, aber alle kamen mit wohlerworbenem Gewinn zurück. Die Weiber trieben unterdessen den Feldbau. Seit der Revolution und des Kriegs an allen Enden und Orten hat dieser lebhafte Handel sebe gelitten. Dennoch hat noch jede Familie von Pieve unaufhörlich einen Mann auf der Reise. Schon in der früben Ju gend begleitet der Sohn den Vater auf seinen Zügen, und wird dieser alt, so überläßt er dem Sohn das Geschäft, und bringt seine Jabre daheim in Ruhe und Wohlstand und mit Ehren zu. Das sind die Bilderbändler von Pieve. Der rheinische Hausfreund kennt fast alle, die am Rhein auf und ab auf den Straßen sind, und zicht vor jedem den Hut ab. 148 Die ie Planeten. Fortseßung. Der rheinländische Hausfreund stellt sich seinem Leser gegenüber und fragt: Weist du auch noch, geneigter Leser, wovon im vorigen Artikel über das Weltgebäude ist geredt worden? Leser. Ja! von den Planeten ist geredt worden. Hausfreund. Weißt du auch noch, was man Planeten neunt? Leser. Ja! Planeten nennt man eilf Sterne, so mit den andern nicht gleichen Schritt halten, denn fie laufen in großen Kreisen um die Sonne herum, und kommen der eine heut der andere morgen, aber jeder zu seiner Zeit. Hausfreund. Weist du denn auch noch, wels che Planeten sind in der Betrachtung des Weltgebau des im vorigen Artikel betrachtet worden. Leser. Ja! der Merkurius ist betrachtet wors den, und die Venus, das ist der Abendstern. Der Hausfreund kann sich nicht genug darüber verwundern, daß der geneigte Leser so wohl begrif fen, und es so lange im Kopf behalten hat: und fährt nun also fort: Der nächste Planet nach der Venus, oder der dritte von der Sonne weg, ist unsere Erde selber mit ihrem Beyläufer dem Mond. Sie hat 5400 deutsche Meilen im Umfang. Sie ist 21 Millionen Meilen. weit von der Sonne entfernt, und bekommt doch von ihr ein so schönes Tages- Licht und so kräftige Wars Sie lauft um die Sonne herum in 65 Tagen und 6 Stunden, und legt in dieser Zeit einen Raum von mehr als 131 Millionen Meilen zurück, ohne ein 149 einzigesmal auszuruhen. Was aber sonst noch von der Erde zu sagen ist, und wie ihre Einwohner thås: ten, was dem Herrn übel gefiel, bisweilen aber doch auch etwas, das ihm wohl gefiel, siebe, das ist ges schrieben in einem eigenen Abschnitt und in den Ers zählungen des rheinländischen Hausfreundes. Nach der Erde kommt der wunderschöne Planet stern Mars, der nicht wie die andern ein gelbes. oder weisses, sondern ein röthliches Licht hat, als wenn unaufhörlich ein großes Freudenfeuer dort brennte.. Er erscheint uns, wie die andern Planeten, nicht immer gleich, weil seine Weite von uns weg nicht immer die nemliche ist. Er ist größer und schöner, wenn er näher bey der Erde ist; unscheinbar und klein, wenn er weit wegstebt. Er ist übrigens von der Sonne fast 32 Millionen Meilen weit entfernty braucht doch nur ein Jahr und 322 Tage zu seinem Umlauf um dieselbe, und durchlauft in solcher Zeit eine Bahn von 200 Millionen Meilen. Dagegen ist er smal kleiner als die Erde und fast romal leichter, und kann also schon süchtiger fortkommen. Die Für den nächsten Planeten nach dem Mars hat man von den ältesten Zeiten an bis vor wenig. Jahren den Jupiter gehalten, und war mit keiner Lieb zwischen ihnen noch ein anderer zu entdecken. Sternseher aber behaupteten herzhaft, zwischen ihnen fehle einer, ob ihn gleich noch kein sterblicher Mensch gesehen habe. Entweder, sagten sie, ist er so klein, daß wir ihn nicht sehen können, oder er hat seinen jüngsten Tag und die Auferstehung seiner Todten schon erlebt, und ist nachher im Feuer aufgegangen, oder sonst verkommen. 150 Dieß brachten sie folgendermaßen beraus: Wenn man sich von der Sonne weg bis zu dem Planeten Saturn, so für den letzten gehalten wurde, in einer geraden Linie, gleichweit voneinander hundert Punklein vorstellt, so steht von der Sonne weg auf dem vierten Pünktlein der Planet Merkurius, und kann Niemand etwas dafür, daß er dert steht und an fei nem andern Ort. Wenn man aber weiter záh tdrey, dort steht die Venus. Zählt man weiter zweymal drey ist sechs, dort steht unsere Erde; zählt man weiter zweymal sechs ist zwölf, dort steht der Mars und fehlt sich nicht. Zählt man weiter zweymal zwölf gibt vier und zwanzig, dort sah man Nichts, und doch, wenn man wieder weiter fortfährt und sagt: zweymal vier und zwanzig ist acht und vierzig, so steht daselbst wieder der Planet Jupiter; und zweymal acht und vierzig ist sechs und neunzig, dort ist der Saturn. Sechs und neunzig aber addirt mit den vier ersten Punkten von der Sonne weg bis zum Merturins thut hundert, so, daß also der Sas turnus richtig auf dem hundertsten Pünktlein stebt. Weil nun alle diese Planeten in einer so sichtbaren Proportion und Orionung von einander abstehn, und doch auf dem Punktlein 24 nichts zu sehen war, deßwegen sagten die Sternfundigen, dort müsse auch noch einer stehen, wenn er nicht schon wieder verschwun den sey. So etwas erzählt der Hausfreund nicht allen Leuten; aber seinen Lesern kann er nichts vorenthals ten, damit sie sehen was wir Sternseher und Calen dermacher für respectable Leute sind, so die Sterne des Himmels überschauen, wie ein Hirt seine Schäf lein oder ein Schulherr seine Kinder, und merkt ISI gleich, wenn eins fehlt. Wie gewiß wir aber unses rer Sache sind, das hat sich vor einigen Jahren zu großer Frende gezeigt. Denn als der berühmte Mann, Namens Herschel, vor mehreren Jahren eine neue Art ve Fern Nöhren oder Perspectiven erfunden hatte, die noch viel weiter tragen als die alten, fo hat man einen kleinen Planeten auf Nro. 24 richtig entdeckt, und sich etwas rechtschaffenes darauf einges bildet. Allein das ist noch nicht alles. Denn da dies ser Planet so klein erschien, so hatte man das Herz, zu behaupten, er sey nimmer ganz, sondern nur ein Stück von einem Ganzen. Auch diese Vermuthung scheint durch die Erfahrung bestätigt zu seyn, indem man nachher in furzer Zeit nacheinander noch drey Sternlein ungefähr in der nemlichen Weite von der Sonne weg entdeckte, so, daß man jest statt einem, der zu fehlen schien, vier auf einmal hat. Es ist daher fast nicht mehr zu zweifeln, daß einmal ein gross ser Planetstern an jener Stelle gewesen, und schon vor undenklichen Zeiten in diese vier Stücke zersprun gen sey, und muß ein rechtes Betrübniß gewesen seyn, wenn ein Vater oder eine Mutter auf einem Stück geblieben ist, und die Kinder auf einem andern, und konnten hernach nichts mehr von einander erfahren, und einander durch niemand grüßen lassen. Da jeder Stern einen Namen haben muß, wenn man von ihm reden will, so nannte man diese vier: die Pallas, die Juno, die Ceres und die Vesta. Drey davon sind durch deutsche Männer entdeckt morden. Nach diesem fommt nun 108 Millionen Meilen von der Sonne weg der neunte Planet, Jupiter genannt. Ob er gleich in unsern Augen nicht größer 152 ass ein brabanter Thaler aussieht, so ist er doch 1474mal größer als die Erde, und der größte unter allen Planeten. Er vollendet seine Laufbahn um die Sonne in 12 Jahren nur einmal, und um ihn selbst bewegen sich in ungleichen Entfernungen 4 Monde, so schön aussehen muß, wenn sie in einer Nacht alle zugleich am Himmel stehen. Anch laufen mehrere veränderliche graue Streifen über ihn weg, und man weiß nicht recht, was man davon halten soll. Der zehnte Planet ist der Saturn. Dieser ist von der Sonne fast noch einmal so weit entfernt als der Jupiter, nemlich 199 Millionen Meilen. Sein Weg um die Sonne umfaßt mehr als 1280 Millionen Meilen, wozu er 29 1/2 Jahr vonnöthen hat. Da er so entfeßlich weit von der Sonne entfernt ist, so muß auf ihm das Licht derselben 90mal schwächer als auf unsrer Erde seyn, und muß einer schon gute Augen haben, wenn er dabey eine Nadel will einfädlen. Dafür hat er aber sieben Monde, die ihm seine trúben Tage erfreulich machen, und seine langen Nächte erheitern. Ueberdieß hat dieser Planet noch etwas, was fein anderer bat, einen Ring, so aber doppelt ist. Dieser Ring zieht sich in einer nicht gar großen Entfernung um den Saturn ringsherum, ist sehr breit, nicht gar dick, und wird ebenfalls von der Sonne erleuchtet. Ohne Zweifel wirft er sein, Licht eben so wie die Monde auf den dunklen Körs per des Planeten zurück, und hilft zu seiner Erhellung. Sonst weiß man von ihm nicht viel zu sagen. Lange hat man geglaubt, dieser Saturn sey nun der letzte Planet, an den die Sonne scheinet, und jezt sey man fertig, bis der berühmte Herschel, von 153 welchem oben Erwähnung geschah, ebenfalls ein ges bohrner Deutscher, am 13. May 1781 zur großen Verwunderung und Freude der Gelehrten, noch einen neuen entdeckte, welcher nun an der Zahl der eilfte ist, und vielleicht noch nicht der leste ist. Denn der schwache Mensch kommt der göttlichen Allmacht nie an das Ende, und man muß nie sagen: Wo ich nichts mehr sehe, dort ist nichts mehr. Dieser neue Planct heißt Uranus, wird aber ohne Zweifel der älteste seyn. Er ist noch einmal so weit von der Sonne ents fernt, als der Saturn, nemlich 400,000,000 Meilen. Er muß in einem Kreis von 2,514,000,000 Meilen. um die Sonne herumgehen. Ein Jahr auf diesem Planeten währt so lang als bey uns 83 Jahre oder ein langes Menschenleben, und ein hundertjähriger Calender thut daselbst 8300 Jahre lang gut. Wegen der großen Entfernung ist daselbst die Wirkung der Sonne 36rmal schwächer als bey uns. Dagegen wird er von sechs, und vielleicht noch mehrern Mons den erleuchtet, die um ihn herum aufgehn und uns tergehn, ieder zu seiner Stunde, und muß der Cas lendermacher auda ein ganzer Maun seva, und ein recht Stück Arbeit haben, bis er fertig ist, wenn er für jeden Tag des langen Jahres jedes Mondes Aufgang und Untergang, und ihre Brüche ausrechnen und anzeigen soll. Das sind nun die Planetsterne, welche man bis jezt kennt und entdeckt hat, nach ihrer Reihe, Mas fen und Zeiten. Weil, mau aber so eine Zahl von ein paar hundert Millionen Meilen leicht wegliest, und nicht daran denkt, wie viel sie ausweist, so mer te; Wenn auf der Sonne ein Artillerist vom aten 154 Bataillon in diesem Augenblick eine Canone anbrenn te, die Kugel floge in ihrer bekannten Geschwindig. keit, Tag und Nacht, Sonntag und Werfetag in gerader Linie immer fort und fort, so kame sie doch in den Merkur erst ungefähr nach 10 Jahren; in der Venus nach 18, auf der Erde, wie oben gesagt, nach 25, auf dem Mars nach 38, auf dem Jupiter nach 130 Jahren an. Bis zu dem Saturnus aber hätte sie zu fliegen 238, und zu dem Uranus 479 Jahre. So weit sind diese 11 Sterne einer nach dem andern von der Sonne entfernt, die gleichsam ihre Mutter und Säugamme ist; und sie verbreitet doch rings um sich bis zu dem lesten, so viel Licht und Wärme und Segen als jedem nöthig ist, und der unsichtbare Gott, der sie erschaffen hat, ist mit seiner Almacht und Güte überall zugegen, und sättiget und erfreut alles.m da lebet, mit Wohlgefallen. Kannitversta n. Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen, so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufries den zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herum flies gen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deuts scher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Frrthum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntniß. Denn als er in diese große und reiche Handels- Stadt, voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen, gekommen war, fiel ihm sogleich ein 155 - großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Duttlingen bis nach Amsterdam noch keines erlebt hatte. Lange betrach tete er mit Verwunderung dieß kostbare Gebäude, die 6 Camine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus dabeim die Thür. Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Borübergehenden anzureden.„ Guter Freund, redete er ihn an, könnt ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sters nenblumen und Levkoien?"- Der Mann aber, der vermuthlich etwas wichtigeres zu thun hatte, und zum Unglück gerade so viel von der deutschen Spra che verstand, als der Fragende von der holländischen, nemlich Nichts, sagte kurz und schnauzig: Kannita verstan; und schnurrte vorüber. Dies war ein holländisches Wort, oder drey, wenn mans recht betrachtet, und heißt auf deutsch soviel, als: Ich kann euch nicht verstehn. Aber der gute Fremdling glaubte, es sey der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muß ein grundreicher Mann seyn, der Herr Kannitverstan, dachte er, und gieng weiter. Gaß aus Gaß ein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ey, oder auf deutsch das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff, und Mastbaum an Mastbaum; und er wußte anfáng. lich nicht, wie er es mit seinen zwey einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kursem aus Ostindien angelangt war, und jezt eben aus 156 geladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Ki sten und Ballen auf und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Caffee, voll Reis und Pfeffer, und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugefehn batte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraus trug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waaren an das Land bringe. Kannitverstan," war die Antwort. Da dachte er: Haha, schauts da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichthümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen, und solcherley Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jezt gieng er wies der zurück, und stellte eine recht traurige Betrachs tung bey sich selbst an, was er für ein armer Mensch sey unter so viel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ichs doch nur auch einmal so gut bekáme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke, und erblickte einen großen Leis chenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen eis nen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Todten in seine Rube führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Berstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verbüllt in schwarze Mäntel, und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jezt ergriff unsern Fremdling ein wehmüthiges Ges fühl, das an teinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den Lezten vom Zug, der eben -157 in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gul den aufschluge, ergriff ihn fachte am Mantel, und bat ihn treuherzig um Excuse.„ Das muß wohl auch ein guter Freund von euch gewesen seyn, fagte er, dem das Glöcklein läutet, daß ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht." Kannitverstan! war die Antwort. Da fielen unserm guten Duttlinger ein paar große Thränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. Armer Kannitverstan, rief er aus, was hast du nun von allem deinem Reichthum? Was ich einst von meiner Armuth auch bekomme: ein Todtenkleid und ein Leins tuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute. Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche als wenn er dazu gehörte, bis ans. Grab, fab den vermeynten Herrn Kannitverstan binabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der holländischen Leichen. predigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt, als von mancher deutschen, auf die er nicht acht gab. Endlich gieng er leichten Herzens, mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit cin Stück Limburger Käse, und, wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seyen, und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an fein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab. 158 Schlechter Lohn. Als im letzten preußischen Krieg der Franzos nach Berlin fam, in die Residenzstadt des Königs von Preußen, da wurde unter anderm viel königliches Eigenthum weggenommen, und fortgeführt oder verkauft. Denn der Krieg bringt nichts, er holt. Was noch so gut verborgen war, wurde entdeckt und manches davon zur Beute gemacht, doch nicht alles. Ein großer Vorrath von königlichem Banholz blieb lange unverrathen und unversehrt. Doch kam zulegt noch ein Spizbube von des Königs eigenen Unterthanen, dachte, da ist ein gutes Trinkgeld zu verdienen, und zeigte dem französischen Commandanten mit schmunzlicher Miene und spißbubischen Augen an, was für ein schönes Quantum von eichenen und tannenen Baustammen noch da und da keysammen liege, woraus manch tausend Gulden zu lösen wäre. Aber der brave Commandant gab schlechten Dank für die Verrätherey, und sagte:„ Laßt ihr die schönen Baustamme nur liegen, wo sie sind. Man muß dem Feind nicht sein Nothwendigstes nehmen. Denn wenn cuer König wieder ins Land kommt, so braucht er Holz zu neven Galgen für so chrliche Unterthanen, wie Ihr einer seyd." Das mus der rheinländische Hausfreund loben, und wollte gern aus seinem eigenen Wald ein paar Stammlein auch hergeben, wenns fehlen sollte. Der kann Deutsch. Bekanntlich giebt es, in der französischen Armee viele Deutschgebohrne, die es aber im Feld und im Quartier nicht immer merken lassen. Das ist alss 159 dann für einen Hauswirth, der seinen Einquartirten für einen Stockfranzosen hált, ein groß Creuz, wenn er nicht französisch mit ihm reden kann. Aber ein Bürger in Salzwedel, der im lezten Krieg einen Sundgauer im Quartier hatte, entdeckte von ohnge fahr ein Mittel, wie man bald darbinter fommt. Der Sundgauer partirte fauter Foutre Diable, forderte mit dem Sábel in der Faust immer etwas anders, und der Salzwedler wußte nie, was? Hätts ihm gern gegeben, wenn er gefonnt hatte Da sprang er in der Noth in seines Nachbarn Haus, der sein Ges vatter war und ein wenig Französisch fann, und bat ihn um seinen Beystand. Der Gevatter sagte: Er wird aus der Dauphine seyn, ich will schon mit ihm zurecht kommen. Aber weit acfeblt. Wars vorher arg, so wars jezt árger. Der Sundgauer machte Forderungen, die der gute Mann nicht zu befriedigen wußte, so, daß er endlich im Unwillen sagte: Das ist ja der vermaledeyteste Spitzbube, mit dem mich der Boletten Schreiber noch beimgesucht hat. Aber kaum war das unvorsichtige Wort beraus, so bekam er von dem vermeynten Stockfranzose eine ganz ent fegliche Ohrfeige. Da sagte der Nachbar:„ Gevats termann! Run laßt euch nimmer Angst seyn, der kann Deutsch." Der Fremdling in Memel. Oft sieht die Wahrheit wie eine Lüge aus. Das erfuhr ein Fremder, der vor einigen Jahren, mit einem Schiff aus Westindien, an den Küsten der Osts fee antam. Damals war der russische Kayser bey ( 160 dem König von Preußen auf Besuch. Beyde Potentaten standen in gewöhnlicher Kleidung, ohne Begleis tung, Hand in Hand, als zwey rechte gute Freun de, bey einander am Ufer. So etwas sieht man nicht alle Tage. Der Fremde dachte auch nicht dran, sondern gieng ganz treuberzig auf sie zu, meynte es feyen zwey Kaustente, oder andere Herren aus der Gegend, und fieng ein Gespräch mit ihnen an, war begierig allerley Neues zu hören, das seit seiner AVwesenheit sich zugetragen habe. Endlich, da die bey den Monarchen sich leutselig mit ihm unterhielten, fand er Veranlassung, den Einen auf eine höfliche Art zu fragen, wer er sev.„ Ich bin der König von Preußen," sagte der eine. Das fam nun dem frems den Ankömmling schon ein wenig sonderbar vor. Doch dachte er, es ist möglich, und machte vor dem Köni ge ein ehrerbietiges Compliment. Und das war vernünftig. Denn in zweifelhaften Dingen muß man immer das Sicherste und Beste wählen, und lieber eine Höflichkeit aus Irrthum begehen, als eine Grob heit. Als aber der König weiter sagte, und auf seinen Begleiter deutete:„ Dieß ist Se. Majestät der russische Kayser," da wars doch dem ehrlichen Mann, als wenn zwey lose Vögel ihn zum Besten haben wollten, und sagte: Wenn ihr Herren mit einem ehrli chen Mann euern Spaß haben wollt, so sucht einen andern als ich bin.» Bin ich deswegen aus Westin dien hierher gekommen, daß ich euer Narr sey?- Der Kanser wollte. ihn zwar versichern, daß er aller dings derjenige sey. Allein der Fremde gab kein Gebor mehr. Ein russischer Spaßvogel möget ihr seyn," sagte er. Als er aber nachher im grünen Baum die 161 Sache erzählte, und andern Bericht bekam, da kam er ganz demüthig wieder, bat fußfällig um Verge. bung, and die großmütbigen Potentaten verzieben ihm, wie natürlich, und hatten hernach viel Spaß an dem Vorfall. Das seltsame Recept. Es ist sonst kein großer Spaß daben, wenn man ein Recept in die Apotheke tragen muß; ader vor langen Jahren war es doch einmal ein Spaß. Da bielt ein Mann von einem entlegenen Hof eines Tas ges mit einem Wagen und zwey Stieren vor der Stadtapotheke still, lud sorgsam eine große tannene Stuben Thüre ab, und trug sie hinein. Der Apos theker machte große Augen, und sagte: Was wolle ihr da, guter Freund, mit eurer Stubenthüre? Der Schreiner wohnt um z Häuser links. Dem sagte der Mann, der Doctor sey bey seiner kranken Frait gewesen, und habe ihr wollen ein Tránklein verordnen, so sey in dem ganzen Haus keine Feder, feine Dinte, und fein Papier gewesen, nur eine Kreide. Da habe der Herr Doctor das Recept an die Stu.! benthüre geschrieben; und nun soll der Herr Apothes ker so gut seyn, und das Tránklein kochen. Jtem, wenn es nur gut gethan hat. Wohl dent, der fich in der Noth zu helfen weiß. Einfältiger Mensch in Mayland. Ein einfältiger Mensch in Mayland wollte sein Saus verkaufen. Damit er nun unt so cher davon los werden möchte, brach er einen großen Stein aus Hebel chaukiflein. 11 162 demselben heraus, trug ihn auf den großen Markt. play, wo viel Verkehr und Handel getrieben wird, und setzte sich damit unter die Verkäufer. Wenn nun ein Mann kam, und fragte ihn: Was habt Ihr denn feil?" so sagte er: Mein zweystöckigtes Haus in der Capuziner Gasse. Wenn ihr Lust dazu habt, hier ist ein Muster. = Der Nemliche sagte einmal bey einer Gelegenheit, als von der Kinderzucht die Rede war:„ Es ist ein Glück für meine Kinder, daß ich keine habe. Ich könnte so zornig werden, daß ich sie alle todt schlüge." Der Barbierjunge von Segringen. Man muß Gott nicht versuchen, aber auch die Menschen nicht. Denn im vorigen Spátjahr fam in dem Wirthshause zu Segringen ein Fremder von der Armee an, der einen starken Bart hatte, und fast wunderlich aussah, also, daß ihm nicht recht zu trauen war. Der sagt zum Wirth, ch' er etwas zu essen oder zu trinken fordert:» Habt ihr keinen Barbier im Ort, der mich rasiren kann?" Der Wirth sagt Ja, und holt den Barbier. Zu dem sagt der Frems de:" Ihr sollt mir den Bart abnehmen, aber ich ha be eine kigliche Haut. Wenn ihr mich nicht ins Ge sicht schneidet, so bezahl ich euch 4 Kronenthaler. Wenn ihr mich aber schneidet, so stech ich euch todt. Ihr wäret nicht der Erste." Wie der erschrockene Mann das hörte,( denn der fremde Herr machte ein Gesicht, als wenn es nicht verirt wåre, und das spitzige, falte Eisen lag auf dem Tisch,) so springt er fort und schickt den Gesellen. Zu dem sagt der Herr - 163 das Nemliche. Wie der Gesell das Nemliche hört, springt er ebenfalls fort, und schickt den Lebriungen. Der Lehrjunge läßt sich bienden von dem Geld, und denkt:„ Ich wag's. Gerathet es, und ich schneide ibn nicht, so kann ich mir für 4 Kronenthaler einen neuen Rock auf die Kirchweihe kaufen, und einen Schnepper. Gerathet's nicht, so weiß ich, was ich thue, und rafirt den Herrn. Der Herr hält rubig « und still, weiß nicht, in welcher entfeßlichen Todesgefahr er ist, und der verwegene Lehrjunge spazirt ihm auch ganz faltblütig mit dem Messer im Gesicht und um die Nase herum, als wenn's nur um einen Sechser, oder im Fall eines Schnittes um ein Stücklein 3under oder Fließpapier darauf zu thun wäre, und nicht um 4 Kronenthaler und um ein Leben, und bringt ihm glücklich den Bart aus dem Gesicht ohne Schnitt und ohne Blut, und dachte doch, als er fertig war: „ Gottlob!" Als aber der Herr aufgestanden war, und sich im Spiegel beschaut und abgetrocknet hatte, und gibt dem Jungen die 4 Kronenthaler, sagt er zu ihm: Aber junger Mensch, wer hat dir den Muth gegeben, mich zu rasiren, so doch dein Herr und der Gesell find fortgesprungen? Denn wenn du mich geschnitten hättest, so hatt' ich dich erstochen." Der Lehriung aber bedankte sich lächelnd für das schöne Stück Geld, und sagte: Gnådiger Herr, Ihr hättet mich nicht verstochen, sondern, wenn ihr gezuckt båt, tet, und ich hatt' euch ins Gesicht geschnitten, so war ich euch zuvorgekommen, hátt euch augenblicklich die Gurgel abgehauen, und wäre auf und davon gesprungen. Als der fremde Herr das hörte, 164 and an die Gefahr dachte, in der er gesessen war, ward er erst blaß vor Schrecken und Todesangst, schenkte dem Burschen noch 1 Kronenthaler extra, und hat seitdem zu keinem Barbier mehr gesagt: » Ich steche dich todt, wenn du mich schneidest." Merkwürdige Gespenster Geschichte. Verwichenen Herbst fuhr ein fremder Herr durch Schliengen, so ein schöner braver Ort ist. Den Berg hinauf aber gieng er zu Fuß wegen den Ros sen, und erzählte einem Erenzacher folgende Geschich te, die ihm selber begegnet ist. Als der Herr ein halbes Jahr vorher nach Dans nemark reiste, er auf den späten Abend in eis nen Flecken, wo nicht weit davon auf einer Anhöhe ein sauberes Schlößlein stand, und will übernacht bleiben. Der Wirth sagt, er habe keinen Platz mehr für ihn, es werde morgen Einer gerichtet, und seyen schon drey Scharfrichter bey ihm übernacht. So er wiedert der Herr:„ Ich will denn dort in das Schlößlein gehen. Der Zwingherr, oder wem es angehört, wird mich schon hinein lassen und ein lees res Bett für mich baben." Der Wirth sagt:„ Manch schönes Bett, mit seidenen Umhängen, steht aufgeschlagen in den hohen Gemächern; und die Schlüssel hab ich in Verwahrung. Aber ich will es euch nicht ratben. Der gnädige Herr ist schon vor einem Viers teljahr mit seiner Frau und mit dem Junker auf eine weite Reise gezogen, und seit der Zeit wüthen im Schlößlein die Gespenster. Der Schloßvogt und das Gesinde konnten nimmer bleiben; und wer seitdem in - 165 das Schlößlein gekommen ist, der geht zum zwey. tenmal nimmer binein." Darüber lächelt der frems de Herr; denn er war ein herzhafter Mann, der nichts auf die Gespenster hielt, und sagt: Ich wills versuchen. Trotz aller Widerrede, mußte ihm der Wirth den Schlüssel geben: und nachdem er sich mit dem Nöthigen zu einem Gespenster Besuch versehen hatte, gieng er mit dem Bedienten, so er ben sich hatte, in das Schloß. Jm Schloß kleidete er sich nicht aus, wollte auch nicht schlafen, sondern abwarten was geschicht. Zu dem Ende stellte er zwey brens nende Lichter auf den Tisch, legte ein paar geladene Pistolen daneben, nahm zum Zeitvertreib den rheinländischen Hausfreund, so in Geldpapier eingebunden. an einem rothen seidenen Båndelein unter der Spies gelrahme bieng, und beschaute die schönen Bilder. Lange wollte sich nichts spüren lassen. Aber als die Mitternacht im Kirchthurm sich rührte, und die Glos cfe 12 schlug, eine Gewitterwolke zog über das Schloß weg, und die großen Regentropfen schlugen an die Fenster, da klopfte es dreymal stark an die Thure, und eine fürchterliche Gestalt, mit schwarzen schiclenden Augen, mit einer halbellenlangen Nase, fletschenden Zähnen, und einem Bocksbart, zottig am ganzen Leib, trat in das Gemach, und brummte mit fürchterlicher Stimme:„ Ich bin der Großherr Mes phistopholes. Willkomm in meinem Pallast! und babt Ihr auch Abschied genommen von Frau und Kind?" Dem fremden Herrn fuhr ein kalter Schauer bom großen Zehen an über den Rücken binauf, bis unter die Schlafkappe, und an den armen Bedien ten darf man gar nicht denken. Als aber der Wes - 166 دو phistopholes mit fürchterlichen Grimassen und hoch gehobenen Knieen gegen ihn herkam, als wenn er über lauter Flammen schreiten müßte, dachte der arme Herr: Jn Gottes Namen, jezt ist's einmal so, und stand herzhaft auf, hielt dem Ungethum die Pistole entgegen, und sprach: Halt, oder ich schieß!" Mit so etwas läßt sonst nicht jedes Gespenst sich schrecken, denn wenn man auch schießen will, so gehts nicht los, oder die Kugel fährt zurück und trift nicht den Geist, sondern den Schütz. Aber Mephistopholes hob drohend den Zeigfinger in die Höhe, kehrte langsam um, und gieng mit eben solchen Schritten, als er gekom. men war, wieder fort. Als aber der Fremde sah, daß dieser Satan Respekt vor dem Pulver hatte, dachte er: Jezt ist keine Gefahr mehr, nahm in die we Hand ein Licht, und gieng dem Gespenst, das langsam einen Gang hinabschritt, eben so langsam nach, und der Bediente sprang, so schnell er konnte, hinter ihm zum Tempel hinaus, und ins Ort, dachte, er wolle lieber bey den Scharfrichtern übernacht seyn, als bey den Geistern.