THOMAS MANN DER ERWÄHLTE Roman 1951 S. Fischer Verlag Öt.j.vJ Der Roman "Der Erwählte" von Thomas Mann wurde in der vorliegenden Form als Erstausgabe in den Vereinigten Staaten von Amerika hergestellt und veroeffentlicht, um ihm den amerikanischen Urheberschutz zu sichern. Gleichzeitig erfolgte ein Nachdruck des Werkes im Rahmen der vom S. Fischer Verlag herausgegebenen "Stockholmer Gesamtausgabe" der Werke von Thomas Mann. Die vorliegende Sonderausgabe ist auf sechzig Exemplare beschraenkt, die fortlaufend numeriert und vom Autor handschriftlich signiert wurden. Den Vertrieb besorgte Mary S. Rosenberg, Pub- lisher, Bookseller and Importer in New York. Dieses Exemplar traegt die NUMMER: 29 DER ERWAEHLTE Wer laeutet? ♦ Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, ueber der ganzen Stadt, in ihren von Klang ueberfueUten LueftenJ Glocken, Glocken, sie schwingen und schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken, in ihren Stuehlen, hundertstimmig, in babylonischem Durcheinander. Schwer und geschwind, brummend und bimmelnd, - da ist nicht Zeitmass noch Einklang, sie reden auf einmal und alle einander ins Wort, ins Wort auch sich selber: an droehnen die Kloeppel und lassen nicht Zeit dem erregten Metall, dass es ausdroehne, da droehnen sie pendelnd an am anderen Rande, ins eigene Gedroehn, also dass, wenn’s noch hallt "In te Domine speravi”, so hallt es auch schon “Beati, quorum tecta sunt peccata”, hinein aber klingelt es hell von kleineren Staetten, als ruehre der Messbub das Wandlungsgloecklein. Von den Hoehen laeutet es und aus der Tiefe, von den sieben erzheiligen Orten der Wallfahrt und allen Pfarrkirchen der sieben Sprengel zuseiten des zweimal gebogenen Tibers. Vom Aventin laeutet f s, von den Heiligtuemern des Palatin und von Sankt Johannes im Lateran, es laeutet ueber dem Grabe dessen, der die Schluessel fuehrt, im Vatikanischen Huegel, von Santa Maria Maggiore, in Poro, in Domnica, in Cosmedin und in Trastevere, von Ara Celi, Sankt Paulus ausser der Mauer, Sankt Peter in Banden und vom Haus zum Hochheiligen Kreuz in Jerusalem. Aber von den Kapellen der Friedhoefe, den Daechern der 7 tsammui ssmmaE^msmsm^ssm Saalkirchen und Oratorien in den Gassen laeutet es auch. Wer nennt die Namen und weiss die Titel? Wie es toent, wenn der Wind, wenn der Sturm gar wuehlt in den Saiten der Aeolsharfe und gaenzlich die Klangwelt aufgeweckt ist, was weit von einander und nahe beisammen, in schwirrender Allharmonie: so, doch ins Erzene uebersetzt, geht es zu in den berstenden Lueften, da alles laeutet zu grossem Fest und erhabenem Einzug. Wer laeutet die Glocken? Die Gloeckner nicht. Die sind auf die Strasse gelaufen wie alles Volk, da es so ungeheuerlich laeutet. Ueberzeugt euch: die Glockenstuben sind leer. Schlaff haengen die Seile, und dennoch wogen die Glocken, droehnen die Kloeppel. Wird man sagen, dass niemand sie laeutet? - Nein, nur ✓ ein ungrammatischer Kopf ohne Logik waere der Aussage faehig, "Es laeuten die Glocken’ 1 , das meint: sie werden gelaeutet, und seien die Stuben auch noch so leer* - Wer also laeutet die Glocken Roms? - Der Geist der Erzaehlung . - Kann denn der ueber- all sein, hic et ubique, zum Beispiel zugleich auf dem Turme von Sankt Georg in Velabro und droben in Santa Sabina, die Saeulen huetet vom graeulichen Tempel der Diana? An hundert weihlichen Orten auf einmal? - Allerdings, das vermag er. Er ist luftig, koerperlos, allgegenwaertig, nicht unterworfen dem Unterschiede von Hier und Dort. Er ist es, der spricht: "Alle Glocken laeu- teten", und folglich ist er’s, der sie laeutet. So geistig ist dieser Geist und so abstrakt, dass grammatisch nur in der dritten Person von ihm die Rede sein und es lediglich heissen kann: "Er ist’s"* Und doch kann er sich auch zusaramenziehen zur Person, naemlich zur ersten, und sich verkoerpern in jemandem, der in dieser spricht und spricht: "Ich bin es. Ich bin der Geist der Erzaehlung, der, sitzend an seinem derzeitigen Ort, naemlich in 8 der Bibliothek des Klosters Sankt Gallen im Alamannenlande, wo einst Notker der Stammler sass, zur Unterhaltung und ausserordentlichen Erbauung diese Geschichte erzaehlt, indem ich mit ihrem gnadenvollen Ende beginne -und die Glocken Roms laeute, It est: berichte* dass sie an jenem Tage des Einzugs saemtlich von selber zu laeuten begannen. Damit aber auch die zweite grammatische Person zu ihrem Rechte komme, so lautet die Frage: Wer bist du denn, der Ich sagend an Notkers Pulte sitzt und den Geist der Erzaehlung verkoer- pert? - Ich bin Clemens der Ire, ordinis divi Benedict!, zu Besuch hier als bruederlich aufgenommener Gast und Sendbote meines Abtes Kilian vom Kloster Clonmacnois, meinem Hause in Irland, damit ich die alten Beziehungen pflege, welche seit Columbanus , und Gallus’ Tagen fortwalten zwischen meiner Heimat und dieser festen Burg Christi. Ich habe auf meiner Reise eine grosse Anzahl von Staetten frommer Gelehrsamkeit und Musensitzen besucht, wie Fulda, Reichenau und Gandersheim, Sankt Emeran zu Regensburg, Lorsch, Echternach und Corvey. Hier aber, wo das Auge sich in Evangeliaren und Psalterien an so koestlicher Buchmalerei in Gold und Silber auf Purpur mit Zutaten von Zinnober, Gruen und Blau erlabt, die Brueder unter ihrem Sangesmeister so lieblich im Chor litaneien, wie ich es nirgends vernommen, die Refektur des Leibes vorzuegllch ist, des herzigen Weinchens nicht zu vergessen, das dazu geschenkt wird, und man sich im Klosterhofe nach Tische so zutraeglich um den Sprudelbrunnen ergeht: hier habe Ich fuer etwas geraumere Zeit Station gemacht, von den immer bereiten Gastzellen eine bewohnend, in welche der hochehrwuerdige Abt, Gozbert seines Namens, mir ein irisches Kreuz zu stellen die Aufmerksamkeit hatte, worauf man ein Lamm, von Schlangen umwunden, 9 den Arbor vitae, einen Drachenkopf mit dem Kreuz im Rachen und die Ecclesa abgebildet sieht, wie sie Christi Blut in einem Kelche auffaengt, waehrend der Teufel einen Schluck und Bissen davon zu erschnappen sucht. Das Stueck zeugt vom fruehen Hochstande unseres irischen Kunstgewerbes. Ich bin meiner Heimat sehr anhaenglich, Sankt Patricks buch- temreichen Eiland, seinen Weiden, Hecken und Mooren. Dort gehen die Luefte feucht und mild, und milde auch ist die Lebensluft unseres Klosters Clonmacnois, will sagen: zugetan einer von maessiger Askese gezuegelten Bildung. Mit unserem Abte Kilian bin ich der wohlgeprueften Ansicht, dass die Religion Jesu und die Pflege antiker Studien Hand in Hand gehen muessen in Be- kaempfung der Roheit; dass es die gleiche Unwissenheit ist, die von dem einen und von dem andern nichts weiss, und dass, wo jene Wurzel schlug, immer auch diese sich ausbreitete. Tatsaechlich ist die Bildungshoehe unserer Brüderschaft sehr betraechtlich und meiner Erfahrung nach derjenigen des roemischen Clerus selbst ueberlegen, welcher von der Weisheit des Altertums oft allzu wenig beruehrt ist, und unter dessen Mitgliedern bisweilen ein wahr haft beklagenswertes Latein geschrieben wird, - wenn auch kein so schlechtes, wie unter deutschen Moenchen, von denen Einer, allerdings ein Augustiner, mir neulich schrieb; "Habeo tibi aliqua secreta dicere. Robustissimus in corpore sum et saepe propterea temptationibus Diaboli succiambo .’ 1 Das ist ja schwer ertraeglich, stylistisch sowohl wie auch im Uebrigen, und niemals >wohl koennte so baeurisches Zeug aus einer roemischen Feder flies sen. Ueberhaupt waere es fehlerhaft zu glauben, ich wollte Unrede fuehren gegen Rom und seine Suprematie, als deren getreuer Anhaenger Ich mich vielmehr bekenne. Mag es so sein, dass wir 10 Irischen Moenche stets auf Unabhaengigkeit des Handelns gehalten und in vielen Gegenden des Festlandes zuerst die kristliche Lehre gepredigt, uns auch ausserordentliche Verdienste erworben haben, indem wir ueberall, in Burgund und Friesland, Thueringen und Ale- mannien Kloester als Bastionen des Glaubens und der Mission errichteten. Das hindert nicht, dass wir seit alters den Bischof im Lateran als Haupt der kristlichen Kirche anerkannt und ein Wesen fast goettlicher Art in ihm gesehen haben, indem wir hoechstens nur die Staette der goettlichen Auferstehung fuer heiliger als Sankt Peter erachteten. Man kann sagen, ohne zu luegen, dass die Kirchen von Jerusalem, Ephesus und Antiochia aelter sind, als die roemische, und wenn Petrus, bei dessen un- erschuetterlichem Namen man nicht gern an gewisse Hahnenschreie denkt, das Bistum Rom gestiftet hat (er hat es gestiftet), so trifft unstreitig fuer die Gemeinde Antiochia das Gleiche zu. Aber diese Dinge koennen nur die Rolle fluechtiger Bemerkungen spielen am Rande der Wahrheit, dass, erstens, unser Herr und Heiland, wie es bei Mathaeus, allerdings nur bei diesem, zu lesen steht, den Petrus zu seinem Lehenstraeger hienieden berufen, dieser aber dem roemischen Bischof das Vikariat uebertragen und ihm den Vorrang ueber alle Episkopate der Welt verliehen hat. Lesen wir ja in Dekretalen und Protokollen der Urzeit sogar die Rede, die der Apostel noch selbst bei der Ordination seines ersten Nachfolgers, des Papstes Linus, gehalten hat, was ich als eine rechte Glaubensprobe und als eine Herausforderung an den Geist erachte, seine Kraft zu erweisen und zu zeigen, was alles zu glauben er fertig bringt. In meiner so viel bescheideneren Eigenschaft als Inkarnation des Geistes der Erzaehlung habe ich alles Interesse daran, dass 11 man mit mir die Berufung zur sella gestatoria als der Erwaehlun- gen hoechste und gnadenvollste betrachte* Und ein Zeichen meiner Ergebenheit fuer Rom ist es denn auch schon gleich, dass ich den Namen Clemens fuehre* Von Hause aus naemlich heisse ich Morhold* Aber ich habe diesen Nsujien nie geliebt, da er mich wild und heidnisch anmutete, und mit der Kutte habe ich denjenigen des dritten Nachfolgers Petri angezogen, also dass in der geguerteten Tunika und dem Skapulier nicht mehr der gemeine Morhold, sondern ein verfeinerter Clemens wandelt und sich vollzogen hat, was der heilige Paul ad Ephesios mit so gluecklichem Wort das "Anziehen eines neuen Menschen” nennt« Ja, es ist der Fleischesleib garnicht mehr, der im Wams jenes Morhold herumlief, sondern ein geistlicher Leib ist es, den das Cingulum umwindet, - ein Koerper demnach nicht in dem Grade, dass mein frueheres Wort, es "verkoerpere” sich etwas in mir, naemlich der Geist der Erzaehlung, ganz bil- ligenswert gewesen waere* Ich liebe dies Wort "Verkoerperung" garnicht sehr, da es sich ja vom Koerper und vom Fleischesleibe herleitet, den ich zusammen mit dem Namen Morhold ausgezogen habe, und der allerwegen eine Domaene des Satans ist, durch ihn zu Greueln befaehigt und erboetig, von denen man kaum begreift, dass er sich ihrer nicht weigert. Andererseits ist er der Traeger der Seele und Gottesvernunft, ohne den diese der Basis entbehrten, und so muss man den Koerper ein notwendiges Uebel nennen. Das ist die Anerkennung, die ihm zukommt, eine jubelndere gebuehrt ihm nicht in seiner Notdurft und Anstoessigkeit* Und wie sollte man wohl, im Begriffe stehend, eine Geschichte zu erzaehlen oder zu erneuen (denn sie ist schon erzaehlt worden, sogar mehrmals, wenn auch unzulaenglich), welche von Koerpergreueln ueberbordet und entsetzliehen Beweis dafuer bietet, wozu alles der Koerper 12 ohne Zagen und Versagen sich hergibt, - wie sollte man da geneigt sein, viel Ruehmens davon zu machen, dass man eine Verkoerperung ist! Nein, indem der Geist der Erzaehlung sich zu meiner moenchi- schen Person, genannt Clemens der Ire, zusammenzog, hat er sich viel von jener Abstraktheit bewahrt, die ihn befaehigt, von allen Titular-Basiliken der Stadt zugleich zu laeuten, und ich werde dafuer sogleich zwei Merkmale anfuehren. Erstens naemlich mag es dem Leser dieser Handschrift wohl entgangen sein, ist jedoch der Bemerkung wert, dass ich ihn zwar mit der Angabe des Ortes versehen habe, wo ich sitze, naemlich zu St« Gallen, an Notkers Pult, dass ich aber nicht gesagt habe, zu welcher Zeitenstunde, in dem wievielten Jahre und Jahrhundert nach unseres Retters Geburt ich hier sitze und das Pergament mit meiner kleinen und feinen, gelehrten und schmuckhaften Schrift bedecke« Dafuer gibt es keinen festen Anhaltspunkt, und auch der Name Gozbert unseres Abtes hier ist kein solcher* Er wiederholt sich allzu oft in der Zeit und verwandelt sich, wenn man nach ihm greift, auch gar leicht In Fridolin oder Hartmut« Fragt man mich neckend oder boshaft, ob ich selbst etwa zwar wisse, wo ich bin, aber nicht, wann , so antworte ich freundlich: Da gibt es ueber- haupt nichts zu wissen, denn als Personifizierung des Geists der Erzaehlung erfreue ich mich jener Abstraktheit, fuer die ich nunmehr das zweite Merkmal gebe. Denn da schreibe ich und schicke mich an, eine zugleich entsetzliche und hoch-erbauliche Geschichte zu erzaehlen« Aber es Ist ganz ■ungewiss, in welcher Sprache ich schreibe, ob lateinisch, franzoesisch, deutsch oder angelsaechsisch, und es ist auch das Gleiche, denn schreibe ich etwa auf thiudisc, wie die Helvetien bewohnenden Alemannen reden, so steht morgen Britisch auf dem Papier, und ist ein britunsches Buch, das ich geschrieben habe* Keineswegs behaupte ich, dass ich die Sprachen alle beherrsche, aber sie rinnen mir in einander in meinem Schreiben und werden eins, naemlich Sprache. Denn so verhaelt es sich, dass der Geist der Erzaehlung ein bis zur Abstraktheit ungebundener Geist ist, dessen Mittel die Sprache an sich und als solche, die Sprache selbst ist, welche sich als absolut setzt und nicht viel nach Idiomen und sprachlichen Landesgoettern fragt. Das waere ja auch polytheistisch und heidnisch* Gott ist Geist, und ueber den Sprachen ist die Sprache* Eines ist gewiss, naemlich, dass ich Prosa schreibe und nicht Verselein, fuer die ich im Ganzen keine uebertriebene Achtung hege* Vielmehr stehe ich diesbezueglich in der Ueberlieferung Kaisers Caroli, der nicht nur ein grosser Gesetzgeber und Richter der Voelker, sondern auch der Schutzherr der Grammatik •und der beflissene Goenner richtiger und reiner Prosa war» Ich hoere zwar sagen, dass erst Metrum und Reim eine strenge Form abgeben, aber ich moechte wohl wissen, warum das Gehuepf auf drei, vier jambischen Fuessen, wobei es obendrein alle Augenblicke zu allerlei daktylischem und anapaestischem Gestolper kommt, und ein bisschen spassige Assonanz der Endwoerter die strengere Form darstellen sollten gegen eine wohlgefuegte Prosa mit ihren soviel feineren und geheimeren rhythmischen Verpflichtungen^ und wenn ich anheben wollte: Es war ein Fuerst, nomme Grimald, Der Tannewetzel macht ihn kalt. Der liess zurueck zwen Kinder klar, Ahi, war das ein SuenderpaarJ •14 *' oder in dieser Art, - ob das eine strengere Form waere, als die grammatisch gediegene Prosa, in der ich jetzt sogleich meine Gnadenmaer vortragen und sie so musterhaft ausgestalten und gueltig darstellen werde, dass viele Spaetere noeh, Franzosen, Angeln und Deutsche, daraus schoepfen und ihre Rimelein darauf machen moegen. Soviel vorausgesandt, beginne ich wie folgt. Grimald und Baduhenna Vor Zeiteh war ein Herzog in Flandern und Artois, Grimald mit Namen* Sein Schwert hiess Eckesachs. Sein kastilianisch Leibross war Guverjorss genannt. Geborgener schien kein Fuerst in Gottes Gunst, als dieser, und kuehnlich ging hin sein Blick ueber die ihm erblich angestorbenen Lande mit fetten Staedten und starken Burgen, ruhte, von Selbstachtung streng, auf seiner maisnie und Knappenschaft nebst Laeufern, Koechen, Kuechenjungen, Posaunern, Tambours, Fiedlern und Flutisten, auf seinem Leibgesinde, bestehend aus zwoelf Knaben erlauchten Stammes und suesser Sitten, darunter auch zwei Sarazenensoehne, die wegen ihres Goetzen Mohammed zu haenseln er ihren kristlichen Kumpanen nicht erlaubte. Wenn er mit seinem Weibe Baduhenna, der hohen Dame, zur Kirche oder zu festlicher Tafel schritt, so sprangen diese Pagen, Zu zweien sich an den Haenden haltend, in bunten Struempfen vor ihnen her, indem sie die Fuesse kreuzweis setzten und die Koepfe wiegten. Seine Stammburg, wo Herzog Grimald meistens Hof hielt, war Chastel Belrapeire und lag auf den Hoehen des Schafe naehrenden Artois, von ferne anzusehen wie auf der Drechselbank gedreht mit ihren Daechern, SoeIlern, Vorfesten und turmverstaerkten Mauer- 15 ringen, eine wehrhafte Zuflucht wie wohl ein Fuerst sie braucht: gegen wilde Feinde von auswaerts sowohl wie gegen boese Launen der eigenen Untertanen; doch hoechat wohnlich und den Sinnen angenehm zugleich« Ihr Kernwerk war ein ragender Donjon, rechteckig, mit Innenraeumen von hoher Pracht, derengleichen aber nicht nur der Wohnturm, sondern noch manch Sonderbau und Innen- fluegel im Zuge der Mauer barg* und von des Donjons Saal ging aussen eine gerade Stiege nieder in den Burghof und Rasengarten, wo wohlummauert eine breit schattende Linde stand. Auf ihrer Rundbank sass gern das Herzogspaar an Sommernachmittagen auf Kissen von Pfellelseide aus Halap und Damaskus, waehrend rings zu ihren Fuessen auf Teppichen, von Knappen in das geschonte Gras gespreitet, die Burggesellschaft sich in gefaelligen Gruppen geordnet hielt, und man lauschte viel wahren und truegllchen Maeren der Spielleute, welche die Saiten kneipend von Artus kuendeten, dem Herrscher aller Britanneisen, vom Gutwetterkoenig Orendel, wie er im Spaetherbst bitteren Schiffbruch leidet und dem Eisriesen zum Knechte wird; von den Kaempfen kristlicher Ritter mit abscheulich fremden Voelkern in so entlegenen Laendern wie Ethnise, Gylstram oder Rankulat: Kranichkoepfen, Stirnaeuglern, Plattfuesslern, Pygmaeen und Giganten; von den ausserordentlichen Gefahren des Magnetbergs und der Ueberlistung der Greifen um ihr rotes Gold; vom Glaubensstreit des heiligen Silvester vor Kaiser Constantin mit einem Juden: der raunte einem Stier den Namen seines Gottes ins Ohr, und tot fiel der Stier zu Boden« Silvester aber rief Christum an: Da stieg der Bulle wieder auf seine Beine und verkuendete mit Donnergebruell die Ueberlegenheit des wahren Glaubens. Dies alles nur beispielsweise. Sonst gab man einander spitz- 16 findige Raetsel auf oder trieb auch lose Conversation voll Cor- teisle -und Fug, sodass manch Frohgelaechter, aus Herren- und Damenstimmen gemischt, die Luft erfuellte. Fuer mein Teil muss ich lachen, weil einige denken koennten, im Saale droben haetten abends qualmende Fackeln von Stroh und knallende Kienspaene zur Leuchte gebrannt. Ach neinJ Da hingen Kronen von der Decke, mit flimmernden Kerzen dicht besteckt, und V/andarme hielten Kerzenbuendel, zehnfachen Scheines/ in den Raum. Es gab da zwei marmorne Feuerherde, auf denen Aloe und Sandelholz verbrannte, und den Estrich deckten breite Teppiche, auf denen, wenn es galt und etwa der Fuerst von Kanvoleis oder der Koenig von Anschouwe - Bien soi venu, beau Sirel - des Herzogs Gaeste waren, auch noch Reiser und Binsen gruen und Blumen verstreut lagen. Zu Tafel sassen Herr Grimald und Frau Baduhenna auf Stuehlen mit Polstern von arabischem Achmardi, ihnen gegenueber ihr Kaplan. Die Spielleute sassen ganz unten am Tische oder es sass auch dies Volk an gesondertem Katzentisch und die Gesellschaft an Vierertischen, von der Wand gelassen und weiss gedeckt, und je vier Knappen reichten goldene Becken und seidenbunte Trockentuecher urd schritten knieend vor. Hofgerecht war die Speise: Reiher und Fisch und Schafskoteletts und Voegel, im Sprenkelholz gefangen, und fette Krapfen. Zu jedem Gericht gab es Bruehe, Pfeffer und Agrass (womit ich Obstsauce meine), und emsig, das Antlitz hoch geroetet, (denn sie tranken selbst hinter den Tueren) fuellten die Knappen die Becher mit Wein und Maulbeerwein und rotem Sinopel und wuerzigem Lautertrank, will sagen: Klaret, womit vorzueglich gern und haeufig Herr Grimald die Gurgel netzte. Ich will nun weiter kein Ruehmens machen von dem guten Leben 17 auf Belrapeire, waer* es auch untreu zu verschweigen, dass da die Truhen barsten von Linnen und Damas, Seiden- und Sammet- stoffen seltener Art, Fischotterbaelgen auch und duftigem Zobel; dass die Gestelle und Kredenzen prangten im Schein von Assagauker Prachtgeraet, als: Schalen, aus Edelsteinen gehoehlt, und Goldpokalen,. die Schuebe den Vorrat kaum bargen an Spezereien, mit denen man die Luefte wuerzte, die Teppiche bestreute und die Ruhebetten bestaeubte: Kraeutern und Hoelzern, Ambra, Theriak, Nelke, Muskat und Kardamom; dass in geheimen Tresors an Golde ruhte so manche Mark, vom Kaukasus, aus Greifenklauen gerissen, dazu Geschmeide und wundertaetiges Gestein in losen Stuecken: Karfunkel, Onyx, Kalzidon, Koralle und wie sie heissen, Achat, Sardonyx, Perlen, Malachit und Diamanten, dass die Magazine und Ruestkammern strotzten von edlen Waffen, Ringpanzerhemden, Haersenieren und Schilden von Toled im Spanierland, Ruestungen fuer Mann und Ross, Kovertiuren, Sielzeug, Saetteln und Schellen- zaeunen, die Staelle, Pferche, Zwinger und Kaefige zum Ueberfluss bestellt waren mit Pferden und Hunden, Federspielen, Mausersperbern und des Redens kundigen Voegeln. Damit des Ruehmens genugj Es war ohnehin kein Kleines, soviel Ruehmens gehoerig anzuordnen und grammatisch im Zaum zu halten. Hoechst hoefisoh, wie man sieht, verbrachten Herr Grimald und Frau Baduhenna ihre Tage, bewundert rings in der Kristenheit, mit allen Guetern der Erde reich gesegnet. So heisst es wohl in den Geschichten und heisst dann weiter: “Nur Eines fehlte zu ihrem Gluecke.” Das Menschenleben verlaueft nach abgebrauchten Mustern, ist aber nur in Worten alt und hergebracht, an und fuer sich ist’s immer neu und jung, moege auch dem Erzaehler nichts uebrig bleiben, als ihm die alten Worte zu 18 geben* Nur Eines, spricht er notgedrungen, fehlte, ihr Glueck vollkommen zu machen: das waren Kinder; und wie oft sah man die Gatten auf Sammetkissen neben einander knieen, die Haende zum Himmel ringend um das Vorenthaltenei Nicht genug damit, so ward auch in allen Kirchen von Flandern und Artois allsonntaeglich von den Kanzeln zu Gott darum gebetet, und doch schien dieser den Bitten auf immer sein Ohr verweigern zu wollen, denn es waren Beide schon vierzig, und noch immer verzog die Hoffnung auf Nachkommenschaft und geraden Erbgang, sodass einst wohl gar die Herrschaft im Streite eifernder Anwaerter zerrissen werden wuerde• War es, weil der Erzbischof von Koein, Utrecht, Maastricht und Luettich sich selbst mit feierlichen Messen und Bitt-Pro- zessionen ins Mittel legte? Ich glaube es, denn nach langem Zoegern der Allmacht ward endlich der Bann geloest, und die Fuerstin sah Mutterfreuden entgegen, - Freuden, nur leider bestimmt, sich zu erschoepfen in den Q,ualen einer Niederkunft, deren Schwere noch immer von den Bedenken der Allweisheit gegen die Gewaehrung des Wunsches Zeugnis gab« 0 weh! Es sollte die Frau des Kinderpaares nicht genesen, das sie -unter fremdartigen Schreien 2um Lichte gebar4 Ihr Schwand das Licht, und Herzog örimald war nur Vater geworden^ um sich zugleich als Witwer auch zu finden« Wie seltsam mischt die Vorsehung uns Sterblichen Freude und Leid in einem BecherI Der Erzbischof, peinlich beruehrt von dem zwiespaeltigen Erfolg, den seine auf die Allmacht ausgeuebte Pression gezeitigt, ueberliess es dem Bischof von Cambrey die Exequien abzuhalten im Dom zu Ypern drunten. Als nun der Stein 19 ItttttKSttttlttt! iiHgMBBffiOTSttWaaBatil im um die Gruft bedeckte, darin Frau Baduhenna ihr kuehles Wochenbett abhielt, kehrte Herzog Grimald nach Belrapeire zurueck, um sich dessen zu freuen, was ihm gegeben, nachdem er in aller Form betrauert, was ihm genommen. Die Wickelkinder, des Todes allerliebste Sprossen, Knabe und Maegdlein, sein Fleisch und Blut, die Erben seines Hauses, sie waren seine Wonne im Leid und waren die Wonne der ganzen Burg, weshalb sie zusammen auch Schoydela- kurt, das ist; des Hofes Freude genannt wurden; denn reizendere Wickelkinder sah wahrlich die Welt noch nicht, und kein Maler von Koeln und Maastricht haette schoenere mit Farbe malen koen- nen: so rein geformt, von Niedlichkeit umflossen, mit Haerchen wie Kuekenflaum und Augen vorerst voll Himmelslicht, nur selten greinend, zum Engelslaecheln, dass einem das Herz schmolz, immer bereit, nicht nur fuer andere, sondern auch, wenn sie am Wickelspind sich ansahen, nach einander patschten und sprachen: "Da, daj Du, dui" Schoydelakurt, versteht sich, hiessen sie nur gemeinsam und in schmeichelndem Scherz. In der heiligen Taufe, vom Burgkaplan gespendet, erhielten sie die Namen Wiligis und Sibylla; und war auch Junker Willo, der beim "Da, da" viel derber patschte, als Sibylla, des Landes Erbe und die Hauptperson, so fiel auf diese doch, wie auf ihr ganzes Geschlecht, ein Strahl und Abglanz von der Glorie der Himmelskoenigin, und viel zaertlicheren Auges noch betrachtete Herzog Grimald sein Toechterohen, als den so wichtigen und ebenso schoenen Sohn. Der wuerde ein Ritter sein, wie er, tapfer und stark, nun ja, den Weibern recht, wenn er sich nach dem Tjostieren seiner verschwitzten Waffen Rost vom Leib gewaschen, dem Klaret auch wohl hold, nun ja, das kannte man* Die suesse, von oben beschienene Fremdheit zarten Weibtums aber, 20 die greift ganz anders ans rauhe Herz, ans vaeterliche auch, und darum nannte Herr Grimald das Soehnchen nur Loeli und Luemmelein, das Weiblein aber "ma charmante” und kuesste diese, waehrend er den Buben nur taetschelte 'und ibm seinen Finger zu halten gab. DieKinder Wie sorglich wurde das edle Paerchen nun aufgezogen von kundigen Frauen, denen die Hauben Stirn und Kinn umhueIlten, und die sie paeppelten mit suessem Seim und Brei, sie badeten in Kleiewasser und ihnen mit Wein die baren Kiefer wuschen, damit dort desto baelder und leichter die Milchzaehnchen durchbraechen und ihr Laecheln schmueckten. Sie taten’s leicht und ohne viel Gegreine und waren wie Perlen, dabei sehr scharf. Da aber die Beiden nun keine Wickelkinder mehr waren und nicht mehr zarteste Neukoemmlinge hienieden, verlor sich das suesse Licht, das sie von drueben mitgebracht, und gleichwie Wolkenschatten ging es darueber, sodass sie sich verdunkelten und begannen, Erdengestalt anzunehmen, die allerzierlichste, darum moecht* ich gebeten haben. Der Kuekenflaum auf ihren Haeuptchen wandelte sich in braunes, glattes Haar: das stand gar reizend gegen die waelisch elfenbeinfarbene Blaesse, die ihre feinfeinen Gesichtchen und die Haut ihrer sich streckenden Koerper nun wiesen, offenbar als Erbe fernerer Ahnen, nicht ihrer Eltern, denn Frau Baduhenna war weiss und apfelrot gewesen, und Herr Grimald war zinoberfarben von Antlitz. Der Kinder Augen, die anfaengiich Azur gestrahlt, daem- merten tief und tiefer ins Schwarze mit blauem Unterschein, selten gesehen und fast geheimnisvoll, wenn auch nicht laenger himmlisch, obgleich nicht zu sagen ist, warum nicht einige Englein sollten solche nachtblaue Augen haben. Auch hatten sie beide 21 rrüFnrüüIfJ eine Art, seitlich damit aus dem Winkel zu blicken, al3 lauschten und warteten sie auf etwas» Ob auf Gutes oder Boeses, kann ich nicht wissen» Mit sieben, um die Zeit der Zahnmauser, flogen Windblattern sie an, und da sie sich kratzten, blieb ihnen beiden davon an der Stirne ein Mal zurueck, eine Narbe und flache Caverne, ganz an der gleichen Stelle und ganz gleichgestaltet bei beiden, naemlich si- chelfoermig. Es fiel ihr braunseidenes Haar darueber, aber Herr Grimald strich es zuweilen neckend und sich zum Scheine wundernd davon zurueck, wenn die Haubenfrauen, wie einmal taeglich zu bestimmter Stunde, die Kinder vor seinen Schemelstuhl fuehrten, wo er sass, einen Pokal mit Klaret greifbar zu seiner Rechten. Laechelnd mit gesenkten Haeuptern traten die Pflegerinnen dann mehrere Schritt in den Saal zurueck, um nicht durch ihre niedere Naehe das hohe Familienglueck zu stoeren. Oder sie blieben auch gleich an der Tuere stehen und Hessen die Kleinen, Sibylla in ihrem gevitzten Kleidchen (oder wie man fuer kuenstlich mit Gold- faeden eingewebte Muster sagt), Wiligis in seinem mit Biber ver- braemten Sammetkittel und beide auf den Schultern ihr Haar, allein zum Vater gehen, vor welchem Wiligis bereits nach Ziem und Zucht das Knie zu beugen wusste. "Deu vus sal, lieb Herre wert 1 ', sprachen sie mit Stimmchen vor Zagen etwas heiser» Und dann plauderte und scherzte der Vater mit ihnen, nannte sie “gent mignote de soris“ und “Trutgesindlin“, fragte nach ihrem Tage und empfahl sie endlich dem Saint Esperit, indem er den Willo klapste, Sibylla aber kuesste» Er sprach: “Gehabt euch bassi“ Sie aber sprachen gemeinsam mit heiseren Stimmchen: “Nu lohn euch Gott!“ und gingen rueckwaerts von ihm hinweg nach sittiger Gebuehr, indess die Frauen von der Tuer her sie ereilten und sie beiderseits an den 22 Haenden nahmen, den aeusseren, an denen sie sich nicht hielten. Sie hielten sich aber an ihren Haenden auf Schritt und Tritt, mit achten noch und zehnen, und waren wie ein Paar Zwergsittiche und Gesellschaftspapeganen, zusammen Tag und Nacht, denn von jeher teilten sie das Schlafgemach, oben im kaeuzchenumschrie- enen Turm, wo ihre Spannbetten standen, mit Gurten aus Salamanderfell, auf denen die Kissen lagen, und Stollen von Viperschlangen. Das Polster unter den Kissen war Palmat. Die Haubenfrau, die noch zur Gesellschaft und Wartung bei ihnen auf schlichter Bettstatt schlief, fragten sie oefters: "Nichtwahr, wir sind noch klein?" - "Klein, zwei Turteltuertel, lieb und edel." - "Und werden noch lange klein sein, gilt’s, n'est-ce voir?" - "Ja doch, seurement, ihr Suessen, noch eine ganze Spann und Weile2" - "Wir wollen aber immer klein bleiben auf Erden", sprachen sie. "So haben wir es abgeredet im Kosen. Wir werden leichter Englein werden im Himele alsdann. Es muss recht schwer sein, mit Bauch und Bart und Busen sich in ein Englein zu wandeln, wenn man stirbt." - "Ach, Naerrchen, que Deus disposeJ Und Er will nicht, dass man immer ein Kind bleibt, was ihr auch moegt abgeredet haben. Deus ne volt." - "Wenn wir uns aber castigieren und drei Naechte lang nicht schlafen, sondern nur beten, dass Gott uns klein erhaelt?" -"Man hoere die liebe Einfalt! Meiner Treu, ihr werdet schon schlafen und im Schlafe euch lieblich auferbauen." So geschah es auch. Ich weiss nicht, ob sie es wirklioh mit der Kastigierung im Ernst versuchten; meinen moechte ich, es hatte die Rede der Amme sie wohl entmutigt. Doch so wie so, da ueber Burg und Land die Jahre hingingen, bekraenzt und falb und eisgrau und wieder lenzend, wurden sie neun und zehn und 23 «KWiMHwinmmii [??*?*?* elf, zwei Knospen, die sich erschliessen wollten, oder, wenn sie’s nicht wollten, doch dazu im Begriffe waren, nicht laenger klein, sondern jung-junge Dinger, bildhuebsch im blassen Antlitz, mit seidenen Brauen, regen Augen, duennen Nuestern, die spuersam witterten, und langen, etwas gewoelbten Oberlippen hinab zum feinen und ernsten Mund, am Leibe zart sich bildend nach ihrer Bestimmung, doch so recht noch nach der Proportion nicht fertig, etwas gleich jungen Hunden, die zu schwere Pfoten haben, alsus wenn ÄiHgis-. am Morgen, vom Schlafe uebermuetig, nackt wie ein Heidengott, im wirren Stirnhaar sein Sichelzeichen, um den vor sein Bett gestellten Badezuber sprang, auf welchem Rosenblaetter schwammen, dasj enige, wodurch er sich von der Schwester unterschied, sein Mannesteil, zu gross und ausgewachsen sich ansah im Verhaeltnis zu seinem schmalen, elfenbeinfarbenen Koerper. Mich stimmt der Anblick auf eine Weise trueb. So kindlich fein und klug das Haeuptchen droben auf den duennen Schultern und dann im Niederen ein solcher Micheli Die Ammen aber schnalzten wohl an- daechtig dazu, machten einander Augen und sprachen: '’L’espoirs des Damesl" Das Praeulein, was sie betraf, so sass sie, eine Knospe, kaum halb erschlossen, an Bettes Bord, auf der Stirn, ganz offen, de. sie fuer die Nacht das Haar davon zurueckgetan, ihr Zeichen ebenfalls, und blickte fast finster aus dem Augenwinkel auf ihn und die Bewundernden. Ich weiss, was sie dachte. Sie dachte: "Ich werd' euch, - l’espoirsJ Mein ist der Trutge- spiel. Der Dame, die ihm Gedinge traegt, kratz ich die Augen aus und nehme nicht Poen dafuer, ich, des Herzogs Toechterleini" Ihr war nun eine edle Witwe zugeteilt, von Cleve eine Graefin, mit der sie in der Fensternische den Psalter sang, und die sie das Wirken von Stoffen lehrte aus kostbarem Garn. Der Junker 24 dagegen hatte einen Gurvenal, mit Namen Herr Eisengrein, Cons du chatel, will sagen einer festen Wasserburg mit Graeben breit und tief und einem Berchfrit, der weit ausschaute uebers Meer; denn die Burg lag in der Ebene drunten, wo es Rousselaere und Thorhout heisst, dem Meere ganz nah. (Gebt acht, und merkt euch diese Wasserburg, dem knatternden Meere nahi Es wird noch seine Bewandtnis damit haben in der Geschichte.) Von dorther war Herr Eisengrein, ein Bester von dem Lande und getreuer Lehnsmann, eigens heraufgekommen nach Belrapeire, trotz Weib und Kind, des Junkers Ehrenherr und maistre de cortelsie zu sein. Es war diesem auch noch, fuers Groebere, der Meisterknappe Patafrid zur Seite gegeben. Denn wenn auch Herzog Grimald das Fraeulein, wegen des Scheines von oben, dem Sohne immer vorgezogen hatte und, je mehr die Knospe sich entfaltete, nur desto galanter und zaertlicher zu ihr wurde, je mehr aber der Junker heranwuchs, nur desto barscher zu ihm, so war er doch auf die gute Zucht des Erben recht vaeterlich bedacht und gebot, dass er un om de gentilesce werde, afeitle, bien parlant et anseignie. So lernte er von jenen beiden die Ritterschaft und feine Moralitaet. Er lernte von Patafrid, ob er's nun sonderlich gern tat oder nicht, aufs Ross zu springen ohne Buegel, und von Herrn Eisengrein, wie man beim Lustritt in weicher Tracht ein Bein lögerement vor sich aufs Pferd legt. Mit dem Oberknappen musste er eine Tjoste kaempfen in Eisenschienen von Soissons und lernen, wie man mit dem Speer zielt auf die vier Naegel am Schild des Gegenhelden, wobei denn Patafrid ihm zu Gefallen wohl vom Pferde fiel und Sicherheit anbot. Er lernte sowohl, wie man den kurzen Gabylot schleudert, als wie man zum Anrennen einlegt die lange Lanze. Mit seinem Gurvenal und Falknern ritt er zur Beize in den gruenen Wald, 25 um nif^Bilninirthn ;äxj lernte den abgerichteten Schellenvogel von der Hand werfen und so kuenstlich blatten, dass alles Wild den Schrei der eigenen Art zu hoeren meinte. Was weiss ich von Ritterschaft und WeidwerkJ Ich bin ein Moench, im Grunde unkund all dessen und etwas aengstlich davor« Ich habe nie eine Sau bestanden, noch mir das Huernen zum Ge- faelle des Hirsches in die Ohren schmettern lassen, noch das Wild zerwirkt und mir als des Gejaegtes Herr die leckeren Teile auf Kohlen braten lassen. Ich tue nur so, als wuesst’ ich recht zu erzaehlen, wie Junker Wiligis gezogen wurde, und wende Viforte vor. Nie hab ich einen Gabylot In der Hand geschwungen, noch eine lange Lanze unter den Arm geworfen; auch habe ich nie auf einem Blatte blasend das Waldgetier betrogen und habe das Wort "blatten’*, das ich mit solcher Scheingelaeufigkeit gebrauche, eben nur aufgeschnappt. Aber so ist es die Art des Geistes der Erzaehlung, den ich verkoerpere, dass er sich anstellt, als sei er in allem, wovon er kuendet, gar wohlerfahren und zu Hause. Auch der Buhurd, das lustige Reiterspiel, das jung Wiligis auf dem weichen Talgrund zu Fuessen der Burg mit Herren und Knappen uebte, wobei in Carriere Schar auf Schar stoesst und einander vom Plan zu sprengen sucht (die Damen aber sassen Spott spendend oder verliebten Beifall auf hoelzernen Baikonen um den Kampfplatz) - auch diese Hurterei ist mir im Grunde ganz fremd und eher widersam; aber ich erzaehle doch gelaeufig davon, wie Willo mit seiner Schar daherpreschte, dass die Krume stob, der schoenste Fuenfzehnjaehrige, den man sich denken kann, auf seinem Schecken, ohne Ruestung, nur in Hals- und Schulterberge aus leichten Stahlringen, die sein bleiches und feines Knabengesicht umrahmte, in Wappenrock und Korsett aus roter alexandrinscher Seide, - und wie 26 man ihm hoeflich auswich, ihn zum Schein durchstossen liess durch die ganze Gegenschar, weil er des Herzogs Sohn, und wie die Damen Sibylla, seine holde Schwester, die rasch und lachend atmete, be- glueckwuenschten zu seinem Siege. Dass es ein Scheinsieg war, troestet mich etwas darueber, dass ich mit solcher Scheingelaeufigkeit von Dingen rede, die mir nicht angehoeren. Heiss aber wird man auch von truegerischem Siege, und heiss und stolz, weil man so hoeflich gegen ihn gewe<- sen, kam Wiligis zurueck auf die Burg und trat vor seine Schwester, die auch ganz gut wusste, dass abgesprochene Ruecksicht gewaltet hatte und trotzdem, oder gerade deshalb, ebenso heiss und stolz war wie er. Wollt ihr wissen, wie das Fraeulein zur Feier des Tages gekleidet war, so war sie angetan mit einem Kleide, so gruen wie Gras, aus Assagauker Sammt, schoen weit und lang und luxurioes gerafft, und wo es vorn in breiten Falten gerafft war, sah man, dass das Futter aus roter und das Unterkleid aus weisser Seide war. An ihrem elfenbeinfarbenem Halse schloss es rund und war, wie an den Handgelenken, mit Perlen und Steinen gesaeumt, die tiefer auf der Brust zu einem breiten Geschmeide zusammentraten, Dicht besetzt mit Edelsteinen war auch ihr Guertel, und der Jungfrauenkranz in ihrem offenen Haar, er ebenfalls, bestand aus kleinen Rubinen und Granatstein gruen und rot. Da mag wohl I Neid ankommen manche Maid, wie ich das Herzogskind beschreibe, auch wegen der Laenge ihrer Wimpern, zwischen denen die blauschwarzen Augen spielten, ferner weil ich, die eigenen Augen moenchisch niederschlagend, berichte, dass unter Sammt und Steinen ihre Brust schon bluehend wogte, nicht zu schweigen von der ganz ausserordentlichen Schoenheit ihrer Haende, - kaum kleiner waren sie als die des Bruders, aber ueberaus fein von Knoecheln, 27 mit zugespitzten Fingern, und an einigen von diesen funkelten Ringe, je einer am oberen und unteren Gliede. Schlank war sie, von lieblicher Hueftlinie, und wie bei ihm setzte die Oberlippe weit vorn am Naeschen an und war gewoelbt. Die duennen Nuestern dazu flatterten ganz wie seine. “Ach Herr und Bruder", sprach sie, indem sie ihn von der Kettenhaube befreite und ihm glaettend ueber sein dunkles Haar strich, "du warst herrlich, als sie dich durchstossen lassen mussten durch die ganze Schar! Wie deine Beine in den Buegeln standen beim Ansturm, das sah ich mit Freuden. Dein sind die jugendschoensten Beine von allen hier. Nur meine, in ihrer andren Art, sind ebenso schoen. Insonders ergreifen mich deine Kniee, wenn du jambelierst und deinem Tiere die Schenkel gibst." "Herrlich", antwortete er ihr, "bist du, Sibylla, ganz von selbst und ohne Buhurd! Mein Geschlecht, das muss sich regen und etwas tun, um herrlich zu sein. Mit deinem darf man nur sein und bluehen und ist schon herrlich. Das ist der allgemeinste Unterschied zwischen Mann und Weib, von genaueren abgesehen." "Wir neiden euch", sagte sie, "euere Unterschiede, bewundern sie und sind in Scham gehuellt, weil wir in den Hueften breiter sind, statt in den Schultern, und folglich eine zu grosse Bauch- flaeche haben, auch einen zu umfangreichen derriere. Aber das darf ich sagen, dass gleichwohl meine Beine so hoch und schlank sind, dass nichts zu wuenschen bleibt in dieser Beziehung." "Das darfst du", erwiderte er, "und darfst nicht vergessen, dass wir wiederum, wenn nicht mit Neid, so doch mit suessem Gefallen auf euere Unterschiede blicken. Sogar von Neid kann die Rede sein ebenfalls, denn wo ist unsere Bluete? Wir haben hier nicht und da nichts, nur etwas Kraft allenfalls, um uns heraus- 28 zuhauen aus unserem Nachteil. 1 ' "Sage das nicht, dass du nichts hastl - Aber lass uns niedersitzen im Pensterbogen und etwas kosen ueber den Buhurd von heute, wie komisch Graf Kynewulf von Niederlahngau, 'Kurzibold* geheissen ob seiner Kleinheit, auf seiner riesigen Rappenstute sich ausnahm, und wie Herr Klamide, fils du comte Ulterlec, im Strauchei- * stürz unter sein Ross zu liegen kam, worueber Frau Garschiloye von der Beafontane fast den Verstand verlor." Sie taten nach ihrem Vorschlag, sassen, die Arme in Sammt und Seide einander um die Schulter gelegt, auf der Bank im Bogen und lehnten manchmal die huebschen Koepfe an einander. Zu ihren Puessen hatte sich, Kopf auf den Pfoten, ihr angellaendscher Hund gelagert, ein Scenter, Hanegiff mit Namen, eine sehr liebe Crea- tur, weiss, schwarz nur um das eine Auge einschliesslich des Ohr- gehaenges. Er teilte auch ihr Schlafgemach und schlief dort immer zwischen ihren Betten auf einem mit Rosshaar gefuellten materas. Der Blick durchs Fenster ging ueber die Daecher und Zinnen der Burg hinab auf eine Strasse im Tal, von Wiesen und gelb bluehendem Gebuesch gesaeumt, auf der eine Herde dickwolliger Schafe langsam dahinzog. Sibylla fragte: "Hast du \vohl Augen gehabt fuer Alisse von Poitou in dem Narrenkleide, worin sie sich spreizte, zur Haelfte aus gold- durchwirkter Seide, zur Haelfte aus Pfellel von Ninive, mit bunt gestuecktem Rock? Sie fanden sie viele so waetlich." Er sagte darauf: "Ich habe keine Augen gehabt fuer ihre praetendierte Waet- lichkeit. Ich habe nur Augen fuer dich, die du mein weiblich Gegenstueck auf Erden. Die anderen sind fremde Stuecke, mir nicht ebenbuertig wie du, die mit mir geboren. Die von Poitou, 29 so weiss ich, macht sich nur so bunt fuer Maenner, die gleich dem Riesen Hugebold und fuer solche Truemmer wie Herrn Rassalig von Lothringen, zweimal so hoch wie ich, der nicht viel feister als eine Gerte. Aber seitdem ein Schatten von Bart auf meiner Lippe dunkelt, laesst manche Dame ihre Augen schmelzen, wenn sie mich anblickt. Ich dagegen weise ihr die kalte Schulter, que plus n'i quiers vevir, als dick.” Sie sprach: "Es hat der Koenig von Escavalon einen Brief gerichtet an Grimald, unsern Herrn, und ihn um meine Hand ersucht zur Ehe, dieweil ich mannbar und jener noch unbeweibt. Ich weiss es von meiner maistresse, der von Cleve. Du brauchst nicht aufzufahren, denn der Herzog hat es ihm glimpflich abgeschlagen und Ihn bedeutet, ich sei, wenn auch mannbar, doch zu jung noch, unreif zur Koenigin selbst fuer ein so weniges Koenigreich wie Askalon, und er solle sich sonst umsehen unter den Fuerstentoechtern der Kristenheit. Zwar nicht um deinetwillen und damit wir noch zusammenbleiben, hat der Herr den Koenig abgewiesen. Sondern 'Ich will noch eine Weile', schrieb er, 'zu Tafel sitzen mit meinen Kindern beiden, meiner Tochter zur Rechten und meinem Sohn zur Linken, nicht mit dem Buben allein und dann meinem Pfaffen nur noch, mir gegenueber.' Das war der Grund von seinem refus.” ”Lass es”, sprach er, indem er mit ihrer Hand sich spielend abgab und deren Ringe betrachtete, “sein, welcher Grund es will, wenn man uns nur nicht trennt in unsrer suessen Jugend, vor der Zeit, von der ich nicht wissen will, wann sie gekommen sein wird. Denn unser beider ist niemand wert, weder deiner noch meiner, sondern wert ist eines nur des andren, da wir voellig exceptio- nelle Kinder .sind, von Gebuerte hoch, dass alle Welt sich lieblich devotement gegen une b«mobm»aa »ubo, und eusaramen aus dem Tod© geboren mit unseren vertieften Zeichen ein jedes auf seiner Stirn, die körnen zwar nur von den Windpocken, die nicht besser sind als Buerzel, Ganser, Ziegenpeter und Mumms, aber nicht auf die Herkunft der Zeichen kommt's an, bezeichnend sind sie tout de meme in ihrer vertieften Blaesse. Wenn Gott das Leben unsres Herrn Vaters lieb und wert bis aufs aeusserste Menschenmass verlaengert haben wird, wie es ihm zu tun gefallen moege, so werde ich Herzog sein ueber das Artois und Flandern, ein segensreiches Gebiet, denn hier wogt das Korn auf fetten Aeckern, waehrend auf den Hue- geln zehntausend und mehr rupfende Schafe ihre Wolle herumtragen zu guten Tuchen, drunten aber, gegen das Meer hin, waechst auf den Feldern der Flachs so reichlich, dass die Bauern, wie ich hoere, vor plumper Freude in den Schenken tanzen, und es ist das Land besteckt mit kostbaren Staedten, wie deine Hand mit Ringen: Ypern ist froehlich, Gent, Loewen und das mit Waren vollgestopfte Anvers und Bruges-la-vive am tiefen Haff, wo mit Schaetzen ueber- ladene Schiffe vom Sued- und Word- und Ostmeer unaufhoerlich ein- und ausfahren. Die Buerger gehen in Sammt und Pelz, aber sie haben nicht gelernt, freihaendig aufs Pferd zu springen, noch mit der Lanze auf die vier Naegel des Schildes zu zielen, noch auch einen Buhurd zu reiten, darum brauchen sie einen Herzog, der sie schuetzt, und der bin ich. Dich aber, aller Magde beste, die allein zu mir passt, will ich, waehrend sie ihre Muetzen in die Luft werfen, an meiner Hand durch sie hindurchfuehren als Schwester-Herzogin." Und er kuesste sie. "Ich habe es lieber 1 ', sagte sie, "wenn du mich kuessest, als wenn unser lieb Herre wert mir Hals und Wange mit seinem rostfar- 31 benen Schnauz zerkratzt. Wie sehr von Herzen muessten wir nicht erfreut sein, wenn er uns visitieren kaeme, was jeden Augenblick geschehen mag." Oft naemlich, wenn sie so sassen und ueber allerlei Dinge kosten, trat Herzog Grimald wohl zu ihnen, nicht um sich ihnen zu gesellen, vielmehr um den Junker mit starken Worten zu vertreiben und allein mit dem Jungfraeulein zu kosen. "Pils du duc Grimald", sprach er, "find’ ich dich, du Fauz, bei diesem schoenen Kinde, deiner Schwester? Dass du ihr pflegst, ist loeblich, und ich lobe es, dass du dich nach besten Kraeften ihrer annimmst, ihr beistehst und sie unterhaeltst, so gut du Spatz es eben verstehst. Aber so lang ich lebe, bin ich, traun, ihr Schuetzer allen zuvor, auch Manns noch immer genug, mich ihrer anzunehmen, und wenn du dir schmeichelst, dass so ein holdes Kind dem Bruder trauter angehoert, als ihrem ruestigen Vater, so magst du ein paar Datteln gewaertigen von meiner Hand. Allez avant und mache dich von dannenJ Schiess nach der Scheibe mit Meister Patafridl Der Herzog will einen Schwatz haben mit seinem Toechterlein." Und dann setzte er sich zu ihr in der Nische und corteisier- te sie, der alte Ritter, wie sich f s ein Moench nur muehsam einzubilden vermag. "Beau corps ist dein", so sprach er, "und was der Franze florie nennt, der bluehende Glanz, der ruht auf dir, du hast ihn letzthin allerliebst entwickelt. Helas, die Zeit ist hold der Jugend, sie laesst sie taeglich suesser erbluehn, indess sie uns Alte mehr und mehr vergarstigt, und das Haar nimmt von der Schwarte des Haupts und Grau streut in den Schnauz. Ja, ja, das Greise muss sich schaemen vor dem Jungen, denn es ist 32 widersaml Waehrenddessen, pourtant, kommt Wuerde wohl auf fuer Schoenheit, und du darfst, Allerliebste, nicht vergessen, dass Grimald dein Vater ist, dem du Ruehrung schuldest und grossen Dank, dass er dich in die Welt gesetzt, und der so frueh sein Trutgemahl verlor. Soviel wie dich angeht, muessen wir sehen, dass du bald Brautlauf haeltst, denn viele suesse Zeichen sprechen fuer deine Mannbarkeit. Ich sinne nur auf dein Glueck. Aber freilich, der Erste ist mir fuer dich der Beste nicht, und nicht nur dir muss er gefallen, sondern ich muss dich ihm goennen, und, in Treuen, ich goenne dich keinem so leicht, ich alter Ritter," So ungefaehr Herr Grimald, wenn er mit ihr im Bogen sass; ich geb’ es wieder, so gut ein Moench sich’s einzubilden versteht. Im naechsten Jahre, als die Kinder sechzehn waren, kam fuer jung V/iligis das Pest der Schwert leite, - was weiss ich davon, doch in der Sprache der Welt bedeutet's fuer den Junker das Recht, das Ritterschwert sich umzuguerten. Das tat Herzog Grimald dem Sohne und schlug ihn zum Ritter unter Vivats und Trara, nach feierlichem Hochamt in St, Vaast, zu Arras auf der Burg, in Gegenwart von vielen Magen und Mannen, und danach stieg er zwischen seinen Kindern, den Sohn mit seiner Rechten und mit der Linken das Jungfraeule in fuehrend, vor den Augen der jubilierenden quemune vom hohen Bau den Ehren-Perron hinab, wobei der neuschaffene Schevelier, nur gewohnt, das kurze Jagdmesser an der Huefte zu tragen, wohl acht zu geben hatte, dass ihm das uebergrosse Schwert, welches ihm vorn vom Guertel hing, nicht zwischen die Beine gerate. Beide Kinder aber kam der Gedanke an, wie es doch so viel schoener waere, wenn sie zu zweit nur, Hand in Hand, die Rampe hinunterschritten und der Vater nicht zwischen 33 IAMMX A, ihnen waere. Da aber der Wiligis nun feierlich Schwertleite gehalten, war in den Augen aller zugleich mit ihm Sibylla auch muendig "und heiraetig geworden, und es mehrten sich die Werbungen um ihre Hand von stolzen Puersten der Kristenheit, die sich des Antrags wohl getrauen durften. Teils schrieben sie, teils schickten sie edle Freiwerber nach Belrapeire, teils kamen sie auch selbst zur Freite dorthin: Der alte Koenig von Anschauwe brachte seinen Sohn Schafillor, der freilich ein Depp war. Graf Schiolarss von Ipotente, der Gaskonen Herzog Obilot, Plihopliheri, Fuerst von Waleis, sowie die Herren von Henegau und Haspengau, sie alle kamen und machten sich niedlich mit zobelgesaeumten Kleidern und Hermelin und erlesenem Gefolge und geschmueckten Antragreden, die sie zum Teil vom Blatte lasen. Herr Grimald aber schlug alle aus, denn keinem goennte er Sibyllen, ja kaum vermocht’ er, zornlichen Hass zu verbergen, den er gegen die Werber hegte, und mit seinem Nein-Wort liess er alle, so fein sie waren, wieder abreiten in ihre Reiche. Das schuf viel boesen Mut rings an den Hoefen der Kristenheit. Jung Wiligis aber hatte um die Zeit einen Schreckenstraum, von dem er am ganzen Leibe nass von Schweiss erwachte. Ihm traeumte, sein Vater schwebe ueber ihm mit hinten aufgeschlagenen Beinen in den Lueften, kupferrot angelaufen vor Wut das Antlitz, mit gestraeubtem Schnauz, und bedrohe ihn stumm mit beiden Faeus- ten, so als wolle er ihm stracks damit an die Kehle fahren. Das war noch ungleich schrecklicher, als es sich ausnimmt in Worten, und vor lauter Angst, es moechte ihm wieder traeumen, traeumte es ihm wirklich genau so wieder zum zweiten Mal, hoechstens noch schrecklicher, schon gleich die naechste Nacht. 