- Aber auf dem Gang, auf einmal, verschwindet der Geist vor den Augen seines kühnen Verfolgers, und war nicht anderst, als wär er in den Boden gesunken. Als aber der Herr noch ein paar Schritte weiter gehen wollte, um zu sehen, wo er bingekommen, hörte auf einmal unter seinen Füßen der Boden auf, und er fiel durch ein Loch hinab, aus welchem ihm Feuerglast entgegen fam, und er glaubte selber, jezt geb es an einen andern Ort. Als er aber ungefähr ze hen Fuß tief gefallen war, lag er zwar unbeschädigt auf einem Haufen Heu, in einem unterirdischen Ge- 167 wölb. Aber sechs curiose Gesellen standen um ein Feuer herum, und der Mephistopholes war auch da. Auerley wunderbares Geräthe lag umber, und zwey Tische lagen gehauft voll funkelnder Rößleins. Tha Ter, einer schöner als der andere. Da merkte der Fremde wie er daran war. Denn das war eine heimliche Gesellschaft von Falschmünzern, so alle Fleisch und Bein hatten. Diese benutzten die Abwefenheit des Zwingberrn, legten in seinem Schloß ibre verborgene Münzstöcke an, und waren vermuthlich von seinen eigenen Leuten dabey, die im Haus Be richt und Gelegenheit wußten; und damit sie ihr heimlich Wesen ungestört und unbeschrieen treiben konnten, fiengen sie den Gespensterlärmen an, und wer in das Haus kam, wurde so in Schrecken gesezt, daß er zum zweytenmal nimmer kam. Aber jezt fand der verwe gene Reisende erst Ursache, seine Unvorsichtigkeit zu bereuen, und, daß er den Vorstellungen des Wirths im Dorf kein Gehör gegeben hatte. Denn er wurde durch ein enges Loch hinein in ein anderes finsteres Gebalt geschoben, und hörte wohl, wie sie Kriegsrecht über ihn hielten, und sagten:„ Es wird das Beste Aber Einer sagte feyn, wenn wir ihn umbringen." noch: Wir müssen ihn zuerst verhören, wer er ist, und wie er heißt, und wo er sich herschreibt." Als sie aber hörten, daß er ein vornehmer Herr sey und nach Koppenhagen zum König reise, saben sie einander mit großen Augen an; und nachdem er wieder in dem finstern Gewölb war, sagten sie:„, Jezt steht die Sache schlimm. Denn wenn er vermist wird, und es kommt durch den Wirth heraus, daß er ins Schloß Segangen ist, und ist nimmer herausgekommen, so وو 168 kommen über Nacht die Husaren, heben uns aus, und der Hanf ist dieß Jahr wohl gerathen, daß ein Strick zum Henken nicht viel kostet." Also fündig. ten sie dem Gefangenen Pardon an, wenn er ihnen einen Eid ablegte, daß er nichts verrathen wolle, und drohten, daß sie in Koppenhagen wollten auf ihn Achtung geben lassen; und er mußte ihnen auf den Eid hin sagen, wo er wohne. Er sagte: Neben dem wilden Mann linker Hand in dem großen Haus mit grünen Låden. Darnach schenkten sie ihm Burgun der Wein ein zum Morgentrunk, und er schaute ihnen zu, wie sie Rößlein Thaler prägten bis an den Morgen. Als aber der Tag durch die Kellerlöcher hinab schien, und auf der Straße die Geiseln knall ten, und der Kühhirt hürnte, nahm der Fremde Abs schied von den nächtlichen Gesellen, bedankte sich für Die gute Bewirthung, und gieng mit frohem Muthe wieder in das Wirthshaus, ohne daran zu denken, daß er seine Uhr und seine Tabackspfeife, und die Pistolen habe liegen lassen. Der Wirth sagte: Gott, Lob, daß ich Euch wieder sche, ich habe die ganze. Nacht nicht schlafen können. Wie ist es Euch ges gangen?" Aber der Reisende dachte: Ein Eid ist ein Eid, und um sein Leben zu retten, muß man den Namen Gottes nicht mißbrauchen, wenn mans nicht halten will. Deswegen sagte er nichts, und weil jezt das Glöcklein Täutete, und der arme Sünder hins ausgeführt wurde, so lief alles fort. Auch in Kops penhagen hielt er nachher reinen Mund, und dachte selber fast nicht mehr daran. Aber nach einigen Wo chen kam ab der Post ein Kiftlein an ihn, und wa ren darinn ein paar neue, mit Silber eingelegte Pis 169 kolen von großem Werth, eine neue goldene Uhr mit kostbaren Demant- Steinen besest, eine türkische Ta backspfeife mit einer goldenen Kette daran, und eine seidene mit Gold gestickte Tabacksblase, und ein Brieflein drinn. In dem Brießlein stand:» Dieß schicken wir Euch für den Schrecken, so Ihr bey uns ausgestanden, und zum Dank für Eucre Verschwiegenbeit. Jezt ist alles vorbey, und Ihr dürft es erzählen, wem Ihr wollt." Deswegen hats der Herr dem Crenzacher erzählt, und das war die nemliche Uhr, die er oben auf dem Berg herauszog, als es in Hertingen Mittag läutete, und schaute, ob die Hertinger Uhr recht geht, und sind ihm hernach im Storken zu Basel von einem französischen General 75 neue Dublonen darauf geboten worden. Aber er bat sie nicht drum geben. Gute Antwort. Wer ausgiebt, muß auch wieder einnehmen. Rei tet cinmal ein Mann an einem Wirthshans vorbey, der einen stattlichen Schmerbauch hatte, also, daß er auf beyden Seiten fast über den Sattel herunter bangte. Der Wirth sticht auf die Staffel, und ruft ihm nach:„ Nachbar, warum habt ihr denn den Zwerchfack vor euch auf das Roß gebunden und nicht binten." Dem rief der Reitende zurück: Damit ich ihn unter den Augen babe. Denn hinten giebt es Spisbuben. Der Wirth sagte nichts mehr. 170 Drey andere Wünsche. Diesmal ist aber die Frau Anna Frize nicht das bey, auch riecht es nicht nach Rosenduft und Morgenroth, sondern nach Klingenberger und nach Kalbfleisch in einer sauren Brühe. Drey lustige Kameras den saßen bensammen zu Kehl im Lamm, und als sie das Saueressen verzehrt hatten, und noch eine Fla sche voll Klingenberger mit einander tranfen, spra chen sie von allerley, und siengen zuletzt an zu wün schen. Endlich wurden sie der Rede eins, es sollte jeder noch einen kernhaften Wunsch thun, und wer den besten Wunsch hervorbringe, der soll frey ausges hen an der Zeche. Da sprach der Erste: So wünsch ich dann, daß ich alle Festungsgråben von ganz Strasburg und Kehl voll feiner Nähnadeln hätte, und zu jeder Nas del einen Schneider, und jeder Schneider müßte mir ein Jahr lang lauter Malter Såcke nåhen, und wenn ich dann jeden Malter Sack voll doppelter Dublonen hätte, so wolite ich zufrieden seyn. = Der Zweyte sagte: So wollt ich denn, daß das ganze Strasburger Münster bis unter die Krone des Thurms hinauf voll Wechselbriefe vom feinsten Postpapier låge, so viel darinn Plaz haben, und wäre mir auf jedem Wechselbrief so viel Geld verschrieben, als in allen deinen Malter. Såcken Plaß hat, und ich hatt's. Der Dritte sagte: So wollt ich denn, daß ihr beyde hättet was ihr wünscht, und, daß euch alsdann beyde in Einer Nacht der Henker holte, und ich war euer Erbe. Der Dritte gieng frey aus an der Zeche. 171 Der Husar in Neisse. Als im Anfang der französischen Revolution die Preussen mit den Franzosen Krieg führten, und durch die Provinz Champagne zogen, dachten sie nicht daran, daß sich das Blättlein wenden könnte, und daß der Franzes noch im Jahr 1806. nach Preußen kommen, und den ungebetenen Besuch wett machen werde. Denn nicht Jeder führte sich auf, wie es einem braven Soldaten in Feindesland wohl ansteht. Unter andern drang damals ein brauner preußischer Husar, der ein böser Mensch war, in das Haus eines friedlichen Mannes ein, nahm ihm all sein baares Geld, so viel war, und viel Geldswerth, zuletzt auch noch das schöne Bett mit nagelneuem Ueberzug, und miss handelte Mann und Frau. Ein Knabe von 8 Jah, ren bat ihn knieend, er möchte doch seinen Eltern nur das Bett wieder geben. Der Husar soft ihn unbarmherzig von sich. Die Tochter lauft ihm nach, halt ihn am Dollmann fest, und fleht um Barmber zigkeit. Er nimmt sie, und wirft sie in den Sodbruns nen, so im Hofe fleht, und rettet seinen Raub. Nach Jahr und Tagen bekommt er seinen Abschied, setzt sich in der Stadt Neisse in Schlesien, denkt nimmer daran, was er einmal verübt hat, und mevnt, es sey schon lange Gras darüber gewachsen. Allein, was geschieht im Jahr 1806? Die Franzos fen rücken in Neisse ein; ein junger Sergeant wird Abends einquartiert bey einer braven Frau, die ihm wohl aufwartet. Der Sergeant ist auch brav, führt fich ordentlich auf, und scheint guter Dinge zu seyn. Den andern Morgen kommt der Sergeant nicht zum 172 Frühstück. Die Frau denkt: Er wird noch schlafen, und stellt ihm den Kaffee ins Ofenrohr. Als er noch immer nicht kommen wollte, gieng sie endlich in das Stüblein hinauf, macht leise die Thüre auf, and will sehen, ob ihm etwas fehlt. " دو Da saß der junge Mann wach und aufgerichtet im Bette, hatte die Hände in einander gelegt, und seufz te, als wenn ihm ein groß Unglück begegnet wäre, oder als wenn er das Heimweh hätte, oder so etwas, und sah nicht, daß jemand in der Stube ist. Die Frau aber gieng leise auf ihn zu, und fragte ihn: Was ist Euch begegnet, Herr Sergeant, und war um seyd Ihr so traurig?" Da sah sie der Mann mit einem Blick voll Thränen an, und sagte: die Uebers züge dieses Bettes, in dem er heute Nacht geschlafen habe, haben vor 18 Jahren seinen Eltern in Chams pagne angehört, die in der Plünderung alles verloh³ ren haben und zu armen Leuten geworden seyn, und jezt denke er an alles, und sein Herz sey voll Thrås nen. Denn es war der Sohn des geplünderten Mans nes in Champagne, und kannte die Ueberzüge noch, und die rothen Namens- Buchstaben, womit sie die Mutter gezeichnet hatte, waren ja auch noch daran. Da erschrat die gute Frau, und sagte, daß sie dieses Bettzeug von einem braunen Husaren gekauft habe, der noch hier in Neisse lebe, und sie könne nichts da für. Da stand der Franzose auf, und ließ sich in das Haus des Husaren führen, und kannte ihn wieder. Denkt Ihr noch daran, sagte er zu dem Husaren, wie Jbr vor 18 Jahren einem unschuldigen Mann in Champagne Hab und Gut, und zulet auch noch das Bett aus dem Hause getragen habt, 173 und habt keine Barmherzigkeit gehabt, als Euch ein achtjähriger Knabe um Schonung anßlehte; und an meine Schwester? Anfänglich wollte der alte Sün der sich entschuldigen, es gebe bekanntlich im Krieg nicht alles wie es soll, und was der Eine liegen lasse, bole doch ein Anderer; und lieber nimme mans sels ber. Als er aber merkte, daß der Sergant der nema liche sey, dessen Eltern er geplündert und mishandelt batte; und als er ihn an seine Schwester erinnerte versagte ihm vor Gewissens. Angst und Schrecken die Stimme, und er fiel vor dem Franzosen auf die zits heraus ternde Knie nieder, und konnte nichts mehr z bringen, als: Pardon! dachte aber: Es wird nicht viel helfen. 22 in xinh Der geneigte Leser denkt vielleicht auch: Jetzt wird der Franzos den Husarcu zusammenbauen, und freut sich schon darauf." Allein das könnte mit der Wahrheit nicht bestehen. Denn wenn das Herz bes wegt ist, und vor Schmerz fast brechen will, mag der Mensch keine Nache nehmen. Da ist ihm die Ras che zu klein und verächtlich, sondern er denkt: Wir flad in Gottes Hand, und will nicht Böses mit Boſem vergelten. So dachte der Franzose auch, und sagte:„ Daß du mich mishandelt bast, das verzeihe ich dir. Daß du meine Eltern mishandelt und zu ar men Leuten gemacht hak, das werden dir meine Eltern verzeihen. Daß du meine Schwester in den Brunnen geworfen hast, und ist nimmer davon ge kommen, das verzeihe dir Gott." Mit diesen Worten gieng er fort, ohne dem Husaren das geringste zu leide zu thun, und es ward ihm in seinem Herzen wieder wohl. Dem Husaren aber war es nachher zu - 174 Muth, als wenn er vor dem jüngsten Gericht gestan den wäre, und hatte keinen guten Bescheid bekommen. Denn er hatte von dieser Zeit an feine ruhige Stunde mehr, und soll nach einem Vierteljahr gestorben seyn. Merke: Man muß in der Fremde nichts thun, worüber man sich daheim nicht darf finden lassen. Merke: Es giebt Unthaten, über welche kein Gras wächst. Was in einer großen Stadt drauf geht. Eine große Stadt hat einen großen Magen, und braucht im Winter einen großen Ofen. In Wien aber sind in einem Jahr vom 1. November 1806. bis dahin 1807. geschlachtet und verspeist worden, 66,795. Ochsen, 2133 Kübe, 75,092 Kälber, 47,000 Schaa fe, 120,000 Lämmer, 71,800 Schweine. Viel Fleisch kostet viel Brod. Daher wurden verbraucht 487,000 3entner Weiß- Mehl, 408,000 Sentner gemein Mehl. Zu einem guten Bissen gehört ein gus ter Trunk. Also ist getrunken worden 522,400 Maas Wein, 674,000 Maas Bier. Etwas Gutes ist und trinkt man gera in einer warmen Stube. Sind verbrannt wor den 281,000 Klafter Holz, und 156,000 Meß Steins kohlen. So viel kann drauf gehen in einer Stadt. Und wird doch noch hie und da ciner hungrig ins Bett gegangen, und an manchem Fenster Eiszapßlein ges hangen seyn. 175 ſen Tisch Und an manchem vollen Tisch ist einer gesessen, und hat nicht essen mögen vor Betrübniß; und in manchen Becher voll köstlichen Ungar- Weins ist auch eine Thrane gefallen. Ein Wort giebt das andere. reicher Herr im Schwabenland schickte seis Ein nen Sohn nach Paris, daß er sollte Französisch ler. nen, und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht Ey erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: Ev Hanns, wo führt dich der Himmel her? Wie steht was giebts es zu Hause, und was giebts Neues?- Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als daß vor to Ta= gen Euer schöner Rabe krepirt ist, den Euch vor einem Jahr der Waidgesell ges schenkt bat. das arme Thier, erwiederte der Herr Wilhelm. Was hat ihm denn gefehlt? Drum hat er zu viel Luder gefressen, als unsere schönen Pferde fielen, eins nach dem andern. Ich habs gleich gesagt. Wie! Meines Vaters vier schöne Mohren- Schim mel sind gefallen? fragte der Herr Wilhelm. Wie gieng das zu? Drum sind sie zu sehr angestrengt wor den mit Wasserführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts ge holfen. Um Gottes Willen! rief der Herr Wilhelm voll 176 Schrecken aus. Ist unser schönes Haus verbrannt? Wann das? Drum hat man nicht aufs Feuer acht gegeben, an Ihres Herrn Waters seliger Leiche, und ist bey Nacht begraben wor den mit Fackeln. So ein Funcklein ist bald verzettelt. Unglückselige Bottschaft! rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. Mein Vater todt? Und wie gehts meiner Schwester? Drum eben hat sich Ihr Herr Vater se. liger zu todt gegråmt, als Ibre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar, und hatte und b feinen Vater dazu. Es ist ein Büblein. Sonst gibts just nicht viel Neues, sezte er hinzu. Moses Mendelson. 135 Moses Mendelson war jüdischer Religion, und Handlungsbedienter bey einem Kaufmann, der das Pulver nicht soll erfunden haben. Daben war er aber ein sehr frommer und weiser Mann, und wurde und daher von den angesehensten und gelehrtesten Man nern hochgeachtet und geliebt. Und das ist recht. Denn man muß um des Bartes willen den Kopf nicht verachten, an dem er wächst. Dieser Moses Men delson gab unter anderm von der Zufriedenheit mit seinem Schicksal folgenden Beweis. Denn als eines Tages ein Freund zu ihm kam, und er eben an einer und er eben an einer schweren Rechnung schwißte, sagte dieser:„ Es ist doch schade, guter Moses, und ist unverantwortlich, " 177. daß ein so verständiger Kopf wie ihr seyd, einem Manne ums Brod dienen muß, der euch das Wasser nicht bies ten kann. Seyd ihr richt am kleinen Finger gescheidter, als der am ganzen Körper, so groß er ist? Einem andern hátt das im Kopf gewurmt, er båtte Feder und Dintenfag mit ein paar Flüchen hinter den Ofen gewor fen, und seinem Herrn aufgekündet auf der Stelle. Aber der verständige Mendelson ließ das Dintenfaß stehen, steckte die Feder hinter das Ohr, sah seinen Freund ru big an, und sprach zu ihm also:» Das ist recht gut, wie es ist, und von der Vorsehung weise ausgedacht. Denn so fann mein Herr von meinen Diensten viel NuBen ziehn, und ich habe zu leben. Wäre ich der Herr, und er mein Schreiber, ihn könnte ich nicht brauchen." Ein theurer Kopf und ein wohlfeller. Als der letzte König von Polen noch regierte, ents stand, gegen ihn eine Empörung, was nichts seltenes war. Einer von den Rebellen, und zwar ein polnischer Fürst, vergaß sich so sehr, daß er einen Preis von 20,000 Guls den auf den Kopf des Königs setzte. Ja, er war frech genug, es dem König selber zu schreiben, entweder, um ihn zu betrüben oder zu erschrecken. Der König aber schrieb ihm ganz kaltblütig zur Antwort:„ Euern Brief habe ich empfangen und gelesen. Es hat mir einiges Vergnügen gemacht, daß mein Kopf bey Euch noch etwas gilt. Denn ich kann Euch versichern, für den curigen gåb ich keinen rothen heller." Hehels Schaßkäsilein. 12 178 Theure Eyer. Als zu seiner Seit ein fremder Fürst nach Frankreich reiste, wurde es ihm unterwegs öd im Magen, und ließ sich in einem gemeinen Wirthshaus, wo sonst dergleichen Gäste nicht einkehren, drey gefotine Ever geben. Als er damit fertig war, fordert der Wirth Dafür 300 Livres. Der Fürst fragte, ob denn hier die Ever so rar seyen. Der Wirth lächelte und sagte: Stein, die Ever nicht, aber die großen Herrn, die so etwas dafür bezahlen können. Der Fürst lächelte auch, und gab das Geld, und das war gut. Ais aber der damalige König von Frankreich von der Sache hörte, ( es wurde ihm als ein Spaß erzählt,) nahm ers sehr übel, daß ein Wirth in seinem Reich sich unterstand, folche unverschämte Ueberforderungen zu machen, und sagte dem Fürsten: Wenn Sie auf Jbrer Rückreise wieder an dem Wirthshaus vorbeifahren, werden Sie ses hen, daß Gerechtigkeit in meinem Lande herrscht. Als der Fürst auf seiner Rückreise wieder an dem Wirthshaus vorbeyfuhr, sah er keinen Schild mehr dran, aber die Thüren und Fenster waren zugemauert, und das was auch gut. Die drey Diebes Der geneigte Leser wird ermahnt, nicht alles für wahr zu halten, was in dieser Erzählung vorkommt. Doch ist sie in einem schönen Buch beschrieben, und zw Wers gebracht. Der Zundel, Heiner und der Zundel- Frieder tries ben von Jugend auf das Handwerk ihres Vaters, der bereits am Auerbacher Galgen mit des Sailers Toch -179 ter copulirt war, nemlich mit dem Strick; und ein Schulkamerad, der rothe Dieter, hielts auch mit, und war der Jüngste. Doch mordeten sie nicht, und grifs fen keine Menschen an, sondern visitirten nur so bey Nackt in den Hühnerställen, und wenns Gelegen, heit gab, in den Küchen, Kellern und Speichern, allenfalls auch in den Geldtrögen, und auf den Mark ten fauften sie immer am wohlfeilsten ein. Wenns aber nichts zu stehlen gab, so übten sie sich untereinander mit allerley Aufgaben und Wagstücken, um im Handwerk weiter zu kommen. Einmahl im Wald sieht der Heiner auf einem hohen Baum einen Vogel auf dem Nest fizzen, denkt, er hat Eyer, und fragt die andern: Wer ist im Stand, und holt dem Vogel dort oben die Eyer aus dem Nest, ohne daß es der Bogel merkt?" Der Frieder, wie eine Katze, klettert hinauf, naht sich leise dem Nest, bohrt langsam ein Lochlein unten drein, läßt ein Eylein nach dem andern in die Hand fallen, fickt das Nest wies der zu mit Moos, und bringt die Eyer. dem Vogel die Eyer wieder unterlegen fann, fagte jetzt der Frieder, ohne daß es der Bogel merkt!" Da kleta terte der Heiner den Baum hinan, aber der Frieder kletterte ihm nach, und während der Heiner dem Bos gel langsam die Eyer unterschob, ohne daß es der Vogel merkte, zog der Frieder dem Heiner langsam die Hosen ab, ohne daß es der Heiner merkte. Da gab es ein groß Gelächter, und die beyden andern sagten: » Der Frieder ist der Meister. Der rothe Dieter aber sagte:„ ich sehe schon, mit euch fann ichs nicht zugleich thun, und wenns einmal zu bösen Häusern geht, und der Unrechte kommt über uns, so ists mir nimmer Angst für euch, aber für mich. Also gieng er fort, wurde - "> Aber wer 180 wieder ehrlich, und lebte mit seiner Frau arbeitsam und häuslich. Im Spátjahr, als die zwey andern noch nicht lang auf dem Roßmarkt ein Nößlein gestohlen hatten, besuchten sie einmal den Dicter und fragten ihn, wie es ihm gehe; denn sie hatten gehört, daß ein Schwein geschlachtet, und wollten ein wenig Acht geben, wo es liegt. Es hing in der Kammer an der Wand. Als sie fort waren, sagte der Dieter: Frau, ich will das Säulein in die Küche tragen, und die Mulde drauf des cken, sonst ist es morgen nimmer unser." In der Nacht kommen die Diebe, brechen, so Icise sie können, die Mauer durch, aber die Beute war nicht mehr da. Der Dieter merkt etwas, steht auf, geht um das Haus, und feht nach. Unterdessen schleicht der Heiner um das andere Eck verum ins Haus bis zum Bett, wo die Frau lag, nimmt ihres Mannes Stimme an, und sagt: Frau, die Sau ist nimmer in der Kammer. Die Frau sagt: Schwaz nicht so einfältig! Hast du sie nicht selber in die Küche unter die Mulde getragen? Ja so, sagte der Heiner, drum bin ich halb im Schlaf, und ging, holte das Schwein, und trug es unbeschrien fort, wußte in der finstern Nacht nicht, wo der Bruder ist, dachte, er wird schon kommen an den bestellten Platz im Wald. Und als der Dieter wieder ins Haus fam, und nach dem Säulein greifen will, Frau, rief er, jetzt habens die Galgenstricke doch geholt." Allein, so geschwind gab er nicht gewonnen, sondern sette den Dieben nach, und als er den Heiner einholte,( es war schon weit vom Hause weg,) und als er merkte, daß er allein sey, nahm er schnell die Stimme des Frieders an, und sagte: Bruder, laß jezt mich das Säulein tragen, du wirst müd seyn. Der Heiner meint es sey der Bruder, " 181 und gibt ihm das Schwein, sagt, er wolle vorausges hen in den Wald und ein Feuer machen. Der Dieter. aber kehrte hinter ihm um, sagte für sich selber: Hab ich dich wieder, du liebes Säulein? und trug es heim. Unterdessen irrte der Frieder in der Nacht herum, bis er im Wald das Feuer fab und kam, und fragte den Bruder: Hast du die Sau, Heiner?" Der Heis ner sagte:„ Hast du sie denn nicht, Frieder?" Da schauten sie einander mit großen Augen an, und bátten kein so prasselndes Feuer von buchenen Spänen ge braucht zum Nachtkochen. Aber desto schöner prafcite. jezt das Feuer daheim in Dieters Küche. Denn das Schwein wurde sogleich nach der Heimkunft verbauen, und Kesselfleisch über das Feuer gethan. Denn der Dies ter sagte:„ Frau ich bin hungerig, und was wir nicht beyzeiten essen, bolen die Schelme dech. Als er sich aber in einen Winkel legte, und ein wenig schlummers te, und die Frau kehrte mit der eisernen Gabel das Fleisch herum, und schaute einmal nach der Seite, weil der Mann im- Schlaf so feufzte, kam eine zugespizte Stange langsam durch das Camin herab, spießt das beste Stück im Keffet an, und zogs herauf; und als der Mann im Schlaf immer ängstlicher winselte, und die Frau immer emfiger nach ihm sah, kam die Stange zum zweytenmal; und als die Frau den Dieter weckte: » Mann, jez: wollen wir anrichten, da war der Kes fel leer, und war ebenfalls kein großes Feuer nöthig gewesen zum Nachtkochen. Als sie aber beyde schon im Begriff waren, hungerig ins Bett zu gehen, und dachten: Will der Henker das Säulein bolen, so kön nen wirs ja doch nicht heben, da kamen die Diebe vom Dach herab, durch das Loch der Mauer in die CC 182 Sammer, und aus der Kammer in die Stube, und brachten wieder, was sie gemaust hatten. Jest gieng ein fröhliches Leben an. Man aß und trank, man scherzie und lachte, als ob man gemerkt båtte, es sey das leztemal, und war guter Dinge, bis der Mond im Jezten Viertel über das Hauslein weggieng, und zum zweytenmal im Dorf die Hahnen fråbten, und von wei. tem der Hund des Metzgers bellte. Denn die Stricks reiter waren auf der Spur, und als die Frau des ros then Dieters fagte:» Jezt ists einmal Zeit ins Bett, kamen die Strickreiter von wegen des gestohlenen Röß, leins, und holten den Zundel- Heiner und den Bundel Frieder in den Thurm und in das Buchthaus. Suwaro v. Der Mensch muß eine Herrschaft über sich selber ausüben können, sonst ist er fein braver und achtungss würdiger Mensch, und was er einmal für allemal als recht erkennt, das muß er auch thun, aber nicht einmal für allemal, sondern immer. Der rusische General Suwarov, den die Türken und Polaken, die Italiener und die Schweizer wohl kennen, der hielt ein scharfes und strenges Commando. Aber was das vornehmste war, er stellte sich unter sein eigenes Commando, als wenn er ein Anderer, und nicht der Sewargv selber wäre, und sehr oft mußten ihm seine Adjutanten dieß und jenes in seinem eigenen Namen befehlen, was er alsdann pünktlich befolgte. Einmal war er wüthend aufgebracht über einen Soldaten, der im Dienst etwas verschen hatte, und ficng schon an, ihn zu prügeln. Da faßte ein Adjutant das Herz, dachte, er wolle dem Ge 183 neral und dem Soldaten eine guten Dienst erweisen, eilte herbey und sagte: Der General Suwarov bat befohlen, man solle sich nie vom Zorn übernehmen lassen." Sogleich lick Suwares nach, und sagte:„ Wenns der General befohlen hat, muß man gehorchen." Klein und Groß. In Aften, in dem Gebirge Taurus und an ans dern Orten, lebt eine Art von wilden Scharen, Ars gali genannt, die sind sehr groß, start und sch cu, und haben sehr große Hörner. Wenn ein solches Thier im Kampf oder durch ein anderes Unglück ein Horn vers liert, was jejuweilen peschicht, so kommt es den dortigen Füchslein zu gut. Diese baben alsdann nicht no thig, einen Bau in die Erde zu graben, meenen, daß Horn sey wegen ihnen da, schlupfen binein, und woh. nen darinn. Worúber muß man sich mehr verwundern, über die großen Hörner oder über die kleinen Füchse? Die kleinsten Bögel, die mau kennt, heißen Kolibri. Sie find in Süd- Amerika daheim, haben wunderschöne Farben von Gold- und Silberglanz, legen Eylein, so nicht größer sind, als eine Erbse; und werden nicht mit Schroten geschossen, sondern mit kleinen Sands körnlein, weil sonst nichts Ganzes an ihnen bliebe. Neben ihnen wohnt eine Spinne, die ist so groß, daß sie diese armen Thierlein wie Mucken fängt und aussaugt. Doch das weiß der geneigte Leser schon, denn er ist ein belesener Mann. Andern Respekt fößt der Herr Lämmer Geyer seis ner Nachbarschaft ein, der in den Tyroler- und Schwes = 184 zer Gebirgen daheim ist. Denn mit seinen ausge spannten Flügeln bedeckt er eine Länge von 8 bis 9 Fuß, und ist stark genug, Gemsen, Siegen und Kinder anzupacken, zu überwältigen und davon zu tragen. Der größte unter allen Vögeln, die siegen können, ist der Condur, ein Landsmann des Colibri. Diefer mist mit ausgespannten Flügeln 16 Fuß, feine Flügelfedern sind vorne Fingersdick, also, daß man schön Fraftur damit schreiben könnte; und das Rauschen sei, ner Flügel gleicht einem fernen Donner. Aber der allergrößte Vogel ist der Strauß in den Wüsteneyen von Asien und Afrika, der aber wegen seis ner Schwere und wegen der Kürze seiner Fittige gar nicht fliegen kann, sondern immer muß auf der Erde bleiben. Doch trågt er seinen Kopf 9 bis 10 Fuß hoch in der Luft, kann weit herum schauen, und könnte, wie cin guter Freund neben einem Reiter auf seinem Noß her laufen und mit ihm reden, wenn ihm nicht Vernunft und Sprache versagt wären. In Asien lebt eine Art von Hirschen, Zwerg- Hirschlein genannt, deren Füßlein find Fingerslang, und so dünn, wie der Stiel einer föllnischen Tabackspfeife. Das Spizmaustein, ebenfalls in Asien, wiegt ein halbes Quintlein, und ist das kleinste unter allen bekannten Thieren, die auf 4 Beinen gehen und ihre Jungen säugen. Der Elephant aber ist 12 bis 14 Fuß hoch, 15 bis 17 Fuß lang, wiegt seine 7,000 Pfund; und ein feißiger Schüler solt mir ausrechnen: Wie viel Spitzmauslein müßte man haben, die zusam men so schwer sind, als ein einziger Elephant? Das fleinste Thierlein auf der Erde hat auch mit dem stärksten Vergrößerungsglas wohi noch kein Mensch 185 gesehen. Aber das größte ist der Wallfisch, der bis zu einer Länge von 120 Fuß wachsen kann, und seine 1,000 Centner und drüber wiegt. In den fabelhaften Zeiten bat man geglaubt, das es eine ganze Nation von Menschen gebe, die von dem Boden weg nur 2 Fuß boch seyen. Der Lügen, Prophet Mahomet aber behauptete einmal, er habe den Erzengel Gabriel gesehen, und es sey von seinem rechten Auge über den Nasenwinkel bis zum linken, ein Zwischenraum von 70,000 Tagreifen. Hohes Alter. In Schottland giebt es Leute, welche sehr aft werden. Ein Reisender begegnete einmal einem bes tagten Sechziger, welcher schluchzte. Auf die Frage, was ihm fehle, sagte dieser: Der Vater habe ihm eine Ohrfeige geben. Das kam dem Fremden fast unglaub lich vor, daß ein Mann von solchen Jahren noch eis seiner nen Vater am Leben haben, und noch unter Zucht stehen soll. Als er ihn aber nach der Ursache der Ohrfeige fragte, so sagte der Sechziger: Drum babe er den Großvater schier fallen lassen, als er ihm habe sollen ins Bett belfen. Als das der Fremde hörte, ließ er sich von dem Mann ins Haus führen, ob es auch so sey, wie er sagte. Ja, es war so. Der Bube war 62 Jahr alt, der Vater 96, und der Großpater 130. Und der Fremde sagte nachher, als er es wieder erzählte, es werde einem ganz curios zu Mus the, wenn man so 288 unter drey Hüten beycinandersehe.) 186 Kayfer Napoleon und die Obstfrau in Brienne. Der große Kayser Napoleon brachte seine Jugend, als Zögling, in der Kriegsschule zu Brienne zu, und wie? Das lehrten in der Folge seine Kriege die er führte, und seine Thaten. Da er gerne Obst af, wie die Jugend pflegt, so bekam eine ObsthandJerin daselbst manchen schönen Bazen von ihm zu lofen. Hatte er ie einmal kein Geld, so borgte sie. Befam cr Geld, so bezahlte er. Aber als er die Schule, verließ, um nun als kenntnißreicher Soldat auszuüben, was er dort gelernt hatte, war er ihr doch einige Thaler schuldig. Und, als sie das letztes mal ihm einen Teller voll saftiger Pfirsiche oder süßer Trauben brachte, Fräulein, sagte er, jest muß ich fort, und kann euch nicht bezahlen. Aber ihr sollt nicht vergessen seyn." Aber die Obstfrau sagte: » reisen Sie wegen dessen ruhig ab, edler, junger Herr. Gott erhalte Sie gesund, und mache aus Ihnen einen glücklichen Mann." Allein auf einer solchen Laufbahn, wie diejenige war, welche der junge Krieger jezt betrat, kann doch auch der beste Kopf so etwas vergessen, bis zuletzt das erkenntliche Gemüth ihn wieder daran erinnert. Napoleon wird in kurzer Zeit General, und erobert Italien. Napoleon gebt nach Egypten, wo einst die Kinder Israel das Zies gler Handwerk trieben, und liefert ein Treffen bey Nazareth, wo vor 1800 Jahren die hochgelobte Jungfrau wohnte. Napoleon febrt mitten durch ein Meer voll feindlicher Schiffe nach Frankreich und Paris zurück, und wird erster Consul. Napoleon stellt in feinem unglich gewordenen Vaterlande die Ruhe - 187 und Ordnung wieder her, und wird französischer Kays ser, und noch hatte die gute Obfifrau in Brienne nichts, als sein Wort:" Ihr sollt nicht vergessen feyn!« Aber ein Wort noch immer so gut, als baares Geld, und besser. Denn als der Kayfer in Brienne einmal erwartet wurde, er war aber in der Stille schon dort, und mag wohl sehr gerührt gewesen s wenn er da an die vorige Zeit gedachte, und an die jezige, und wie ihn Gott in so kurzer Zeit, und durch so viele Gefahren unversehrt bis auf den neuen Kays ferthron geführt hatte, da blieb er auf der Gasse plötz lich stille stehen, legte den Finger an die Stirne, wie einer der sich auf etwas besinnt, nannte bald darauf Den Namen der Obfifrau, erkundigte sich nach ihrer Wehnung, so ziemlich baufällig war, und trat mit cinem einzigen treuen Begleiter zu ihr hinein. Eine enge Thüre führte ihn in ein kleines, aber reinliches Zimmer, wo die Frau mit zwey Kindern am Kamin fnicte, und ein sparsames Abendessen bereitete. ,, Kann ich hier etwas zur Erfrischung haben?< " so fragte der Kayser. 22. Ey ja! erwiederte die Frau, die Melonen sind veif, und holte eine. Während die zwey fremden Herren die Melone verzehrten, und die Frau noch ein paar Reiser an das Feuer legte, Kennt ihr denn den Kayser auch, der heute hier seyn soll?« fragte der eine. Er ist noch nicht da, antwortete die Frau, er kommt erst. Warum soll ich ihn nicht kennen? Manchen Teller und manches Körbchen voll Obst hat er mir abgekauft, als er noch hier in der Schule war. les ordentlich bezahlt?" les ordentlich bezahlt. Da " Hat er denn auch al Ja freylich, er hat als sagte zu ihr der fremde - 188 - دو Herr: Frau, ihr geht nicht mit der Wahrheit um oder ihr müßt ein schlechtes Gedächtniß haben. Fürs crfie, so fennt ihr den Kayser nicht. Denn ich bins. Fürs andere hab ich euch nicht so ordentlich bezahlt, als ihr fagt, sondern ich bin euch zwey Thaler schuldig oder etwas;" und in diesem Augenblick zählte da Begleiter auf den Tisch ein tausend und zweyhun, dert Franken, Kapital und Zinnß. Die Frau, als sie den Kayser erkannte, und die Goldstücke auf dem Tisch klingeln hörte, fiel ihm zu Füßen, und war vor Freude und Schrecken und Dankbarkeit ganz aufser sich, und die Kinder schauen auch einander an, und wissen nicht was sie sagen sollen. Der Kayser aber befahl nachher das Haus niederzureissen, und der Frau ein anderes an den nemlichen Platz zu bauen. " In diesem Hause, sagte er, will ich wohnen, so oft ich nach Brienne komme, und es soll meinen Namen führen. Der Frau aber versprach er, er wolle für ihre Kinder sorgen. Wirklich hat er auch die Tochter derselben bereits ehrenvoll versorgt, und der Sohn wird auf kayserliche Kosten in der nemlichen Schule erzogen, aus welcher der große Held selber ausgegangen ist. Das Bombardement von Koppenhagen. In der ganzen gefahrvollen Zeit von 1789 an, als ein Land nach dem andern entweder in die Revolution oder in einen blutigen Krieg gezogen wurde, hatte fich das Königreich Dänemark theils durch seine Lage, theils durch die Weisheit seiner Regierung den Frieden erhalten. Sie lebte niemand zu lieb und 189 niemand zu leid, dachte nur darauf, den Wohlstand der Unterthanen zu vermehren, wurde deßwegen von allen Mächten in Ehren gehalten. Als aber im Jahr 1807. der Engländer sab, daß Rußland und Preußen von ihm abgegangen sey, und mit dem Feind Fries den gemacht habe, und, daß die Franzosen in allen Häfen und festen Pläßen an der Ostsee Meister sind, und die Sache schlimm gehen kann, wenn sie auch noch sollten nach Danemark fommen, sagte er fein Wort, sondern ließ eine Flotte auslaufen, und nie. mand wußte wohin. Als aber die Flotte im Sund und an der dänischen Küste und vor der königlichen Haupt- und Residenzstadt Koppenhagen stand, und alles sicher und ruhig war, so machten die Englånder Bericht nach Koppenhagen hinein:» Weil wir so gute Freunde zusammen sind, so gebt uns gutwillig. bis zum Frieden eure Flotte, damit sie nicht in des Feindes Hände kommt, und die Festung. Denn es wäre uns entfeßlich leid, wenn wir euch müßten die Stadt über dem Kopf zusammen schießen. Als wenn ein Bürgersmann oder Bauer mit einem andern einen Prozeß hat, und kommt in der Nacht mit seinen Knechten einem Nachbarn vor das Bette, und sagt:„ Nachbar, weil ich mit meinem Gevattermann einen Prozeß babe, so müßt ihr mir bis Ausgangs der Sache eure Nosse in meine Verwahrung geben, daß mein Gegen part nicht kann darauf zu den Advokaten reiten, sonst zund ich euch das Haus an, und müßt mir erlauben, daß ich an der Straße mit meinen Knechten in euer Kornfeld stebe, auf daß, wenn der Gevattermann auf seinem eigenen Noß zum Hofgericht reiten will, so verrenn ich ihm den Weg." Der Nachbar دو 190 sagt:» Last mir mein Haus undngezündet! Was gehn mich eucre Handel an? Und so sagten die Das nen auch. Als aber der Engländer fragte: Wollt ihr gutwillig oder nicht? und die Dänen sagten: » Nein, wir wollen nicht gutwillig!" so stieg er mit seinen Landungs Truppen ans Ufer, rückte immer nåber gegen die Hauptstadt, richtete Batterien auf, führte Canonen drein, und sagte am 2. September nach dem Frieden von Tilsit, jezt sey die letzte Frist. Allein alle Einwohner von Koppenhagen und die ganze Dänische Nation sagten: Das Betragen des übermüthigen Feindes sey unerhört, und es wäre eine Schande, die der Belt nicht abwaschen könnte, sich durch Drohungen schrecken zu lassen, und in seine uns gerechten Forderungen einzuwilligen. Nein!" Da fieng das fürchterliche Gericht an, das über diese arme Stadt im Schicksal beschlossen war. Denn von Abends um 7 Uhr an hörte das Schieffen auf Kops penhagen, mit 72 Mörsern und schweren Kanonen, die ganze Nacht hindurch 12 Stunden lang nimmer auf; und ein Satan, Namens Congreve, war dabey, der hatte ein neues Zerstörungsmittel erfunden, nems lich die sogenannten Brand- Raketen. Das war un gefähr eine Art von Röhren, die mit brennbaren Ma terien angefüllt wurden, und vorne mit einem kurzen spißigen Pfeil versehen waren. Im Schuß entzun. dete sich die Materie, und, wenn nun der Pfeil an etwas hinfuhr, wo er Habung hatte, so blieb er ste cken, manchmal wo niemand zukommen konnte, und die Feuermaterie zündete an, was brennen konnte. Auch diese Brand- Raketen flogen die ganze Nacht in das arme Koppenhagen hinein. Koppenhagen hatte 191 damals 4000 Häuser, 85,965 Einwohner, 22 Kirs chen, 4 königliche Schlösser, 22 Krankenspitaler, 30 Armenhäuser, einen reichen Handel und viele Fabri ken. Da kann man denken wie mancher schöne Dach, stuhl in dieser angstvollen Nacht zerschmettert wurde, wie manches bange Mutterberg ch nicht zu helfen wußte, wie manche Wunde blutete, und wie die Stima me des Gebets und der Verzweiflung, das Stürm geläute und der Kanonendonner durch einander gieng. Am 3. September, als der Tag kam, hörte das Schießen auf; und der Engländer fragte, ob sie noch nicht wollten gewonnen geben. Der Commandant von Koppenhagen sagte: Nein. Da fieng das Schießen Nachmittags um 4 Uhr von neuem an, und dauerte bis den 4. September Mittags fort, ohne Unters laß und ohne Barmherzigkeit. Und als der Commans dant noch nicht wollte Ja sagen, fieng Abends. das Feuer wieder an, und dauerte die ganze Nacht bis den s. des Mittags. Da lagen mehr als 300 schöne Häuser in der Asche; ganze Kirchthurine waren eins gestürzt, und noch überall wüthete die Flamme. Mehr als 800 Bürger waren schon getödtet und mehrere schwer verwundet. Ganz Koppenhagen sab bier einer Brandstätte, oder einem Steinhaufen, da einem Las zareth, and dort einem Schlachtfeld gleich. Als endlich der Commandant von Koppenhagen nirgends mehr Rettung noch Hülfe und überall nur untergang und Verderben fab, hat er am 7. September fapis tulirt, und der Kron- Prinz hats nicht einmal ges lobt. Das erste war, die Engländer nahmen die ganze Seeflotte von Koppenhagen in Besitz und führten sie Weg; 18 Linienschiffe, 15 Fregatten und mehrere klei 192 - nere bis auf eine Fregatte, welche der König von Eng land ehmals dem König von Dänemark zum Geschenk gemacht hatte, als sie noch Freunde waren. Diese ließen sie zurück. Der König von Dänemark schickte fie ihnen aber auch nach, und will nichts geschenktes mehr zum Andenken haben. Im Land selbst und auf den Schiffen hausten die Engländer als böse Feinde, denn der Soldat weiß nicht, was er thut, sondern denkt: Wenn sie es nicht verdient hätten, so führte man keinen Krieg mit ihnen. Zum Glück dauerte ihr Aufenthalt nicht lange; denn sie schifften sich am 19. Oktober wieder ein, und fuhren am 21. mit der dänis fchen Flotte und dem Raub davon; und der Congreve ist unterwegs ertrunken und hat Frau und Kinder nimmer gesehn. Von dem an hielten die Dänen gemeinschaftlich mit den Franzosen, und Kayser Nas poleon will nicht cher mit den Engländern Friede machen, als bis sie die Schiffe wieder zurück gegeben, und Koppenhagen bezahlt haben. Dies ist das Schick, fal von Dänemark, und die Freunde der Engländer sagen, es sey nicht so schlimm gemeynt gewesen. Andre aber sagen, es hätte nicht können schlimmer seyn, und die Dånen meynens auch. Jürchterlicher Kampf eines Menschen mit einem Wolf. In Frankreich ist ein Departement, heißt Goldhügel. In diesem Departement befindet sich eine kleine Landschaft, genannt Saulieu,( mußt lesen Solid). Diese Landschaft bekam im Merz des Jahrs 1807. ci 193 nen schlimm n Besuch von einem reissenden Thier, wie man noch keines daselbst gesehen hatte, hier zu Land auch nicht. Es hatte Achnlichkeit mit einem Wolf, wird auch einer gewesen seyn. Doch hatte es eine fürzere Schnauße als ein gemeiner Wolf; war lang und mäger und mit langen dunkelgrüneit Haaren besezt. Diese grausame und blutgierige Bestie wüthete mehrere Tage lang zum Schrecken der Eins wohner in dem Lande herum, grif Menschen und Thiere an, wagte sich sogar am 30. Merz am hellen Tag auf der Landstraße an die Reisenden, zerriß ci nen Conscribirten, zerfleischte zwey Mägdlein und eis nen Knaben und blieb selbige Nacht nahe bey dem Hause eines Landmannes, Namens Machin, im Ges büsche übernacht. Der gute Machin, der an eine sol che Schildwache vor seinem Hause nicht dachte, gieng des Morgens früh um 3 Uhr, als es noch ganz finfter war, aus dem Hause. Da hörte er etwas raus schen im Gebüsch, glaubte es sey die Kaße, die sich vor einigen Tagen verlaufen hatte, und rief seiner Frau, die Kaze sey da. Aber in dem nemlichen Aus genblicke springt das Unthier wüthend auf ihn los. Er wirft es zurück. Es kommt wieder, stellt sich auf die Hinterfüße, drückt ihn zwey Schritte weit an die Wand zurück, und packt ihn mit einem Rachen voll scharfer starker Zähne wüthend an der linken Brust. Bergebens sucht er sich loszumachen. Das Thier sezt immer tiefer seine Zähne ein, und verursacht ihn die entfeßlichsten Schmerzen. Da umfaßt es der ber bafte und starke Machin mit beyden Armen, drückt s fest an sich, ringt mit ihm bis er es im Hause bat, wirft fich mit ihm auf einen Tisch, so daß das Thier unten Hebels Schatzkäßtlein. 13 194 lag, und rief seiner Frau, daß sie ein Licht anzünde. Aber Frau und Kinder wagten es nicht, sich zu nås hern, und das Thier biß sich immer tiefer und tiefer in die Brust des unglücklichen Mannes ein, bis ends lich die älteste Tochter von 22 Jahren sich ermann. te, und mit einem Licht und einem Messer herbeyeilte. Der Vater drückt so stark er kann, mit sei nem Körper auf das Thier, zeigt ihr mit der linken Hand, wo sie hineinstechen müsse, daß das Ungeheuer ficher getödtet werde. Noch biß sich die Bestie immer tiefer und tiefer ein, während die Tochter den küh nen und glücklichen Stich that, und ein paarmal das Messer in der Wunde umkehrte. Aber jezt schoß das heisse schwarze Blut wie ein Strom aus der tödtli chen Wunde hervor, das Best fieng an die Augen zu verdrehen, und es war ihm nicht, als wenn es noch viele Buben und Mägdlein verreisen wollte. Aber erst nachdem es sich völlig verblufet hatte, war man im Stande die Brust des braven Machin von ihm los zu machen, so fest hatte es sich mit seinen mörderis schen Zähnen eingehauen. Drauf wurde das Unthier vollends todtgeschlagen und verlocht. Machin aber hatte doch lange an seiner Brust zu leiden und zu heilen, und sagt, er wolle sein lebenlang dran denken. Unglück in Koppenhagen. Das sollte man nicht glauben, daß eine Granade, die in den unglücklichen September Tagen 1807. nach Koppenhagen geworfen wurde, noch im Julv 1808. losgehen werde. Zwey Knaben fanden sie anter der Erde. Einer von ihnen wollte sie mit einem 195 Nagel von dem anhangenden Grunde reinigen. Plötz lich gerieth sie in Brand, zersprang, tödtete den einen auf der Stelle, nahm dem andern die Beine weg, und zerquetschte der Mutter, die mit einem Sáng ling an der Brust forglos zusab, den Arm. Dieß lehrt vorsichtig seyn mit alten Granaden und Bom ben- Kugeln. Merkwürdige Schicksale eines jungen Englanders. Eines Tages reiste ein junger Engländer auf dent Postwagen zum erstenmal in die große Stadt London, wo er von den Menschen, die daselbst wohnen, keinen einzigen kannte, als seinen Schwager, den er besu chen wollte, und seine Schwester, so des Schwagers Frau war. Auch auf dem Postwagen war neben ihm Niemand, als der Condukteur, das ist, der Aufseher über den Postwagen, der auf alles Acht haben, und an Ort und Stelle über die Briefe und Pakete Red und Antwort geben muß; und die zwey Reise Kame= raden dachten damals nicht daran, wo sie einander das nächstemal wieder sehen würden. Der Postwas gen fam erst in der tiefen Nacht in London an. In dem Posthause konnte der Fremde nicht über Nacht bleiben, weil der Vostmeister daselbst ein vornehmer Herr ist, und nicht wirthet, und des Schwagers Haus wußte der arme Jüngling, in der ungeheuer großen Stadt, bey stockfinsterer Nacht, so wenig zu finden, als in einem Wagen voll Heu eine Steckna. del. Da sagte zu ihm der Condufteur:» Junger Herr, kommt ihr mit mir! Ich bin zwar auch nicht bier dabeim, aber ich habe, wenn sich nach London 196 komme, bey einer Verwandten ein Stülein, we zwey Better stehen. Meine Base wird euch schon be herbergen, und morgen könnt ihr euch alsdann nach eures Schwagers Haus erfundigen, wo ihrs besser finden werdet." Das ließ sich der junge Mensch nicht zweymal sagen. Sie tranken bey der Frau Base noch einen Krug engliches Bier, aßen eine Knakwurst das zu, und legten sich dann schlafen. In der Nachtkam den Fremden eine Nothdurft an, und mußt hinaus gehn. Da war er schlimmer dran, als noch nie. Denn er wußte in seiner dermaligen Nachthers berge, so klein sie war, so wenig Bericht, als ein paar Stunden vorher in der großen Stadt. Zum Glück aber wurde der Condukteur auch wach, und sagte ihm wie er gehen müsse, links und rechts, und wieder links.„ Die Thüre, fuhr er fort, ist zwar verschlossen, wenn ihr an Ort und Stelle kommt, und wir haben den Schlüssel verloren. Aber nehmt in meinem Rockelor Sack mein großes Messer mit, und schiebt es zwischen dem Thurlein und dem Pfos sten hinein, so springt inwendig die Falle auf! Geht nur dem Gehör nach! Ihr hört ja die Themse raus schen, und zieht etwas an, die Nacht ist falt." Der Fremde erwischte in der Geschwindigkeit und in der Finsterniß das Camisol des Condukteurs, statt des seinen, zog es an, und kam glücklich an den Platz. Denn er schlug es nicht hoch an, daß er unterwegs cinmal den Nang zu kurz genommen hatte, so, daß er mit der Nase an ein Eck anstieß, und wegen dent hizzigen Bier, so er getrunken hatte, entsetzlich blutete. Allein, ob dem starken Blutverlust und der Verkältung bekam er eine Schwäche, und schlief ein. 197 Der nachtfertige Condukteur wartete und wartete, wußte nicht, wo sein Schlaffamerad so lange bleibt, bis fer auf der Gasse einen Lárm vernahm, da fiel ihm im halben Schlaf der Gedanke cin: Was gilts, der arme Mensch ist an die Haus- Thüre kommen, ist auf die Gasse hinausgegangen, und gepreßt worden." Denn wenn die Engländer viel Belk auf ibre Schiffe brauchen, so gehen unverschens bestellte starke Man ner Nachts in den gemeinen Wirthsstuben, in- vers dächtigen Häusern und auf der Gasse herum, und wer ihnen alsdann in die Hände kommt und tauglich ist, den fragen sie nicht lange: Landsmann, war bist du? oder Landsmann, wer seyd ihr? sondern machen kurs zen Prozeß, schleppen ihn, gern oder ungern, fort auf die Schiffe, und Gott befehlen! Solch eine nachtliche Menschenjagd nennt man Preffen; und deßwegen sagte der Condukteur: Was gilts, er ist gepreßt worden!"- In dieser Angst sprang er eilig auf, warf seinen Nockelor um sich, und eilte auf die Gasse, um wo möglich den armen Schelm zu retten. Als er aber eine Gasse und zwey Gassen weit dem Larmen nachgegangen war, fiel er selber den Press fern in die Hände, wurde auf ein Schiff geschleppt, - - - ungern und den andern Morgen weiters. Weg war er. Nachher kam der junge Mensch im Hause wieder zu sich, eilte, wie er war, in sein Bette zurück, ohne den Schlafkameraden zu vermißen, und schlief bis in den Tag. Unterdessen wurde der Condukteur, um 8 Uhr, auf der Post erwartet, und als er immer und immer nicht kommen wollte, wurde ein Postbedienter abgeschickt, ibn zu suchen. Der fand keinen Condukteur, aber einen Mann mit blutigem - 198 - man Gewand im Bett liegen, auf dem Gang ein großes offenes Messer, Blut bis auf den Abtritt, und unten rauschte die Themse. Da fiel ein böser Berdacht auf den blutigen Fremdling, er habe den Condukteur ermordet und in das Wasser geworfen. Er wurde in ein Verbör geführt, und als man ihn visitirte und in den Taschen des Kamisols, das er noch immer an hatte, einen ledernen Geldbeutel fand, mit dem wohlbe kannten filbernen Petschaftring des Condukteurs an Riemen befestigt, da war es um den armen Jünglinz geschehn. Er berief sich auf seinen Schwager, man kannte ihn nicht auf seine Schwester, wußte von ihr nichts. Er erzählte den ganzen Her gang der Sache, wie er selber sie wußte. Aber die. Blutrichter sagten:» Das find blaue Nebel, und ihr werdet gehenkt. Und wie gesagt, so ge schehn, noch am nemlichen Nachmittag nach englans dischem Recht und Brauch. Mit dem engländischen Brauch aber ist es so: Weil in London der Spikbuben viele sind, so macht man mit denen, die gehenkt werden, kurzen Prozeß, und bekümmern sich nicht vicle Leute darum, weil mans oft sehen kann. Die Misethäter, so viel man auf einmal hat, werden auf einen breiten Wagen gesetzt, und bis unter den Gal gen geführt. Dort hängt man den Strick in den bö sen Nagel ein, fahrt alsdann mit dem Wagen unter ihnen weg, läßt die schönen Gesellen zappeln, und schaut nicht um. Allein in England ist das Hängen nicht so schimpflich wie bey uns, sondern nur tödtlich. Deßwegen kommen nachher die nächsten Verwandten des Missethäters, und zichu so lange unten an den Beinen, bis der Herr Beiter oben erstickt. Aber 199 unserm Fremdling that niemand diesen traurigen Dienst der Liebe und Freundschaft an, bis Abends ein junges Ehepaar, Arm in Arm, auf einem Spazier gang von ungefähr über den Richtplat wandelte, und im Vorbeygeben nach dem Galgen schaute. Da fiel die Frau, mit einem lauten Schrey des Entsetzens, in die Arme ihres Mannes:» Barmherziger Himmel, da hängt unser Bruder! Aber noch größer wurde der Schrecken, als der Gehenkte bey der bekannten Stimme seiner Schwester die Augenlieder aufschlug, Denn er lebte und die Augen fürchterlich drehte noch, und das Ebepaar, das vorüber gieng, war die Schwester und der Schwager. Der Schwager aber, der ein entschlossener Mann war, verlor die Befits nung nicht, sondern dachte in der Stille auf Rettung. Der Platz war entlegen, die Leute hatten sich verlau fen, und um Geld und gute Worte gewann er ein paar beherzte und vertraute Pursche, die nahmen den Gehenkten, mir nichts dir nichts, ab, als wenn sie das Recht dazu hätten, und brachten ibn glücklich und unbeschrieen in des Schwagers Haus. Dort ward er in wenig Stunden wieder zu sich gebracht, befam ein kleines Fieber, und wurde unter der lieben Pflege seiner getrösteten Schwester bald wieder völlig gesund. Eines Abends aber sagte der Schwager zu ihm: Schwager! ihr könnt nun in dem Land nicht bleiben. Wenn ihr entdeckt werdet, so könnt ihr noch einmel gehenkt werden, und ich dazu. Und, wenn auch nicht, so habt ihr ein Halsband an eurem Hals getragen, das für euch und euere Verwandten cin schlechter Staat war. Ihr müßt nach Amerika. Dort will ich für euch sorgen. Das sab der gute Jüngling 200 ein gieng bey der ersten Gelegenheit in ein vertrau tes Schiff, und kam nach 80 Tagen glücklich in dem Seehafen von Philadelphia an. Als er aber hier an einem landfremden Orte mit schwerem Herzen wieder an das Ufer stieg; und als er eben bei sich selber dachte: Wenn mir doch Gott auch nur einen einzigen Menschen entgegen führte, der mich fennt;" siche da kam in arm feliger Schiffskleidung der Condukteur. Aber so groß sonst die Freude des unverhoften Wiedersehens an einem folchen fremden Orte ist, so war doch bier der erste Willkomm schlechtigenug. Denn der Condukteur, als er seinen Mann erkannte, gieng er mit geballter Faust auf ihn los, Wo führt euch der Böse her, perdammter Nachtläufer? wißt ihr daß ich wegen euch bin gepreßt worden?" Der Engländer aber sagte: Goddam, ihr vermales Deiter Ueberall und Nirgends, wißt ihr daß man wegen euch mich gehenft bat?" hernach aber giengen sie mit einander ins Wirthshaus zu den 3 Eronen in Philadelphia, und erzählten sich ihr Schicksal. Und der junge Engländer, der in einem HandJungshaus gute Geschäfte machte, ruhte nachher nicht, bis er seinen guten Freund loskaufte und wieder nach London zurück schicken konnte. Der unschuldig Gehenkte. Folgende unglückliche Begebenheit hat sich auf dem Spessart zugetragen. Mehrere Knaben hüteten mit ein ander an einer Berghalte unten an dem Wald das Bieb ihrer Eltern oder Meister. In der Langweile trieben fie allerley, und ahmten unter einander, wie dieses Al 201 CC ter zu thun pflegt, die Handlungen und Geschäfte der crwachsenen Menschen spielend nach. Eines Tages sags te der Eine von ihnen:» Ich will der Dieb seyn,«- » So will ich das Ober- Amt seyn," sagte der Zweyte. Seyd ihr die Hatschiere," sagte er zum Dritten und Vierten, und du bist der Henker, sprach er zum Fünften. Gut! Der Dieb stielt einem seiner Kames raden heimlich ein Messer und fezt sich auf flüchtige Fuß; der Bestohlene klagt bey Obcramt; die Hatschiere strei fen im Revier, attrapieren den Dieb in einem hohlen Baum und liefern ihn ein. Der Richter verurtheilt ihn zum Tode. Unterdessen hört man im Wald einen Echuß fallen; Hundegebell erhebt sich. Man achter's nicht. Der Henker wirft dem Malefikanten kurz und gut einen Strick um den Hals und heukt ihn im Unvers stand und Leichtsinn an einen Aststumpen an einem Baumflamm, also daß er mit den Füßen nicht gar kann die Erde berühren, denkt, ein paar Augenblicke kann ers schon aushalten. Plöslich rauscht es im dürren Laub im Wald; es knackt und kracht im dichten Gehörst; ein schwarzer wilder Eber bricht zottig und blihend aus dem Wald hervor und läuft über den Richtplay. Die Hirtenbuben, denen es ohnehin halb zu Muth war, als ob es doch nicht ganz recht wäre, mit einer so ernsthaften und bedenklichen Sache Muthwillen zu treiben, erschre cken, meynen, es sey der böse Feind, vor dem uns Sott behüte, l laufen vor Angst davon, einer von ihnen ins Dorf, und erzählt, was geschehen sey.--Aber als man kam, um den Gehenkten abzulösen, war er erstickt und todt. Dies ist eine Warnung. Das Oberamt und die Hatschiere kamen nachher auf drey Wochen ins Zuchte haus, und der Heufer auf sechs. Das aver der Eber 202 - soll der schwarze Feind gewesen seyn, hat sich nicht bes stätigt. Denn er wurde von den nacheilenden Jägern erlegt und zum Forstamt geliefert; der Schwarze aber befindet sich noch am Leben. Der Rekrut. Zum schwäbischen Kreiscontingent fam im Jabr 1795. ein Rekrut, so ein schöner wohlgewachsener Mann Der Offizier fragte ihn, wie alt er sey. Der Rekrut antwortete:„ Ein und zwanzig Jahr. Ich bin ein ganzes Jahr lang frank gewesen, sonst wär ich zwey und zwanzig." ser Markt. In der großen Stadt London und rings um sie her giebt es außerordentlich viel gute Narren, die an ans derer Leute Geld oder Sackuhren oder kostbaren Fingerringen eine kindische Freude haben, und nicht ruhen, bis sie dieselben haben, Dieß bringen sie zuweg manch mal durch List und Betrug, noch öfter durch kühnen Angriff, manchmal am bellen lichten Tag und an der offenen Landstraße. Einem gerathet es, dem andern/ nicht. Der Kerkermeister zu London und der Scharf richter wissen davon zu erzählen. Eine seltsame Ge schichte begegnete aber eines Tags einem vornehmen und reichen Mann. Der König und viele andere große Herren und Frauen waren an einem schönen Sommer. rage in einem großen königlichen Garten versammelt, dessen lange gewundene Gånge sich in der Ferne in einem 2Bald verloren. Viele andere Personen waren auch 203 - zugegen, denen es nicht auf einen Gang und auf ein paar Stunden anfam, ihren geliebten König und seine Familie froh und glücklich zu sehen. Man aß und trank man spielte und tanzte; man gieng spazieren in den schönen Gängen und zwischen dem duftenden Rosenge büsch paarweise und allein wie es sich traf. Da stellte fich ein Mensch, wohl gekleidet, als wenn er auch das zu gehörte, mit einer Pistole unter dem Rock, in et, ner abgelegenen Gegend an einen Baum, wo der Garten an den Wald granzt, dachte es wird schon jemand kom. men. Wie gesagt, so geschehen, fommt ein Herr mit funkelndem Fingerring, mit flingenden Uhrenketten, mit diamantnen Schnallen, mit breitem Ordens- Band und goldnem Stern, will spazieren gehn im füblem Schatten, und denkt an nichts. Indem er an nichts denkt, kommt der Gefelle hinter dem Baum hervor, macht dem guten Herrn ein bescheidenes Compliment, zicht die Pistole zwischen dem Rock und Camisol beraus, richtet ihre Mündung auf des Herrn Brust, und bittet ihn höflich, keinen Lärm zu machen, es brauche niemand zu wissen, was sie mit einander zu reden haben. Man muß übel dran seyn, wenn man vor einer Pistole steht, weil man nicht weig, was drinn steckt. Der Herr dachte vernünftig:„ der Leib ist kostbarer als das Geld: lieber den Ring verloren, als den Finger; und versprach zu schweigen." Gnädiger Herr, fuhr jezt der Geselle fort: Waren euch cure zwey goldenen Uhren nicht feil für gute Bezahlung? Unser Schulmeister richtet die Uhr alle Tage anders, man weig nie wie man dran ist, und an der Sonnenuhr sind die Zahlen verwischt.ss Will der reiche Herr wohl oder übel, so muß er dem Has lunken die Uhren verkaufen für ein paar Stüber oder 99 204 etwas, so man kaum ein Schöplein dafür kann trinken. Und so handelt ihm der Spizbube Ring und Schnallen und Ordensstern und das goldene Herz, so er vorne auf der Brust im Hemd hatte, Stück für Stück ab um schlech tes Geld, und immer mit der Pistole in der linken Hand. Als endlich der Herr dachte:" Jezt bin ich absolvirt, Gottlob! fieng der Spitzbube von neuem an: Gnádi ger Herr, weil wir so gut miteinander zurecht kommen, wolltet ihr mir nicht auch von meinen Waaren etwas abhandeln?" der Herr denkt an das Sprichwort, daß man müsse zu einem bösen Markt ein gutes Gesicht machen, und sagt: Laßt sehen!" Da zog der Bursche allerley Kleinigkeiten aus der Tasche hervor, so er vom 3wev bazen Kramer gekauft, oder auch schon auf einer ungewischten Bank gefunden hatte, und der gute Herr mußte ihm alles abkaufen, Stück für Stück um theures Geld. Als endlich der Spizbube nicht mehr als die Pis stole übrig hatte, und sah, daß der Herr noch ein paar schöne Dublonen in dem grünen seidenen Geldbeutel hatte, sprach er noch:„ Gnådiger Herr, wolltet ihr mir für den Reſt, den ihr da in den Hånden habt, nicht die Pistole abkaufen? Sie ist vom besten Büchsenschmid in London, und zwey Dublonen unter Brüdern werth." Der Herr dachte in der Ueberraschung:» Du dummer Dieb!" und kauft die Pistole. Als er aber die Pistole gekauft hatte, kehrte er den Stiel um, und sprach: Run balt, sauberer Geselle, und geh augenblicklich vor. aus wohin ich dich heissen werde, oder ich schieße dich auf der Stelle todt. Der Spizbube aber nahm einen Sprung in den Wald, und sagte: Schießt berzbaft los, gnädiger Herr, fic ist nicht geladen. Der Herr drück te ab, und es gieng wirklich nicht los. Er ließ den 205 Ladstock in den Lauf fallen, und es war kein Körnlein Pulver darinn. Der Dich aber war unterdessen schon tief im Wald; und der vornehme Engländer gieng schams roth zurück, daß er sich also habe in Schrecken setzen lassen, und dachte an Vicles. Die Cometen. Der geneigte Leser ist nun bereits ein ganz ande rer Mann, als vor kurzer Zeit, und wenn jetzt einmal im wilden Mann oder in den drey Köni gen von den Planeten die Rede ist, und der Mars wird genannt, oder die Juno, oder der Ju piter, oder der Saturn, oder der Uranus, so kann er auch ein Wort mitsprechen bey seinem Schöps lein, und ist nicht schuldig zu gestehn, daß ers aus dem Hausfreund hat. Der Hausfreund verlangts nicht. Jegt kommen wir zu den Cometsternen. Von den Cometsternen wäre nun viel zu sagen, weil man nicht viel von ihnen weiß. Allein der Haus. freund hat nie damit umgehen können den Leuten eta was anzubinden, zum Erempel einen Båren, und will sich deswegen kurz-fassen, und alles in einer Predigt abthun, ob es gleich nicht nur eilf Cometsterne gibt, wie man nur von cilf Planeten weiß, sondern schon viel mehr als 400 seit undenklichen Seiten entdeckt und beobachtet worden sind. Ein solcher Cometstern ist nun allemal eine febr merkwürdige Erscheinung, wenn er so auf einmal unangemeldet und unbeschieden am Himmel sichtbar wird, und da steht, und sagt kein Wort, zumal ein solcher, 206 wie im Jahr 1680 der 4mal so groß schien als der Abendstern, oder 146 Jahr vor Christi Geburt, der größer soll ausgesehen haben, als die Sonne, oder im Jahr 1769, dessen Schweif durch den 4ten Theil des Himmels reichte, oder wenn gar zwey zugleich erschei nen, was auch schon geschehen ist. Es ist alsdann allemal, als wenn der liebe Gott einen Sternseher, ich will sagen, den rheinischen Hausfreund, also ans redete:„ Meinst du, daß du jetzt fertig seyst, und die Sterne des Himmels alle kennest? Sieh, da ist auch noch einer, den du noch nie gesehen hast, und wirst icht erst nicht wissen, was du daraus machen sollst.c Andere Leute aber schauen das Wundergestirn auch mit Begierde und Staunen an, und die Mutter zeigt es dem Kind, und sagt:" Sich, wie wunderbar die göttliche Allmacht ist!