34 Die schlimmen Kinder Um siebzehn Jahre ueberlebte Herr Grimald sein Weib Badu- henna, um mehr nicht und nicht weniger; dann kam er zu ihr unter den Stein im Dom zu Ypern, aber auf dem Steine lagen sie beide starr gemetzt noch einmal, als kristliche Gesponsen, ihre Haende vor Gott auf der Brust gekreuzt. Es war naemlich dieser Fuerst seit seiner Frauen Scheiden dem Klaret in immer wachsendem Uebermass ergeben gewesen, und eines Tages ward er wirklich so dunkel kupferrot im Gesicht, wie Wiligis ihn im Traum gesehen, dann aber gel: da hatte der Tannewetzel ihn an die Schlaefe getroffen, und er war tot, vorlaeufig nur an seiner rechten Seite, sodass er dort kein Glied mehr ruehren konnte, auch der Sprache zum Teil verlustig war: nur aus dem linken Mundwinkel konnte er noch Worte wie Blasen blubbern lassen. Sein Arzt von Loewen aber, wie auch der Grieche Klias, den er rufen liess, sie beide verhehlten ihm nicht, dass leicht und bald der Tannewetzel ihn nochmals treffen koenne, und dann werde er unvermeidlich tot sein auch links. Dies sagten sie aber, damit er noch bei Zeiten sein Reich bestelle; sie brachten ihn durch ihre Warnung auf den Gedanken, und so beschickte er die Besten von dem Lande, Mage, Mann und Dienstmann, um ihnen seine Seele und seine Kinder zu empfehlen und sie zur Eidestreue zu vermahnen, wenn nun der Tod sein Weggenosse werden sollte. Als sie nun alle, Vettern und Lehnsherrn nebst den Kindern, sich um sein Bett versammelt hatten, worauf er lag, recht sehr entstellt, da eines seiner Augen geschlossen war und ihm die Wange gelaehmt herunterhing, sprach er zu ihnen so gut er konnte: 35 "Seignurs barons, nehmt meine Worte, alsob ich sie mit vollen Lippen spraeche, da ich sie leider nur aus einem Mundwinkel schuetten kann, das wollt vergeben. Mich hat der Tod gepackt und blaest schon ueber mir die cornure de prise, um im Grabe den edlen Hirschen zu entbaesten. Mittelst des Tannewetzeis hat er mich halbseits lahmgelegt und kann mich vollends faellen j eden Augenblick, des verj ehen mich meine Aerzte unumwunden und erweisen so ihre Heilkunst i Also soll ich aus diesem Wurmgarten scheiden, diesem ueblen Wolfstal, da wir hineingeworfen durch Adams Missetat, und das ich noch recht beschimpfen will, da ich es lassen muss und durch Willen von Gottes marterlichen Wunden einzugehen hoffe durch die porta Paradyses, wo mein die Engel pflegen werden, beides, Tag und Nacht, waehrend ihr noch ein luetzel in diesem Wurmgarten verharren muesst. Darum um mich kein Ungehabe I Gedenket aber, Seignurs barons, der Stunde, da ihr euere zusammengelegten Haende zwischen meine tatet zum Le- henseidi Das tut nun meinem Sohne, wenn ich ganz tot bin, und legt euere Haende zwischen seine, ob es auch ridikül anmuten mag, dass er euch schuetzen soll, da der Fanz doch eher eures Schutzes bedarf. Den gewaehrt ihm, Vettern und Herren, als ge- waere Maenner und tragt meinem Hause Treu, beides in Urlag' und Frieden!" Als er so die Herren von den Landen beschieden, wandte er sich an Wiligis und sprach: ”Du, Sohn, hast am allerwenigsten Ursach zur Ungehabe, denn Krone, Szepter, Land, die mir als Erbe angestorben, die sterb ich dir nun an, wenn auch hoechst ungern, und wirst michel Ehren geniessen in diesem Wolfstal, aus dem ich nun scheide. Wenig Sorge .nach ich mir deinethalben, aber desto mehr um dieses 36 schoene Kind, die Schwester dein* Zu spaet erkenn’ ich, dass ich mich ihrer Zukunft uebel angenommen und ueberhaeufe mich mit Vorwuerfen deswegen, Vere, vere, so sollte ein Vater sich nicht verhalten.’ Auch gegen dich, ich weiss es, hab ich mich in gewissem Grade schuldig gemacht, indem ich durch uebergrosse Heiklich- keit bei der Wahl eines Gatten fuer dieses suesse Kind viel Unmut an den Hoefen gegen unser Haus geschaffen. Nicht anders kann ich’s suehnen, als dass ich dir zuletzt noch im Beisein meiner Landbarone die besten vaeterlichen Lehren gebe, solange ich links noch sprechen kann," Und er sagte ihm alles, was schon sein eigener Vater zu ihm gesagt was geng’ und gaebe ist, und wovon er meinte, dass es in solcher Stunde sich zu sagen zieme. "Sei gewaere und treu", so sprach er, "schatzgierig nicht, doch auch nicht von allzu freier Hand, demuetig im Stolz, leutselig, doch exklusiv und streng auf adelige Moralitaet bedacht, gegen die Vornehmen stark und milde gegen die, welche um Brot am Fenster bitten! Die Deinen ehre, aber auch die Fremden sollst du dir anhaenglich und verbindlich machen. Ziehe die Gesellschaft betagter Weisheit derjenigen junger Narren vorl Vor allem liebe Gott und richte nach seiner Gerechtigkeit. Soviel im Allgemeinen. Wie meine Seele aber befehle ich dir diese, deine schoene Schwester, dass du dich gegen sie als ritterlicher Bruder bewaehrst und ihr nicht von der Seite gehst, bis du ihr, und zwar so bald wie moeglieh, einen ebenbuertigen Gemahl gefunden, was ich dir leider durch meine suendliche Heiklichkeit erschwert. Die Fuersten, die schon um sie ersucht, die werden nicht wiederkommen, weder Graf Schiolarss noch Fuerst Plihopli- heri, noch all die andern, denn garzu unwirsch war ich zu ihnen. 37 kiuaamu mmttttüBMiBaHBaBmBtimiiiiiii mm Mim— n Aber noch viele kristliche Reiche sind, deren Haeupter bis jetzt nicht um sie geworben, und ihre schoenen Augen, schwarz mit blauem Unterschein, ihre reizenden Nuestern und bluehender Leib, nicht zu vergessen das reiche Heiratsgut, das ich ihr ausgeschrieben, werden schon manche edlen Freier noch heranziehen, dess getroest* ich mich* Sorge aber auch du, dass du dich bald vermaehlst und dir den Sohn erzeugst, dem du einst die Herrschaft ansterben kannst von Artois und Flandern* Hier steht so mancher Vetter, dem ich’s mit einem Aug ansehe, dass all sein Hoffen der Knickung des geraden Erbgangs gilt. So sprech’ ich, weil man dem Sterbenden ein wahres YJort nicht wehren darf. Bei den Hoefen, die ich suendlich gekraenkt, kannst du nicht anfragen. Aber es gibt ja * soviele noch, in Britanj e, Parmenien, Equitanien, Brabant und deutschen Landen. Nun aber tut die linke Mundtasche mir weh vom Reden, und ich muss ruhen. Gott spar* euch Leid. Ade. 11 Nachdem Herr Grimald dies gesprochen, lebte er nur einige Tage noch, dann traf der Tannewetzel ihn zum zweiten Mal, und er war voellig tot; Starr und gelb, den Wachskerzen gleich, welche seiner hohen Bare zuseiten brannten, lag er im Herzogsstaat, wenn auch dagegen ganz gleichgueltig, wie gegen das Erdenleben ueberhaupt, dem ewigen angehoerig, in der Burgkapelle, bis dass man ihn nach Ypern in den Dom zu seinem Weibe brachte, und Moen- che sprachen Flehgesaenge fuer seine Seele bei ihm die ganze Nacht. Nun aber ruf ich Ach und Wehe ueber diese Nacht, da Herzog Grimald kaum abgestorben und als Leichnam noch gegenwaer- tig, aber befriedet, ausgeschieden und als Vater nicht laenger zwischen den Geschwistern war. Denn nach Valandes argem Ratschlag und zu seiner greulichen Lust, die sie trueglich fuer ihre Dielten, wohnte in dieser selbigen Nacht der Bruder der 38 Schwester hei, als Mann dem Weibe, und ihre Kemenate droben im Donjon, um den die Eulen kreisten, war so voll von Zaertlichkeit, Befleckung, Wut, Blut und Meintat, dass sich mir vor Erbarmen, Scham und Kummer das Herz umdreht und ich es alles kaum sagen mag. Sie lagen beide nackend unter ihren Decken von weichem Zobel, im matten Schein der Ampel und im Duft des Amber, womit man ihre Betten bestaeubt, - die standen nach zuechtiger Sitte weit von einander, und zwischen ihnen schlummerte schneckenfoermig gelagert, Hanegiff, ihr guter Hund. Sie aber konnten nicht schlafen, sondern lagen mit offenen Augen oder drueckten diese nur manchmal gewaltsam zu. Wie es um das Fraeulein stand, will ich nicht wissen, aber Wiügig, erregt von seines Vaters Tode und dem eigenen Leben, stoehnte unter dem Pfahl im Fleisch und unter ^alandes Stachel, also dass er’s schliesslich nicht laenger aushielt und aus seinem Bette schluepfte, auf blossen Sohlen um Hanegiff herumging, sachte Sibyllas Decke lupfte und sich, der Gottverlassene, unter tausend unstatthaften Kuessen zu der Schwester tat. Sie sprach scherzend mit unscherzhaft erstickter Stimme: "Sieh da, Herr Herzog, michel Ehre erweist ihr mir mit eurem unverhofften Besuchl Was verschafft mir den Vorzug, eure liebe Haut an meiner zu spueren? Eine Freude waere mir das, wenn nur nicht um den Turm die Kaeuzlein so aengstlich schreien wollten.'" ''Die schreien immer . 11 "Aber nicht so aengstlich. Wahrscheinlich kommt es daher, dass ihr eure Haende nicht ruhen lassen koennt und garso seltsam mit mir ringt. Was bedeutet, Bruder, dieses Ringen? Nun habe ich deine suesse Schulter an meinen Lippen. Warum nicht? Es ist mir lieb. Nur solltest du es nicht darauf absehen, meine 39 X, Knie von einander zu trennen, die durchaus und unbedingt beisammen bleiben wollen.” Auf einmal setzte da Hund Hanegiff sich auf die Schenkel und gab klaeglich Laut, indem er anfing, zum Gebaelk empor zu heulen, ganz wie wenn ein Hund zum Monde jammert, langgezogen, herzbrechend und aus tiefster Seele. "Hanegiff, sei stilli” rief Wiligis. "Er weckt die Leute! Untier, sei still und leg’ dich! 0, Teufelsbestie, wenn du nicht aufhoerst, mach* ich dich stumm!” Aber Hanegiff, sonst so gehorsam, heulte weiter. Da sprang der Junker, wie er war, vom Bette wild und irre nach seinem Seitenmesser, packte den Hund und schnitt ihm die Kehle durch, dass er roechelnd verreckte, warf das Messer auf ihn, dessen Blut der Sand des Estrichs trank, und kehrte trunken zurueck zum Ort der andren Schande. 0 weh, der schoene, gute Hund! Hach meiner Meinung war es das Schlimmste, was diese Nacht geschah, und eher noch verzeih ich das andere, so unstatthaft es war. Aber es gehoerte wohl alles zusammen und war nicht hier mehr, dort weniger zu schelten, ein Gewoell von Liebe, Mord und Pleischesnot, dass Gott erbarm’. Mich jedenfalls erbarmt es. Sibylla fluesterte: "Was hast du gemacht? Ich habe nicht aufgesehen, sondern mir die Decke ueber den Hopf gezogen. Es ist so still auf einmal, und du bist etwas nass.” Er sprach atemlos: "Schon gut so weit, Anaclet, mein Leibknappe, ist mir hold und treu. Er wird frueh Ordnung schaffen, ihn verscharren und alle Spur vertilgen. Uns darf niemand fragen. Seit Grimald tot 40 ist, niemand, Schwester-Herzogin, mein suesses Neben-Ich, Geliebte." "Bedenke 11 , hauchte sie, "dass er erst heute starb und drunten starr liegt in Parade. Lass, die Nacht gehoert dem Tode!" "Aus dem Tode“, stammelte er, "sind wir geboren und sind seine Kinder. In ihm, du suesse Braut, ergib dich dem Todesbruder und gewaehre, was Minne als Minneziel begehrt!" Dann murmelten sie, was man nicht mehr verstand und garnicht verstehen soll: "Nen frais pas. J’en duit." "Fai le! Ilanjue, ne sez que est. Pernum 90 bien que nus est presti" "Est il tant bon?" "Tu le saveras. Nel poez saver sin gusteras." "0 Willo, welch Gewaffen! Ouwe, mais tu me tuesi 0, schaeme dich! Ganz wie ein Hengst, ein Bock, ein Hahn! 0 fort! 0, fort und fort! 0 Engelsbubi 0 himmlischer Gesell!" - Die armen Kinder! Bin ich froh, dass ich mit der Liebe nichts zu schaffen habe, dem tanzenden Irrlicht ueberm Moor, der suessen Teufelsmarter. So trieben sie's zu Ende und buessten Satans Lust. Der wischte sich das Maul und sprach: "Nun ist es schon geschehen. Koennt's ebenso gut noch einmal und oefters treiben." Das pflegt so seine Rede zu sein. Am Morgen brachte der junge Anaclet, blind seinem Herrn ergeben, das Schlafgemach in Ordnung und beseitigte, von niemandem gesehen, den Leichnam des treuen Hanegiff. Aber wie aeusserlich war diese Ordnung, und wie so unordentlich stand es um das verirrte Paar, die huebschen Leute, denen ich wohlwill, ohne sie entschuldigen zu koennen, und die freilich durch die Lust viel 41 LL '»iiiüBinfir “ 1 )ÖÜGB&888! fester nun noch an einander geschmiedet waren als jemals, - aus der Massen liebten sie einander, und das ist es, weshalb ich mich des Wohlwollens fuer sie, helf Gott, nicht ganz entschlagen kann. Es heisst wohl: "Ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten", aber was war hier erstritten als Unrecht und schwindelnde Verkehrtheit! Nach der Ordnung geht das Beilager vor der Trauung und Hochzeit, aber hier an Trauung und Hochzeitsfest zu denken, nach der Beschreitung, waere irrer Wahn gewesen, und Sibylla, nicht Jungfrau laenger, durfte doch am Morgen nicht ihr Haar aufbinden und das Gebaende der Frauen anlegen, sondern musste in Luege weiter den Kranz, der doch vom eigenen Bruder zerrissen war, im offenen Haare tragen, wenn sie vorm Landgesinde an seiner Hand dahinschritt bei Herrn Grimalds Bestattung und beim Fest des Lehenseides. Da waren vor Arras auf dem Anger viel ueppige Zelte aufgeschlagen, mit dreifarbigen Sammetdaechern (wenn man die Le- derhuelle abzog, die sie bei Regenwetter bedeckte), und Stangen, mehr als der Spessart Baeume hat, waren rings in den Plan gepflanzt , behaengt mit Wappenschilden und reichen Bannern. Manch alter Ritter tat da seine Haende zwischen die jungen, suendigen Herzogs Wiligis und neigte sich vor der Jungfrau-Herzogin, die rechtens in Staub und Asche sich haette bergen muessen. Sie aber war der seltsamen Meinung und sprach auch zu dem Irr-Gatten in diesem Sinn, dass Eine, die nur dem eigenen Bruder angehoert habe, nicht im gemeinen Sinn Frau geworden, sondern immer noch Jungfrau sei und zu Recht das Kraenzlein trage. Und dabei lebten sie fort und fort in ungebaerer Ehe, Mond fuer Mond, und war nicht die Rede, dass eines haette Miene gemacht, zu ehelichen, wie es der Vater vorgeschrieben. Zu bruen^tig hingen sie an einander, schritten zu Tafel Hand in 42 Hand als Herzogspaar, und die Pagen huepften vor ihnen her. Die aber blinzelten schon, sogar die Sarazenen, und da auch Hanegiffs trueber Tod nicht unbemerkt geblieben, war ein Gemunkel um sie am Hofe, das zuweilen aufsprang in losen Reden. Denn Herr Wittich, ein Ritter mit schiefer Schulter und einem Schandmaul, sagte bei Tische, Herzog Wiligis werde sich gewiss einmal Ruhm erwerben dadurch, dass er das Einhorn fange, wenn es entschlummert sei in seiner keuschen Schwester Schoss. Da wurde die wael'sche Blaesse der Jungherrin um einen Schatten bleicher, und ihr Bruder vergass, die Faust rechtzeitig unterm Tisch zu bergen: Alle sahen, wie sie sich auf dem Damast, die Knoechel ganz entfaerbend, peinlich zusammenballte, Herr Eisengrein Als nun aber einige Monate ins Land gegangen waren, bemerkte der Herzog eine grosse Verwirrung und Bestuerzung sowie Vergrae- mung an der Trauten, und ihre Gewohnheit, die sie mit ihm teilte, manchmal wie horchend seitlich aus dem Augenwinkel zu blicken, wurde stehend und staendig, also dass sie garnicht mehr anders blicken zu koennen schien, wobei noch ihre feinen Lippen schreckhaft offen waren* "Was ist dir, Vriedel traut, du Einzige, Geliebte, was erschreckt dich?" "Nichts, geh." Da dand er sie ueber einen Tisch geworfen, das Antlitz in den Armen vergraben, in Traenen ganz aufgeloest, "Sibylla, jetzt musst du mir alles sagenJ Deinen Kummer steh ich nicht laenger aus und zernartre mir den Sinn nach seinem Grunde, den ich nicht finde, und auf den ich beim besten Willen 43 nicht kommen kann. Nun flehe ich dich an, bekenne ihn miri 11 "Ach, Tor!" sprach sie mit Schluchzen, das Gesicht kaum von den Armen lueftend. "Ach, Dummkopf, suess zur Nacht, doch voel- lig dumm bei Tage! Was fragst du? Da gibt es doch nur Eines, was mich so in Verzweiflung und Hoellenschrecken stuerzen kann, du aber kommst nicht drauf. 0 Willo, wie konntest du mir verhehlen, dass man vom eigenen Bruder wirklich zur Frau gemacht und Mutter werden kann? Ich habe das nicht gewusst und garnicht fuer moeglich gehalten. Nun aber ist’s am Tage, oder, wenn am Tage noch nicht, muss es doch allernaechstens ruchbar werden, bei noch so weiten und faltig gerafften Kleidern, und wir sind beide, wir sind alle drei verloren!" "Wie, waerst du gar -?" "Natuerlich bin ich garl Was fraegst du? Schon lange bin ich das und trage in Noeten mein Geheimnis und deine Frucht. EJ Deus, si forz pechiez m*appresset! Willo, Willo, wenn du gewusst hast, dass eine Magd gesegneten Leibes werden kann ohne Gatten und Trauung, nur von dem Bruder, so hast du sehr uebel an mir getan, nebstbei auch an dir selbst und an unserm Kinde, fuer das ja gar kein Platz ist in Gottes weiter Welt, ausser in meiner Liebe. Denn ich liebe es schon, in seiner Verworfenheit und Unschuld, ueber alles, obgleich es, das arme, unsere Strafe ist. Wie ich aber nicht wusste, dass man vom Bruder gesegneten, will sagen: verfluchten Leibes werden kann, so habe ich auch nie gewusst, dass man seine Strafe so lieben kann. Nichts will ich fortan tun, als beten, dass Gott unserm Kinde gnade, moegen wir auch beide dem Hoellenrost verfallen sein!'“ Bleich und zitternd stand da der j unge Schaecher, sank bei ihr hin in seine Kniee und vermischte seinem Traenen mit den 44 ihren» Ihre Haende bedeckte er, Verzeihung suchend, mit Kuessen, drueckte ihre nasse Wange an seine, und da seine Stimme noch sproed von Jugend war, so klang sein Sprechen gar jaemmerlich im Weinen» ''Ach, Aermste, Liebste, Trauteste", so weinte er, "wie ist mir das Herz zerrissen van deinetwillen, ob deiner Not und meiner grossen Schuld! Vergib, vergib mir! Aber, wenn du mir auch vergibst, was ist, und wem, damit geholfen? Waeren wir nie geboren, so waere auch dies unstatthafte und staettenlose Kind nicht, das uns selbst die Staette unter den Fuessen wegzieht und uns beide in der Welt unmoeglich macht! Um deinetwillen, Geliebte, zer- reisst das mir das Herz, wiewohl du es in der Verzweiflung gewis- sermassen besser hast, als ich. Denn du kannst unsere Strafe lieben mit Mutterliebe, waehrend ich sie garnicht lieben, sondern nur verwuenschen kann. Welch Missgeschick! Zwanzig Jahre und laenger musste Baduhenna in gerechter Ehe mit Grimald auf uns warten, wir aber sind gleich so grausamlich gesegnet! Hat es die Suende so eilig, fruchtbar zu sein? Ich habe es nicht gewusst, dass Suende so furchtbar fruchtbar ist, ich auch nicht! Und nun gar die Suende des Hochmuts, dass sie gleich Frucht tragen werde, wahrlich, ich habe nicht angenommen, das liege in ihrer Art! Hochmut aber, du Aermste, Liebste, war unsre Suende, und dass wir in aller Welt von niemand andrem wissen wollten, als von uns besonderen Kindern. Aber etwas Schuld, mit aller Ehrerbietung sei es gesagt, traegt auch Herr Grimald, der Beigesetzte, nicht nur, weil er uns erzeugte, sondern auch, weil er garzu ritterlich zu dir war, du Suesse, und mich eifernd oft von deiner Seite trieb, - das trieb mich zu dir ins Eette. - Ach, was hilft das alles? Verfallen, wie auch die Schuld verteilt sei, sind wir beide, hier der Schande und dort dem HoelienrostI” Und er weinte aufs neue, ohne Worte. Da hoerte sie zu weinen auf und sagte: "Herzog Wiligis, ich sehe euch so nicht gerne. Koennt ihr zur Nacht ein Mann sein, nur zu gut, so seid es auch am Tage] Dies weiblich Flennen hilft uns nicht aus unserer Lage, die so entsetzlich ist, dass uns freilich nichts daraus helfen kann, aber irgend etwas muss mit dieser Lage geschehen, sei es auch nur in Ansehung unseres unschuldig verdammten Kindes, dieser armen Frucht des Hochmuts, fuer das eine Staette gefunden werden muss auf Erden und im Himmel, wenn schon wir verloren sind hier und dort. Darum ermanne dich und denke nach'." Der so Ermahnte trocknete sich Augen und Wangen mit dem Sacktuch und entgegnete: “Ich bin bereit dazu und lege Wert darauf, ein Mann zu sein, am Tage auch. Ich habe mit dir geweint und dabei allerlei geredet ueber verteilte Schuld und schlecht verteilte Fruchtbarkeit. Aber man kann sehr wohl zugleich weinen und nachdenken, und unter meinen Reden habe ich in der Stille auf einen Ausweg gesonnen, oder, da es einen solchen fuer uns schwerlich gibt, welche Folgerungen aus unsrer grausamen und ausweglosen Lage gezogen werden muessen. Sie koennen nur hart sein, aber gezogen werden muessen sie, und zwar koennen wir sie nicht allein ziehen, ausser auf die Weise, dass wir uns vom hoechsten Auslug unseres Donjons zu dritt ge- radeswegs in die Hoelle stuerzen. Ist es deine Meinung, dass wir so selbstaendig handeln sollen?" "Keineswegs. Ich habe dir gesagt, dass fuer das Kleine, das ich hier naehre, eine Staette gefunden werden muss auf Erden und im Himmel, nicht in der Hoelle." "So muessen wir uns eroeffnen und, wenn auch die V/orte nicht ueber unsre Lippen wollen, die im Bette so unheilvoll an einander gehangen, sie doch darueber zwingen und es alles gestehen. Ich habe daran gedacht, dass wir es im Stuhle unsrem Pfaffen stockend und stoehnend sollten ins Ohr raunen, damit er uns Weisung vom Himmel gebe. Das jedoch mag an zweiter Stelle kommen, denn mich duenkt, weltliche Weisung ist hier dringlicher, als pfaeffische. Nun weiss ich in meinem Lande einen festen, weisen Mann, Herrn Eisengrein, Cons du chatel, mein Gurvenal und maistre de cortei- sie, von dem ich das Weidwerlc lernte und das legere Reiten und alle ritterliche Moralitaet. Aber auch sonst gab er mir manche gute, redliche Lehre, und ich mochte ihn nicht besonders, weil er so staemmig und redlich war, auch weil ich wusste, dass unser Vater, Herr Grimald, ihn oft zu Rate rief. Aber ungeachtet, dass seine grosse Redlichkeit mir etwas aufs Gemuet fiel, war mein Vertrauen zu ihm stets ebenso fest wie seine eigene Person. Er hat eisgraue Augen, die unter dicken Bueschen voll Klugheit und Guete blicken, und einen kurzen grauen Bart und tritt staemmig daher in seinem Wappenrock, darauf die Loewin gestickt ist, die er im Schilde fuehrt, und die an ihren Zitzen ein Lamm saeugt, das Inbild von Kraft und Kristentum. Ihm wollen wir uns bekennen in unsrer Not. Er soll die harten Folgerungen ziehen aus unsrer Lage und uns Rat und Richter sein, was mit uns Unseligen zu geschehen hat in dieser Welt. Schicke ich meinen Anaclet zu ihm auf seine Wasserburg mit dringendem Ruf, so kommt er gewiss." Es ist unglaublich, wie getroestet Sibylla fuer den Augenblick durch diesen Vorschlag war. Es hatte sich durch ihn an der verzweifelten Lage der Geschwister vorderhand ja nicht das Mindeste geaendert noch gebessert, aber der ungeheuerlich ge- 47 iüüOH&mi segneten «Jungfrau schien es doch, als sei durch die blosse Sendung des Knappen ein Ausweg aus ihrem Elend bereits gefunden, und so kam es auch ihrem allzu trauten Bruder vor, also, dass sie erhobenen Hauptes Hand in Hand hinter den voranspringenden Pagen zu Tische gingen. Auch hatten sie sich in Herrn Eisengreins Lehnstreue nicht getaeuscht, denn nicht vierzehn Tage waren vorueber, waehrend deren das schlimme Fruechtchen in des ^raeuleins Schoss sich groesser naehrte, da ritt der Ritter mit Anaclet ueber die Bruecke von Belrapeire, liess sich im Hof entwaffnen und stieg zu der Kemenate empor, wo die Suender in Hoffen und Zagen seiner warteten* Er sah genau so aus, wie Y/iligis ihn der Geliebten zur Erinnerung beschrieben hatte und trug die Loewin, die das Lamm saeugt, auf dem Y/appenrock. Gedrungen trat er daher, gruesste mit vae- terlicher Ehrerbietung und fragte nach des Herzogs Befehlen. Der aber sprach mit kleiner, stotternder Stimme: "Teuerster Baron und Gurvenal, ich habe nichts zu befehlen, sondern ich und diese, meine schoene Schwester, wir haben nur zu bitten, ja zu flehen und zwar um Rat und weise Y/eisung, dass ihr aus der Lage und aeussersten Bredouille, in der wir uns befinden, mit fester Hand die Folgerungen zieht, die unsere bange Jugend nicht zu ziehen weiss. Denn die Bredouille ist derart, dass unsere Ehre so gut wie verloren ist, ausser, Gott erleuchte euere Treue mit gutem Rat und lehre euch, ueber uns zu unserer Rettung zu beschliessen. Seht uns hier!" Und damit warfen beide sich, wie sie’s vorher verabredet, vor ihm auf die Kniee und streckten unter Traenen die Haende zu ihm empor • "Liebe hohe Kinder", sprach der Ritter, "um Gott, was tut 48 ihr! Diese Art von Begruessung braechte mich in Verlegenheit, selbst wenn ich euresgleichen waere. Ich bitte euch, setzt dieser Szene ein Ziell Du aber, Herzog, gib deinen Hillen kund, gegen den ich nie handeln werde] Geht er dahin, mir eueren Kummer zu eroeffnen, - nun wohl, ich bin dein Dienstmann, und worueber ich an Hat verfuege,darueber sollst du verfuegen, sei gewiss] So rede! 1 ' "Uir stehen aber nicht auf 11 , erwiderte der Juengling, “bevor wir uns eroeffnet, denn im Stehen kann man das gar nicht sagen." Und recht ritterlich nahm er die Rede ueber sich fuer beide, sodass Sibylla nichts zu sagen und nur tief gesenkten Hauptes neben ihm zu knieen brauchte, - sagte es alles aus, wie es war, und wie es, selbst Im Knieen, nur schwer zu sagen war: stockend und den Ton zuweilen ganz verlierend kamen die Worte ueber seine widerstrebenden Lippen, und Herr Eisengrein musste oefters geneigt sein Ohr, aus dem ein grosser grauer Bueschel wuchs, hin- halten, um den Knaben zu verstehen. Als der dann schwieg, benahm der alte Held sich ganz vorzueglich. Nicht genug kann ich ihn loben und muss ihm hier danken fuer sein Verhalten ausdruecklich. Das war ein ganzer I.Iannl Weder Zeter schrie er noch Mordio, erhob kein Fluchen und fiel nicht in einen Stuhl, sondern: “Wie arg, wie argl“ so sprach er. “0, liebe hohe Kinder, wie arg ist dasl Da habt ihr nun ganz richtig mit einander geschlafen, also, dass der Schwester die Frucht des Bruders im Waempchen waechst, und habt eueren seligen Vater euch beiderseits zum Schwiegerherrn gemacht sowie zum Grossvater auf ganz unordentliche Art. Denn was du Fraeulein da hegst, das ist sein Enkelkind in allzu gerader Linie, und so sehr ihm immer an ungebrochener Erbfolge gelegen war, so ist denn doch diese dermassen unge- 49 itMDffinuu ÜsKKK8XXi{iSiiÜittiiimi jy ,1V brochen, dass von Erbfolge ganz und garnicht die Rede mehr sein kann. Weil ihr die Schande fuerchtet, die euch droht, seh' ich euch weinen. Aber ob ihr so recht begreift, was ihr angestellt habt in der Welt, das wundert mich zu wissen. Groesste Unordnung habt ihr angerichtet und eine Stockung der Natur, dass sie so wenig aus und ein weiss, wie ihr selber* Portpflanzen, nach Gottes Willen, will sich das Leben, ihr aber habt gemacht, dass es auf der Stelle tritt, und habt mit einander ein drittes Geschwister gepflanzt, oder wie man dies stockende Leben nennen soll. Denn da der Vater der Mutter Bruder ist, ist er des Kindes Oheim, und die Mutter, da sie des Vaters Schwester, ist seine Base und traegt ihr Nefflein oder Nichtlein unsinnig im Schoss herum. Eine solche Unordnung und Konfusion habt ihr Unbedachten in die Gotteswelt gebrachtI" Wiligis, der unterdessen aufgestanden und auch seiner Schwester behilflich gewesen war, sich zu erheben, sagte darauf: "Gurvenal, wir sehen es ein. Wir sehen es alles schon von selbst, noch besser aber mit Hilfe euerer Worte, nach seiner ganzen schlimmen Artung ein. Nun aber, Herr, um Gottes willen, finde uns einen Rat, denn der ist unsaeglich dringend! Bald kommt die Zeit, da meine Schwester daniederliegt, und wo soll sie des Kindes genesen, ohne dass aufkommt, dass wir auf der Stelle getreten? Was mich betrifft, so ueberlege ich, ohne euch vorgreifen zu wollen, ob ich nicht inzwischen, der Zurueckhaltung halber, fern von ihr ausser Landes wohnen soll." "Ausser Landes?" fragte Herr Eisengrein. "Das ist, Herr Herzog, sehr mild gesagt, denn in den umliegenden Reichen der Kristenheit wird -unter so beschaffenen Umstaenden keine Staette fuer euch sein. Lasst mich den Fall bedenken!" 50 Und er bedachte sich eine Heile mit sehr zusammengenommener Miene. "Was ich zu raten habe, weiss ich' 1 , sprach er sodann, "Doch sage ich den Rat nur unter der Bedingung, dass ihr im Voraus versprecht, ihn ohne Fackeln und Feilschen zu befolgen." Sie sagten: "Wir werden es bestimmt." "Ihr sollt, Herzog", sprach da der Ritter, "gleich alle, die euer Land verwalten, Jung und Alt, so Mage, Mann wie Dienstmann, und die eueren Vater berieten, kurz uns Besten alle, zu Hof entbieten und uns zu wissen tun, dass ihr um Gottes und euerer Suen- den willen (ich sage "Suenden" und nicht "Suende") beschlossen habt, das Kreuz auf euch zu nehmen und zum Heiligen Grabe zu fahren. Dann verlangt von uns mit Bitten, dass wir alle eurer Schwester den Lehnseid ablegen, damit sie das Land verwese solang* ihr immer fort seid, sei es selbst fuer immer. Denn Fahrt und Fahr sind nah verwandt, und moeglich ist ja, dass ihr nicht wiederkehrt, sondern auf der Fahrt den Leib darangebt, der wider Gott gesuendigt, damit eure Seele desto eher zu Gnaden komme. In diesem Falle, den ich halb begruessen und halb beklagen (tat- saechiich etwas mehr beklagen) wuerde, waere der Eidschwer nur desto noetiger, damit diese unsere Herrin sei. Vor den Baronen allen sollt ihr sie meiner Treu* und Obhut anempfehlen, was ihnen wird Wohlgefallen muessen; denn unter ihnen bin ich der Angesehenste und Reichste, da mir alle Flachsfelder rund um Rous- selaere und Thorhout gehoeren, wofuer Gott allein der Ruhm ge« buehrt. Heim zu mir und meiner Frauen will ich die Jungfrau nehmen und, das versprech* ich, ihr alle solche Fazilitaeten bieten, dass sie ohn' jedes Aufsehen Ihr Nefflein oder NIchtchen 51 litttyffiMu:] ;KSJuaää&M£tM*fti gebaere. Bemerkt, ich rate nicht, dass sie um ihrer Suende willen der Welt entsage, sich ihres Guts entschlage und in einem Kloster sich verschliesse. Das keineswegs. Busse naemlich zu tun fuer ihre Suend’ und Schande, dafuer werden ihr weit bessere Fazilitaeten gewaehrt sein, wenn ihre Guete und ihr Gut beisammenbleiben und sie mit beiden die Armen begruessen kann. Hat sie kein Gut mehr, so bleibt ihr nur die Guete, und was frommt Guete ohne Gut? Beinah so wenig wie Gut ohne Guete. Gut scheint mir viel eher, dass sie Guete und Gut bewahre, denn so vermag sie mit dem Gut die Guete zu vollbringen. - Ist euch mein Rat genehm?" "Er Ist es", antwortete der Juengling. "Ihr habt aus unsrer Lage die Folgerungen, so hart, wie sie sein mussten, und so milde, wie sie sein konnten, mit starker Hand gezogen. Ewigen Dank!" "Was wird aber", fragte Sibylla, ','aus meiner lieben Strafe ? meines Bruders Kind, wenn ich es in exierem Schutz geboren habe?" * "Das ist eine spaetere Frage", entgegnete Herr Eisengrein, "und ueber die Bruecke wollen wir gehen, wenn wir zu ihr gelangt sind. Eine Menge Rats hab ich euch aus dem Stegreif schon gegeben. Ihr dürft nicht verlangen, dass ich alles Vorgelegte auf einmal loese." "Wir tun's gewiss nicht", beteuerten sie beide. "Soviel schon, guter Herr, habt ihr geloest und seid wahrlich wie die Loewin, an deren Zitzen wir Laemmlein trinken." "Ja, ihr seid mir die rechten Laemmlein!" sprach er nicht ohne Bitterkeit. "Aber gleichviel nun! Und gehandelt! Herzog, sendet Boten aus! In aller Baelde muss euer Wille und Gesuch den Herren kund sein. Ihr habt, wir haben alle drei oder vier •keine Zeit zu verlieren!" 52 Frau Eisengrein V/ie oft doch habe ich beim Erzaehlen von diesen schlimmen Kindern an ein ander Geschwisterpaar denken muessen: an unseren Meister divum Benedictum, des Euprobus Sohn, und seine liebe Scholastica, wie sie so hold und heilig bei Sublacus im Tale mit einander lebten, bis Satan sie durch gemeine List von dort vertrieb. Denn er brachte sieben ausgesucht schoene Hetaeren zu ihnen ins Kloster, wodurch einige seiner Schueler (nicht alle, aber eine ganze Anzahl) der Sinnenlust erlagen. Da flohen die Geschwister natuerlich und machten sich, begleitet von drei Raben, auf harte Wanderung, standen in Liebe alles mit einander aus, bekehrten alle Heiden, die sie noch fanden, stuerzten die Altaere der Goetzen um, und der Heilige zerstoerte unter den Beifallsrufen Scholasticas den letzten Tempel des leiernden Apoll. Das nenne ich mir kristliche Geschwisterliebe, unzertrennlich und engel3- gleichi Und ich musste von einer so suendlichen erzaehlen! Sollte ich nicht lieber in aller frommen Ausführlichkeit die Geschichte Benedikts und Scholastikas aufzeichnen? Nein, aus freien Stuecken waehlte ich die gegenwaertige, weil jene nur von Heiligkeit, diese aber von Gottes unermesslicher und unberechenbarer Gnade zeugt. Und ich bekenne mich einer Schwaeche schuldig - nicht fuer die Suende (verhuete der Himmel das!) aber fuer die Suender, ja, ich wage es, zu glauben, dass auch unser Meister, wenn er auch natuerlich das Tal Sublacus der Besudlung wegen floh, ihnen doch einiges Erbarmen nicht vorenthalten haette. Denn er durfte zusammen mit der lieben Schwester auf harte Wanderung gehen, aber mein Suender musste (wie ich wohl einsehe, dass es unumgaenglich war) von seiner Suenderin scheiden, - wo sie f 53 doch von kleinauf garso Innig an einander gehangen hatten und die boese Lust sie nur noch fester zusammengekittet hatte, was mein Erbarmen nicht erhoehen sollte, es aber dennoch tut, - und musste ganz allein mit seinem Knappen Anaclet sich auf die Fahrt ins Heilig-Ungewisse und von Fahr so sehr Umlauerte begeben, dass es mit seiner Wiederkehr eine recht heilig-ungewisse Sache war» Sie waren totenbleich und zitterten am Leibe, als sie von einander Abschied nahmen. “Ade, fahr wohll“ so sagten sie und wagten nicht, noch einmal sich zu kuessen. Haetten sie zuvor nicht Suen- de mit einander getrieben, so haetten sie sich kuessen moegen; aber dann haette ja auch Wiligis nicht zu fahren brauchen* Er sagte: “Das Kleine, unser drittes Geschwister, das haette ich wohl gern mit Augen noch gesehen. Ich kann nicht umhin, es mir bezaubernd vorzustellen.“ “Gott weiss“, erwiderte sie ihm, “was unser Engel, Herr Eisengrein, darueber beschliessen wird, wenn wir an die Bruecke kommen. - Das Eine, Willo, versprech’ ich dir; Ich werde niemals einem andern Manne angehoeren, als dir. Vermutlich darf ich’s gar- nicht, aber vor allen Dingen will ich es nicht.“ Vorher, versteht sich, kam das Treffen der Landbarone auf Burg Belrapeire und kam des Herzogs vorgesehriebene Rede an diese Herren: Es habe, so jung er sei, sich doch schon so viel Suende bei ihm angesammelt, dass eine Fahrt zum Heiligen Grabe seiner Seele hoechlich not sei, uni sie sollten fuer die Frist seines Fernseins, kurz oder lang, seiner Schwester den Lehnseid leisten, dass sie ihre Herrin sei. Er befehle sie aber seinem Gurvenal, Herrn Eisengrein, zur Hand; der Treue dieses Besten befehle er sie, dass er ihr Beistand sei und sie von seiner Vtfasserburg des 54 Landes walte* Nun war es mit dem Lehenseid so glatt und einfach nicht, weil ja manch Munkeln und Zwinkern gewesen war, wie es mit dem Jung- fraeulein und ihrem Bruder stand, und manche Herren waren nicht lustig, dem Antrag stattzugeben und das Fraeulein zur Herrin zu nehmen* Aber Herr Eisengrein liess unter der Hand verbreiten, dass eip jeden, der sich dem Wunsch des Herzogs weigere, zum Tjost auf lange Lanzen und kurze Schwerter herausfordern und nicht Sicherheit von irgend einem annehmen werde. Und da er eisernen Leibes und noch nie vom Pferd gestochen worden war, so ueberlegten sie sich's und schwuren allesamt. Er aber fuehrte sein Schutzkind durchs Land hinab ans Meer auf seine Burg, Reisige vorn und hinten, wobei Sibylla, bleich, verwitwet und verwaist, zwischen zwei Pferden in einem sanften Tragstuhl schwebte, waehrend Herr Eisengrein in Waffen neben ihr ritt, recht drohend um sich blickend und die Ritterfaust auf seinem Schenkel kuehn gestemmt. Dass Gott ihr diesen staemmigen und klugen Schutzherrn gesandt, dafuer muss man danken, soviel Leides ihr noch bevorstand und so elend sie jetzt schon war. Das arme DingJ Ich bin ein Moench und habe auf dieser Erde mein Herz an nichts gehaengt; ich bin, so zu sprechen, fest gegen Glueck und Leid und biete, vom Cingulum umguertet, dem Schicksal keine Bioesse* Eben darum hat mich der Geist der Erzaehlung zum Gefaess erwaehlt, dass ich mich des Jammers solchen armen Dinges annehme und ihr blasses Leid durch die Erzaehlung zu Ehren bringe, moege es auch der Ehre von sich aus noch so sehr ermangeln. Der Abschied ward den Geschwistern gar zu schwer. Sie waren, mit ihrem Sichelzeichen auf der Stirn und Eins das Kind des Anderen tragend, nun einmal zur Trennung nicht geschaffen. Bleich war die Jungfrau teils 55 !ÜMmfäüaKiB8gl A. vom Kinde, teils aber, und besonders, weil sie entherzt war, denn ihr Herz war bei dem Fahrenden. Das seine wiederum war bei ihr, so dringend er es selber brauchte, um mit Anaclet zwischen Raeu- bern, wildem Ungetier, schluerfenden Suempfen, verrufenen Wael- dern, rollendem Fels und reissenden Wassern sich durch die Welt zu schlagen, dass sie den Hafen Massilia erreichten, wo sie ein Schiff zu heuern gedachten ins Heilige Land. Dem Juengling und der Maid, ihnen beiden war elender zu Mute, als es mir, dem Um- guerteten, je beschieden sein kann. Aber ein wenig besser, das muss ich gestehen, war doch meine Maid daran; denn sie sollte ge- baeren, und so blickte sie in einem Sinne doch dem Leben in das Antlitz, er aber nur dem Tod. Auf Herrn Eisengreins Wasserburg nun, im Flachen, nahe dem knatternden Meer, war Sibylla so gut und guetig und angenehm, mit soviel Diskretion und, wenn ich so sagen darf, fachkundigem Anteil an ihren Umstaenden aufgenommen, wie man es sich nur erdenken kann. Herr Eisengrein naemlich hatte wohl gewusst, zu wem er die schoene Suenderin brachte, will sagen: zu seinem Weibe, Dame Eisengrein, einer Matrone, die ich in ihrer Art ebenso preisen muss, wie ihren Herrn. Denn etwas ganz Besondres und dabei Exemplarisches war es mit ihr: gab er ein so ausnehmend festes und staem- miges Mannsbild ab, so war sie weiblich durch und durch, von Wesen und Gesinnung, geschaeftig mit ganzer Seele dem Weiblichen zugewandt, - ja, ausser fuer Gott (sie war sehr fromm und trug ein grosses Kreuz von schwarzem Bernstein auf ihrem berghohen Busen) interessierte sie sich fuer nichts, als alles, was Weibesleben betrifft, im blutig-froemmsten Sinn, besonders also fuer Weibes Last und Not und heilig schmerzensreiche Ergiebigkeit, fuer stockende Regel, schwangeren Leib und Wuergenot und wunder- 56 lieh Geluest, pochende Regung im Ranzen, Wehen, Niederkunft, festliches Wehgeschrei, Gehurt und Nachgeburt und selig Seufzen und heisse Tuecher -und Baden der beschleimten Frucht, die sie ruestig mit Ruten strich und an den Fuessen kopfunten hielt, wenn sie nicht gleich schreien und leben wollte* Dieses alles also war Dame Eisengreins Passion; nicht genug davon konnte fuer sie sich auf der Burg ereignen unterm Ingesinde, aber selbst zu den Flachsbaeuerinnen in den Doerfern ging die Burgfrau hinaus, um ihnen kundig beizustehen zu ihren Stunden. Sechsmal war sie selbst in Tuechten Mutter geworden. Vier der Kinder waren in aller Fruehe wieder abgestorben, worueber (und das wundert mich) ihr Gram um vieles geringer gewesen war, als ihre Freude, sie hervorzubringen. Auf die Hervorbringung, so scheint mir, kam ihr alles an. Ihrer herangewachsenen Soehne einer war im Streit und Strauss gefallen, ein andrer lebte vermaehlt in eigenen Mauern. So war die nicht laenger Empfaengliche mit Herrn Eisengrein allein, wehen Mutes der Zeiten gedenkend, da sie in Weibes schwerem Ehrenstand, die weisse Hand andaechtig auf dem Bauchgewoelbe, hatte wandeln duerfen. Hoch war ihr Busen, nicht mehr ihr Leib, und desto angelegener liess die Wackere sich nun fremde Fruchtbarkeit sein, die, sobald sie ihr kund ward, ihre wasserblauen Augen (sie war ein Fraeulein aus Schwabenland) mit warmem Schein erfuellte und ein Rosenrot auf ihrem guten, beflaumten Wangenpaar entzuendete. Schon lange war das Vergnuegen ihr spaerlich worden, ;}a ihr vorenthalten geblieben seit Monden schon, und so war sie von Sibyllas Ankunft und den geheimen Eroeffnungen, die ihr Eheherr ihr ueber die Jungfrau machte, nicht wenig aufgekratzt. Wie ihre Froemmigkeit sich mit dem ungehoerigen und ganz unsinnigen Zustand ihres 57 Gastes abfand, das weiss Ich nicht. Wahrscheinlich war ihr jede Mutterschaft, auf wie irre Weise sie auch zustandgekommen, ein heiliger Segen und ein Gottesfaktum, das ein Kartell bedeutete an ihr Zusammenhalten mit allem Weiblichen und an ihre fast gierige Beistandsfreudigkeit« Gleich einer Mutter, nur eifervoller und inniger noch, nahm Dame Eisengrein sich der Gramvollen an, schloss sie von der ganzen Burg sogleich und allen ihren Leuten in einer entlegenen Kemenate ab, wo es ihr an nichts gebrach, und wo sie sie zu ihrer teueren Gefangenen machte, sie ganz allein besuchte, sie atzte und versah, behorchte und befuehlte und die Bleiche, hoeher und hoeher Tragende zu troesten suchte, wenn sie um den Verlorenen, den Fahrenden, den ganz allein Geliebten weinte. "Ach, Mutter Eisengrein, wohin kam mein Traut, mein Einziger, mein Bruder? Wie soll ich’s fassen, dass wir getrennt sind in der Welt? Ich steh's nicht aus und kann mich unmoeglich daran gewoehnen! Verdopple ich meine Suende und bekraeftige ich meine Verdammnis dadurch, dass ich nach ihm weine? Ach, seines Leibes und Lebens Samen trag ich doch und trage unterm Herzen, was sein Umarmen mir gegeben! Die Kaeuzchen schrieen, Hanegiff lag In seinem Blute, und blutig war’s auch im Bette. Aber wie ueber- suess war’s doch, als er bei mir war, als ich seine holde Schulter an meinen Lippen hatte und er mich, wenn nicht zur Frau, so doch zum Weibe machte!" "Lass gut sein", sagte dann die Dame Waerterin, "und lass Ihn ziehen! Wenn sie uns zum Weibe gemacht und uns das Ihre dahingegeben haben, moegen sie ebensowohl dahinziehen, sie sind dann zu nichts mehr nuetze, und das Ganze ist nur noch Weibessache. Seien wir froh, dass wir jetzt unter uns sind, wir 58 Vi/eiberi Wir werden eine praechtige Niederkunft haben und sind garnicht mehr weit davon, dass ich dich in ein heisses Bad stecke, - es loest und foerdert. Von der fruehesten Wehe an, und sei sie erst noch so leise, geh ich dir nicht mehr von der Seite, sondern schlafe, wenn’s 3ein muss, im steilen Stuhl hier wachsam neben deinem Bette, bi3 dass du recht ins Kreissen kommst« Pass auf, das wird sehr schoen, und ist im Grunde viel schoener, als das luetzel Umarmen. 1 ' Sibylla aber hatte auch einen schweren Traum, den sie der Burgfrau wohl erzaehlen musste. Ihr traeumte, sie gebaere einen Drachen, der ihr dabei gar grausam den Mutterschoss zerriss« Danach flog er davon, was ihr sehr grossen Seelenscbmerz bereitete, kehrte aber wieder und draengte sich zu ihrem noch groesseren Schmerze in den zerrissenen Mutterschoss zurueck. "Da sieht man, dass du Angst hast, Kind, und garnichts weiter. Was Drachei Praechtig werden wir mit einem rechtschaffenen Menschenkinde niederkommen, und ich wollte, dass es ein Weiblein waere. Keine Sorge] Ich hab* es schon und mach’ es los, und wenn es nicht gleich greinen will, will ich es bamsen.” Die Aussetzung * Des ward gar keine Not, denn das Kindlein, das die Mutter- Jungfrau in ihren Noeten zu Tag gebar, das greinte gleich ganz nach Wunsch und war ein Knabe, so rein gebildet und wohlgetan, dass es ein Wundern war, mit langen Wimpern, laenglichem Schae- del, braunem Haar und lieblichen Zuegen, der Mutter aehnlich und also auch dem Onkel, kurz, so huebsch, dass Dame Eisengrein bekannte: "Zwar und wahr, ich haette mir ein Maidlein wohl ge- wuenscht, doch der hier soll mir auch recht sein." 59 Sechs Monate hatte ihre teuere Gefangene in der Kemenate gesessen, wie die Gans im Nudelkasten, da kam sie in Noete und kam nieder, mit der Burgfrau als Beistand gahz allein; denn ohne alles Aufsehen musste es vollbracht sein, und die Wehmutter liess niemanden herzu. Es war ein hitzig Werken, denn obwohl es Sommer war, hatte Frau Eisengrein ein loderndes Feuer-im Kamin angefacht, (was sie fuer gut hielt) und beide hatten hochrot geschwollene, triefende Gesichter bei ihrer Arbeit unterm Bettgebaeude. Aber alles ging so naturgetreu und guenstig und nach der Schnur, als waere das Kind garnicht in solchen Suenden, mit dem eigenen Fleisch und Blut, erzeugt gewesen, sondern, wie es sich gehoert, mit einem fremden Mann. Die Frauen vergassen der Suende denn auch ganz, und dass auf Erden kein Platz war fuer dies genehme und wonnigliche Kind, das kam ihnen gaenzlich aus dem Sinn; beide brannten, als es gewaschen und gewickelt war, nur darauf, es Herrn Eisengrein zu zeigen, damit er ihre Freude teile. So kam er denn, gerufen von der Wirtin, besah das Neugeborene und sprach: "Ja, es ist ein waetliches Kind und kaiserlicher, das muss ich gestehen, als es erlaubt sein sollte, in Anbetracht, dass es mit' so grossen Suenden geboren. Kurz, es ist schade drum, ich habe auch Augen und ein Herz und leugn* es nicht. Nur frage ich: Was machen wir jetzt damit?" "Machen?" rief da die junge Mutter voller Schrecken. "Willst du es gar tot machen, du Herodes?" fragte Frau Eisengrein. "Ich, tot?" So er* "Weib, willst du mir den Mord zusehie- ben an diesem schoenen Kinde? Tot", sprach er, "kam es zur Welt, obgleich es lebt, das ist der Zwiespalt, und hat keine Staette, obgleich es da ist. Das ist der Widersinn, den ihr mir zu loesen gebt und gebt mir allerlei Namen noch obendrein. Soll der Knabe aufwachsen hier in der Kammer? Denn draussen darf nicht eines Menschen Auge ihn sehen* Ich habe nicht des Landes Herren dieser Junfrau schwoeren lassen, dass sie unsere Herrin sei, damit nun ihre Meintat und Schande offenkundig werde und meine Ehre hin sei mit der ihren. Ihr Weiber aber habt Spatzenhirne mit Sinn nur fuer das Fleischliche und schoene Kinder, aber keinen fuer Ehre und Politik. 1 ' Es weinten da die beiden Frauen: Sibylla tat es in ihre blassen Haende unterm Bettgebaeude, und Frau Eisengrein, die das Kind im Arme hielt, begoss es mit ihren Traenen. "Ich will’s besinnen", sprach er, "und mich darueber legen mit Bedacht, wie wir’s am besten machen, Nur solche Namen, wie ihr mich nanntet, verbitt ’ ich mir," Dann kraute er das Kindlein mit seinem Finger etw as am Kinn, "Hei, du Schmucker, hei, Schmunzibutz, arm Suenderlein, sei nicht ganz ungetrost, es wird schon halben Weg fuer dich noch Rat geschaffen sein!" Zu seinem Weibe aber sprach er andern Tags im Saale: "Eisengreinin, am besten, wir machen selber so wenig als nur moeglich mit diesem schoenen Kind und geben es ganz in Gottes Hand, Er muss wissen, was Er mit dem Unbehausten zu tun gedenkt, und ob es leben oder sterben soll, das sei ihm von uns in Demut anheimgegeben. Ich bestimme, dass wir gerade nur tun, was noetig ist, um ganz den Knaben in Gottes Hand zu geben, nicht mehr und auch nicht weniger. Darum habe ich beschlossen, ihn auf das Meer auszusetzen, aber durch die Vorsicht, mit der ich*s tue, Gott zu bedeuten, dass wir, was an uns liegt, uns freuen wuerden, wenn er das Kind errettete. Ich will es In ein Faesslein legen, das ich bereits im Auge habe, ein sehr festes und gutes, und dieses in einen Kahn, den lassen wir den Wellen, Verschlingen sie es, - umso viel schlimmer, dann war es Gottes Rat, nicht unsrer, die wir alle Sorgfalt aufgeboten, Fuehrt aber Seine Hand Schiff und Faesslein irgendwohin an ein Land, wo Leute wohnen, so mag das Kleine dort aufgezogen werden als ein Fundkind und sich des Lebens freuen nach des Landes und seines Standes Art, Was duenkt dich?" "Mich duenkt, Gott gab euch, Herr, eine harte Gutmuetigkeit" sprach die Frau und sagte Sibyllen, auf ihrem Bette sitzend, alles wieder, was ihr Eheherr ihr eroeffnet. Die hielt das Kind an ihrer Mutterbrust und jammerte laut auf, sodass das Kleine erschrak, die Brust verlor und auch das Gesicht verzog zu bittrem Greinen, "0 wehe, wehe, meine suesse Strafe, die ich so liebe, seit sie sich zuerst in mir geregt! Das Einzige, was mir von meinem Traut geblieben, seines Leibes Gabe, die ich in Leide gehegt und in so grosser Hitze zur Welt gebrachtI 0, Ritter Eisengrein du Unhold, ist das deine Lehenstreue? 