< Solche Cometsterne nun, sind einander nicht alle gleich, auch der nämliche, so lang man ihn beobach ten kann, verändert oft sein Aussehen, sie sind bald heller bald trüber, bald größer bald kleiner, rund uud eckig, nåher oder weiter von uns entfernt. Der Comet im Jahr 1770, war daheim 13mal größer als der Mond, ob man ihn gleich wegen der weiten Ent. fernung hier zu Land nicht dafür angesehen hat. Eis ner im J. 1680, war 160mal näher bey der Sonne, als die Erde bey ihr ist. Einer im J. 1770, war 7mal weiter von der Erde weg als der Mond. Ei. nige sind so weit entfernt, oder so klein, daß nur wir Sternseher und Kalendermacher mit unsern Perspek tiven sie entdecken können, andere kann man ohne Zweifel gar nicht sehen, weil sie zu weit entfernt sind, oder bey Tag am Himmel stehen. 207 - Die Cometsterne haben viel ähnliches mit den Pla. neten und drehen sich eben so wie sie um die Sonne herum. Aber sie sind auch wieder sehr von den Plas neten verschieden. Sie werden nur selten sichtbar fie haben keine so feste und kernhafte Masse als die Erde oder andere Planeten- sie sind mit einem schönen leuchtenden Schweif geziert. Sie bedeus ten ein großes Unglück. - Sage erstens, sie erscheinen viel seltener, als die Planeten, die alle Tage am Himmel auf und unters gehen, denn sie sind nicht immer so nabe bey der Sonne oder bey uns, wie die Planeten. Nein, sondern sie sind rechte Nachtläufer und scheuen sich nicht in die Fremde zu gehen, wie manches Mutterfind sich scheut. Wenn so ein Stern einmal um die Sonne herum ist, und hat sich an ihr erwärmt, und einen kraftigen Sommer gehabt, so zicht er in einer lan gen langen Linie hinweg und in seinen Winter bin aus, weiß niemand wohin. Wenn er alsdann 30 oder 100 oder viele hundert Jahre lang immer weiter und weiter hinweg gezogen ist, und es fällt ihm ein, so kehrt er wieder um, damit er sich wieder einmal an der lieben Sonne recht erwärmen kann, und braucht wieder eben so viel Zeit zu seiner Herreise, und ſel ten einer, der ihn zum erstenmal ge sehen bat, wartets aus bis er wieder kommt, sondern legt sich schla fen, und bekümmert sich nachher nichts mehr darum. Es ist aufgeschrieben, daß ein Comet im Jahr 1456, einer im Jahr 1531, einer im Jahr 1607, einer im Jahr 1682 gestanden sey. Weil nun immer von einer Seit zur andern ein Zwischenraum von ungefähr 76 Jahren etwas mehr oder weniger verstossen war, so 208 behauptete ein gelehrter Mann, Namens Hallen, es sen allemal der nämliche gewesen, und er mußte langftens bis Anno 1759 wieder kommen, was auch richtig geschehen ist, und so muß er ungefähr im Jahr 1830 ebenfalls wieder erscheinen. Der Hausfreund wills seinem Nachfolger überlassen, den geneigten Leser bis dorthin wieder daran zu erinnern. Eben so behaup tete einst ein anderer Gelehrter, der Cometstern von 1532 und 1661 sey der nehmliche, und müsse deshalb im Jahr 1790. wieder kommen, ist aber doch ausges blieben. Sage zweytens, der Cometstern hat keine so feste Masse, wie die Erde, oder ein anderer Planet. Eini, ge sehen aus, wie ein blosser Dunst, also, daß man durch sie hindurch die andern Sternlein will sehen kön nen, die hinter ihnen stehen. Andere sind zwar schon etwas dichter, haben aber doch das Ansehen, als wenn nicht alles daran recht an einander hienge, sondern viel leere Zwischenräume da wären. Einige Gelehrte wollen jedoch behaupten, daß ein solcher Comet auf seiner langen Reise, wenn ihm unterwegs kein Unglück begeg net, immer dichter werden, und zulezt die völlige Nas tur und Eigenschaft eines Planeten annehmen könne. Unsere Erde könne wohl auch einmal eine bloge Dunsifus gel von viel 1000 Meilen im Umfang gewesen seyn, hers nach sey sie immer wässeriger worden, dann habe sich das feste Land angesetzt, das Land und das Wasser habe sich geschieden, und sey zuletzt das draus worden, was jest ist. Aus Respekt vor der himmlischen Allmacht mischt sich der Hausfreund nicht in diesen Streit. Sage drittens, die Cometsterne sind mit einem schö nen leuchtenden Schweif geziert, aber nicht alle. Ei 209 aige zum Beyspiel haben rings um sich blos einen Straße lenschein, als wenn sie mit leuchtenden Haaren eingefaßt wären, wie in den großen Bibeln die Köpfe der heilis gen Evangelisten und Apostel aussehen, und Johannes des Täufers. Hat aber ein solcher Stern einen Schweif, 10 hat er allemal das Ansehen eines Dunstes, der von Strahlen erhellt ist. Man kann hinter ihm immer die Sterne sehen, an denen er vorben zicht, er ist immer. etwas gebogener, wird bald größer bald kleiner, bela ler und bleicher. Er ist nie auf der Seite des Cos meten, die gegen der Sonne steht, sondern allemat auf der entgegengesezten. Sonst weiß man noch nicht für gewiß, was es mit ihm für eine Bewandniß hat. Dem Hausfreund will manchmal vorkommen, es sey nur der Schein von Sonnenstrahlen die durch den dunftigen oder wässerigen Cometen bindurch fallen. Der geneigte Leser beliebe aber vorsichtig zu seyn, mit dies sem Geheimniß, denn es wissens noch nicht viel Leutea Sage viertens, der Comet bedeutet ein Unglück. Man darf sicher darauf rechnen, entweder es entstehe innerhalb Jahresfrist ein Krieg, oder ein Erdbeben, oder es gehen ganze Städte und Königreiche unter, oder es stirbt ein mächtiger Monarch, oder geschicht sonst etwas, woran niemand eine Freude haben kann. Dies ist aber nicht so zu verstehen, als wenn der Cos met das Unglück herbey zöge, oder deswegen erfchies ne, um wie ein Postreuter es anzuzeigen. Nein, der Comet weiß nichts von uns. Er kommt wenn seine Stunde da ist. Man kann ihn auf den andern Plas neten eben so gut sehen als auf der Erde. Wir aber da unten, mit unsern Leiden und Freuden, mit uns fern Herzen voll Furcht und Hoffnung, mit unsern Hebels Shaykäftlein. 14 210- Lustgarten und Kirchhöfen, find in Gottes Hand. Allein es geschieht auf dem weiten Erdenrund, irgend wo, diesseits oder jenseits des Meeres, alle Jahre so gewiß ein großes Unglück, daß diejenigen, welche aus einem Cometen Schlimmes prophezeihen, gewon nen Spiel haben, er mag kommen, wann er will. Gerade als wenn ein schlauer Gesell in einem großen Dorf oder Marktstecken in der Neujahrsnacht auf der Straße stünde und nach den Sternen schaute und sagte:„ Ich sahe kuriose Sachen da oben, dieses Jahr stirbt jemand im Dorf." Der geneigte Leser darf nur an die lezten 20 Jahre zurück denken, an die Revolutionen und Freiheitsbäume hin und wieder, an den plötzlichen Tod des Kaisers Leopolds, an das Ende des König Ludwigs des sechszehnten, an die Ers mordung des türkischen Kaisers, an die blutigen Kriege in Deutschland, in den Niederlanden, in der Schweiß, in Italien, in Polen, in Spanien, an die Schlach ten bey Austerlig und Eylau, bey Eßlingen und Wa gram, an das gelbe Fieber, an die Petechen und Vieh fenchen, an die Feuersbrünste in Koppenhagen, Stock holm und Konstantinopel, an die Zucker und Caffeetheurung, leider, wenn von 1789 bis 1810 alle Jahre cin anderer Comet, ja sechs auf einmal am Himmel erschienen wären, es wäre keiner von ihnen mit Schimpf bestanden. So viel von den Cometen. Die Sterne, welche nachtens sollen beschrieben werden, bedeuten insges sammt Frieden und Liebe und Gottes allmächtigen Sajuz. 211 Ter silberne Löffel. In Wien dachte ein Officier: Ich will doch auch einmal im rothen Ochsen zu Mittag essen, und geht in den rothen Ochsen. Da waren bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmäßige, ehrliche Leute und Spizbuben, wie überall. Man aß und trank, der eine viel, der andere wenig. Man sprach und disputirte von dem und jenem, zum Erem pel von dem Steinregen bey Stannern in Mähren, von dem Machin in Frankreich, der mit dem großen Wolf gekämpft hat. Das sind dem geneigten Leser bekannte Sachen, denn er erfährt durch den Hausfreund alles ein Jahr früher, als andere Leute. Als nun das Essen fast vorbey war, einer und der andere trank noch eine halbe Maaß Ungarwein zum Zuspizen, ein anderer drehte Kügelein aus weichem Brod, als wenn er ein Apotheker wår, und wollte Pillen machen, ein dritter spielte mit dem Messer oder mit der Gas bel, oder mit dem silbernen Löffel. Da sab der Of ficier von ungefähr zu, wie einer, in einem grünen Rocke, mit dem silbernen Löffel spielte, und wie ihm der Löffel auf einmal in den Rockermel hineinschlüpfte und nicht wieder beraus fam. Ein anderer båtte gedacht: was gehts mich an? und wäre still dazu gewesen, oder håtte großen Lermen angefangen. Der Officier dachte: Ich weiß nicht, wer der grüne Löffelschütz ist, und was es für ein Verdruß geben kann, und war mausstill, bis der Wirth kam und das Geld einzog. Als der Wirth kam und das Geld einzog, nahm der Officier auch enen silbernen Löffel und steckte ihn zwischen zwey Kusprächer im Rocke, zu einem hincin zu andern CC -- 212 دو Hinaus, wie es manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Löffel mitbringen, aber keine Suppe. Während dem der Officier feine Zeche bezahlte, und der Wirth schaute ihm auf den Rock, dachte er:„ Das ist ein furiofer Verdienstorden, den Der Herr da anhangen hat. Der muß sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervor gethan haben, daß er zum Ehrenzeichen einen filbernen Löffel bekommen hat, oder ists gar einer von meinen eigen- n?" Als aber der Officier dem Wirth die Zeche bezahlt hatte, fagte er mit ernsthafter Miene: Und der Löffel geht ja drein. Nicht wahr? Die Zeche ist theuer genug da zu. Der Wirth sagte:„ So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn ihr keinen Löffel daheim habt, so will ich euch einen Patent- Löffel schenken, aber meinen silbernen last mir da. Da stand der Officier auf, flopfte dem Wirth auf die Achsel und lächelte. Wir haben nur Spaß gemacht, sagte er, ich und der Herr dort in dem grünen Rocke. Gebt ihr euern Löffel wieder aus dem Ermel heraus, grü ner Herr, so will ich meinen auch wieder hergeben. Als der Löffelschuß merkie, daß er verrathen sey, und daß ein ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand ges sehen hatte, dachte er: Lieber Spaß als Ernst, und gab seinen Löffel ebenfalls her. Also kam der Wirth wieder zu seinem Eigenthum und der Löffel dieb lachte auch aber nicht lange. Denn als die andern Gåste das sahen, jagten sie den verrathenes Dieb mit Schimpf und Schande zum Tempel hinaus, und der Wirth schickte ihm den Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach. Den wackern Officier, aber bewirthete er noch mit einer Bouteille 213 voll Ungarwein auf das Wohlseyn aller ehrlichen Leute. Merke: Man muß keine silbernen Löffel stehlen. Merke: Das Recht findet seinen Knecht. Einträglicher Räthselhandel. Von Basel fuhren eilf Personen in einem Schiffe den Rhein hinab. Ein Jude, der nach Schalampi wollte, bekam die Erlaubnis, sich in einen Winkel zu setzen, und auch mitzufahren, wenn er sich gut aufführen, und dem Schiffer achtzehn Kreuzer Trinkgeld geben wolle. Nun klingelte es zwar, wenn der Jude an die Tasche schlug, allein es war doch nur noch ein Zwölffreuzerstück darin; denn das andere war ein messingener Knopf. Dessen ungeachtet nahm er die Erlaubniß dankbar an. Denn er dachte:„ Auf dem Wasser wird sich auch noch etwas erwerben las sen. Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden. Im Anfang und von dem Wirthshaus zum Kopf weg war man sehr gesprächig und lustig, und der Jude in seinem Winkel, und mit seinem Zwerchsack an der Achsel, den er ja nicht ablegte, mußte viel leiden, wie mans manchmal diesen Leuten macht und versündigte sich daran. Als sie aber schon weit an Huningen und an der Schuster Insel vorbey waren, und an Märkt und an den Jfteiner Kloß und St. Veit vorbey, wurde einer nach dem andern stille und gähnten und schauten den langen Rhein hinun. ter, bis wieder einer anfieng: Mausche, fieng er an, weißt du nichts, daß uns die Zeit vergeht. Deine Båter musen doch auch auf allerley gedacht haben in сс 214 - der langen Wüste." Jezt, dachte der Jude, ist es Zeit das Schäffein zu scheeren, und schlug vor, man sollte sich in der Reihe herum allerley kuriose Fragen vorlegen, und er wolle mit Erlaubniß auch mit halten. Wer sie nicht beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwölffreuzerstück bezahlen, wer fie gut beantwortet, soll einen Zwölfer bekommen. Das war der ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an dem Wiß des Juden zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag hinein, was ihm einfiel. So fragte z. B. der Erste: Wie viel weichgefottene Eyer konnte der Riese Goliath nuchtern essen? Alle sagten, das sey nicht zu errathen und bezahlten ihre Zwölfer. Aber der Jud sagte:„ Eins, denn wer Ein Ev gegessen hat, ist das Zweyte nimmer nüchtern. Der Zwölfer war gewonnen. - وو Der Andere dachte: Wart Jude, ich will dich aus dem Neuen Testament fragen, so soll mir dein 3wölfer nicht entgehen. Warum hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Corinther geschries ben? Der Jud sagte:„ Er wird nicht bey ihnen gewesen seyn, sonst hátt ers ihnen mündlich sagen können." Wieder ein Zwölfer. Als der Dritte fab, daß der Jude in der Bibel so gut beschlagen sey, fieng ers auf eine andere Art an: Wer zieht sein Geschäft in die Länge, und wird doch zu rechter Zeit fertig? Der Jud sagte: Der Seiler, wenn er fleißig ist. Der Vierte. Wer bekommt noch Geld dazu, und läßt sich dafür bezahlen, wenn er den Leuten ctwas weiß macht? Der Jud sagte: Der Bleicher 215 Unterdessen nåberte man sich einem Dorf, und. einer sagte: das ist Bamlach. Da fragte der Fünf te: In welchem Monat essen die Bamlacher am wenigsten?" Der Jud sagte:" Im Hornung, denn der hat nur 28 Tage." Der Sechste sagt:„ Es sind zwey leibliche Bru der, und doch ist nur einer davon mein Vetter." Der Jud fagte; Der Vetter ift cures Vaters Bruder. Euer Vater ist nicht euer Vetter. Ein Fisch schnellte in die Höhe, so fragt der sies bente: Welche Fische haben die Augen am nächsten beysammen?" Der Jud sagte: Die Kleinsten. כל Der Achte fragt: Wie kann einer zur Sommerszeit im Schatten von Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so beiß scheint?" Der Jud sagt: Wo kein Schatten ist, muß er absteigen und zu Fuße gehn. Fragt der Neunte:„ Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet, und hat die Handschuhe vergessen, wie muß ers angreifen, daß es ihn nicht an die Hand friert?" Der Jud sagt: Er muß aus der Hand eine Faust machen. Fragt der Zehnte:„ Warum schlüpfet der Küfer in die Fässer?" Der Jud sagt: Wenn die Fas ser Thüren hätten, könnte er aufrecht hineingehen. te: Nun war noch der Eilfte übrig. Dieser frag Wie können fünf Personen fünf Eyer theilen, also daß jeder eins bekomme, und doch eins in der Schüssel bleibe?" Der Jude sagte: Der Lezte mug die Schüssel fammt dem Ey nehmen, dann kann er es darin liegen lassen, so lang, er will. Jht war die Reihe an ihm selber, und nun dachte 216 er erst einen guten Fang zu machen. Mit viel Complimenten und spizbůbischer Freundlichkeit fragte er: Wie kann man zwey Forellen in drey Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne Eine Forelle liege. Das brachte abermal keiner heraus und einer nach dem andern gab dem Hebräer seinen Zwölfer. Der Hausfreund hätte das Herz allen seinen Le fern, von Mayland bis nach Koppenhagen die namliche Frage aufzugeben, und wollte ein hübsches Stück Geld daran verdienen, mehr als am Kalender, der ihm nicht viel einträgt. Denn als die Eilfe verlang ten, er sollte ihnen für ihr Geld das Räthsel auch auflösen, wand er sich lange bedenklich hin und her, zuckte die Achsel, drehte die Augen.„ Ich bin ein armer Jud," sagte er endlich. Die Andern fagten: Was sollen diese Präambeln? Heraus mit dem Rathsel! Nichts für ungut!- war die Antwort, daß ich gar cin armer Júd bin.-- Endlich nach vielem Zureden, daß er die Auflösung nur herans sagen foure, sie wollten ihm nichts daran übel nehmen, griff er in die Tasche, nahm einen von seinen gewonnenen Zwölfern heraus, legte ihn auf das Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: Daß ichs auch nicht weiß. Hier ist mein 3wölfer!" Als das die andern hörten, machten sie zwar große Augen, und meinten, so feys nicht gewettet. Weil sie aber doch das Lachen selber nicht verbeißen konn ten, und waren reiche und gute Leute, und der hebräis che Reisegefährte hatte ihnen von Kleinen Kems bis nach Schalampi die Zeit verkürzt, so ließen sie es gelten, und der Jud hat aus dem Schiff getragen das soll mir ein fleißiger Schüler im Kopf ausrech 217 nen: Wie viel Gulden und Kreutzer hat der Jud ans dem Schiff getragen. Einen Zwölfer und einen mesin genen Knopf batte er schon. Eilf Zwölfer bat er mit Errathen gewonnen, eilf mit seinem eigenen Rathsel, einen hat er zurück bezahlt, und dem Schiffer 18 Kreuzer Trinkgeld entrichtet, Des Seilers Antwort. In Donauwerth wurde zu seiner Zeit ein Roßdieb gehenkt, und der Hausfreund hat schon manch mal gedacht: Wer heut an den Galgen, oder heut zu Tag ins Zuchthaus will, wozu braucht der ein Roß zu stehlen? Kommt man nicht zu Fuß früh genug? Der Donauwerther hat auch geglaubt, der Galgen Taufe ihm davon, wenn er nicht reite, und ist das Roß einem ungeschickten Dieb in die Hände gefallen, so fiel der Dieb einem ungeschickten Henkersnecht in die Hände. Denn als ihm dieser das hanfene Halsband hatte angelegt, und stieß ihn von der Leiter vom Seigel herunter, so zuckte er noch lange mit den Au gen hin und her, als wenn er sich noch ein Röslein aussuchen wollte in der Menge. Denn unter den Zuschauern waren viele zu Pferd und auf Leiterwägen und dachten: Man siehts besser. Als aber das Volk anfieng, laut zu murren, und der ungeschickte Hen fer wußte sich nicht zu helfen, so warf er sich ends lich in der Angst an den Gehenkten bin, umfaßte ihn mit beiden Armen, als wenn er wollte von ihm Aba schied nehmen, und zog mit aller Kraft, damit die Schlinge fest zusammen gehen, und ihm den Athem tödten sollte. Da brach der Str. catzwei, und fics 218 Ten beide miteinander, auf die Erde hinab, als wenn fie nie waren droben gewesen. Der Misetbáter lebte noch und sein Advokat hat ihn nachher gerettet. Denn er sagte: ,, der Malefikant bat nur Ein Roß gestos Yen, nicht zwey, so hat er auch nur Einen Strick verdient," und hat hinten dran viel lateinische Buchflaben und Zahlen gesetzt, wie sie's machen. Der Hen ker aber, als er Nachmittags den Seiler sah, fuhr ihn ungeberdig an: Ist das auch ein Strick gewes sen? sagte er; man hätte euch selber dran benken sollen." Der Seiler aber wußte zu antworten: ,, Es hat mir niemand gesagt, sagte der Seiler, daß er zwei Schelmen tragen soll. Für einen war er stark genug, du oder der Roßdieb." Der geheilte Patient. Reiche Leute haben troß ihrer gelben Vögel doch manchmal auch allerlei Lasten nnd Krankheiten auszus steben, von denen Gottlob der arme Mann nichts weiß, denn es giebt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern, und in den weichen Sesseln und seidenen Bettern, wie jener reiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den gans zen Vormittag saß er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zutrage war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, aß aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: Windet's draußen, oder schnauft der Nachbar so? Den ganzen Nachmit tag aß und trank er ebenfalls bald etwas Kaltes bald ets was Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter langer Weile bis an den Abend, also, daß man bei ihm nie 219 recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhörte und wo das Nachtessen anfieng. Nach dem Nachtesen legte er sich ins Bett, und war so müd, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen, oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war, wie ein Maltersack. Essen und Schlaf wollte ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht frank; wenn man aber ihn selber hörte, so batte er 365 Kranfheiten, nämlich alle Tage eine andere. Alle Aerzte, die in Amsterdam sind, mußten ihm rathen. Er verschluckte ganze Feuereymer voll Mixturen, und ganze Schaufeln voll Pulver, und Pillen wie Enten- Eyer so groß, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke. Aber alle Arzneyen halfen ihn nichts, denn er folgte nicht, was ihm die Aerzte befablen, sondern sagte: Fouder, wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich foll leben, wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen für mein Geld? Endlich hörte er von einem Arzt, der 100 Stund weit wegwohnte, der sei so geschickt, daß die Kranken gesund werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem Weg, wo er sich sehen lasse. Zu dem Arzt faßte der Mann ein Zutrauen, und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald was ihm fehle, nämlich nicht Arzney, sondern Mäßigkeit und Bewegung und sagte: Wart dich will ich bald kurirt haben. Deswegen schrieb er ihm ein Brieffein folgenden Inhalts: ,, Guter Freund, ihr habt einen schlimmen Umstand, doch wird euch zu helfen seyn, wenn ihr folgen wollt. Jbr babt ein bös Thier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben Mäutern. Mit dem Bindwurm muß ich selber reden, und ihr müst 220 zu mir fommen. Aber fürs erste so dürft ihr nicht fahren oder auf dem Rößlein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst schüttelt ihr den Lindwurm und er beißt euch die Eingeweide ab, sieben Dår me auf einmal ganz entzwei. Fürs andere dürft ihr nicht mehr essen, als zweimal des Tages einen Teller voll Gemüß, Mittags ein Bratwürftlein dazu, und Nachts cin Ey, und am Morgen ein Fleischsupplein mit SchnittJauch drauf. Was ihr mehr esset, davon wird nun der Lindwurm größer, also daß er euch die Leber erdrückt, und der Schneider hat euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Dieß ist mein Rath, und wenn ihr mir nicht folgt, so hört ihr im andern Frühjahr den Gufuk nimmer schreyen. Thut was ihr wollt!" Als der Patient so mit ihm reden hörte, ließ er sich sogleich den andern Morgen die Stiefel salben und machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag gieng es so langsam, daß wohl eine Schnecke håtte können sein Vorreiter seyn, und wer in grüßte, dem dankte er nicht, und wo ein Würmlein auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vo gel schon lange nimmer so lieblich gesungen hatten wie heut, und der Thau schien ihm so frisch und die Kornrosen im Feld so roth, und alle Leute die ihm begegne ten saben so freundlich aus, und er auch, und alle Morgen, wenn er aus der Herberge aus gieng, wars schound er gieng leichter und munterer dahin, und als er am 18ten Tage in der Stadt des Arztes ankam, und den andern Morgen aufstand, war es ihni so wohl, daß er sagte: Ich hatte zu feiner ungeschicktern Zeit können gesund werden als jetzt, wo ich zum Doctor soll. 221 Wenn's mir doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief mir." Als er zum Doctor kam, nahm ihn der Doctor bei der Hand, und sagte ihm: Jezt erzählt mir denn noch einmal von Grund aus, was euch fehlt. Da sagte er: Herr Doctor, mir fehlt Gottlob nichts, und wenn ihr so gesund seid wie ich, so solls mich freuen. Der Doctor sagte: ,, Das hat euch ein guter Ceist gerathen, daß ihr meinem Nath ges folgt habt. Der Lindwurm ist jezt abgestanden. Aber ihr habt noch Eyer im Leib, deßwegen müßt ihr wieder zu Fuß heimgehen, und daheim fleißig Holz sägen, daß niemand sieht, und nicht mehr essen, als euch der Huns ger ermahnt, damit die Ever nicht ausschlupfen, so könnt ihr ein alter Mann werden," und lächelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: Herr Doctor, ihr seid ein feiner Kauß, und ich versteh euch wohl, und hat nachher dem Nath gefolgt, und 87 Jahre, 4 Mos nate 10 Tage gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt 20 Dublonen zum Gruß geschickt. Wie der BundelFrieder und sein Bruder dem rothen Dieter abermal einen Streich spielen. Als der ZundelHeiner und der Zundel Frieder wies der aus dem Thurm kamen, sprach der Heiner zum Frieder: Bruder wir wollen doch den rothen Dieter besuchen, sonst meint er, wir fizen ewig in dem kals ten Hundsstall beym Herr Vater auf der Heerberge. Wir wollen ihm einen Streich spielen sagte der Fries der zum Heiner, ob ers merkt, daß wir es sind." Also empfieng der Dieter ein Brießtein ohne Unterschrift: دو 222 Rother Dieter, send heute Nacht auf eurer Hut, „ denn es haben zwei Diebsgesellen eine Wette gethan: „ einer will eurer Frau das Leintuch unter dem Leibe " weg bolen, und ihr sollt es nicht hindern können." Der Dieter sagte:„ Das sind zwei rechte Spizbuben » aneinander. Der eine wettet, er wolle das Leintuch holen, und der andere macht einen Bericht, damit sein Kamerad die Wette nicht gewinnt. Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß der Heiner und der Frieder. sim Zuchthaus fizen, so wollt ich glauben, sie sevens." In der Nacht schlichen die Schelme durch das HanfFeld heran. Der Heiner stellte eine Leiter ans Fenster, also daß der rothe Dieter es wohl hören konnte, und steigt hinauf, schiebt aber einen ausgestopften Strohmann vor sich her, der aussah, wie ein Mensch. Als inwendig der rothe Dieter die Leiter anstellen, hörte, stand er leise auf, und stellte sich mit einem dicken Bengel neben das Fenster, denn das sind die besten Pistolen, sagte er zu seiner Frau, sie sind immer geladen; und als er den Kopf des Strohmanns herauf wackeln sah, und meinte der sey es, riß er schnell das Fenster auf, und verseste ihm einen Schlag auf den Kopf aus aller Kraft, also daß der Heiner den Strohmann fallen lies und einen lauten Schrei that. Der Frieder aber stand unterdessen mausstill hinter einem Pfosten vor der Hausthüre. Als aber der rothe Dieter den Schrei hörte, und es war alles auf einmal still, sagte er: Frau, es ist mir, die Sa= che sey nicht gut, ich will doch hinunter gehen und schauen, wie es aussieht. Indem er zur Hausthüre hinaus geht, schleicht der Frieder, der hinter dem Pfosten war, hinein, kommt bis vor das Bett, nimmt - 223 - wieder, wie in der vorigen Erzählung, als sie das Säulein stahlen, des rothen Dieters Stimme ani, und es ist wieder eben so wahr. Frau, sagte er mit ängstlicher Stimme, der Kerl ist maustodt, und denk nur, es ist des Schultheißen Sohn. Jezt gib mir geschwind das Leintuch, so will ich ihn darin forttragen in den Wald, und will ihn dort einschar ren, sonst gehts zu bösen Häusern". Die Frau erschrickt, richtet sich auf, und gibt ihm das Leintuch. Kaum war er fort, so kommt der rechte Dieter wieder und sagt ganz getröstet: Frau, es ist nur ein dummer Bubenstreich gewesen, und der Dieb ist von Stroh. Als aber die Frau ihn fragte, wo hast du denn das Leintuch, und lag auf dem bloßen Spreuers fack, da giengen dem Dicter erst die Augen auf, und sagte: ihr vermaledeiten Spizbuben! Jezt ists doch der Frieder gewesen und der Heiner, und kein anderer. Aber auf dem Heimweg sagte der Frieder zum Heiner. Aber jetzt Bruder, wollen wirs bleiben las fen. Denn im Zuchthaus ist doch auch alles schlecht, was man bekommt, ausgenommen die Prügel, und zum Fensterlein hinaus auf der Landstraße bat man etwas vor den Augen, das auch nicht aussieht, als wenn man gern dran hängen möchte. Also wurde auch der Frieder wieder ehrlich. Aber der Heiner fagte: Ich gebs noch nicht auf. Der kluge Sultan. Zu dem Großsultan der Türken, als er eben an einem greitag in die Kirche gehen wollte, trat ein ar 224 mer Mann von seinen Unterthanen mit schmutzigens Bart, zerfestem Rock und durchlöcherten Pantoffeln, schlug ehrerbietig und kreuzweise die Arme übereinan der und sagte:„ Glaubst du auch, großmächtiger Sultan, was der heilige Prophet fage?" Der Suis tan, so ein gütiger Herr war, sagte: Ja ich glaus be, was der Prophet sagt." Der arme Mann fubr fort:„ Der Prophet sagt im Alforan: Alle Musel månner( das heißt, alle Mahomedaner) sind Brüder. Herr Bruder, so sey so gut, und theile mit mir das Erbe." Dazu lächelte der Kaiser und dachte: das ist eine neue Art ein Allmosen zu betteln, und gibe ihm einen Löwenthaler. Der Türke beschaut das Geldstück lang auf der einen Seite und auf der ans dern Seite. Am Ende schüttelt er den Kopf, und fagt: Herr Bruder, wie komme ich zu einem schás bigen Löwenthaler, so du doch mehr Silber und Gold hast, als 100 Maulesel tragen können, und meinen Kindern daheim werden vor Hunger die Någel blau, und mir wird nächstens der Mund ganz zusammen wachsen. Heißt das getheilt mit einem Bruder?<< Der gütige Sultan aber hob warnend den Finger in die Höbe, und sagte:„ Herr Bruder, sei zufrieden, und sage ja niemand, wie viel ich dir gegeben habe, denn unsere Familie ist groß, und wenn unsere ans dern Brüder alle auch kommen, und verlangen ihr Erbtheil von mir, so wirds nicht reichen, und du must noch herausgeben." Das begriff der Herr Brus der, gieng zum Beckermeister Abu Tlengi, und kaufte ein Laiblein Brod für seine Kinder, der Kaiser aber begab sich in die Kirche, und verrichtetes sein Gebet. Сс 225 Wie man aus Barmherzigkeit rasirt wird. In eine Barbierstube kommt ein armer Mann mit einem starken schwarzen Bart, und statt eines Stück lein Brodes bittet er, der Meister soll so gut seyn, und ihm den Bart abnehmen um Gotteswillen, daß er doch auch wieder aussehe wie ein Christ. Der Meister nimmt das schlechteste Messer, wo er hat, denn er dachte: Was soll ich ein gutes daran stumpf hacken für nichts und wieder nichts? Während er an dem armen Tropfen hackt und schabt, und er darf nichts sagen, weils ihm der Schinder umsonst thut, heult der Hund auf dem Hof. Der Meister sagt: Was fehlt dem Mopper, daß er so winselt und heult. Der Christoph sagt: ich weiß nicht. Der Hans Fries der sagt: ich weiß auch nicht. Der arme Mann un ter dem Messer aber sagt:„ Er wird vermuthlich auch um Gotteswillen barbirt, wie ich." Der Zirkelschmidt. In einer schwäbischen Reichsstadt galt zu seiner Zeit ein Gesetz, daß, wer sich an einem verheiratheten Mann vergreift, und gibt ihm eine Ohrfeige, der muß s Gulden Buße bezahlen, und kommt 24 Stunden lang in den Thurm. Deswegen dachte am Andreastag ein verarmter Zirkelschmidt im Vorstadtlein: Ich kann doch auf meinen Namenstag ein gue tes Mitt gessen im goldenen Lamm bekommen, wenn ich schon keinen rothen Heller hier und daheim babe, und seit 2 Jahren nimmer weiß, ob die bayrischen Thaler rund oder eckig sind. Darauf hin läßt er sich vom Lammwirth ein gutes Essen auftragen, und trinke gutes Eſſen auftrag 15 Sebels Schagfäßtteln. 226 viel Wein dazu, also, daß die Zeche zwei Gulden fünfzehn Kreuzer ausmachte, was damals auch für einen wohlhabenden Zirkelschmidt schon viel war. Jest dachte er, will ich den Lammwirth zornig má chen und in Jast bringen.„ Das war ein schlechtes Essen, Herr Lammwirth, sagte er, für ein so schö nes Geld. Es wundert mich, daß ihr nicht schon lang ein reicher Mann seyd, wovon ich doch noch nichts habe rühmen hören." Der Wirth, so ein Ehrenmann war, antwortete auch nicht glimpflich, wie es ihm der Zorn cingab, und es hatte ihm schon ein paar mal im Arme gejukt. Als aber der Zirkelschmidt zu. letzt fagte:„ Es soll mir eine Warnung seyn, denn ich habe mein Lebenlang gehört, daß man in den schlechtesten Kneipen, wie euer Haus eine ist, am theuersten gehalten wird. Da gab ihm der Wirth eine entsetzliche Obrfeige, die zwei Dukaten unter Brüdern werth war, und sagte, er soll jetzt sogleich seine Zeche bezahlen, oder ich lasse euch durch die Knechte bis in die Vorstadt hinaus prügeln. Der Zirkelschmidt aber lächelte, und sagte:„ Es ist nur mein Spaß gewesen, Herr Lammwirth, und cuer Mittagessen war recht gut. Gebt mir nun für die Ohrfeige, die ich von euch baar erhalten habe zwei Gulden fünf und vierzig Kreuzer auf mein Mittagessen heraus, so will ich euch nicht verklagen. Es ist besser wir les ben im Frieden mit einander als in Feindschaft. Hat nicht eure felige Frau meiner Schwester Tochter ein Kind aus der Taufe geboben?! Zu diesen Wor ten machte der Lammwirth ein paar curiose Augen, denn er war sonst ein gar unbescholtener und dabei wohlhabender Mann, und wollte lieber viel Geld ver- 227 fieren, als wegen eines Frevels von der Obrigkeit fich strafen lassen, und nur eine Stunde des Thurms büters Hausmann seyn. Deswegen dachte er: zwei Gulden und fünfzehn Kreuzer hat mir der Halunke schon mit Essen und Trinken abverdient; besser, ich gebe ihm noch zwei Gulden fünf und vierzig Kreuzer drauf, als daß ich das Ganze noch einmal bezahlen muß, und werde beschimpft dazu. Also gav er ihm die 2 fl. 45 fr., sagte aber: Jekt komm mir nima mer ins Haus!<< Drauf sagte man, habe es der Zirkelschmid in andern Wirthshäusern versucht, und die Ohrfeigen seyen noch ein oder zwei mal al pari gestanden, wie die Kaufleute sagen, wenn ein Wechsel Brief so viel gilt, als das baare Geld, wofür er verschrieben ist. Drauf seyen sie schnell auf so Procent berunter ges sunken, und am Ende, wie die Assignaten in der Res volution so unwerth worden, daß man jetzt wieder durch das ganze Schwabenland hinaus bis an die bayrische Grenze so viele unentgeltlich ausgeben und wieder einnehmen kann, als man ertragen mag. Heimliche Enthauptung. Hat der Scharfrichter von Landau früh den 17. Juni seiner Zeit die sechste Bitte des Vater unsers mit Andacht gebetet, so weiß ichs nicht. Hat er sie nicht gebetet, so kam ein Briefein von Nanzig am geschicktesten Tag. In dem Brieftein stand geschries ben.„ Nachrichter von Landau! Ihr sollt unverzüg lich nach Nanzig kommen, und euer großes Nichtschwerdt mitbringen. Was ihr zu thun habt, wird Сс 228 man euch sagen und wohl bezahlen." Eine Kuts sche zur Reise stand auch schon vor der Hausthüre. Der Scharfrichter dachte:„ das ist meines Amts, und setzte sich in die Kutsche. Als er noch eine Stun de herwärts Nanzig war, es war schon Abend, und die Sonne gieng in blutrothen Wolken unter, und der Kutscher hielt stille und sagte: Wir bekommen morgen wieder schön Wetter, da standen auf einmal drei starke, bewaffnete Männer an der Straße, die segten sich auch zu dem Scharfrichter, und verspra chen ihm, daß ihm kein Leids widerfahren sollte, aber die Augen müßt ihr euch zubinden lassen; und als sie ihm die Augen zugebunden hatten, sagten sie: " Schwager fahr zu. Der Schwager fuhr fort, und es war dem Scharfrichter, als wenn er noch gute zwölf Stunden weiter wäre geführt worden, und konnte nicht wissen wo er war. Er hörte die Nachteulen der Mitternacht; er hörte die Hähne rufen; er hörte die Morgenglocken läuten. Auf einmal hielt die Kutsche wieder still. Man führte ihn in ein Haus und gab ihm eins zu trinken, und einen guten Wurstwecken dazu. Als er sich mit Speise und Trank ges Speise und Trank ges stärkt hatte, führte man ihn weiter im nämlichen Haus, Thür ein und aus, Treppe auf und ab, und als man ihm die Binde abnahm, befand er sich in einem großen Saal. Der Saal war zwar ringsum mit schwarzen Tüchern behängt, und auf den Tischen brannten Wachskerzen. In der Mitte saß auf einem Stuhl eine Person mit entblößtem Hals und mit einer Larve vor dem Gesicht, und muß etwas in dem Mund ges habt haben, denn sie konnte nicht reden, sondern nur schluchzen. Aber an den Wänden standen mehrere Предмет 229 Herren in schwarzen Kleidern und mit schwarzem Flor vor den Angesichtern, also daß der Scharfrichter feis nen von ihnen gekannt hatte, wenn er ihm in der ans dern Stunde wieder begegnet wäre, und einer von ihnen überreichte ihm sein Schwerd mit dem Befehl, dieser Person, die auf dem Stühlein saß, den Kopf abzubauen. Da wards dem armen Scharfrichter, als wenn er auf einmal im cisfalten Wasser stunde bis übers Herz, und sagte, das soll man ihm nicht übel nehmen. Sein Schwerd, das dem Dienst der Gerechtigkeit gewidmet sey, könne er mit einer Mord that nicht entheiligen. Allein einer von den Herren hob ihm aus der Ferne eine Pistole entgegen, und gen, und fagte:„ Entweder, Oder! Wenn ihr nicht thut was man euch heißt, so seht ihr den Kirchthurm von Lans dau nimmermehr." Da dachte der Scharfrichter an Frau und Kinder daheim, und wenns nicht anders seyn kann, sagte er, und ich vergieße unschuldiges Blut, so komme es auf euer Haupt, und schlug mit einem Hieb der armen Person den Kopf vom Leibe weg. Nach der That, so gab ihm einer von den Herrn einen Geldbeutel, worin zwei hundert Dublonen waren. Man band ihm die Augen wieder zu, und führte ihn in die nämliche Kutsche zurück. Die nemlichen Personen begleiteten ihn wieder, die ihn gebracht hat. ten. Und als endlich die Kutsche stille hielt, und er bekam die Erlaubniß auszusteigen, und die Binde von den Augen abzulösen, stand er wieder, wo die drei Månn er zu ihm eingesessen waren, eine Stunde herwärts Nanzig auf der Straße nach Landau, und es war Nacht. Die Kutsche aber fubr eiligs wieder zurück.) 239 Das ist dem Scharfrichter von Landau begegnet, und es wäre dem Hausfreund leid, wenn er sagen konnte, wer die arme Seele war, die auf einem so blutigen Weg in die Ewigkeit hat gehen müssen. Nein, es hat niemand erfahren wer sie war, und was sie gesündiget hat, und niemand weiß das Grab. Der Staar von Segringen. Selbst einem Staaren kann es nüßlich seyn, wenn er etwas gelernt hat, wie viel mehr einem Mens schen.— In einem respectabeln Dorf, ich will sa gen, in Segringen, es ist aber nicht dort geschehen, sondern hier im Land, und derjenige dem es begeg net ist, liest es vielleicht in diesem Augenblick, nicht der Staar, aber der Mensch. In Segringen der Barbier hatte einen Staar, und der wohlbekannte Lebrijung gab ihm Unterricht im Sprechen. Der Staar lernte nicht nur alle Wörter, die ihm sein Sprachmeister aufgab, sondern er ahmte zuletzt auch selber nach, was er von seinem Herrn hörte, zum Exempel: Ich bin der Barbier von Segringen. Sein Herr hatte sonst noch allerley Redensarten an sich, die er bei jeder Gelegenheit wiederholte, zum Erempel: So, so, la, la; oder: par Compagnie,( das heißt so viel als: in Gesellschaft mit andern); oder: wie Gott will; oder: du Dolpatsch. So titulirte er nämlich insgemein den Lehriungen, wenn er das halbe Pflaster auf den Tisch strich, anstatt aufs Tuch, oder wenn er das Scheermesser am Rücken abzog, anstatt an der Schneide, oder wenn er ein Arzneiglas zerbrach. Alle diese Re - 23I densarten lernte nach und nach der Staar auch. Da nun täglich viel Leute im Haus waren, weil der Barbier auch Branntwein ausschenkte, so gabs manchmal viel zu lachen, wenn die Gäste mit einander ein Ges spräch führten, und der Staar warf auch eins von seinen Wörtern drein, das sich dazu schickte, als wenn er den Verstand davon båtte, und manchmal, wenn ihm der Lehrjung rief: Hansel, was machst du? antwortete er: u Dolpatsch! und alle Leute in der Nachbarschaft wußten von dem Hansel zu erzäh len. Eines Tages aber, als ihm die beschnittenen Flügel wieder gewachsen waren, und das Fenster war offen, und das Wetter schön, da dachte der Staar: Ich hab jest schon so viel gelernt, daß ich in der Welt kann fortkommen, und busch zum Fenster bin aus. Weg war er. Sein erster Flug gieng ins Feld, wo er fich unter eine Gesellschaft anderer Bogel mischte, und als sie aufflogen, flog er mit ihnen, denn er dachte: Sie wissen die Gelegenheit hier zu Land bes ser als ich. Aber sie flogen unglücklicher Weise alle miteinander in ein Garn. Der Staar sagte: Wie Gott will. Als der Vogelsteller kommt, und sieht was er für einen großen Fang gethan hat, nimmt er einen Vogel nach dem andern behutsam heraus, dreht ihm den Hals um und wirft ihn auf den Boden. Als er aber die mörderischen Finger wieder nach einem Gefangenen ausstreckte, und denkt an nichts, schrie der Gefangene:„ Ich bin der Barbier von Segringen. Als wenn er wüßte, was ihn retten muß. Der Bogelsteller erschrak anfänglich, als wenn es hier nicht mit rechten Dingen zugienge, nachher aber, als er sich erholt hatte, konnte er kaum 232 vor Lachen zu Athem fommen; und als er fagte: Ev Hansel, hier hått ich dich nicht gesucht, wie kommst du in meine Schlinge? brachte der Vogelsſteller den da antwortete da antwortete der Hansel: Also par Compagnie. Also Staar feinem Herrn wieder, und bekam ein gutes Fanggeld. Der Barbier aber erwarb sich damit ei. nen guten Zuspruch, denn jeder wollte den merkwür digen Hansel sehen, und wer jetzt noch weit und breit in der Gegend will zur Ader lassen, geht zum Balbierer von Ségringen. Merke: So etwas paffirt einem Staaren selten. Aber schon mancher junge Mensch, der auch lieber berumflankiren, als daheim bleiben wollte, ist ebenfalls par Compagnie in die Schlinge gerathen, und nimmer heraus kommen. Wie man in den Wald schreit, also schreit es daraus. Ein Mann, der etwas gleich sah, aber nicht viel Komplimente machte, kommt in ein Wirthshaus. Alle Gäste die da waren, zogen höflich den Hut oder die Kappe vor ihm ab, bis auf einen, der ihn nicht kommen sab, weil er gerade die Stiche zählte, die er im Mariaschen von seinem Nachbar gewonnen hatte. Und als er eben das HerzAß durch die Finger schob und sagte: zwey und fünfzig und eilf sind drei und sechzig, und bemerkte immer den Fremden noch nicht, der etwas gleich sah, fragte ihn der Fremde:„ Herr, für was sehet ihr mich an?" Der Gast sagte:„ Für einen bonetten Mann; was weiß ich von Euch?" Der Fremde sagte; das dank euch ein anderer." " 233 Da stand der Gast vom Spieltisch auf und fragte: für was sieht denn der Herr mich an?" Der Fremde fagte: für einen Flegel." Darauf fagte der Gast: „ das danke dem Herrn auch ein anderer. Ich mer ke, daß wir einander beide für den Unrechten angesehen haben." Als aber die andern Gåste merkten, daß doch auch in einem feinen Rock ein grober Mensch stecken könne, setzten sie alle die Hüte wieder auf, und der Fremde konnte nichts machen, als ein andermal manierlicher seyn. Die falsche Sch& hung. Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glück, wenigstens von ihren Bedienten die Wahrheit zu hören, die ihnen nicht leicht ein anderer sagt. Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinch Werth, und nicht wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete, als er sich eben zu einer Hochzeit angezogen hatte, und sich mit feinen fetten rothen Backen im Spiegel beschaute, dreht er sich vom Spiegel um und fragt seinen Kammerdiener, der ihn von der Seite ber wohlgefällig beschaute:» Nun Thadde, fragte er ihn, wie viel mag ich wohl werth seyn, wie ich da stehe?" Der Thadde machte ein Gesicht, als wenn er ein hal, bes Königreich zu schätzen hätte, und drehte lang die rechte Hand mit ausgestrekten Fingern so her, und so bin. Doch auch fünfhundert und fünfzig Gulden, fagte er endlich, weil doch heut zu Tag alles theurer ist, als sonst." Da sagte der Herr: Du dummer Kerl, glaubst du nicht daß mein Gewand, das ich anhabe, Allein feine fünfhundert Gulden werth it?" Da trat " 3 234 der Kammerdiener ein paar Schritte gegen die Stubenthüre zurück, und sagte:„ Berzeiht mir meinen Irr thum, ich habs etwas höher angeschlagen, sonst hätt ich nicht so viel herausgebracht," Das lehte Wort. Zwey Eheleute in einem Dorf an der Donau, her wärts Ulm, lebten miteinander, die waren nicht für einander gemacht, und ihre Ehe ward nicht im Him. mel geschlossen. Sie war verschwenderisch, und hatte eine Zunge wie ein Schwerdt; er war farg, was nicht etwa in den eigenen Mund und Magen gieng. Nannte er sie eine Vergeuderinn, so schimpfte sie ihn einen Knicker, und es kam nur auf ihn an, wie oft er seinen Eh rentitel des Tags hören wollte. Denn wenn er hundertmal in einer Stunde Vergeuderinn sagte, sagte sie hundert und einmal: du Knicker, und das lezte Wort gehörte allemal ihr. Einmal fiengen sie es wieder mit einander an, als sie ins Bett giengen, und sollens getrieben haben bis früh um fünf Uhr, und als ihnen zuletzt vor Müdigkeit die Augen zufielen, und ihr das Wort auf der Zunge einschlafen wollte, kneipte sie sich mit den Någeln in den Arm und sagte noch einmal: du Knicker! Darüber verlohr er alle Liebe zur Ar beit und zur Häuslichkeit, und lief fort, so bald er konnte, und wohin? Ins Wirthshaus. Und was im Wirthshaus? Zuerst trinken, darnach spielen, endlich saufen, anfänglich um baares Geld, zuletzt auf die Kreide. Denn wenn die Frau nichts zu Nath hålt, und der Mann nichts erwirbt, in einer solchen Tasche darf schon ein Loch sern, es fällt nichts heraus. Als 235 er aber im rothen Rößlein den letzten Rausch gekaufthatte und konnt ihn nicht bezahlen, und der Wirth schrieb seinen Namen und seine Schuld, ficben Gulden ein und fünfzig Kreuzer, an die Stubenthür, und als er nach Haus fam, und die Frau erblickte, nichts als Schimpf und Schande hat man von dir, du Vergeuderinn," sagte er zu ihr. Und nichts als Unchre und Verdruß hat man von dir, du Säufer, du der und jener, du Knicker," sagte sie. Da stieg es schwarz und grimmig in seinem Herzen auf, und die zwey bösen Geister die in ihm wohnten, nemlich der Zorn und der Rausch, sagten zu ihm: Wirf die Bes ftie in die Donau." Das ließ er sich nicht zweymal sagen. Wart ich will dir zeigen, du Vergeuderinn, ( du Knicker sagte sie ihm drauf) ich will dir schon zeigen, wo du hingehörst, und trug sie in die Donau, Und als sie schon mit dem Mund im Wasser war/ aber die Ohren waren noch oben, rief der Unmensch noch einmal, du Vergeuderinn. Da bob die Frau noch einmal die Arme aus dem Wasser empor, und drückte den Nagel des Daumes auf den Nagel des linken, wie man zu thun pflegt, wenn man einem gewissen Thierlein den Tod anthut, und das war ihr Lezztes. Dem geneigten Leser, der auf Recht und Gerechtigkeit hált, wird man nicht sagen dürfen, daß der unbarmherzige Mörder auch nimmer lebt, sondern er gieng heim, und henkte sich noch in der nems lichen Nacht an den Pfosten. - Gutes Wort, bdse That. In einem edelmännischen Dorf trifft ein Bauer - 236 - den Herrn Schulmeister im Felde an. Ists noch cuer Ernst, Schulmeister, was ihr gestern den Kindern ger gliedert habt: So dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar?" Der Herr Schulmeister sagt:„ Ich kann nichts davon und nichts dazu thun. Es steht im Evangelium." Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige, und die andere auch, denn er hatte schon lang cinen Verdruß auf ihn. Indem reitet in einer Entfernung der Edelmann vorbey und sein Jäger.„ Schau doch nach, Joseph, was die zwey dort mit einander haben." Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauer auch zwey Ohrfeigen, und sagte, es steht auch geschrieben: Mit welcherley Maas ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. Ein voll gerüttelt und überflüssig Maaß wird man in cuern Schoß geben;" und zu dem legten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Duzend drein. Da kam der Joseph zu ſcinem Herrn zurück und sagte:„ Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die heilige Schrift aus." Merke: man muß die heilige Schrift nicht ausle gen, menn mans nicht versteht, am allerwenigsten so. Denn der Edelmann ließ den Bauern noch selbige Nacht in den Thurm werfen auf 6 Tage, und dem Herrn Schulmeister, der mehr Verstand und Respect tvor der Bibel hätte haben sollen, gab er, als die Wins erschule ein Ende hatte, den Abschied. Der geduldige Mann. Ein Mann, der eines Nachmittags müde nach Hause kam, båtte gern ein Stück Butterbred mit 237 Schnittlauch darauf gegessen, oder etwas von einem geräucherten Bug. Aber die Frau, die im Haus ziemlich der Meister war, und in der Küche ganz, hatte den Schlüssel zum Küchenkäftlein in der Tasche, und war bey einer Freundin auf Besuch. Er schickte daher die Magd und den Knecht eins um das andere, die Frau soll heim kommen, oder den Schlüssel schicken. Sie sagte allemal:„ Ich fomm gleich, er soll nur ein wenig warten." Als ihm aber die Geduld immer näher zusammen gieng, und der Hunger immer weiter auseinander, trägt er und der Knecht das verschlossene Küchenkäßlein in das Haus der Freundin wo seine Frau zum Besuch war, und sagt zu seiner Frau: " Frau sey so gut und schließ mir das Kåstlein auf, daß ich etwas zum Abendessen nehmen kann, sonst halt ichs nimmer aus." Also lachte die Frau, und schnitt ihm ein Stücklein Brod herab und etwas vom Bug. Der schlaue Mann. Einem andern, als er das Wirthshausfizzen bis nach Mitternache anfieng, schloß einmal die Frau Nachts um 10 Uhr die Thüre zu, und gieng ins Bett, und wollt er wohl oder übel, so mußte er unter dem Bienenstand im Garten über Nacht seyn. Den an dern Tag, was thut er? Als er ins Wirthshaus gieng, hob er die Hausthüre aus den Kloben und nahm sie mit, und früh um Uhr, als er heim fam, hängt er sie wieder ein, und schloß sie zu, und seine Frau hat ihn nimmer ausgeschlossen und ist ins Bett gegangen, sondern bat ihn nachher mit Liebe und Sanftmuth gebessert. 238 Der Heiner und der Braffenheimer Müller. 5 Eines Tages saß der Heiner ganz betrübt in eis nem Wirthshaus, und dachte daran, wie ihn zuerst der rothe Dieter und darnach sein eigener Bruder verlassen haben, und wie er icht allein ist. Nein, dachte er, es ist bald feinem Menschen mehr zu trauen, und wenn man meint, es sey einer noch so ehrlich, so ist er ein Spizbub." Unterdessen kommen mehrere Gäfte in das Wirthshaus, und trinken Neuen, und wißt ihr auch, sagte einer, daß der Zundelheiner im Land ist, und wird morgen im ganzen Amt ein Treibjagen auf ihn angestellt, und der Amtmann und die Schreiber stehen auf dem Anstand? Als das der Heis ner hörte, wurde es ihm grún und gelb vor den Augen, denn er dachte, es kenne ihn einer, und jetzt sev er verratben. Ein anderer aber sagte:„ Es ist wie der einmal ein blinder Lerm. Sißt nicht der Heiner und sein Bruder zu Wollenstein im Zuchthaus?" Dru ber kommt auf einem wohlgenährten Schimmel der Brassenheimer Müller mit rothen Paus Backen und kleinen freundlichen Augen daher geritten. Und als er in die Stube fam, und thut den Kameraden, die bei dem Neuen fizzen, Bescheid, und hört, daß fie von dem Zundel- Heiner sprechen, sagt er: ich bab schon so viel von dem Zundelheiner erzählen gehört. Ich möcht ihn doch auch einmal sehen. Da fagte cin anderer:» Nehmt euch in Acht, daß ihr ihn nicht zu früb zu sehen bekommt. Es geht die Rede, er sey wieder im Land." Aber der Müller mit seinen Vausbacken sagte:» Pab! ich komm noch bei guter Tagszeit durch den Fridstädter Wald, dann bin ich 3 239 auf der Landstraße, und wenns fehlen will, geb ich dem Schimmel die Sporen." Als das der Heiner borte, fragt er die Wirthin, was bin ich schuldig, und geht fort in den Fridstädter Wald. Unterwegs. begegnet ihm auf der Bettelfuhr ein lahmer Mensch. Gebt mir für ein Casperlein eure Krücke, sagte er zu dem lahmen Soldaten. Ich habe das linke Bein übertreten, daß ich laut schreien möchte, wenn ich drauf treten muß. Jm nächsten Dorf, wo ihr abgeladen werdet, macht euch der Wagner eine neue. Also gab ihm der Bettler die Krücke. Bald darauf geben zwey betrunkene Soldaten an ihm vorbei und singen das Reuterlied. Wie er in den Fridstädter Wald kommt, hangt er die Krücke an einen hohen Ast, setzt sich ungefähr sechs Schritte davon weg an die Straße, und zieht das linke Bein zusammen, als wenn er lahm wäre. Drüber kommt auf stattlichem Schimmel der Müller daher trottirt, und macht ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: Bin ich nicht der reiche Müller, und bin ich nicht der schöne Muller, und bin ich nicht der wißige Müller?" Als aber der witzige Müller zu dem Heiner kam, sagt der Heiner mit kläglicher Stimme: Wolltet ihr nicht ein Werf der Barmherzigkeit thun an einem armen lahmen Mann. Zwey betrunkene Soldaten, sie wers den euch wohl begegnet seyn, haben mir all mein Allmosengeld abgenommen, und haben mir aus Bosheit, daß es so wenig r, die Krücke auf jenen Baum ges schleudert, und ist an den Aesten hängen blieben, daß ich nun nimmer weiter fann. Wolltet ihr nicht so gut seyn, und sie mit curer Peitsche herabzwicken?<< Der Müller sagte: Ja sie sind mir begegnet an der 240 Waldspise. Sie haben gesungen: So herzig, wie mein Lifel, ist balt nichts auf der Welt." Weil aber der Müller auf einem schmalen Steg über einen Graben zu dem Baum mußte, so stieg er von dem Nos ab, um die Krücke herab zu zwicken. Als er aber an dem Baum war, und schaut hinauf, schwingt sich der Heiner schnell wie ein Adler auf den stattlichen Schimmel, gibt ihm mit dem Absatz die Sporen und reitet davon.„ Last euch das Gehen nicht verdrießen, rief er dem Müller zurück, und wenn ihr heim kommt, so richtet eurer Frau einen Gruß aus von dem Zundelheiner!" Als er aber eine Viertelstunde nach Betzeit nach Brassenheim und an die Mühle kam, und alle Räder klapperten, daß ihn niemand hörte, stieg er vor der Müble ab, band dem Müller den Schimmel wieder an der Hausthüre an, und setzte seinen Weg zu Fuß fort. Der falsche Edelstein. In einem schönen Garten vor Strasburg vor dent Mezgerthor, wo jedermann für sein Geld hinein gehen und lustig und bonett seyn darf, da saß ein wobl gekleideter Mann, der auch sein Schöpplein tranf, und hatte einen Ring am Finger mit einem kostbaren Edelstein, und spiegelte den Ring. So kommt ein Jude, und sagt:" Herr, ihr habt einen schönen Edel stein in eurem Fingerring, dem war ich auch nicht feind. Glizert er nicht wie das Urim und Thummim in dem Brustschildlein des Priesters Aron? Der wohl gekleidete Fremde sagte ganz kurz und trocken: Der Stein ist falsch; wenn er gut wäre, steckte er wohl دو 241 an einem andern Finger, als an dem meinigen." Der Jud bat den Fremden, ihm den Ring in die Hand zu geben. Er wendet ihn hin, er wendet ibn her, dreht den Kopf rechts, dreht den Kopf links.„ Soll dieser Stein nicht acht feyn?" dachte er, und bot dem Fremden für den Ring zwei neue Dublonen. Der Fremde sagte ganz unwillig:„ Was soll ich euch bes trügen? Ihr habt es schon gehört, der Stein ist falsch.c Der Jude bittet um Erlaubniß, ihn einem Kenner zu zeigen, und einer der dabei saß, sagte:„ ich stehe gut für den Ifraeliten, der Stein mag werth senn, was er will." Der Fremde sagte:» Ich brauche keinen Bürgen, der Stein ist nicht acht." In dem nemlichen Garten saß damals an einem andern Tisch auch der Hausfreund mit seinen Gevat terleuten, und waren auch lustig und honett für ihr Geld, und einer davon ist ein Goldschmidt, der's vers fteht. Einem Soldaten, der in der Schlacht bei Ansterlig die Nase verloren batte, hat er eine silberne angesetzt und mit Fleischfarbe angestrichen, und die Nase war gut. Nur einblasen einen lebendigen Odem in die Nase, das konnte er nicht. Zu dem Gevatters mann kommt der Jude.„ Herr, fagte er, soll dieses kein achter Edelstein seyn? Kann der König Salomon einen schönern in der Krone getragen haben?" Der Gevattermann, der auch ein halber Sternseher iſt, sagte:„ Er glänzt, wie am Himmel der Aldebaran. Ich verschaffe euch 90 Dublonen für den Ring. Was ihr ihn wohlfeiler bekommt, ist euer Schmuhs." Der Jud kehrt zu dem Fremden zurück.„ Aecht oder uns acht, ich gebe euch sechs Dublonen," und zählte sie auf den Tisch, funkel nagel neu. Der Fremde steckte 16 Hebels Schazkäfilein. 242 den Ring wieder an den Finger, und sagte icht:„ Er ist mir gar nicht feil. Ist der falsche Edelstein so gut nachgemacht, daß ihr ihn für einen rechten haltet, so ist er mir auch so gut," und steckte die Hand in die Tasche, daß der lüsterne Israelit den Stein. gar nicht mehr sehen sollte.