0, tu es mult de pute foi! Hast du ihn dazu ’Schmunzibutz 1 geheissen und ihm Rats versprochen, dass du ihn nun aufs wilde Meer verstossen willst in einem Fass, ich aber, ob er sterbe oder als Fundkind lebe, seh ihn keinesfalls mit Augen mehr? Nein, nein, ich duld’ es nichtl Eher soll er mich auch in das Fass stecken, mich mit dazu, dass uns beide die wilden Uenden verschlingen, mich und mein Kind, mein holdes Unterpfand! Ach, Wehmutter Eisengrein, die du mir halfst in Noeten, hilf mir auch jetzt, denn ich verzweifle!" "Nun, hoere, Frau, musst schliesslich auch Vernunft anneh> men”, riet ihr da beguetigend die Alte. ”Wa3 muesste das fuer ein Pass sein, wo ihr beide hineingeht zur Uendenfahrt? Das, welches er im Auge hat, das gute feste, ist viel zu klein fuer euch beide* Ausserdem sollst du des Landes als Herrin pflegen an deines Bruders Statt, so ist es ausgemacht, und was wuerde aus ihm, wenn er wiederkehrte und faende, dass mit dem Kinde auch du dahingefahren? Sieh mich an> mir sind vier Kinder, die ich geboren, bald wieder abgestorben, und Einer fiel im Zwist, hab ich darum gleich den Verstand verloren? Wir haben eine feine Schwangerschaft- und eine prachtvolle Niederkunft gehabt, dass aber das Kind auf Erden keine Staette haben werde, das war uns, leider l nicht unbekannt« Es kann nur hoechstens eine finden vom Meere aus, soweit hat Eisengrein ganz recht. Doch wie wir’s beginnen muessen, das hat er nur ganz im Groben erst entworfen« Das Feinere muessen wir hinzubedenken, wir Weiber* Er will das Schmunzibuetzlin einfach bloss so ins Faesslein stecken, aber also nicht, behuetei Sondern das beste Seidenzeug zu Kleidern, von der reichsten Sorte, legen wir ihm unter und breiten ebensolches auch reichlich ueber es. Was fuegen wir noch hinzu? Von rotem Golde eine Summe, nicht weniger als fuerstlich, dass es davon aufs beste auf er zogen werde, wenn Gott es gnaediglich zu Lande sendet. Was sagst du? Hat Frau Eisengrein den Rat Herrn Eisengreins auf solche Weise schon ein luetzel verfeinert? Aber wenn du denkst, ich bin mit meinem Rate schon zu Rande, so denkst du fehl. Denn das Folgende legen wir ihm noch bei. Wir legen ihm eine Tafel bei, zum Brief beschrieben, darauf schreiben wir mit Schonung und ohne eines Menschen noch eines Landes zu gedenken die Bewandtnisse des Kindes. Hoch von Gebuerte sei es, schreiben wir, nur leider’ habe es sich so gefuegt, dass es 63 tüäiiQÜBtlH UllHltlnHWI IBUBB8H88I seiner Eltern Geschwister sei und zur Mutter seine Base, demge- maess seinen Vater zum Oheim habe. Dessentwegen und um dies zu verbergen, habe man es aufs Meer gesetzt und verhalte den Finder bei seinem Kristentum (denn hoffentlich ist er ein Krist), dem Knaben die heilige Taufe angedeihen zu lassen und fuer seine Aufzucht an dem Golde sich schadelos zu halten« Kristlieh mehren solle er ihm nebstbei sein Gut und selbes hecken lassen. Auch solle er ihm die Tafel treu bewahren und ihn vor allen Dingen der Schriftkunst maechtig machen, damit er einst, wenn er zu Mann geworden, diese ganze Geschichte von seiner Tafel lesen koenne« So wird er erfahren, dass er von Gebuerte zwar hoch, doch sehr, sehr suendig, und wird sich nicht ueberheben, sondern seinen Sinn dem Himmel zuwenden und in einem frommen Leben seiner Eltern Missetat also abbuessen, dass ihr alle drei zu Gott gelangt. Nun sage, ob nicht frueh und spat Mutter Eisengrein gibt gefuegen RatI" Die in den Wochen drueckte das Kind an sich und schluchzte nur, sprach aber nichts mehr und bezeigte so ein leidig Einver- staendnis. Auch konnte sie nicht ganz umhin, sich an dem kostbaren Seidenzeug zu freuen, das die Burgfrau dem Kinde unter- und ueberbreiten wollte, dazu an dem Schatz, den sie ihr wies, von Golde zwanzig Mark: die buk jene in zwei Brote, dass sie sie dem Kind zu den Fuessen lege. Das allerbeste aber war die Tafel, die sie ihr brachte, - wollte Gott, mir kaeme je eine so schoene Schreibtafel zul Ich habe eine Lust am Schreiben und an gutem Schreibgeraet, bin aber ein armer Moench, und solche Tafel, aus feinstem Helfenbein, in Gold gerahmt und mit allerlei Edelsteinen rings besetzt, wird nie mein eigen sein. Nur erzaehlen kann ich davon und mich fuer meine Armut schadlos halten durch Lob 64 und Preis. Auf diesen edlen Grund denn schrieb die Mutter mit Gallustinte die Bewandtnisse des Kindes, ganz wie die Wirtin ihr vorgesagt, und schrieb unter Traenen: "Gedenke, den ich bei Kamen nicht nennen kann, solltest du leben, deiner Eltern nicht mit Hass und Herbigkeit! Gar so sehr liebten sie einander, sich selbst das Eine in dem Andern, das war ihre Suende und deine Zeugung. Vergib es ihnen und mach es gut bei Gott, indem du all dein Lieben wendest auf ander Blut und als ein Ritter dafuer streitest, wenn es in Not Sie wollte mehr noch an den Rand schreiben und jedes Eckchen fuellen, aber Dame Eisengrein nahm ihr die Tafel fort. Die Stunde kam, wo sie ihr auch das Kind fortnahm, mild und troestlioh. Nur siebzehn Tage war es alt, da befand der Burgherr, man koenne ihm nicht laenger Herberge gewaehren, sondern muesse es mit aller Sorgfalt legen in Gottes Hand. Es hatte sich noch einmal an der Mutterbrust recht satt getrunken und war rot geschwollen vor Sattheit. So nahm die Wirtin es hinweg, und unter ihren und ihres Herren Haenden ward heimlich das dralle Faess- lein ihm zur Wohnung, ein neuer Mutterschoss, aus dessen Dunkel, wenn Gott es wollte, es wiedergeboren werden sollte nebst seiner Mitgift an Seidenzeug, goldgefuellten Broten und geschriebener Auskunft. Rasch und heimlich geschah es, und als des Faessleins Boden wieder eingepicht war, da gab es eine seltsame Fuhre bei Nacht und Nebel von der Burg hinab zum Meere: Herr Eisengrein, vermummt als Fuhrmann, trieb selbst das Roesslein durch Sand und Duenengras, hinter sich, im Schutze eines schweigsamen Knechtes, das bauchige Saerglein mit bemalten Reifen, einem Spundloch und eisernen Oesen an den Seiten: die waren not, denn auch der Kahn, der drunten am oeden Strande bereit lag, hatte im Innern solche 65 iMoaä läliHBiiWMM Kl ffi ifflaro ötmäoi [NU Oehre, und mit Stricken ward strack das Faesslein dvin eingebunden, in stiller Arbeit, bei der eilende Wolken den Mond bald deckten, bald erscheinen liessen. Dann schoben Herr und Knecht das Schiff mit seinem zarten Schiffer in das Wasser, und der liebe Krist gab einen Wunschwind und rechte Stroemung, - sachte schaukelnd trieb ab der Kahn, glitt hin das Kind und war in Gottes Hand# Von des Bergfrieds Zinne aber, wohin sie, vor der Zeit ihr Wochenbett verlassend, mit Hilfe der Burgfrau sich emporgewendelt lugte Sibylla aus im uebereilten Monde nach der Fuhre, die durch die Duenen schwa nkte# Ja, noch am Strande draussen wollte sie die Maenner mit dem Faesslein hantieren, den Kahn wegschwimmen sehen# Als aber auch sie sich nicht mehr bereden konnte, etwas zu sehen, barg sie das Antlitz an dem Busen der Helferin -und klagte: "Da fliegt er hin, mein Drache, weh, ach weh!" "Lass fliegen!" troestete sie Frau Eisengrein. "Die fliegen immer so, und wir Schmerzensreichen haben das Nachsehn. Komm, ich will dich hinunterstuetzen vom Turm ins heilige Wochenbett, denn das ist deine Staettei" Die fuenf Schwerter Der Geist der Erzaehlung, den ich verkoerpere, ist ein schalk hafter und kluger Geist, der wohl das Seine zu verwalten weiss und nicht gleich jede Neugier so geradhin befriedigt, sondern indem er mehrere erregt, die eine stillt und waehrend dessen die andere sozusagen auf Eis legt, dass sie dauere und sich dabei sogar noch schaerfe. Will einer unverzueglich wissen, was aus dem Kinde ward auf Gottes wildem Meer, so wird er abgelenkt und erstlich unterhalten mit andrer Maer, von der zu wissen ihm 66 ebenso nottut, moege sie ihm auch traurig zu Herzen gehen« Dass sie aber so traurig ist, mag seine Hoffnung staerken, dass es auf den Uenden draussen mit gluecklieheren Dingen zugehen wird, denn so unklug ist der Geist der Erzaehlung nicht, nur lauter Trauriges zu kuenden. Die naechste Kunde ist von der suendigen Mutter und wie uebel es ihr noch immerfort erging. Die Frau, die hatte wahrlich Leid zu tragen alsus viel, dass ich nicht weiss, ob auch mein Mund geschickt ist, solchem Leid gerecht zu werden und es mit Worten zu erreichen. Ich fuehle wohl, es fehlt mir an Erfahrung. Weder rechtes Glueck noch rechtes Unglueck ward mir je zuteil. Ich lebe so mitten inne, durch mein Moenchtum geschieden Vom einen wie vom andern. Das mag es sein, weshalb ich die Allegorie zu Hilfe rufe, um meiner Frauen Leid zu schildern, und sage, dass fuenf Schwerter ihr Herz durchbohrten, nicht weniger als so viele. Und ich werde meine Metapher sogleich erklaeren und jedes der fuenf Schwerter bei Namen nennen. Das erste war der geistliche Kummer, der sie beaengstigte ob der Suende, die sie mit ihrem Bruder getrieben, wenn ihr Fleisch und Blut auch wieder wonnig ihrer gedachte und der Hoffnung auf des Gatten Wiederkehr inbruenstig anhing. - Das zweite war ihre Kindskranicheit und Wochensieche, denn sie genas des Knaben, ungeachtet der treuen Pflege der Hebemutter, nur sehr langsam und schwer. Die Milch trat ihr zurueck und schuf ihr Fieberglut, und nach sechs Wochen, welches, wie man mir sagt, fuer die Frauen die rechte Frist ist, um zu erstehen vom Wochenbett und den ersten Kirchgang zu tun, war sie noch so schwach, dass sie sich kaum auf den Fuessen halten konnte. - Kam das wohl vom Milchfieber nur? Ach, nein, denn jetzo nenne ich das dritte Schwert: 67 imuudbbi /s das waren Angst, Qram und Jammer um den kleinen Schiffsmann draussen im wilden Wind, den ganz in Gottes Hand Gegebenen, der ihr nicht mehr die Milch abtrank, und von dem sie nicht wusste, ob er vielleicht gerettet oder von dem Meere verschlungen sei« - Wie schmerzte dieses Schwert1 Aber das vierte, das war ein zweischneidiges, ihr ins Herz gestossen so grausamer Hand, dass ich mich wundere, wie sie's ueberlebte und noch ihre Tage mehrte, - nicht zu ihrem Heil, oder erst ganz zuletzt zu ihrem Heil, wie ich zu kuenden mir Vorbehalte* Zwar sank sie zweimal in Amacht von diesem Schwert: einmal, als sie’s ins Herz empfing, und beim Erwachen dann, als sie gewahrte, dass es noch da war, gleich wieder. Dann aber lebte sie damit und trug es - wie? Das muesst ihr die zarte und zaehe Weibsnatur fragen, ich kann's euch nicht sagen. Gerade drei Tage naemlich vor dem Tage, an dem die Bleiche zur Kirche gehen sollte, geschah es, dass Anaclet, der Knappe, mit verkehrtem Schilde auf der Burg erschien, zum Zeichen boeser Botschaft. Was konnte das wohl fuer Botschaft sein? Kaum brauchte er ihr Worte zu verleihen, ja haette kaum mit umgekehrtem Schilde kommen muessen, damit man ihn verstaende. Dass er allein zurueckkam, war genug. Sein holder Herr war tot. Ach, ich bin ganz untroestlich ueber diesen Verlust 1 Da ge- waehrt das Schreiben mir einen rechten Kummer, wie er meinem Moenchtum in Wirklichkeit so wenig, wie rechtes Glueck, vergoennt ist. Wohl moeglich, dass ich nur schreibe, um mir von beidem, menschlichem Glueck und Leide, etwas anzueignen. Kaum kann ich mich der Traenen erwehren beim Anblick von Anaclets verkehrtem Schild, und waere nicht draussen auf den Uenden noch einige Hoffnung auf Ersatz und freundlich Wiederleben, - ich braechte 68 es nicht uebers Herz, den armen Wiligis zu toeten. Denn wie es c der Geist der Erzaehlung ist, der die Glocken laeutet, wenn sie von selber laeuten, so ist er es auch, der toetet, die da im Liede sterben. Tot, jung Wiligis, so schlank und fein! Es ist wahr, er hatte niemanden seiner wert erachtet, als seine mitgeborene und ebenso feine Schwester, und hatte unverzeihlich mit ihr gesuen- digt. Nur schwer vergebe ich ihm auch das Morden Hanegiffs, eines so guten Hundes. Zur Busse aber war er ritterlich bereit^gewesen, da sich doch zeigte, dass er ihr nicht gewachsen war. Ich weiss nicht, dieser Juengling, obgleich zur Suende begabt und schnell dazu aufgeregt, war auf dem Herzen wohl nie recht fest gewesen. Garzu leicht erbleichte er, zitterte leicht und war tapfer, aber gebrechlich. Das Scheiden von seiner suessen Schwester, seinem Weibe, hatte ihm hart und zehrend an3 Leben gegriffen, und zur strengen Fahrt auf K^euzesritterschaft war er in der Seele nicht wohl gewappnet. Von Raeubern, Untieren, v { Suempfen, Waeldern, Fels und Wassern hatte er mit Anacleten meh- reres bestanden, doch bis zum Hafen Massilia sollte er gar nicht gelangen; Bevor er hinkam, griff er"äich^an die Brust, kehrte das verzerrte Antlitz gen Himmel und sank ins Moos, .wo ihn mitleidig sein Ross beschnupperte. Wie rasch kam da auch Anaclet aus dem Sattel! In seinen Armen brachte er ihn zu einer Burg, nicht fern von da, deren Herr sie gastlich aufnahm und den Yifegkranken pfleglich bettete. Dem aber war das Herz gebrochen; den zweiten Tag gab er den Geist auf, und da man ihm das Leilach uebers Haupt zog, sollte die Erde dies ganz besondere Geschwisterantlitz, diese zum ernsten Mund gewoelbte Lippe, diese Augen, blau in der Schwaerze, dieses witternde Naeschen, die Stirne mit dem Zeichen 1 69 im dunklen Haar, die schoenen Brauen, so alt sie wurde, genau so niemals Wiedersehen* Bei dem Gedanken zerdrueck 1 ich eine Traene, und ich lohe den fremden Burgherrn, weil er mit Ehren die Verbringung der Leiche des fuerstlichen Pilgers in sein Heimatland befahl* Dem Kondukt ritt Anaclet um einen Tag voran und trat vor Sibylla, den Schild verkehrt, gesenkten Angesichts. Der Amacht war sie schon nah gewesen, als ihr nur sein Name, der seine nur, genannt ward. Als sie ihn sah, verging sie und sank in seinen Arm. Der eigenen Traene muss ich mich schaemen, denn ich vergoss sie nur aus sanfter Wehmut, ihrer aber war ein Schmerz, den keine Traene lindert, und als sie zum zweitenmal erwachte, war ihr Auge trocken und ihre Miene starr* Berichten Hess sie sich von dem Knappen, wie es mit seinem Herrn geschehen, uuad sprach dann: “Gut." Dies "Gut” war garnicht gut. Ergebung in Gottes Beschluss ist so eip "Gut" mitnichten, vielmehr ist es ein Wort der Starre und der ewigen Verneinung von Gottes Hat, und es will sagen: "Wie dir’s beliebt, Herrgott, ich ziehe meine Folgen aus deiner mir nicht annehmbaren Verfuegung. Du hattest ein Weib an mir, ein suendiges, gewiss. Jetzt wirst du ueberhaupt kein Weib mehr an mir haben, sondern fuer immer eine starre Braut des Schmerzes, verschlossen und vertrotzt, du wirst dich wundern." - Bewahr mich Gott vor solchem Schwert und solcher Starrel Ich biete dem auch gar keine Bioesse. Aber froh bin Ich doch, dasg das Erzaehlen mich davon kosten laesst und ich’s in einem Sinn erfahre * Herr Eisengrein sprach zu ihr: "Das Leichkar eures Bruders ist angekommen und steht In der Kirche meiner Burg. Er hat Gott den Leib gegeben fuer seine 70 Seele, und ihr seid nun unsere Herrin. Nehmt hiermit die Beugung meines Kniesl Zugleich seid ehrerbietig um eurer Ehre und meiner t willen vermahnt, dass ihr, wenn wir ihn nun zu Grabe bringen, einen Schmerz zu Tage legt, wie man ihn einem Bruder zollt, und keinem anderen. Jeder Schmerz, der heisser, als einer Schwester recht und gemaess ist, muss streng verborgen bleiben." Sie gab ihm dies zurueck: "Fuer Weisung und zarte Anspielung, Herr Ritter, meinen Dank. Ich denke, ich habe die Miene nicht, als wuerde ich euere, meines Beschuetzers, Ehre biosstellen mit Aeusserungen eines Schmerzes, der zu weit geht. Ihr seid recht unerfahren im Schmerze, wenn ihr meint, der tiefste waere laermend. Ich gedenke jetzt, drei Stunden ueberm Sarge meines holden Bruders zu beten. Es duerfte das die Grenze des Sittsamen nicht ueberschreiten. Dann moegt ihr ihn mit abgemessener Trauer an seine Staette bringen. Die meine ist hier nicht laenger, auf euerer Wasserburg, und nicht von hier aus will ich des Landes walten. Ich hoffe, auch ferner einen getreuen Dienstmann an euch zu haben, Cons du Chatel, doch liebe ich euch nicht, und ob ihr mich auch zu euerer Herrin machtet, steht ihr doch nicht bei mir in Gnaden, des sollt ihr zur Stunde von mir beschieden sein* Ihr habt mir mein suesses Geschwisterkind genommen, habt es aufs wilde Meer verschifft und seinen Vater, meinen trauten Bruder, in den Tod gesandt, - das musste wohl alles um der Ehre und Staatskunst willen so sein, aber dennoch trag ich’s euch nach und bin eurer harten Gutmuetig- keit bis zur Erbitterung muede. Ich will euch weder zum Sene- schalk noch zum Truchsess, noch will ich euch ueberhaupt um mich haben, wenn ich nun in meiner Hauptstadt Wohnung nehme, im hohen Schloss zu Bruges am tiefen Haff. Ihr moechtet, waert ihr um 71 iil msm i mich, staatskluge Plaene schmieden, gerader Nachfolge wegen, und mich durchaus mit einem ebenbuertigen Fuersten der Kristenheit vermaehlen wollen, wo doch nur Einer mir ebenbuertig war, dem trag 1 ich ewig Trauer. Von Vermaehlung will ich nichts wissen, sondern celui je tiendrai ad espous qui nos redemst de son sanc precious. Almosen, Pasten, Wachen und Geböt auf blossen Steinen, nebst allem, was dem Fleische unbequem und zuwider, das sei mein Leben als Herrin dieses Landes, damit Gott sehe, er habe nicht laenger ein suendig Weib an mir, vielmehr garkeines mehr, sondern eine Nonnenfuerstin erstorbenen Herzens. Dies mein Beschlus s. u Er war’s und blieb’s und war, weiss Krist, der rechte nicht. Denn ach, er brachte das fuenfte Schwert ueber die Frau und ueber das ganze Land, wovon sogleich. Sibylla kehrte nicht zurueck nach Belrapeire, der Staette ihrer Jugend und Suende; die lag verlassen, nur von einem Kastellan und einem kleinen Trupp Ser- janten behuetet. Die Fuerstin hielt Hof im Schloss zu Bruges am Meeresbusen, einen starpen Hof, an dem es kein Lachen gab, ausser, die Herrin liess sich nicht sehen, sondern lag einsam oder zwischen zwei Moenchen im Gebet auf blossen Steinen. In weissem Kleide stieg sie hinab, begleitet nur von zwei Frauen mit Koerben, urd spendete den Armen, die sie heilig priesen. Freude und Bequemlichkeit liess sie ihr Teil nicht sein, sondern nur Nacht-Metten, Kastigierung und kurze Kost, dies aber alles nicht Gott zu Liebe, sondern ihm zum Trotz, dass es ihm durch und durch gehe und er erschrecke. So lebte sie manches Jahr, buesste aber von der Busse ihre Schoenheit nicht ein, wie sie’s Gott wohl gegoennt baette, sondern, wenn auch oft blaue Ringe vom Wachen um ihre Augen lagen, 72 so reifte sie doch, auf Erden die Zuege ihres toten Bruders bewahrend, von Jahr zu Jahr zur schoensten Frau, was, glaube ich zu wissen, auch nach ihrem Willen war, dass Gott sich graeme, weil sie einen so schoenen Leib keinen. Gatten goennte, sondern ihres Bruders buessende Witwe blieb. Und doch schaute, wie schon in ihrer Kindheit, so mancher kristliche Fuerst nach ihr aus und trug ihr seine Hand an durch Brief und Botschaft und manchmal auch in Person. Aber ein jeder ward abgewiesen. Das betruebte Hof, Stadt und Land, wie es auch Gott betruebte, den es betrueben sollte, ob er gleich gegen so viel buessende Enthaltung auch wieder nichts einzuwenden haben konnte. Den Zwiespalt goennte sie ihm. Im sechsten Jahre begann ein gar adeliger Fuerst, Roger- Philippus, Koenig vom Arelat, ihr anzuliegen fuer seinen mannbaren Sohn, Roger mit Kamen, ohne Philipp. Das war ein Prinz wie ich ihn auf den Tod nicht leiden kann, ein unverschaemter. Schon mit fuenfzehn hatte er einen Spitzbart, schwarz, wie seine Augen, die gluehenden Kohlen glichen, mit Brauen, geschwungen wie sein Schnurrbart, und war lang, haarig, streitbar und galant, ein Gockel, Herzensbrecher, Duellant und Teufelskerl, mir ganz unleidlich. Dass sein Vater ihm Gutes goennte, will ich begreifen, auch dass er fuer ratsam hielt, ihn baldigst ehelich zu befrieden. Herrn Grimaids edle und fromme Tochter schien dafuer die rechte Wahl, und staatskluge Erwaegung spielte mit in den Plan hinein, denn nicht nur goennte der Koenig seinem Erben das schoene Weib, auch dass er Artois und Flandern erheuere zum Are lat und Hoch-Burgund noch obendrein, das goennte er ihm vor allem. Darum denn gingen Botschaften und Bitten, zarte Verschlaege 73 und werbende Geschenke von Land zu Land, und Koenig Roger- Philippus visitierte auch selbst mit seinem Sohn und einem stattlichen Gefolge burgundischer Ritter den Hof von Bruges, wo Roger sogleich drei Ehrendamen verfuehrte, von der Herrin aber kalt angesehen ward. Die hatte eine Art, seine hoechst ritterliche Gestalt der Laenge nach mit moquanten Augen zu messen, hinunter und wieder hinauf, die den Gockel aufs Blut erbitterte und ihn fuer immer gegen sie erhitzte, also dass er meinte, sein Ehr’ sei hin, wenn er sie nicht besaesse. Auch war der ganze Hof, einschliesslich der drei in wenig Tagen gefallenen Damen, der Vl/erbung hold; denn alle wuenschten, dass Sibylla dem Lande einen Herzog gaebe, und dass ihrer Keuschheit endlich ein Ziel gesetzt sei. Sie aber wich dem Anliegen des Koenigs hoefisch aus, sagte nicht Nein, doch auch beileibe nicht Ja und hatte sich unbestimmte Bedenkzeit ausbedungen, als die Burgunder wieder nach Hause zogen. Von da erneuerten sie ihre Botschaften, Mahnungen und Bitten, wurden aber vertroestet und abgespeist mit Gegenworten, die sich bald mehr dam Nein naeherten, bald, nur der Hoeflichkeit zur Steuer, mehr dem Ja und alles stets in der Schwebe liessen, zu dem Behuf, dass Vater und Sohn der Sache endlich muede wuerden. Vier Jahre vergingen so, da reichte Koenig Roger-Philippus dem Tode seine Hand und musste mit ihm gehen, Roger, der Spitzbart, aber ward Koenig vom Arelat. Der hatte zwar alle Damen seines Hofs, die unter fuenfzig waren, und dazu eine Menge Buergerstoechter sich pflichtig gemacht, aber nie die Gier vergessen nach der Sproeden im v/eissen Kleid, die ihn so schnoed betrachtet, und seit er zum Thron gelangt war, einte sich der Sucht, sie zu besitzen, das Verlangen, sein Reich zu mehren durch das ihre, wie es seines Vaters staatskluges Vermaechtnls 74 war. Da floss denn dreiste Drohe mit ein in suesse Werbung, wenn er ihr schrieb und sie mit Botschaften beschickte, des Sinnes, eher wolle er sie mit Waffen sich erstreiten, als auf sie, aller Magde beste, verzichten und eine andre nehmen. Ihrer sei die Schuld, dass sein Reich ohne Koenigin bleibe, wie sie schuld sei, dass ihr eigenes des Herrn entbehre, und gegen so viel Uebel werde Gott ihn schliesslich heissen, zum Schwert zu greifen. So oder aehnlich dieser Hahn und Hengist. Da aber Sibylla, um ihn im Zaum zu halten, ihre Gegenworte wieder mehr dem Ja annaeherte, so vergingen noch drei Jahre, ehe ihm die Geduld riss. Dann aber riss sie ihm, und mit zweitausend Rittern und zehntausend Serjanten fiel er Sibyllen ins Land und ueberzog es mit Krieg und Brand. "Zu Hilfe, Herr Eisengrein! Vergesst, dass wir im Kummer euch unsres Hofs verwiesen! Gedenkt der Dienste, die ihr unserem in Gott verklaerten Herrn Vater geleistet! Ruft meine Ritter auf, versammelt mein Fussvolk, oeffnet die Arsenale, wackerer Feldzeugmeister, und werft euch dem frechen Raeuber entgegen, der uns mit blutiger Hand in sein Bett reissen will! Schuetzt euere Herzogin, die Gott Geweihtei" Also begann der "Minnekrieg" zwischen Burgund und Flandern- Artois, wie er heisst im Mund der Saenger, und der, bei wechselndem Gluecke, von Hartnaeckigkeit stets erneuert, verderblich hin und wider wogte fuenf Jahre lang. "Gebt, Fraue, doch den Frieden dem Land nach soviel Liden und reichet dem die Hand, der so nach euch entbrannt, dem Werber kuehn und viel zaehi" Sie aber sprach] "Jariais!" 75 Die Fischer von Sankt Dunstan Ich, Clemens, lohe die Werke der Weisheit Gottes. Wie vor- zueglich und zur Bewunderung auffordernd erscheint nicht dem, der von Erdkunde einigen Unterricht besitzt, die Tatsache, dass eine Verbindung bestellt ist zwischen dem oceanus und der Nordsee: durch einen Meereszug naemlich, der, hingehend zwischen Karolin- gen und Engelland, seiner Schmalheit wegen im Scherze "der Aermel" genannt wird, sonst auch wohl "der Kanal", obgleich man, genau genommen, nur eine von Menschenhand gegrabene Rinne als Kanal bezeichnen sollte, nicht aber Gottes salziges Element, welches von der stehenden Ruhe eines Kanals nichts äufweist, vielmehr* nur zu oft, von Stuermen gepeitscht und zu wildem Uendenschlag aufgeregt, den Schiffer das Beten lehrt. Dies gilt selbst fuer groessere und seetuechtige Schiffe, wie das, auf dem ich selbst vor kurzem diese Wasser durchschnitt, Aber wenn ich bedenke, welchem Unge- faehr darauf ein schwacher Kahn, ein offen Boot anheimgegeben ist, das, ein blosses Spielzeug der Wellen, vielleicht nicht einmal bemannt oder doch nur auf die sonderbar zarteste und hilfloseste Vifeise bemannt ist, - so schaudert mir vor.der Knappheit der Hoffnung, die fuer solches Schifflein besteht, j emals gluecklich zu landen, und ich bestaune die Geschicklichkeit Gottes, mit der Er es, wenn Er will, durch Gefahren zu steuern weiss, welche Er selbst ihm auftuermtj Ja es draengt sich einem aus diesem Anlass das Wort auf die Lippen: “Nemo contra Deum nisi Deus ipse." Inseln sind bereitet in diesem Wasser, naemlich dort, wo es sich schon gegen das Weltmeer oeffnen will: groessere, kleine und ganz kleine, genannt "die Normannischen", wohl weil sie nae- her gegen Francia und das Land der Normannen gelegen sind, als 76 gegen Cornwall und Susaex, und auf eine der kleinsten davon, abgelegen von den anderen tiefer ins Meer hinein gegen Engelland, bin ich im Begriffe mich mit dem Leser im Geist zu versetzen. Das war ein flutumguertetes Stueckchen Gotteserde, dessen Bewohner zwar zu ihrem Heil vom Kristentum waren erreicht worden, sonst aber ein recht urspruenglich.es, im Weltgeschehen wenig erfahrenes Leben fuehrten. Ihrer Mehrzahl nach waren sie in einer zerstreut gebauten, mit Viehweiden und Futzgaerten durchsetzten Ortschaft ansaessig, die, soviel sie wussten, wie die ganze Insel, Sankt Dunstan hiess, und naehrten sich von Rinderzucht, Butterbereitung, Gemuesebau und Fischfang. Ich begebe mich dorthin nicht zuletzt, sondern geradezu vor allem, um eines frommen und trefflichen Mannes willen, dem meine ganze Sympathie gehoert, und dem ich schon hier meinen Dank entrichten moechte fuer die hervorragenden Dienste, die er in seiner Guete der Geschichte leistete, mit deren Auffrischung ich mich gottgefaellig unterhalte. Es ist Seine Ehren Gregorius, Abt des Klosters "Agonia Dei", welches, hervorgegangen aus einer uralten Laura und Koinobiten-Siedelung und der Regel von Cistercium gehorchend, nahe dem gen Abend gekehrten Strande des Eilands gelegen war und seine geistliche Zierde bildete - uebrigens, wie ich hoffe, auch heute noch bildet. Von Konventualen, die die Geluebde abgelegt hatten, barg es in seinen Mauern nicht viel mehr, als unser Herr und Heiland Juenger hatte, vielleicht vierzehn, dazu eine Anzahl dienender Laienbrueder, welche das Klostervieh besorgten, ausserdem immer auch einige Kinder, die, zu Moenchen bestimmt, den Bruedern von "Not Gottes" zur geistlichen Schulung uebergaben versa uni zum Teil auch von anderen Inseln stammten. Sie alle aber, Gross und Klein, Greise, Maenner und Knaben, blickten, seiner Guete, Milde, Gerechtigkeit 77 und Fuersorge wegen, mit einmuetiger und zutraulicher Ehrfurcht zu ihrem Abte Gregorius auf, wie zu einem Vater; und so ist es, wie der Gelehrte weiss, ja nach dem Sinn der Sprache. Abt Gregorius ist als ein einnehmender Mann von maessiger Statur zu schildern, dessen volles, sorgfaeltig geschabtes Gesicht mit kleinem Mund und gerundet vorstehender Unterlippe von einem schoen polierten Glitz- und Glatzschaedel ueberwoelbt war* Krauses Grauhaar stand an den Schlaefen davon ab* Sein Ordenskleid, geguertet mit einem sauber gedrehten Strick, durch den der Rosenkranz gezogen war, wurde von einem anstaendigen Bauchraenz- lein gehoben, das eher als Ausdruck guten Gewissens, denn als Beschwernis wirkte, nichts nahm es der Tournuere des Abtes an ge- faelliger Beweglichkeit, bemerkenswert fuer seine Jahre, deren es fuenfzig waren* Dass Traegheit und weichliche Selbstschonung nicht seine Sache waren, erweist sich dadurch sogleich, dass wir ihn eines sehr fruehen Morgens bei mehr als unfreundlichem Wetter (denn die Wolken hingen tief und triefend, und es stuermte haess- lich aus Nord-Nord-West) ganz allein unterwegs finden hinab zum Strande, die hufeisenfoermige Bucht umwandelnd, welche auf dieser Seite in die Insel einschneidet, und in die das Meer seine an vorgelagerten Steinbaenken sich brechenden Wogen rollt. Im Ruecken sein Kloster, dessen Baulichkeiten sich, von Regen verschleiert, gegen einen Streifen dunklen Gehoelzes abzeichneten, schritt der Abt, seinen langen Stab voransetzend, mit geschuerz- ter Kutte im nassen Sande dahin, oft zwischen allerlei Felsge- ruempel hindurch, das dort brockig und klotzig, wenn nicht zu Schutt zerkleinert, herumlag. Um die Schultern trug er zum Schutz gegen die Naesse eine Pilzdecke, die er vorn mit der Hand zusammenhielt, und hatte auf den Kopf einen ganz ungeistlichen 78 Wetterhut mit haengender Krempe gestuelpt, wie wohl die Fischer der Insel ihn bei ihrem Gewerbe trugen. Blinzelnd hielt er den Kopf schraeg gegen den Wind gestemmt, wandte aber oefters sein benetztes Gesicht zur Seite, um mit sorgender Miene aufs offene Meer hinauszuspaehen. Seine Gedanken waren die folgenden». "Garstig, garstig. Wir haben viel schlechtes Wetter auf unserem Eiland, aber dies ist doch ausnehmend widersam in Anbetracht der Jahreszeit. Ich murre nicht, aber ich bin beunruhigt. Wie die Brecher, die in der Bucht hier doch schon leidlich gezaehmt sind, an den Baenken hochspritzen, sie von Zeit zu Zeit gaenz- lich ueberfluten und sich wild In die brackigen Vorseen zu meiner Rechten ergiessen, sodass ich mit fast unziemlicher Hurtigkeit vor den Fluten beiseite zu springen gezwungen bin! Wie muss es da erst draussen im Offenen zugehen, wo sich auf mein Geheiss die Fischersleute Gebrueder Wiglaf und Ethelwulf befinden! Wer mich hier saehe, wuerde sagen, dass ich trotz diesem bitteren Wetter mich an den Strand begebe. Ich begebe mich aber gerade wegen des Wetters so frueh schon hierher, getrieben von Unruhe* Es ist auch die Unruhe, welche einem so muessige und nebensaechliche Betrachtungen eingibt, wie diese ueber 'trotz 1 und »wegen’, die ein und dasselbe werden in meiner Unruhe. Gott will nicht, dass der Mensch zu ruhig sei, sondern versieht ihn zu seiner Zuechtigung mit Unruhe, indem er ihm eingibt, sich selbst damit zu versehen, wie ich es getan habe, dadurch, dass ich die fischenden Maenner hinaussandte bei diesem Wetter, das man allerdings gestern Nachmittag nicht voraussehen konnte. Wie ruhig koennte ich sonst doch sein, ohne diese selbstbereitete Sorge! Denn es steht ja im Uebrigen alles zum Besten oder 79 doch zum recht Guten auf diesem Eiland, das nach der Versicherung seiner bejahrtesten Einwohner “Sankt Dunstan" heisst, und mit meinem Kloster dort hinten, das ohne Frage “Not Gottes“ genannt, und auch auf den naechsten, immerhin auch schon weit entfernten Inseln unter diesem Namen bekannt ist. Nur in Demut kann seiner gedacht werden, und keine ernstliche Versuchung zum Stolze will es bedeuten, sein Abt zu sein. Denn unter den Kloestern der Kristenheit ist es ein geringes und hat nicht einmal ein eigenes Kapitel, sondern das Zoenakel muss auch den Konventsaal vorstellen, obgleich dort immer ein abgestandener Geruch nach irdischer Speise herrscht. Auch hat nur die Haelfte der Brueder eigene Zellen, die anderen muessen in gemeinsamem Schlafsaal naechtigen, und nur ich natuerlich habe eine geraeu- mige Stube fuer mich, woran ich nicht mit Selbstgefaelligkeit denken, sondern mich nur dankend erinnern sollte, wie smoothlich alles in unserer kleinen Gotteswirtschaft seinen frommen und wohl eingefahrenen Gang geht, und wie angenehm es ist, ein von langer Hand her gemachtes Bett vorzufinden, sodass man nicht mehr Grundwerk zu tun und die Wildnis zu roden braucht, sondern nur zu bewahren und alles im Rechten zu halten hat. Das Pionieren und Roden haben vor hundert Jahren und noch viel mehr die Brueder vom einsam-gemeinsamen Leben besorgt, die zuerst hierher kamen, Spaten, Hacke und Kelle handhabten, Steine karrten und, indem sie sowohl ihr Claustrum bauten wie auch den sandigen Grund zum Gemueseland schufen, zugleich die finsteren Koepfe der Inselbewohner aufklaerten und sie mit der Wahrheit Jesu erleuchteten. Sie wussten wohl, dass der Muessiggang die Pfuetze aller Versuchungen ist, darum widmeten sie sich nicht nur der Betrachtung, von der sie auch nicht haetten leben koennen, sondern werk- 80 ten und rodeten fleissig, wie auch ich darauf halte, dass meine Schaeflein neben der Gott es Versenkung immer auch einige derbe Hand- und Gartenarbeit versehen, zu ihrer redlichen Ermuedung. Ich selbst natuerlich bin zu alt und wuerdig dazu. Zu alt, nicht zu wuerdig. Das Wort »wuerdig» fluestert nur der Teufel mir ein, um meine Demut zuschanden zu machen, welche ohnedies stets gewissen Gefahren preisgegeben ist, weil ich erfreulicher Weise als infulierter Abbot der erste Mann auf der Insel bin, ueber dessen Hand sich jeder neigt, der ihm begegnet. Ob diese Leute wirklich vor Zeiten dadurch zum Kristentum bekehrt wurden, dass eine schon aufgeklaerte Jungfrau, die sie einem Drachen opfern wollten, welcher die Insel verheerte, diesem das Kruzifix entgegenhielt, sodass er, nachdem er noch einmal Feuer und Dampf aus seinem Rachen gestossen, sich auf die Seite legte und starb? Es heisst, davon seien alle so beeindruckt gewesen, dass sie sich sogleich allesamt zu Jesum bekannt haetten. Ich kann die Geschichte kaum glauben,*' denn wie sollte ein Drache auf diese Insel kommen, und aus welchem Ei sollte er gekrochen sein? Ich vermag mir einfach einen Drachen, der Jungfrauen zum Opfer nimmt, dahier nicht vorzustellen. Aber das ist vielleicht nur ein suendlicher Mangel an Einfalt, wenn mir auch, auf die Gefahr hin, dass ich damit in des Hochmutsteufels Kueche komme, ein gewisser Unterschied zwischen dem, was ein gelehrter Mann glauben soll, und dem Glauben des vulgus vor Gott gerechtfertigt scheint. Nebenbei gedacht, und zwar mit Sorge gedacht, steht das Kristentum der Leute hier nicht einmal auf den festesten Fuessen, ob nun ein Drache war oder nicht, und gerade darum ist es ein so grosser Segen, dass wir Erueder hier auf der Glaubenswacht stehen in Agonia Dei„ Denn ein Erworbenes kann wieder verloren gehen, wie 81 ich ja gehoert habe, dass im sogenannten Alamannenlande, fern von hier, das Kristentum schon zur Roemerzeit Fuss gefasst hatte, dass aber jenes Land in Finsternis zuruecksank bis zum Erscheinen gewisser irischer Sendboten, welche das Licht wieder entzuendeten. Abgeschiedenheit von der Welt durch viel Wasser hat wohl seine Vorteile, indem sie einfaeltig erhaelt und vor mancher Verwirrung bewahrt. An der anderen Hand gerechnet aber, ist es auch wieder nicht gut, wenn grosse Voelkerbewegungen, Wandlungen und Wanderungen, wie sie meines Wissens vor Zeiten geschahen, an dem einsam in sich selbst Versponnenen fern voruebergehen, also dass, wenn ich mich in Gedanken so auadruecken darf, das Weltgeschehen ihn nicht mitnimmt, sondern ihn auf altertuemlicher Stufe unerfahren zurueck und beiseite laesst. Ich weiss recht wohl, dass hier in den Gemuetern und in stillen Braeuchen allerlei rueck- staendig ist, das kaum einen besseren Namen verdient, als den des Druidengreuels, und gegen dessen Ueberhandnehmen unsere kleine Gottesburg das einzige Bollw erk bildet. Allezeit sind diese Leute> weil niemand sich um sie kuemmerte, unter sich an Ort und Stelle gesessen, wo doch sonst, wie Ich glaube, kein Land der Erde von seinen Ursassen bewohnt ist, sondern sind alle auf den Schub gebracht worden und haben andere vor sich her gestossen, die sich auch neue Staetten suchen mussten, sei es, dass sie sie schon verlassen vorfanden, oder dass sie sie an sich rissen mit grober Hand# So habe ich von den Burgunden vernommen, die vom hohen Thule hinabzogei} bis an den roemischen Grenzwall und nicht ohne Selbstgefaelligkeit am Strome Rhenus sassen, wo sie indessen von den Hunnen gemetzelt wurden bis auf Wenige. Damit nicht genug, weiss ich auch von Vortigern, dem Britenfuersten, dass er seefahrende Germanen zur Hilfe holte gegen die wilden Pikten, 82 ilMi mit denen doch j ene Gerufenen im Nu gemeine Sache machten gegen den Rufer. Unversehens schufen Haugen, Angeln, Jueten und Sachsen ein britisch Reich, darauf setzte der Norman den Fuss und ergriff es mit beiden Haenden. Ja, meine Kenntnisse, die sind erstaunlichi Aber, mein Gott, statt mich mit ihnen zu blaehen vor mir selbst, sollte ich mich erinnern, warum ich bei Wind und Wasser an meinem Stabe hierher walle, und dass all die abwegigen und voellig unnuetzen Gedanken, die ich 3pinne, nur der Unruhe entspringen wegen des Mangels an Fuersorge, dessen ich mich schuldig gemacht, wenn auch eben aus Fuersorge nur. Denn fuer meine Schaeflein habe ich gesorgt, wie ein Vater, indem ich ihnen auf den heutigen Fasttag ein gutes Gericht Fische bestellen wollte, reichlich fuer alle. Darum habe ich Wiglaf und Ethelwulf, die fischenden Maenner, angestiftet, schon vor Tagesgrauen hinauszufahren und ihnen extra gute Bezahlung verheissen, wenn sie mir recht viele und leckere Fische fingen. Aber, indem er ein Wetter veranstaltete, wie es sonst erst zur Fallzeit sich einstellt, hat der Teufel meine Fuersorge in den groeblichsten Mangel daran verkehrt. Denn gelockt vom Mammon, haben die Zwei sich hinaus- getraut, wer weiss wie weit, und wenn sie zur Stunde bereits die Freise verschlungen hat, so bin ich, Gott sei davor, ihr Moerder. Zwar sind es seefeste, gesalzene Kerle, zaeh wie ungrisch Leder, die nichts geigen ein Taenzchen mit den wilden Uenden haben. A ber was mach’ ich, wenn es sie doch erwischt, und wie steh 1 ich vor ihren Witwen und Waisen? Es hat wohl Ethelwulf, der Aeltere, nur eine Tochter, die ist vermaehlt mit einem Manne auf der naechsten Insel gen Osten, Sankt Aldhelm geheissen, wie die meisten glauben. Aber ‘Wiglaf, sein Bruder, naehrt mit Muehe sechs Kinder, und sein Weib hat das Juengste noch an der Brust. 83 Meine Unruhe um ihrer aller willen ist stetig im Wachsen. Haiti Jetzt bleibe ich wie angewurzelt stehen und spaehe hinaus zum Eingang der Bucht, wo ich mit meinen immer noch dankenswert scharfen Augen ein Segel zu gewahren glaube. Der Ausblick wird mir erleichtert dadurch, dass es zu regnen, wenn auch nicht zu stuermen, aufgehoert hat. Ja, Gott sei gelobt, es ist ein Segel, es ist Wiglafs und Ethelwulfs Boot! Da sie die schuetzende Bucht wieder erreicht haben, kann man sie als gerettet betrachten, und vielleicht bringen sie mir sogar die erwuenschten Fische herein. Es ist wirklich stark: kaum schoepfe ich einige Hoffnung auf der Maenner Ueberleben, da denke ich schon wieder an die Fische, deren Bedeutung doch durch die Gefahr laengst zu nichts herabgesunken war! Welch ein Spielball ist doch des Menschen Herz zwischen Zagnis und Uebermut! Nur gut, dass es die Tugend der Fuersorge ist, die mir so bald den Gedanken an die Fische wieder erweckt. - Aber wie ist mir denn? Ich glaube, dort hinten zwei Boote, dicht beieinander, sich auf den Wellen wiegen zu sehen? Ist das eine Taeuschung meiner Augen, auf die doch im Ganzen guter Verlass ist? Nein, weiss es Krist! ich sehe ein Segel und zwei Boote* Oder sah es doch einen Augenblick so, denn nun scheint das andere sich in Dunst aufzuloesen, oder vom Dunst verschlungen zu werden, und nur das besegelte, auf das es ja einzig auch ankommt, ist noch vorhanden und steuert mit raeumem Winde floht in die Bucht herein. Die Steinbaenke zu meiden hat das gesalzene Bruederpaar eine so grosse Uebung und Kunst, dass deswegen meine Sorge gleich Null ist. Sie kommen, sie kommen, sie schiessen nur so, das Segel voll Wind schraeg von hinten! Stark waere ich versucht, ihnen Ho-he, Hoi-ho zuzurufen durch die hohlen Haende, wenn das nicht ein ungeistlich Benehmen waere. Bei der Landzunge drueben 84 kommen sie herein, wie ich sehe, und wollen ihre Einfahrt halten, wo die See schmal und seicht einschneidet zwischen Felsbank und Kueste. Dorthin muss ich zurueckgehen, das Herz voller Dank, um sie abzufangen. Kaum wuerde ich mich noch wundern, wenn sie auch eine reichliche Fischlast fuehrten!" Also kam das Boot herein, unter dem Winken des Abtes, liess das Segel fallen, und die Maenner stakten es vollends heran, stiegen auch aua zum Schluss in das Wasser und zogen mit Armeskraft den Kahn auf den Sand, indess der Abt sie frohen Wortes begruesste: "Hallo, hoihe, ihr Wackeren, Wiglaf und Ethelwulf, willkommen am Lande, im sicheren Port! Dass ihr nur wieder zurueck seid aus diesem Wetter, dafuer sei Gott gepriesen! Wir taeten am besten, alle drei auf der Stelle niederzuknien und Ihm Lob zu singen, Ihr seht wohl, euer Abbot hat sich bitter um euch gesorgt, dass er zum Strande gewallt ist durch Sturm und Regen. Wie geht es euch? Habt ihr denn Fische?" "Heho, hallo, Herr, is nochmal gutgegangen", erwiderten sie. "Fische? Nee, dat’s nu'n littel bit tau veel verlangt. Wi koenn von Lucke seggen, dat uns de Fisch nich hebben, denn dat was Euch ne Freise, Herr, un weren Euch coups de vent, da macht Ihr Euch, Herr, garkeen Einbildung von. Da musst immer een Mann die Seen drawen aus dem Eoot un de annere mit all sin Macht den Timon holden, un sonst was an keen Ding ein Denken an." "Wie sie reden", dachte der Abt. "Hoechst ordinaer." Denn er meinte, dass er sich ueber ihre Sprechweise aergerte, da er doch nur enttaeuscht war, dass sie keine Fische brachten. "So froh und erleichtert ich bin," dachte er, "dass sie zurueck sind, so ist es doch ein grosser Tiefstand mit ihnen." 85 im-uurra.M "Da Gott euch errettet hat,” sagte er, "nehme ich an, dass ihr Maenner recht inbruenstig zu Ihm gebetet habt in euerer Not?” "Ja, ja, Herr, dat ook." "Und habt nichts hineingemischt von anderer Art, an schlechten Spruechen und allerlei Krimskrams von frueher her?" "Ne, ne, Herr, wie wern wir denn." "Wahrscheinlich doch", dachte er. "Bei dem Tiefstand. Was sie fuer rote Baerte haben, und rot und gesalzen sind ihre sehnigen, muskelknolligen Leiber, bis zum Guertel nackt. Warum sind sie so nackt und haben sich ihrer Waemser und Juppen entledigt bei solchem Wetter?" Seine Augen gingen ueber das Boot hin, das aussen gruen bemalt war, von dem aber ueberall die Farbe schon absprang, so- dass die weisse Grundtuenche darunter zum Vorschein kam. Es lagen Netze darin, zwei Ruder, ein Staken. Am Hinterteil war etwas verstaut, darueber hatten sie ihre Kleider geworfen. "Was habt ihr denn da, und was fuer eine Erhoehung ist das?" fragte er und wies mit dem Stabe darauf. "Puhr Pipels Stoff", murmelten jene. "Da kehrt ein Herr garnich vor." "Sollten sie doch Fische haben," dachte er, "und sie nur selber essen wollen? Oder was sonst verbergen sie vor mir mit ihren Kleidern? Sichtlich sind sie verlegen. Der Sache muss * man auf den Grund gehen." Und indem er sprach: "Ei, lasst doch mal sehen", langte er mit seinem Stabe hinueber und schob ihr schwitzig Zeug beiseite von dem, was es bedeckte. Es war ein Faesschen, handlich und prall, mit bemalten Dauben. "Nun aber!" sagte er. "Wie habt ihr Maenner das schmucke 86 Faesslein im Boot? Was ist darin?“ “Wat schell da in sin!“ antworteten sie mit abgewandten Gesichtern. “Puhr Pipels Dürft. Da is fresch Water in, Teer is da in, is Dram in zum Tippeln." Und widersprachen sich laecher- lieh. “Ihr luegt ja“, sprach tadelnd der Abt. “Richtig reden, das muss man nicht. Aber die Wahrheit, sagen, das muss man.“ Und er trat naeher herzu, betastete das Faesslein und beugte sich darue- ber zu besserem Augenschein. Da fuhr er zurueck und schlug die Haende zusammen. Durchs Spundloch war aus dem Innern ein Greinen zu ihm gedrungen. “Du Herre Gott!“ rief er. “Still! Keine Regung, keinen Laut, damit ich lausche!“ Und beugte sich nochmals darueber. Es greinte wieder. “Ihr seligen Geister und Boten des Glanzes“, sprach der Abt schon garnicht mehr laut, denn es verschlug ihm die Stimme, und er bekreuzte sich mehrfach. “Maenner ihr, Einer Mutter Soehne, V/iglaf und Ethelwulf, woher habt ihr dies Fass? Denn, ob ihr's wisst oder nicht, ich schwoere euch, es ist ein Menschenkind darin verborgen.“ Ein Menschenkind bloss? fragten sie. Da wuessten sie gar- nichts von und waeren enttaeuscht, wenn es nichts weiter waere. Sie haetten das Fass am Eingang zur Bucht mit frostiger Hand von der Freise gefischt, denn da habe ein Kahn ohne Marner sich herumgetrieben, den haetten sie angesteuert und ihn herangestakt und haetten uebernommen das Faesslein in ihr Boot, vermeinend es moege was fassen, was fuer puhr Pipel von Nutzen sein koenne, und ginge niemand was an, wenn sie Hand darauf legten. "Kein Wort mehr!“ unterbrach sie Gregorjus. “Denn jedes 87 ist muessig und kostbar ein jeder Augenblick, Heraus mit dem Fass im Fluge und herauf damit auf den Strand, hierher, wohin ich die Decke breite von meinen eigenen Schultern. Kein Plappern und Saeumeni Dies wunderbar© und tief ergreifende Faess- lein geoeffnet sofort, auf der Stelle, Ich sage euch: es ist ein lebend Kindlein darin. Brecht gleich den Boden aus, so flink wie behutsam! Nehmt euer Beil, eure Messer! Kratzt weg den Teer rundum, womit es vermacht 1 0 oeffnet, oeffnet!" So taten sie. Befeuert von seinem Eifer, hoben sie f s flink zu Lande uni waren geschickt, wie handliche Maenner, die mit Dingen umzugehen verstehen, des Faesslein Flanke zu loesen, zu spalten und aufzutun* Er kniete dabei, und da die Behausung offen, zog er andachtsvoll und unter leisen Gebeten hervor, was sie barg: ein Wickelkind, auf Lagen von alexandrinischer Seide gebettet und zugedeckt auch damit, zu seinen Fuessen zwei Brote und eine Tafel, sehr kostbar, zum Brief beschrieben. Das Kind aber blinzelte und nieste vor dem Tageslicht, so truebe auch l dieses war. Dem Abt war es recht, dass er schon auf den Knieen lag und nicht erst darauf zu fallen brauchte. “Deus dedit, Deus dedit!" sprach er, die Haende gefaltet. "Diese Geburt aus dem wilden Meer ist das Heilig-Seltsamste, was mir all meiner Lebtage vorgekommen. Was lehrt uns diese Tafel?" Und er griff nach derselben, nahm sie vor seine Augen und ueberflog die Schrift. Nur ungefaehr vorerst drang, was er las, in sein Verstaendnis, doch soviel begriff er gleich, dass es mit dem Ursprung des Kindes eine zwar edle, aber entsetzliche Bewandtnis habe. "Was habe ich erwartet?" dachte er. "Dass es ein Baby in geordneten Verhaeltnissen waere, das sich in einem Fass auf der 88 Frelse herumtreibt?” Erbarmungsvoll beugte er sich ueber den zarten, suendigen Fund. Und siehe, da es sein mildes Gesicht so nahe ueber sich wahrnahm, laechelte das Kleine ihn an mit suessem Munde. Dem Guten wurden die Augen feucht. Auf einmal war seine Seele voller Geschaeftigkeit, und er erhob sich, bereit zu den entschiedensten Verfuegungen. "Maenner”, sprach er, "dies Fundkind, ein Knabe, wie man mir schreibt, es ist so seliglich getan, dazu von Gott bewahrt so wundersam in diesem wenigen Fass, dass klar hervorgeht: wir muessen uns seiner unterwinden, discrete und klug, um Gottes willen und nach seinem unmissverstaendlioh geoffenbarten Plan. Versteht sich, das Kindlein, noch ungetauft, gehoert dem Kloster. Vorlaeufig aber und sofort sollst du, Wiglaf, es mit dir in deine nahe Huette nehmen, wo es ohnehin wimmelt von Brut und Ehe- segen, und sollst es deinem Weibe Mahaute uebergeben, die hat eben wieder die Brust voller Milch und soll es waermen und atzen, denn hat Gott es auoh gnaedig am Leben erhalten auf seiner Reise, so muss es doch vor Mangel an Wartung in der Gefahr des Sterbens schweben. Credemil Was ihr an dem Wuermchen tut, das soll euer Schade nicht sein. Seine Verhaeltnisse sind, versteht sich, zwar ungeordnet, doch aermlich sind sie nicht, wie ihr bereits an diesen raren Gewirken sehet, die es mitgebracht." Wieder zog er die Tafel zu Rate, die er schon in seinem Kleide geborgen hatte, und las in der Schrift. Dann ergriff er nach einem der Brote, brach es und schaute hinein. '‘Wenn ich dir”, wandte er sich wieder an Wiglaf, "zwei Mark Goldes gebe als Kostgeld, ein fuer allemal, willst du dich dafuer des Kindes unterwinden und es aufziehen mit den deinen, als 89 waer’s dein eigenes, nur mit noch etwas mehr Sorgfalt, weil «s naemlich, sobald es bei einigen Jahren ist, dem Kloster ange- hoeren soll? 1 ' Da zwei Mark Goldes mehr war, als Wiglaf je beisammen gesehen, so versprach er’s. "Port denn nach Häusel" rief der Abt. "Wir stehen und beraten schon viel zu lange in Anbetracht von dieses Kindes dringender Beduerftigkeit. Wiglaf, huelle das Kleine in seine unteren Stoffe - sie sind von Alisaundre, im Morgenland, verstehst du? - nimm es in deinen Arm und trag es, so sanft du kannst] Ich nehme die Oberläge an mich wie auch die zwei Brote, denn das Kind kann sie nicht essen. Und hoere, wenn irgend Leute dich fragen, und dein Weib, woher es kommt, dass ihr auf einmal sieben Kinder habt, statt sechs, - aber wer wird den Unterschied denn merken.’ - so sagt ihr, ihr haettet dieses von euerer Bruderstochter auf Sankt Aldhelm, oder wie ihre Insel heisst, - die habe es geboren, sei aber daempfig auf der Brust und koenne es nicht warten, darum haettet ihr es geholt und wolltet aus verwandtschaftlicher Liebe euch seiner unterwinden." "Dat’s aber Lug und Fiddel-Faddel", mischte jetzt Ethelwulf sich widersetzlich ein. "Min Dochter is garnich daempfig, sundern haelpig und halig rundum wie’n Appel und koennt twelf Kiddens upbringen, wenn sie bloss welche haett. Dat’s Hoax. Ihr, Herr, hawt uns allwegs geseggt, dat wi schellen die Wahrheit teilen, wenn ook mit slechtem Muhl." "Musst du widerbellen, Ethelwulf", fragte der Abt, "gegen eine so fein gesponnene Ausrede, und mit haessliehen Namen nennen, was der Wahrheit so nahe kommt? Denn wie ihr mit dem Kinde Im Boot hereinkamt, da haettet ihr, nach Bild und Anschein 90 wenigstens, recht wohl von der Insel Sankt Aldhelm und deiner Tochter kommen koennen, die ich nicht kenne, die du aber gewiss mit Absicht als uebertrieben robust beschreibst. Ich will dir etwas sagen. Wenn ich dir eine Goldmark gebe, einmal fuer allemal, willst du dann diese fromme Luege, die ich deinem Bruder auftrug, gelten lassen und heilig deinen Mund halten darueber, wie wir das Kind gefunden?" Fuer eine Mark war Ethelwulf es sofort zufrieden. "Wiglaf", mahnte der Abt, "stolpere nicht mit dem Kinde vor Freude ueber deinen Reichtum. Aber auch Ethelwulf ist nun recht vermoegend. Er hat nichts dagegen, dass ihr, du und Mahaute, gleich, wenn ihr gegessen habt, nach der Mittags-hora, das Knaeb chen zu mir ins Kloster bringt und mir berichtet, es sei euerer Bruderstochter Kind, und ihr wollet Elternstatt an ihm vertreten weil seine Mutter zumeist das Siechbett huetet, ich aber, so baetet ihr alle, moege sein geistlicher Vater sein und ihm sogleich die Taufe angedeihen lassen, deren es noch ermangle. Sprecht ordentlich und fein! Ich will euch im Kreis der Brueder empfangen, und dies ist keine Sache, dass ihr euer Maul nach taeglicher Bequemlichkeit duerft laufen lassen. Die Brueder wuerden euch verlachen. Sagt nicht: "Ji schellt den Suckling dopen oder bappenl" Nicht so ungeziemend. Nehmt euch zusammen, spitzt die Muender und sprecht: ‘Ehren, Herr Abbot, dies kuerz- lich geborene Kindlein senden Euch unsere fromme parentes, die es uns anvertraut, und bitten euch, ihm eigenhaendig die heilige Kristenung zu spenden, damit ihm ein seliges Leben erkauft sein moege, insonders, wenn Ihr geruhet, ihm eueren eigenen Namen, Gregorius, zu geben.’ Wiglaf, sprich es nach!" Und dreimal musste Wiglaf mit grosser Muehe die Bitte ge- 91 spitzten Mundes nachsprechen, ehe der Abt von ihm schied und er zu seiner Huette kam. Da gab er das Kindlein seinem Weibe Mahau- te, indem er ihr bei harter Pruegelstrafe gebot, nach dessen Herkunft nie nicht zu fragen, den Leuten aber, wenn noetig, dies und das zu sagen und es zu pflegen, als waer’s ihr eigenes, nur noch etwas besser« Sie aber dachte: "Mit seinen Pruegelnl Da muss man ein Mann sein, zu glauben, man koenne ein solches Geheimnis lange hueten vor der Frau. Ich will es schon luefteni" Das Heckgeld Nun seht, wie Gott es fertig brachte und gegen sich selbst mit groesster Gewandtheit durchsetzte, dass Herrn Grimalds Enkel, das Kind der schlimmen Kinder, in dem Faesslein gluecklich zu Lande kam. Eine starke Stroemung hatte seine steuerlose Barke, dies Spiel der wilden Winde, hintreiben lassen durch die Enge, wo es nur ein Schritt ist zwischen den Laendern, und den Meeres- aermel hinab bis in die Naehe des abgeschiedenen Eilands, das die Weisheit dem Unstatthaften als Staette zugedacht. Zwei Naechte uni einen Tag nur hatte seine Reise gewaehrt, und eine laengere haette, des bin ich gewiss, auch ein kraeftiges, bis dahon wohl genaehrtes Kind, wie dieses, nicht ueberstanden. Ich glaube, meistens schlief es, gewiegt vom Uendenschlage und geborgen vor diesem im Mutterdunkel seines Fasses, denn wenn es bei seiner Ankunft nicht ganz trocken war, so nicht vom Meere. Grosse Gefahr drohte seinem suendigen Leben noch in letzter Stunde durch die umschaeumten Klippen der Bucht, an deren Eingang sein Schifflein trieb. Da aber fanden es die fischenden Maenner und konnten ihren Fund dem Abte nicht verhehlen. Also ging es, wie ich erzaehlte. 92 Mahaute, Wiglafs Weib, sonst duerr und zaenkisch, wurde stets mild und ueppig, wenn sie eben Mutter war, weshalb der Mann sie auch, trotz seiner Huette Armut, so oft wie moeglich mit Tracht und Segen versah. Sie hatte Milch, mehr als genug fuer ihr eigenes Brustkind, reichlich auch noch fuer das Zugetragene und stillte und waermte es mit der Sanftmut, die wieder fuer kurze Zeit ihr Teil war. So lag es, rot und gefriedet in schlechten Wickeln und auf Stroh gebettet, neben dem Pischerknaben Flann, der nun sein Milchbruder war. Als aber die Eheleute gegessen hatten, nahmen sie das Kind und trugen es hinueber zum Kloster nach des Abtes Weisung. Dieser hatte die Brueder im Zoenakel festgehalten und dem Vorleser, Bruder Fiakrius, einem Moench mit sammtener Basstimme, befohlen, ihnen noch ein vorzuegliches Kapitel aus dem Buche “Summa Astesana“ zu lesen. Sie lauschten mit Genuss, als jene um Vor lass bitten Hessen, und mein Freund, der Abt, zeigte sich etwas unwirsch der Unterbrechung wegen. “Was muessen sie uns stoeren“, sagte er, “in diesem geistreichen Kapitell“ War aber dann voller Milde gegen die Armen, wenn auch erstaunt. “Ihr guten Menschen“, sprach er, “was fuehrt euch zu uns zu dritt mit diesem auffallend schoenen Kinde?“ Nun war es an Wiglaf, den Mund zu spitzen und seinen Staren- spruch zu liefern von den frommen parentes, der siechen Bruderstochter und der Kristenung, und wie er es tat, verbreitete grosse Erheiterung sich unter den Moenchen. Denn wohl hatte der Abt gemeint, sie wuerden lachen, wenn der Fischer schlechten Mundes spraeohe, nun aber lachten sie gerade, weil er so fein sprach, zumal da er’s nicht ganz vermochte und zwischenein doch “Suckling“ und “bappen“ sagte, wider das Verbot. 93 "Hoert den Koetner!" riefen sie. "Die Zunge, die der im Kopf hat und seine eloquentiaml" Aber der Abt verwies ihnen, selbst etwas laechelnd, den Spott und nahm mit Zartheit und Bewunderung das Knaeblein in seine Arme. "Hat man je", sprach er, "auf dieser Insel Sankt Dunstan ein so wohlgetanes, zur Liebe reizendes Kind gesehen? Bemerkt diese Augen, mit Blaeue in der Schwaerze, und dieses feine Oberlippchenl Dazu die Haendchen in ihrer sonderlichen Zierlichkeit! Und wenn ich mit meines Fingers Ruecken dieses Waenglein beruehre, so fuehlt sich’s wie Schaum und Duft, - es ist fast keine Substantia, oder eine vom Himmel. Mir tut es weh, zu hoeren, dass es eine Art von Waise ist, durch das Siechtum seiner fernen Mutter, und ich kann die Eheleute Wiglaf und Mahaute nur loben dafuer, dass sie sich seiner unterwinden wollen und es halten wie ihr eigenes. Besonders aber bekuemmert es mich, creditemiki, dass dieses so liebliche Kind noch nicht in den Kristenstand aufgenommen ist. Es ist hoechste Zeit dazu. Wir wollen uns sogleich allesamt mit ihm zum Taufstein in die Kirche begeben, da will ich es kristen mit eigener Hand und will auf Wunsch sein geistlicher Vater sein, indem ich es auf meinen Hamen Gregorjus taufe." So geschah es, mein Freund tat, was er sagte, und das Knaeblein hiess nun mit seinem feierlichen Namen: Gregorius, wurde aber gewoehnlich und fuer den Alltag Grigorss genannt» Mit diesem Namen gedieh es unter den Koetners Kindern und hatte es recht gut unter Mahautes Haenden, auch als sie aus dem Zustand ueppiger Milde schon laengst zurueckgefallen war in Duerre und Zaenkischkelt. Denn Abt Gregorius hatte ein genaues Auge darauf, wie sie ihre Mutterpflichten erfuellte, und Hess fast keinen 94 - Tag verstreichen, ohne dass er heruebergekommen waere zu Wiglafs Huette, um sich des Wohlbefindens seines geistlichen Soehnchens zu versichern. Es hatten aber alle Kinder der Fischersleute, und diese beiden selbst, es besser, als bisher, denn die zwei Mark, die Wiglaf vom Abt empfangen, halfen ihm weit ueber den geringen Aufwand fuer den Unterhalt seines Siebenten, und hatte bittere Armut ihn bis dahin in ihren Krallen gehalten, so war er des Griffes nun ledig und vermochte, seine Menage nach und nach auf einen behaebigeren Fuss zu bringen. Im Salzigen, da hatten so lange seine Aecker gelegen, in harter Muehsal hatte er die be stellt imd mit der Fischjagd knapp dem Hunger der Seinen gewehrt das ward nun anders. Er kaufte vier Kuehe und zwei Schweine, da zu Weiderecht fuer die Rinder auf einem Anger, zimmerte seiner Huette Stall und Koben und eine Stube an und sass dort mit den Seinen bei Milchsuppe, Wurst und Wirsingkraut, Denn etwas Gartenland und Ruebenacker erwarb er auch von der Gemeinde, zog, indem er den Boden mit Stallmist duengte, Moehren, Kohl und Ackerbohnen, teils zur eigenen Zehrung, teils fuer den Markt, und betrieb die bittere Fischerei bald nur noch nebensaechlich - alles durch den Segen des Kindes. Als sein Weib Mahaute ihn zuerst am Stalle zimmern sah, warf sie die Arme empor und wunderte sich des Todes, was er in seiner Armut da treibe und wozu. Aber er sagte es nicht. Als dann zwei Kuehe kamen, etwas spaeter noch zwei, danach der Koben und die Schweine, sodann die Stube, ferner das Ruebenland, da wunderte sie sich bei jeder Neuerung entsetzlich und ueberlaut; "Mann, bist du unklug? Mann, um des Himmels willen, was ist dir in die Krone gefahren, und wo soll es noch hinaus mit uns aus unserm Armutsstande? Helf Gott, Mann, woher nimmst du das G«ld- iü geld fuer all die Luxurei? Wir hatten nichts als kranke Speise, und nun haben wir Wurst und Buttermilch und werden gelfe Leute! Mann, das geht nicht mit rechten Dingen zu, nun baust du schon Moehren! Sagst du mir nicht, woher du das Geld nimmst, so glaube ich fest, du hast’s mit dem Dewwel.“ "Hab ich dir nicht“, drohte der Mann, ;/ bei meinem Leibgurt das Fragen verboten?“ "Nach dem Kind hast du mir zu fragen verboten, nicht nach dem Gelde!“ “Ich habe dir ueberhaupt zu fragen verboten“, sagte der Mann. “Nach nichts soll ich mehr fragen duerfen? Du sammelst Schaetze und zauberst Hornvieh und Schweine herbei, und ich soll nicht fragen: mit wessen Hilfe?“ “Weiby sagte der Mann,“noch ein Wort, und ich zieh den Gurt und mach dich zetern aus anderm Grund.“ Da schwieg sie. Aber bei einer Nacht, als ihn nach ihrem duerren Leib ehelich verlangte, da liess sie ihn nicht heran, ehe er ihr vertraut hatte, wie es mit dem Kinde gewesen, dass er und sein Bruder es mit frostiger Hand von der Freise gefischt und der Abt es entdeckt haette, der haette ihm zwei Goldmark gegeben, damit sie es aufzoegen fuers Kloster. Aber wes Kind es sei, und wer es im Faessle:j.n aufs Meer gesetzt, das wisse niemand. Nachher, als er sein Genuege gehabt, da sprach er: “Uff, es war das Geheimnis nicht wertl Haeltst du es nicht und twaddelst es aus, dass Grigorss ein Fundkind ist von der See, so schlag ich dich blau und lahm.“ Und sie hielt es auch und twaddelte nicht, so manches Jahr, weil sie fuerchtete, es moechte 96 108 ! !(!#&*#§]] geschehen sein um Wurst und Buttermilch, wenn sie nicht schwiege. Den Findling hielt sie nicht schlechter als Flann, den eigenen Juengsten, und wies dem Abte, so oft er vorsprach, um nach dem Rechten zu sehen, ein gedeihend Milchbruederpaar. Er tat auch, als ob ihm beider Gedeihen gleichmaessig angelegen sei und lobte ihr den grobschlaechtigen Flann nicht weniger, als das Fremde, das doch offenkundig aus feinerem Holz geschnitzt war, und dem im Stillen all sein Augenmerk galt: nicht nur, weil es fein und schoen war vor den Fischerskindern, sondern vor allem, weil er wusste, dass es in grossen Suenden geboren war, denn das geht einem Christen nahe und bewegt sein Herz zu einer Art Verehrung. Wie dem Fischer das Kostgeld anschlug, das sah er mit Schmunzeln. Aber es mahnte ihn auch, dass er selbst durch die Tafel verhalten war, dem Kinde seine Mitgift zu mehren und sie hecken zu lassen. Viel, vom ersten Tag an, las er in der Tafel - alles in allem ist wohl nie eine Tafel so oft gelesen worden, wie diese. Abt Gregorjus schloss sich ein in seiner Stube, wenn er darin studierte, und nicht wenig Zeit nahm es ihm anfangs, aus den scheuen Umschreibungen von des Kindes Verwandtschaft (dass es naemlich seiner Eltern Geschwister und Nefflein sei) die suen- denvolle und ein Kristenherz ergreifende Wahrheit zu errechnen. Bruder und Schwester, welche Notl Gott hatte unsere Suende zu seiner Not gemacht. Suende und Kreuz, sie waren Eines in Ihm, und vornehmlich war Er ein Gott der Suender. Darum hatte Er dem staettelosen Fruechtchen seine Burg '‘Not Gottes ' 1 hier zur Staette angewiesen. Der Abt fuehlte es tief, und teuer war ihm sein Auftrag. Die erste Mahnung der Tafel hatte er schon erfuellt und hatte das wilde Kindlein getauft. Der anderen, dass er es solle die Sc 1 -ift lehren, damit er einst seine Tafel moechte lesen 97 koennen, der wollte er nachkommen, sobald das Kind bei den Fischern zum lehrbaren Knaben aufgebracht waere. Die dritte for derte auch Befolgung: naemlich dem Ausgesetzten sein Gut zu mehren, die siebzehn Goldmark, die von den zwanzig in den Broten gefundenen noch uebrig waren, nachdem er dreie den Fischern gegeben. Das schuf ihm manchen Skrupel, denn ist nicht ohnehin ein solcher Hauptschatz Brennstoff des hoellischen Feuers, geschweige, dass man Heckgeld dafuer nehmen und sich fuer Gottes Zeit bezahlen lassen soll? Er wollte es aber doch fuer sein geistliches Soehnchen nach der Weisung der Tafel so gern tun. Darum rief er den Saeckelmeister des Klosters, Bruder Chrysogonus, zu sich in seine Stube, verschloss die Tuer und sprach: "Bruder, ich, dein Abt, habe hier ein maessig reiches capitale und Waisengeld in Goldmark, siebzehn an der Zahl, die hat man mir uebergeben zu treuen Haenden, - nicht bloss, dass ich sie eintruhe als caput mortuum, sondern zu Profit soll ich sie machen. Nun heisst es ja, nicht vergraben solle ein frommer Knecht das Pfund, das Gott ihm anvertraut, sondern solle es wuchern lassen. Und doch ist, wenn man’s zweimal bedenkt, der Wucher auch wieder des Fristen Sache nicht und i3t eine Suende. In diesem Zwiespalt, was raetst du mir zu tun?" "Das ist ganz einfach", antwortete Chrysogonus. "Ihr gebt die Summe dem Juden Timon von Damaskus, im Bart und spitzen Hut, einem genauen und zuverlaessxgen, im Wuchern wohl erfahrenen Mann. Der handelt mit nichts als Geld auf seiner Wechselbank und hat einen Umblick in der Welt des Geldes, das glaubt Ihr nicht. Er schickt euere Summe womoeglich bis Londinium in Essex dass sie da werkt und abwirft, schlaegt Zins und Zinseszins zum 98 Grundgeld, und lasst Ihr ihm das capitale lang genug, so macht er Euch aus siebzehn Goldmark iiundertfuenfzig." "Ist das so,” fragte der Abt, ”und weiss er dermassen die Zeit zu melken? Ist er auch getreu?" "Es gibt keinen froemmeren Wucherer", erwiderte der Bruder, "als den Juden von Sankt Dunstan." "Gut, Chrysogon, so bitt’ ich dich, geh, nimm den Waisenschatz und gib ihn dem Timon im gelben Hut auf seine Bank! Geh gleich, damit das Geld alsbald zu hecken anfaengt, und bring mir das Recepissel" So beschied der Abt den Bruder, rief ihn aber an der Tuer noch einmal zurueckl "Chrysogone", sprach er, "ich, dein Abbot, habe ein umfangreiches Wissen, das zu tragen nicht immer leicht ist, credemiJ Es geht mir so manche Synode und so manches Konzil im Kopf herum die das -^insgeschaeft so Geistlichen wie Laien, oder wenn diesen nicht* so immer doch uns Geistlichen untersagte. Darum, wenn du das Geld dem Juden gegeben hast, so wirst du gut tun, dich in die Geisselkammer hinabzuverfuegen und zur Suehne eine maessi ge Bestrafung an dir vorzunehmen." "Nicht doch", erwiderte der Bruder. "Ich bin schon sechszig und vertrage Geisselhiebe sehr schlecht, auch wenn ich sie mir schonend selbst versetze. Ihr aber seid um zehn Jahr juenger, und das Geld ist Euer; Darum, wenn es Euch um Busse zu tun ist, muesst Ihr Euch schon selbst in die Kammer hinabbegeben und Euch das Angemessene versetzen." "Geh mit Gotti" sagte der Abt und las wieder in der Tafel Der Trauerer Von solchen Sorgen und Geschaeften wusste der Knabe Grigorss nichts und wusste von sich selbst und seinen Bewandtnissen nichts* als was der Tag ihm zeigte, Unter des Fischers Kindern* die ihn fuer ihr Geschwister hielten, wie er sie fuer die seinen ansah, wuchs er auf, und auch den Leuten der Insel, wenn sie ueberall sich darum kueramerten, galt er als Wiglafs und Mahautes Jueng- ster; denn fuer des Abtes Notgespinst, dass er von Sankt Aldhelm und von Ethelwulfs siecher Tochter sei, war keine Not gewesen, oder wenn doch einmal, so hatte der Bescheid sich gleich wieder im Gedaechtnis der Leute verloren. Er trug die gemeine Kleidung seiner Brueder, und als er drei war, fing er zu reden an wie sie und ihre Eltern, sagte auch: "Wat schell da in sin?” und "Da kehr ich nich vor"; nur hatte er dem Abte, seinem Paten, der sie so oft besuchte, obgelernt, das Wort "Credemii" ein^ufuegen in seine Rede, sodass er sagte: "Flann, credemi, hew dir keen Marbels « stöhlen" weshalb die Geschwister, und schliesslich auch die Eltern, zuerst im Scherz, dann aber ohne solchen, sich gewoehnten, ihn "Credemi" zu rufen. Und er hoerte auf den Namen. Credemi-Grigorss war lieblich zu sehen. Seine Lippen schienen fuer das Huetten-Messingsch, worin sie sich uebten, nicht gemacht, sein weiches braunes Haar glich dem verwalkten Kopfstroh der Fischerbaelger nicht, und sein Laecheln nicht ihrem Feixen, noch hatten mit ihrem Plaerren seine stillen Traenen zu schaffen, wenn er sich weh getan. Mit fuenfen streckte er sich und wurde schlank von Gliedern, abartend von den Baelgern immer mehr nach seiner Bildung, nach Hand und Fuss und Stand und Gang, das Koepfchen laenglich, das Antlitz ernsthaft und angenehm mit 100 herbem Mund: schon damals hielt er es gern schraeg neben der Schulter geneigt und blickte, den Arm zur anderen Schulter hingebogen, die Augen unter dunklen Wimpern verborgen, abseits hinab in einen Traum. Mit sechsen kam er ins Kloster; der Abt befand, die Zeit sei da; denn diesem Guten eilte es sehr, dass Grigorss die Schrift erlerne, - fern davon, dass er ihn etwa seine Tafel schon lesen lassen wollte, war er doch ungeduldig, ihn schon bald dazu imstand zu wissen. Von den Seinen der Abschied, der schien kein grosses Ding, fuer sie nicht, noch fuer den Knaben. Er zog ja von der elterlichen Huette nur ein Stueckchen Weges weit hinueber zu den Moenchen, ganz nahebei. Und dennoch war die Trennung tiefer, der Einschnitt in sein Leben bedeutender, als beide Teile bei seinem leichten Weggang wohl dachten, und sah er sie gleich, so oft er wollte, tat doch von Mond zu Mond die Kluft sich weiter auf zwischen ihnen, sodass jene meistens verstummten, wenn er mit ihnen sass. Ein Klosterschueler war er nun, vertauschte den Flickenkittel mit einer Art von Chorkleid, trug das Haar dick um die Ohren, im Nacken scharf geschoren, und war sauber an Haenden und Fuessen. Lesen und Schreiben lernte er mit grosser Schnelle vom Pater Petrus et Paulus, einem sanften Bruder, der als Gelehr- ter und Dichter Galfried von Monmouth hiess und die fuenf - sechs Zoeglinge von “Agonia Dei” ueberwachte und unterwies, mit denen Grigorss in einer gewoelbten Alkube schlief. Sie waren aelter, als er, und kannten die Schrift schon, als er zu ihnen kam; doch holte er sie bald mit Griffel und Feder ein und war ihnen nach Jahr und Tag zu Petri-et-Pauli Freude entschieden voran in den kleinen Scientien und Kuensten von Wort, Zahl und Gesang, 11 trnTTnTTTf fifffiii li f i ^rnrif"' i~ n TI f I' i itniT irin i Im 11II (i li mn ii ffTini rrTMTTTwrSiBU denn die Knaben sangen auch lateinische Loblieder, die der Bruder gedichtet, und zu denen er die Theorbe schlug. Diese zu schlagen lernte Gregorjus auch, sowie Lateinisch; Seine Rede ward rein, wie seine Fuesse und Haende, und er konnte bald das Messingsch der Huette nicht mehr, beim besten Willen nicht und nicht von Hochmuts wegen. Wenn er mit achten und zehnen zu Besuch sass bei den Kaetnern, gab er sich Muehe aus Hoeflichkeit, ihre Worte zu brauchen, doch waren sie falsch nun in seinem Munde und standen ihm unnatuerlich, sodass die Gesichter sich verzerrten: das seine vor Scham, die ihren vor Aer- ger, weil ihnen war, als wollte er sie verhoehnen. Besonders sein Brustbruder Flann, ein Bursche mit Kugelkopf und kurzem Hals, dazu mit Augen, ebenfalls rund und aehnlich geschaelten Castanen, betrachtete ihn mit Widerwillen, indem er den dicken Mund verschob und sogar Faeuste machte. Den Grigorss schmerzte das, denn sein Wille war freundlich, und nicht gern ueberhob er sich, nur ganz unwillkuerlich. Seine Fortschritte waren befluegelt, sie waren die Wonne Peter-und- Pauls sowie der anderen Brueder, die ihn belehrten, und wenn der Abt ihn pruefte, so war er erstaunt. Mit elfen war er ein firmer Grammaticus, und in den folgenden Jahren kam sein Verstand so zu Kraeften, dass Divinitas ihm voellig klar wurde. Das ist die Wissenschaft von der Gottheit. Er waelzte viele Buecher, und was man ihm vorlegte, darin drang er behende ein, erfasste das Wesen und wurde der Sache Meister. Mit fuenfzehn und sechszehn hoerte er de legibus, eine Wissenschaft, die vom Gesetze handelt, und zu der ein sehr offener Kopf gehoert. Jung Credemi aber erfasste sie spielend und war bald ein Leglste, wie man ihn suchen kann. Dabei will ich sagen und weiss, wie wahr es ist, 102 dass in all der Wissenserwerbung seine Seele nur halb bei der Sache war. Und ich will hinzufuegen, was hier raetseihaft klingen mag, dass, wenn die feine Gelehrsamkeit es war, die ihn der Huette seiner Herkunft entfremdete, es noch andere Dinge, Ge- fuehle und Denkbilder gab, die ihm nun wieder zuweilen sogar auch die Lust am Klosterwissen und an den Buechern verdarben, indem ihm war, als sei er nicht nur von den Seinen verschieden nach Stoff und Art, sondern passe auch zu den Moenchen und Mit- Scholaren im Grunde nicht, passe nicht in sein Kleid, in seinen Stand, in seines Lebens Umlauf nicht, worin das Knieen mit dem Sitzen ueber Buechern wechselte, und sei ein heimlich Fremder so hier wie dort. War das Hochmut und suendlicher Duenkel? Aber wenn er auf den Erfolg seiner Studien nicht stolz war, ihn eigentlich gering und nicht fuer seine wahre Sache und Ehre achtete, was blieb ihm dann, sich etwas darauf zugut zu halten? Kann man stolz sein ganz einfach auf sich selbst, wie man da geht und steht, Talente garnicht angesehen, und somit die Gelehrsamkeit als ein Ding fuer Leute betrachten, die sie brauchen, um auch was zu sein? Er war jedoch bescheiden und artig gegen jedermann, nicht schmeichlerischer Weise, sondern von wegen in ihn gelegter guter Sitte. Mit fuenfzehn, sechszehn war er zum besten Juengling erwachsen, rank von Gliedern, das Antlitz schmal, mit geradem Naeschen, anmutigem Munde, schoenen Brauen, von Schwermut sanft beseelt. Die Leute der Insel waren ihm hold. Wenn er in Klosterauftrag unter sie ging, nach Sankt Dunstan ins Dorf, so sprachen sie laechelnd ihm Ins Gesicht und mit Bedeutung in seinem Ruecken, - darauf gab er wohl acht, nicht gern, und doch mit sonderbarer Begier. Etwa stand er, mit einem Manne eine Sache beredend, und L 103 lauschte gleichzeitig hinter sich, wo Zweie sich ueber Ihn ergingen, nicht gerade bedacht darauf, dass er’s nicht hoere* "Das ist", so ging es, "Gregorius, der Scholar, des Abtes Taufkind, ein Jungstor, grad’ wundersam, obgleich ganz einfach des Wiglaf und der Mahaute Sohn, man sollt’ es nicht vermuten* Grammatica und Divinitas sind dem durchsichtig wie Glas, und gibt sich nicht mal das Ansehn davon, sondern ist leutlieblich auch noch bei solchem Kopf, ein Lad zum Gaffen. Der wird noch selber Abt, ihr wettet, und wir alle kuessen ihm bald zum Gruss die Hand. Man taet’ es ja beinah heut schon ohne Kraenkung, denn (ob er meine Worte nun hoeren kann oder nicht) er hat, was unsereinem das Buecken leicht und fast zur Lust macht, - weiss Krist, woher er’s nimmt! Wenn ich nicht wuesste, dass ihn die Huette gebar, so glaubt’ ich’s nicht, und wahrlich, ich weiss es ungern. Gradwegs schade ist es, dass man ihm nicht eine edle Abkunft nachreden kann, denn waer's an dem, er moechte, sag’ ich, irgendwo einem reichen Lande gar wohl zum Herrn anstehn und weiter in dieser Art. Klopfenden Herzens horchte Grigorss auf das Gerede. Dass es ihm suess war, waere nicht recht gesagt; es peinigte ihn sogar, so durstig er darauf horchte, und traf ihn wie eine Nachrede, dass es mit ihm nicht richtig sei. Wie die Bekraeftigung traf es ihn in eigener Sorgen um seine Richtigkeit und schaerfte den Zwiespalt, worin er je laenger, je mehr lag mit sich selber. Wenn er so stand, wie ich ihn euch beschrieb, neben der Schulter den Kopf geneigt und unter den Wimpern hinabblickend in einen Traum, - denkt euch, so traeumte er von Ritterschaft. Dies Wesen, Schildesamt, Vassellage und stolze Hoeflichkeit, war ihm erschienen in Buechern, die das Kloster auch barg, beiseite von 104 I den gelehrten: Buechern der Maeren und Aventuren, von Roland und Artus, dem Bretonen, einem Koenig, der festlich Hof hielt zu Dianasdrun. Las er darin, so schwoll ihm, wie Dichter zu sagen pflegen, die linke Brust* Von Artus' Gentlevolk traeumte er Einer zu sein, und wenn er einsam am Strande lag, in seinem Chorkleid, den Kopf auf einem Stein, so sah er sich in anderem Kleide, einem Scharlachmantel, Halsberg und Härsenier, - darin kam er zu einer Quelle im dichten Wald, wo an einem maechtigen Eaum ein goldenes Becken hing. Nahm man dieses, schoepfte Wasser damit aus dem Quell und goss es auf die smaragdne Platte gleich daneben, so entstand im Walde ein ungeheuerer Gewittersturm, der unweigerlich noch jeden Waghals zerschmettert hatte. Ihn aber Hessen Blitze und stuerzende Staemme heil, und mit Fassung sah er der Ankunft des geharnischten Herrn der Quelle entgegen, der, ganz wie erv/artet, Rechenschaft von ihm forderte* Der zornige Herr der Quelle war zweimal so gross und stark, wie er, aber er wusste sich im Kampf nicht j eden Augenblick so zu- sammenzunehmen, wie Grigorss, und darum erschlug ihn dieser, nicht ohne sich danach die holdselige Witwe des Gefaellten guenstig zu stimmen. Dieser Art waren seine Traeume; aber wenn die Pruefungen, denen er sich im Geiste unterwarf, ihn auch erregten, so waren doch nicht sie selbst es, die ihn eigentlich beschaeftigten und ihm den Sinn beschwerten. Er war so geartet, dass er nicht nur traeumte, sondern zugleich Rechenschaft von sich forderte fuer seine Traeume, so, wie der Herr der Quelle Rechenschaft von ihm forderte fuer seine Keckheit. Dass es ihm traeumte, dass er Ritterschaft begehrte, dass seine Gedanken immerfort gegen einen Schild spielten, dass er so gern den eigenen Schild zum Hals 105 üüäüKüuäii BäüSäSSI erhoben, den Sperschaft unter den Arm geschlagen und das Ross gespornt haette, damit e3 ihn im Sprung davontruege, - das fiel ihm auf und liess ihn sinnen ueber sich und die Bewandtnis, die es mit ihm hatte. Es ist laecherlich, wenn einer eine fremde Sprache nicht kann, jedoch behauptet, innerlich kenne und koenne er sie vorzueglich und spreche sie mit natuerlicher Fertigkeit* So aber war’s ihm mit dem Reiten. Wer immer in der Welt am besten zu Pferde sitzen, die Volte schwenken, leisieren und schambelieren mochte, - innerlich war ihm, als koennt f er’s gerad so gut, wenn nicht gar besser. Er sagte es niemandem, eben weil er es aus der Seele der anderen heraus fuer laecherlich erachtete. In der seinen aber war es das nicht, sondern die Wahrheit, und zusammen mit dem, was er in seinem Ruecken sagen hoerte: dass man kaum glauben koenne und moege, er sei der Huette Sohn, beschwerte es ihm das Herz und gab ihm Zweifel ein an seiner Richtigkeit. Das mochte der Grund sein, weshalb Traurigkeit wie ein Schleier ueber seinem Wesen lag, die ihn uebrigens gut kleidete und seinem Jugendreiz eher zustatten kam, als dass sie ihn vermindert haette. Oder soll ich weitergehen und den Wagesatz aufstellen: es habe ihm tief in der Seele, ja wahrlich in seinem Fleisch und Blut geahnt, dass, wenn es nicht richtig war mit seinem Leben, es nun wieder gar mit seiner Richtigkeit hoechst unrichtig stehe? Wie sollte ich den Beweis erbringen koennen fuer solchen Wagesatz 1 Aber von Schwermut beschattet war der Knabe, und die Brueder von “Gottes Not”, wie seine Gesellen in der Gelehrsamkeit, nannten ihn gern den “Trauerer”, oder wenn sie vom normannischen Festlande waren, so nannten sie ihn “Tristanz, der Sorgsame, qui onques ne rist”. So hatte er noch 106 einen Wecknamen, ausser "Credom!", und wahrlich, er trug ihn ohne Schande, denn hiess er "Der Trauerer", so meinte doch niemand damit, dass er ein schlaffer Juengling und Duckmauser ohne Mannheit gewesen waere. Wie haette auch das zu seinen geheimen Traeumen von Ritterschaft gestimmt? Sein Koerper war eher schmal, mit wuchtigen Kraeften nicht versehen, von leichten Armen, die Beine schlank. Aber beim Wettspiel mit den Scholaren auf dem mit Kies bestreuten Spielhof des Klosters und auf dem Anger, wenn die Jugend der Insel sich dort im Disport erhitzte, im Ballstoss, Ringen, Springen, Stockfechten, Speerwurf und Streckenlauf, gewann er seiner Zartheit mehr ab, als andere ihrer Wucht, - auf dieselbe Weise naemlich, wie er in Gedanken den Herrn der Q,uelle ueberwandt, will sagen: weil er es, anders als jene, verstand, beim Kampfspiel jeden Augenblick sein Alles zu* sammenzunehmen und nicht nur, wie sie, aus Leibeskraeften kaempfte, sondern aus andren noch. War Grigorss, der Trauerer, stets angenehm zu sehen, so wurde er beim Wettkampf geradezu schoen, aus obigem Grunde naemlich, und es konnte auch niemand umhin, das zu gewahren. In eine gespannte Stirn fiel sein braunes Haar, das weicher war, als das der anderen, und in dem schmalen Gesicht mit der allzu gewoelb- ten Oberlippe, die fest auf der unteren lag, und den duenn fliegenden Nuestern, - in diesem Gesicht, das nicht, wie bei den Gesellen, in der Anstrengung rot-puterig aufschwoll, vielmehr noch in mattere Bleichheit fiel, brannten die blaeuüchen Augen mit sonderlicher Kraft und waren ueberall; sie ersahen jede Regung und Pinte des Gegners, und im blitzschnellen Nu, mit federnden Gliedern, begegnete er jeder, hob sie auf, schlug sie und riss an sich Vorteil und Ueberhand. Es haette keinen Wider- Spruch gegeben dagegen, dass er im Disport der Beste der Inseljugend sei, ohne Flann, seinen Brustbruder, - der bot ihm die Spitze. Flann, wie ich sagte, war ein kurzhalsiger Bursch, sehr staemmig, von breiter Brust, mit Kraeften am ganzen Koerper reichlich beladen. Laengst war er tuechtlg, seinem Vater beim Fischfang, wie beim Bauernwerk im Feld und Stall und Koben zur Hand zu gehen und hatte vom Disport so viele Abhaltung, wie Grigorss durch seine Studien. Wann immer aber dieser am Spiele teilnahm, war er auch dabei und machte ihm mit seinen Kraeften * den Vorrang streitig, sodass niemand zu sagen gewusst baette, wer von beiden der Bessere sei. Grigorss warf den Speer ausserordentlich weit, viel weiter, als man von seinen leichten Armen haette erwarten sollen; dann aber steckte Flanns Schaft zitternd genau daneben, nicht weiter vorwaerts und um keinen Zoll weiter zurueck, - kein Schiedsrichter konnte da einen Vorteil messen, so wenig, wie beim Wettlauf, wenn sie auf ein Haar gleichzeitig ankamen, mit letztem Atmen, der Eine auf muskeldicken Beinen und der andere auf schlanken: zusammen beruehrten sie das Seil, und es mussten zwei Namen ausgerufen werden, der Sieger hatte zwei. Die Knaben liebten es alle, wenn Flann und Grigorss mit beim Spiele waren: es war dann dieses spannend, weil zwei ueberaus Gespannte da waren, welche die Kraefte und Gemueter aller spannten. Nie haette Flann beim Ballstoss mit Fuss und Kopf auf Grigorss' Seite gespielt; immer war er auf der andern, und so lobten es sich auch alle, denn jede Schar wollte einen der Brueder zum Spielfuehrer haben, weil sie wussten, dass sie durch 3eine Gutheit besser wurden, als sie waren, im Stuermen, Laufen, Backschiessen und dem Halten des Tors, - zu einem Koerper 108 i KMUUUUUtiUWM schienen dann die Elfe beiderseits zu verschmelzen und gaben einander das Leder ab mit Uhrwerks Genauigkeit, sodass es ebenso oft zwischen den einen Pfaehlen hindurchging wie zwischen den andern. Einst feuerte man die ungleichen und doch auf dem Spielplatz gleich guten Brueder an, einen Ringkampf auszutragen vor aller Jugend, und das lief sonderbar ab. Plann, staerker, aber nicht besser, warf bald den Grigross; doch mit den Haenden, dem stemmenden Bein und namentlich mit seinem Oberhaupt hielt der sich vom Grunde ab, und ihn zu wenden und seine Schulter zum Grase zu zwingen, gelang dem anderen nicht: eher, so sah man wohl, haette der Halbbesiegte sich die Schaedeldecke eindruecken lassen, als dass er aus seiner Steramlage gewichen waere. Das waehrte Minuten lang, den Zuschauern schienen es viele, und ueber all die Zeit waren Flanns Arme vor Kraftanstrengung geschwollen. Dann geschahen zwei Dinge auf einmal, oder so rasch nacheinander, dass sie so gut wie zusammenfielen. In einem Augenblick naemlich, wo diese Kraft sich ums wenigste lockerte und sich zur Erneuerung des Griffes eine Spur nur zurueckzog, stiess Grigorss sich mit ICopf und Stemmbein vom Grunde ab und warf den Umschlingenden seitlich mit sich und unter sich, dass dessen Schulter den Rasen beruehrte, - aber hoechst fluechtig; denn so rasch, dass der spaehende Richter nicht Zeit hatte, Grigorss' Namen zu rufen, rang Flann, der vom Griff nicht gelassen hatte, den Sieger wieder herum und stiess seine Schulter ins Gras: so hatte zuletzt er gesiegt, doch j ener zuerst, - und war wieder der Sieger nicht recht bei Namen zu nennen, es sei denn, man riefe zwei. Ich interessiere mich fuer Ringkaempfe garnicht, noch ueber- haupt fuer den Disport. Es scheint mir auch etwas unter meiner 109 Wuerde, sowie unter der des Ortes, wo, und der des Pultes, an dem ich schreibe, dass ich von den Wettspielen irgendwelcher Insel-Jungen im fernen Aermel-Kanal erzaehle. Und dennoch wird mir warm dabei, und seltsam bin ich bei der Sache mit meinen Ge-«* danken. Im Grunde naemlich war es merkwuerdiger noch, dass Flann beim Spiele sich so hervortat, als dass Grigorss dabei so gut war; denn dieser war aus andrem Holze geschnitzt, als alle, Flann aber war gewoehnlich, und solche Leibeskraefte wie er, besassen viele. Aber zwischen euch und mir sei es gesagt, dass auch er nicht nur aus Leibeskraeften kaempfte, er auch nicht, sondern aus anderen noch. Und fragt ihr, welches diese zusaetzlichen und beseelenden Kraefte waren, so antworte ich: Es war der Hass. Es war der Hass auf Grigorss, seinen Bruder, der ihn beseelte und ihn jenem beim Spiele ebenbuertig machte. Ja, noch mehr vermochte dieser Hass: er machte, dass Flann sich aergerte und graemte darueber, dass zwischen ihm und Grigorss das Spiel nur Spiel war und nicht bitterer Ernst. Der Faustschlag Darum geschah Folgendes. Es geschah einmal, dass, als die Milchbrueder schon bald siebzehn waren, sie von ungefaehr gleichzeitig am Strande weilten, nicht weit von einander, an der Stelle so ziemlich, wo einst Wiglafs und Ethelwulfs Kahn gluecklich hereingekommen war. Es war im Sommer, am frueheren Nachmittag. Langsam neigte die Sonne sich ueber3 Meer, roetete sich aber noch nicht und entzuendete noch nicht die Flut, die nicht eben leblos, aber friedlich, in langen und sanften Zeilen hinter den Baenken brandend, die Blaeue mit Silberflittern bestreut, sich ins Weite erstreckte. Es war gut sein hier um diese Stunde. 110 Gregorlus war zuerst gekommen, da er Müsse hatte. Er sass, den Ruecken gelehnt gegen einen grossen Stein, die Fuesse in den breiten Lederbuegeln seiner Sandalen von sich gestreckt, im Sande und las in einem Buch, hob aber manchmal den Kopf und sah dem Kreuzen und Gleiten der Moewen zu oder liess seine Augen hingehen uebers Meer zum klar gezeichneten Horizont, vor welchem die Farbe der Wasser sich schattig verdunkelte, und der den Blick auf die Laender der Welt verschloss* Nebenbei gesagt trug er am Zeigefinger seiner Rechten einen Siegelring, den sein Vater in Gott, der Abt, ihm kuerzlich geschenkt hatte, und in dessen tiefgruenem Stein das Lamm mit dem Kreuz eingeschnitten war* Etwas spaeter kam Flann. Dreissig Schritte, oder so, von Grigorss* Sitz, machte er sich an seines Vaters auf den Strand gezogenem Boot zu schaffen, das nicht mehr dasselbe war, wie jenes, dem Abt Gregorius mit so viel Sorge entgegengesehen: es war groesser und tuechtiger, vollbauchig gebaut, mit Bugspriet und niedergelegtem Mast und Rahsegel, aussen schoen dunkelrot bemalt und am Vorsteven sogar mit einem Namen geschmueckt* Denn waehrend das fruehere einen solchen garnicht gehabt hatte, hiess dieses ”Reine Inguse". So war es am Buge zu lesen fuer den, der lesen konnte. Flann konnte das nicht, sondern wusste den Namen nur vom Hoerensagen. Er hatte beim Kommen einen finsteren Blick aus seinen runden Augen auf Grlgorss geworfen, machte sich dann mit den Netzen zu schaffen, haemmerte an einem Ruder, warf es schliesslich mit dumpfen Gepolter ins Boot und ging weg von diesem, schlenderte pfeifend, in laessiger Kraft, am Strande hin gegen des Bruders Sitz. Er trug nur ein kurzes Hoeschen und ein loses, an der Brust offenstehendes Leinenwams, dessen Aermel die halben Ober- \ 111 arme bedeckten. Im Vorbeigehen stiess er mit seinem linken Fuss, ganz ohne Ruecksicht darauf, ob er sich selbst dabei weh- taete oder nicht, grob gegen die ausgestreckten Beine des Anderen, als seien sie ein laestig herumliegendes Ding, und ging weiter. Grigorss sah ihm mit erhobenen Brauen nach. “Vergib, Flann“, rief er hinter ihm drein, “dass dir meine Beine im Wege warenj“ Flann achtete darauf nicht. Als er noch ein Stueck weit gegangen war, kehrte er um. Da Grigorss das sah, zog er seine Beine ein und stellte sie auf, sodass freie Bahn war fuer Flann, auch wenn er ganz dicht vorueberstrich. Er blieb aber diesmal stehen vor Grigorss, sodass dieser sein Buch sinken Hess und fragend zu ihm aufblickte. “Tust du lesen?“ fragte Flann, “Ja, lesen,“ antwortete Grigorss laechelnd und achselzuckend, als sei das Lesen nun mal eine Grille von ihm, und setzte hinzu: “Und du hast, wie ich sah, bei Reine Inguse nach dem Rechten geschaut.“ “Das geht dich nichts an“, sagte Flann, indem er den kurzen Nacken etwas vorstiess. “Was liest du aber?“ “Man koennte sagen“, erwiderte Grigorss mit leichtem Erroe- ten, “dass das nun wieder dich nicht viel angeht. Doch ist es ein Buch 'De laudibus sanctae crucis', das Ich gerade lese.“ “Is das Kriechisch?“ fragte Flann, wieder den Kopf etwas vorstossend. "Es ist Lateinisch“, antwortete Grigorss, "und heisst 'Von den Lobpreisungen des heiligen Kreuzes'» So haette ich es gleich sagen sollen. Bruder Peter-und-Paul hat es mir in der Freizeit zu lesen aufgegeben. Es sind Verse, weisst du, und sie sind mit guten prosaischen Erlaeuterungen versehen.“ "Tu nicht hosten und swaggern vor mir", fuhr jener ihn an, "mit deinem gelehrten Schnack von prusaschen Laeuterungeni Absichtlich willst du mich demuetigen mit deinem Gebabbel und babbelst davon, um mich fuehlen zu lassen, wieviel klueger und feiner du bist, als ich." "Nicht doch, Flann", erwiderte Grigorss. "Ich schwoere dir, dass du dich irrst« Als du mich nach meinem Lesen fragtest, fuehlte ich, wie das Gesicht mir etwas warm wurde, was zweifellos nach aussen als ein Erroeten sichtbar geworden ist. Es kann dir nicht entgangen sein. Ich bin rot geworden wie eine Maiden, weil du mich noetigtest, zu dir von Lesen und lateinischen Versen zu sprechen. Ich tat es nicht gern, ich schaemte mich, und unlieb war mir’s, dass du mich fragtest, denn ich bin weit entfernt davon, dich herausfordern zu wollen." "Ah, ah, du schaemtest dich! Du schaemtest dich fuer mich, du schaemtest dich meiner 1 Weisst du, dass das die allerfrechste Erniedrigung und Herausforderung ist? Ich habe dich gefragt, um dir zu zeigen, dass du das Maul garnicht auftun, ja garnicht da sein kannst, ohne mich herauszuforderni Du aber sagst, du willst es nicht. Du willst auch wohl nicht, dass ich dich herausfordere?" "Das wirst du nicht tun." "Ich tat es! Du aber ziehst die Kniee hoch* Warum hast du die Kniee hochgezogen, als ich meines Weges zurueckkam?" "Weil ich nicht wollte, dass du dich wieder an meinen Fuessen stiessest." "Nein, denn dann haettest du aufstehen mue3sen gegen mich und muessen Rechenschaft und Genugtuung fordern von mir wie ein Mann und ein sossiger Kerl. Du aber ziehst die Beine ein, du 113 Kauert, du kauernder, lauernder Pfaffen-Kauertl" “Das haettest du nicht sagen sollen”, sprach Grigorss und stand langsam auf. ”Icn sage es aber”, schrie Plann. ”Ich sage es, weil du nicht verstehen willst und willst es nicht sehen und drueckst dich pfaeffisch darum herum, dass es ausgetragen sein muss zwischen uns, gruendlich und einmal fuer alle, wie immer es ablaufen moege, ganz gruendlich egal, wie es ablaeuft, verstehst du mich? Denn so kann es nicht weitergehen! Du bist von der Huette geboren zusammen mit mir und bist des Wiglaf und der Mahaute Frucht wie ich und die anderen, bist r s aber auch wieder nicht, sondern wie aus dem Kuckucksei gekrochen bist du und bist was andres, als wir, nach Leib und Leben, was unertraeglich anderes, der Teufel weiss, was, und hast dir erlaubt, aus der Art zu schlagen ins Feinere, Hoehere, - wenn du*s nicht wuesstest! Aber du bist so frech, es zu wissen und gar so frech, noch freundlich zu uns zu sein! Waerst du frech gegen uns, das waere viel weniger frech! Des Abtes Gotteskind bist du, der hat dich Bankert aus Huette und Hochmut mit sechsen ins Kloster genommen, und hast die Lettern gelernt und die Wissenschaft und die gewaschene Pfaffenred’, sitzt aber bei uns immer einmal und laesst uns merken, dass du's nicht merken lassen willst, - redest nach unserm Maul mit deinem feinen, was unertraeglich ist, denn gemein reden kann man nur mit gemeinem Maul, und tut man’s mit feinem, ist's eine Verhoeh- nung! Eine Verhoehnung bist du, wie du da leibst und lebst, denn du bringst die Welt durcheinander und verwirrst die Unterscheidungen. Waerst du ein slackichter, flimsiger Betbruder, ein geistlich Halbweib ohne Mumm und Pepp, so koennt ein redlicher Kerl sagen: Gut, du bist fein, und ich bin stark, das ist die 114 Ordnung, ich lege nicht Hand an dich, heilig sei mir deine Schwaechei Du aber stiehlst dir Pepp irgendwoher und bist gut beim Disport, ebenso gut wie ich, genau so gut wie ich, der ich stark bin aus Staerke, aber du bist es aus Feinheit, - das ist unertraeglich fuer einen redlichen Kerl, und deswegen sag ich: Ausgetragen sein muss es zwischen uns, endlich ohne Spiel und in letztem Ernst, hier auf der Stelle, mit blossen Faeusten und gruendlich zum Aeussersten, - dazu bist du herausgefordert mit Wort und Fusstritt und kannst nicht kneifen!“ “Nein, das kann ich wohl nicht 11 , sprach Grigorss und bekam sein schoenes Gesicht, das bleich-dunkle, ernst, die Oberlippe etwas ueber der untern geschlossen. “Du willst also, dass wir hier ganz allein, ohne Zeugen und Richter, einen Faustkampf austragen, unbedingt und zum Aeussersten, bis einer von uns nicht mehr kaempfen kann?“ “Ja, das will ich“, schrie Flann und riss sich die Jacke ab« “Mach dich fertig, dich fertig, dich fertig, damit ich nicht losschlage, ehe du antrittst, denn ich kanns nicht erwarten und will losgebunden sein von aller Pflicht, deine verdammte Feinheit zu schonen, du Dieb an der Kraft! Ich will dich zusammenhauen, ich will dir die Fratze zerblaeuen, ich will dir den Magen einstos- sen, ich will dir die Milz zerdeppern, so mach dich schon fertig, dass ich dich fertig mache!“ “Gib du acht auf deine eigene Milz!“ sprach Grigorss und richtete, indem er sein Kleid abtat und das Hemd herunterlless, dessen Aermel er sich um den Leib knotete, seine Augen auf die Stelle von Flanns Koerper, wo die Milz sitzt. “Hier bin ich”, sprach er und stand da, knabenschmal, mit leichten Armen, gegen den kraeftebeladenen Flann. Der stuerzte sich auf ihn mit 115 gesenktem Kopf, wie ein Stier, und traf hart mit der Faust auf den deckend vor Gesicht und Brust äuf und ab gehenden Arm des Bruders, der ihn mit dem anderen schlug, aber nicht schwer, - was er empfing, am Hals, an die Schlaefe und in die Rippen, war schwerer, wenn oft auch der sausende Arm, dem durch schnelle Wendung und Duckung das Ziel entwich* ins Leere fuhr und den ganzen Mann mit sich riss, Sodass er in fehlender Fahrt was hinnehmen musste vom andern. Es war ein Getuemmel von haexnmernden Faeusten, wegzuckenden Koepfen, von Beingespreiz, trippelnden, stampfenden Fuessen, von In einander rennen und Sich verhaken der Leiber und Sich loesen wieder zu neuem Gewirbel, - das kam wohl einmal zum Stehen, wo man denn einander nuu? taenzelnd, sich schuetzend und zielend umlauerte, einzig um gleich aufs neue zum Geben und Nehmen, Fehlen und Treffen in einander zu stuerzen, doch nicht auf gar lange* Denn es war so, dass Flann, der sich, glaube ich, bei der Herausforderung etwas verausgabt hcktte und ueber-wuetend war, immer das Wort des Verhassten, die Warnung, im Ohre hatte, er solle nur selbst acht geben auf seine Milz, und immer war ihm, als habe Grigorss mit seiner nie. verzerrten und ungeheuer gesammelten Miene und den tief brennenden Augen darin es abgesehen auf diese seine Stelle, - besonders in einem gewissen sehr kurzen und alles beendenden Augenblick, als jener, indem er den rechten Arm nur zu seiner Bewahrung regte, mit dem linken, den er sehr gut gebrauchte, sichtlich ausholte nach dem beredten Treffpunkt, auf den seine Augen gerichtet waren. Da aber Flann zuckrasche und durchaus richtige Massrsgeln traf gegen den Hieb, ging Grigorss * Rechte, die gar kein Vorhaben wollte gehabt haben, auf des Gegners Nase nieder, wie der Blitz und mit solcher Wucht, 116 MfelttföTTti lUiiiiHU»'IW wie er sie waehrend der ganzen Runde nicht eingesetzt, noch auf- zubringen versucht hatte, und schlug sie ihm ein: im Ernst, die Nase ging in die Brueche, ihr Ruecken zerbrach, der Blitzschlag war noch verstaerkt worden durch den Siegelring an Grigorss’ Paust, mit Lamm und Kreuz, - Flanns Nase sank in die Tiefe und Breite, Blut quoll hervor und lief ihm uebers Kinn, es war sein Gesicht garnicht mehr, er riss die Augen auf ueber der schwellenden, triefenden Unform darin und hob es in die Luft, indess seine ausgestreckten Faeuste sich vor ihm im Leeren bewegten. Grigorss, erschrocken ueber seine Roheit, war weit zurueck- gewichen« Ihm nach stuerzte Flann, und "Weiter!' 1 aechzte er, "Wehr dich, du Bastard!" Und dabei spie er das Blut, das darue- ber rann, von den Lippen bis hin zu Grigorss, an seinen Leib. Doch wich der nur wieder und wherte sich nicht, sondern hielt den rot Schaeumenden, Unkenntlichen, halb Blinden nur von sich ab. "Nein, Flann", sprach er, selbst ausser Atem, ein Auge blau und blaue Male auch sonst nicht wenige an seinem Koerper. "Um keinen Preis, nenn mich feig, aber ich kaempfe fuer diesmal nicht weiter, wir muessen die Entscheidung bis naechstens vertagen. Du hast dir im Kampfe das Nasenbein gebrochen, da hoert es auf, und da gibts kein Sparring mehr, sondern nur noch Kaltwasserauf- lagen und etwas gegen das Blut, was ihr gerad in der Huette habt. Lass mich, ich reisse ein Stueck von meinem Hemd und tauch es ins Meer." Und siehe, da Grigorss nicht mehr wollte, verzichtete zoe- gernd auch Flann. Es ist ja so, dass der Bruch eines Knochens des Menschen systema ganz seltsam erschuettert• Flann haette ebenso gut ohnmaechtig werden koennen, und die Schwaerze der 117 RfflÖijÖäiföSffiä lüöiüÄiiSi iisMi Ohnmacht strich wirklich an seinen Augen vorbei, doch war er viel zu kraeftig, ihr zu verfallen. Er ging beiseite, dorthin, wo Grigorss gesessen hatte, nahm seine Jacke, setzte sich damit nieder und hielt sie sich vors Gesicht. Als Grigorss mit seinem nassen Stueck Hemde kam, wies er ihn wild mit der Schulter hinweg, j a versuchte sogar aus dem Sitz mit dem Fussenach ihm zu stossen; doch tat dies Wueten seiner zertruemmerten Nase so weh, dass er laut aufschrie: "Au! Aul", nach natuerlicher Art. "Siehst du, siehst du?" sprach Grigorss bedauernd, wagte aber nicht mehr, sich ihm mit dem Lappen zu naehern. Flann sass noch eine kleine Weile so da, stand dann auf und ging, die blutgetraenkte Jacke vor dem Gesicht, langsam durch den Strandhafer, das Duenengras gegen die elterliche Huette. Die Entdeckung "Schlimm!" dachte Gregorjus, wie er da stand und dem Bruder nachsah« "Schlimm ist das abgelaufen, fuer mich wie fuer ihn, und fuer mich wohl noch schlimmer* Denn ich bin nun der Schuldige, ob auch anfaenglich er es war mit seiner versessenen Streitsucht. Die Huette wird mich verfluchen und der Abt mich poenen mit Knieen und Fasten, weil ich dem leiblichen Bruder zu- gefuegt, was, fuerchte ich, nie mehr ganz gut werden kann. Und doch, was sollte ich machen? Er wollte ja, dass wir es austrue- gen in bitterem Ernst und gruendlich zum Aeussersten, und so musst es wohl jedenfalls schlimm ausgehen fuer mich, entweder am Leib oder an der Seele, und vielleicht haett ich eher den Leib darangeben sollen, als mich ewig schuldig machen an seiner Nase. Aber was kann ich dafuer, dass im Kampf meine Lebensgeister so ausserordentlich sich versammeln? Bruder Clamadex 118 im Kloster, der viel die Natur versucht und darin unter der Hand bis zum Zaubern geht, hat eine geschliffene Linse, die sammelt die Sonnenstrahlen in ihrem Schliff dermassen, dass, wenn du sie ueber die Hand haeltst, die Hand jaeh wegzuckt, vom Glutstich getroffen, und wenn du sie ueber Papier haeltst oder trocken Gras, es sich schwaehlend braeunt und raucht und aufflammt in Feuer - nur durch die Versammlung. So ist es mit meinen Geistern im Kampf, und so kam leider Flanns Nase zu Bruch, - ich wusst es im Voraus, ja, gleich als er mich zu der scharfen Runde zwang, wusst ich es mit Bestimmtheit und haette ihn, mag wohl sein, warnen sollen, aber bei seiner Versessenheit haette das auch nichts genuetzt. Was soll ich nun tun? Beichten zuerst dem Abt? Nein, ich will lieber ihm auf dem Fusse folgen und mich, so gut es geht, bei den Eltern entschuldigen." Und nachdem er sein Kleid wieder angelegt, ging er in einigem Abstand hinter dem Kampfwunden her, gegen die Huette hinauf, und beschleunigte erst ganz zuletzt seine Schritte, als Flann schon zwischen den Gemuesebeeten vorm Haus hindurchgelangt und ueber die Schwelle getreten war. Mahaute war drinnen, man hoerte gleich, dass Flann auf sie traf. Natuerlich sah sie das Blut, natuerlich zog sie ihm unter dumpfen Rufen und Fragen das Wams vom Gesicht, gewahrte das Unheil, die Nase, die unterdessen gewiss viel mehr noch angeschwollen war und einen ganz unmoeglichen Anblick bot, und brach in lautes Gezeter aus. "So muss es sein", dachte Grigorss. "Genau so musste sie loszetern, wenn er ihr gleich in die Arme lief. Besser waer es, auch Wiglaf waere zu Haus. Er wuerde die Sache vernuenftiger ueberblicken. Aber er ist wohl auf dem Moehrenfeld oder zu Markte. Ich will sie erst etwas auszetern lassen und warten, 119 dass Flann es erklaert, eh Ich mich zeige.” Und trat hinter die offene Tuer. Drinnen ging es: "Ja, um des Himmels willen, du grundguetige Allmacht! Flann, Flann, mein Kind, ganz blutig, in Blut gebadet? -Was Ist dir, was i hast du, wie siehst du aus? Lass sehen, so lass mich doch sehen, die Nase? 0 lackadesi! 