- Nein." Zehn Dublonen." vierzehn - fünfzehn Dublonen. „ Acht Dublonen." Nein.--„ ZwölfNun denn, sagte endlich der Fremde, wenn ihr mir keine Rube las sen, und mit Gewalt wollt betrogen seyn. Aber ich fage es euch vor allen diesen Herren da, der Stein ist falsch, und ich gebe euch kein gut Wort mehr das für. Denn ich will feinen Verdruß haben. Der Ring ist euer. Jetzt brachte der Jud voll Freude dem Ges vättermann den Ring. Morgen komm ich zu euch und hole das Geld." Aber der Gevattermann, den noch niemand angeführt hat, machte ein paar große Augen. Guter Freund, das ist nicht mehr der nem. liche Ring, den ihr mir vor zwei Minuten gezeigt habt. Dieser Stein ist zwanzig Kreuzer werth zwischen Brüdern. So macht man sie bei Sanct Bla fien in der Glashütte." Denn der Fremde hatte wirks lich einen falschen Ring in der Tasche, der völlig wie der gute aussab, denn er zuerst am Finger spiegelte, und während der Jude mit ihm handelte, und er die Hand in der Tasche hatte, streifte er mit dem Daus men den ächten Ring vom Finger ab, und steckte den Finger in den falschen, und den bekam der Jud. Da fuhr der Betrogene, als wenn er auf einer brennenden Nafette geritten wäre, zu dem Fremden zu rück:„ Au weih, au weih! ich bin ein betrogener ein unglücklicher Mann, der Stein ist falsch... Mann, 243 - Aber der Fremde sagte ganz kaltblütig und gelassen. „ Ich hab ihn euch für falsch verkauft. Diese Her ren hier sind Zeugen. Der Ring ist euer. Hab ich euch ihn angeschwäst, oder habt ihr ihn mir abgeschwätzt? Alle Anwesenden mußten gestehen:" Ia er hat ihm den Stein für falsch verkauft, und gesagt der Ning ist eucr." Also mußte der Jud den Ring be halten, und die Sache wurde nachher unterdrückt. Das schlaue Måd che it. In einer großen Stadt hatten viele reiche und vornehme Herren einen lustigen Tag. Einer von ihnen dachte:„ Könnt ihr heute dem Wirth und den Musikanten wenigstens 1500 Gulden zu verdienen geben, so könnt ihr auch etwas für die liebe Armuth steuren. Also kam, als die Herren am fröhlichsten waren, ein hübsches und nett gekleidetes Mädchen mit einem Teller, und bat mit süßen Blicken und liebem Wort um eine Steuer für die Armen. Jeder gab, der eine weniger, der andere mehr, je nachdem der Geldbeutel beschaffen war und das Herz. Denn kleis ner Beutel und enges Herz gibt wenig. Weiter Beus tel und großes Herz gibt viel. So ein Herz hatte derjenige, zu welchem das Mägdlein jest kommt. Denn als er ihm in die hellen schmeichelnden Augen schaute, gieng ihm das Herz fast in Liebe auf. Des wegen legte er zwei Louisd'or auf den Teller und sagte dem Mågdlein ins Ohr:" Für deine zwey schönen blauen Augen. Das war nemlich so gemeint: Weil du schöne Fürbitterin für die Ars men, zwey so schöne Augen hast, so geb ich den Ar 244 men zwey so schöne Louisd'or, sonst thats eine auch." Das schlaue Mädchen aber stellte sich, als wenn es die Sache ganz anders verstünde. Denn weil er sagte: " Für deine zwey schöne Augen"- nahm es ganz züchtig die zwey Louisd'or vom Teller weg, steckte sie in die eigene Tasche, und sagte mit schmeichelnden Gebehrden: Schönen herzlichen Dank! Aber seyd so gut und gebt mir jetzt auch noch etwas für die Armen." Da legte der Herr noch einmal zwey Louis d'or auf den Teller, kneipte das Mägdlein freundlich in die Backen, und sagte:» Du kleiner Schalk!" Von den andern aber wurde er ganz entseßlich auss gelacht, und sie tranken auf des Mägdleins Gesund heit, und die Musikanten machten Tusch.. Ein gutes Rezept. In Wien der Kaiser Joseph war ein weiser und wohlthätiger Monarch, wie jedermann weiß, aber nicht alle Leute wissen, wie er einmal der Doktor ge wesen ist, und cine arme Frau furirt hat. Eine arme franke Frau sagte zu ihrem Büblein:„ Kind hol mir einen Doktor, sonst kann ichs nimmer aushalten vor Schmerzen. Das Büblein lief zum ersten Doktor und zum zweiten, aber keiner wollte kommen, denn in. Wien fostet ein Gang zu einem Patienten einen Gul den, und der arme Knabe hatte nichts als Thränen, die wohl im Himmel für gute Münze gelten, aber nicht bei allen Leuten auf der Erde. Als er aber zum britten Doktor auf dem Weg war, oder heim, fuhr langsam der Kaiser in einer offenen Kutsche an ihm vorbey. Der Knabe hielt ihn wohl für einen reis 245 chen Herrn, ob er gleich nicht wußte, daß es der Kais ser ist, und dachte: Ich wills versuchen.„ Gnådiger Herr, sagte er, wolltet ihr mir nicht einen Gulden schenken, seyd so barmherzig!" Der Kaiser dachte: " Der faßt's furz, und denkt, wenn ich den Gulden auf einmal bekomme, so brauch ich nicht sechzigmal um den Kreuzer zu betteln."" Thuts ein Casperlein oder zwey Zwanziger nicht auch?" fragt ihn der Kais ser. Das Büblein fagte!„ Nein," und offenbarte ihm, wozu er das Geld benöthigt sey. Also gab ihm der Kaiser den Gulden, und ließ sich genau von ihm beschreiben wie seine Mutter heißt, und wo sie wohnt, und während das Büblein zum dritten Doktor springt, und die kranke Frau betet daheim, der liebe Gott wolle fie doch nicht verlassen, fährt der Kaiser zu ih rer Wohnung und verhüllt sich ein wenig in seinen Mantel, also daß man ihn nicht recht erkennen konn te, wer ihn nicht darum ansah. Als er aber zu der franken Frau in ihr Stüblein kam, und sah recht leer und betrübt darinn aus, meint sie, es ist der Doktor, und erzählt ihm ihren Umstand, und wie sie noch so arm dabey sey, und sich nicht pflegen könne. Der Kaiser sagte:» Ich will euch dann jetzt ein Res zept verschreiben leins Schreibzeug ist. Also schrieb er das Rezept, und belehrte die Frau, in welche Apotheke sie es schis cken müsse, wenn das Kind heim kommt, und legte es auf den Tisch. Als er aber kaum eine Minute fort war, kam der rechte Doktor auch. Die Frau verwunderte sich nicht wenig, als sie börte, er sey auch der Doktor, und entschuldigte sich, es sen schon so einer da gewesen und hab ihr etwas verordnet, und und sie sagte ihm, wo des Büb - 246fie habe nur auf ihr Büblein gewartet. Als aber der Doktor das Rezept in die Hand nahm und sehen wollte, wer bei ihr gewesen sey und was für einen Tranf oder Pillelein er ihr verordnet hat, erstaunte er auch nicht wenig, und sagte zu ihr!» Frau, sagte er, ihr send einem guten Arzt in die Hände gefallen, denn er hat euch fünf und zwanzig Dublonen verordnet, beim Zahlamt zu erheben, und unten dran steht: Joseph, wenn ihr ihn kennt. Ein solches Magenpflas ster und Herzsalbe und Augentrost hátt ich euch nicht verschreiben können." Da that die Frau einen Blick gegen den Himmel und konnte nichts sagen vor Danf barkeit und Rührung, und das Geld wurde hernach richtig und ohne Anstand von dem Zahlamt ausbe zahlt, und der Doktor verordnete ihr eine Mixtur und durch die gute Arzney und durch die gute Pflege, die sie sich jetzt verschaffen konnte, stand sie in wenig Tagen wieder auf gesunden Beinen. Also hat der Doktor die kranke Frau furirt, und der Kaiser die arme, und sie lebt noch und hat sich nachgehends wie. der verheirathet. Vereitelte Rachsucht. Der Amtmann in Nordheim ließ im Krieg in den neunziger Jahren fünf Jauner henken, und warens in der ersten Viertelstunde so gut gewohnt, daß keiner mehr herab verlangte, und je nachdem der Wind gieng, exercirten sie miteinander zum Zeitvertreib, rechts um, links um, ohne Flügelmann. Aber eis nem seine Beiläuferin, die einen Buben von ihm hatte, sagte:„ Wart Amtmann, ich will dirs einträns 247 ken. Ein paar Tage darauf reitet die östreichische Patrouille gegen das Stadtlein am Galgen vorbei, da sagt einer zu dem andern: Es lauft dir eine Spinne am Hut, so groß wie ein Taubency." So zicht der andere vor dem Gehenkten den Hut ab, und die Gehenkten, weil eben der Wind aus Westen gieng, drehten sich und machten Front. Indem schleicht von weitem ein Büblein von der Straße ab hinter eine Hecke, wie einer, der keine guten Briefe hat. Aber das Büblein hatte gar keine, weder gute noch schlech. te. Denn als einer von den Dragonern auch um die Hecke ritt, fiel der Junge vor ihm auf die Knie, und fagte mit Zittern und mit Beben:» Pardon! Ich hab sie alle ins Wasser geworfen." Der Dragoner fagte: Was hast du ins Wasser geworfen? S " Die Briefe." - - Was für Briefe?" Die Briefe vom Amtmann an die Franzosen. Wenn Oestreicher ins Land kommen, sagte der Bursche, muß ich dem Amtmann Boten laufen ins französische Lager. Dieß mal hatte ich drey Briefe, einen an den Dürrmcier." Also holten die Dragoner, mir nichts, dir nichts, den Amtmann ab, wie er gieng und stand, und mußte in den Pantoffeln zwischen den Pferden im Koth mitfaufen, und sprigte die Rosse nicht sehr, aber die Rosse ihn, und der Bube mußte auch mit. Der Amtmann war so unschuldig, als der römische Kaiser selbst, båtte fich für die östreichischen Waffen lebendig die Haut ab. ziehen lassen, hatte sechs Kinder, eins schöner als das Aber das war andere, und eine schwangere Frau. die Rache, die ihm die Jaunerinn zugedacht hatte, als sie sagte:„ Wart, Amtmann, ich will dir's gedenken." Im Lager, als er zu dem General geführt 248 wurde, und die Hohenzollerer Kurassiere und Kaiser Dragoner und Erdödi Husaren saben ihn vorben füh ren, sagte einer von der Patrouille seinem Kameras den vom Pferd herab:„ Es ist ein Spion." Der Kamerad sagte:„ Strick ist sein Lohn." Und der Officier, an den sie ihn ablieferten, war auch der Meinung, und bestellte spottweise schon bei ihm einen Gruß an den Schwarzen und seine Großmutter. Dem Hausfreund ifts aber bey dieser Geschichte nicht halb so angst, als dem geneigten Leser, denn ohne seinen Willen kann der Amtmann nicht sterben, sondern als er vor das Verhör geführt wurde, schaute ihn der Hauptm. Auditor mit Verwunderung und Bedanren an, und sagte:„ Send ihr nicht der Nemliche, der mich vor einem Jahr drey Tage lang im Keller hin ter der Sauerkrautstande vor den Franzosen verbor. gen hat, und habt Schläge genug von ihnen bekom men, und als sie euch oben den Speck verzehrten, as ich unten das Sauerkraut dazu, sammt den Gumbist Aepfeln. Der Amtmann sagte:„ Gott erkennts, und ich bin so unschuldig als die Mutter Gottes in der Kirche, so doch von Lindenholz ist, und ihr Lebenlang noch keinen Buchstaben geschrieben hat." Indem kas men auch mehrere gute Freunde und angesehene Bürger von Nordheim ins Hauptquartier und bezeugten feine Rechtschaffenheit und Treue und was er schon für Drangsalirung von den Franzosen babe aussiehen mußsen, und wie auf seine Anordnung der letzte Sieg der Destreicher mit Kazenköpfen gefeiert wurde, daß der Kirchthurm wackelte, und er selber habe keinen Rausch gehabt, aber einen Stich. Der Hauptmann Auditor, tir och immer davan dachte, wie er drey Tage lang 249 in des Amtmanns Keller in der verborgenen Garnison lag, hinter dem Schanzkorb, hinter der Sauerkrautstande, war geneigter, Ja zu glauben als Nein. Also ließ er den Amtmann hinaus führen und den Bu ben herein, und that ein Paar verfängliche Fragens an ihn, sagte ihm aber nicht, daß sie verfänglich sind. Deswegen war der Bursche, so sehr er die Spitbu benmilch an der Mutter Brüsten eingesogen hatte, mit feinem Ja und Nein so unvorsichtig, daß er in wenig Minuten nimmer links, nimmer rechts auszuweis chen wußte und alles gestand. Also bekam er links und rechts fünfzehen Hiebe vom Profos, und beglei tete freywillig, die Mutter ins Zuchthaus nach Heiligenberg. Der Amtmann aber aß mit dem Hauptmann Auditor bey dem General Feldmarschall zu Nacht, und den andern Tag bey seiner Frau und Kindern zu Mittag, und der Hausfrennd thut auch einen Freuden Trunk, daß er wieder ein Erempel der Gerechtigkeit statuirt hat. Schreckliche Unglücksfälle in der Schweiß. Hat jede Gegend ihr Liebes so hat sie auch ihr Leides, und wer manchmal erfährt was an andern Orten geschieht, findet wohl Ursache, zufrieden zu seyn mit seiner Heimath. Hat z. B. die Schweiz viel Herden. reiche Alpen, Kåse und Butter und Freiheit so hat sie auch Lavinen. Der 12te December des Jahrs 1809 brachte für die hohen Bergthäler dieses Landes eine fürchterliche Nacht, und lehrt uns, wie ein Mensch wohl täglich Ursache hat, an das Sprüchlein zu denken: » Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen." 250 C Auf allen hohen Bergen lag ein tiefer frisch gefallener Schnee. Der zwölfte December brachte Thauwind. und Sturm. Da dachte jedermann an großes Unglück, und betete. Wer sich und seine Wohnung für ficher hielt, schwebte in Betrübniß und Angst für die Armen, die es treffen wird, und wer sich nicht für sicher hielt, sagte zu seinen Kindern:» Morgen geht uns die Sonne nimmer auf, und bereitete sich zu einem seligen Ende. Da rißen sich auf einmal und an allen Orten von den Fürsten der höchsten Berge die Lavinen oder Schnecfälle los, stürzten mit entseglichem Tosen und Krachen über die langen Halden herab, wurden immer größer und größer, schoßen immer schneller, toseten und krachten immer fürchterlicher, und jagten die Luft vor sich und so durcheinander, daß im Sturm, noch ehe die Lavine ankam, ganze Walder zusammen krachten, und Ställe, Scheuren und Waldungen wie Spreu davon slogen, und wo die Lavinen sich in den Thälern niederstürzten, da wurs den Stunden lange Strecken, mit allen Wohngebäu den die darauf standen, und mit allem Lebendigen, was darin athmete, erdrückt und zerschmettert, wer nicht wie durch ein göttliches Wunder gerettet wurde. Einer von zwei Brüdern in Uri, die mit einander hauseten, war auf dem Dach, das hinten an den Berg anstoßt, und dachte:» Ich will den Zwischenraum zwischen dem Berg und dem Dachlein mit Schnee ausfüllen und alles eben machen, auf daß, wenn die Lavine kommt, so fahrt sie über das Hauslein weg, daß wir vielleicht"- und als er sagen wollte: daß wir vielleicht mit dem Leben davon kommen" führte ihn der plögliche Windbrauß, der vor der Lavi-- da 25I - ne hergeht, vom Dach binweg und hob ihn schwebend in der Luft, wie einen Vogel über einem entfeßlichen Abgrund. Und als er eben in Gefahr war in die unermeßliche Tiefe hinab zu stürzen, und wäre seines Gebeins nimmer gefunden worden, da streifte die Lavine an ihm vorbey und warf ihn seitwärts an eine Halde. Er sagt, es habe ihm nicht wohl gethan, aber in der Betäubung umklammerte er noch einen Baum, an dem er sich fest hielt, bis alles vorüber war, und kam glücklich davon und gieng wieder beim zu seinem Bruder, der auch noch lebte, obgleich der Stall neben dem Hauslein wie mit einem Besen weggewischt war. Da konnte man wohl auch sagen:„ Der Herr bat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich auf den Händen tragen. Denn er macht Sturmwinde zu seinem Boten, und die Lavinen, daß sie seine Befehle ausrichten." دو Anders ergieng es im Sturnen, ebenfalls im Canton Uri. Nach dem Abendsegen sagte der Vater zu der Frau und den drei Kindern;» Wir wollen doch auch noch ein Gebet verrichten für die armen Leute, die in dieser Nacht in Gefahr sind." Und während sie beteten, donnerte schon aus allen Thälern der ferne Wiederhall der Lavinen, und während sie noch beteten, stürzte plötzlich der Stall und das Haus zusammen. Der Vater wurde vom Sturmwind hins weggeführt, hinaus in die fürchterliche Nacht, und unten am Berg abgesetzt und von dem nachwehenden Schnee begraben. Noch lebte er, als er aber den andern Morgen mit unmenschlicher Anstrengung sich hervorgegraben, und die Ståtte seiner Wohnung wies der erreicht hatte, und sehen wollte was aus den Seinigen geworden sey, barmherziger Himmel! da 252 war nur Schnee und Schnee, und kein Zeichen einer Wohnung, feine Spur des Lebens mehr wahrzuneh. men. Doch vernahm er nach langem ängstlichem Ru fen, wie aus einem tiefen Grab, die Stimme seines Weibes unter dem Schnee herauf. Und als er sie glücklich und unbeschädiget hervor gegraben hatte, da börten sie plötzlich noch eine bekannte und liebe Stimme: Mutter, ich wäre auch noch am Leben, rief ein Kind, aber ich fann nicht heraus. Nun arbeitete Vater und Mutter noch ein mal und brachten auch das Kind hervor, und ein Arm war ihm abgebrochen. Da ward ihr Herz mit Freude und Schmerzen erfällt, und von ihren Augen flossen Thränen des Dankes und der Wehmuth. Denn die zwei andern Kinder wurden auch noch herausgegraben, aber todt. In Pilzeig, ebenfalls im Canton Uri, wurde eine Mutter mit zwei Kindern fortgerissen, und unten in der Tiefe vom Schnee verschüttet. Ein Mann, ihr Nachbar, den die Lavine, ebenfalls dahin geworfen hatte, hörte ihr Wimmern und grub sie hervor. Vers geblich war das Lächeln der Hoffnung in ihrem Ant liz. Als die Mutter halb nackt umher schaute, kannte fie die Gegend nicht mehr, in der sie war. Ihr Ret ter selbst war unmächtig niedergesunken. Neue Hus gel und Berge von Schnee, und ein entseglicher Wirbel von Schneeflocken füllten die Luft. Da sagte die Mutter:„ Kinder, hier ist keine Rettung möglich; wir wollen beten, und uns dem Willen Gottes über laffen." Und als sie beteten sank die siebenjährige Tochter sterbend in die Arme der Mutter, und als die Mutter mit gebrochenem Herzen ihr zusprach, und 253 ihr Kind der Barmherzigkeit Gottes empfahl, ließen sie ihre Kräfte auch. Sie war eine 14 tågige Kindbetterinn, und sie sank mit dem theuern Leichnam ibres Kindes in dem Schooß, ebenfalls leblos darnieder. Die andere cilfährige Tochter hielt weinend und händeringend bei der Mutter und Schwester aus bis sie todt waren, drückte ihnen alsdann, eh' sie auf eigene Rettung bedacht war, mit stummem Schmerz die Augen zu, und arbeitete sich mit unsäglicher Mühe und Gefahr erst zu einem Baum, dann zu einem Felsen herauf und fam gegen Mitternacht endlich an ein Haus, wo sie zum Fenster hinein aufgenommen, und mit den Bewohnern des Hauses erhalten wurde. Kurz in allen Berg Cantonen der Schweiz, in Bern, Glarus, Uri, Schwiß, Graubündten, find in Einer Nacht, und fast in der nemlichen Stunde, durch die Lavinen ganze Familien erdrückt, ganze Vieh beerden mit ihren Stallungen zerschmettert, Matten und Gartenland bis auf den nackten Felsen hinab aufges schürft und weggeführt, und ganze Wälder zerstört worden, also daß sie ins Thal gestürzt sind, oder die Bäume lagen übereinander zerschmettert und zerknickt, wie die Halmen auf einem Acker nach dem Hagels schlag. Sind ja in dem einzigen kleinen Canton Uri fast mit Einem Schlag 11 Personen unter dem Schnee begraben worden, und sind nimmer auferstanden, gegen 30 Häuser, und mehr als 150 Heustalle zerstört und 359 Hauptlein Vich umgekommen, und man wußte nicht, auf wie viel mal hundert tausend Gulden soll man den Schaden berechnen, ohne die verlohrnen Menschen. Denn das Leben eines Vaters oder einer Mutter oder 254 frommen Gemahls oder Kindes ist nicht mit Gold zu schätzen. Wie eine grauliche Geschichte durch einen gemeis nen Mezger Hund ist an das Tages Licht gebracht worden. Zwei Mezger gehen miteinander aufs Gau, kom men in ein Dorf, theilen sich, einer links an der Schwanen vorbei, einer rechts, sagen, in der Schwas nen kommen wir wieder zusammen. Sind nimmer zu fammen kommen. Denn einer von ihnen geht mit ei nem Bauer in den Stall, die Frau, so zwar eine Wa sche in der Küche hatte, geht auch mit, so lauft das Kind für sich selber auch nach. Stoßt der Teufel die Frau an den Ellenbogen:„ Sich was dem Meßger eine Gurt voll Geld unter dem Brusttuch hervorschaut!" Die Frau winft dem Mann, der Mann winkt der Frau, schlagen im Stall den armen Megger todt und bedecken den Leichnam in der Geschwindigkeit mit Strob. Stoßt der Teufel die Frau noch einmal an Ellenbogen: " Sieh, wer zuschaut! Wie sie umblickt, sieht sie das Kind. So gehn sie mit einander im Schrecken und Wahnsinn ins Haus zurück und schließen die Thire zu, als wenn sie im Feld wåren. Da sagt die Frau, die kein Rabenherz, nein ein höllisches Drachenherz im Busen hatte: Kind," sagte sie, wie siehst du wieder aus? Komm in die Küche, ich will dich wa schen. In der Küche steckt sie dem Kind den Kopf in die heiße Lauge, und brüht es zu todt. Jezt meint sie sey alles geschweigt, und denkt nicht an den Hund des ermordeten Mezgers. Der Hund des ermordeten Mek 255 gers, der noch eine zeitlang mit dem Kameraden ge= laufen war, witterte, während das Kind gebrüht und geschwind in den Backofen gesteckt wurde, die Spur seis nes Herrn wieder auf, schnauft an der Stallthure, scharrt an der Hausthüre und merkt, hier sey etwas ungerades vorgefallen. Plöglich springt er ins Dorf zurück und sucht den Kameraden. Kurz der Hund win felt und beult, zerrt den andern Metzger am Rock, und der Metzger merkt auch etwas. Also begleitet er den Hund an das Haus, und zweifelt nicht, daß bier etwas erschreckliches vorgefallen sey. Also winkt er zwei Männern, die von ferne vorbei giengen. Als aver die Mordleute inwendig das Winseln des Hundes und das Rufen des Mezzgers hörten, kams vor ihre Augen wie lauter Hochgericht, und in ihre Herzen wie lauter Hölle. Der Mann wollte zum hintern Fenster hinaus entspringen, die Frau hielt ihn am Rock und sagte: „ Bleib da!" Der Mann sagte: Komm mit!" Die Frau antwortete:" Ich kann nicht, ich habe Blei an den Füßen. Siehst du nicht die erschreckliche Gestalt vor dem Fenster, mit blizenden Augen und glühendem Othem? Unterdessen wurde die Thüre eingebrochen. Man fand bald die Leichname der Ermordeten. Die Missethäter wurden handfest gemacht und dem Nichter übergeben. Sechs Wochen darauf wurden sie gerå dert, und ihre verruchten Leichname auf das Rad geflochten, und die Naben sagen jetzt:" Das Fleisch schmeckt gut." 256 Fortgesezte Betrachtung des Weltgebäudes. Die Firsterne. Der Hausfreund sieht jezt im Geiste zu, wie der verständige und wohlgezogene Leser geschwind noch einmal den Artikel von den Planeten durchgeht, das mit er besser verstehen kann, was nunmehro von den Firsternen will gefagt werden, und wie er jezt auswendig die Planeten an den Fingern abzählt, und den Uranus an großen Zeben greifen muß, unten im Pedal, weil er zu eilf Planeten nur zehen Finger hat. Für die Fixsterne zu zählen gibts nicht Finger aes nug auf der ganzen Erde, von Franz Ignaz Naroki, an, der jezt 120 Jahre alt ist, bis zum Büblein das in die Schule geht. Denn wenn nur unser einer ( der Hausfreund will sich für diesmal auch dazu zäh len) in einer schönen Sommer oder Winternacht im Freyen steht, oder durch das Fenster hinausschaut, welch eine unzählbare Menge himmlischer Lichter groß und klein strablen uns freundlich und fröhlich entge gen, ganz anders als wenn man ein paar Stunden nach Sonnen.Untergang von einer Anhöhe herab gegen eine große Stadt kommt, oder hinein reitet, und aus allen Häusern und aus allen Fenstern schimmern einem die Lichter entgegen, was doch auch schön ist. Das Auge kann sich nicht genug ersehen an solchem himmlischen Schauspiel, und weiß nicht welchen Stern es zuerst und am långsten betrachten soll, und es ist, als wenn jeder sagte:„ Schau mich an!<< Unterdessen bewegen sie sich alle am Himmel fort, ein nige gehen schon am frühen Abend unter, und die ganze Nacht hindurch, und wenn früh schon die Mors 257 genluft über die Erde weht, und von Dorf zu Dorf das Hahnengeschrey durch die Nacht zieht, gehn im mer noch neue auf, und es nimmt kein Ende. Dess wegen können wir auch nie alle sichtbaren Sterne des Himmels auf einmal sehen, nicht einmal die Hälfte, denn es ist ausgemacht, daß sie den Tag hindurch eben so wie bey Nacht ihren stillen Lauf am Himmel forts sezzen, nur daß wir sie nicht wegen der Tageshelle ses ben können. Denn wer bey Nacht unter freyem Hims mel ist, ich will sagen ein Nachtwächter, ein Felds schütz, ein Fuhrmann, und er gibt nur ein wenig acht, der wird finden, Abends wenn es dunkel wird, find ganz and sind ganz andere Sterne am Himmel als früh, ehe es aufhörte dunkel zu seyn. Wo sind diese hingekommen? wo kommen jene her? Antwort: Sie sind den Tag hindurch untergegangen und auf. Also können wir in der schönsten reinsten Sternennacht kaum die Hälfte sehen, und sind doch so viel, und wenn wir sie ges schwind ein wenig zählen wolken, bis wir fertig wä ren, wären nimmer die nemlichen da, sondern ans dere; deswegen beißt es mit Recht: So jemand die Sterne des Himmels zählen kann, so wird er auch deine Nachkommen zählen, nemlich die Juden. Damit nun wir Sternseher( der Hausfreund ges hört jezt nimmer zu unser einem) damit wir die Anzahl der Sterne besser in Ordnung halten können, so haben wir gewissen merkwürdigen Sternen einen eigenen Nas men gegeben, oder wir haben denen, welche zusama men eine Figur vorstellen, den Namen einer Figur gegeben, z. B. das Creuß, die Krone, oder wir has ben um 20 bis 100 Sterne herum in Gedanken eine Linie gezogen, die bald aussieht wie ein Wolf oder ein Hebels Schatzfäftlein. 17 258 Krebs, oder so, und nennen sie Sternbilder, z. E. die 12 himmlischen Zeichen, die Jungfrau, die ZwilTinge, der Skorpion, und alle Sterne groß und klein, die in einem Sternbild stehen, gehören zum Stern bild, und wenn einmal einer von ihnen fehlte, oder zu spát káme, so wollten wir's bald merken, fönnten's aber nicht wehren. Der Leser selber kennt ja einige dies fer Sternbilder, den Jakobsstab, den Heerwagen, die Gluckhenne, oder das Siebengestirn, und sollte es auch bald merken, wenn einer von ihren Sternen nicht einhalten wollte. Allein das ist alles noch nichts, sondern es gibt noch viel mehr Sterne, die wir nicht sehen, als die wir sehen. Wo zwischen zwey oder dreyen dem bloßen Auge alles ode und leer zu seyn scheint; schaut ihr durch ein rechtschaffenes Perspektiv, so funkeln cuch noch mehr als 20 neue himmlische Lichtlein entgegen. Kennen wir nicht alle die Milchstraße, die wie ein breiter flatternder Gürtel den Himmel umwindet. Sie gleicht einem ewigen Nebelsircif, den eine schwache Helle durchschimmert. Aber durch die Gläser der Sternseher betrachtet, löset sich dieser ganze herrliche Lichtnebel in unzählige kleine Sterne auf, wie wenn man zum Fenster hinaus an den Berg schaut, und nur grüne Farbe siebt, aber schon durch ein gemeines Perspektiv erblickt man Baum an Baum, und Laub an Laub, und das Zahlen låst man auch bleiben. Ja es ist glaublich, daß wenn ein Sternseher auf den lezten obersten Stern sich hinaufschwingen könnte, der von hier aus noch zu sehen ist, so würde er noch nicht am Ende seyn, sondern ein neuer Wunderhim 259 wel von Sternen und Milchstraßen würde sich vor seis wen Augen aufthun, bis ins unendliche hinaus. Was aber die Bewegung der Sterne betrifft, wenn man auch sagen will, sie gehen auf und unter, so ges ben sie doch nicht alle auf und unter, sondern wenn man sich gegen Norden stellt, wo der Winter und die Russen herkommen, und halbwegs am Himmel hins aufschaut, nicht gar weit vom großen Heerwagen, dort steht ein Stern, der sich nicht sonderlich bewegt und der Angelstern oder Polarstern heißt, der Herr Pfarrer kennt ihn. Auf diesen schauen die andern Sterne bis zum Thierkreis oder den 12 Zeichen hinaus, als auf ihren Flügelmann oder ihr Centrum, und drehen sich um ihn herum. Die nähern drehen sich in kleinern Kreisen um ihn herum, also, daß sie auch nie untergehen. Deswegen kann man z. B. den Heerwagen, Sommer und Winter die ganze Nacht sehen, bald über bald unter dem Angelstern. Aber die entfernteren in ihren großen Kreisen müssen schon unten um die Erde herumgehen, und auf der andern Seite wieder hinauf. Also kann man z. B. das Siebengestirn nicht immer sehen. Wenn es uns ten ist, kann man es nicht sehen. Stellt man sich aber gegen Süden, wo der Sommer, die Mohren und die Storken herkommen, dem Angelstern gegens über, eben so tief unter uns, als dieser über uns, steht wieder so ein Angelstern, der sich gar nicht bes wegt. Auf den schauen die Sterne, die jenseits des Thierkreises stehen, und bewegen sich auch um ihn berum, immer in kleinern Kreisen, je näher sie ihm kommen, ganz so, wie bier zu Land. Allein das alles ist im Grunde doch nur Schein. 260 In der That selbst aber ist es, wie hier folgt. Die Erde hångt rings um zwischen lauter himmlischen Sternen ohne Zahl und ohne Ende, und wie? Es wäre dem Hausfreund lieb, wenn sich der geneigte Les ser noch erinnern wollte an alles was über die Are der Erde, über ihr Umdrehen derselben und über ihre Pole früher gesagt worden ist. Denn der eine Pol der Erde, unserm, dem wir am nächsten sind, schaut gegen den obern Polarstern am Himmel nicht ganz, aber ungefähr der andere Pol der Erde schaut gegen. den andern Polarstern am Himmel, den wir hie zu Land und auf unsern Bergen nie sehen, gegen den untern, und die Are, oder Spindel, welche gleich sam durch die Erde hindurch geht, es geht keine durch, aber wenn sie durchgienge, und unten und oben bis in die Sterne binausreichte, so würde sie sich in die zwey Polarsterne am Himmet hineinbohren, und sich in ihnen sammt der Erde gleichsam als in ihrem Gewinde umdrehen, und so dreht sich die Erde wirks lich herum, daß immer die Pole gegen die Polarsterne. schauen. Daraus folgt, wie wir meynen die Sonne geht in 24 Stunden um die Erde herum, so meynen wir, alle Sterne gehn auch in größern und kleinern Cirkeln um die Erde berum. Aber nein. Die Erde vollendet in 24 Stunden ihren Wirbel um sich selbst, und kommt so an den Sternen vorbey, nicht die Sterne an ihr. Doch darauf kommt so viel nicht an. Aber der geneigte Leser glaubts nicht. Ich weiß es schon. 