0 weh mir! 0 ueber den Tag! Zu wahr,zu wahr! Die Nase ist hin, die Nase ist niedergebrochen, das ist keine Nase mehr, Flann, Herzenskind, sprich, was hast du gehabt, einen Fistiköff, einen Q,uarrel und Skrambel? Mit wem, mit wem? Wer hat das meinem Kinde getan? Ich will es wissen! 11 ''Das ist ja so wichtig nicht, erst einmal, wer es getan hat”, hoerte man Flann muerrisch durch seine vernichtete Nase sagen. "Gib von der roten Baumwolle her und Wasser, statt zu lamenten.” "Ich soll nicht lamenten?! Die rote Baumwoll, die Wasserkompress! Das sicher, das hier, das gleich! Doch nicht lamenten? Deine leibliche Mutter soll nicht lamenten und fragen nicht, wer dich schimpfiert hat, verunstalt fuers Leben? 0 Tag! Solch ein Tag, solch ein Tag! Zu wahr! Wer hat es getan? Wer ist der Moerder?” "Der verdammte Credemi”, fuhr Flann heraus, "der war's, dass du’s weisst! Auf die Milz hat er gespannt und die Nase geschlagen, der Tricker, der Tuecker! Ich wollte weiter sperren, aber er kniff." "Credemi? Grigorss? Wie wagt er! Was hast du ihm denn getan?" "Erkundigt hab ich mich nach seinem Lesen, da hat er gesagt, er wolle mir die Milz zerschlagen, und als ich die schirmte, traf er die Nase. Kommt meine Nase nicht mehr in die Hoeh, und lauf ich als Ziege herum meiner Lebtag', dein lieber Sohn, der 120 Pfaff, mein Bruder hat es getan.“ Nun wich die Schleuse, nun brach das Wehr, es war fuer die Stauflut kein Halten mehr« “Ha, ha, ha, hah! Mein Sohn, dein Bruder? Der ist mein Sohn nicht, den hab nicht ich ausgewuergt, noch hat ihn dein Vater gemacht, der ist dein Bruder so wenig wie das Schwein im Koben, glaub du doch den grauen Schwindel nicht, das Hanki-Panki, die Mockereii Weh mir geschlagenen Praul Er hergelaufener, hergeschwommener Landstreicher, Meerstreicher, verfluchter Knochenbrecher, Henker und Schaenderi Ist das der Dank? Hab ich ihn dazu aufgebracht mit meinen Eigenen, den Nichtser, den Niemand, den Angeschwemmten, und ihm meine Brust gegeben, die Anderen zukam, damit er mir nun meine Kinder entzwei macht, zu Brei macht, meine Kinder, die Leute sind nach der Ordnung, zu Hause hier unter ihren Verwandten, wovon er nicht einen hat auf der Insel, der Fun- devogeli Weiss doch niemand nicht, wer der ist, noch woher der schwamm! Ich aber, Krist steh mir bei, sag's der ganzen Welt, helf mir Gott, ich sag’s, dass er ein Findling ist, wie hoch er sich hier auch geschlichen, ein Findling, ein armer Findling, nichts weiter! Das hat er vergessen, das hat ihm noch keiner gesteckt, wie elend er einst gefunden worden, in einem Fass, einem Boot eingebunden, auf oeder See! Poiehrt er mein Kind an, so sag ich’s, so schrei ich’s heraus! Weh mir, was bildet der Bankert sich ein? Der Teufel hat ihn hierher gebracht, zur Kuemmernis mir! Gut kenne ich seine Herkunft, aus dem Fass, von der Freise! Er hoffte wohl, dass man seine Schande ewig verschwiege? Ha, ha! Das waere wohl nett, da lebte er unbehelligt in seinem Duenkel, beschuetzt von der Luege! Den Fischen Fluch, die ihn nicht gefressen, den Ausgesetzteni Glueck und Schwein hat er 121 gehabt, wie's Bankerte haben. Dem Abt Ist er ln die Haenda geschwommen, wenn der ihn nicht deinem Vater genommen haett und waere sein Almusenier geworden, ganz anders untertaenig muesst er uns sein, weiss Kristl Die Rinder und Schweine muesst er uns aus- und eintreiben, den Stall au3mlsten mit seine*n Haenden! Wo hatte dein Vater nur seinen Verstand, dass er, der ihn mit kalter Hand von der Preise gefischt, dass er ihn dem Abte Hess und liess ihn fein werden und frech, statt Ihn zu behalten als Fundgut, ihn uns zu halten als Knecht, als mistigen Knecht l u Soweit Mahaute. Ihr Schimpfgezeter verklang im Innern der Huette. Hinter der Tuer stand Grigorss, rasch atmend, die Augen gross. Kein Wort war ihm entgangen, jedes gellte In seinem Ohr, brannte in seinem Hirn. Wie war das, was war das? Vifahn- und Wutwitä einer gekraenkten Mutter? Unrede und sinnlose Beschmie- rung? Nein, Mutterwitz dachte sich das nicht aus in der Wut: Aus dem Fass, von der Freise, ein Ausgesetzter und Angeschwemmter, ein Findling und Fremdling. Keine LuegeJ Zu wahrJ - Starr stand er noch eine Weile, dann fuhr er auf und enteilte, doch nicht zum Kloster, das Kloster war ihm nicht Heimat mehr, dem Unbekannten und Unverwandten, dem Fundevogel und Vogelfreien ziemte zum Dach nur der Himmel, von dem der Abend sank, und der sich mit Sternen bedeckte. Durch Sand uni Moos strich Grigorss, durch windschiefe Foehrenhaine zum Meere und wieder landein, um die ganze Insel lief er, mied das Dorf, mied die Huetten, warf sich nieder schliesslich an einem Baum, in den Haenden das Fremdlingsgesicht. Wusste niemand doch, wer er war, - welche Schande.' Jeder mochte sie ihm ins Gesicht werfen, der Aermste noch: u Du Unbekannter 1” - und wuerde nicht wissen, welche Freude er mit dem Schimpf nach ihm warf, die Freude, die Ihm die Brust ruettelte, wenn er seine Schande bedachte» Der gesammelte Schlag auf Flanns Nase, der der Frau, seiner Amme, den Mund ge- oeffnet, er war ein Schlag der Befreiung gewesen, ein sprengender Schlag gegen das Tor, das nun weit offen stand: das Tor aller Moeglichkeiten. Er war unbekannt, aber er war, und jemand musste er sein. Er war angeschwemmt, doch Tang des Meers war er nicht, von einem Lande musste er kommen. Wo war sein Land, wo seine Eltern und wer? Hatten sie, oder wer hatte ihn, kaum geboren, dem Meer uebermacht - und warum* Stand es so unrichtig um seine Richtigkeit? Musste fortan nicht all sein Leben ihrer Erforschung gehoeren, wie immer sie nun beschaffen war? Sie war ein Geheimnis, er selbst war eines, aber ein Geheimnis ist das Gefaess aller V/uensche, Hoffnungen, Ahnungen, Traeume und Moeglichkeiten. Ausgesetzt eines dunklen Makels wegen? Aber wo Makel ist, da ist Adel. Niedrigkeit kennt keinen Makel. Wie bereit war er, eine gemeine Richtigkeit hinzugeben fuer eine edle Unrichtigkeit] Darueber schlief er ein und schlief die Nacht unterm Baum. Als es tagte, ging er zum Meere, wusch sich und fand sich im Kloster ein zu der Stunde, als eben der Abt mit den Bruedern und Schuelern von der Fruehmette aus der Kirche kam. Im ge- woelbten Gange ersah der Gute seinen Taeufling und verfinsterte sich in Strenge, obgleich er frueh morgens stets ein rotes Naes- chen hatte, das sich sehr treuherzig ausnahm und mit der Finsternis nicht uabereinstimmen wollte. "Gregorius", sprach er, "wo bist du gewesen?*' Gesenkten Hauptes stand der ohnedies schon und liess es statt aller Antwort noch tiefer sinken. "Muss ich dich", fuhr der Abbot fort, "bei wachsenden Jahren 123 als Herumtreiber und zuegellosen Juengling erkennen? Du hast bei der Abendmette gefehlt und beim Mahl, warst die Nacht ausser Dach und hast noch die Fruebmette versaeumt. Welche Rasereil Was ist in dich gefahren, einen sonst frommen Knaben?” “Vater”, sprach Grigorss demuetig, "peccavi.” "Peccavisti?” Der Abt war nun ernstlich erschrocken* Seine gerundete Unterlippe bewegte sich eine Weile wortlos, und das Blut wich aus seinem Morgennaeschen. "Folge mir!” befahl er schliesslich. "Folge mir diesen Augenblick auf meine Stube!” Das war es, um was es Grigorss zu tun gewesen. Mit ihm, der ihn von Wiglaf gekauft und ihm seinen Namen gegeben, allein zu sprechen, war all sein Begehren. Die Haende in den Aermeln, das Haupt geneigt, folgte er ihm. Die Abtsstube nahm beide auf. Vorm Betschemel ragte ein Crucifix mit blutiger Martermiene ; darauf wies der Abt mit seiner Hand. Der Disput ”In nomine Domini”, befahl er, "sprich!” Gregorjus kniete nieder, die Haende gefaltet. "So will ich tun”, sprach er, "wie ungenuegend es mir gelingen moege. Denn nie wird mein Mund euch angemessen danken koen- nen, Vater und Herr, fuer alles, was ihr an mir getan. Doch das schwoer ich euch treulich, dass ich Zeit meines Lebens dem, der keine gute Tat unbelohnt laesst, auch noch von mir aus mit Bitten anzuliegen werde, er moege euch mit himmlischer Krone da- fuer kroenen, dass ihr mich fremden Knaben, mich armes Fundkind so zaertlich vor all eurem Gesinde erzogen habt.” Aufs neue und anders erschrak da der Abt. Der letzte Rest 124 von Morgenroete entschwand aus seinem Naeschen. "Was redest dui" sprach er hastig und leise, indem er Grigorss’ gefaltete Haende mit der seinen ergriff. "Ich hin betrogen", fuhr dieser fort und beugte sich tief, als habe er einen eigenen Betrug zu beichten. "In Liebe und Guete bin ich betrogen. Ich bin nicht, fuer den zu halten man mich gelehrt hat. Das Tor der Wahrheit, das man auch das Tor der Moeglichkeiten nennen koennte, ist mir aufgesprungen durch einen Schlag. Ich habe Flann, den ich meinen Bruder nannte, im Kampf geschlagen, dank einer sonst hier nicht verbreiteten Fae- higkeit, mich ausserordentlich zusammenzunehmen. Im Zorn, well ich ihm weh getan, hat meine Amme, seine Mutter, es gellend ver- kuendet vor meinen Ohren, dass ich ein Findling bin, nichts weiter, ein Gott-weiss-wer, als kleines Kind von der Freise gefischt mit kalter Hand. Leib und Seele ueberwaeltigt die Schmach mir, hoer ich das jemals wieder, und, credemil ich werde es nie- 4 mals wieder hoeren." Damit stand er auf. Vom demuetigen Knieen erhob er sich, den Fuss fest aufsetzend, und stand da, bleich das schoene Gesicht, worin die Augen blaeulich brannten. "Verabschieden sollt ihr mich, lieber Herr, denn ich bleibe nicht laenger hier. Die Hot der Suche muss ich auf mich nehmen als irrender Knecht und ohne Dach sein, wie ich schon diese Nacht ohne Dach war. Sicherlich finde ich irgendwo das unbekannte Land, aus dem ich stamme. Ich habe Koennen und Verstand, ich werde, credemi, nicht zu Grunde gehen, so Gott es nicht aus- druecklich will. Er muss darauf versucht sein, und lieber will ich in der Wueste sterben und verderben, als laenger auf diesem Eiland leben. Unehre vertreibt mich. Zu sehr fuerchte ich den 125 * * * *»;» *♦ Hohn. Wie geschwaetzig ist nicht ein Weib! Hat sie es erst einem gesagt, so wissen's bald drei und vier und danach alle. Darum segnet mich, Herr, zur Irrfahrtl” Wie betruebt war da, mein Freund, der Abt, den ich beim Er- zaehlen noch immer hoeher schaetzen gelernt habe! Sein Naeschen war nun wieder rot, und Traenen standen in seinen Augen. "Mein Kind”, sprach er, "nun hoere zu! Gut und von Herzen will ich dir raten, wie ich gehalten bin, einem lieben Menschen zu tun, dem von fruehan meine Obhut gegolten. Credemi, Gott hat sehr guetevoll an dir gehandelt, denn er hat dir die Augen ge- oeffnet, damit du nicht mehr im Dunkel wandeltest und in Unwissenheit deine Tage lebtest, sondern nach freier Wahl. Diesen Beschluss musste ich Ihm anheimgeben, durfte der Weisheit nicht vorgreifen. Du hast mich erschrocken gesehen bei deinen ersten Worten, - in Wahrheit bin ich erleichtert durch Gottes Walten und dadurch, dass er dir Freiheit gegeben hat, nach der Vernunft ueber dein Leben zu beschliessen und zu waehlen zwischen Ihm und der Welt. Dieser Kampf muss nun ausgekaempft sein in deiner Brust, und zeigen muss sich's, wie du deine Freiheit nutzest, dir zur Rettung oder zum Unheil. Siebzehn Jahre hat Gott gewartet, eh er dich freisetzte, aber auch so bist du noch viel zu jung, als dass nicht deine Freiheit des Rates beduerfte. Herzlieber Sohn, so meine es gut mit dir selbst und folge meiner Lehre, damit du das Sichere waehlst vor dem hoechst Unsicheren, damit dein Knabenzorn sich nicht uebereile und es dich darnach gereue. Sage noch nichts! Du hast mich noch nicht gehoert. Hoere dies: Du bist ein vortrefflicher Junge. Deine Dinge stehen dir saemtlichnach Wunsch, die Leute hier tragen dir holden Mut, sie bekommen liebliche Augen, wenn sie dich sehen. Verlasse, aie 126 nicht! Du bist an die Geistlichkeit gewoehnt; entziehe dich nicht ihrem sanften, mit so vielen Annehmlichkeiten verquickten Bann! Du bist der Buecher hervorragend kundig, dein Weg ist dir vorgezeichnet. Ich bin an Jahren ein Greis, schon siebenundsechzig, dear me, wie lange kann ich noch leben? Ich sage nicht, dass, wenn ich morgen die Augen schliesse, dir sogleich an meine Stelle zu treten bestimmt ist. Ein Abt muss ein Alter haben, obgleich die Wenigsten das Alter klueger macht. Aber eines Tages, das ist dir gewiss, und ich habe es niedergelegt in meinem Ver- maechtnis, wirst du Abt sein von Agonia Dei, Herr ueber Alt und Jung und Glaubenswaechter auf diesem Eiland. Das willst du fahren lassen um des Geklaeffs einer Naerrin willen? Einmal durfte und sollte sie klaeffen; Gott wollte es, damit dir Wahlfreiheit gegeben sei. Aber glauben wirst du mir wohl, dass ich der Mann bin, zu verhueten, dass je noch einmal aus ihrem Munde dergleichen Geschwaetz faehrt.” Ihm antwortete Grigorss: "Ich habe die Wahrheit vernommen hinter der Tuer der Huette. Jedes euerer V/orte bestaetigt es mir, am meisten, dass Ihr, Herr, die Frau eine klaeffende Naerrin nennt, denn waere sie meine Mutter, ihr wuerdet anders nach eueren Worten sehen. TJebrigens ist sie immerhin meine Amme, und ihr selbst habt sie einstmals dazu erkoren. Haettet ihr Flanns, meines ehemaligen Bruders, Nase gesehen, die freilich in ehrlichem Kampfe so zugerichtet ward, so wuerdet ihr wohl verstehen, dass eine Mutter nicht an sich haeit bei solchem Anblick. Ich zuerne ihr nicht und wehre boese Worte von ihr ab, da sie das Mittel war, mich zu erleuchten. Euch freilich bin ich zu ewigem Dank verbunden. Ihr habt in mir Armen Gott auf eine Weise geehrt und so euer Heil ver- 127 mehrt, dass Liebe und Ehrfurcht mich wohl anhalten sollten, euch zu willfahren. Und doch vermoegen sie es nicht, wonach ihr ermessen moegt, wie ueberstark der Zorn meiner Jugend ist bei dem blossen Gedanken, veraechtliche Nachrede koenne mein Teil sein* Es ist unvermeidlicher Weise so, dass, seit ich weiss, dass ich nicht dieses Fischers Kind bin, ich im Ehrenpunkte noch zarter geworden bin, als ich es immer schon war. Und warum? Weil die Tatsache meiner Findlingschaft die erdenklichsten Moeglichkeiten in sich traegt. Niemand kennt meine Ahnen. Wie, wenn sie von solchem Geschlechte gewesen waeren, dass mir Ritterschaft zu- kaeme? Herr, lieber Vater, alle meine Traeume sprechen dafuer, dass sie und nichts andres mir zukommt 1 Wahr, ihr habt das beste Leben. Behagen und Gottgefaelligkeit mischen sich koest- lich darin, und wer es mit Recht sich erwaehlt, der ist selig. Ich aber kann es nicht teilen noch erben. Ich muss fort, denn seit ich weiss, wer ich nicht bin, gilt mir Eines nur: die Fahrt nach mir selbst, die Wissenschaft, wer ich bin. 11 "Mein Sohn, mein Sohn, nicht jedem frommt es, gar so genau zu wissen, wer er ist, und wuerde ihm selbst Ritterschaft damit zu teil. Hast du mir je geglaubt, so glaube mir jetzt: Du bist in diesen Mauern an deinem Platze. Gott hat dich durch mich in seinen Schutz genommen. Wovor? Vielleicht vor dir selbst. Willst du aus seinem Schutze laufen, ohne Furcht, dich damit der Hoelle zu gesellen? Der Ungewissheit, wer du bist, ist gar- nichts angemessener, und keine bessere Loesung deines Raetsels ist zu erdenken, denn dass du als frommer und vielgeliebter Abbot auf dieser friedlichen, weltabgelegenen Insel deine Tage beschliessest. Drum sei verwarnt, gebeten und beschworen von einem, der dich liebt: 0 bleibe 1" 128 "Kein, Herr, bewahrt mir eure Liebe, wie ich ewig die meine zu euch im Herzen hegen und pflegen will, aber ich muss fahren* Nach Ritterschaft steht all mein Sinn, und besser wahrlich, ein Ritter Gottes sein, als ein betruegerischer KlostermannI" "Sohn, credemi, es ist fuer den Alten kein leichtes Ding und eine harte Probe fuer Sympathie und Geduld, so ein junges Blut mit sproeder Knabenstimme seine Torheit in die Luefte senden zu hoeren. Ritterschaft! Du begehrst nach Ritterschaft! Und hast doch keinen blassen Schimmer davon, noch bist du im Geringsten dafuer vorgebildet. Kannst du denn auch nur Reiten? Na- tuerlich nicht. Wie solltest du koennen zu Pferde sitzen? Hast dir aber vorgenommen, dich zum Gespoett zu machen. Frage jeden der Ritterschaft Kundigen: ‘Geht Einer zur Schule’, wird er dir sagen, ’und treibt’s da zwoelf Jahre lang mit den Buechern, ohne zu reiten, der bleibt ein Pfaffe sein Leben lang, zum Ritter ist der verloren.’ Was heisst aber verloren? So ein Reiter und Gickelhahn, der nicht lesen gelernt hat und beim besten Willen das Allerdringlichste nicht entziffern koennte, was ihn am naechsten anginge und eigens fuer ihn geschrieben waere, der lernt’s auch nicht mehr und ist fuer die Pfaffheit verloren. Ein Ehrenstand ist fuer den andren verloren, du aber, zum Gotteskind bist du geboren, und gehst du vorueber, so heisst es wohl: 'Seht, wie allerliebst ihm das Chorkleid stehtl'" "Herr, zieht einem Ritter die Kutte an, der machte euch wohl einen taeppischen Mann. Gebt aber mir ritterlich Gewand und seht, ob es je Einem rechter stand! Laesst es mir laecher- lich - nehmt meinen Eid! Gleich schluepf ich wieder ins Gotteskleid." "Der Aff", dachte Abt Gregorius zaertlich bei sich. 129 "Natuerlich wuerde den Ritterkleid kleiden, und Stoff, ihm eins zuzuschneiden, der waere ja wohl vorhanden." Aber er sagte nichts, sondern schuettelte nur sorglich das Haupt. "Ihr wisst ja nicht, teuerer Herr", setzte Grigorss sein jugendliches Gerede fort, "wie innerlich wohl bereitet ich bin zur Ritterlichkeit. Nie habe ich's euch gestanden* solange das Tor der Moeglichkeiten geschlossen war. ’Du kannst ja nicht reiten’, sagt ihr mir vaeterlich. Nein, leiblich hab ich es nie geuebt, aber im Geiste viel tausendmal, und welch Ritter immer dort draussen im Hennegau, im Haspengau oder in Brabant preislich zu Pferde sass: in meinen Traeumen könnt ich es besser* und zwar nicht so einfach von Duenkels wegen, sondern wahrlich der Sache nach. Was ich an Buechern kenne, das reut mich nicht, Grammaticam, Divinitatem und Leges, sie alle studierte ich gern und leicht. Und doch, wenn man mich ueber den Buechern sah, wie spielten meine Gedanken da heimlich so oft gegen Sper und Schildl Mein wahres Sehnen war ungestillt. Ein Ross, ein Ross! Es wieherte hell, weil es seinen Meister erkannt gar schnell. Da Hess ich denn meine Schenkel fliegen, die konnte ich so behende biegen, dass nicht an den Flanken noch am Bug, das Pferd ich spornte, das mich trug: Nein, etwas dahinter tat ich’s gewitzt, einen Fingerbreit, wo der sursangle sitzt. Neben der Maehne flogen die Beine, und wer mich im Sattel sah, wahrlich, ich meine: wie ein Teppichbild, ein Gemaelde fein, muesste ich dem erschienen sein. Mit dem firmen Sitze ist’s nicht getan: Auf die schoene Muehlosigkeit kommt es an. Zu gehaben wusste sich da mein Leib - so glimpflich, als waer es nur Zeitvertreib. Die Sporen gesetzt, zur Volte bereit, so berannt’ ich den Gegner im poigneis weit, und nie vergass ich bei diesen 130 Spielen, auf die vier Naegel an seinem Schilde zu zielen. Nun, helft mir, Vater, mit gutem Rat, dass der Traum von Ritterschaft werde zur Tat!" "Sohn, Sohn", sagte der Abt, erschuettert von diesen Kenntnissen. "Du hast eine Suade und verfuegst ueber Vokabeln, - ich bin beeindruckt, ich leugne es nicht. Sursangle? Poigneis? Credemi, ich verstehe kein Wort, ebenso gut koennte ich Griechisch vernehmen. Bruder Peter-und-Paul hat dir das alles nicht beigebracht. Aber woher du’s nun hast, ich sehe wohl: Du bist im Herzen kein Klostermann. Schade, Gregorius, tief bedauerlich, liebes Kind. Aber sei es darum, ich will dir raten, vaeterlich und vernuenftig, mein Sohn. Gut, ziehe dies Kleid aus, tu* Verzicht auf die Geistlichkeit! Leg weltlich Gewand an oder in Gottes Namen auch ritterliches, zu Ehren der allerdings verschwommenen Moeglichkeiten, die sich daraus ergeben, dass du des Fischers Sohn nicht bist. Aber bleibe hier, Gregor, bleibe bei uns! Zieh nicht auf Irrfahrt, geh nicht in die Welt] Ich bitte dich, du bist ja ohne Heller, Pfennig und Batzen. Mausearm bist du ja, mein Lieber! Wie willst du denn einer stolzen Welt als Ritter begegnen, ganz ohne Subsidia? Ja, wenn du zum Beispiel hundertundfuenfzig Goldmark haettest, da koenntest du es schon aufnehmen mit der Ritterschaft. Aber woher solltest du die haben? Es ist ja kein Gedanke daran. So lass mich machen! Ich fuege es so, verlass dich darauf, dass du eine reiche Heirat tust, derengleichen sich hier auf Sankt Dunstan nicht finden mag, aber vielleicht auf Sankt Aldhelm oder sonst einer der Inseln. So weit wenigstens bekehre dein Herz, dass du, bis ich das eingefaedelt, noch bei uns bleibst!" Doch Grigorss’ Eigensinn war unerschuetterlich und nicht zu beraten. "Vater", versetzte er, "ich danke euch. Ich danke euch immer mehr und aus immer tieferem Herzen, wie bereits fuer alles Fruehere, so nun noch dazu fuer euer Anerbieten, mir eine Geldheirat einzufaedeln. In Dankbarkeit aber muss ich es von mir weisen. Kein Juengling von Ehre heiratet, bevor er wei3s, wer er ist, denn er muesste in Schande vergehen, wenn seine Kinder ihn nach ihren Ahnen fragten. Mich ehelich hier in Wohlstand zu verliegen, das ist mir nicht aufgegeben, sondern In muehsamer Fahrt das Glueck zu versuchen, ob es mir nicht enthuellen will, wer ich bin. Befehlend winkt mir das Glueck, das sich noch nie versagte, dem, der es rechtens jagte. Herr, eueren Segen, seid so gut! Geendet sei hier der Disput." Da seufzte der gute Abt tief auf und sagte: "Wohlan, so ist die Stunde denn da. Ich haette sie gern noch etwas verschoben, aber dein Starrsinn* den ich ehre und beklage, zwingt sie herbei* Wie es um deine Dinge bestellt ist, mein Kind, du sollst es erfahren. Lesen sollst du zur Stunde, um wes- willen ich dich zum Klosterschueler machte, damit du’s einstens lesen koenntest. Ja, wisse nur: Grammatica, Leges und selbst Di- vinitas, das Ist all blosses Nebenwerk und Beierzeugnis davon, dass du nur ueberhaupt solltest lesen lernen, nach der Weisung und zu deiner Erkenntnis." Damit ging er zu seinem Pult, schloss es auf und langte tief hinein nach einer hinteren Lade, die schloss er auch auf mit geheimem Schluessel und zog ein Ding hervor, schmuck und von rarem Wert, aus Helfenbein, gefasst in Gold und Funkelsplitter, und dicht beschrieben. "Dies ist dein", sprach Abt Gregorius, "dein Eigentum, ob- 132 gleich zum Brief beschrieben an deinen Finder, zu dem Gott mich machte. Es war beigegeben deiner Kindheit im Faesschen, und siebzehn Jahre hab ich's dir aufbewahrt. Nun setz' dich, Geliebter, auf diesen Schemel und mache Gebrauch von deiner dir einzig zu diesem Zweck vermachten Fertigkeit. Im Stehen ist dies nicht gut lesen. Du musst, armes Kind, auf stark gemischte Gefuehle gefasst sein bei der Entzifferung." Verwirrt nahm Grigorss die Tafel aus seiner Hand, sah das Schriftstueck an, den Abt an, wieder die Tafel, sass nieder auf den Schemel und las, indem er manchmal das Haupt erhob und mit offenen Lippen und starren Augen ins Leere blickte. Ihm zu sah der Abt, die Haende gefaltet, das Naeschen rot, und blinzelte ueber Traenen. Der Juengling las lange. Endlich Hess er die Tafel fallen und winkte, den Kopf im Nacken, mit ganzem Arme nach dem Alten, wankte dem Nahetretenden entgegen und sank ihm an die Schulter unter dem heftigsten Schluchzen, waehrend dessen der Abt ihm saenftigend den Ruecken klopfte und ihn sogar etwas wiegte. Wie oft war das sol Es kehrt immer wieder auf Erden. Der Eine schluchzt unbaendig an des Anderen Brust, und der macht: “So, so. Geh, geh. Das ist man so. Nur gefasst. Halb so schlimm. Nicht deine Schuld. Kommst schon drueber weg. Such du nur Kraft in Gott etc.. So auch Abt Gregorius im Klopfen, obgleich ihm selber die Traenen ueber die Backen rönnen. Er sagte auch seufzend: "Wer du bist, das steht dir nicht geschrieben. Aber was du bist, armes Kind, das v/eisst du nun." "Ich bin ein AuswurfI" schluchzte Grigorss. "Ich bin der Suende greuliche FruchtI Ich gehoere garnicht der Menschheit 133 yöwifOiü t4i«syyi zu’ Ich bin ein Scheusal, ein Monster, ein Drache, ein Basilisk’. ” * '‘Aber nein, du uebertreibst’*, wiegte ihn troestend der Abt# "Du bist auch ein Menschenkind, und ein sehr liebes, wiewohl nicht in der Ordnung. Gott ist voller Wunder. Sehr wohl kann aus dem Schlimmen das Liebe kommen und aus der Unordnung etwas sehr Ordentliches." "Ich habe es gewusst!" klagte Grigorss sich weiter an. "Ich habe es geahnt in meinem Blut, dass e3 mit mir nicht in Ordnung sei« Nicht umsonst nannten die Gesellen mich immer den Trauerer« Aber dass ich ein Drache und Monster sei, mit Base und Oheim zu Eltern, das allerdings habe ich nicht gewusst!" "Du vergissest die andere Seite der Sache”, sagte der Abt, "die bis zu einem gewissen Grade doch aufkommt fuer das, was du uebertreibend Monstertum nennst, naemlich, dass du sehr hoch von G ebuerte bist," "Auch das", sagte Grigorss, loeste sich ab von der Schulter und stand, "auch das habe ich gewusst, und es im Blute geahnt. Ach, Vater, meine Eltern, meine suessen, suendigen Eltern, die mich in Suenden gezeugt und zum Suender! Ich muss sie sehen! Ich muss sie suchen ueber die Welt hin, bis ich sie finde und ihnen sagen kann, dass ich ihnen verzeihe. Dann wird auch Gott ihnen verzeihen, er wartet wahrscheinlich nur darauf. Ich aber, nach allem, was ich von Divinitas weiss, ich, der ich nur ein armes Monster bin, werde durch die Verzeihung Menschheit gewinnen." "Sohn, Sohn, bedenke es wohl! Gesetzt, deine Eltern leben noch und du faendest sie in der weiten Welt, - wer sagt dir, dass du ihnen willkommen waerest? Da sie dich einst auf das 134 *K trtHf’ijtf ** M Ü&? uuij u _ l - Meer gesetzt, so ist’s nicht allzu gewiss« Verzeihen kannst du ihnen auch hier und dadurch Menschheit gewinnen und Seligkeit. Es ist hier, wo Gott den Ausgestossenen hat wunderbar landen lassen und dem, der in der Welt keine Staette hatte, diese kleine Burg seines Friedens zur Herberge angewiesen hat. Willst du sie fliehen und dich in die Welt werfen auf jede Gefahr? Im Herzen hatte ich gehofft, dass, wenn du wuesstest, wie es um dich bestellt ist, du erkennen wuerdest, dass du an deinem Platze bist." "Vater, mitnichteni Seit ich Wissen habe, steht mein Entschluss fester als je. Wie oft habt ihr meine Tafel gelesen? Ich las sie mit Inbrunst und werde sie unzaehlige Male noch lesen, taeglich, zu meiner Kasteiung. Hier ist sie. Was schreiben mir meine suessen Eltern? Allzu sehr liebten 3ie sich, das Eine im Andern, das war ihre Suende und meine Zeugung. Ich aber 8011*3 gut machen bei Gott, - nicht indem ich im Kloster die eigene Seele hege, sondern indem ich all mein Lieben wende auf ander Blut und als ein Ritter streite fuer seine Not. So will ich mich durch die Welt schlagen zu meinen Eltern." "Sohn, sei es darum, ich sehe wohl, ich halte dich nicht. Gern haette mein Alter sich an deinem Bleiben gelabt; so aber will ich fuer dich beten und Gott von dir sprechen, mein Kind, das ist auch eine Art, dich zu behalten. Lass dir nun Restliches offenbarenJ" Damit fuehrte der Abt den Juengling zu einer Truhe, tat sie auf und raeumte allerlei geistliches Ruestzeug, Stolen, Nackenbinden und Messgeraet beiseite, darunter zog er vom Grunde mehrere Lagen des schoensten Brokats hervor und ueberreichte sie jenem mit den Worten: "Das ist dein, ausser der Tafel. Es war dir unter- und 135 ÜUiffiSSK uebergebreitet im Faesschen und reicht wohl zu einem Ritterkleid oder zweien. Von Alisaundre im Morgenland, mein Lieber, und feinste Ware. Wer dir das mitgab, dessen Spinde sind wohlbestellt. Ich sehe, du freust dich der Mitgift. Sie war und ist aber nicht deine einzige, was du beim Lesen der Tafel weniger beachtet haben magst. Wenn ich dir sagte, Kind, du seist ohne Heller und Batzen, eine Kirchenmaus, so war das nur eine Finte, es ist nicht der Fall. Auch zwei Brote noch, ausser den Stoffen, waren deiner Kindheit beigegeben, darein war Gold ge- , backen, siebzehn Mark, zum Entgelt deiner Aufzucht« Nur dreie davon gab ich, deine Zustimmung voraussetzend, den Fischern. Die anderen aber vergrub ich nicht und liess sie nicht schimmeln, noch vom Roste fressen, sondern Ich vertraute sie einem vorzueg- lichen Wucherer an, dem Juden Timon, der hat sie hecken lassen und dir in siebzehn Jahren hundertundfuenfzig daraus gemacht. Davon bist du nun Herr, einer Summe, mit der man wohl der stolzen Welt als Ritter begegnen mag." Verwirrt und gluecklich stand Grigorss. Natuerlich ist es monstroes und eine schwere Suendenlast, als Geschwisterkind geboren zu sein. Da es aber nicht koerperlich weh tut, so ist das Bewusstsein davon leicht in den Hintergrund zu draengen durch Gluecksgaben, die einem bei der Entdeckung in den Schoss fallen. "Du laechelst", sagte der Abt. "Du laechelst, obgleich verweint und blass. Ich sagte dir ja, es wuerden gemischte Gefuehle sein, mit denen du wuerdest von deinen Bewandtnissen Kenntnis nehmen." 136 Herr Poitewin Gemischte Gefuehlei Ich, Clemens, sitzend an Notkers Pult als Gast Sankt Galli, kann im Erzaehlen auch wohl von solchen reden. Offen bekenne ich, dass ich bei der Argumentation zwischen Grigorss und Gregorius durchaus auf meines Freundes, des Abtes, Seite war und seine Gruende vortrefflich fand, waehrend nach meiner Meinung sein Zoegling sprach, wie ein Gruenschnabel. Was er ueber seine suendigen Bewandtnisse in Erfahrung gebracht, haette ihn, statt ihn in die Welt zu treiben, gerade bestimmen sollen, an der ihm bereiteten Zuflucht dankbar festzuhalten und dem geistlichen Stande treu zu bleiben. Darin hatte nach menschlichem Ermessen sein Vater in Gott vollkommen recht und behielt nur zu recht mit seiner Warnung, es moechte aus des Juenglings Forscherdrang und Weltfahrt ihm nichts Gutes, ja vielleicht Graeuliches erwachsen. Aber menschliches Ermessen reicht nicht weit, ausgenommen in des Erzaehlers Fall, der die ganze Geschichte bis zu ihrem wundersamen Ausgange kennt und gleichsam teil hat an der goettlichen Vorsehung, - eine einzig dastehende und eigentlich dem Menschen nicht zukommende Vergünstigung. Ich bin denn auch geneigt, mich ihrer zu schaemen, dem menschlichen Ermessen die Ehre zu geben und im gegenwaertigen Stadium der Geschichte zu tadeln, was ich spaeterhin, ueberwaeltigt vom Ratschluss der Gnade, zu preisen genoetigt sein werde. Also geschieht es mit einem gewissen Unmut, dass ich berichte, wie Grigorss, im Besitz all seiner Mitgift, der Tafel, des Goldes und der kostbaren Stoffe, mit Eifer sein Scheiden von der Insel betrieb, um auf Ritterschaft in fremde Reiche zu fahren. Er legte die geistliche Schuelerträcht ab und nahm weltliche, 137 halb ritterliche oder knappenhafte dafueri ein geguertet Panzerhemd mit Haube, Bein’ und Fuesse auch leicht gewappnet. Nicht anmassend war die Tracht* Dazu jedoch gab er unterderhand schneidernden Bruedern des Klosters ein hoechst herrenmaessiges Gewand in Auftrag, zuzuschneiden aus den ihm mitgegebenen Gewirken: einen prunkseidenen Leibrock oder Houppelande von dunkler Buntheit, mit florieichten Ueberaermeln, von denen man ein Ende wohl uebern Arm gehaengt traegt; dazu Beinzeug aus Schmiegestoff und ein Barett* Der Rock war aber ein Wappenrock, denn auf der Brust war ihm ein laenglich-runder Flecken eingelassen, worauf die Gestalt eines Fisches gestickt war. Das sollte^ wie der Juengling sich ausgedacht, sein Wappen sein auf Irrfahrt; und ich muss sagen, es ist das Einzige, was mir an seinen Vorkehrungen wirklich gefaellt. Denn wenn der Fisch anzeigte, dass der Fahrende aus einer Fischerhuette hervorgegangen sei, so ist die Figur das Symbolum Christi auch und bezeugte, dass ihr Traeger in geistlichen Mauern aufgewachsen. Dies lobe ich. Das Weltkleid nun, nebst allem, dessen er sonst zur Reise bedurfte, Mundvorrat, Suesswasser und Goldvermoegen, barg er in dem schildbewehrten Schiff aus gebogenen Brettern und mit hoch- gebaeumtem Bug, das er bereit gestellt und fuer das er um Geld und gute Worte eine kleine Mannschaft geheuert hatte. In sein gestreiftes Segel war auch der Fisch eingewoben. Grigorss fragte wenig, ob seine Barke weltmeertuechtig sei, oder tuechtig auch nur fuer die eingeschraenkten, aber erregbaren Gewaesser, die man scherzweise "Kanal” und "Aermel" nennt. Auf weit gebrechlicherem Fahrzeug war er einst hier eingetroffen, und seine Entschlossenheit, sich in Fahr und Noete zu stuerzen, entsprang dem Verlangen nach Busse fuer die Greuel seiner Geburt, deren 138 Adel ihm doch auch wieder so wert war. Dass seine Schiffsleute, schlecht und recht geboren wie sie waren, garnichts hatten, wo- fuer zu buessen ihnen angelegen sein konnte, darueber dachte er gleichmuetig hinweg, da er in sich den Helden einer Geschichte, in jenen aber nur gleichgueltiges Beiwerk sah. Unwillkuerlich tue auch ich das und tadle mich dafuer, - mich, aber nicht ihn, denn wer mag mit der Vorsehung in Widerstreit geraten? Als nun - der Herbst fiel schon ein - der Tag seines Reisens gekommen war, hinweg von dem Eiland, das i-hn aufgezogen, und wo es ihn um der Ehre und Schande willen nicht laenger litt, - gewiss, da vergoss er herzliche Traenen des Abschieds an des Abtes Brust, der ihn mit einigen Bruedern zum Schiff geleitete und ihn segnete zur Irrfahrt ein uebers andere Mal. "Wohin nur, mein Kind, wohin?" fragte er sorgenvoll. "Meiner Tafel nach", antwortete Grigorss, indem er auf seine linke Brust deutete, "und wohin Gottes Winde wehen. Ihnen lassen wir unser Segel." Und so stiessen sie ab bei Nebel von dem Gestade, wo das Kind einst gelandet war, und Vater und Sohn verlaengerten den Abschied wehmutsvoll mit Blick und Wink, bis die Breite des Meeres und der Nebel ihnen die Sicht auf einander verwehrten. Nur zu bald geschah das: die Barke verschwand im wattigen Watterdunst, kaum dass sie den Strand verlassen hatte, und der brauende Brödem lag sichtlos ueber ihrer ganzen Fahrt, umhuellte sie Tag und Nacht in selten beobachteter Andauer, wie zur Berge und zu nicht geheuerem Schutz. Wer Sturm und Schiffbruch und wildes Verschlagen werden fuer den Irrfahrer vorausgesehen, dem ahnte Verkehrtes: Glattes Meer war und Wind fast keiner« Ein noerdlicher West, sehr matt, stand wohl auf ihr Segel, doch 139 tagweise flaute er voellig ab, sodass sie fahrtlos trieben, es sei denn sie halfen sich vorwaerts mit Rudern, unwissend, ob sie sich denn auch foerderten, der Sonne kaum, der Sterne nicht ansichtig und nie eines Schiffes, geschweige denn einer Kueste. Sie haetten, glaubt es mir nur, einen harten Uendenschlag und hohe Freise dem toten Ungemach vorgezogen, dem Tappen im Nebel- dickioht tagein, tagaus. Auf siebzehn Tage muss ich sie veranschlagen, ihre umhuellte Fahrt« Ihr Suesswasser schwand, die Speise ging ihnen aus. Stille Seenot betrat sie; und traurig hing die Mannschaft im Boot, lungernd die einen, die andern lunzend, denn solch ein Wetter zusammen mit leerem Magen macht schlaefrig. Am Maste stand Grigorss, der Marner, ausspaehend ins Unsichtige, worin all Spaehen sich verhing und verfing. Doch War er darum der Erste, der des Wunders gewahr ward, das, da siebzehn Tage um waren, gleich nach Mittag geschah. 0 Wonne, der Nebel riss auf. Eine Brise, erst saeuselnd, bald sausend, zerriss ihn, trieb ihn zu Fetzen auseinander, von Sonnenlicht eine Garbe fiel gerade und breit auf ein Bild - war es Verblendung der Augen, Fata Morganas Trugwerk? Nein, Hafen, Laende, getuermte Stadt mit Zinnen und Toren waren da enthuellt, welchem allen sie in der Verhuellung so nahe gewesen. Wer beschreibt der Betruebten Freude bei dieser EnthuellungJ Auf, und das Ruder, das Segel gesetzt nach der Stadt im Sonnenstrahl, der burggekroenten, am tiefen Haff, auf dessen nun aufgeregten Wellen sie schwankten. Der neue Wind war widrig. Nicht ohne Muehe kreuzten sie gegen ihn dem Ziele zu. Und waere nur Wind und Welle ihrer Anfahrt entgegen gewesen! Doch leider war’s auch die Stadt, denn dieser hatte der aufgebrochene Nebel ihr Nahen enthuellt, so gut wie ihnen ihr hohes 140 ^fWiJÖÖ*HJw*BÄWUyWwMJIWÖ«! Bild* Die Buerger, schien es, setzten sich gegen das Nahen de3 fremden Schiffs zur Y/ehr. Steine flogen und Eisenbaelle, von Mangen weit hinausgeschleudert. Griechisch Feuer fiel vor ihnen zur Sperre auf das Meer* Erst als sie viele Zeichen der Bescheidenheit und friedfreundlicher Gesinnung gegeben, stellte man die Verteidigung ein und liess sie zur Laende* Ihr Boot war feurig angekohlt, und Zweie der Mannschaft hatten von Wuer- fen blutige Koepfe. Doch waren sie ja nur Nebenpersonen. Dem Grigorss trat am Kai, wo Lastschlepper Waren loeschten aus den Baeuchen einiger Schiffe, umgeben von Gewaltboten mit Spiessen und in gestreifter Tracht, ein ansehnlicher Mann entgegen, versorgten mehr, als strengen Angesichts, einen Hut auf dem Kopf, von dessen Krempe ein Tuch ihm ueber die Ohren zur Brust hinabhing; doch trug er Arme und Beine beschirmt. Sein Fragen nach des Fremden Person und Herkunft hub barsch an und milderte bei naeherem Anblick rasch den Klang; ja, als er sein Fragen getan, da wartete er gar die Antwort nicht ab, sondern stellte wie zur Entschuldigung erst sich selber vor mit diesen Worten: "Wisst, dass ich einer der Besten bin dieser quemune, genau gesagt der Beste in ihr, denn ich bin ihr Schultheiss und Maire. Man hat mir Meldung gemacht von Euerer Anfahrt, die als feindlich betrachtet wurde. So bin ich gekommen, zu sehen, ob sie es sei, und habe, da ich erkannte, sie sei es nicht, das Einstellen der Abwehr befohlen. Ihr duerft Euch nicht wundern ueber den rauhen Empfang. Diese einst freudige Stadt ist mit Not gefuellt, und waere nicht ihre Hintertuer offen, nach dem Meere naemlich, von wo sie, zu Preisen, die nicht von Scham diktiert sind, einige Zufuhr empfangen kann, so waere es laengst 141 um sie geschehen. Was Euch betrifft, so wussten wir nicht, was von Euch denken. Seekoenige machen die Meere unsicher und erscheinen raeuberisch da und dort an den Kuesten. Bevor man Euch von Angesicht sah, konnte man einen solchen in Euch vermuten. Wie weit entfernt Euere Art von der befuerchteten ist, werde ich hoeren." ''Recht weit, Herr Maire", antwortete der Juengling. "Und weit komm ich her in langer Nebelfahrt, von Ukersee, und nenne mich den Ritter vom Fisch, mein Name aber ist Gregorius." "Der meine Herr Poitewin", warf der Schulze ein. "Ich danke", versetzte Grigorss. "Schildesamt", so fuhr er fort, "ist meine Art, und auf Ritterschaft fahr ich in fremde Reiche, auf eigene Kosten und ohne zur Raeuberei im mindesten versucht zu sein, denn ich bin an Gold vermoegend." "Sehr angenehm", sagte Herr Poitewin, indem er sich verneigte. "Auf meines Lebens Tafel aber", fuegte Gregorjus an, "steht geschrieben, ich solle, was ich bin, wenden an fremdes Blut und als ein Ritter dafuer streiten, wenn es in Not ist* Zu dem Behuf bin ich auf Irrfahrt." "Das ist hoechst achtbar, beau Sire, Herr Ritter vom Fisch", versetzte der Buerger. "Euch gab der Welt gewiss ein reines Weib, denn Eure Zuege sind fest und lieblich und Euer Betragen elegant. Seid Ihr normannisch?" "Ihr geht kaum fehl", antwortete Grigorss. "Mein Auge hat einiges Urteil", sprach befriedigt der Maire. "Gefaellt’s Euch, so folgt Ihr mir in mein Witwerhaus zu einer Collacie nebst gutem Trunk danach, wovon der Keller wohl einen Restbestand bietet. Man soll nicht sagen, dass diese Stadt nicht, auch angefuellt mit Not, noch Gastlichkeit zu ueben wuesste." “Die Grazie, mit der sie durch Euch den Fahrenden aufzunehmen weiss", versetzte Grigorss, "spricht sehr zu ihren Gunsten. Ich gehe gern mit Euch. Warum aber", fragte er, als der Amtmann sie beide beritten gemacht hatte auf Maultieren und sie ueber eine auf Baumstaemme gelegte Bruecke •und durch ein Tor in die Gassen ritten, "warum erwaehntet Ihr wiederholt* dass Euere Stadt mit Not gefuellt sei, was uebrigens den Gesichtern der wenigen Buerger, denen wir begegnen, wohl abzumerken ist? Und warum scheint es, dass die meisten von ihnen, Greise und Kinder ausgenommen, Wehrzeug handhabend sich auf den Mauern und hoeheren Zinnen befinden?" "Weit", antwortete Herr Poitewin, "muesst Ihr her sein von Ukerland und -See, dass Ihr offensichtlich vom Jammer unsres Landes und dieser seiner Hauptstadt Bruges noch nichts gehoert habt, die einst la vive hiess und nun nahezu die Tote genannt werden kann. Aber was Wunder denn! Abgesondert von einander wohnen die Menschen, ihre Hoerweite ist begrenzt, und selbst von wildesten Geschehnissen stockt die Kunde nah in den Lueften - die Entfernteren erreicht sie spaet oder nie. Ich selbst weiss das Wenige, um nicht zu sagen: garnichts von dem, was bei fremden Voelkern, wie Aquitaniern, Gascognern, Angellaendern, Lothringern, Tuerken und Schotten, sich tut und taetigt. Und Ihr also vernähmet nie vom Minnekrieg, wie unser Jammer zweifellos einst von den Saengern genannt sein wird, da er schon jetzt in aller Munde so heisst? Fuenf Jahre tobt er nun. Zer- stoert hat Roger, der Spitzbart, Koenig vom Arelat und Hochburgund, uns Land und Burgen, ganz Artois und Flandern ist zer- 143 brochen in seinen Haenden und unsrer Frau, des Landes Herzogin, der Gott seine Engel sende, ist garnichts geblieben, als diese ihre Hauptstadt, an deren Mauern sich vorderhand der Sturm noch bricht, - wie lange, weiss der Barmherzige, der sich seiner Barmherzigkeit erinnern moege, eh* es zu spaet ist. Ich fuerchte aber, Er unterdrueckt sie geflissentlich, weil er uns zuernt und unsere Frau, heiligsten Wandels ungeachtet, nicht auf dem besten Fusse mit Ihm steht# Denn ueberkeusoh ist sie, verleugnet, Gott zum Grame, ihre ?/eibheit und hat sich stets geweigert, dem Lande einen Herrn und Herzog zu geben, - dafuer buessen wir im sogenannten Minnekrieg, nach welchen Namens Sinn Ihr Euch mit Recht erkundigt. Roger, der Spitzbart, naemlich minnt unsre Frau und begehrt sie, gierig nach ihrer Schoenheit, zum Weibe seit zwoelf Jahren schon, wovon er sieben in friedlicher Viferbung hinbrachte, wenn auch je laenger je mehr mit Draengen und Droh, Urlinge rief er dann aus, denn er hat geschworen, der haarige Heissporn, der Herrin stolzen Leib in sein Bett zu reissen um jeden Preis, Wie haben wir seinen Einfall zurueckgewiesen, einmal und zweimal, und die Burgunden sieghaft verjagt, wobei von unseren Guten manch Bester fiel, zum Beispiel Herr Eisengrein, der Treue, - Euch, Eilendem sagt dieser Name nichts, uns aber zu Traenen viel. Ach, umsonst! Von der Hartnaeckigkeit ihres Gebieters beseelt, erneuerten sie immer ihre Zuege, in dreien Jahren, hausten, aescherten ein, trieben unsre Herden weg, ver- wuesteten unsre Flachsfelder, bewaeltigten das Land und drangen im vierten vor bis zu dieser festen Stadt, der letzten, die ihnen widersteht, und die sie nun lange schon eingeschlossen halten, ihre Mauern berennend mit jedem Sturmzeug, Ebenhoehen, Igeln, Katzen, frechen Leitern und abominablen Wurfmaschinen, 144 In der Burg dort oben aber, ihrer aeussersten Zuflucht, birgt die sich, die dieses Dranges Preis ist und zu all unserm Leiden 1 ■ 1 .. ; i: V- . stets nur 'Jamais’ sagt. Wollt Ihr Euch wundern, dass Stimmen sich hie und da hervortun, wenn auch gedaempft, die dem nicht ganz fern liegenden Gedanken nachfragen, ob unsre Frau, die sich solange bewahrt, nicht besser taete, dem Spitzbart endlich ihre Hand zu reichen und somit diesem verdammten Minnekrieg ein Ende zu setzen? Auf der Burg, bei Hofe selbst, gibt es eine an Zahl und Rang garnicht geringe Coterie, die offen diesen Vor- w schlag beguenstigt. Die Frau doch, was sagt sie? ’Niemalen de la viel Es war in Herrn Poitewins Haus und Stube, bei einem erwuensch- ten Imbiss von Rauchfleisch und Warmbier mit Nelken, den die Schaffnerin und Schluesseifrau, von Natur behaebig, doch versorgten Angesichtes auch sie, ihnen aufsetzte, wo Grigorss diese Belehrungen empfing, und er zeigte sich ausserordentlich bewegt davon* "Herr Gastfreund, werter Schulze", gab er zur Antwort, "wie Nebel faellt es bei Euren Worten von meinen Augen, und mir ent- huellt sich, warum nach langer, umhuellter Fahrt das Bild dieser Stadt sich mir enthuellte. Ich bin am Ziel. Hierher hat Gott mein Steuer gerichtet, und klar wie im Sonnenstrahl erkenn’ ich, dass ich zurecht gekommen. Das war es, worum ich Ihn immer gebeten, dass Er mich dahin bringe, wo es fuer mich zu tun gaebe, damit meine Jugend nicht muessig liege, sondern in gerechtem Kampf sich vierte vor bedraengte Unschuld. Gefaellt es meiner gnaedigen Frau, so will ich ihr Knecht und Soeldner sein, und wie die hart Gequaelte die Losung sich erwaehlte, so sei die meine die: ’Niemalen de la viel' Denn diesem Herzog, den Ihr ■ 0 145 den Spitzbart nennt, wahrscheinlich, weil er einen solchen traegt und ueberhaupt haarig ist, was meinetwegen ja ein Zeichen besondrer Mannhaftigkeit sein mag, - ihm, sag ich, gilt meine ganze Abneigung, und dieselbe gilt jener Coterie, die laut oder leise zur Uebergabe raet und die Reine bereden moech- te, dass sie dem frechen Werber und verhassten Raeuber ihres Landes die Hand zur Ehe reiche« Inbruenstig hoff* ich, dass diese Scbmaehlinge die Minderzahl ausmachen bei Hofe und Ritter hoeheren Sinnes sich um die Heilige scharen?" "Ach", versetzte der Amtmann, "durch ihren Treumut eben schrumpft ihre Zahl. Warum, das sag* ich auch mit kurzen, ver- * haengnisvollen Worten. Herzog Roger hat die Gewohnheit, vors Tor zu reiten und unsre besten Helden zum Einzelkampf zu fordern, in welchem noch keiner ihm widerstand. Denn seine ritterliche Raufkunst ist gross und weit beruehmt in allen Laendern. Von Ehre getrieben, folgen die Unsern, einer nach dem andern, seinem Kartell, doch jeden hat er noch gestreckt und, wenn er Sicherheit anbot, ihn vor unsern Augen gefangen weggefuehrt, sonst aber ihn getoetet. So hat sich die edle Entourage unsrer Herrin schmaehlich bereits gelichtet." "Dieser Mann", vermutete Grigorss, "muss wohl die Gabe besitzen, sich im Kampfe ueber das allgemeine Mass zusammenzunehmen und seine Lebensgeister dabei in einem brennenden Punkte zu versammeln?" "Ich verstehe nicht ganz", erwiderte der Wirt, "die Meinung Euerer Worte. Mein eigenes Dafuerhalten ist, dass unsre Kaempen der Fama von des Herzogs Unwiderstehlichkeit unterliegen. Die Ehre fuehrt sie hinaus, nicht der Glaube an ihren Sieg, an dem sie, wissentlich oder nicht, bei aller Tapferkeit im Voraus 146 verzweifeln ii "Ihr seid sehr klug, Herr Gastfreund", bemerkte Grigorss mit Achtung. "Ich bin es", antwortete jener. "Waere ich sonst Maire von Bruges geworden? Dazu hat meine Klugheit die Form vollkommener Klarheit und Gemeinverstaendlichkeit "Und wann", war Grigorss' Frage, "ist wohl die naechste siegessichere Herausforderung dieses Herzogs zu erwarten?" "Er ist nicht vor der Stadt", versetzte der Amtmann. "Sein Zelt ist abgenommen. Kommt der Herbst, so kehrt er durch unsre verheerten Strecken heim bis zum naechsten Lenze in sein Reich, das auch regiert sein will. Unsere arme Stadt, versteht sich, bleibt eingeschlossen. Aber nur geringe Kampfhandlungen und Skaramutzien geschehen waehrend des Winters." "Und im Lenze", ergaenzte Grigorss, "kehrt er wieder, um durch ritterliche Raufkunst die Herrin ihrer Schuetzer zu berauben und sie zur Uebergabe, was in diesem Falle heissen will: zur Hingabe zu zwingen. Ist sie wohl jung und schoen?" "Sie mag", antwortete der Wirt, "beilaeufig doppelt so alt sein, wie Ihr, den ich auf siebzehn bis achtzehn schaetze, hat 3ich aber, aller Nachtmessen und Kastigierung ungeachtet sehr schoen erhalten, - Gott zum Kummer, so nehme ich an, da sie ihren schoenen Leib jedwedem Manne vorenthaelt." "Dass sie ihn jenem Spitzbart dahingibt", erwiderte Grigorss, "ist bestimmt Sein Wille nicht. So weit getraue ich mich seine Gedanken zu erraten, denn zu Zeiten hab ich mich mit divinitas abgegeben." "Wie, der Buecher kundig seid Ihr auch?" "Ein wenig. Und wenig hilft es mir unter diesen Bewandt- 147 nissen* Was mir hilft, und wozu ich Euere Hilfe, wuerdiger und kluger Gastfreund, erflehe, ist einzig, dass ich Euerer Frau vor Augen gestellt werde, damit ich mich ihr zum Knecht antrage und sie mir gewaehre, fuer ihre Freiheit mein Leben in die Schanze zu schlagen und die Zuflucht ihrer Reinheit gegen haarige Schufte zu verteidigen." "Euer Eifer ehrt Euch", sprach der Buerger nach einigem Bedenken, "und ueberall mach’ ich kein Hehl aus dem Gefallen, das Ihr mir einfloesst. Ich habe geringen Zweifel, dass Ihr bestehen wuerdet, trotz Euerer Jugend, vor den Augen der Herrin, nach Erziehung und normannischer Tournuere. Doch ist es nicht leicht, denn streng kargt sie mit ihrem Anblick und gewaehrt ihn den Wenigsten, - nur allenfalls im Muenster, wenn sie vor Gott liegt, da mag man von ihr sehen, was von einer in Gebet Versenkten eben zu sehen ist. - Ich will gern versuchen, Euch dienlich zu sein. Herr Feirefitz von Bealzenan, der Fuerstin Truchsess, ist mein Freund und Goenner, - ein Mann von Schliff, von feinster hoefi- scher Schule ein Mann: denkt ihn Euch oben dick und sehr duenn in den Beinen, in lichte gebluemte Seide gekleidet und mit zweigeteiltem Blondbaertchen, wie Seide ebenfalls. Dies nur ein rasches Bild seines Aeusseren. Ihm will ich von Euch sprechen, ihm Euere Gesinnung und V/uensche ruehmen und ihn, ich denke wohl, bestimmen, mit der ihm eigenen raenkereichen Dexteritaet die Augen der Herrin auf Euch zu lenken. Bis dahin bleibt mein Gastl Will sagen: Sitzt bei mir ein als Mieter und Tischgenossi Mit Sympathie vernahm ich, dass Ihr an Gold vermoegend seid. Das ist eine erquickliche Ausnahme. Irrende Ritter pflegen hohen Sinnes, doch pover zu sein, eine Mischung, der ich stets nur mit halbem Herzen geneigt war. Ihr aber, bezahlt fuer Dach und 148 Subsistenz gerecht von Euerem Gelde. Euere Nahrung soll reichlich und doch so vernuenftig sein, dass sie Eurer Rankheit nichts anhaben und Eure Tugend nicht schlaefrig verfetten soll. Gilt es?" "Es gilt", sprach Grigorss, und sie taten einander darauf Bescheid mit ihrem Wuerzbier, einem sehr guten Trank, mit Naege- lein, den ich selbst nie gekostet, den ich aber mit Vergnuegen durch ihrer beider Gurgeln gleiten lasse. Sehr oft ist das Er- zaehlen nur ein Substitut fuer Genuesse, die wir selbst oder der Himmel uns versagen. Die Begegnung Ich wusste wohl, dass Herr Poitewin sein Versprechen halten und bei erster Gelegenheit mit dem Truchsess, dessen Person er ausgezeichnet beschrieben, ueber Grigorss und seine Wuensche reden wuerde, - nie hab ich daran gezweifelt. Viel zu gut gefiel dem Schultheiss sein junger Gast, die fest und zarte Miene desselben, seine Geziemlichkeit und sein freigebiges Zahlen fuer Tisch und Bett, dass er seines Wortes nicht haette gedenken sollen. Er tat es, nur vierzehn Tage nach des Juenglings Ankunft, in seiner Mairie, wo der von Bealzenan, von der Burg herabgeritten, ihn besuchte, um die Lage des winterlich stockenden und um diese Zeit halb nur zu Schimpf gefuehrten Minnekrieges, dazu die Belieferung des Hofes mit gewissen Nezessitaeten und Kommodi- taeten zu eroertern, wobei es Herrn Poitewins Aufgabe war, den Unterschied zwischen diesen und jenen tunlichst zu wahren, nicht ohne dass er in Ansehung blosser Kommoditaeten auf die entsagungsstrenge Lebensweise der Herrin selbst, an Pasten und Wachen reich, als Muster hingewiesen haette. 149 In seiner Erwiderung erinnerte Herr Feirefitz daran, dass in Stadt und Land der Kummer ueber diese Lebensweise ihrer Bewunderung die Waage halte. Er war bei dieser Unterredung nicht in gebluemte Seide gekleidet; insofern wich sein Bild ab von dem, das der Schultheiss von ihm entworfen. Vielmehr war sein ausladender Oberleib zum Schutze gegen allenfalls fliegende Steine in einen Harnisch gehuellt, zu welchem er eine gestaerkte Halskrause trug, und eine Sturmhaube mit Buckelkranz bedeckte sein Haupt. Seine so sehr duennen Beine dagegen waren nur mit beiderseits verschiedenfarbenem Schmiegestoff bekleidet, endend in Schnabelschiohe, deren Spitzen sich beim Ritte hoch vor den Steig- buegeln gebaeumt hatten. Aber auch halb in Eisen verlor der Hofmann nichts von seiner Geschmeidigkeit, und bei der Unterhandlung gelang es ihm, mehreren Kommoditaeten den Dringlichkeitsrang von Nezessitaeten zu gewinnen. Danach sprach der Amtsmann: "Au reste, Truchsess, incidemment und ä propos, ein wohl bemittelter Irrfahrer, noch jung, ist kuerzlich hier gelandet und hat Obdach und Kost bei mir genommen, Gregorjus von Uker- land, ein werter Ritter- Er fuehrt den Fisch im Wappen und schwoert hoch und teuer, Gott habe ihn. eigens dieser mit Not ge- fuellten Stadt ansichtig gemacht, damit er hilfreich seine Ritterschaft in ihr bewaehre und an ihren Q,uaelern. Vor allem ist er gire, sich unsrer Frauen, der Hartbedraengten, zu nahen und sich ihr zum Lehnsmann anzutrsgen. Wollt Ihr wohl das, geschmeidig wie Ihr seid, vernietein?” "Ein Kleines waer e3 mir”, versetzte Herr Feirefitz. "Seid Ihr denn aber auch der Reine seines Adels ganz sicher? Das Augenmerk der Herrin etwa fehlzulenken, waere ein straefllcher faux pas von meiner Seite. Ulcerland, ich muss gestehen, ist eine etwas vage Bezeichnung, denn von ueber Land und See kann jeder kommen* Die Erbringung etwas genauerer Ausweise seiner Ritterschaft wuerde mich Euch verbinden*” Da war Herrn Poitewin Betroffenheit anzumerken, denn die Rede machte ihm spaet bemerklich, dass er selbst sich um Genaueres ueber des Juenglings Herkunft gar nicht gekuemmert, und dass (er wollte sich wundern darueber und wunderte sich zu seiner Verwunderung doch nicht) das Wenige, das jener ihm ueber seine Herkunft gesagt, und das bei Licht besehen fast nichts war, ihn vollkommen zufrieden gestellt hatte. Ebenso sehr zu sich selbst also, wie zu dem Prager, sprach er, als er versetzte: I "Ich weiss nicht, ob ich damit rechnen darf, dass Ihr meinen Worten so aufmerksam gefolgt seid und ihnen so viel Gedaechtnis bewahrt habt, Euch zu erinnern, dass ich einflocht, es fuehre dieser junge Degen den Fisch im Wappen. Vom Heiligsten zu schweigen (und auch wieder nicht ganz zu schweigen, denn ich habe Kunde, dass mein Gast zeitweise in frommen Mauern lebte und divinitatem studierte) kommt diesem Zeichen, wie Ihr wisst, gar mancher Sinn zu. Es ist das Symbolum des Wassers - wie ja tat- saechlich auf dem Wasser der Juengling zu uns kam, in sein Gaffelsegel den Fisch gewoben. Es ist ferner das Zeichen der Maenn- lichkeit und einer besonderen, darin eingeschlossenen Eigenschaft und Tugend, genannt Verschwiegenheit. Auffaellig also ist es kaum zu nennen, wenn der Traeger dieses Zeichens sich uebt in maennlicher Verschwiegenheit. Ist Rittertum verfeinerte Maenn- lichkeit, so sagen auf einen Blick Euch Euere Augen mehr, als Euer Mund je fragen wollte, sodass Ihr vorzieht, ihn zu halten. Dazu will ich Euch nur vertrauen, dass der Fremde uns seinen tugendlichen Mut, voreilend schon, noch garnicht im Lehn der 151 ööiiö«WÜüoa *ffvn if mm > i ijjKtffl l Bn I >i> i i» W m r Jt mT SIKtoöoä^W»i»BMMiftfir.i ~ i MÜ >t Frau, zu unser aller hoeherem Herzschlag hat erscheinen lassen. Gleich war er auf die Zinnen gestiegen zu denen, die im Wehrgang der Schildwach pflegen, denn rechte Ausschau wollte er haben auf das burgund’sche Lager und die leidige Einschliessung der Stadt. Unter ernsten Brauen und festen Mundes sah er die an, Zelte, Be- rennungsgeraet, Gelaend und Leute. Wie er dann mit dem Turmvogt vom oestlichen Tor beredet, was er im Sinne trug, und wie den Kriegsmann fuer sein hochfaertiges Vorhaben gewonnen, das weiss ich nicht. Dass er ihn ueberredet, schreibe ich mehr seiner tenue und seinem Auge, als seinen Worten zu. Kurz, Ihr moegt Wunder hoeren und ganz Ausbuendiges sagen: den dritten Tag schon, da laesst ihm der Soldgraf bei guter Zeit die Balkenriegel ziehen aus den Furchen, die Grabenbruecke fallen und die Fluegel oeffnen, und hinaus tritt weltallein der von Ukerland, - wir alle dachten wahrlich, er haette den Tod an der Hand. Den Fisch auf seinem Schilde, so schwang er bar und hell sein Schwert, das war ihm, zwiegeschliffen, der einzige Gesell. Da kamen sie gelaufen von Herzog Rogers Lehn, weil sie seiner Waffe Winken und das offene Tor gesehn. Des wollten sie Nutzen nehmen, den Einen bald abtun; doch wie er sich ihnen verleidet, das sollt Ihr hoeren nun. Wie ist mir, ich will gar nicht reinem - und luegen, doch, der Dausl Ich glaube, ich find aus dem Maerentakt mein Lebtag nicht mehr heraus. Gregorius vom Fische, schnell war er genug! Von Rogers Heergesinde er drei behend erschlug. Er schlug sie durch die Helme mit schwindem Schwerterschlag. Zwei rollten in den Graben, der dritte vor ihm lag. Zum ueblen Teufel, Truchsess, es muss doch gehen, dass ich Euch vernuenftig und ohne zu singen, berichte, wie gruendlich er sich ihnen verleidet] Denn sie hatten gedacht, es waere ein Spass; aber in 152 seinem bleichen Antlitz der Augen blaue Flamme, die brachte sie um die Luestigkeit. Ich sage Euch: mit den Schwertern mochten sie ihn bald nicht mehr bestehen, drum schossen sie ihm so viel Speere in den Rand, dass das Gespaenge davon wirbelte und er der Schwere wegen den Schild lassen musste von der Hand, Sie wollten, da sie das sahen, dringen auf ihn ein, doch er, wie vor der Meute im Wald das Eberschwein, so ging er her vor ihnen, tat ihnen manchen Schlag, womit er einem von ihnen den Ringpanzer zerbrach, dass sich der Harnisch faerbte von Funken feuerrot. Die Maer ist nicht gelogen: Der sank vor ihm in den Tod, Truchsess, ich nehme mich zusammen und singe nicht. Wir alle sahen: Er griff vom Boden einen Wurfspiess auf, der ihm gegolten hatte, und schoss ihn von den Burgunden einem in den Kopf, - vom Helm ragte dem die Stange, und so schleppt* er sich von der Bruecke, der hat sich auch wohl bald des Lebens nicht mehr besonnen, Ich schwoer* Euch, einen andern schlug er quer durch sogar. Der ward vor schneller Schaerfe der Spaltung nicht gewahr, Erst da er sich buecken wollte nach seinem Schwert hinab, das seiner Hand entglitten, da fiel er oben ab. - Kurz, Truchsess, unter solchen Taten weicht Schritt vor Schritt der Degen zurueck vor ihnen gegen das Tor, das er allein gehalten, und rasselnd fallen vor ihren Hasen die Fluegel zu, da er herinnen. Ihr denkt Euch auf der Mauer das Jubel- und Spottgeschrei. Man nahm ihn auf die Schultern; in Eil lief ich herbei. Mit Blut war beronnen all sein Gewand, desgleichen die scharfe Waffe, so fest in seiner Hand. 'Nun sagt mir, lieber Degen, wie seid Ihr so rot? Ich glaube gar, Ihr leidet von Wunden grosse Not.* 'Tragt darum keine Sorge', sagt er mit kuehlem Mut. 'Ihr seht mich unverwundet• Das ist der andern Blut.’" 153 "Sehr bemerkenswert", versetzte Herr Feirefitz. "Unter diesen Umstaenden ist mir, Amtsmann, Euere Sangesfreudigkeit recht wohl begreiflich." "Wenn ich sie schlecht bekaempfen konnte", erwiderte Gregors Gastfreund, "so hat das wesentlich mit der Augen blaeulicher Lohe im blassen Gesicht zu tun. Uebrigens habe ich mich hinreissen lassen, ich will es nur gestehen* Dass er Einen quer spaltete, sodass der’s nicht merkte, und erst spaeter zur Haelfte abfiel, das hab ich hinzugesungen; es hat sich in Wahrheit nicht zugetragen." "Immerhin", entgegnete der Truchsess« "Die Diversion bleibt eindrucksvoll auch ohne diese Einzelheit. An dem Rittertum Eueres Juvenils und daran, dass er uns nuetzlich werden kann, laesst sie kaum einen Zweifel." "Ich will Euch eine Theorie vertrauen", fuhr der Schulze fort, "aus der sich die ausserordentliche Probe, die uns mein Gast von seinem Edelmut gegeben, zur Not erklaeren laesst* Ihm muss wohl vergoennt sein, sich im Kapfe jeden Augenblick ueber alles sonst uebliche Mass zusammenzunehmen und gleichsam seine Lebensgeister dabei in einem brennenden Punkte zu versammeln. Ich pflege meinen Gedanken sonst eine klarere, sofort jedem ver- staendliche Form zu finden, bin aber in diesem Fall genoetigt, mich etwas versponnen auszudruecken." "Sei dem wie ihm sei", antwortete der Truchsess, "die Augen der Frau auf Eueren Gast zu lenken und ihn ihr zu prassentieren, damit er sich ihr zum Lehnsmann antrage, bedenke ich mich nicht laenger. Kaerglich sind die Gelegenheiten; aber das Fest unseres Glaubens, Mariae Empfaengnis, ist nicht mehr fern. An diesem Tage, wie Ihr wisst, laesst sie sich blicken und reitet 154 nieder mit allem Hofe von der Burg zum Muenster, um an der Messe sich zu erquicken* Da moege Euer Degen seine Schaulust buessen, und im rechten Augenblick die Frau auf ihn hinzuweisen, das lasst meine Sache sein. - Demnach geschah es. Am Tage, da die Herrlichste, Ros* ohne Dorn, im Fleische, doch zugleich durch Eingiessung des Geistes, suendenlos, empfangen wurde (dies unser wohlgepruefter Glaube), ritt die Fuerstin auf einem asturischen Zelter, den zwei Pagen am Halfter fuehrten, mit edlem Ingesinde aus der Burg den Schlaengelweg hinab in ihre letzte Stadt und vor den laeutenden Muenster; da stieg sie ab unter barhaupt knieendem Volk, das mit roten Augen auf sie blickte und ihr nach draengte, als sie mit Herren und Damen das weit geoeffnete Portal, reich an Figur, durchschritt und, ihr Auge gesenkt, die Linke an der Nusche ihres mit weissem Bauchfell des Eichhoernchen gefuetterten Mantels und diesen mit zwei Fingern der Rechten etwas raffend, ihren Weg nahm durch Gottes Festsaal zu ihrem Gestuehl und dem goldbe- borteten Troddelkissen, das ihren Knieen bereitet war. So sah Grigorss sie von seinem Platz ueberm Gange, an des Schultheiss Seite, sah unter Gesaengen, Geflimmer und Gedueft soviel von ihr, wie man von einer in Gebet Versunkenen zu sehen vermag. Das Seitenbild ihres Gesichtes sah er, das unterm Diademband und im Wangengebende matt wie Helfenbein im farbigen Daemmer schimmerte, wenn sie es einmal aufhob und die Augen schmerzlich zur Hoehe schlug; und wie sie's aufhob, so hob sich dem Lugenden in Begeisterung das junge Herz. "‘Sie ist es”, sprach es in ihm, "meine Herrin, die Hartbedraengte, die zu freien, aus der Not zu freien, worein ein haariger Gecke sie zwaengt, ich herge- fuehrt bin.” Und indem er die Finger ballte, tat er einen 155 kaäämmm Schwur hinauf, der sollte, meinte er, ein Feldgeschrei sein allen im heissen Streit fuer sie* "Niemalen de la viei" Hinter der Fuerstin kniete ihr Truchsess, der hatte heute sein kleingebluemtes Seidenwams an und sah nun also genau so aus, wie Grigorss' Gastfreund ihn beschrieben* Er neigte, als das heilige Gepraenge zu Ende gekommen, sein Seidenbaertchen zum Ohr der Frau und gab ihr einige Worte ein, - wie mochten die wohl lauten? Sprach er: "Herrin, gruesst jenen Mann dorti Gute Dienste kann er Euch leisten"? Stark war zu befuerchten, dass er nicht "Mann" sagte, sondern "Jungeling" und womoegüch noch Knaebi scher es» Aber nein, er sagte wohl *'Mann", denn ihr anraten wollte er ihn ja. Und doch neigte sie zu seiner Eingebung kaum das Haupt, ohne es im Geringsten nach der Seite zu wenden,, wohin sein Wort gedeutet, schlug nach dem "Ite, missa est" noch einmal das Kreuz und ging auf durchs Mittelschiff, Damen schritten ihr vor und Kavaliere folgten. Der Truchsess aber nahm Grigorss bei der Hand und fuehrte ihn ihr nach ins steinerne Pfeilerzelt der Vorhalle. Da sprach er die ausge* suchten Worte; "Dies, Herrin, ist Herr Gregorius, ein Ritter von Ukersee, Nach Ehre geizt er und vor allem nach der, das Knie vor Euch zu beugen," Das tat Grigorss, sein Barett in der Hand liess er sich nieder auf ein Knie, geneigten Hauptes. Die Fuerstin stand, von ihrem Staat in halbem Kreis umgeben, und blickte nieder auf seinen Scheitel. "Steht auf, mein Herr", so hoerte er ueber sich ihre Stimme, die hatte tiefen, holden und reifen Klang und war nicht wie eines M&egdleins Girren. "Vor Gott allein und vor der Koenigin 156 des Rosenkranzes sollte man hier knieen.” Da er nun aber aufstand vor ihr, geschah, was er befuerch- tet hatte: Ihr roter Mund musste laecheln, weil sie ihn so jung erfand. Das war so ein nachsichtig weiches Laecheln, erbarmend fast, bei spoettisch erhoehten Brauen, wich aber rasch wieder von ihren Lippen: nicht, weil er erroetend den Kopf auf- warf, das sah sie nicht, da ihre Augen musternd niedergingen an seiner Gestalt und spaehend verweilten beim Anblick seiner Tracht. Denn Grigorss hatte heute sein Wappenkleid angelegt, das schoene, aus den Stoffen seiner Mitgift, Pfellel war es aus Morgenland, dunkel-bunt, von Goldfaeden durchwoben, und der Brokat hielt ihre Augen an, derart, dass ihre Lippen sich oeff- neten und ihre Brauen sich in Betrachtung zusammenzogen. Noch im Spaehen aber brach sich ihr Blick in Leid. ”0 Schwert, wie gehst du auf 3 neue so grimmig durch mein Herz! Genommen, genommen haben sie’s mir, mein Kindlein, meines Trauten Vermaechtnis, seines Leibes suesse Gabe, und es im Faesslein dem wilden Meer zum Frass gebracht - verzeih es ihnen der, dem ich’s in tiefster Seele nicht verzeihe! Solchen Stoff, denselben, hab ich dem armen Schifferlein mit Traenen ueber- und untergelegt, wahrlich ganz gleich ist dieser jenem an Guete und Farbe, darauf sollte ich mich verstehen, er koennte bei Gott gewirkt sein von derselben Hand und ist es moeglicherweise. Schrecken und Schmerz und tausend suendig wonnevolle Erinnerungen durchzucken mich beim Anblick dieses ganz ebensolchen Gewirkes, und zugleich kann ich nicht umhin zu erwaegen, dass es ein edles Haus sein muss, mit rar bestellten Spinden, das dem Knaben da diesen Brokat vererbte.” Ihr Busen hob sich beklommen in der oberen Enge ihres Kleides, 157 das vom Guertel an in weiten Falten des schneeigen Sammets zu ihren Fuessen niederging, und das der Mantel purpurn umhuellte. Dessen Saum hob sie mit schoener, magerer Hand zum Guertel, Ihre blaudunklen Augen mit den blaeulichen Schatten der Nachtwachen darunter, blickten in seine. Lieblich schien ihr dies ernste Antlitz in seiner zur Maenniichkeit entschlossenen Jugend und mutete sie in tiefster Seele ah; Ihm aber war nicht anders, als ersaehe er das irdische Abbild der Himmelskoenigin. Sie sprach milde: "Ihr habt eine Bitte an mich?" "Die eine, ja", antwortete er mit energischem Enthusiasmus. "Euch, Herrin, zu Dienst beflissen zu sein, hab ich willigsten Mut, Nehmt mich in Lehn, das bitt’ ich, und vergoennt mir, dass ich mit allem, was ich bin und vermag, mich vor Euch werfe gegen den Raeuber "und fuer Euch stehe bis an meinen Tod!" Sie sagte: "Ich habe, Ritter, von Euch gehoert und von gewissen ehrenhaften Voreiligkeiten, tadelnswert gleichwohl. Man spricht, Ihr waeret kuehner, als jemand sollte sein. Ihr wisst, auf welche toll verwegene Diversion ich anspiele. Habt Ihr noch eine Mutter?" "Ich habe sie nie gekannt." "So lasst mich an ihrer Stelle Euch vermahnen. Ihr habt Gott versucht. Wart Ihr bei guten Sinnen, Ihr durftet Euch des Streiches nicht unterfahn." "Herrin, man hat die Einzelheiten des Ausfalls stark und maerenhaft uebertrieben. Die winterliche Stockung und Schlaefrigkeit des Minnekrieges aber war mir ein Aerger. In mir sprach es, auflockern muesse man sie und den faulen Feind 158 schreckend, lehren, dass in dieser Stadt ein Geist leht, der zu Euerer Ehre auch Unternehmungen nicht scheut, wie man sich ihrer nicht jeden Tag versieht." "So dank’ ich Euch, ohne meine Mahnung zurueckzunehmen. Dass Treue fuer meine Bedraengnis sich erkuehne, das ist mir armem Weibe wohl bitter not. Doch mag ich nicht, dass edle Jugend um meinetwillen unbesonnen sich vergeude. Versprecht mir, so etwas nicht mehr zu tun und frevlen Uebermut fortan zu meiden!" Dass sie sich ein armes Weib genannt, riss ihm das Herz auf, und gleich sank er wieder ins Knie, sein gluehende3 Antlitz zu ihr emporgewandt• "Euch zu gehorsamen, Herrin, versprech' ich, wie nur die Girde Euch zu dienen es mir erlaubt." Sie nahm von einem ihrer Herren ein blosses Schwert und ruehrte seine Schulter damit« fr "Seid meines Lehnsi Nehmt im Kampfe um diese Stadt, fuer das zertretene Land besonnene Ehre! Truchsess, ich befehle diesen Ritter in Euere Hut." Da er beglueckt sich aufhob, blickte sie noch einmal auf sein Kleid, in sein Gesicht noch einmal und wandte sich, dass rasch ihr Hof sich um sie schloss, hinweg. Grigorss aber stand selbstvergessen am Fleck, in Nachsehen ganz verloren, bis ihn sein Wirt, der Amtsmann, am Aermel zupfte. Solche Frau hatte er nie gekannt und nie die suesse Reife der Stimme vernommen, mit der sie gebietende Fuersprache eingelegt hatte fuer seine Jugend. Wunderfremd war seiner Erfahrung ihr Bild und Wesen und wundernahe doch seiner Natur. 159 Der Zweikampf Mich freut es, bei allem stillen Grauen, das mir ob des Fortgangs der Geschichte im Herzen wohnt, dass Herr Feirefitz bei jener Unterhandlung mit Herrn Poitewin hatte Gewissheit einholen wollen ueber die Echtheit von Gregors Rittertum, wodurch er dem Schultheiss die Zunge geloest und ihn bestimmt hatte, von seines Gastes keckem Einzel-Ausfall auf die Bruecke des Genaueren zu kuenden. Wir haetten sonst wohl gar von diesem Abenteuer nie vernommen* Sanghafte Uebertreibungen gern in Abzug gebracht, die dem Kuender in der Hitze des Erzaehlens mit unterliefen, und die man einem in wahrhaftiger Erzaehlung nicht Geuebten zur Not verzeiht, - so bleibt genug, uns zu versichern, dass die ritterlichen Traeume des Kloster-Scholaren aus der Fischerhuette nicht leerer Schaum gewesen, sondern dass ihm die Sprache der Rittertat, von der er behauptet hatte, e3? spraeche sie innerlich mit Fertigkeit, wirklich mund- und armgelaeufig war, wenn ihm auch nottat, sich aufs allerbeste und wirklichste darin zu vervollkommnen, bevor er wagen konnte, was ihm seit seinem ersten Gespraech 3chon mit Meister Poitewin, besonders aber seit er die Herrin mit Augen gesehen, als starrer Vorsatz im Herzen sass. Fragt Einer hier in Einfalt und von Begriff ein wenig stutzig, was fuer ein Vorsatz denn das wohl sein mochte, so moege er abgerissenen Brocken lauschen, die Grigorss, wenn er allein war, manchmal stossweis vor sich hin murmelte. Sie lauteten: "Sei er auch noch so greulich, ich bind' doch mit ihm anl" Oder: takSmi "Und waer er Valand selber, ich wollt ihn auch bestehn!" Wen er damit meinte, danach zu fragen ist wohl niemand stutzig genug. Hoer ich ihn aber so murmeln, bin ich wahrhaftig der Fuegung Gottes froh, dass Grigorss zum Winter und zur Zeit laessiger Fuehrung des Minnekriegs in die Stadt gekommen war. Das gab ihm Frist, sich im wirklichen (und nicht nur innerlichen) Sprechen der Sprache des Rittertums mit Fleiss zu ueben, wozu ihm der Winterkrieg beinahe von Tag zu Tag Gelegenheit bot. Denn allerlei ritterlich Geplaenkel, leichte Abenteuer und Skaramutzien, halb ernstes Neidspiel, halb nur der Kurzweil halber, geschahen fast taeglich vor der Stadt, zu Fusse und zu Pferde, und dabei blieb er nicht muessig, - so wenig, meiner Treu, dass es bei ruestigen Buergern, bei Rittern und Sarjanden bald hiess, im Jagen sei er ein Haupt und in der Flucht ein Schwanz. Ich gebe die Maennerrede wieder, wie ich sie vernommen. Mir klingt sie ungefuege und gleichfalls, dass sie sagten, er sei "der Jagel der Feinde", Auch das ist fuer mein Ohr eine linkische Metapher, doch gab ihnen seine tenue die Bilder nun einmal ein. Am wohlsten war ihm zu Pferde, denn zu oft und genau hatte er Schenkelschluss, Leisieren und Volte reiten im Traum geuebt, als dass nicht die Wirklichkeit ihm altvertraut und zukoemmlich haette erscheinen sollen. Die Kunst war, wie man sagt, ihm angeboren, er hatte sie in sich vorgefunden und vermochte sie gleich, sodass niemand -.dachte, er habe frueher nie auf Rosses Ruecken gesessen. In Herrn Poitewins Stall stand ihm ein gutes Tier, von seinem Gold gekauft, ein blessiger Hengst, gescheckelt, von Brabanter Schlag, mit Augen, schoen wie dem Einhorn eeine und voll feuriger Freundschaft fuer seinen Meister: Wenn der zu ihm trat, so wandte es den blanken Hals nach ihm und wieherte 161 heXX vor Freude und Erboetigkeit, so durchdringend wie Hahnew Morgenkraehn. Sturmi hiess es* Ich liebe es selbst in seiner Wohlgedrungenheit # mit weisslichem Schweif und ebensolchem Schopf und Kammbehang - der kraeftig-feinen Fesseln und kleinen Hufe auch ruehmend zu gedenken. Der Seide gleich war sein gestriegelt Fell, darunter voller Kraft die Muskeln zuckten und spielten. Wie kleidete Sturmi die Kettendecke aus feinen, dichten Stahlringen, womit der Knecht ihn ruestete, darueber die Ko- verture aus gruenem, arabischen Acbmardil Die hing ihm hinten bis zu den Hufen und war zu beiden Seiten mit dem Fisch bestickt. So ritt Grigorss sein liebes Ross - und alles war ihm von Traumes wegen und kraft der Angeborenheit ganz wohlvertraut - selbst schoen bewahrt an Haupt, Leib und Bein, das Schwert am Hueftgurt, Arm und Hand in Schildesriemen, - so, sag’ ioh, ritt er den Sturmi oft, zusammen mit anderen Degen von der Herrin Lehn, zur Stadt hinaus, begleitet von einer Fuhre mit Turnierlanzen ohne Spitze. Denn, glaubt mir, die Spassigkeit und halbe Freundschaft, mit der im Winter der Minnekrieg gefuehrt ward, ging also weit, dass Staedter und Belagerer einander friedliche Waffenspiele boten und Frau Sibyllens Ritter sowohl wie die bur- gundischen, die einen vor den Augen der anderen, Schimpfturneie mit stumpfen Schaeften anstellten, teils zur eigenen Belustigung, teils damit die einen die anderen bedenklich stimmten durch den Anblick ihrer Reit- und Stosskunst. Dabei gewann Grigorss manche frueh ertraeumte Ehre und den Beifall der Feinde. Mich muss es ja freuen, dass ihm solche Frist und Fueglieh- keit gegoennt war, sich im Wirklichen Zu uebenj denn wuenschen muss ich, dass der Vorsatz, der ihm so starr und stumm im Herzen sass, Gelingen finden moege, - da ich doch als Erzaehler 162 n alles vorhersehe und weiss, wie Graessliches, zu sagen kaum, noch auszudenken, ihm eben aus dem Gelingen erwuchs« Saehe ich nicht in meiner unzukoemmlichen Allwissenheit auch ueber dies Graessliche noch hinaus und bis ans Ende, so muesste ich wuen- schen, dass der Knabe, so leid es mir um ihn taete, bei der Aus- fuehrung seines Vorhabens zu seiner Bewahrung lieber den Tod gefunden haette, - und dies zu wuenschen bin ich durch die Unsaeg- lichkeit des Kommenden trotz aller Vorsehung versucht, - wo ich doch wiederum weiss, dass mein Wuenschen gar keinen Sinn haette, da ich die Geschichte ja kenne und sie erzaehlen muss, wie Gott zu seinem Ruhme sie sich hat begeben lassen« Ich moechte nur in aller Demut auf die Konflikte hinweisen, deren Beute die Seele des Erzaehlers einer solchen Geschichte ist. Seht, durch grosse Suende, naemlich die seiner Geburt, und durch das heisse Bestreben, sie von sich abzuwaschen, ward mein Juengling in noch entsetzlichere getrieben! Viel las er in seiner Tafel und zwar mit Traenen, - ja ganz war es mit ihm, wie einst auf der Insel: erwies er sich wacker und von brennender Geistesgegenwart im ritterlichen Disport, so war er zugleich ein Sorgsamer und ein Trauerer auch, Tristan le preux, lequel fut ne en tristesse, wie Herr Poitewin kopfschuettelnd von ihm sagte, wenn er ihn mit verweinten Augen aus seiner Kammer kommen sah. Denn es war Grigorss* Gewohnheit, sich mit seiner Tafel, die er wohl verwahrt hielt, dort einzuschliessen, um zum hundertsten und aberhundertsten Mal seine gebuertlichen Bewandtnisse davon abzulesen: dass er seine Mutter zur Base und seinen Vater zum Oheim habe und sozusagen seiner Eltern drittes Geschwister sei, welches sie sich in Suenden und ihm zur angeborenen Suend und Schande erzeugt. Sein Leib war ganz wie anderer Menschen Fleisch, war recht und wohlgeschaffen und doch von Kopf zu Fuss ein Werk der Suend und Schande. Bittere Traeijen presste die Argnis seiner Geburt ihm aus, wenn sie ihm wieder geschrieben vor Augen stand, und sehr bekraeftigte sie ihn in seinem stillen Vorsatz, In die Schanze schlagen wollte er diesen seinen gaenzlich aus Suende bestehenden jungen Leib, ihn hinwagen in kuehnem Wuerfelwurf und entweder sterben (das war ihm ganz recht) oder sein verkehrtes Dasein rechtfertigen, indem er das Land vom Drachen befreite. Doch war das nicht alles. Denn in seinem Herzen trug er, heiligend dies auch ganz aus Suende gemachte Herz, das Bild der Frau, deren Stimme ihm so hold und reif erklungen, ihm so guetig den Uebermut verwiesen, so muetterlich bei ihm fuer ihn gebeten hatte. Wie gehorsamte man solchem Gebot und dankte solcher Bitte? Indem man sich opferte fuer die Gebietende oder fuer sie siegte und sie vom Drachen befreite! Dieser Drache war ein Mann, dem sie Abscheu trug, und ein Mann, wenn auch ein zum Laecheln junger, war er auch. Zu kaempfen mit jenem, Mann gegen Mann, hiess nicht nur fuer sie, hiess um sie kaempfen, und ob man 4at>ei den Leib verlor oder siegte, man musste durch beides ihre Huld gewinnen und zwar entsprechend viel der Huld, wie sie dem anderen Abscheu trug* Ja, ich will nur alles sagen und hier einschreiben, dass Grigorss dachte; Wenn jener siegte, den er hasste, weil er die Frau begehrte, und wenn der Verhasste sie davontrug, so wuerde sie im Zwange seiner Umarmung dessen gedenken und nach ihm rufen, der fuer sie und um sie gekaempft, und ein Sieg wuerde es also sein im Untergange. Der Wuerfelwurf, dachte er, wuerde ein Glueckswurf sein auf j eden Fall, -und mehr als den Suendenleib koenne er nicht dabei verlieren. 164 Aber nicht, dass er sich darum die Niederlage zu gestatten gedachte. Durchaus nicht, er gedachte, zu siegen im Zweikampf fuer die Frau, und als der Fruehling kam, die Lerche stieg, die Wildgans wiederkehrte und der weisse Storch vom Mohrenland, und als die Kunde laut wurde, Hoger der Spitzbart habe sich wieder eingefunden bei seinem Belagerungsheer vor dem halbtoten Bruges, da vertraute der Gast dem Wirte seinen laengst gehegten Entschluss, den Haarigen zu bestehen, koste es was es wolle, sobald der wieder seine siegessichere Herausforderung werde ergehen lassen. "Das moecht ich widerraten", antwortete der Schultheiss* "Glaubt mir, ich; trage Euch holden Mut, wie nun schon jeder hier, und halte mit Euch auf Eure Ehre. Aber habt Ihr damals auf der Bruecke auch praechtig abgeschnitteh und Euch drausöen mehrfach sozusagen als der Hagel der Feinde erwiesen, so sehe ich doch nicht, wie Euch dies Unterfangen gedeihen soll# Zwär habt Ihr Mut, Kunst und guten Sitz, und Sturmi ist staendig und wendig unter Euch. Doch seid Ihr letzten Endes noch schwank und unausgereift, und Euere streitliche Erfahrung Ist der des Herzogs nicht gewachsen, der auf dem Turniergrund ein ebenso sieghafter Gockel ist, wie in den Betten der Frauen'. Schlagt Euch die Grille aus dem Kopf! Sollen wir von der Mauer in Schand’ und Leid mit ansehn, wie er Euch als Ueberwinder hinwegfuehrt’, dass Ihr hinfort nach seinem Willen leben muesst?" "Das wird nie geschehen", fiel Grigorss Ihm schnell ins Wort, "denn nie geb» ich ihm Fianze, sondern siege oder sterbei Alles aber, was Ihr sonst sagt, von Turneiplatz und Betten Ist eher danach beschaffen, mich in meinem Vorsatz zu befestigen, als mich ihm abwendig zu machen. Es ist mir auf die Laenge nun 165 einmal ennuyant, fuer die Frau als Einer unter Vielen zu kaempfen. Nach Zweikampf fuer sie steht mir der Sinn, und da soll sich zeigen, ob der nicht besser streitet, der fuer ihre Freiheit steht, als der ihr Zwang und Schmach zudenkt im Kampfe." f "Ach, Freund’ 1 , seufzte der Schultheiss, "der Schanden letzte ist es am Ende nicht, das Ehgemahl des Koenigs vom Arelat und Hochburgund zu werden, und in manchem Herzen nistet der Zweifel, ob die Sache der Herrin so ohne Tadel ist, da sie absolut dem Lande keinen Herzog geben will und es deswegen im Banne des leidigen Minnekrieges haelt." "In meinem Herzen", entgegnete Grigorss und bekam sein schoe- nes Gesicht, "ist ihre Sache heilig!" Da sah der Maire den Juengling eine Weile an, und wenn seine Augen dabei verschwammen, so war es, weil in seinen Gedanken die Woertlein "fuer" und "um" wunderlich in einander schwammen. "Euch wuensch* ich", sprach er schliesslich, "Herr Obenaus, der Spitzbart moege seine Gewohnheit nicht wieder aufnehmen und sein Kartell gar nicht erst wieder ergehen lassen." "Eueren V/unsch verwuensch’ ich!" rief Grigorss, noch immer sehr schoenen Angesichts* Und nach seiner Verwuenschung ging es • Denn wie bald, da kamen zwei Reiter unter die Mauer geritten, der eine mit einem Heerhorn, worein er bruellend stiess, der andere mit der Loewenstandarte vom Arelat und Burgund, der rief hinauf, wenn die Herzogin noch einen Ritter habe, kuehn genug, mit Roger, ihrem unbesiegten Gebieter im Einzelkampf und im Turnei zu Ernste sich zu messen unter den Mauern der Stadt, den naechsten Tag, allen Buergern zum Schauspiel und zur Lehre, der moege nur hervorgehn und sich stellen;- freier Ausritt unter 166 ftf&r die Belagerer und gerechte KampfBedingungen seien ihm gewaehrt* - Denen wurde zu ihrer Verwunderung Bescheid, der Ritter werde kommen und hoffe, mit Gottes Gnade den Herzog zu bestehen. Am naechsten Morgen, vor Tagesanbruch, 'hoerte Grigorss die Fruehmesse und bereitete sich dann wie Einer, der zu Felde ziehtJ Waffenlich Gewand legte er an, und Herr Poitewin, obgleich mit vielem Schuetteln des Kopfes, half ihm selbst, sich streitlich zu bewahren mit Eisenhose, Harnasch, Haube, Helm und Hersenier, Schwert, Schildesrand und hoher Lanze. Deren Faehnchen war, wie sein Waffenrock, mit dem Fisch bezeichnet, und ihren Schaft umfasste, die Festigkeit des Griffes mehrmals erprobend, seine Rechte im gefingerten Eisenhandschuh. Waehrend der Ruestung sprach Grigorss zu dem Helfer: "Seid guten Muts und schuettelt den Kopf nicht allzu viell Es ist nun so, auf meines Lebens Tafel steht geschrieben, dass ich den Mann bestehen muss, ich siege oder falle, Fall* ich - was tut’s? Es ist an mir nicht viel gelegen. Diese starke Stadt mag weiter sich gegen den Spitzbart halten, so gut, wie eh’ ich kam. Stuerz* ich aber ihn, so ist das Land befreit vom Drachen und erloest vom Minnekrieg. Das wollt bedenken. Der Herzog ist im Nachteil, denn er wagt mehr, als ich, doch ist er eben deshalb auch wieder im Vorteil, denn besser kaempft, wer mehr wagt, als der andre. Im Nachteil aber hinwiederum ist er, weil er fuer den Raub und Zwang der Herrin kaempft, ich aber fuer ihre Ehre. Alles wohl durchdacht, ist mehr des Vorteils auf meiner Seite, als auf seiner. Darum hoffe ich, ihn mit Gott zu stuerzen, habe es aber, was an mir liegt, auf sein Leben nicht abgesehen. Dieses Gockels gieriges und gewalttaetiges Werben um die Herrin ist zwar abscheulich und macht ihn auch mir 167 zum Todfeind, dass er aber ihren Besitz als aller Gueter hoech- stes und eines Krieges von so viel Jahren fuer wert erachtet, dafuer hab ich auch wieder einen verstehenden Sinn und kann ihn ganz auf den Tod nicht hassen.” ”Ach, Junker”, entgegnete der Gastfreund, ”hasst ihn lieber mit voller Wut, denn die habt Ihr noetig, um seine erfahrene und reife Raufkunst zu bestehen!” "Ich bin mir meiner jugendlichen Schwankheit im Vergleich mit ihm bewusst”, versetzte Grigorss, "und halte sogar fuer moeglich, dass die Versuchung, zu weichen und mein junges Leben vor ihm zu retten, mich ueberkommen wird, wenn ich mit Entsetzen seine Ueberlegenheit erkenne« Ja, es koennte sich erweisen, dass ich meine Mannheit zu hoch veranschlagt habe, dass mir bei sei* nem Andrang aller Mut entsinkt und ich vor lauter Jugendlichkeit auf Sturmi Reissaus nehme, um doch wenigstens fuer meine Geschicklichkeit in der Flucht mir einigen Beifall zu gewinnen«” "Das saehe Euch wenig gleich", meinte Herr Poitewin. "Gleich oder nicht, man tut in jugendlichem Schrecken auch wohl, was einem nicht gleich ist. Darum bitt' ich Euch, habt Acht aufs Tor, wenn ich im Felde bin, stellt Mannschaft dahinter auf und haltet es mir wachsam zur Wiedereinkehr bereit, ob ich nun im Schritt des Siegers oder im gestreckten Lauf des Fluecht- lings ihm wieder nahe!” "Dafuer", versprach der gute Wirt, "will ich schon Sorge tragen«" Und er hoerte nicht auf, den Kopf zu schuetteln, in- dess dem Junker sein Pferd vors Haus gefuehrt ward, dies liebe Tierchen, - ich bin geradezu erfreut, es wieder in seiner streitlichen Aur. stufOierung, wohl gezaeumt, in Kettendecke und Kouvertiure zu sehen, und wie es stolz den Kopf warf und kuehn- 168 lieh prustete, Herr Poitewin schloss zum Abschied seinen Gast voll Sorge in die Arme und sprach: "Gott mit Euch, Freund, gut Ritterheil, bonne chance.i Und was Ihr sagtet, das tut nur: Wenn Ihr merkt, dass Ihr Ihm nicht gewachsen seid, reisst lieber aus und zeigt Eure Geschicklichkeit in der Flucht! Das Tor soll Euch bereit sein, und Ihr werdet vom Lachen ein gut Teil auf Euerer Seite haben." "Schon recht, lebt wohl, gedenket meiner freundlich, falls ich bleiben sollte!" versetzte Grigorss.. "Des ist jedoch nicht gross Gefahr, da ich zwei Moeglichkeiten habe, heil zurueckzu- kehren, naemlich indem ich ihn schlage oder ihm bei Zeiten entkomme." Damit schwang er das Eisenbein ueber Sturmis Ruecken, warf den Schild zurueck, nahm die Zuegel mit seiner bewehrten Hand und ritt zur Stadt hinaus in das zerstampfte Vorfeld, unter den Augen zahlloser Staedter, Maenner und Frauen, die in Schaubegier Mauer und Burgwehr besetzt hielten, - ritt gemaechlich unter die Burgunder, die auch zu Häuf gelaufen kamen, um zu sehen, wie wieder Einer vom Lehn der Herzogin zu Schanden werden wuerde vor ihrem Herrn* "Frischling!" riefen sie ihm zu, als sie den Ritter vom Fisch erkannten. "Dich sticht der Haber, Frechling! Will sich messen mit Roger, dem Unueberwindlichen! So eine Freche! Kannst es wohl nicht erwarten, deinen Meister zu finden? Biet ihm lieber gleich Sicherheit, es ist dir besser!" Das hoerte Grigorss sich eben an und ritt zu ins Gelaende, gerade gegen des Herzogs Zelt, bis er den sich entgegenkommen sah, hoechst ritterlich zu schauen. Auf einem hochbeinigen Rappen, der gewappnet war bis zu den Hufen, ritt Sibyllens zaeher 169 Freier, und auf dem Eisendach des Rosses lag eine Decke, sammetrot, Drauf sass der Sieggewohnte, auch ganz in Eisen, und Blitze schossen von seinem Schildgespenge, das ausgeziert war mit Edelsteinen rund um den Buckel aus rotem Gold, in Glut ge— klaert. Von dem kam das Blitzen. Der Helm ging dem zu Fuerch- tenden ueber den ganzen Kopf und ragte ihm spitz vorm Gesicht, mit Augenloeehern. (Grigorss aber hatte das Gesicht frei in der Halsberge.) Einen Speerschaft fuehrte der sehr zu Schauende, das war ein junger Baum mitsamt der Rinde, grimm anzusehen dieser ganz besonders. Es war denn auch, als ob der Waghals auf Sturmi den Anblick des Gegners nicht ertruege, denn er warf bei seinem Nahen sein Tier herum und sprengte zurueck beinahe die ganze Strecke, die er gekommen, fast bis unters Tor, hinter ihm mit geschwungenem Rindenschaft der Funkelnde, der schrie durch seinen Helm: "Steh, Milchbarti Steh, Muttersoehnchen, feiger Unglueckswurm! Warst du frech genug, herauszukommen, so steh auch und nimm deine Zuechtigung!" Das gab ein grosses Lachen unter den burgundischen Rittern und Mannen. Grigorss aber, sich wieder wendend, rief: "Ihr lacht wohl ueber Eueren Herzog, der, scheint's, nicht weiss, dass man fuer einen langen puneiz sorgen muss beim Holmgang? Blast nun das Zeichen, damit wir r s nach seinem V/illen austragen, unbedingt und zum Aeussersten, bis einer von uns nicht mehr kaempfen kann!" So toente denn das Heerhorn, und der Zweikampf begann. Mein moenchisch H e rz hat garnicht Anteil an solchem Maenner- unfug und ritterlichem G eblaeu, ich mag es nicht, und waere nicht der sehr sonderbare und fuer den Augenblick so glueckliche, 170 in seinen Folgen aber graeuliche Ausgang, so kuendete ich nicht erst davon. Auch werde ich bestimmt nicht in Gesang und Liedestakt verfallen, wie es Herrn Poitewin geschah beim Kuenden von Grigorss' Kecklichiceiten. Dazu laesst meinen geistlichen Sinn das Pruegelfest zu nuechtern. Ohnedies weiss jeder, wie es gehalten v/ird, und wie sie's treiben. Sie schlugen die Speere unter die Arme, rueckten den Schild hoch, und in vollem Lauf, mit viel Geklapper und Geklirr, berannten sie einander zu prasselndem Zusammenprall, dass einer dem andern mit dem Speere gleich beikaeme und ihn vom Sattel stiesse. Das schlug beiden fehl. Die Speere splitterten an Schild und Panzer, ihre Stuecke flogen hoch in die Luft, darunter die Rinde von Rogers Baum,und ausgerichtet war garnichts. Sass schon Grigorss unerschuettert auf Sturmi, wie fest auf seinem geschienten Rappen sass erst der Herzog! Wenig, wuerde ein Dichter sagen, vergassen sie da ihrer Schwerter. Wie sollten sie ihrer auch vergessen, da ihre Speere hin waren? Fuer die Schwerter war jetzt der Augenblick gekommen. Aus den breiten Scheiden zogen sie sie und schmiedeten damit auf einander los, dass die Schlaege hinhallten uebers Feld und zu den Ohren der Gaffer auf der Mauer, dass es nur so lohte und funkte beim Treffen von Stahl auf Eisen. Wahrhaftig, sie waren gleich gut, und mehrmals war jeder halb betaeubt vom Schwirren seines Helmes, auf den des anderen Schwert gefahren. Die Rosse traten und taenzelten um einander herum, wie die Reiter fochten und einander Schlagesvorteil abzugewinnen suchten? bald standen sie seitlich zu einander, bald Stirn zu Stirn. Des Herzogs Andrang aber schien, ganz wie seine Helden vertraut und die Staedter gefuerchtet hatten, gewaltiger doch, als der des jugendlichen Gegners: Langsam wich Grigorss vor seinen Meister- 171 äMwiutxu IliUtt! ii awi^ii>aMiiuu iii^» n iii Mi ii r i’i i w«^iidimi«^ i i'iiiiii i riii i i W te)iir^ii3 t< schlaegen zurueck, immer naeher gegen das Tor, und ein Augenblick kam, schrecklich fuer den, der hoffend es mit dem Juengling hielt, - er ward entwaffnet1 Ja, da zeigte sich des Herzogs ueberlegene Reife: jaehlings schlug er dem andern das Schwert aus der Hand, dass es im Bogen von ihm flog und lauter Jubel und Triumphgeschrei ausbrach unter den Burgunden und bei den Buergern lautes Wehe. Indess aber das Schwert noch flog, war etwas andres geschehen, blitzschnell, was mir bei aller Abneigung gegen das Maennergeraeuf den Sinn erheitert, und was niemand sogleich verstand: Grigorss hatte mit seiner schwertfreien Rechten im Eisenhandschuh dem Ross des Spitzbarts in den Zaum gegriffen und mit demselben unbedingten Griff auch dessen Schwert gefangen, das noch vom sieghaften s chlage unten war. Die hielt er nun beide unbedingt, Zaum und Schwert, und im selben Nu fing Sturmi an, aus allen Kraeften seines kurzen, lieben, gedrungenen Leibes rueckwaerts zu gehen und den hohen Rappen mitsamt dem Herzog, dem es um nichts in der Welt gelingen wollte, sein Ge- waffen aus diesem unbedingten Griff zu befreien, vor sich her zu ziehen zu der Bruecke und gegen das Tor. Gott mag wissen, ob das goldige Tier diese Verrichtung ge- uebt hatte vorderhand, oder ob es nur die Schenkelweisung des Herrn im Augenblick so klug verstand, genug, es zog, und Herzog Roger, schimpfend durch seinen Helm, mochte wohl am Zuegel zerren und zugleich seine Maehre spornen: die tat darum nur einen Satz vorwaerts, also dass auch Sturmi einen Satz rueckwaerts tun musste - nicht weiter unlieb dem Tierchen. Was aber Grigorss betraf, - ich weiss noch, wie er sich beim Ringkampf mit seinem gleich guten Bruder eher den Schaedel haette ein- druecken lassen, als dass er aus seiner Stemmlage gewichen waere. 172 So auch hier, nur noch viel unbedingter, und eher haette er damals geduldet, dass Flann seine Schulter zu Boden drueckte^ als dass er nun abgelassen haette von seinem Griff um Schwert und Zaum. Das Schv/ert zerschnitt ihm die innere Panzerung der Hand und schnitt ins Blut, doch darum liess er nicht locker und fing mit seinem guten Schild die Schlaege ab, die Roger mit dem seinen wuetend zu fuehren suchte auf seinen Kopf und Arm. Sturmi aber zog. Kurz war die allgemeine Verblueffung durch dies Geschehen. Dann stuerzten des Herzogs Mannen ihm mit Wutgeschrei zu Hilfe, ihnen entgegen aber warf sich durchs aufklaffende Tor Mannschaft der Stadt, also dass sich auf der Bruecke eines der haertesten Handgemenge entspann, die man je gesehen. Dem Grigorss ging ein Wurfspiess durchs Hersenier beim Schlussselbein in den Hals, sodass er, arg verwundet, das Geschoss kaum abzuschuetteln vermochte, und auch Sturmi blutete mehrfach am Leibe. Da aber waren sie dem Tore schon so nahe, dass man dem Herzog haette zurufen moegen: "Steig ab, Mann! Gieb Valet deinem gefangenen Schwert, das nun einmal in unbedingtem Griffe ist, und lass dich vom Pferde fallen in die Arme deiner Beschuetzerl" Aber das wollte und konnte der Recke nicht. Fahren lassen sein Schwert, mit dem er den Fant entwaffnet? Vom Rosse sinken wie ein Besiegter? Das nie und nimmer! Auch hatte er wohl nicht rechte Umsicht wegen seines behelmten Gesichtes und wusste nicht ganz, wie ihm geschah* Schallende Schlaege fuehrte er mit seinem Schilde auf den Schild des blutenden Entfuehrers. Schon aber krachte es ganz anders: Das waren der Porte schwer beschlagene Fluegel, die zufielen hinter Ross und Mann und Mann und Ross, und in ihre Furchen fuhren knirsehend die Balkenriegel. 