261 Seltsame Ehescheidung. Ein junger Schweizer aus Ballstall kam in spanische Dienste, hielt sich gut, und erwarb sich einiges Vermögen. Als es ihm aber zu wohl war, dachte cr: Will ich, oder will ich nicht?- Endlich wollte er, nahm eine hübsche wohlhabende Spanierin zur Frau, und machte damit seinen guten Tagen ein Ende. Denn in den spanischen Haushaltungen ist die Frau der Herr, ein guter Freund der Mann, und der Mann ist die Magd. Als nun das arme Blut der Sclaveren und Drang salirung bald müde war, fieng er an, als wenn er nichts damit meinte, und rühmte ihr das fröhliche Leben in der Schweiß, und die goldenen Berge darinn, er meynte die Schneeberge im Sonnenglaßt jenseits der Clus, und wie man luftig nach Einsiedeln wallfahrten könne, und schön beten in Safeln am Grabe des heiligen Bruders Niklas von der Flue, und was für ein großes Vermögen er daheim besize, aber es werde ihm nicht verabfolgt aus dem Land. Da wäs serte endlich der Spanierin der Mund nach dem schdnen Land und Gut, und es war ihr recht, ihr Vers mögen zu Geld zu machen, und mit ihm zu ziehen in seine goldene Heimath. Also zogen sie miteinander über das große Pyrenäische Gebirg bis an den Gränz stein, der das Reich Hispania von Frankreich schei det; sie mit dem Geld auf einem Esel, er nebenher zu Fuß. Als sie aber vorüber an dem Gränzstein waren, sagte er: Frau, wenns dir recht ist, bis hie. her haben wirs spanisch mit einander getrieben, von jezt an treiben wir's deutsch. Bist du von Madrit 262 bis an den Marfstein geritten, und ich bin dir zu Fuß nachgetrabt den langen Berg hinauf, so reit ich jezt von bier weg bis gen Ballstall, Canton Solothurn, und das Fußgehen ist an dir. Als sie darüber sich ungeberdig stelite, und schimpfte und drohte, und nicht von dem Thierlein herunter wollte:„ Frau das verstehst du noch nicht, sagte er, und ich nehme dirs nicht übel,« sondern hieb an dem Weg einen tüchtigen Stecken ab, und las ihr damit ein langes Kapitel aus dem Ballstaller Ehe und Männerrecht vor, und als sie alles wohl verstanden hatte, fragte er sie: Willst du jezt mit welsche Here und gut thun, oder willst du wieder hin wo du hergekommen bist? Da sagte sie schluchzend: wo ich hergekommen bin, und das war ihm auch das liebste. Also theilte mit ihr der ehrliche Schweizer das Vermögen, und trennten sich von einander an diesem Granzstein weib licher Rechte, wie einmal ein bekanntes Buch. lein in der Welt geheißen hat, und jedes zog wic der in seine Heimath. Deinen Landsmann, sagte er, auf dem du hergeritten bist, kannst du auch wieder mitnehmen. Merke: Jm Reich Hispania machens die Weiber zu arg, aber in Ballstall doch auch manchmal die Männer. Ein Mann soll seine Frau nie schlagen, sonst verunehrt er sich selber. Denn ihr seyd Ein Leib. Der listige Steyermarker. In Steyermark, ein wenig abhanden von der Straße, dachte ein reicher Bauer im lezten Krieg: 263 Wie fang ichs an, daß ich meine Kronenthaler und meine Dukátlein rette in dieser bösen Zeit? Die Kais ferin Maria Theresia ist mir noch so lieb, tröst ke Gott, und der Kaiser Joseph, tröst ihn Gott, und der Kaiser Franz, Gott schenk ihm Leben und Ges sundheit. Und wenn man meynt, man habe die lies ben Herrschaften noch so gut verborgen und geflüchtet, so riecht sie der Feind, sobald er die Nase ins Dorf streckt, und führt sie in die Gefangenschaft ins Lothringen oder in die Champagne; daß einem armen Uns terthanen das Herz dabey bluten möchte vor Patrio tismus. Jezt weiß ich, sagt er, wie ichs anfange, und trug das Geld bei dunkler blinder Nacht in den Krautgarten. Das Siebengestirn verrathet mich nicht, fagte er. Jm Krautgarten legte er das Geld gerade. zu zwischen die Gelveieleinstöcke und die spanischen Wicken. Nebendran grub er ein Loch in das Weglein zwischen den Beeten, und warf allen Grund daraus auf das Geld, und zertrat rings herum die schö nen Blumenstöcke und das Mangoldkraut, wie einer, der Sauerkraut einstampft. Am Montag drauf streiften schon die Chasseurs im ganzen Revier ,, und am Donnerstag kam eine Parthie ins Dorf frisch auf die Mühle zu, und aus der Mühle mit weißen Ellenbo ible zu, und gen zu unserm Bauern: und„ Geld her Buur, rief ihm ein Sundgauer mit blankem Säbel entgegen, oder bet' dein leztes Vaterunser." Der Bauer sagte, sie möchten nehmen, was sie in Gottes Namen noch finden. Er habe nichts mehr, es sey gestern und vorgestern schon alles in die Rapuse gegangen. Vor euch kann man etwas verbergen, sagt er, ihr seyd die rech ten. Als sie nichts fanden auffer ein paar Kupfera 264 kreuzer und einen vergoldeten Sechser mit dem Bildniß der Kaiserin Maria Theresia und ein Ringlein dran zum Anhängen, Buur, sagte der Sundgauer, du hast dein Geld verlochet, auf der Stelle zeig, wo du dein Geld versocht hast, oder du gehst ohne dein leztes Vaterunser aus der Welt. Auf der Stelle kann ichs euch nicht zeigen, sagte der Bauer, so sauer mich der Gang ankommt, sondern ihr müßt mit mir in den Krautgarten gehn. Dort will ich euch zeigen, wo ich es verborgen hatte, und wie es mir ergangen ist. Der Herr Feind ist schon gestern und vorgestern da gewesen, und habens gefunden und alles geholt. Die Chasseure nahmen den Augenschein im Garten ein, fanden alles, wie es der Mann angegeben hatte, und keiner dachte daran, daß das Geld unter dem Grundbaufen liegt, sondern jeder schaute in das leere Loch und dachte: War' ich nur früher gekommen. båtten sie nur die schönen Gelveieleinstöcke und den Goldlack nicht so verderbt, sagte der Bauer, und so bintergieng er diese und alle, die noch nach kamen, und hat auf diese Art das ganze erzberzogliche Haus, den Kayser Franz, den Kaiser Joseph, die Kaiserin Maria Theresia, und den allerhöchstseligen Herrn Leopold den ersten, gerettet, und glücklich im Land behalten.' Etwas aus der Türkey. Und In der Türkey ist Justiz. Ein Kaufmannsdiener, auf der Reise von der Nacht und Müdigkeit überfals len, bindet sein Pferd, so mit kostbaren Waaren beLaden war, nimmer weit von einem Wachthaus an 205 einen Baum, legt sich selber unter das Obdach des Baums, und schläft ein. Früh als ihn die Morgenluft und der Wachtelschlag weckte, hatte er gut ges schlafen, aber das Rößlein war fort. Da cilte der Beraubte zu dem Statthalter der Provinz, nemlich zu dem Prinzen Carosman Oglu, der in der Nähe sich aufbielt und klagte vor seinem Richterstuhl seine Noth. Der Prinz gab ihm wenig Gehör. So nahe bey dem Wachthaus, warum bist du nicht die fünfzig Schritte weiter geritten, so wärest du sicher gewesen. Es ist deines Leichtsinns Schuld." Da sagte der Kaufmannsdiener;» Gerech ter Prinz, bab ich mich fürchten sollen, unter freyem. Himmel zu schlafen in einem Lande wo du regierst? Das that dem Prinzen Carosman wohl und wurmte ihm zugleich." Trink heute Nacht ein Glåslein turkischen Schnaps, sagte er zu dem Kaufmannsdiener, und schlafe noch einmal unter dem Baum," So ges sagt, so gethan. Des andern Morgens als ihn die Morgenluft und der Wachtelschlag weckte, hatte er auch gut geschlafen, denn das Rößlein stand mit allen Kostbarkeiten wieder angebunden neben ihm, und an dem Baum hieng ein todter Mensch, der Dieb, und sah das Morgenroth nimmer mehr. Bäume gab es noch an manchen Orten, große und kleine. Das bequeme Schilderhaus. Ein Schilderhaus batte wie gewöhnlich auf beis den Seiten runde Oeffnungen zum Durchschauen, die etwas groß waren. Dem Rekruten der drin stand, 266 war daher der Luftzug etwas zu lebhaft. Also cr, suchte er nach der Ablösung den Unterofficier, obs nicht besser wäre, wenn man diese Deffnungen mit ein paar Brettlein vernagelte. Der Unterofficier strich den Bart und sagte: Nein das geht nicht an, wegen dem Winter. Im Winter kommen Ermel hinein, im Sommer ists ein Camisol. Also streckte der Rekrut, als er wieder auf den Posten kam, die Hände hindurch, und sagte, iezt sey er erst gern Militär, weil er sehe, daß man doch auch für die Bequemlichkeit des Mannes sorge. Wie der ZundelFrieder eines Tages aus dem Zuchts haus entwich und glücklich über die Gränzen kam. Eines Tages als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte, und dachte: ,, ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken," und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voran flogen, ges langte er Abends noch unbeschricen an ein Städtlein an der Gränze. Als ihn bier die Schildwache an halten wollte, wer er sey, und wie er hieße, und was er im Schilde führe;„ Könnt ihr polnisch? c fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt:„ Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber polnisches bin ich noch nicht darunter gea wahr worden." Wenn das ist," sagte der Frieder, so werden wir uns schlecht gegeneinander expliciren können. Ob kein Officier oder Wachtmeister am Thor sey?" Die Schildwache holt den Thorwachter, es sey ein Polack an dem Schlagbaum, gegen. den sie sich schlecht expliciren könne. Der Thorwach 267 ter fam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel polnisch verstehe er auch nicht. Es geht hie zu Land nicht stark ab, fagte er, und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand seyn, der capabel wäre, es zu dolmetschen." Wenn ich das wüßte,< sagte der Frieder, und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, fo wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kömmt der Mond." Der Thorhüter sagte: Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn ihr gerade durchpassirtet, ohne euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß, und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Thor hin ein. Im Stadtlein hielt er sich nicht länger auf, als nöthig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben.„ In cuch Gänse," sagte er, sist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenns Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht." Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals, und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekann ten geliehen hatte. Als er aber an das andere Thor gelangte, und auch bier dem Landfrieden nicht trans te, drei Schritte von dem Schilderhaus als sich ins wendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: Wer da! der Söldner amwortete in aller Gutmüthigkeit: Gut Freund! Al. so kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus, und über die Gränzen. 268 Die leichteste Todesstrafe. Man hat gemeynt, die Güllotine sey's. Aber nein! Ein Mann, der sonst seinem Vaterland viele Dienste geleistet hatte, und bey dem Fürsten wohl angeschrieben war, wurde wegen eines Verbrechens, das er in der Leidenschaft begangen hatte, zum Tode verurtheilt. Da half nicht bitten, nicht beten. Weil er aber sonst bey dem Fürsten wohl angeschrieben war, lies ihm derselbe die Wahl, wie er am liebsten sterben wolle, denn welche Todesart er wählen würde, die sollte ihm werden. Also kam zu ihm in den Thurn der Oberamtsschreiber, der Herzog will euch eine Gnade erweisen. Wenn ihr wollt gerådert seyn, will er euch rådern lassen; wenn ihr wollt gehenkt seyn, will er euch henken lassen, es hängen zwar schon zwey am Galgen, aber bekanntlich ist er dreischläferig. Wenn ihr aber wollt lieber Rattenpulver essen, der Apos theker hat. Denn welche Todesart ihr wählen werdet, sagt der Herzog, die soll euch werden. Aber sterben müßt ihr, das werdet ihr wissen." Da sagte der Malefikant:„ Wenn ich denn doch sterben muß, das Rådern ist ein biegsamer Tod, und das Henken, wenn besonders der Wind geht, ein beweglicher. Aber ihr verstehts doch nicht recht. Meines Orts, ich habe immer geglaubt, der Tod aus Altersschwäche sey der sanfteste, und den will ich denn auch wählen, weil mir der Herzog die Wahl läßt, und keinen andern," und dabey blieb er, und ließ sichs nicht ausreden. Da mußte man ihn wieder laufen und fortleben lassen, bis er an Altersschwäche selber starb. Denn der Herzog sagte: Ich habe mein Wort gegeben, so will ichs auch nicht brechen. 269 Dies Stücklein ist von der Schwiegermutter, die niemand gerne umkommen läßt, wenn sie ihn retten kann. Mühliche Lehren. I. Ende gut, alles gut. Ist nicht so zu verstes hen: Wenn du ein Jahr lang in einem Hause zu blei ben hast, so führe dich 364 Tage lang bengelhaft auf, und am 31sten December werde manierlich. Sondern es giebt Leute, die manierlich seyn können bis ans En. de, und wenns nimmer lang währt, so werden sie ungezogen, trokig, sagen: ich bin froh, daß es nimmer lang währt, und die andern denkens auch. Für diese ist das Sprichwort. Item, es gibt Dinge, ob sie gut oder bös sind, fann erst das Ende lehren. 3. B. du bist krank, möch test gern essen, was dir der Arzt verbietet, gern auf die Gasse gießen, was du trinken mußt, aber du wirst gesund oder du bist in der Lehre, und meynst manchmal, der Lehrherr sey wunderlich, aber du wirst durch seine Wunderlichkeit ein geschickter Weißgerber oder Orgelmacher; oder du bist im Zuchthaus, der Zuchtmeister könnte dir wohl die Suppe fetter machen, aber du wirst durch Wasser und Brod nicht nur gesättigt, sondern auch gebessert. Dann lehrt das gute Ende: daß alles gut war. 2. Gott grüßt manchen der ihm nicht dankt. 3. B. wenn dich früh die Sonne zu einem neuen kräftigen Leben weckt, so bietet er dir: Gus 270 ten Morgen. Wenn sich Abends dein Auge zum erquicklichen Schlummer schliesset: gute Nacht. Wenn du mit gesunden Appctit dich zur Mahlzeit se Best, sagt er: wohl bekomms. Wenn du eine Gefahr noch zu rechter Zeit entdeckt, so sagt er, Nimm dich in Acht junges Kind, oder altes Kind und kehre lieber wieder um. Wenn du am schönen Maitag im Bluthendust und Lerchengesang spazieren gebst, und es ist dir wohl, sagt er: Sey willkommen in meinem Schlof garten. Oder du denkst an nichts und es wird dir auf einmal wunderlich im Herzen, und naß in den Augen, und denkst, ich will doch anders werden, als ich bin, so sagt er: Merkst du wer bei dir ist? Oder du gehst an einem offnen Grab vorbey, und es schauert dich, so denkt er just nicht daran, daß du lutherisch oder reformirt bist, und sagt: Gelobt sey Jesus Christ! Also grüßt Gott manchen, der ihm nicht antwortet und nicht dankt. Man muß mit den Wolfen heulen. Das heißt: Wenn man zu unvernünftigen Leuten kommt, muß man auch unvernünftig thun, wie sie. Merke: Nein! Sondern erstlich, du sollst dich nicht unter die Wolfe mischen, sondern ihnen aus dem Weg gehn. Zweitens, wenn du ihnen nicht entweichen kannst, so sollst du sagen: Ich bin ein Mensch und fein Wolf. Ich kann nicht so schön beulen, wie ihr. Drits tens: Wenn du meynst, es sey nimmer anders von ihnen loszukommen, so will der Hausfreund erlauben, ein oder zweimal mit zu bellen, aber du sollst nicht mit ihnen beißen, und andrer Leute Schafe fressen. Sonst 271 fommt zuletzt der Jäger, und du wirst mit ihnen geschoffen. Die Fix fterne. Forsehung. Was bisher über die Fixsterne gesagt worden ist, kann zum Theil mit dem leiblichen Auge gesehen und erkannt werden. Allein das Auge des Verstandes sicht mehr als das Auge des Leibes. Erstlich die Firßterne sind so weit von uns ent fernt, daß gar kein Mittel mehr möglich ist, ihre ungebeure Entfernung auszurechnen. Merke: der nächs ste Firstern bei uns ist ohne Zweifel der Sirius oder. Hundsstern, den der Herr Pfarrer auch fennt. Man schließt es aus seiner Größe und aus seinem wuns derschönen Glanz, mit dem er vor allen andern Sters nen herausstrahlt. Dessen ungeachtet muß er doch zum allerwenigsten 27,664 mal weiter von uns entfernt seyn, als die Sonne, denn wenn er näher wäre, so könnte mans wissen, und eine Kanonenkugel im Sirius abgeschossen, müßte mit gleicher Geschwindigkeit mehr als 600,000 Jahre lang fliegen, che sie die Erde ers reichte. Ja man könnte noch viel mehr sagen. Aber dies soll genug seyn, sonst glaubts der geneigte Leser nicht. Eben so weit als der Sirius von der Erde entfernt ist, eben so weit ungefähr ist er von der Sonne entfernt. Denn auf ein paar Millionen Meilen kommts hier gar nicht an. Zweytens der Sirius, der aus einer so uners meßlichen Weite doch noch so groß aussicht, und so ein strahlendes Licht zu uns herab wirft, muß in seis 272 ner Heimath wenigstens eben so groß, nein er muß • noch viel größer als die Sonne, und folglich selber eine glorreiche sirahlende Sonne seyn. Das kann nicht fehlen. Haben wir aber Ursache, für gewiß. zu glauben, der Sirius sei daheim eine Sonne, so haben wir Ursache zu glauben, jeder andere Firstern sey auch eine Sonne. Denn wenn sie uns auch noch so viel kleiner erscheinen, so sind sie nur noch so viel weiter von uns entfert. Aber alle strahlen in ihrem eigenthümlichen ewigen Lichte, oder wo hätten sie's sonst her? Drittens die Entfernung unserer Sonne von dem Sirius dient uns nun zu einem muthmaßlichen Maaßstab, wie weit eine himmlische Sonne oder ein Stern von dem andern entfernt sey. Denn wenn zwischen unserer Sonne und der Sirius Sonne ein Zwischenraum ist, den eine Kanonenkugel in 600,000 Jahren nicht durchfliegen könnte, so kann man wohl glauben, daß die andern Sonnen auch eben so weit iede von der nächsten entfernt sey, bis zur oberstern Milchs straße hinauf, wo sie so klein scheinen und so nabe beyeinander, daß uns ein paar hundert von ihnen zusams men kaum aussehen wie ein Nebelfleck, den man mit eis nem badischen Sechskreuzzerstück bedecken könnte. Es gehört nicht viel Verstand dazu, daß er einem still stehe. Wenn man nun viertens das alles bedenkt, so will es nicht scheinen, daß alle diese zahllosen Sterne, zumal dies jenigen, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, nur wegen uns erschaffen worden waren, und damit der Kalendermacher für des Lesers Geld etwas darüber 273 schreiben könnte. Wie wenn man in der fremden Stadt auf einer Pilgerreise über Nacht ist, und siebe zum erstenmal durch das Fensterlein der Schlafkammer heraus, rechts und links und über 20 Häuser hinaus, scht man noch viel solche Lichter abermal brennen, wie in dem Schlafftüblein auch eins schimmert. Ge neigter Pilger, diese Lichter sind nicht wegen deiner angezündet, daß es in dem Schlafstüblein iustig auss sebe, sondern jedes diefer Lichter erleuchtet eine Stube, und es sizen Leute dabey und lesen die Zeitung, oder den Abendsegen, oder sie spinnen und stricken, oder spielen Trumpfaus, und das Biblein macht ein Rech nungserempel aus der Regel Detri. Gleicherweise wollen verständige Leute glauben, wo in einer solchen Entfernung von uns, in einer sols chen Entfernung von einander so unzählige prachts volle Sonnenstrahlen, da müssen auch Planeten und Erdkörper zu einer jeden derselben gehören, welche von ihr Licht und Wärme und Freude empfangen, wie unsere Planeten von unserer Sonne, und es müssen darauf lebendige und vernünftige Geschöpfe wohnen, wie auf unserer Erde, die sich des himmlischen Lich tes erfreuen und ihren Schöpfer anbeten, und wenn fie etwa bey Nacht in den glanzvollen Himmel heraus. fchauen, wer weiß, so erblicken sie auch unsere Sonne wie ein kleines Sternlein, aber unsere Erde sehen sie nicht, und wissen nichts davon, daß in Oestreich Krieg war, und daß die Türken die Schlacht bey Silistria gewonnen haben. Sie sehen nicht die Schönheit unserer Erde, wenn der Frühling voll Blüthen und Sommervögel an allen Baumen und Hecken hängt und wir sehen die Schönheit ihres himmlischen Frühlings Gebels Schaßfäßtein. 18 274 nicht. Aber der ewige und allmächtige Geist, der alle diese Lichter angezündet hat, und alle die Heere von Weltkörpern in den Händen trägt, sichr das Kindlein lächeln auf der Mutter Schoos, und die Braut weinen um des Bräutigams Tod, und umfaßt die Erde und den Himmel und aller Himmel Himmel mit Liebe und Erbarmung. Seines Orts dem Hausfreund, wenn er den Sternenhimmel betrachtet, es wird ihm zu Muth, als wenn er in die göttliche Vorsehung hineinschaute, und jeder Stern verwandelt sich in ein Sprüchlein. Der erste sagt: Deine Jahre wäh ren für und für, du bast vorbin die Erde gegründet und simmel sind deiner die Hände Wert. Der zweyte sagt: Bin ich nicht ein Gott der nahe ist, spricht der Herr, und nicht ein Gott der ferne fey? Mey nest du, daß sich jemand so heimlich vers bergen könne? Der Dritte fagt: Herr du era forschest mich und kennest mich, und sies best alle meine Wege. Der vierte sagt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und Adams Kind, daß du dich sein annimmst? Der fünfte sagt: Und ob auch eine Mutter ihres Kindes vergaße, so will ich doch deis ner nicht vergessen: spricht der Herr. Deswegen hat der Hausfreund im Kapitel von den Kometen geschrieben, unten am Ende: Die Sterne die zum Beschluß sollen erklärt werden, bedeuten ins gesammt Friede und Liebe und Gottes allmächtigen Schuß. Er weiß noch wohl, was er geschrieben hat. 275 Die Bekehrung. Zwey Brüder im Westphälinger Land lebten mits einander in Frieden und Liebe, bis einmal der jüns gere lutherisch blieb, und der ältere katholisch wurde. Als der jüngere lutherisch blieb und der ältere fas tholisch wurde, thaten sie sich alles Herzeleid an. ZuTezt schickte der Vater den katholischen als Ladendies ner in die Fremde. Erst nach einigen Jahren schrieb cr zum erstenmal an seinen Bruder.„ Bruder,« schrieb er, es geht mir doch im Kopf berum, daß wir nicht Einen Glauben haben, und nicht in den nemlichen Himmel kommen sollen, vielleicht in gar feis nen. Kannst du mich wieder lutherisch machen, wohl und gut, kann ich dich katholisch machen, desto bes ser." Also beschied er ihn in den rothen Adler nach Neuwied, wo er wegen einem Geschäft durchreiste. Dort wollen wirs ausmachen." In den ersten Tas gen famen fie nicht weit miteinander. Schalt der lutherische:„ der Pabst ist der Antichrist," schalt der katholische:„ Luther ist der Widerchrist." Berief sich der katholische auf den heiligen Augustin, sagte der lutherische:„ Ich hab nichts gegen ihn, er mag ein gelehrter Herr gewesen seyn, aber beim ersten Pfingsts fest zu Jerusalem war er nicht dabey." Aver ant Samstag aß schon der Lutherische mit seinem Bruder Fastenspeise. Bruder,« sagte er, der Stockfisch schmeckt nicht giftig zu den durchgeschlagenen Erbsen;" und Abends gieng schon der Katholische mit seinem Bruder in die lutherische Vesper. Bruder, sagte er, seuer Schulmeister singt keinen schlechten Tremus lant. Den andern Tag wollten sie miteinander zu» 276 erst in die Frühmesse, darnach in die lutherische Pre digt, und was sie alsdann bis von heut über acht Tage der liebe Gott vermahnt, das wollten sie thun. Als sie aber aus der Vesper und aus dem grünen Baum nach Hause kamen, ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht. Denn der Ladendiener fand einen zornigen Brief von seinem Herrn.„ Augenblicklich fezt eure Reise fort. Hab ich euch auf eine Tridens ter Kirchenversammlung nach Neuwied geschickt, oder sollt ihr nicht vielmehr die Musterkarte reiten?" Und der andere fand einen Brief von seinem Vater: Lies ber Sohn komm heim sobald du kannst, du mußt spieken. Also giengen sie noch den nemlichen Abend un verrichteter Sachen auseinander, und dachten jeder für sich nach was er von dem andern gehört hatte. Nach sechs Wochen schreibt der jüngere dem Ladendiener einen Brief: Bruder deine Gründe haben mich unterdesfen vollkommen überzeugt. Ich bin jezt auch katholisch. Den Eltern ist es insofern recht. Aber dem Vater darf ich nimmer unter die Augen kommen.< Da ergriff der Bruder voll Schmerz und Unwillen die Feder. Du Kind des Zorns und der Ungnade, willst du denn mit Gewalt in die Verdammniß rennen, daß du die seligmachende Religion verläugnest? Gestrigs Tags bin ich wieder lutherisch worden." Also hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der Lutherische hat den katholischen befehrt, und war nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer. Merke: du sollst nicht über die Religion grübeln und düfteln, damit du nicht deines Glaubens Kraft verlierst. Auch sollst du nicht mit Andersdenkenden darüber disputiren, am wenigsten mit solchen, die es 277 eben so wenig verstehen als du, noch weniger mit Gelehrten, denn die besiegen dich durch ihre Gelehrfamkeit und Kunst, nicht durch deine Ueberzeugung, Sondern du sollst deines Glaubens leben, und was gerade ist, nicht krumm machen. Es sey dann, daß Dich dein Gewissen selber treibt zu schanschieren. Der fremde Herr. Einem Schneider in der Stadt waren seit ein paar Fahren die Nadeln ein wenig verrostet, und die Scheere zusammengewachsen, also náhrt er sich, so gut er fann. Gevatter sagt zu ihm der Peruckenmacher, ihr tragt nicht gerne schwer; wollt ihr nicht dem Herrn Dechant von Brassenheim eine neue Perücke bringen in einer Schachtel? Sie ist leicht, und er zahlt euch den Gang. Gevatter, sagt der Schneider, es ist ohnedem Jahrmarkt in Brassenheim. Leiht mir die Kleider, die euch der irrende Nitter im Versatz gelassen hat, der euch angeschmiert hat, so stell ich auf dem Jahrmarkt etwas vor. - Der Adjunkt hat die Tugend, wenn er auf drey Stunden im Revier einen Markt weiß, so ist ihm der Gang auch nicht zu weit, und ist er von dem Hausfreund wohl bezahlt, so giebt er dem Jahrmarkt viel zu lösen für neue weltliche Lieder und feine Damass cener Maultrommeln. Also saß jezt der Adjunkt auch zu Brassenheim im wilden Mann und musterte die Lie. der: Erstes Lied: Ein Lammlein trank vom frischen 2c. Zweites Lied: Schönstes Hirsch, lein über die Massen 2c. Drittes Lied: Kein schöner Leben auf Erden c. und probirte die כל 278 Trommeln, Kommt auf einmal der Schneider her. ein mit rothem Rock, hirschledernen Beinkleidern, Halbstiefeln und Zotteln daran, und zwey Sporen. Der Wirth zog höflich die Kappe ab, die Gäste auch, und„ bat euch Herr Ritter, der Hausknecht das Pferd schon in den Stall geführt?" fragt ihn der Wirth. Mein Normander, der Scheck?" sagte der Schneider. Ich hab ihn au Cerf cingestellt im Hir. schen. Ich will hier nur ein Schöpplein trinfen. Ich bin der berühmte Adelstan und reise auf Menschenkenntniß und Weinkunde;» Plaz da!" sagte er zum Adiunkt. Holla," denkt der Adjunkt, der meont auch, grob sey vornehm. Was gilts, er ist nicht weit her?" Als aber der Schneider die Gerte breit über den Tisch legte, und räusperte sich wie ein Kameel und betrachtete die Leute mit einem Brenngles und den Adjunkt auch, steht der Adjunkt langsam auf und sagt dem Wirth etwas halbiaut in das Ohr. Ein Ehninger der es hörte, sagt:„ Herr Landsmann, ihr fend auf der rechten Spur. Ich hab ihn gesehn die Stiefel am Bach abwaschen, und eine Gerte schneis den. Er ist zu Fuß gekommen. Ein Scheerenschleifer sagte:„ Ich kenn ihn wohl, er ist einmal ein Schneider sewesen. Jest bat er sich zur Ruh' geseizt und thut Botengånge um den Lohn." Also geht der Wirth ein wenig hinaus und kommt wieder herein." So kann denn doch kein hiesiger Markt ohne ein U glück vorübergehen," sagt er im Hereinkommen. Da suchen die Hatschirer in allen Wirthshäusern einen Herrn in einem rothen Rocke, der heute durch die Dörfer gallopirt ist, und ein Kind zu todt gerit, ten hat." Da schauten alle Gåste den Ritter Adel, 279 ftan an, der fagte in der Angst: Mein Rock ist eher gelb als roth." Aber der Ehninger sagte: Nein, aber euer Gesicht ist eher blaß als gelb, und hat auf einmal viel Schweißtropfen darauf geregnet. Gestehts ihr seyd nicht geritten." Doch er ist geritten," sagte der Wirth; ich hab ihm eben das Roß draußen angebunden. Es ist losgerissen im Hirsch, und sucht ihn. Hat nicht euce Normånder die Mähnen unten am Hals; und gespaltene Hufe, und wenn er wichert sollte man schier nicht meynen, daß es ein Ros ist? Zahlt euer Schöpplein und reitet ordentlich heim." Als er aber vor das Haus kam, und den Normander sah, den ihm der Wirth an die Thüre gebunden hat, wollte er nicht auffigen, sondern gieng zu Fuß zum Flecken heraus, und wurde von den Gästen entschlich verhöhnt. Merke: Man muß nie mehr scheinen wollen, als man ist, und als man sich zu bleiben getrauen kann, wegen der Zukunft. Theures Spaßlein. Man muß mit Wirthen keinen Spaß und Muthwillen treiben, sonst kommt man unversehens an den Unrechten. Einer in Basel will ein Glas Bier trin ken, das Bier war sauer, zog ihm den Mund zusam men, daß ihm die Ohren bis auf die Backen bervor kamen. Um es auf eine wißige Art an den Tag zu legen und den Wirth vor den Gästen lächerlich zu machen, sagte er nicht, das Bier ist sauer," sondern Frau Wirthin, sagte er, könnt ich nicht ein wenig Salat und Oehl zu meinem Bier haben?" 