173 Nicht wenige staedtische Streiter waren leider ausgesperrt; die wurden wohl erschlagen. Aber sie waren ja nur Nebenpersonen, und Roger, der Spitzbart, v/ar gefangen. Der Handkuss \ Koennt ich nur ohne Vorbehalt und schweres Vorwissen den Freudentaumel, den alle Luefte erfuellenden Glueckes- und Dankesjubel der Staedter teilen, da durch Grigorss’ Unbedingtheit das Land vom Drachen befreit war und der Verwuester entwaffnet und gebunden im Verliesse des Torturms lagl Umarmen moechte ich den Sieger, so jugendlich, und den wackeren Sturmi geradehin auf die Schnauze kuessen, aber zum ersten haelt der Gedanke an das Graeu- liche, das nachkam, mich von diesen Bezeigungen zurueck, und zum zweiten durfte man Grigorss garnicht umarmen, denn er war speer- und schwertwund, das Gewand beronnen diesmal vom eigenen Blut, und sank, als ihn das Volk im Triumph vor seine Herberge, des Amtsmanns Haus, gebracht, ohnmaechtig von Rosses Ruecken. Balsam und gute Pflege war denen beiden not, und die wurden ihnen zuteil. Die Staedter aber hatten den Tag viel anderes noch zu tun, als nur zu jauchzen und sich die Schenkel zu schlagen; denn der erboste Feind liess es an einem Hauptsturm auf die Stadt nicht fehlen, um seinen koeniglichen Herzog zu befreien, und bis zum Abend waehrte sein wildes Muehen: Mit donnernden Rammbalken berannte er die Tore, Ebenhoehen, mit Streitern bestanden, rollte er ueber den ausgefuellten Graben an die Mauern, legte Sturmleitern an und schleuderte Stein und Eisen die Menge in die Feste. Da musste noch mancher Buerger und Burgunder das Leben lassen. Am Abend aber ermattete der Sturm, und da die Staedter die draussen wissen Hessen, wenn sie noch eine Hand 174 erhoeben gegen die Stadt, so sei das Leben ihres Herrn und Herzogs gleich verwirkt, so wurde der Angriff auch nicht erneuert** Unterhandlungen schwebten, so gab man kund, zwischen Flandern-Artois und Arelat-Burgund von wegen Beschwoerung der Urfehde und der Beendigung des Minnekrieges, und solange moech- ten die draussen sich fein still verhalten. Sehr zutreffend war diese Botschaft; denn Roger, der Spitzbart, fand sich vor die Wahl gestellt, entweder um seinen Kopf sich kuerzen zu lassen oder Land und Burgen zu raeumen, sich fuer immer in seine Grenzen zurueckzuziehen und dazu an Buss- und Loesegeld zehn Jahre lang eine wohlberechnete Summe zu entrichten, um aufzukommen fuer allen Schaden, den sein Liebeseigensinn verschuldet. Da gab er stolze Antwort, wenn auch erst nach innerem Kampf. Er habe, liess er sagen, ritterlich um der Frauen Gunst geworben so manches Jahr und alles aufgeboten, um ihr Herz zu gewinnen. Wenn sie sich aber derart gegen seinen Antrag sperre, dessen Ernst er auf j ede Art bewiesen, und ihm zuletzt noch einen bue- bischen Buben ins Feld schicke, den er zwar spielend besiegt, der ihn aber dann allem Komment zuwider in diese Falle gezerrt habe, so sei er beleidigt, widerrufe seinen Antrag und weise ihre Hand zurueck, ohne ihr Hoffnung zu lassen, dass er sich je wieder um dieselbe bemuehen werde. Urfehde zu schwoeren und das Land zu raeumen, sei er bereit und sei reich genug, das Bussgeld fuer sein Werben zu zahlen, ohne sich deshalb etwas abgehn lassen zu muessen. Die Fraue aber, so fuegte er hoehnend hinzu, moege sich statt seiner edlen Person nur lieber den buebischen Buben ehelich zu Bette nehmen, den sie ihm hinausgeschickt, auf dass er die heilige Sitte des Zweikampfs schaende durch schnoede Trickerei. Er wusste nicht, welch Ungeheures er mit seinem Hohne anempfahl und gleichsam vom Himmel herab - ich sage besser: aus der Hoelle heraufbeschwor. Haette er es gewusst, mag sein, es haette sein Herz gekuehlt. Ich glaube aber, selbst er haette sich kristlich entsetzt, solche Anempfehlung auch nur im Hohn zu machen. Man brauchte sich aber um die Ornamente, mit denen er sich die Unterwerfung leidlicher zu machen suchte, nicht zu kuemmern. Diese war es, die zaehlte, und auf dem Platz des Muensters wurde in feierlicher Handlung, von burgundischen Grossen, die man hereingelassen, unterm Segen der Klerisei und dem "Ja, ja, so sei es" allen Volkes, der Friedensschwur geleistet, in dem Beisein der Herzogin und im Beisein auch Grigorss*, des Befreiers, der, verbunden noch den Hals und verpflastert die Hand, in dieser Stunde die Frau, von deren holder Reife und Guete er Bild und Klang bestaendig im Herzen getragen, zum erstenmal wiedersah. Und sie auch sah ihn wieder und freute sich seiner Ehren; denn es sei nur gesagt, dass auch ihr sein junges Bild angenehm vorgeschwebt hatte all die Zeit, ferner, dass zaertliche Besorgnis, wie solche das Leben sie noch nie gelehrt, sie ankam durch seine wunde Blaesse und zugleich wallender Stolz darauf, dass er so unbedingt fuer sie gestanden. Kaum, sag’ ich, achtete sie recht der Zeremonie, denn sie wusste, dass danach der Jueng- ling droben auf der Burg vor sie gestellt sein werde, damit sie ihm danke; und darauf, gesteh* ich, freute sich die Frau. Ich gestehe: sie stand im Halbkreis ihrer Damen und sah ihn durch die Weite des bebalkten, von Wappenpfeilern gestuetzten Teppichsaales auf sie zukommen schoenen Ganges, auf ranken Beinen im Schmiegestoff; und auch auf seinen ranken Gang, gesteh* ich, war sie stolz. Guter Gott, er sah ihr ja aehnlich, wie er 176 da vor sie trat, denn Wiligis, seinem Vater, sah er aehnlioh, und wie haette er also ihr nicht aehnlich sehen sollenl Sie aber sprach diese Aehnlichkeit ganz anders an, als uns, naemlich als Annehmlichkeit nur, die sie anmutete, und wenn sie an Aehnlichkeit dachte, dann nur in Bezug auf den Verlorenen, aber nicht auf sich selbst. Konnte ein junger Mann nicht an den Bruder-Geliebten erinnern und ihr dadurch die Seele ruehren, ohne dass sie darum verpflichtet gewesen waere, auf ausschweifende Vermutungen zu verfallen? Aber dass sie so stolz auf ihn war, sogar auf seinen Gang, das haette, nach meiner Meinung, der Frau zu denken geben sollen. Er kniete, und sie sprach: ''Ritter, ich hiess Euch aufstehen, als Ihr an heiliger Staette vor mir knietet, weil alle Ehre dort der Hochmuetter- lichen gebuehrte. Heute und hier ist alle Ehre Euer, und wieder sag» ich drum: Erhebt Euch! Waere ich nicht ein Weib, und waeret Ihr so jung nicht - so jung das Blut, das Ihr fuer uns vergosset - wahrlich, mir geziemte vor Euch zu knieen, denn Wunder habt Ihr verrichtet fuer Herzog Grimalds und seiner Tochter Land« Wo ist die Hand, die unentwegt und ohne Wank Zaum und schneidend Schwert festhielt, bis der Schaecher in Banden lag? Lasst sie mir, dass meine Lippen ihr dankenf' Und sie nahm seine Rechte, die noch schlecht genesene, die er im Guertel barg und fuehrte sie an ihren Mund. Das war garnicht gut. Die Kaemmerinnen fanden es ueber- trieben, und ich bin noch schaerfer in meinem Urteil. Denn warum zog es sie, seine Hand zu kuessen? Weil er Errettendes damit getan, oder weil er sie an Wiligis erinnerte, der mit der seinen erzsuendlich ihren Leib gekost? Ich sage Euch: die Frau 177 pruefte sich nicht genug und unterschied zwischen Dankbarkeit und Zaertlichkeit nicht mit gebotener Sorgfalt. Zu jener hatte sie gerechten Grund, - so gerechten, dass sie sich dadurch der Pruefung ueberhoben fand, ob nicht die Dankbarkeit dennoch nur ein Vorwand war fuer die Zaertlichkeit. Sie war eine fromme Fuerstin und hielt Nachtwachen viele; aber um ihre geistliche Unterscheidung stand es gleichwohl nur mangelhaft. Ein wundes Glied zu kuessen, ist um Christi marterlicher Wunden willen zwar loeblich; aber wohl auf der Hut zu sein, ob es aus Demut und Liebe zur Krankheit oder aus Freude am Kuessen geschieht, das ist erst kristliche Feinheit, und da fehlte es der Frau. Grigorss stand, die Wundblaesse von Blut uebergossen. "Herrin, was tut Ihr! Diese Beruehrung wird brennen auf meiner Hand und sie zu edler Tat verhalten, das schwoer ich, mein Leben lang! Doch womit verdient ich diese Huld? Aus Suende ist unser Leib gemacht. Wozu denn taugt er, als dass wir ihn in die Schanze schlagen und ihn daran geben fuer die bedraengte Unschuld!" Sie schlug die Augen nieder, die schoen bewimperten, und hob sie auch nicht wieder auf zu ihm, als sie mit halber Stimme, die Worte nur mit den vorderen Lippen bildend, sagte: "Kinder der Suende sind wir saemtlich. Mir aber scheint es oft, als waere ein Widerspruch in der Welt zwischen Suendigkeit und edlem Mut, zwischen des Leibes Elend und seinem Stolz» Ist er verworfen, wie mag er dann frei und kuehn blicken und so adeligen Ganges sich erdreisten, dass es selbst den, der es nur sieht, mit Stolz erfuellt? Der Geist ist unsres Unwerts kund, doch um sein Wissen unbekuemmert haelt die Natur sich wert. Eines kristliehen Ritters war Eure Rede. Selbst zwischen Wort 178 it-jnt- nr-nn:: ::ss;r.r,r % :.i: s h- ; .KiiStKitK^yifflsuwaa und Zuwort aber scheint es mir zu klaffen wie Widerspruch. Woher nimmt des Kristen Demut und Niedrigkeit Mut, Edelmut und Uebermut des Ritters?” "Herrin, aller Mut und jedes kuehne Unternehmen, dem wir uns weihen, und bei dem wir unser Alles uns Aeusserstes einsetzen, entspringt nur dem Wissen von unsrer Schuld, dem heissen Verlangen entspringt es nach Rechtfertigung unsres Lebens und danach, vor Gott ein Weniges abzugleichen von unsrer Suendenschuld." "So kaempftet Ihr um Gottes und Euerer Rechtfertigung willen?" "Ich kaempfte, Frau, fuer Euch und Eure Ehre# Zu Unrecht trennt Ihr das eine vom andern." "Ihr kaempftet wunderlich. Wollt Ihr mir wahr sein und gestehen, ob es des Herzogs Kunst war, die Euch das Schwert aus der Hand schlug?" "Nicht ganz. Ich bin Euch wahr. Es musste geschehen, mit Hilfe seiner Kunst, damit ich zu tun vermoechte, was ich mir vorgesetzt." "Ihr wolltet wohl zeigen im Uebermut, wie man das Schachzabel gewinnt, nachdem man die Koenigin geopfert?" "Nein, Herrin, sondern ich hatte vorbedacht, der Gefangene werde Euch mehr wert sein, als der Tote." "So jung und schon so staatsklugl Ihr hasstet ihn wohl gar nicht ?" "Von ganzer Seele hasste ich ihn. Aber nicht meinem Hasse wollte ich froehnen. Ich weiss nicht, ob ich den Raeuber haette toeten koennen. Mag sein in einem Augenblick, so ausnehmend gesammelt, wie der, in dem ich Schwert und Zaum ergriff. Doch war ich nicht fuer meinen Hass in diesen Kampf gezogen, sondern fuer Euch." 179 pl i!:l| “Zu Unrecht, scheint mir, trennt Ihr das eine vom andern* Der Mann, den Ihr verschontet, hatte mir Zwang und Schande zugedacht "Euch zu besitzen, Herrin, war dieses Mannes Ziel* Er kaempfte um Euch und tat es auch im Zweikampf mit mir, Euerem Knecht, den kein Zweikampf vergessen lassen durfte, dass er nur fuer Euch kaempfte.“ “Weise unterscheidet Ihr diesmal und ueberlasst mit Billigkeit dem Gegner das Recht auf hoehere Ziele. So klug besonnen wie heldenhaft habt Ihr gekaempft und den Drachen eingeliefert, der um mich kaempfte. Aufatmend dankt Euch das Land, dem neues Leben durch Euch geschenkt ist, und kuesst die so ausnehmend festhaltende Hand* Sie wird, so denk’ ich, nach neuem Pesthalten begierig sein, ist sie erst ganz geheilt. Dies schoene Abenteuer gilt Euch, vermut* ich, als eines unter vielen. Ihr zieht nun weiter auf Ritterschaft?“ “Wuerde mir, Herrin, Euere Huld vergeben, wenn mich deuchte, als sei diese Staette das vorbestimmte Ziel meiner Irrfahrt gewesen, und wenn mir’s ums Herze waere, als sollte ich bleiben und Eurem Dienst mein ganzes Leben weihen?” “Wie duerfte ich Euch, Ritter, etwas weigern? Ich bin von Euerem Wunsch durchaus angenehm beruehrt» So bleibt. Auch duerft Ihr in der Mairie nicht laenger hausen. Euer Platz ist an meinem Hof. Zu meinem Seneschalk erheb ich Euch, getrost, dass niemand mich schelten wird, weil ich Eure Jugend mit diesem Amt bekleide. Euer Verdienst wuerdigt Eure Jugend und schlaegt jeden Einwand nieder. Es gibt keine Erhebung, die Euer Verdienst nicht rechtfertigte. - Kniet nicht, ich will's nicht! Habt nun Urlaub! In meiner Umgebung seh Euch wieder.” 180 Und sie ging durch ihre Frauen, die ihr folgten. Dies Gespraech muss man sich sehr rasch gefuehrt denken, das war ihm eigentümlich. In wenigen Minuten, halblaut, ohne Pause und Besinnen lief es ab* Vor Zeugen ward es gehalten und war doch wie eine eilige Abrede Im Geheimen, bei der die Augen einander oefter mieden als suchten und gar kein Anhalten war zwischen Spruch und Antwort, noch zwischen beider Saetzen, sondern die Worte geschwind, genau und leise fielen, bis es hiess: "Habt Urlaub. Ich seh Euch wieder. Sibyllas Gebet Auf atmete das Land, und neues Leben war ihm durch Grigorrs' unbedingt griffeste Hand geschenkt. Wo es Rousselaere und Thorhaut heisst, gegen das Meer hin, gruente auf friedsam bestellten Feldern wieder der nutzbare Flachs, und wieder tanzten die Bauern vor plumper Freude in den Schenken. Neue Herden weideten auf den Hoehen des aeckerreiohen Artois und trugen Wolle zu guten Tuchen. Frei waren Staedte und Burgen, hergestellt von Schaeden, von Feindesschmutz gesaeubert, und Sibylla, Grimalds Kind, hielt Hof zu Belrapeire, wo sie ihre Kindheit und suendige Jugend verbracht. Dorthin, von wo der suesse Bruder einst auf Kreuzfahrt gehen und sie selbst, so schlimm gesegnet, hatte scheiden muessen, um sich in Herrn Eisengreins Wasserschloss zu bergen: dorthin hatte es sie unwiderstehlich gezogen^ denn allen Ist uns der Wunsch eingelegt, in das Gewesene heimzukehren und es zu wiederholen, damit es, wenn es unselig war, nun selig sei. Grigorss, der Retter, war ihr Seneschalk. Kein Murren gab es gegen seine Erhebung, und dass er, Im Range gleich mit Herrn Feirefitz, dem Truchsess, an ihrer Seite zur Tafel schritt, war allen recht» Denn belebter schien nun der Fuerstin Leben, nicht so herb eingeschraenkt auf Wachen und Beten, abhold nicht laenger so streng und scheu den Freuden des Hofs, Sang und Saitenspiel und loser Konversation im Saal und Rasengarten. Das machte gewiss die glueckliche Beendigung des Minnekrieges und die Erleichterung ihrer Seele nach so langer Not. Aber ob es nun daher und woher es sonst immer kam, - dem Hof und Lande floesste es Hoffnungen ein, die sich lange ob der herben Abgewandtheit der Herrin nicht hatten regen und zum Gegenstand der Beratung werden moegen. Nun aber traten des Reiches Allerbeste und Weiseste zusammen und berieten instaendig darueber, was zu wuenschen und allenfalls denn auch zu hoffen sei: Jedem wurde das Wort zuteil, und jeder sagte mit Nachdruck dasselbe, was der vor ihm gesagt. Zu Arras war es im hohen Saal, da ratschlagten und beschlossen Burggrafen, Standesherren und Haeupter der Staedte wie ich hier sage. Da nun, so hiess es, dies Land, so notvoll eben noch, sein Leid bewaeltigt habe und friedlich bluehe, wie frueher, so bleibe den Sorgenden die Sorge und tue der Zweifel ihnen weh, es moechte auch wohl noch einmal so kommen und wieder ein frech Gewaltiger sich begehrlich ueber die teuren Gaue hermachen und sie schaenden. Ein so grosses Land sei schlecht bewahrt durch eine Frau, und sei sie die aller Huldigung Werteste, vor freveligem Uebermut, und wenn es einen Herrn und Herzog haette, lange entbehrt, ja, wenn die Frau einen Herrn haette, dessen pures Dasein das Keimen auch nur eines Minnekrieges verhueten wuerde, und der, die Brauen gerunzelt, an sein Schwert schluege beim Drohen der leisesten Ungebuehr, wie ganz anders, traun, waere man dann auf dem Planl Zwar wisse man und beherzige es mit Achtung, dass die 182 Frau um Gottes willen gesonnen sei, nie einen Mann zu haben. Sie aber, des Landes beste Auswahl, seien ungeachtet achtungsvoller Beherzigung einhellig der Meinung, dass sie unrecht daran tue und Gottes Willen faelschlich deute, Uebel waere es um ihr Leben bestellt, liesse sie ein so reiches Land ohne Erben zugrundegehen, und genehmer handle sie vor Gott und der Welt, wenn sie einen Mann erkuere und durch ihn dem Reiche Erben schenkte. Ohnedies sei eheliche Heirat das beste Leben, das Gott den Menschen gegeben habe; wie nun aber erst besonders in ihrem Falll - Dies der Herrin als Ratschluss und inbruenstige Bitte des ganzen Landes und seiner Besten vorzutragen und um Erlaubnis fuer den Antrag einzukommen, ward ohne Widerspruch und Stimmenthaltung durch Zuruf ausgemacht und dabei noch eingefuegt, dass es gaenz- lich der Frau solle freigestellt und ohne Bedingen anheimgegeben sein, wen sie zu ihrem Herrn und Herzog nehmen wolle. So erging ihrer aller Wille, und sehe ich ihn mir an, besonders diesen letzten Einschub, der glauben machen koennte, es sei Sitte, dass eine Fuerstin sich nicht freien lasse, sondern selber freie und entgegen keuscher Weibesart auf den weise, den sie haben wolle, so kann ich mich der Vermutung nicht erwehren, dass die Gedanken der Landesbesten bei ihrem Antrag in einer bestimmten Richtung gingen, dass sie der Herrin eine goldne Bruecke zu bauen wuenschten, und dass Sibylla dies auch garnicht misskennen konnte. Nach Staatsbrauch wurde sie im Voraus mit dem Inhalt dessen bekannt gemacht, was man in Freimut ihr vorzutragen wuenschte, und es haette bei ihr gestanden, den Vortrag abzulehnen. Sie gewaehrte ihn jedoch in ihrer Belebtheit, natuerlich unter Vorbehalt ihrer Stellungnahme, Aber wie sehr war schon diese Gewaehrung danach angetan, die Hoffnung zu beleben! 183 iBiii miWYiltffihi miiiiim i {»i Vor dem Stuhle der Herrin standen die Landesbesten, und einer las den Akkord, fast woertlich wie ich ihn oben dargetan. Dann liess er sinken das Pergament und blickte zu Boden. Alle blickten zu Boden, auch Sibylla, und in der Stille hoert mein feines Ohr ihr Herz schlagen, - auch die Besten, glaube ich, hoerten es; sie hoben alle ihre Augen ein wenig auf, schraeg in den Winkel, und lauschten auf den Schlag. Dann kam der Frauen Stimme in klangvoll holder Reife, wie man sie zu vernehmen gewohnt war. Sie verkenne nicht, sprach sie, Ernst und Wichtigkeit des Antrags und noch weniger die treuliche Sorge um des Landes Wohlfahrt und um ihres Hauses Geschick, aus welcher er hervorgegangen. Nachdenklich stimme sie der Rat und gefuegig bis zu dem Punkt, dass sie ihn fuer erwaegenswert erachte. Doch zu sehr widerstreite er dem Bilde ihres Lebens und ihrem Vorsatz, es als Gottesmagd, ohne Mann, zu verbringen, gehe zu laesslich auch an der Schwierigkeit vorueber, welche es ihr bereite, in der Kristenheit einen ihr wirklich ebenbuertigen Gatten zu finden, als dass Bescheid von ihrer Seite sogleich ergehen koenne, Sie muesse vom Lande Bedenkzeit fordern - sieben Wochen wuerde sie fordern, waere nicht dem Gesuch das Dringlichkeitsgepraege so stark aufgedrueckt worden. So begnuege sie sich mit sieben Tagen. Am achten moech- ten die Edlen und zu Achtenden sich wieder vor ihr einfinden, um zu hoeren, wie sie beschlossen, und gefasst sein auf ihr Nein so wohl wie auf ihr Ja. Denn grosse Fuegsamkeit bekunde sie allein schon durch die Erwaegung. So beschieden, nahmen die Bittsteller Urlaub von der Herrin. Der aber schlug nach ihrem Weggang auch das Herz noch immer hoch und wonnig-bang. Sie laechelte, erschrak vor ihrem Laecheln, tilgte es streng von ihrem Antlitz, Traenen traten in ihre Augen, 184 und da eine ihr ueber die Wange rann, musste sie nieder laecheln. Solche Verwirrung schuf ihr der Antrag, der an sie ergangen. In ihre Burgkapelle eilte sie, da sah sie niemand, und. du konnte ihr Herz ausfliessen im Gebet; nicht zu den maennlichen Wesenheiten der Gottheit, sondern zu der Mutter, dem hehren Himmelsweib, der wallte all ihr Vertrauen zu, da sie mit Gott selber nicht gut stand, ihrer Suende und danach ihres Trotzes wegen. Von der Gebenedeiten war vor dem Schemel, wo sie kniete, ein schoenes Bild ausgespannt, aus guter Schule; naemlich wie sie's erfuhr und von dem Fittich-Boten die ungeheuere Botschaft in suesser Demut empfing, - in einer Kemenate von Holz sass sie, in faltenweitem Kleide,hinter dem Scheitelhaeuptchen einen Kreis von Glorie und zwischen den erhobenen Haendchen ein Buch, darin sie in aller Unschuld gelesen, und wovon sie halb ungern das Koepfchen wandte, so als kehrte sie lieber zu ihrer stillen Be- schaeftigung zurueck, als dass sie des lockigen Engels achtete, der an der Tuer in weissem gebauschten Unterkleid und blauem Mantel hockend schwebte, nach oben weisend mit dem Finger seiner Linken, und in der Rechten es schriftlich hatte: ein gerolltes Blatt, worauf es in Lettern geschrieben stand, was sein kleiner roter Mund der Magd erpeffnete. Sie aber blickte unter gesenkten Lidern zwischen ihm und dem Buch hinab zum Estrich in heiliger Ziererei, als wollte sie sagen: "Ich? Wie denn wohl? Das kann nicht sein. Du hast zwar Fittiche und hast es schriftlich und kamst ohne die Tuer zu oeffnen, ich aber sass hier ohne den leisesten Gedanken der Ehrsucht bei meinem Buch und war auf solche Heimsuchung nicht im Entferntesten gefasst." Zu diesem lieblichen Bilde blickte Sibylla auf von ihrem Schemel und betete: ; üi 185 “Maria, milde Koenigin, nun hilf mir, heilig Megedin* Gottesgemahlin, suesse, rat und hilf der Suenderin, die deines zarten Geschlechtes und ganz verwirrt ist von dem Antrag, den man ihrer Weibheit gestellt, da flieht und fleht sie zu deinen Hulden, dich ihrer zu gedulden in ihrer Krankheit und Unwitzigkeit, du Trost der Kristenheit, des heiligen Geists erkorenes Pass, das er sich sonderlich erlas zu diesen Wunderehren, aus deinem Schoss zu gebaeren, den allerbesten Mann, der je in die Welt kam, naemlich Gott selber* der dich zur Mutter ersehn, das ist viel hart zu verstehn] “Sancta Maria, gratia plena, der himmlische Hof singt all dein Lob, lobt dich der Cherubin, preist dich der Seraphin, alle die Heere der heiligen Engele, die vor Gottes Antlitz stehen von Anbeginn, Propheten und Apostolen und alle Gottes Heiligen, die freuen sich immer dein, reinestes Magedein, die Gott den Sohn gebar, der Er selber war und in deinen Schoss einging, o hehrstes Wunderding] “Milde Maria, gnaedige Maria, suesse Maria, benedictus fructus ventris tuiJ Stella maris bist du genannt nach dem Stern, der an das Land das muede Schiff geleitet, so hast du auch bereitet Ankunft dahier, Ankunft bei mir, dem so genehmen Knaben, dem muss ich Gedenken tragen, beides, bei Tag und Nacht, da er mir Heil gebracht mit seiner festhaltenden Hand und rettete das Land. Ich kann dir kaum gestehn, wie der mir angenehm. Gern, Praue, das ist wahr, kuesst ich ihn auf das Haar, und gaeb* er Freude kund, dann auf den Mund] “Holde Maria, reizende Maria, heiligstes Weib, die 30 Ausnehmendes erfuhr, dass von allen Weibern der Welt mit dir Gott es angestellt, nun such ich Arme deinen Rat, o versteh, wie •IÜM : mir’3 tat, als sie mir den Antrag gemacht, darob mir das Herze lacht, denn wie so gern erhoeb ich den Knaben zu meinem Herrn! Zum Herrn der Herrin, wie ihm das stuende! Doch weh! Zwischen ihm und mir, da ist die Suende, der ich mich beflissen mit ihm, den mir Gott entrissen# Da wollt ich Gott kein Weib mehr sein, ueberhaupt nicht mehr, das will mich nun gereun so ganz tief inne durch willen der Minne, die ich dem Knaben trag. Doch Sancta Maria, sag: Ist mir’s denn beschieden, noch einmal hie- nieden selig zu sein, der Weibheit mich zu freun, dass ich den Reinen binde an meine grosse Suende? "Des ist mein Herz von Zweifel voll und zage, ob ich’s duer- fen soll. Nun ledige du meinen Geist, den du in Aengsten weisst, und hilf mir zu Gottes Hulden ohn’ Achtung meiner Schulden! Du bist des Obersten Kind, wie alle Wesen sind, und bist doch seine Mutter, darum so tut er jedes, was du ihm sagst und ihn bedeuten magst. Ein Teil du mir’s schuldig bist, sag ich mit Prauenlist, dass du mir hilfst bei Gott, weil um der Suender Not Er in deinen reinen Bauch kam und dich zur Mutter nahm. Haette nie niemand Suend begangen, so waer das unergangen, was Gott mit dir getan, haettest nicht ewiges Lob empfahn. "Frau, vergieb, dass ich scherze in all meinem Schmerze! Denn auch um den Knaben ist mir weh, da ich ihn so jung erseh, und bin doch selbst schon bei Jahren, ein Weib, viel lieb- und leiderfahren, wenn auch gottlob noch recht wohl instand, dazu Herrin ueber das ganze Land. Schmeicheln mag ihm wohl meine Gnad, weiss er doch nicht wie ich gesuendigt hab. Aber ob er mich auch mag minnen mit Herz und Sinnen? Warum ist mir fuer seine Sinne bang? Kenn ich doch wohl den Hang von jung-jungem Mannesblut zu unherber Frauen Leibesgut. Wollt' es ihn herzlich 187 geluesten nach meinen nur wenig mueden Bruesten, denn meines Bettes wuerdig acht ich nur ihn und ihn nur mir ebenbuertigi Seiner Haut moecht' ich mich erfreun, ohne dass aengstlich die Kaeuzlein schrein, seine Schulter haben an meinem Mund, und das waere kein Grund fuer Hanegiff, unterweilen schauerlich zur Decke zu heulen. Zu meiner Hilfe sei geladet, Maria, du wahre Maget! Sprich fuer mich bei Gott und dem Knaben traut, du, die des Obersten Kind, Mutter und BrautI u - So Sibyllas Gebet zu dem Bilde empor. Ich glaube, am Ende wollte es ihr scheinen, als ob im frommen Niederblick ein ganz kleines und feines Laecheln der Gewaehrung das Muendchen der Erkorenen besuchte. Denn als nach sieben Tagen die Besten wieder vor ihrem Stuhle standen, um fuer den Antrag Bescheid zu erlangen, da sagte sie: Zu eigen gemacht habe sie sich des Landes Wunsch und Willen und anerkenne, es muesse einen Schuetzer, Herrn und Herzog gewinnen. Darum habe sie in Gefuegigkeit beschlossen, Valet zu sagen ihrer Gottesmagdschaft und eines Mannes eheliche Magd zu sein. Das sei ihre Entscheidung. Das Naehere und Weitere ergaebe sich von selbst und sei nicht mehr Sache ihres Befindens noch irgend einer Wahl. Denn solle einen Herzog haben das Land, so koenne es nur der sein, der es mit unbedingt festhaltender Hand vom Drachen befreit und im Zweikampf fuer sie ge- kaempft habe, um ihre Ehre. Da sei Herr Grigorss, zur Zeit ihr Seneschalk, der Ritter aus der Ferne, hier gelandet durch Gottes und Seiner Mutter Gunst. Ihm reiche sie ihre Hand, damit er, wenn es ihm gefalle, daran die Stufen ersteige zu ihr hinauf, an ihre Seite, als ihr Ehewirt und fuerstlicher Gemahl, in Er- fuellung von des erloesten Landes heissestem Wunsch. 188 Dies sprach sie zu den Boten, umgeben von ihrem ganzen Hof, tind an ihrer schoenen Hand stieg Grigorss zu ihr hinauf unter den Baldachin und wandte sein jung-ernstes Antlitz neben dem ihren dem Saale zu und aller Kristenheit. Das haette er nicht tun sollen, sondern viel lieber zu milder Busse im Kloster bleiben bei seinem Fundvater, meinem Freund, dem Abt« Denn tiefer sollte er stuerzen, als die paar Teppichstufen hoch waren* Nun aber fuhren vor ihm die Schwerter aus den Scheiden, die Kniee beugten sich und von dem Rufe schwang das Gebaelk: “Lang lebe Gregor, der Sieger im Minnekrieg, des Landes Schuetzer, unser Herr und Herzog!“ Die Hochzeit Der Geist der Erzaehlung ist ein mitteilsamer Geist, welcher gefaellig seine Leser und Lauscher ueberall hinfuehrt, selbst in die Einsamkeit seiner aus Worten gesponnenen Gestalten und in ihr Gebet. Doch weiss er zu schweigen auch und schonend auszusparen, was gegenwaertig zu machen ihn allzu misslich duenkt, und was er im Schatten der Wortlosigkeit haelt, moegen auch die Geschehnisse keinen Zweifel lassen, dass es zwischenein Wort, Gegenwart und Szene war. Staatshandlungen wie die, die mit der Huldigung fuer Herzog Gregor endete, sind keine Ereignisse, die auch anders verlaufen koennten, als sie sich eben vollziehen; nicht ohne Vorbereitung "und aufs Geratewohl, das weiss der Weltverstand, wird in die eingetreten, sondern vorher ist alles abgesprochen und gesichert, und Sibylla haette ihrem Retter nicht oeffentlich Hand und Krone bieten koennen auf die Gefahr, er moechte beides verschmaehen« Zwischen ihr Gebet zur Jungfrau und ihren Staatsbescheid auf des Landes Bitte muss eine 189 geheime Zwiesprache gefallen sein, die Jugend und Reife in ge- draengten Worten und schliesslich, dass Gott erbarm, nicht mehr nur in Worten mit einandern fuehrten, und in der die grammatische Präge von "fuer" oder "um 1 ' noch einmal ihre Rolle spielte, nicht ohne dass es zugunsten des "um" zu einem heissen Gestaendnis gekommen waere. Mancher wird mir zuernen, dass ich diesen Auftritt ins Dunkel verweise und ihn nicht zur Gegenwart zulasse, denn viel missliche Holdheit und aengstliche Herzensunterhaltung waere ihm zweifellos abzugewinnen» Aber zum ersten ist die Schilderung von Liebesauftritten meinem Stande und Kleide nicht schicklich; zum zweiten sehe ich Grigorss* Augen in dem jugendstrengen Gesicht weit lieber in aussergewoehnlicher Sammlung die Bewegungen eines Gegners ueberwachen, als dass ich sie schmachtend sich brechen sehe in suess entmannender Minne; zum dritten aber ruhte alles, was da gesprochen, geseufzt, gestanden und zaertlich veruebt wurde, auf einer so greulichen, vom Teufel selbst veranstalteten Misskennung und Versetzung dessen, was den Einen zum Andern zog, dass ich nicht dabei sein will, und dass auch ihr doch nur undeutlich, durch einen Schleier von Traenen der Scham und Angst zu sehen vermoechtet, wie sie denn also seinen Kopf zwischen ihren Haenden hielt und er, den Mund ganz nahe dem ihren, zum erstenmal gestehend ihren Namen hauchte; wie sie den seinen hauchte in seinen Hauch und sich entzueckte: "So liebst du mich, Liebling aus der Perne, du Holder, du Trauter, so nahe mir, seit ich dich nur erblickt" und ihre Lippen in einander sanken, zu langem Verstummen, in wonniger Widersinnigkeit. Dies also spare ich aus und lasse es unerzaehlt im Dunkel; davon zu handeln waere ich ungeschickt. Es war ihr Verloebnis - 190 / SBilfifirÄHiiiiHjiii und heil die Hochzeit folgte ihr auf dem Fuss. Ei freilich, hei, froehlich: Zinkenblaeser verwendeten die loebliche Zeitung durchs ganze Land, dass Flandern-Artois nun wieder einen Herrn und Herzog habe; Ausbuendigkeit, Strassentanz, Freudenfeuer und Voellerei, des war da in den Staedten und Doerfern genug, und stundenweise gaben die Brunnen Wein. Auf Chastel Belrapeire aber wurde die Vermaehlung mit aller Pracht begangen: Gaeste, mehr als fuenfhundert, die zum Teil in Zelten zu Fuessen der hohen Burg kampierten, waren von nah und fern dazu geladen, die liessen sich’s Wohlsein an fuenfzig Tafeln von Knappen und Pagen unaufhoerlich beschwert mit Schuesseln vom Rind, vom Hirschen und fetten Schwein, dazu mit Wuersten, Gaensen, Poularden, Hechten, Barben, Forellen, Aalraupen und Krebsen. Vom Weine voll hielten sie, Fackeln voran, den Brautlauf durch alle Hallen: Da suchte Grigorss Sibylla heim, und knallende Braende leuchteten ihnen in ihr Gemach, da wurden sie Mann und Frau. Warum nicht? frage ich verzweifelt. Er war ein Mann, und sie war eine Frau, so konnten sie Mann uni Frau werden, denn weiter ist der Natur an nichts gelegen. Mein Geist will sich nicht finden in die Natur, er straeubt sich. Sie ist des Teufels, denn ihr Gleichmut ist bodenlos. Ich moechte sie zur Rede stellen und sie fragen, wie sie’s denn fertig bringt und es ueber sich gewinnt, zu wirken und zu werken ganz wie gewoehnlich an einem anstaendigen Juengling in solchem Fall, ihn sich freuen zu lassen wie ein Narr an den Bruesten, die ihn saeugten, und ihn strotzend ermaechtigt, den Schoss zu besuchen, der ihn gebar. Auf solche Vorhaltung mag Natur, die manche Mutter und Goettin nennen, erwidern, es sei die Unwissenheit, die den Juengling ermaechtige, und nicht sie. Aber das luegt die Frau 191 Goettin, denn es ist eben doch sie, die da werkt, unter dem Schutz und Schirm der Unwissenheit, und wenn nur ein Funken von Anstand in ihr gloemme, muesste sie sich dann nicht empoeren gegen die Unwissenheit und ihr in den Arm fallen, statt mit ihr gemeinsame Sache zu machen und kraft ihrer den Juengling zu er- maechtigen? Aus einem Gleichmut tut sie das, so bodenlos, dass er nicht nur der Unwissenheit gilt, sondern auch ihr selber. Ja, die Natur ist sich selbst einerlei, denn wie koennte sie sonst wohl zulassen, dass ihre eigene Richtung, Zeit und Zeugung sich verkehren und ein vom Weibe Geborener nicht vorwaerts zeugt in der Zeit, sondern zurueck in den Mutterschoss und sich Nachfahren erweckt, denen, so zu sprechen, das Gesicht im Nacken sitzt? Ein Pfui der Natur und ihrem Gleichmut! Freilich ist ein- zuraeumen, dass ohne diesen, und wenn die Natur der Unwissenheit sich widersetzt haette* Grigorss in eine schiefe und unritter* liehe Lage geraten waere, die ich ihm auch wieder nicht wuenschen kann. Ich weiss nicht und will nicht wissen, warum Sibylla in ihrem stillen Gebet um seine Sinne besorgt gewesen war* Die waren jedenfalls hoechlich wohlauf, und ebenso freute er sich der Reife seiner Gesellin* wie sie herzinnig an seiner Jugend sich erquickte. Kurzum sie waren sehr gluecklich, nicht anders kann man’s sagen und berichten, recht sehr und voellig gluecklich mit Leib und Seele die Nacht und viele Naechte und Tage, ein glueckseliges Herzogspaar, das man auch wohl ‘'Schoydelakurt", des Hofes Freude, haette nennen koennen, wie vormals Grimalds und Baduhennas liebliche Kinder; denn ihr Glueck, ich sage es nach der Wahrheit, leuchtete alles an, was sie umgab, sein Y/ider- schein lag laechelnd auf allen Gesichtern, wie Sonne lag es auf allem Land, und fuer das, was man gemeinhin und nach rechter Richtung und Ordnung Kindersegen und Nachkommenschaft nennt, auch dafuer sorgte die voellig gleichmuetig werkende Natur: Ungesaeumt war Frau Sibylla hoffend, ihr Leib, der brach gelegen so viele Jahre, wie ihr Eheherr alt war, trug hoch und hoeher, und knapp neun Monate nachdem man ihnen beiden ins Brautgemach geleuchtet, kam sie in maessigen und eben nur natuerliehen Schmerzen nieder mit einem Maegdlein, das wurde Herrad genannt und fiel etwas aus der naechsten Art: nicht waelisch braeunlich- blass erschien es, sondern sah seiner Ahne von Mutterseite gleich, der gottseligen Frau Baduhenna: Weiss und apfelrot war es, wie jene, in seiner Art recht niedlich. Dass ihm das Gesicht im Nacken sass, sah niemand. Gewiss waere die Freude noch groesser gewesen, wenn gleich dem Lande ein maennlicher Erbe und Schutzherr der Zukunft geschenkt worden waere. Dafuer aber war ja der Erzeuger selbst noch so zukunftsjung, dass, sozusagen, er selber einstand fuer den Folger, den das Schicksal noch schuldig blieb; und wenn die an Jahren ihm vorangeschrittene Sibylla sich als ruestiges Eheweib und Brunnen des Lebens erzeigte, so war ihr Gemahl dem Lande ein Herzog, um den alle Kristenheit es beneiden mochte. Oft zog er zu Gericht, wenn es galt, Streitfaelle und innere Fehden zu schlichten, und da er im Kloster de legibus studiert hatte, wozu noch nie ein Herr sich bemuessigt gefunden, so war er ein besserer Richter, als je einer Tage gesetzt und Ding gehalten, des Rechtes Busenfreund, dabei mild und auf weise Genugtuung bedacht fuer all und j eden. Sein Arm, der den wilden Werber besiegt, war gefuerchtet ringsum; niemand tat Krieg einem Lande an, das im Schutze stand eines Herrn von so unbedingt festhaltender Hand, und etwa von sich aus den Frieden zu brechen, den man ihm goennen musste, kam Herzog Grigorss nicht in den Sinn« Er haette wohl, auf die ihm eigene Gabe pochend, im Kampf seine Kraefte ueber das sonst gemeine Mass zusammenzunehmen, der Eroberung zuneigen und versucht sein moegen, sich mehr Lande untertan zu machen als ihm gehoerten* Um Gottes willen, jedoch, unterliess er’s, hielt Mass und wuenschte nicht mehr, als dass ihm diente, was sein war« So vergingen drei Jahre« Im dritten, zum Zeichen des Gluecks, das sie an der Seite ihres jungen Gemahles genoss, begann Herrin Sibylla wieder zu hoffen. J eschute Ich denke, genugsam habe ich, wenn auch in stiller Verzweiflung, Wohlsein und Wonne der Gatten gepriesen« Der Augenblick ist gekommen, die Wahrheit zu vervollstaendigen, indem man die Lobpreisung einschraenkt• Ein Schatten fiel auf ihr Glueck, er tat es von beiden Seiten, von seiner und ihrer, unsichtbar den Menschen, gewahrt und gewusst nur von ihnen selbst, von jedem fuer sich, denn jeder glaubte, von ihm falle der Schatten* Sie teilten ein Geheimnis der Schuld und Suende, das jeder fuer sein eigenes ansah, und das sie in aller suessen Vertrautheit einander vorenthielten. Das war der Schatten und war die Verdunkelung. Sibylla verschwieg dem Trauten in stillen Aengsten, dass sie voreinst verworfene Lust geteilt mit dem holden Bruder» und dass sie dem Entschwundenen ein Kind geboren, fuer das kein Platz gewesen auf Erden. Einen Suendenleib bot sie dem Ruinen in j eder Umarmung, mit Wonne zwar und gequaelt doch von Scham und Gewissensnot. Die Wonne, das war die Hoffnung der Suende, sich im Reinen gesund baden zu koennen, ihr Schmachten nach Reinigung 194 durch das Reine. Die Not und Scham, das war der armen Suende Gottesfurcht, das Reine nur zu verunreinigen und es zu schaenden durch Vermischung mit ihr. Oft weinte Sibylla fuer sich allein aus dieser Scham vor der Reine, die sie an ihre Suende gebunden, verhehlte aber sorgfaeltig ihre Traenen vor jedermann und besonders vor dem Geliebten, dem Einzigen, den sie lieben konnte seit des holden Bruders Entschwinden. So sah er die Spur ihrer Traenen nicht und nicht den Gram, der ihre Hingabe nur bruenstiger machte. Er hatte seine eigene Sorge, wenn es auch dieselbe war, wie ihre, und Tristan, der Sorgsame, blieb er in allem Glueck seiner Herrschaft und Ehewonne. War er nicht ausgezogen auf Irrfahrt, um seine suendigen Eltern zu finden, ihnen zu Fuessen zu fallen und ihnen sein Dasein zu verzeihen, damit Gott ihnen allen dreien verzeihen moechte? Statt dessen war er Herzog geworden im erstbesten Lande, wohin die Nebelfahrt ihn getrieben, und hatte freilich ein Weib von suesser Reife gewonnen, das er gleich so nahe empfunden seiner Natur, Sibylla, das Abbild der Himmelskoenigin und dabei zu irdischer Freude geschaffen, sodass kindliche Ehrfurcht sich wundersam mischte mit Mannesentzuecken in ihren Armen. In ihren Armen, an ihrer sanften Brust genoss er vollkommene Seligkeit, die suesse Geborgenheit des Brustkindes zugleich mit mannbar maechtiger Lust. So mag aus dem Greulichen das Vollkommene erbluehen, wie ich in kloesterlicher Besinnlichkeit erwaege. Wahrlich, in Grigorssens Ehefreuden versetzt mein Moenchtum sich nur aus geistlichem Mut und um des Grames willen, der darin wohnte, bei ihm wie bei ihr, wie der Wurm in der Rose. Denn ach, er betrog sie ja, die Reine und Hohe, zu der er erhoeht war, und verhehlte ihr, wer er war, der sie sich erkaempft, und dem sie sich trau- lieh geschenkt, naemlich eine gerade gewachsene Missgeburt• Ein Truegener war er, der ihr verbarg, dass er ein Fundkind gewesen, angeschwemmt von den Uenden und aufgezogen aus kristlicher Erbärmlichkeit, ein Sohn der Suende, dessen scheinbar wohlschaffe- nen Leib sie nicht haette liebkosen duerfen, da er in Wahrheit gaenzlich aus Suende bestand. Zwar hatte er ihn in die Schanze geschlagen, diesen Suendenleib, im Kampf mit dem Drachen; aber er hatte ja gleich gewusst, dass er siegen werde kraft seiner Gabe, sich ausserordentlich zusammenzunehmen, und hatte im Zweikampf die Frau gewonnen, die ihm nun kleine Herrads gebar, ahnungslos, dass es Suendenfruechtchen waren von vaeterlicher Seite, Samen der Erbschuld, der Schlimmheit Enkel. Wie mochte er sich erfrechen, kleine Herrads zu zeugen mit seinem Leibe und sie ein- zuschwaerzen in ein Fuerstenhaus, dessen junges Haupt er nun war, - arme Bastaerdchen aus Reinheit und Schlimme* Sorgsam war es deswegen zu Traenen. Die verbarg er vor allen, insonders vor seiner Frau, die ihn gluecklicher glaubte als sich selbst; verbarg seinen Kummer, wie er die Tafel verbarg, die er immer an sich hielt und wieder und wieder las: im Voraus sagte ich ja, dass nie eine Tafel so viel gelesen worden sei. In seinem Eigengemach, wo er allein war, da war ihr Geheimversteck, hoch in der Wand in einem Mauerloch, von dem man die Holzverschalung beiseite schieben konnte: Gerade vermochte er hinzureichen mit ausgestrecktem Arm, wenn er auf den Zehenspitzen stand, den fast nicht sichtbaren Schub zu oeffnen und aus der Nische den traurigen Schatz zu nehmen, die Mitgift ins Faesslein, dies schmuckhafte Ding, worauf seine unstatthaften Bewandtnisse geschrieben standen. Damit sass er nieder oder kniete aufs Baenkchen, die Tafel vor sich auf dem 196 Pult, und hielt sich sein Dasein vor Augen., wie er zwar von Ge- buerte hoch, aber scheusslich sei, seinen Vater zum Oheim und seine Mutter demnach zur Base habe, las es wieder und wieder, schlug sich an die Brust und beweinte seines Fleisches klaeg- lichen Ursprung. Fuer seine Eltern betete er, die er sich rueh- rend und einzig schoen vorstellte, da sie so mit einander ge- suendigt hatten, und die er nicht aufgesucht, sondern seine Gaben genutzt hatte, dies Land zu befreien und es fuer sich zu gewinnen nebst der wonnigen Frau - die Frau vielmehr nebst dem Lande. Fuer sich selbst betete er auch, unter manchem zerknirschten Aufblick, bat Gott um Verzeihung fuer sein Leben und dafuer, dass er sein Geheimnis verhuellte, bei der Reinen lag und im Lande den Herzog machte, - einen sehr guten zwar, wie alle sagten, aber gewiss einen so guten nur, weil er’s so dringend noe- tig hatte. Fuer klein Herrad betete er auch, die er kaum zu kuessen wagte, weil er ihr sein suendiges Blut vermacht, und nicht minder zerknirscht fuer das neue Fruechtchen in Sibyllas empfaenglichem Schoss. Fast jeden Morgen ganz frueh, wenn er von seiner Frauen Seite gegangen und nur der Ungestoertheit ganz sicher war, tat er dies Lesen und Buessen in seiner Stube. Hinein ging er strack, als der stolz wohlschaffene Juengling, der er war, 'und wie der Poenitenziar aus der Geisselkammer, solcher Gestalt ging er immer daraus hervor. Das blieb nicht ungesehen. Hoert nur: Unterm Burggesinde war eine Magd, Jeschute mit Namen, zu nichts als zum Bettmachen, Kehrichtfegen und Sandstreuen gut, ein Ding aber, rasch von Augen und Maul und neugierig ueberaus, will sagen: begierig und von Natur recht dazu angestellt, Auffaelligem auf den Grund zu gehen, das andere nicht 197 sehen, zu dem man aber, wenn man’s ersah, "Ei, eii" sagen möchte und "Wie denn das?" und "Dem muss man nachforschen unter der Hand, so entdeckt wohl das Herzchen was Kitzliches zu seiner Erregung und zieht es genussreich zu Tage." Dergleichen erspaehte sie glimmenden Blicks, indes ihr die Zunge zwischen den halb offenen Lippen herumsprang. Mit der Herrin durfte sie manchmal schwatzen, wenn sie das Ehebett aufschuetteite oder Feuer machte, zuen- gelte ihr Duemmstes und Unterstes vor aus dem gemeinen Leben, wo- fuer sie ein Lachen gewann, gab auch wohl an und urschelte Verbotenes aus, dem sie auf die Schliche gekommen, ohne viel Dank dafuer zu haben, mehr nur um zu divertieren und aus der Lust etwa noch, die edle Unwissenheit ins Untere einzuweihen und sie ein bisschen damit zu besudeln: Das Kopfschuettein und Erroeten der Frau, halb lachend, bei zusammengezogenen Brauen, das kitzelte ihr das Herzj denn da die Edle ihr nicht das Maul verbot, so heuchelte sie wohl nur Widerwillen und hatte nichts dagegen, sich etwas besudeln zu lassen. Jeschutens glimmende Neugier haette wohl Ursach gehabt, der Herrin selbst und ihrem geheimeren Leben ein wenig nachzuspitzeln, den Traenenspuren der Kuemmernis, die sie zuweilen an ihr erlügt e. Die aber nahm die Geile sich nicht zu Sinn oder hoech- stens nur im Zusammenhang mit aehnlichen Erlugungen, die den suessen Herrn betrafen, Grigorss, den jugendlichen Gebieter; um den war ihre Neugier und ihr luesterner Zug zum Auffaelligen, dem man auf den Grund kommen musste, ganz anders beschaeftigt• Um ihn strich sie herum auf Katzensohlen, in weitem Bogen, den Flederwisch in der Hand, und glupte nach ihm aus dem Augenwinkel oder glostete unter gesenkter Stirn hinter ihm drein, ins Forschen so gierig verloren, dass ihre Zunge nicht mehr herumsprang vom Munde, sondern reglos in einem Winkel stand, steif und starr. Wenn sie ihn sah, er aber nicht sie, das war ihr lieb. Denn fern war ihr Wunsch und Hoffnung, seine Augen auf sich zu ziehen, die sie eine Schlumpe war, haesslich eher als nett, die Unansehnlichkeit hoechstens belebt und aufgekratzt durch stechende Neugier und Forscherdrang, - er aber ein wonniger Herr, versehen zur Nacht mit dem schoensten Weibe. Und doch sass es ihr suesslich ms Herz wie Minnetraum, wenn sie ungesehen ihm nach- glomm; denn genauestens war ihr, als sei nicht alles ganz taggerecht, sauber und eingestaendlich in der Seele des holden Eheherrn mit der maennlichen Juenglingsmiene; als gaebe es da ein Geheimes von Scham und Gram, wovon die Huelle zu luepfen und wegzuziehen gar minnig sein muesste. Was mach ich viel Wortei Jeschute kam hinter sein Buessen und Beten. Glimmend ersah sie, erst einmal durch Zufall, dann durch Belauerung wieder und abermals, wie er am Morgen in seine Stube ging als ein Herr und nach einer Stunde daraus hervorging mit roten Augen und anzusehen wie einer, der sich die Geissei gegeben.’ So sprang sie lautlos zur Tuer, als er wieder hineingegangen, und presste gierig das Auge an einen Ritz in den Bohlen, laengst ausgekundschaftet von ihr und heimlich etwas erweitert: Viel Klarblick gewaehrte er nicht, doch einige Einsicht, - sie konnte sehen, wie er ein Ding aus der Wand nahm und davor buesste und sich die Brust schlug, ablesend Verstecktes von dem Versteckten, im Wahn, dass niemand es saehe. War das eine minnesuesse Belauschungl Weg sprang sie, rannte durch Hallen und Gaenge, bezwang sich und maessigte ihren Tritt, um nicht ausser Atem zu sein und trat ein ins hocheheliche Schlafgemach, da sass die Herrin, flocht sich das Haar und summte hmKBUK. ein Lied dabei, der Magd nicht achtend. Jeschute aber ging an das Bettmachen, schuettelte fleissig die Kissen auf und sprach dabei: '‘Ja, ja, ihr Kisslein, ihr seidnen cuissins, ihr herrschaftlich sanften! Da schuettle ich euch und plustre euch treulich auf aus eurer Verdrueckung, ihr aber verratet Jeschuten nichts von dem, was ihr wohl zu erzaehlen haettet: von heimlichen Trae- nen, die in euch versickert, von Seufzern aus edler Brust, die ihr naechtens erstickt, damit die Traute nichts hoere..." Dann glupte sie seitwaerts zur Herrin, ob die es vernommen habe. Aber sie hatte nicht, sondern kaemmte und schnatzte ihr Haar und gab nicht acht. Also fing die Dirn wieder an und redete halblaut zu den Kissen: "Ei ja, ach nein! Wichts vertraut ihr der Magd, edle Haupt- cuissins, die ich schuettle und plustre, von euren Geheimnissen nichts, vom bitteren Augennass, das ihr, wie ich mutmassen muss, getrunken in stiller Nacht, von den Seufzern aus tiefster Brust, die ein wonniger Juenglingsmund verhohlen in euch gehaucht, wenn die Traute schlief, verhohlen, verstohlen..." Nun hatte Sibylla doch aufgehorcht und fragte: "Was faselst du Trulle da bei deiner Hantierung?" Jeschute aber tat mit den Schultern, als fuehre sie heftig zusammen vor Schreck, und erwiderte stammelnd: "Nichts, nichts, suesse Herrin! Um Gott, nichts wollte ich sagen. Zu den Kisslein sprach ich, den herrschaftlich zaertli- chen, hier unter meinen Haenden, und beileibe zu Euch nicht, wie wollt ich mich des erdreisten? Entsetzt bin ich drob, dass Ihr lauschtet, und fahre zuckend zusammen. Belauscht habt Ihr mich unversehens, wo ich mich allein glaubte mit meinem Gefasel. 200 Man soll nie die Menschen belauschen in ihrer Heimlichkeit, da lernt man nur Kummer* Aber freilich, wenn Gott es absichtlich fuegt und uns zu Belauschern bestellt ihrer Heimlichkeit, dann muss er wohl wollen, dass wir ihn lernen, den Kummer.” ”Von welchem Kummer denn aber faselst du Ding?” ”Von einem heimlichen, Frau, versteckt vor aller Welt, und wahrhaftig, recht soll's geschehen der gemeinen Welt* Aber versteckt auch vor Euch? Da geschieht Euch nicht recht, und Gott will’s gewiss nicht.” ”Hoere, Jeschute, als Schwaetzerin kenn ich dich wohl, jetzt aber glaub ich, der Sinn ist dir ein klein wenig verrueckt.” ”Das mag wohl sein, Suesse, Hehre. Ich bin nur ein arm schwaches Ding, und hinter manchen Kummer zu kommen nach Gottes Verfuegung, das mag solchem Ding den Sinn wohl verruecken.” "Vifer traegt nur den Kummer?" "Ach Gott, da fragt Ihr, selige Frau, weil Ihr unvermutet acht auf mich hattet 1 Was gaebe die Magd darum, dass Ihr ihrer nicht acht gehabt haetteti Und doch draengt es hier hervor aus der Brust wie ein Schrei zu Euch: Habt acht!” "Worauf?” "Worauf? Fragt lieber: Auf wen! Nein, fraget nicht!" "Auf wen denn, Naerrin?” "Nun fragt Ihr wahrhaftig: Auf wen?, und ich soll's sagen! Nie sag' ich's, nie! Und muss doch heraus um Eueres Glueckes willen. Auf den suessen Herzog, Euren Gemahl." "Auf Herzog Gregor! Ihm schenk 1 Ich, traun, nicht Acht und ehelich Augenmerk genug, lese ihm wohl nicht genug von den Augen nach deiner Meinung?” "0, Herrin, rechtens hoehnt Ihr die bloede Magd. Hohn mir 201 und Dachteln in mein Gesicht, dass die Wangen brennen, wenn ich der Meinung mich unterfinge1 Und also ist’s klar: Ihr teilt sein Geheimnis, Ihr wisst von dem Unglueck, um das er so buessend trauert, wenn niemand ihn sieht, wisst alles und gebt Euch nur eben die Miene nicht/' Sibyllas Lippen waren etwas verzerrt, und eine Blaesse trat in ihr Gesicht, als sie ausrief: "Von welchem Geheimnis faselst du, Elende, von welchem Unglueck, und was soll ich wissen! Du redest irre!" "Das leider nicht, teuere Frau» Mit diesen Augen sah ich ihn eben noch in solchen Kummer gehuellt, dass es mir wahrlich ans Herz griff.“ "Wie waere das moeglich?" frug Sibylla und seltsam zuckte es ihr in der Wange. "Welch Unglueck sollte den Herrn betroffen haben, seitdem er mich Hess? Vor einem Stuendlein nur ging er von mir wie ein froher Heidi" "Das ist es ja, Suesseste. Wie ein Held geht er ein in sein Eigen, und ein Suender, von Reue gebrochen, geht er wieder daraus hervor." "Nun hoere, Jeschute, es ist genug, und du schweigst 1 Ich kenne dich, Weib, so ist's deine Art und war es immer, dass du mich ansudelst mit Unrat des Maules und hast mir schon manchen Aerger damit bereitet, wenn ich auch lachte. Nie bringst du gute Nachricht, kraechzende Raebin, sondern verdriessliehe und verfaengliche zuzutragen, das freut dich. Besser waer es, du schwiegest, als dass du mir solche Luegen erzaehlst, in denen mir Schaden lauert» So schweige nun, ich befehl's." "Ja, Edelste"* sprach Jeschute. "Ganz so. Ich schweige." Es verstrich eine Weile. Sibylla schnatzte ihr Haar, obwohl im Mite*'«!? es schon fertig war, und die Magd vollbrachte ihr Stubenwerk. Da sagte jene: "Jeschute, du hast eine ungezogene Art zu schweigen. Ich befahl dir: Schweig1 und du gehorchst. Aber deine Art, meinem Befehl zu gehorchen, ist ungezogen. Hast du begonnen zu reden, so red* auch zu Endei Was hast du gesehen oder erlauscht?" "Seligste, bei meiner Treue, seit langem weiss ich, der Herr ist traurig. Herrin, ich flehe zu Euch, was mag das sein, was er sogar vor Euch verbirgt bei sonst so trauter Gemeinschaft? Goldne, worin es immer bestehen moege, es muss eine grosse Beschwernis sein. Mehr als einmal hab ich es wahrgenommen und bin zu dem Schluss gelangt, dass er einen Kummer traegt, dermassen gross, dass er ihn noch niemandem eingestanden. Heut wollt* es Gott, dass ich noch drinnen war in seinem Gemach zum Fegen und Wischen, als er eintrat, blind fuer mein Dasein, wie fuer Stuhl und Spind. Das ist himmlische Fuegung, sprach ich zu mir selbst, huckte und duckte und sah sein ganzes Gebaren. Ein Ding nahm er vor sich und fiel auf die Kniee davor: davon schien er sein Leid zu lesen, indem er sich an die Brust schlug unter manchem Aufblick, Gebeten und bitteren Traenen. Nie sah ich einen Menschen so weinen. Daran erkannte ich in meiner Geducktheit ueber allen Zweifel, dass sein Herz voll heimlichen Leides ist. Denn, 3agte ich mir, wenn ein Herr von solcher Beherztheit zu solchem Weinen gezwungen ist, so muss dem ein grosser Herzenskummer zugrunde liegen. "Wehl" sagte die Fuerstin mit bebenden Lippen* "Sprichst 4 du die Wahrheit? Ja, ja, es scheint so. 0 weh, du mein lieber Herr! Was mag ihn wohl kraenken? Denn ich gesteh* dir*s, Je- sohute: ich weiss es nichtl Sein Leid ist mir unbekannt und 203 unbegreiflich. Er ist jung, gesund und reich, wie es sich ge- hoert, - was kann ihm fehlen? Denn dass ich es nicht fehlen lasse an ihm und ihm in Allem zu V/illen bin, wie ich soll, das sieht der Ewige.” Und sie weinte. "Ich bin ein wenig aelter, als er”, schluchzte sie, "ein wenig zu alt fuer ihn. Doch minnt er mich stuermisch, dafuer hab ich tausend Beweise und trage sein Pfand zum zweiten Mal. Er aber lebt im Geheimnis vor mir und schliesst mich von seinem Leide aus. Weh, weh, mir armen Frau! Nie ging’s mir im Leben so gut und wird mir auch nie so gut gehen, als durch seine Jugend und Tugend. Ich sage dir, kein besserer Mann ward je geboreni Was aber mag seiner Jugend geschehen sein und was wohl hat man ihr einstmals angetan, dass er heimlich so buessen und weinen muss, wie ich dich es erzaehlen hoere? Rate mir, denn ich habe niemanden, der mir raet, wie ich hinter sein Leid und Geheimnis komme, ohne Gefahr, unser Glueck zu zerstoereni” "Wenn Ihr ihn fragtet?" "Nein, neinl" rief Sibylla mit Entsetzen. "Nicht fragenl Im Fragen, das ahn' ich, lauert Gefahr und Tod. Sein Leid, so viel seh* ich, ist unaussprechlich, denn waer’ es sprechbar, wie haett’ er es mir nicht laengst vertraut? Offenbar ist es so geartet, dass wir nicht wissentlich beide es wissen duerfen, und so sehr ich mich sehne, es mit ihm zu teilen, - nicht wissen darf er, dass ich es teile. Zusammen muessen wir's tragen, doch einzeln ein jeder. Vielleicht, dass dann meine wissende Liebe ihm beistehen und ihm zum Engel werden kann in diesem Leide." "Das waere wohl einzurichten", entgegnete darauf Jeschute. 204 "Ich sah genau das Versteck, aus dem er das Ding nahm, wovon er sein Elend ablas, und wovor er sich so kasteite. In der Wand war’s oberhalb seiner» Da verbirgt er’s wieder nach geschehener Busse. Genau merkt’ ich mir die Stelle. Wollt Ihr, so fuehr’ ich Euch hin, wenn er fort ist, zu Gericht geritten oder auf Pirsch, und zeige Euch Schub und Loch, dass Ihr seht, statt zu fragen, und wisst, ohne sein Wissbn."