280 Die Wirthin fagte: in Basel kann man für Geld alYes baben," strickte aber noch ein wenig fort, als wenn fie's wenig achtete, denn sie war eben am Zwickel. Nach einigen Minuten, als unterdessen die Gäste miteinander discurirten, und einer sagte: Habt ihr gestern das Kameel auch gesehen und den Affen?" ein anderer sagte: es ist kein Kameel, es ist ein Trampelthier;" sagte die Wirthin, mit Erlaubniß" und deckte eine schneeweiße Serviette vom feinsten Gee bilde auf den Tisch. Jeder glaubte, der andere habe ein Bratwurstlein bestellt, oder etwas, und es ist doch ein Kameel," sagte ein Dritter, denn es ist weiß, die Trampelthiere sind braun." Unterdeffen kam die Wirthin wieder mit einem Teller voll zarter Cucummerlein aus dem marggråvischen Garten, and dem Treibhaus, fein geschnitten, wie Postpapier, und mit dem kostbarsten genueßschen Baumol angemacht, und sagte zu dem Gast mit spöttischem Lächeln: ,, Ists gefällig?" Also lachten die Andern nicht mehr den Wirth aus, sondern den Gast, und wer wohl oder übel seinen Spaß mit zchen Bazen, fünf Rappen Basler Währung bezahlen mußte, war er. Der General Feldmarschall Suwarow, = Das Stücklein von Suwarow wie er sein eigenes Commando respektirte, hat dem geneigten Leser nicht übel gefallen. Von ihm selber wäre viel anmuthiges zu erzählen. Wenn ein vornehmer Herr nicht hochmüthig ist, sondern redet auch mit geringen Leuten, und stellt sich manchmal als wenn er nur ihres gleichen wäre, 281 so sagt man zu seinem Lob: er ist ein gemeiner Herr. Suwarow fonnte manchen schimmernden Ordensstern an die Brust hången, manchen Diamantring an die Finger stecken, und aus mancher goldenen Dose Ta. back schnupfen. War er nicht Sieger in Polen und in der Türkey, russischer General Feldmarschall und Fürst, und an der Spitze von dreimalhunderttausend Mann, so viel als feines gleichen ein anderer? Aber bey dem allen war er ein sehr gemeiner Herr. Wenn es nicht seyn mußte, so kleidete er sich nie es wie ein General, sondern wie es ihm bequem war. Manchmal, wenn er kommandirte, so batte er nur Einen Stiefel an. An dem andern Bein hieng ihm der Strumpf herunter und die Beinkleider waren auf der Seite aufgefnüpft. Denn er hatte einen Scha den am Knie. Oft war er nicht einmal so gut gekleidet. Morgens, wenns noch so frisch war, gieng er aus dem Bett oder von der Streue weg, vor dem Zelt im Las ger spazieren, nakt und bloß wie Adam im Paradies, und ließ ein paar Eimer voll kaltes Wasser über sich herabgießen zur Erfrischung. Er hatte keinen Kammerdiener und feinen Heis duck, nur einen Knecht, feine Kutsche und kein Noß. In dem Treffen setzte er sich aufs nächste beste. Sein Essen war gemeine Soldatenkost. Niemand freute sich groß, wenn man von ihm zur Mittagss mahlzeit eingeladen wurde. Manchmal gieng er zu den gemeinen Soldaten ins Zelt, und war wie ihres Gleichen. Wenn ihn auf dem Marsch, oder im Lager, oder wo es war, etwas ankam, wo ein anderer an einen 282 - Baum steht, oder hinter eine Hecke geht, da machte er kurzen Prozeß. Seinetwegen durfte ihm jeders mann zuschauen, wers noch nie gesehen hat. Bei den vornehmsten Gelegenheiten, wenn er in der kostbarsten MarschallsUniform voll Ehrenkreuzen und Ordenssternen da stand, und wo man ihn ansah, von Gold and Silber funkelte und klingelte, trieb ers doch wie ein säuberlicher Bauer, der wegwirft, was ein Herr in die Rocktasche steckt. Er schneuzte die Nase mit den Fingern, strich die Finger am Er mel ab, und nahm alsdann wieder eine Prise aus der goldenen Dose. Also lebte der General und Fürst Italinsky Su. warow. Die zwei Postillione. Zwei Handesleute reisten oft auf der Extrapost von Fürth nach Hechingen, oder von Hechingen nach Fürth, wie jeden sein Geschäft ermahnte, und gab der eine dem Postillion ein schlechtes Trinkgeld, so gab ihm der andere kein gutes. Denn jeder sagte: Für was soll ich dem Postknecht einen Zwölfer schenfen? ich trag' ja nicht schwer daran." Die Postils lione aber, der von Dünkelsbühl und der von Ell, wangen fagten: ,, Wenn wir nur einmal den Herren einen Dienst erweisen könnten, daß sie spendaschlicher würden!" Eines Tages kommt der Fürther in Dunkelsbühl an, und will weiters. Der Postillion sagte zu seinem Cameraden: Fahr du den Passagier." Der Camerad sagte: Es ist an dir." Unterdessen faß der Reisende ganz geduldig in seinem offenen Elias 283 Als er fab, das und die Peitsche wagen, bis der Postillion auffag. der Postillion im Sattel recht saß erbob, sagte er: fahr zu Schwager! Werf er mich nicht um?" Am nemlichen Nachmittag fuhr auch der Hechinger von Ellwangen ab, und der Postillion dachte bey sich selbst: Wenn jezt nur mein Camerad von Dinkelsbühl mit dem Fürther auch auf dem Weg ware!" Indem er fährt, Berg auf Berg ab, nicht weit vom Segringer Zollhaus, wo dem Hausfreund und seinem Herr Bruder auch einmal die Haare ges schnitten worden sind, begegnen sie einander; keiner will dem andern ausweichen. Jeder sagt:„ Ich führe einen bonetten Herrn, feinen Pfennigschaber, wie du, dem seine Sechsbazenstücke aussehen wie Hildburghäuser Groschen." Endlich legte sich der Fürther auch in den Streit: Gott's Wunder!" sagte er; sollen wir noch einmal vierzig Jahr in der Wüste bleiben?" und schimpfte zuletzt den Ellwanger, daß ihm dieser mit der Peitsche einen Hich ins Gesicht gab. Der Dinkelsbühler sagt: ,, du sollst meinen Passagier nicht hauen, er ist mir anvertraut, und zahlt bonett, oder ich hau' den deinigen auch."- ,, Untersteh' dich und hau mir meinen Herrn!" sagte der Ellwanger. Also hieb der Dinkelsbühler des Ellwangers Passagier und der Ellwanger hieb des Dinkelsbüblers Passagier, und riefen einander in unaufhörlichem Zorn zu: Willst du meinen Herrn in Frieden lassen oder soll ich dir den deinigen ganz zu einem Lungenmus zusammenbauen?" und je schmerzlicher der eine Ach und der andere Weib schrie, desto kräftiger bicben die Postillione auf sie ein, bis sie des unbarmherzigen Spasses selber müde wur, den. Als sie aber auseinander waren und jeder wie. 284 der seines Weges fuhr, sagten die Postilltone zu ih rem Reisenden fo und so: Nicht wahr ich habe mich euer rechtschaffen angenommen? Mein Camerad wirds Niemand rühmen, wie ich ihm seinen Herren zerhauen habe. Aber diesmal kommt's cuch auch auf ein bes seres Trinkgeld nicht an. Wenn's der Fürst wüßte, fagte der Dinkelsbühler, es wäre ihm um einen Mard'or nicht leid." Er siebt darauf, daß man die Reisenden gut hält. eur Merke: es ist kein Geld schlechter exhaust, als was man armen Leuten am Lohn und Trinkgeld vor, enthält, und wofür man gchauen oder sonst verunchre wird. Für ein paar Groschen fann man viel Freunds lichkeit und guten Willen kaufen. Der betrogene Kramer, Ein Rubel ist in Rußland eine Silbermünze, und beträgt 27 Bazen hin oder her, ein Imperial aber ist h ein Goldstück und thut zehen Rubel, deswegen kann man wohl für einen Imperial einen Rubel bekommen, zum Beispiel, wenn man in den Karten neun Rubel verliert, aber nicht für einen Rubel einen Imperial. Allein ein schlauer Soldat in Moskau, fagte doch: was gilts? morgen auf dem Jahrmarkt will ich mit einem Rubel einen doppelten Imperial angeln." Als den andern Tag in langen Reihen von Kauflåden der Jahrmarkt aufgieng, vor allen Ständen standen schon die Leute, lobten und tadelten, beten ab und boten zu, und die Menge gieng auf und gieng ab, und die Knaben grüßten die Mägdlein, kommt auf einmal der Soldat mit einem Rubel in den Händen.» Wem gehört die. 285 ker Kaiserthaler, dieser Rubel? gehört er euch?" fragt er jeden Krämer an jedem Stand. Einer, der ohnehin nicht viel Geld löste, und lange zusah, dachte endlich: wenn dich dein Geld an die Finger brennt, die meis nigen sind nicht so blöde. Hieher Musketier, der Nu. bel ist mein." Der Soldat sagte:„ wenn ihr mir nicht gerufen håttet, ich hatt' euch schwerlich gefunden unter der Menge, und gibt ihm den Rubel. Der Kaufmann betrachtet ihn hin und her, und klingelt daran, ob er gut sey; ja er war gut, und steckt ihn in die Tasche. Seid so gut und gebt mir denn jezt auch meinen Imperial," sagte der Musketier. Der Kaufmann erwiederte: ich habe keinen Imperial von euch, so bin ich euch auch keinen schuldig Da habe ihr euren einfältigen Rubel wieded, wenn ihr nur Spaß wollt machen. Aber der Musketier sagte:„ meis nen zweifältigen Imperial gebt mir heraus, mein Spaß ist Ernst und die Marktwache, die Polizey wird zu fin den seyn. Ein Wort gab das andere, das glimpfliche gab das troßige, und das troßige gab das schnös de, und es hängte sich an den Stand mit Leuten an, wie ein Bart an einem Bienenkorb. Auf einmal bohrt etwas wie ein Maulwurf durch die Menge.„ Was geht hier vor?" fragt der Polizeisergeant, als er sich mit seinen Leuten durch die Menge durchgebohrt hatte. Was geht vor? frag ich?" Der Kramer wußte wes nig zu sagen, aber desto wunderfertiger war der Musketier. Vor keiner Virtelstunde, erzählte er, hab' er diesem Mann für einen Rubel abgekauft, das und das. Als er ihn bezahlen wollte, in allen Taschen habe er fein Geld gefunden, nur einen doppel. sen Imperial, den ihm sein Pathe geschenkt habe, als " 286 er gezogen wurde. So habe er ihm den Imperial ats Unterpfand zurückgelassen, bis er den Rubel bringe. Wie er mit dem Rubel wieder kommen sey, hab er den rechten Kaustaden nimmer gefunden, und an allen Ständen gefragt: swem bin ich einen Rubel schul dig?" so habe dieser da gesagt, er sey derjenige, und sey's auch, und habe ihm auch den Rubel abgenommen, aber von dem Imperial wolle er nichts wissen. Wollt ihr ihn jest gutwillig herausgeben oder nicht?" Als aber der Polizeysergeant die Umftehenden. fragte, und die Umstehenden sagten: ja der Musketier have an atlen Kaufläden gefragt, wem der Rubel gehdre, und dieser habe bekannt, er gehöre ihm, und habe ihn auch angenommen, und daran geklingelt, ob er probat sey. Als der Polizey- Hauptmann das hörte, so gab er den Bescheid: habt ihr euern Rubel bekommen, so gebt dem Soldaten auch seinen Imperial zurück, oder man petschiert euch euren Stand mit Lattnageln zusammen, und ihr werdet zwischen euren eigenen Brettern eingeschachtelt und eingeschindelt, und könnt ihr alsdann lang Hunger leiden, so könnt ihr auch lang leben." Das sagte der Anführer der Polizeys wache, und wer dem Musketier für einen Rubel els nen Imperial herausgeben mußte, war der Kaufmann. Merte: Fremdes Gut frißt das eigene, wie neuer Schnee den alten. Rettung einer Officiersfrau. Bod Es muß manchmal recht wild und blutig in der Welt hergehen, daß die edle Denfungsart eines Mens schen bekannt werde, den man nicht drum ansicht. - 287 In Tyrol, wo es während des legten Krieges recht wild und blutig hergieng, da hatten fie eben einen baierischen Staabsofficier ermordet und mit noch blutigen Säbeln und Mistgabeln drangen fie in das Gemach, wo seine Gattin mit ihrem Kind in dem Schooß weinte und ihr Leid Gott klagte, und wollten sie auch ermorden.„ Ja," fuhr sie einer von ihnen wüthend an, und war der allerȧrgste, für euer Le ben gibt es kein Lösegeld, und euer Bürschlein da hat anch baierisch Blut in den Adern. In ciner Stun de müßt ihr sterben, zuerst euer kleiner Sadrach, hernach ihr. Laßt ihr eine Stunde Zeit," sagte er zu den andern, daß sie noch beten kann; sie ist eine katholische Christin." Nach einer Viertelstunde aber, als sie allein war und betete, kam er wieder und sagte:„ Gnådige Frau, ihr fennt mich noch, so bitte ich euch, ihr wollt ob mir nicht erschrecken und nicht in Bösem aufnehmen, was ich in guter Meynung gesagt habe. Gebt mir euer Kind unter den Mantel, so will ich es retten und zu meiner Mutter bringen, und zicht unterdessen dieses Plunder an, das er unter dem Mantel hervorzog, so will ichs versuchen, ob ich euch mit Gottes und unserer Frauen Hülfe auch kann retten." Als er das Kind in Sicherheit gebracht hatte, und wieder kam, stand fie schon da angekleidet wie ein Tyroler. Da drückte er ihr den schlappen Hut recht ins Gesicht, richtete ihr den Hosenträger besser zurecht, und gab ihr seine Mistgabel in die Hand, als wenn sie auch ein Rebeller wäre, und zu den Leibgardisten und Hellebardieren des Sandwirth Hofers gehörte.„ Kommt denn jezt," sagte er, in Gottes Namen, und tretet herzhaft auf, wenn ihr 288 Hinaus kommt, und macht euch ein wenig breit." Als fie aber miteinander die Treppe hinab giengen, fameu die andern wieder, und ,,, hast du ihr den Treff schon. gegeben, Seppel?" fragte ihn einer. Da sagte er: ,, mein, sie hat die Thüre zugeschlossen und gebetet. Jezt kann sie fertig seyn. Ich hab' sie durchs Schlüssel. loch gesehen, und sie stand eben auf, als ich durchsah." Also gieng er mit ihr die Treppe hinab, und die andern stürmten an ihr vorbei, die Treppe hinauf, und während sie vor der verschlossenen Thüre lärmten und pochten, und in das leere Gemach hinein riefen: ,, seid ihr bald fertig? die Thüre soll bald eingetreten seyn," brachte er sie auch zu seiner Mutter, und gab ihr ihr Kindlein wieder, und das Kindlein lächelte, aber fie weinte und drückte es brünstig an ihr Gesicht und an is ren Busen. Also hatte sie der edle Tyroler glücklich und mit Gottes Hülfe aus den Händen ihrer Mörder. errettet, und hat sie hernach die Nacht hindurch auf heimlichen Wegen fortgeführt, und bis an ein baies risch Piquet gebracht, als eben die Sonne aufgieng. Baum zuch t. Der Adjunkt tritt mit schwarzen Lippen, ohne daß ers weiß, mit blauen Zähnen und herabhängen den Schnüren an den Beinkleidern, zu dem Hauss freund. Die Kirschen," sagt er ,,, schmecken mir doch nie besser, als wenn ich selber frei und fek wie ein Vögs. lein auf den luftigen Baum kann ſizen, und essen frisch weg von den Zweigen die schönsten, ich, auf einem andern ein Spaß." - auf einem A Wir nåhren uns doch alle," sagt er, an dem - 289 nemlichen großen Hausvaters Tisch und aus der nemli chen milden Hand die Biene, die Grundel im Bach, der Bogel im Busch, das Rößlein und der Herr Vogt, der darauf reitet." " Hausfreund," sagt der Adjunkt, singt mir einmal in eurer Weise das Liedlein vom Kirschbaum. Ich will dazu pfeifen auf dem Blatt." Der lieb Gott bet zum Frühlig gseft: Gang, deck im Würmli au si Tisch! Druf bet der Chries Baum Blätter treit, viel tausig Blätter grün und frisch. Und' s Würmli usem Ev verwachts, ' 8 het gschlofen in si'm Winterhuus, es streckt si, und spert' s Muuli uf, und ribt die blöden Augen us. Und druf se hets mit stillem Zahn am Blättli g'nagt enander no und gfeit: ,, Wie ist das Gemies so gut! Me chuunt schier nimme weg dervo." Und wieder het der lieb Gott gseit: deck iez im Imli au si Tisch." Druf het. de Chriesbaum Bluethe treit, viel tausig Bluethe wiiß und frisch. Und' s Immli fiebts und fliegt druf los, früeit in der Sunne Morge Schin. Es denkt: ,, das wird mi Caffe sb, sie hen doch chosper Porzelin." Wie sufer sin die Ebáchelt gschwenkt!" Es streckt si trochche Züngli dri. Es trinkt und seit: ,, Wie schmeckts so sueß, do mueß der Zucker wohlfel sy." Der lieb Gott het zum Summer gseit; Gang, deck im Späßli au si Tisch!" Druf het der Chrießbaum Früchte treit. Viel tausig Chriesi roth und frisch. Und's Späßli ſeit: ,, isch das der B'richt? do sizt me zu und frogt nit lang. Das ait mer Chraft in Mark und Bel, und stärkt mer d' Stimm zum nene Gfang." Hausfreund," sagt der Adjunkt, hat euch) auch manchmal der Feldschütz verjagt ab den Kirschbau. men in eurer Jugend? Und habt ihr, wenns noch so dunkel war, den Weg doch gefunden auf die Zwetschgen. bäume im Pfarrgarten zu Schopfen, und Acpfel und Hebels Schaßfäßtlein. 19 290 Nüsse eingetragen auf den Winter, wie meiner Frau Schwiegermutter ihr Eichhörnlein, das sie euch ges schenkt hat? Man denkt doch am långsten dran, was einem in der Jugend begegnet ist.“ Das geht natürlich zu, sagt der Hausfrcund, man hat am långsten Zeit daran zu denken. Der lieb Gott het zum Spotlig sseit: ,, Ruum ab! sie ben iez allt g'ba." Druf bet e chuele Bergluft gweiht, und' s het scho chleini Nife g'ba Und d' Blättlt werde gel und roth und fallen eis im andere no und was vom Boden obsi chunnt, muß au zum Bode nidsi go. Der lieb Gott het zum Winter gseit: ,, Deck weibli zu, was übrig ist." Druf het der Winter Flocke gstreut - „ Hausfreund," sagt der Adiunkt, ihr seid ein wenig heiser. Wenn ich die Wahl hätte ein eigenes Küblein oder ein eigener Kirschbaum, oder Nußbaum, lieber ein Baum." Der Hausfreund sagt:„ Adjunkt ihr seyd ein schlauer Gesell. Ihr denkt, wenn ich einen eigenen Baum hatte, so batt' ich auch einen eigenen Garten, oder Acker, wo der Baum darauf steht. Eine eigene Hausthure wäre auch nicht zu verachten, aber mit einem eigenen Küblein auf seinen vier Beinen könntet ihr übel dran seyn." „ Das ists eben," sagt der Adjunkt, so ein Baum frist keinen Klee und keinen Haber. Nein er trinkt still wie ein Mutterfind den nährenden Saft der Erde, und saugt reines warmes Leben aus dem Sonnenschein, und frisches aus der Luft, und schüttelt die Haare im Sturm. Auch könnte mir das Kühlein zeitlich sterben. Aber so ein Baum wartet auf Kinder und Kindeskinder mit seinen Blüthen, mit seis nen Vogelnestern und mit seinem Segen. Die Bäume wären die glücklichsten Geschöpfe, mennt der Adjunkt, wenn sie wüßten, wie frey und lustig sie wohnen, wie schön sie sind im Frühling und in ihrem Christkindleinsstaat im Sommer, und alles stehen bleibt und sie bes trachtet und Gott dankt, oder wenn der Wanderer ausruht in ihrem Schatten, und ein Pfeiflein Taback 291 genießt, oder ein Stücklein Kås, und wie sie gleich Dem Kayser Wohlthaten austheilen können, und Jung und Alt froh machen umsonst, und im Winter allein nicht heiwgeben. Nein sie bleiben draussen und weis sen den Wandersmann zurecht, wenn Fabrwege und Fußpfade verschneyt sind: Rechts- jezt links jezt noch ein wenig links über das Berglein.c " Hausfreund," sagt der Adiunft, wenn ihr eins mal Vogt werdet, Stabhalter seyd ihr schon, oder gar Kreisrath, das Alter hättet ihr, so müßt ihr euere Untergebenen fleißig zur Baumzucht und zur Gottseligkeit anhalten, und ihnen selber mit einem guten Beyspiel voranleuchten. Ihr könnt cuerer Ges meinde keinen größeren Segen hinterlassen. Denn ein Baum, wenn er gesezt oder gezweigt wird, kos stet nichts oder wenig, wenn er aber groß ist, so ist er ein Kapital für die Kinder, und trägt dankbare Zinsen. Die Gottieligkeit aber hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens". Wenn ich mir einmal so viel bey euch erworben babe, sagt der Adjunkt zum Hausfreund, daß ich mir cin eigenes Gütlein faufen, und meiner Frau Schwies germutter ihre Tochter heyrathen kann, und der liebe Gott beschert mir Nachwuchs, so sehe ich jedem meis ner Kinder ein eigenes Bäumicin, und das Baumlein muß beißen wie das Kind, Ludwig, Johannes, Henriette, und ist sein erstes eigenes Kapital und Vermögen, und ich sebe zu, wie sie miteinander wachsen und gedeiben, und immer schöner werden, und wie nach wenig Jahren das Büblein selber auf sein Kavital flettert und die Zinsen einzieht. Wenn mir aber der liebe Gott eines von meinen Kindern nimmt, so bitte ich den Herrn Pfarrer oder den Defan, und begrabe es unter sein Baumlein, und wenn alsdann der Frühling wiederkehrt, und alle Bäume stehen wie Auferstandene von den Todten in ibrer Berklärung da, voll Blüthen und Sommervögel und Hoffnung, so lege ich mich an das Grab, und rufe leise binab:„ Stil les Kind dein Baumtein blüht. Schlafe du indessen rubig fort! Dein Maytag bleibt dir auch nicht aus." Er ist kein unwäger Mensch der Adjunkt. 292 Unverhoftes Wiedersehen. In Falun in Schweden füßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr:" Auf Sanct Lucia wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein." und Friede und Liebe soll da rinn wohnen," sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln ,,, dann du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab seyn, als an einem andern Ort." Als sie aber vor St. Lucia der Pfarrer zum zwentenmal in der Kirche ausgerufen hatte: So nun jemand Hindernis wußte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammen tommen." Da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannsficidung an ihrem Haus vorbey gieng, der Bergmann hat fein Todtenkleid immer an, da klopfte er zwar noch cinmal an ibrem Fenster, und sagte ihr guten Mor gen, aber feinen guten Abend mehr. Er fam nims mer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vers geblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rothem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer fam, legte sie es weg, und weinte um ihn und vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lif iabon in Portugall durch ein Edbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg gieng vorüber, und Kayser Franz der erste starb, und der JesuitenOrden wurde aufgehoben und Polen getheilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frey, und die vereinigte fran zösische und spanische Macht fonnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schloßen den General Stein in der Beteraner Hole in Ungarn ein, und der Kayser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schwes den eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der lange Krieg fieng an, und der Kaiser Leopold der zweyte gieng auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombar dirten Koppenhagen, und die Ackerleute säcten und * 293 schnitten. Der Miller mahlte, und die Schmiede hammerten, und die Bergleute gruben nach den Me talladern in ihrer unterirrdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwey Schachten eine Oeffnung durchgraben wollten, gute drevhundert Ehlen tief unter dem Boden gruben sie aus dem Schutt und Bitriolwasser den Leichnam eines Jünglings beraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unver west und unverändert war; also daß man seine Ges fichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre, an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange todt, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die chemalige Verlobte des Bergmanns fam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und Zusammengeschrumpft tam fie an einer Krücke an den Plas und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen beftigen Bewe gung des Gemüths erholt hatte, es ist mein Verlob ter, sagte sie endlich, um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte, und den mich Gott noch eins mal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer herauf gekommen." Da wurden die Gemüther aller Umstehenden von Wehmuth und Thränen ergrif fen, als sie faben die ehemalige Braut jezt in der Gestalt des hingewelften kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Bruft nach so Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öff nete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie in endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die ein zige, die ihm angehöre, und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sey auf dem Kirchhef. Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem 294 Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß fie cin Kastlein auf legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit rothen Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeits tag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte fie:„ Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehen im fühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig zu thun, und komme bald, und bald wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wieder gegeben hat, wird sie zum zweytenmal auch nicht behalten," sagte sie, als sie fortgieng, und noch einmal umschaute. Andreas Hofer. - Als im letzten Krieg die Franzosen und Defireicher in der Nachbarschaft von Tirol alle Händevoll mit einander zu thun hatten, dachten die Tiroler: Im Trüben ist gut fischen. Sie wollten nimmer bayrisch seyn. Viel Köpfe, viele Sinne, manchmal gar feiner. Sie wußten zulezt selber nimmer recht was sie wollten. Unterdessen läuteten in allen Thälern die Sturmglocken. Von allen Bergen berab tamen die Schüßen mit ihren Stußen. Jung und alt, Mann und Weib griff zu den Waffen. Die Bayern und Franzosen batten harten Stand; besonders in den engen Passen, wenn Felsenstücke wie kleine Häuser so groß auf fie berabflogen. Bald glücklich bald unglücklich in ihren Gefechten, nahmen die Rebellen bald Inspruck ein, die Hauptstadt in Tirol; bald mußten sie sie wieder verlassen; bekamen sie wieder, und konnten sie doch nicht behalten. Ungeheure Grausamkeiten wurden vers übt, nicht nur an den bayerischen Beamten und Unterthanen, nein auch an den eigenen Landsleuten; Vogel friß oder stirb. Wer nicht mitmachen wollte war des Lebens nicht sicher. Endlich als manches schöne Dorf und Stadtlein in der Asche lag, mancher wohlhabende Mann war ein Bettler, mancher leichtsinnige und ras sende verlor das Leben; iedes Dorf, fast jedes Haus hatte seine Leichen, seine Wunden und seinen Jammer, 295 da dachten sie zulezt, es sey doch besser bayerisch seyn als sie im Anfang gemeynt batten, und unterwarfen fich wieder. Unversucht schmeckt nicht. Nur einige Tollköpfe wollten lieber zuerst ein wenig erschosen oder gehenkt seyn; zum Beyspiel der Andreas Hofer. Andreas Hofer Sandwirth in Passeyer und Viehhåndter hatte bis über sein 40stes Jahr bis der Aufstand ausbrach, schon manch Schöpplein Wein ausges schenkt, manch Stücklein Kreide an bösen Schulden verschrieben, und scházen fonnte er ein Häuptlein Bich troß einem. Aber im Aufstand brachte er es zum Commandanten, nicht blos von einem Stadtlein oder Thal, nein von der ganzen gefürsteten Grafschaft Tis rol, und nahm sein Quartier nicht nur in einem Pfarrbof oder etwa in einem Amthaus, sondern in dem gros ßen Fürstlichen Residenzschloß zu Insbruck. An fünfzig tausend Mann Landsturm stand in kurzer Zeit un ter seinem Befehl. Wer keine Flinte batte, pråsentirte das Gewehr mit der Heugabel. Was verordnet und ausgefertigt wurde, stand Andreas Hofer dar. unter, das galt. Sein gebeimer Kriegsminister war ein geistlicher Herr, Vater Joachim genannt, sein Adjutant war der Kronenwirth von Bludenz, sein Schreiber ein entlaufener Student. Unter seiner Regierung wurden für dreyßigtausend Gulden eigene Zwanzigkreuzerstücke für Tirol geprägt, der Hausfreund hat auch einen Hutvoll davon. Ja, er legte eine eigene Stückgießeren an, aber wie? Die Kano nen wurden aus Holz gebohrt, und mit starken eisernen Ringen umlegt. Item es that gut, nur nicht dem, den's traf. In Inspruck ließ er sich gut auftragen. Selber essen macht fett. Er sagte: ich bin lang genug Wirth gewesen. Jezt will ich auch eins mal Gast seyn. Bey dem allen veränderte er seine Kleidertracht nie. Er gieng einher wie ein gemeiner Tiroler, und trug einen Bart, so lang das Haar wachsen mochte. Nur im rothen Gürtel trug er ein paar Terzerolen, und auf dem grünen Hut eine hohe Reiherfeder, und neben seinen schweren Regierungsgeschäften trieb er den Viehhandel fort, wie vorher. Jezt schickte er einen Adjutanten mit Befehlen an die Armee ab, jetzt kam ein Megger: Wie theuer die 296 " vier Stieren die ihr bei eurem Schwager eingestellt habt?" Sonst war er fein ganz roher Mann: viel Unglück hat er verhütet, wo er wehren konnte. Aber größer war das Unglück, das er durch seine Hartnäs cfigkeit gegen alle Einladungen zum Frieden und durch seine Treulosigkeit verursachte. Jezt schrieb er an das Bayerische Commando. Wir wollen uns unterwers fen und bitten um Guad. Andere Hofer Oberkom medant in Diroll gewöster." Zugleich schrieb er an den Adjutant Kronenwirth:" Wehrt euch so lang ihr könnt. Trifts nicht, so gilts nicht." Als sich aber endlich das verblendete Wolf der angebotenen Gnade feines großmüthigen Königs unterwarf, und alle wele che sich nachher mit den Waffen des Aufruhrs noch blis cken ließen, gehenkt wurden, mancher Baum trug solch ein Früchtlein, da war Andreas Hofer nicht daheim zu finden, und an keinem Baum; und es hieß er sey ein wenig spazieren gegangen über die Gränzen. Den Willen dazu mag er gehabt haben in seiner armen höls zernen Hirtenhütte auf einem hohen Berg im hinters sten Passeyer Thal, wo er mit seinem Schreiber ver borgen lag, und mit 6 Fuß bobem Schnee verschanzt war. Sein Haus und sein Vermögen war von den wüthenden Bauern geplündert. Dürftige Nahrung verschaffte ihm von Zeit zu Zeit seine Frau, die jezt selber mit ihren 5 Kindern von fremden Wohlthäten lebt. Da sah es anderst aus als in der Burg zu Inspruck. Schlimmers Quartier wartete auf ihn. Einer von seinen guten Freunden verrieth für Geld seis nen Aufenthalt. Ein französisches Kommando umringte feine Hütte und nahm ihn gefangen. Man fand bey ihm vier geladene Kugelbüchsen, viel Geld, wenig Nahrung. Er selbst war von Mangel, Kummer und Angst abgezehrt. So wurde er von einer starken milis tärischen Begleitung unter Trommelschlag durch das Land nach Italien nach Mantua ins Gefängniß ges bracht, und daselbst erschossen. In solchen Wassern fangt man solche Fische. Borgethan und nachbedacht, hat manchen in groß Leid gebracht,