— Sibylla sann. "Jeschute, du Magd", sagte sie dahri. "Mir graut vor dem Ding in der Wand, - es ist unsaeglich, wie mir davor graut! Und doch sprichst du recht: Wenn ich sein Leid mit^ihm teilen will ohne sein YJissen, um ihm vielleicht zum Engel zu werden, so muss ich sehen, wovor er trauert, und worauf, wie es scheint, seine Trauer geschrieben steht. Er hat eine Beize angesagt im feuchten Walde mit Falkenieren, von heut auf den fuenften Tag. Sind sie fortgeritten und bleiben wohl laenger-aus in der Herberge, so magst du mich fuehren und mir die Hoehle weisen. Meinst du wohl, mich verzehrt Ungeduld? Sie verzehrt mich» Und doch, was ist des Menschen Herz? Ich danke Gott, dass es noch fuenf Tage sind, bis sie reiten." Der Abschied Die Tage und Naechte aber gingen dahin, und der Morgen kam, da der ritterliche Rudel jagdfroh von der Burg ritt mit Falkenieren, -um beim Weiher im Walde und im sumpfigen Grund rings umher eine Beize zu halten auf Reiher und Rallen, Wallnister, Wachteln und Trappen, - Herzog Grigorss voran, einen sehr guten, von Sibylla selbst abgerichteten Mausersperber in der Haube auf seiner Faust. Verwundert war er gewesen, dass sein Weib beim zm .beim Abschied" sich so bange an ihn geklammert hatte und in ihn gedrungen war,‘den Ritt doch noch zu verschieben, sonst aber wenigstens balde, ach,'bald zurueckzusein, ehe ihn oder sie wo- moeglich ein Unglueck betraete. "Welch Unglueck, Traute?" hatte er laechelnd gefragt und ihr versprochen, nicht spaeter als auf den dritten Tag zurueckzusein. Das schien ihrer Liebe zu lange. • Kaum war der Rudel zu Tal, schlich Jeschute zur.Herrin und sprach: "Gefaellt’s ‘Euch, Hohe, die Luft ist rein, so will ich Euch fuehren*" "Wohin, du Raebin?" . • . "Zum Loch in der Wand und dem Ding darin." "Pfui,’ denkst du immer noch daran und kommst nicht los von dem Unflat? - Es ist keine Zeit. Jede Stunde kann der Herzog zurueck sein.“ -"Nein doch,' gewiss nicht bis uebermorgen. Zweimal wollen sie naechtigqn in der Herberge am Waldesrand. Ihr seid ganz sicher.” .. , "Sicher vor meinem Gemahl? Wie erfrechst du dich, Weibsbild] Soll ich heimliche Wege gehen hinter ihm mit dir?" "Ihr Sagtet doch, dass Ihr wissen muesstet, ohne sein Wissen, um ihm zum Engel zuwerden." ‘‘Das sagte ich", ergab sich Sibylla. "Und wenn es denn sein soll, so geh’ voran, - weit voran, dass es nicht aussieht, als ob ich dir folgte." ' i» . * • Also kamen sie in des^Herzogs Cabane und Privatgemach, und Jeschute wies der Frau mit dem Finger die Stelle. "Dort ist es", sagte sie* "Oberhalb*- Kaum sieht man in der Verschalung den Ritz, wo man r s auftut. Ihr langt nicht hin, Soll ich auf den Stuhl steigen und es holen?” "Untersteh dich nicht1” herrschte Sibylla sie an, "Ruecke den Stuhl! Ich nehme es selbst.” Und unterstuetzt von der Magd stieg sie hinauf, schob den Schub, sah das Versteck, nahm das Versteckte, ein Ding, gehuellt in ein seidenes Tuch, das tat sie ab, dass es auf den Stuhl sank, und hielt die Tafel, aus Helfenbein, in Gold gerahmt, mit Steinchen besetzt, zum Brief beschrieben, von ihrer Hand, Ein kleiner Ruf nur sprang von ihren Lippen, - nicht mehr, als dass er Erstaunen ausdrueckte, Ueberraschung, Ruehrung, Ge- mahnung an altes Leid, Wehmutsvoll sah sie darauf nieder. Auf einmal aber trat Kaelte in ihr Haar und rieselte von da den Ruecken hernieder. Ihr Mund, aus dem jeder Blutstropfen gewichen war, murmelte leise: "Wie das?", wiederholte laut, drohend, ent- ruestet vor Nichtverstehen: "Wie das?!" Dann schwieg sie, blickte aufs Ding, las, hob wieder die Augen davon und starrte ins Leere. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. "Woher hat er das? Es ist da, und er hat es. Also liegt es nicht auf dem Meeresgrund, es ist gelandet. Faesslein und Kahn sind gelandet. Das Kind ist gelandet. Es lebt. Es ist gross und schoen geworden wie Grigorss. Es hat ihm die Tafel gegeben, das Eine dem Andern. Warum? Wahrscheinlich hat er sie nicht von dem Kind, seinem Freunde und Nebenmenschen, sondern von Leuten, die auffanden das Kind, es tot fanden oder toeteten und das Faesslein pluen- derten. Das Kind, obgleich mit der Tafel gelandet, ist tot, und Grigorss lebt, das ist der Unterschied zwischen ihnen. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen ihnen, und Grigorss hat die Tafel, nicht hat sie das Kind. Nur buesst er davor und schlaegt sich die Brust, als ob es sein Suendenstand waere, der darauf geschrieben steht, nicht der eines Nebenmenschen, des Kindes« Das verringert krankhaft den Unterschied zwischen den Zweien, den Beiden. Mit der Tafel hier waren Stoffe« Auch sie liegen nicht auf dem Meeresgrund. Ich erinnere mich kaum* es ist zu lange her, es ist mir unmoeglich, mich zu erinnern, und mit aller Entschiedenheit leugne ich es, dass Grigorss ein Kleid trug vor meinen Augen aus solchen, au3 ebenden Stoffen und es noch verwahrt. Krankhaft, krankhaft, zu loderndem, lachendem Wirrsinn, vermindert auch das den vernuenftigen Unterschied zwischen Grigorss und dem Kinde« Wo ist meine Vernunft? Das Kind hiess nicht Grigorss, - das heisst, es hiess ueberhaupt nicht. Heisst es jetzt Grigorss? Ist Grigorss das Kind ? Hab ich mein Suendenkind zum Gemahl? Wahnsinn, lodernder, lachender, gellender - und Schwaerze, Schwaerze." Ohnmaechtig fiel sie vom Stuhl, aufgefangen noch gerade von der Jeschute, sodass sie nicht allzu hart aufschlug. Die rannte: "Zu HilfeJ Zu Hilfe.' Die Herrin liegt uns wie toti" Man kam, man trug sie ins Bettgemach« Stechendes gab man ihr einzuatmen. Ein reitender Bote ward ausgejagt, in den Wald, zum Herzog. Nach dem frug sie fordernd, sobald sie die Augen aufschlug und hoerte, zu ihr sei er auf dem Wege. Die Tafel hielt sie; man hatte sie ihr nicht entwinden koennen, auch nicht in der Amacht. Zur Herberge kam der Bote. Die Jaeger waren verdriesslich. Verloren ihr bester Falke: Ueberkroepft, war er entflogen, ohne das Luder zu wittern, zum Walde, wo er nun stand. Da mussten sie schlimmere Botschaft hoeren: "Herr Herzog, wollt Ihr die Herrin noch lebend finden, so eilt, oder Ihr kommt zu spaet. Der Frau Ist toduebel." * "Geselle, wie kann das sein? Sie war wohlauf, als wir ritten« 1 ' - "Herr, meine Viforte muss ich leider bekraeftigen." Verweilt wurde da nicht laenger. Sie sassen auf und ritten nach Hause. Glaubt mir, es gab kein Rasten, bis sie dort anlangten und Wort erging an die Herrin, ihr Gatte sei da. Im gruenen Jagdkleid trat er bei ihr ein, - was musste er da gewähren* Eine Wankende, ganz Vergilbte, Zerloeste, von Entsetzen flackernd die Augen, uebergross in der Jammermiene« "Grigorss!" rief sie und sank in seinen Arm, barg das Gesicht an seiner Brust und stoehnte dort wieder: "Grigorss! So nenn* ich dich, wer du auch seist, denn, Gott im Himmel, bei Namen nennt man den einen wie auch den anderen, es ist kein Greuel dabei. Mein Grigorss - denn mein bist du j edenfalls -, sprich, seit wann heisst du so? Wer gab dir den Namen? Grigorss, mein Liebling, - denn das bist du so oder so -, Grigorss, wer bist du? Himmel und Hoelle haen- gen an deinem Mund - wer hat dich geboren?" Er beugte sich ueber sie: "Um Gott, Frau, was ist Euch? Liebes Weib, Reine, was hat man dir angetan? Ich ahne, ich weiss es. Deine Frage verraet es mir. Hat ein Feind, ein schleichender, Euch berichtet, ich sei ein niedrig geborener Mann, aus der Huette? Nun denn, welcher Uhu und Schuft Euch das eingegeben und Euch so zu Leide gebracht: er luegt. Gut verberge er sich vor mir, denn kenne ich ihn, ist’s um ihn getan. Ich sage dir: in seinen Hals luegt der Schelm. Nicht truegerisch erhob ich die Augen zu Euch und kaempfte um Euch. Hoch bin ich von Gebuerte, das ist mir verbrieft, ebenbuertig dir, Liebste, ganz, sei des voellig getroestet: auch ich eines Herzogs Kind." "Ebenbuertig?" wiederholte sie schaudernd und sah ihn mit ihren wilden Augen an. Dann hob sie die Tafel: "Wer gab dir 209 dieses?" Er sah hin und erblich so sehr, dass er aussah wie sie. Die Augen fielen ihm in die Hoehlen* Tief sank ihm das Haupt* "Gut denn", sprach er endlich, "du weisst es« Die Tafel, mir zur Mitgift vermacht, als man mich Wind und Wellen liess, sie kam dir zuhanden. Fahr wohl, unser Gluebk! Es war auf Luege gebaut. Denn ich verlog Euch, dass ich der Suende Kind und aus Suende gemacht bin in allen meinen Gliedern« Und eben j etzt log ich Euch, als ich sprach, nicht trueglich haett» ich zu Euch, der Reinen, die Augen erhoben. Ja, ich betrog Euch. Unreine hab ich Euch angetan mit meiner Liebe, Unreine der Frucht Eures Leibes durch meinen Leib. Gott hab ich viel gebeten, et moege nicht ansehen meine Schuld. Es war falsche Bitte. Er hat es an den Tag gebracht, und ich gehe. Verstossen muesstet Ihr mich, taet ich’s nicht selber. Ihr seht den Verworfenen nicht mehr. Ich gehe, meine Eltern zu suchen." "Grigorss", flehte sie, " - so nenn 1 ich dich jedenfalls, aber du, nenne mich nicht! - Grigorss, Geliebter, sage mir doch, dass ihr zwei seid und verschieden, der Mann der Tafel und du! Nicht wahr, ein anderer gab dir das Stueck, nicht dir ward es beschrieben! Und sei es Luege, - sage mir das!" "Nein, Frau, der Luege genug! Mein ist das Vermaechtnis, Ein frommer Mann, der mich aufzog, verwahrte es mir, bis ich gross war. Das Kind, dem es beilag, bin ich." "Grigorss, so sind wir verloren« So ist unser Ort die unterste Hoelle. Grigorss, wenn du die Wahrheit sprichst, statt mir gnaedig zu luegen, so ist kein Unterschied zwischen meinem Ehgemahl und dem Kinde, ausser, das Kind ist nun ein Mann. Grigorss, ich schrieb dem Kinde die Tafel," 210 Eins sah das Andere nahe an mit hohlen Augen« Dies mitsammen auszudenken nahm Zeit« Dann gingen sie von einander an entgegengesetzte Waende, pressten die Stirnen daran, und heisse Wellen, eine nach der anderen, ergossen sich in ihre Totenblaesse, verebbten zum Herzen und stiegen wieder gluehend in die Gesichter empor« Lange gab es in der Stube nichts weiter als Stoehnen« Danach verliessen sie ihre Waende, der Juengling zuerst« Er sank vor ihr nieder, beugte sich ueber ihre Fuesse. "Mutter”, sagte er, "vergieb dem Verbrecher1" Sie wollte sein Haar streicheln, zog aber die Hand zurueck wie von gluehendem Eisen« "Sohn und Herr", sagte sie, "vergieb du mirl Ich sah dein Kleid aus den Stoffen." Er fragte: "Wo ist mein Vater?" "Er starb auf Bussfahrt", antwortete sie mit leblosen Lippen, "dein suesser Vater. In dir fand ich ihn wieder." "Sehe ich ihm wohl gleich?" Sie nickte. Da wollten sie wieder an ihre Waende gehen, besannen sich aber und blieben. Sie sprach: "Warum kam ich je zur Welt? Verflucht war durch Gottes Mund die Stunde, in der ich geboren wurde. Hilf Himmel, darum hat mir getraeumt, dass ich einen Drachen gebar, der davonflog, aber wiederkehrte und sich zurueckdraengte in den zerrissenen MutterschossJ Grigorss, du warst esj Unsal hat auf mich geschworen und bewahrt mir den Eid, denn tausendmal ist mir Herzeleid gegen eine Lust geschehen« Nabh Glueck ln Reinheit verlangte mich. Da fuehrt mir die Hoelle das Kind meiner Suende zu, dass ich ehelich mit ihm schlafe." Er schauderte und hob seine Ilaende. 211 "Mutter, Entweihte, sprich nicht so ausdruecklichi Aber tu* es nur! Ich begreife, warum du es tust« Wir sollen aus- druecklich sprechen und die Dinge bei Namen nennen zu unsrer Kasteiung. Denn die Wahrheit sagen, das ist Kasteiung. Hoerst du, Gott, wie wir uns kasteien und es grass in Worte fassen? Das also ist es, worum ich gebetet hatte, dass du mich zu der Staette brachtest, wo mir wohl geschaehe und ich mit Freuden meine liebe Mutter erblickte. Anders hast du es mir gewaehrt, du reicher, sehr guter Gott, als ich es von dir erbeten hatte« Verleihe mir Kraft, grosse Kraft, dass ich den Zorn niederdruecke, der sich zu dir erheben willt Besser wohl, was meinst du, ich haette sie nie erblickt, als dass ich ihr beiwohnte als Mann drei Jahre lang, meines Vaters Folger, und sie im Bette mit Kindern beschlief, fuer die keine Staette auf Erden ist, viel weni- ft ger noch, als fuer mich, und die im Denken nicht untereubringen sind, - kein Mensch weiss, was er von ihnen denken soll. Dies ist der Untergang des Denkens, es ist der Welt UntergangJ Frau, Ihr duerft mich wohl Grigorss, ich aber darf Euch weder mit Namen noch Mutter nennen, beides ist Wahnsinn, und wie leid ist mir's namentlich um das Mutterwort, das ich verscherzt habe durch Besudelung J Zukoemmlicher und schonender mag es sein, Euch ’liebe Base* zu nennen, denn mit solcher zu buhlen ist weniger arg« Wie ich aber mit meinen Kindern verwandt bin, mit Herrad und dem Kommenden, das weiss ich noch nicht, ich hab es noch nicht er- gruendet. Tu’ ich es nicht dem Judas gleich, der sich erhaengte aus Reueekel vor seiner Tat, so werde ich Zeit haben, darueber nachzudenke n•" "Grigorss, mein Kind und Herr, ich muss es bereuen, dass ich Euch ein Beispiel gab mit buessender Nennung der Dinge, denn Ihr macht es noch grasser* Mein Entsetzen waechst jeden Augenblick und mit ihm das Erstaunen, dass nicht laengst der gluehen- de Zorn niederstuerzte auf die Verfluchte, dass es die Erde noch wagt, mich zu tragen nach dem, was mein Leib veruebt. Ich, Ich bin die Hauptschuldige, ich weiss es genau, und unsaegliche Angst steigt mir auf vor dem Hoellenrost, der mir droht, der mir so gut wie gewiss ist fuer aeusserste Missetat. Herr und geliebtes Kind, koennt Ihr mir sagen - denn Ihr habt viele Bue- cher gelesen -, ob eine Busse erdenkbar ist fuer so gehaeuftes Laster und Sakrileg? Ist hier kein Rat - nein, gewiss ist keiner -, dass, wenn ich armes Weib denn die Hoelle bewohnen muss, sie mir etwa vielleicht doch ein wenig sanfter sei, als andren Verdammten?” Sie, sie hatte sein Haar nicht zu beruehren gewagt, er aber, weil das ihre bedeckt war mit Tuch und Gebaende, streichelte mildtaetig ihr Haupt, da sie so jammervoll in seinem Arme lag. ''Frau", sagte er, "redet nicht so und uebergebt Euch nicht der Verzweiflung - es ist wider das Gebot, Denn an sich selbst mag der Mensch verzweifeln, nicht aber an Gott und seiner Gna- denfuelle. 1/Vir stecken beide im Suendenpfuhl bis ueber den Hals, und wenn Ihr glaubt, Ihr steckt tiefer, so ist's Ueberheb- lichkeit. Fuegt diese Suende nicht den andern hinzu, sonst geht der Pfuhl Euch ueber Mund und Nase. Gottes Hand ist ausgestreckt, dass das nicht geschehe: den Trost entnahm ich den Buechern. Nicht umsonst hab ich divinitatem ernstlich betrieben im Kloster »Not Gottes». Ich lernte, dass Er wahre Reue als Busse annimmt fuer alle Suenden. Sei Eure Seele auch noch so krank; wenn Euer Auge nur eine Stunde nass wird von Herzensreue, 213 glaubt es dem Kinde, dem Greuelgatten, so seid Ihr gerettet. "'Ich weiss", fuhr er fort, "was geschehen muss, und bestimme. Denn seht, das Kind ward zum Manne, waehrend Ihr eine Frau bliebt. Ich bin der Mann hier und bin Euer Ehgemahl, wenn auch bloedsinniger Weise, und so bestimm’ ich. Der Grossteil der Busse ist mein, nicht von Ueberheblichkeit wegen, sondern weil ich der Mann bin. Aber auch fuer Euch faellt von Busse viel ab, wenn ich nun gehe. Wenn ich nun gehe, so ist es unmoeglich,dass Ihr des Landes weiter waltet als Herzogin. Ruft Eure Staende zusammen und lasst einen neuen Herzog waehlen, Wittich, Eueren Ohm, oder Werimbald, Euren entfernten Vetter, das ist gleichviel. Dann tretet ab vom Stuhl und uebet Demut, mehr, als Ihr je getan, wann Ihr den Bruder, meinen lieben Vater, betrauertet. Wie vom Stuhl, so tretet hinab von der Burg. Lasst Eueh zu ihren Fuessen von Eurem Wittumsgut ein Asylum bauen an der Landstrasse fuer die Obdachlosen, die Alten, Gebrechlichen, Kranken und Krueppel. Da sollt Ihr walten im grauen Kleid, die Siechen laben, ihre Wunden waschen, sie baden und zudecken und Almosen ausgeben an wandernde Bettler, denen waschet die Fuesse. Ich habe nichts dagegen, dass Ihr selbst Aussaetzige aufnehmt, ich halte es sogar fuer richtig. Herrad, unser Kind, von dem ich noch nicht ausgedacht habe, wie sie mit uns verwandt ist, ausser, sie waere Eure Enkelin, da ich Euer Sohn, - sie mag Euch helfen, das Wasser der Demut zu trinken, wenn sie heranwaechst. Versehentlich ward sie getauft. Das Kommende, das du, Liebe, traegst, soll nicht getauft werden, so muss ich’s bestimmen. Nennt es mit einem Demutsnamen wie Stultitia oder Humilitas oder klein Miserabilis, das ueberlasse ich Euch. So lebt, bis Gott Euch ruftJ M Ich aber .gehe und stelle mich Ihm zur Busse, und zwar zu einer ausserordentlichen. Denn einen Menschen, dermassen in Suende getaucht, wie mich, gab es auf Erden nie oder ganz selten, - ich sage es ohne Ueberheblichkeit • Ich gehe den Weg meines armen Vaters. Nicht auf ritterliche Irrfahrt gehe ich, wie ich Geck glaubte tun zu sollen, als ich meine Geburt erfuhr, sondern auf Bussfahrt, als Bettler, denen gleich, deren Fuesse Ihr waschen werdet* So werde ich meinen Ort finden, wie ich im Nebel diesen fand: den Ort, der diesem entspricht und diesem genuegt. Dies sind die letzten Worte, die ich hienieden zu Euch spreche. Lebt wohll" “Grigorss“, sagte sie brechenden Auges, und ihre Lippen versuchten ein suesses Laecheln, das aber graesslich ausfiel. “Grigorss, geliebtes Kind, koennten wir's denn vor der Welt nicht beim Alten belassen, ohne je wieder einander zu nahen, und gemeinsam unser Geheimnis tragen? Meine Liebe zu dir ist nun Mutterliebe zur Gaenze, alles Eheliche fiel von ihr ab, wie von deiner. Und doch ist tiefer vielleicht die Busse, wenn wir, unserer Suende eingedenk, beisammen bleiben, als fern in der Welt von einander. Das Asylum koennte ich trotzdem bauen und die Siechen baden.“ “Fraulich sprecht Ihr“, antwortete er, "denn Frau seid Ihr geblieben, waehrend ich Mann wurde. Zu Eurer Schmach wurde ich's. Nun will ich's sein, Euch zur Rettung, Wie es der Gatte bestimmte, so bleibt es. Lebt wohl noch einmall Nein, keinen Kuss zum Abschied. Auch nicht auf die Stirn - und auch auf die Hand nicht. Mit der Hand begann es. Gott mit Euch!“ Und er ging. Sie streckte die Arme nach ihm in Schmerzen. "Wiligisi“ rief sie aus tiefster Brust und besann sich. "Schone dein Kind", rief sie ihm nach, "gib acht auf dich und uebertreib' es nicht mit der Bussei" Aber er hoerte nicht mehr» Der Stein Er legte Bettlerkleid an, ein haehrenes Hemd, strickgeguer- tet, und nahm nichts mit, als einen knotigen Stab, keinen Brotbeutel, nicht einmal eine Bettlerschale» Die Tafel allerdings, geschrieben von seiner und seiner Kinder Mutter, die hatte er an sich genommen und trug sie auf dem blossen Leibe. So ging er in der Daemmerung von der Burg seines Jammergluecks hinab und hinweg, entschlossen, sich keine Gnade zu goennen, als die, seine Muehsal mit willigem Herzen zu tragen. Was er wuenschte war, dass Gott ihn in eine Wuestenei sende, wo er buessen koennte bis in den Tod. Die Nacht schlief er unter einem Baum, der die ersten Blaetter fallen liess auf den Pilger, - schlief da wie einst auf der Insel, als er seine Geburt erfahren, sodass weder Huette noch Kloster ihn laenger bergen und nur der Himmel ihm Obdach sein konnte. Die Menschen und ihre Strassen mied er im Weiterwandern bei neuer Sonne. Die rote Heide, Wald und weglose Wildnis, durch die setzte er seinen Stab, durchwatete die Wasser neben der Bruecke und trat mit blossen Fuessen die Stoppeln der Felder. Den ersten Tag ass er nichts, den zweiten gaben ihm Koehler im Forest von ihrem Mahl einen Abfall. Am dritten, gegen Abend, da war er schon weit und wusste nicht, wo: Ein Regenschauer verfinsterte den Himmel, und im fahlen Licht fuehrte von den Hue- geln, durch die er gestrichen war, ein Waldsteig, krumm, grasverwachsen und nicht breiter als ein quergelegter Ritterspiess, 216 zu Tal ins Gebiet eines grossen Sees. Dem Pfade folgte der Bues- ser und sah dort unten, nicht weit vom schilfigen Ufer, ein kleines Haus in der Einoede, das zog ihn unendlich an, denn seine Seele war voll Sehnsucht nach Rast und Obdach, und er ging darauf zu. Netze, zum Flicken aufgespannt vor dem Hause, lehrten ihn, dass es ein Fischer war, der dort wohnte. Der Mann stand vor der Tuer mit seinem Weibe und sah dem Weglosen, dem laengst der Bart um Wangen und Kinn dunkelte, und dessen Haar auf der Schwarte verwalkt war, misstrauisch entgegen. Gregorius bot ibm bescheiden den Abendgruss, und mit gekreuzten Haenden bat er ihn, Gott zuliebe, um Herberge fuer die Nacht, hoffte aber im Herzen, dass seine Bitte zuschanden werden und der Mann ihm recht roh und womoeglich mit Hohn das Nachtlager abschlagen moechte. Denn das war ihm noch nicht geschehen, und staerker, als die Sehnsucht nach Rast, war sein Verlangen nach Busse und tiefer Erniedrigung. Die wurde ihm da zuteil. Der Fischer fing an zu schimpfen und schimpfte Minuten lang, obgleich hinter ihm seine Frau ihn immer mit leisem Zischen beschwichtigen wollte. "Ja, du Herumtreiber, du starker Truegener und Lungereri" schimpfte er. "Grad recht kommst du mir vors Haus, du Lump und stattlicher Hemdenmatz, Faulenzer du, bummelnder Wegetreter, und willst von redlichen Leuten zehren, die ihr Brot verdienen mit Gottesmuehe zu knapper Not'. Weib, zische nicht hinter mir zur Beguetigung, meine Worte sind recht und bieder] Wie bist denn du Schlingel gewachsen, und was fuer Arme haengen dir da von den Schultern, dass du sie nicht ruehrst zu ehrlicher Arbeit? Fuer die waere ein breiter Acker gut, und eine Hacke, ein Ochsenstachel gehoerte in deine Hand, statt dass du herumlumpst. 217 Auweh, eine schlechte Welt ist das, die so einen Unwerten und sonst noch so manchen Nichtsnutz duldet, an dem Gott nie Ehre gewann, und der nur schmarutzt bei den Leutenl Weib, lass dein dummes Gezisch! Wer sagt dir, dass der Spitzbube da, wenn ich ihn behalte, und wenn wir schlafen, uns nicht um die Ecke bringt und sich mit dem Unsern davonmacht? Schaem du dich, Hallunck, deiner Kraft, die du willst paeppeln lassen von andren und hoechstens zur Meintat benutzen! Troll dich von hier sofort, oder ich mache dir Beine!" ''Genau so, Freund"., antwortete ihm Gregorius mit Sanftmut, "ganz so hatte ich gewuenscht, dass Ihr zu mir sprechen solltet. So muss ich es hoeren, und so hat Gott es Euch eingesagt* Haet- tet Ihr mir auch einen Backenstreich gegeben, das waere noch dienlicher gewesen, die Last meiner Suenden ein Weniges ^u verringern. Ihr habt recht: ich darf kein Obdach erbitten, der Himmel ist mein Gewahrsam* Lebt wohl!" Und er wandte sich weg in den Regen, der zu fallen begann. In der Stube aber, wohin sie vor dem Regen getreten waren, sagte des Fischers Frau bei dem Funzellicht; "Mann, Mann, mir ist nicht wohl, mir ist garnicht zum Besten bei deinem Gehaben gegen den Wanderer! Du hast eine Unrede ge- fuehrt gegen ihn und ein Schimpfen getan, dass es dich deine Seele kosten kann. Soll man so einen Bittenden aufnehmen, er sei gleich Krist, Tuerck oder Heide? Das war gewiss ein guter, gewaerer Mann, ich sah es ihm von den Augen ab, du aber hast nichts als grausame Schmaehung und Itewize fuer ihn gehabt, nun widerwarte du nur, wie Gott dir’s entgilt! Wenn jemand sich muehsam erhaelt von Tag zu Tag, wie du es auf gut Glueck tun musst mit der Fischerei, der sollte Gott vor Augen haben und nicht viel wagen vor ihm, indem er es an Erbarmekeit fehlen laesst, denn leicht kann Er dir die Fische entziehen, dass du nichts ins Dorf zu Markte zu bringen hast» Wir taeten besser, den Armen zurueckzurufen." "Gewaeschl” sprach der Fischer. ''Hast du wohl einen Narren gefressen an seinen waetlichen Gliedern im Bettlersack, an dem Tagedieb suess und jugendlich, und moechtest mit ihm buhlen, Ehebrecherin, luesternes Mensch?" "Nein, Mann", erwiderte die Frau, "Sonderbar war mir freilich zu Mute bei seinem Anblick, aber ich glaube nicht, dass es Geilheit war, was mir die Augen feucht machte dabei. Sein Bettlersack, das ist wahr, hatte so was von Huelle, und mir will’s nicht geheuer werden, dass wir ihn verstiessen. In dem Armen, sagt man, wird der Herre Krist gespeist, und mit Ehrfurcht, heisst es, soll man ihm begegnen, je weniger man weiss, wen man vor sich hat, und wer sich im Sacke zu unserer Pruefung verbirgt. Als er vom Backenstreich sprach, da wurde mir nun schon ganz, ganz anders. Wahrlich, ihn zurueckzurufen solltest du mir erlauben l” "Ei, so lauf und hol ihn, dass er bei uns naechtigt", sagte der Mann, dem es nun auch etwas aengstlich wurde. "Dass ihn im Walde die Woelfe fressen, will ich im Grunde so wenig wie du." Also lief sie, den Rock ueber dem Kopf, durch den Regen, holte den Fremden ein, neigte sich und sagte: "Bettler, mein Mann, der Fischer, hat sich eines andren besonnen und bereut seine unwirschen Worte. Er findet das Wetter zu arg fuer Euch, meint auch, dass es Woelfe gibt und will, dass Ihr Obdach nehmt fuer diese Nacht in unserem Hause." "Wie es sein soll, so sei es", antwortete Gregorius. 219 904711 ^^^ "Ich folge Euch nicht, um mir’s sanft sein zu lassen, sondern weil Euer Mann mir vielleicht einen Rat zu geben vermag, 1 ' Als sie zurueok in die Stube kernen, kehrte der Fischer ihnen muerrisch den Ruecken zu, denn unterdessen hatte der Eindruck von seines Weibes warnenden Worten sich abgeschwaecht in seiner Seele. Die Frau aber machte ein Holzfeuer an, damit der Verregnete sich daran trockne, und sagte, sie wolle nun einen Pfannkuchen backen, gross genug fuer alle drei und mit Milch zu ge- niessen. Das wehrte ihr Gregor. "Dieser Leib", sagte er, "ist kaum einer Speise wert. Ich gedenke ihn nicht aus der Pfanne zu naehren, sondern ein Ranft von Haberbrot und ein Trank aus dem Brunnen sei all meine Bewirtung." Dabei blieb es, obgleich die Frau ihn sehr noetigte, es sich doch etwas wohler sein zu lassen. Und als sie denn niedersassen zum Essen, die Einoedleute mit ihrem Pfannkuchen und der Fremde mit einem alten Brotranft und Wasser, da aergerte der Fischer sich schwer, sodass er wieder die boesen Worte nicht zurueckhal- ten konnte und sagte: "Pfui, dass ich das sehen muss, dass du dich vor uns aufspielst, Bettler, mit deiner Enthaltsamkeit, und alles ist Jux. Ich sollte mich nicht verstehen auf Lurren und Lurrendreyer. Bis jetzt hast du dich nicht mit so kranker Speise erhalten, drauf nehm’ ich das Sakrament. Es ist ja laecherlich: weder Mann und Weib hat je einen besser gebildeten Leib gesehen, blue- hend und wohlgetan, von Brot und Wasser hast du den nicht. Gerade Schenkel, gewoelbte Fuesse, ich hab’s doch gesehen, die Zehen ebenmaessig und flaetig, Platt und verkrustet sollten deine Fuesse sein wie bei einem rechten Landfahrer, sind aber 220 T. nur ganz oberflaechlich bedreckt. Di© Beine und Arme, die du hast, die sind nicht lange nackt, das rede du mir nicht vor, die waren gut bewahrt vor Wind und Wetter, und ihre Haut - ich will dir sagen, was das fuer »ne Haut ist: es ist die eines gemaeste- ten Fressers. Guck, welch ein heller Streifen dir da um den Finger laeuftl Da hat ein Ring gesessen. Ich-habe Augen im Kopf, und eher weiss ich, als dass ich nur argwoehnte, dass du sie anders gebrauchst, deine feinen Haende, wenn du fern bist von hier, als wie du uns dergleichen nun vormachst. Du kannst besseren Aufenthalt finden, und wenig Sorge trag» ich, dass du dich morgen schon lustig machen wirst ueber den Ranft da, den Brunnentrunk und ueber uns arme Leute1" "Ich tue wohl besser”, sagte Gregor zur Frau, "wenn ich in die Nacht gehe.” "Nein, besser taetest du”, rief der Fischer, "Antwort zu stehen und deinen gutherzigen Wirten zu sagen, was fuer ein Mann du bist!” "Das will ich", erwiderte Gregor, "und ich bemerke anbei, dass ich es geniesse, und dass es gefuege und gut ist, wenn Ihr mich du nennt im Austausch, ich aber Euch ireze. Ich bin ein Mann, nicht nur suendig wie alle Welt, sondern dessen Fleisch und Bein gaenzlich aus Suende besteht und dazu noch wieder in solche Suende getaucht wurde, dass es das Ende des Denkens ist und der Welt Ende. Was ich zu erwandern suche, das ist ein haertester Aufenthalt, wo ich bis an meinen Tod mit der Not meines Leibes buessen kann um der Huld Gottes willen. Heut ist der dritte Tag, seitdem ich der Welt entsagte und auf Bussfahrt ging. Im Walde sah ich ausser Koehlern und Schweinehirten auch wohl Eremiten. Aber sie hatten es mir viel zu angenehm. Da 221 mich heute mein Weg zu Euch gefuehrt hat, Herr, so lasst mich Euch angehen um Gnade und Ratl Wisst Ihr hier irgendwo eine Staette, die mir recht gebuehrte, einen wilden Stein oder eine einsame Hoehle von aeusserster Unbequemlichkeit, ich bitte Euch herzlich, so zeigt sie mirl Ihr werdet wohl daran tun* 1 ' Da dachte der Fischer grimmig nach und lachte in sich hinein bei seinem Einfall. “Dem werd* ich's geben“, dachte er- “Den will ich in Verlegenheit bringen, dass das grasse Grauen ihn ankommt vor meinen Vorschlaegen und er auskneift. Da wird der Schwindel sich zeigen. Und er sagte: “Bist du auf so was aus, Freund, so freue dich. Dir kann geholfen werden, und ich will es sein, der dir hilft. Im See draussen weiss ich ein Riff, ganz allein in dem Wage, das ist dir ein holdes Heim, schroff genug, da magst du hocken und deinen Kummer beklagen nach Herzenslust. Willst du, so bring ich dich hin und helf dir hinauf. Hinauf naemlich kann man zur Not, aber hinab, da hapert’s, so ist dir das Felslein geartet. Wir wollen r s aber ganz sicher machen, dass ja dein Reuesinn sich nicht wendet, wenn du ihn auch bereust. Ich hab seit Jahr und Tag ein eisern BeinscheIlelein aufbewahrt, ein wackers, ver- schliessliches. Das nehmen wir mit, und ich leg es dir an* Kommt dir der Spas3 dann misslich vor, und versuchtes dich hinab, so musst du doch ausharren, gern oder ungern, und da dein Leben verbringen, solange es vorhaelt. Wie gefaellt dir mein Vorschlag?" “Er ist sehr gut“, antwortete Gregorius. “Gott gab ihn Euch ein. Ich danke Ihm und Euch und bitte Euch: Helft mir zu dem Steinl“ Drauf lachte der Fischer droehnend und rief: 222 "Nun, Bettler, das ist gescheitl Ist es dir ernst, so gehe jetzt schlafen, denn vor Tag fahr ich aus zum Fischen, und wenn du mit willst, so sei frueh aufl Nur dir zulieb, unacht des Zeitverlustes, fahr ich das Plaetzchen an, helf dir hinauf und leg dich fein in den Eisenhalter, den ich hier aus der Kiste zieh* Dann magst du da oben nisten wie der Pilgrimsfalke auf seiner Schroffe* magst immer so alt dort werden, wie du es fertig bringst und wirst wahrhaftig auf Erden keinem Menschen mehr laestig fallen.. Auf morgenJ" "Wo wollt Ihr, dass ich schlafe?" fragte Gregorius. "Hier nicht", sagte der Fischer» "Ich traue dir nun einmal auf keine Weise» Im Beischlag draussen, da magst du dich kuschen. Im besten Stand ist das Ding nicht mehr, aber verglichen mit deinem Stein ist’s keiserlich da drinnen." Der Schuppen war zerfallen und schmutzig, und waere die Fischersfrau nicht fromm und vorsichtig genug gewesen, dem dahin Verwiesenen ein wenig Schilf zum Lager zu breiten, so haette, der einst Herzog Grigorss gewesen, im baren Staube schlafen mues- sen. Sein letzter Aschenmann zu Hause hatte es besser. Er aber dachte: "Es ist sehr gut so, nur ist es noch viel zu keiserlich. Der Fels morgen, der wird das Rechte sein." Er streckte sich auf das Schilf und legte die Tafel neben sich. Lange lag er wach im Gebet. Dann aber wollte es seine Jugend, dass er in Schlaf fiel, einen sehr festen, und als kurz vor Tag der Fischer zu seinem Erwerb ausfahren wollte, da lag er noch tief von Schlaf umfangen und hoerte nicht, dass sein Wirt ihn rief: "He, BettlerZweimal rief er es, aber kein drittes Mal, sondern sprach: "Zum Narren werd ich mich machen und mir die Kehle aus- 223 schreien nach dem Schwindler# "Wusst 1 ich doch, dass es ihm nicht ernst war und dass er sich fein druecken wuerde um den proponierten Sitz. Ich geh meiner Wege .' 1 Und machte sich auf, wie jeden Morgen, zum See hinab. Die Frau aber, als sie das sah, eilte zum RumpeIhaeuschen, ruettelte den Schlaefer und mahnte ihn wohlmeinend: "Guter Mann, wenn du mitfahren willst, so versaeume dich nichti Der Fischer ist schon unterwegs zum See . 11 Da fuhr Gregorius auf, blickte verwirrt und besann sich kaum, so tief war sein Schlaf gewesen. "Nicht gern", sagte sie, "du Feiner im mehrtaegigen Bart, weck ich dich Mueden und schicke dich ungern zum Steine. Und doch sprach es in mir, dass ich’s tun sollte, damit du nicht um den Sitz kommst. Denn wahre Sehnsucht schienst du mir nach ihm zu hegen, und wer weiss, ob du nicht etwa ein Heiliger bist." Bei diesem Wort schauderte Gregorius. Auffahrend rief er: "Wie konnte ich Elender schlafen? Um Gott, hinweg und ihm nach.’ Und stuerzte hinaus aus dem Schuppen. "Vergiss deine Beinschelle nichti" rief die Frau und drueck- te sie ihm in die Hand* "Vielleicht ist sie noetig zum Heil, mag auch der Fischer sich nur im Argen ihrer erinnert haben. Und greif auch die Hakenleiter hier, sie ist not, und mein Mann hat nichts mitgenommen. Trage sie, wie der Herr Krist sein Kreuzl - Leb wohli" rief sie ihm nach* "Voller Mutmassungen ueber dich bleib ich zurueck." Dann wandte sie sich und weinte. Gregorius aber, beschwert von Eisenhalter und Leiter, lief in seinem Schweiss dem Wirte nach, immerfort rufend: "Freund, Fischer, mein Engel, warte auf mich und verlass mich nicht, ich komme, ich kommet" Seine Tafel jedoch, die hatte er in der Hast im Schilflager vergessen, was ihn sehr schmerzte« Am morschen Steg erst drunten, wo das Boot lag, erreichte er atemlos den Mann, der die Achseln zuckte. Und als der Kahn sie beide aufgenommen nebst dem Geraet, fuehrte der Fischer ihn schweigend durch kurze Wellen hinaus in den weiten See, wohl eine Stunde lang oder zwei: Da ragte der wilde Stein, rot-grau und kegelfoermig, hervor aus der Flut, gottverlassen und ohne Ufersicht, den fuhren sie an, und der Fischer hakte die Leiter an eine Felsennase, indem er sagte: "Steig du voran.' Im Ruecken haben mag ich dich nicht.'* So stiegen sie hintereinander hinauf, erst ueber die Leiter, dann muehsam noch ein Stueck ueber kahlen Fels, mit Hilfe von Spalten und Zargen; und als sie oben die kleine Kegelplatte erklommen hatten, da tat der Fischer mit finsterem Lachen, wie er es angesagt: Er legte dem Gregor das Beineisen an, sperrte das Schloss und sprach dabei: "Nun bist du dem Steine sicher. Hier musst du alt werden, denn fuehrt nicht der Teufel mit allen seinen Listen dich von hier weg, nie und nimmermehr kommst du wieder herunter« Da sitzei In deiner eigenen Truegerei hast du dich gefangen." Damit warf er den Schluessel des Eisenhalters im Bogen weit hinaus in den See und setzte hinzu: "Berg ich den je aus der Wellentiefe und sehe ihn wieder, dann will ich dir abbitten, Heiliger. Gut Heulen und Zaehne- klapperni" Das war sein Abschiedsgruss. Er kletterte wieder zum Boot hinab, zog die Leiter ein und fuhr davon. 225 !tt5«3»U2£)üä Üütii a Die Busse Kristlicher Leser] Hoere und glaube mirl Grosses und Eigen- tuemliches habe ich dir zu berichten, Dinge, die zu erzaehlen Mut erfordert* Wenn ich aber den Mut finde, sie auszusagen, so solltest du dich schaemen, nicht so viel Mut aufzubringen, sie zu glauben« Nicht voreilig will ich dich einen Zweifler schelten; vielmehr baue ich auf deinen Glauben, genau so weit, wie ich auf meine Faehigkeit baue, das mir Ueberlieferte glaubwuerdig mitzuteilen. Auf diese Faehigkeit aber baue ich sehr fest und also auch auf deinen Glauben, Meine wahrhaftige Mitteilung ist: Auf dem engen Geviert der Kegelplatte dieses wilden Steines im See verbrachte Gre- gorius, des Wiligis und der Sibylla Sohn und Gatte der Letzteren, mutterseelenallein und bar aller Gnade so viele Jahre, wie er gezaehlt hatte, als er tadelnswerter Weise sein Eiland fern im Meer und das Kloster "Not Gottes ' 1 verlassen hatte, - volle siebzehn Jahre verbrachte er dort ohne eine andere Bequemlichkeit, als das Himmelsdach ueber sich, ohne Schutz weder vor Reif noch vor Schnee, weder vor Regen noch Wind, noch vor Sonnenbrand, bekleidet nur - aber wie lange hielt das denn vor! - mit seinem haerenem Hemd, bei nackten Armen und Beinen. Ihr glaubt es nicht? Ich werde euch dessen versichern, und zwar nicht, indem ich einfach zu dem Trumpf meine Zuflucht nehme, dass vor Gott kein Ding unmoeglich und Ihm kein Wunder zu viel ist. Das waere zwar durchschlagend, aber zu wohlfeil. Aeusserlich muesste Euer Zweifel davor verstummen, aber heimlich koennte er fortnagen. Das darf nicht sein, und darum will ich mich nicht auf Gottes Allmacht berufen. Ohne Predigt, vernunft- 226 gemaess und geruhig, wenn auch selbst tief ergriffen von meiner Kurde, will ich den Prägen Rede stehen, die ihr mit gerungenen Haenden, unter vielen "Ja, sag uns um Gottes willen" und "Moench erwaege doch, wie denn aber", stellen moegt, und deren erste na- tuerlich dahin geht, wie sich der Buesser auf dem nackten Felsen denn auch nur kurze Zeit, geschweige denn siebzehn Jahre lang er naehrt habe. Kamen Raben geflogen, ihn zu speisen? Fiel Manna vom Himmel, nur tan seinetwillen? Nein, es war ganz anders. Den ersten Tag, nachdem der Fischer ihn hoehnisch verlassen hatte, und Gregor in vollkommener Einsamkeit zurueckgeblieben war, verharrte er Am Fleck, sass, die Kniee mit den Armen umschlungen, oder kniete auch mit gefalteten Haenden vor Gott und betete fuer seine armen, reizenden Eltern, fuer den entschwundenen Wiligis> fuer Sibylla, sein Weib, die nun wahrscheinlich schon Gichtbruechige badete oder doch Anstalten dazu traf, und auch fuer sich selbst, indem er sich ganz und unbedingt der Ver- fuegung Gottes und seinem Willen anheimgab, wie er ihm ja auch tatsaechllch anheimgegeben war. Der zweite Tag aber war erst einige Stunden alt, als Hunger und Durst ihn nicht laenger ruhen liessen und er, fast ohne Wissen und Wollen, auf allen Vieren, da er mit seinen Fuessen im Eisenhalter nicht einen Schritt tun konnte, auf der Plattform suchend umherzukriechen begann# In der Mitte, ziemlich genau, war im Gestein eine kleine Mulde, darin stand weisslich truebes Nass bis zum Rande, vom gestrigen Regen wohl, wie er dachte, nur eben auffallend trueb und milchig, - willkommen ihm jedenfalls zum Trunk, wie unsauber, und woher so unsauber, es sein mochte, - er war der Letzte, der Ansprueche zu stellen hatte. Darum beugte er sich ueber das kleine Becken und schluerfte mit Lippen und Zunge was darin war, schlappte es aus, so wenig es war, nur ein paar Loeffel voll, und leckte wahrlich den Grund des Gruebchens noch ab, als es leer war. Der Trank schmeckte zuckerig-leimig, nach Staerke etwas, etwas wuerzig nach Fenchel, dazu metallisch nach Eisen* Gregorius hatte gleich das Gefuehl, dass durch ihn dem Durste nicht nur, sondern auch dem Hunger Genuege geschah und zwar ueber- raschend gruendlich. Er war satt* Leicht stiess es ihm auf, und etwas von dem Getrunkenen floss ihm aus dem Munde wieder hervor, als sei das Wenige schon zu viel gewesen. Er fuehlte sein Gesicht ein wenig gedunsen, eine roetende Waerme stieg in seine Wangen, und als er zu seinem ersten Platz am Rande des Steines kriechend zurueckgekehrt war, fiel er, den Kopf auf eine niedrige Stufe des Felsens gelegt, wie ein Kind in Schlaf* Nach einigen Stunden erwachte er von leichtem Bauchgrimmen, das ihn verdriesslich die gefesselten Beine regen Hess, und ueber das er wohl haette greinen moegen. Es verging jedoch bald, und Hunger spuerte er nicht. Nur aus Neugier begab er sich gegen Abend noch einmal zu der Hoehlung inmitten der Platte. Auf ihrem Grunde hatte sich wieder etwas von der Fluessigkeit angesammelt: nicht mehr, als dass sie nur duenn den Boden bedeckte. Doch liess sich wohl ausfigurieren, dass, wenn es mit der sickernden Erneuerung im selben Masstabe weiterging, ueber Nacht die Mulde sich wieder gefuellt haben wuerde* So geschah es auch, und am neuen Tage staerkte Gregor sich neu mit dem Sud, schleckte alles aus bis zu waermlicher Schlaef- rigkeit, denn hatte er waehrend der Nacht sehr bitter unter der Kaelte gelitten und nicht gewusst, wohin er sein armes Bettlerhemd ziehen und wie darin Zuflucht finden sollte, so half # dem der Steinsaft fuer mehrere Stunden ab, rein durch die Saettigung, 228 iS« «*f ■» *J M Ü i ■ ;;^32k weshalb der Einsame auch am Abend, wenn wieder etwas davon hervorgetreten war, sich damit atzte, um weniger zu frieren. Ich vermag euch zu sagen, welche Bewandtnis es damit hatte, denn ich habe die Alten gelesen, bei welchen mit vielem Recht die Erde sich den Namen der grossen Mutter und magna parens erwarb, aus der jedwedes Lebendige spriessend heraufgeschickt und gleichsam Gott emporgereicht, kurz, aus Mutterleib geboren worden sei. So auch der Mensch, der nicht zufaellig homo und humanus heisst, zum Zeichen naemlich, dass er aus dem Muttergrunde des humus ans Licht trat. Alles aber, was gebiert, hat auch die notwendige Nahrung fuer seine Kinder, und gerade daran erkennt man ja, ob eine Frau wirklich gebar und nicht etwa ein fremdes Kind als eigenes vorweist, dass sie naemlich ueber die Quellen der Nahrung fuer das Geborene verfuegt oder nicht verfuegt, Darum wollen jene Autoren, die ich verehre, wissen, dass anfangs die Erde ihre Kinder mit eigener Milch ernaehrte nach der Geburt. Denn ihre uteri haetten als Schlaeuche tief hinabgereicht mit ihren Wurzeln, und dahin habe von selbst die Natur die Kanaele der Erde gelenkt und milchaehnlichen Saft au3 der Oeffnung der Adern fHessen lassen, wie ja auch jetzt bei allen entbundenen Frauen suessliche Milch in die Brust sich ergiesst, weil dorthin der ganze Saeftestrom des muetterliehen Koerpers, oder vielmehr ein naehrender Auszug davon, gesandt wird* Klein, unfertig, und unerwachsen, heisst es, noch nicht berufen zur Weihe hoeherer Nahrung, zum Bau des Getreides, habe damals der Mensch an den Bruesten der Mutter gehangen und kindische Nahrung genossen. Wie recht aber meine Gewaehrsmaenner, die Alten, mit dieser Aufstellung haben, zeigt die Geschichte Gregors* An einigen wenigen Stellen der Erde, es werden im 229 ganzen nur zwei oder drei sein, noch dazu an versteckten und unbewohnten Orten gelegen, sind solche Naehrsaftquellen der Urzeit, tief in den muetterliehen Organismus hinabreichend, gleichsam aus alter Gewohnheit, in wenn auch herabgesetzter Taetigkeit geblieben, und eine von ihnen, wo noch die aufsickernde Fruehnah- rung in vierundzwanzig Stunden ein kleines Becken fuellte, hatte der Buesser auf seinem Steine vorgefunden. Das war eine grosse Gnade, und ich will es dahinstellen, ob hier ein gnaediger Zufall waltete und die Mutterquelle auch vorher die ganze Zeit gearbeitet hatte, oder ob die Gnade so weit ging, dass Gott sie eigens fuer den Suender Gregorius wieder angeregt hatte. Auf jeden Fall kam diesen durch solchen Fund, bei all seiner unendlichen Verlassenheit, zum erstenmal die hoffende, ja beseligende Ahnung ein, dass Gott seine Busse nicht nur an- naehme, sondern ihn auch nicht an ihr zugrunde gehen lassen wollte, vielmehr es mit ihm, wenn er seine Eltern und sich selbst durch haerteste Reue entsuehnt haben wuerde, noch irgendwie gnadenvoll vorhabe. Diese ihn mild durchstroemende Ahnung hatte er freilich noetig, so sehr wie den erwaermenden Muttertrank, und sie beide mussten Zusammenwirken, um ihn bestehen zu lassen, was er auf sich genommen, und was, wie alles Schwere, am Anfang, bevor die Natur sich nachgiebig-zaeh damit eingerichtet, zu bestehen am allerschwersten war« Denn nun stellt Euch vor und bildet es Euch nur recht ein, wie der Winter kam mit Dunkelheit, Schnee, Regen und Stuermen, und wie der Mann auf dem nackten Stein, im blossen Haarhemd, seinen Unbilden erbarmungslos preisgegeben war, - wenn dies Wort ganz am Platze ist bei vorhandener Erdmilch und waermender Ahnung von Gnade. Immerhin ist es nur zu 230 weitgehend am Platze, besonders wenn man bedenkt, dass Schnee und Regen fuer die Naehrlymphe sehr schlecht waren, da sie sie verwaesserten« Und doch uebte sie auch in verduenntem Zustand noch genuegend saettigende Kraft, Leicht aufstossend und etwas aussabbernd von ihr, lag der Mann in sich selbst zusammengezogen, die Kniee am Mund, unter den Wettern, und auch seine Haut war zusammengezogen, immerfort in der Verfassung graupeliger Abwehr, die man Gaensehaut nennt, wodurch sie sich sehr veraenderte. Kam warm die Sonne hervor, so mochte er dampfend trocknen, nebst seinem Buesserhemd, das aber bald verfaulte und grossen Teils wie Zunder zerfiel. Was aber noch davon uebrig blieb, deckte von seinem Koerper mehr, als man denken sollte, denn von dem zu- sammengekruemmten Verteidigungszustand wurde der Zusehens kleiner, Uebrigens muss oder darf man hinzufuegen, dass der Winter ihm seltsam schnell verging und ihm ueberaus kurz schien von Dauer, aus dem einfachen Grunde, weil er viel schlief und die Zeit uebersprang und versaeumte. An ihr nahm er erst wieder mehr teil, als das Licht wuchs, die Luefte linder wehten und ein Fruehling, der freilich an der bäum- und graslosen Nacktheit seines Felsensitzes nichts aenderte, sondern nur den Stein mild zu erwaermen vermochte, hinueberleitete in langtaegige Sommerzeit, wo die Sonne ihren hoechsten Bogen am Himmel ueber dem See beschrieb und, wenn nicht Wetterwolken sie verhuellten, gewaltig niederstrahlte auf Mann und Fels, diesen oft so erhitzend, dass jener es kaum darauf haette aushalten koennen, waere seine abwehrende Haut nicht schon sehr koernig und hornig veraendert gewesen, Auch war gegen die hitzende Strahlung sein Haupt einge- huellt in verfilzt dick aufliegendes Haar und vermummenden Bart, und so nahm er das Beschiedene hin, bis die gestirnte Nacht mit 231 nin ü ntfiiÜiü» .-.TT--' kraenklich schwindendem Mond, oder geschnitten sichelfoermigem, oder leuchtend und voll in der Flut sich spiegelndem, Kuehlung brachte der Natur und dem verkleinerten Manneswesen, das mehr und mehr eins mit ihr wurde. Darnach, so kuerzten sich wieder die Tage, Herbstnebel brauten, und von da an, wo der Mann hier war ausgesetzt worden, hatte ein Jahr sich gerundet. EinesJ sagt Ihr. Aber siebzehn, sagst du, habe er da verlebt. Ja, das sage ich. Doch so gross, wie Ihr denkt, ist der Unterschied nicht, und ist eines erst umgelaufen, so laufen die andern so hinterdrein, ohne dass es ihnen und dem Manneswesen, das obdachlos in ihnen lebt, gar viel ausmachte. Erstens muss man von ihrer Masse, als erfahrene Zeit genommen, ein gutes Vierteil abziehen; denn die Winter verbrachte das buessende Wesen in zeitlosem Murmelschlaf und kroch waehrend- dessen auch nicht zur Atzung, da sein stoffliches Leben bis zum Stillstand gemindert war, ehe es sich bei steigendem Sonnenbogen > wieder zum Wechsel loeste* Zweitens aber will Zeit, wenn sie nichts weiter ist, als das, und keinen Gegenstand hat, als den Wandel der Jahreszeiten und die Mienen des Wetters, keinen Gehalt an Ereignissen, der sie ueberhaupt erst zur Zeit macht, - Zeit, sage ich, will dann wenig besagen; sie buesst an Dimension ein und schrumpft zusammen wie der verkruemmte Erdsaeugling auf dem Steine im See es tat, der mit der Zeit so zwerghaft klein wurde, wie nach den Autoren der unfertige und unreine Fruehmensch es war, der noch nicht menschenwuerdige Speise genoss* Schliesslich, nach etwa fuenfzehn Jahren, war er nicht viel groesser als ein Igel, ein filzig-borstiges, mit Moos bewachse- : nes Naturding, dem kein Wetter mehr etwas anhatte, und an dem die zurueckgebildeten Gliedmassen, Aermchen und Beinchen, auch 232 Aeuglein und Mundoeffnung schwer zu erkennen waren. Zeit kannte es nicht. Der Mond wechselte. Die Sternbilder stellten sich um, verschwanden vom Himmel und kehrten wieder. Die Naechte, mondhell oder finster und triefend, eisig durchstuermt oder voll Schwuele, verkuerzten sich oder nahmen zu. Der Tag graute frueh oder spaet, erroetete, flammte auf und verging wieder in scheidendem Karmesin, das sich in der Gegend des Aufgangs widerspiegelte. Blauschwarze, schweflichte Wetter, in denen es lichtete, zogen fuerchterlich zoegernd auf, entluden sich krachend ueber den hallenden Wassern, die sie mit Hagel besprenkelten, und ihre Blitze fuhren in die erregten Wellen, die aufspritzend den un- erschuetterten Fuss des Steines berannten. Danach war alles gut, Friede, ebenso hehr und unbegreiflich wie die vorherige Wut, er- fuellte das All, und in suessem, oben durchsonnten Regen stand von einer Uferlosigkeit zur anderen in feuchter Schoene der siebenfarbige Bogen. Unter alldem aber machte das moosige Wesen, wenn es nicht schlief, seinen kriechenden Weg zur Mutterbrust und kehrte ge- saettigt und etwas sabbernd an den Rand zurueck, wo der Buesser einst abgesetzt worden war. Haette durch Zufall ein Schiff auf dem See sich dem entlegenen Felsen genaehert, - nichts Auffael- liges waeren die Böotsleute dort oben gewahr geworden. Haette der Fischer der Einoede einmal die Laune verspuert, wieder die Fahrt zu tun und sich nach dem Laestigen umzusehen, den er vor Jahren hier untergebracht, - der Augenschein haette ihm die Gewissheit bestaetigt, dass er laengst umgekommen, vefwest und, was von ihm geblieben, vertrocknet, verdunstet und vom Steine hinweggewaschen sein musste. Von seinem Gebein allenfalls dort oben einen bleichen Schein zu erspaehen, haette er wohl erwarten 233 moegen und sich, in dieser Erwartung getaeuscht erfunden» Aber er kam garnicht* Die Offenbarung Nach so vielen Jahren starb, wie ich las, in dem beruehmten und truemmerreichen Rom Jener, der dort als Folger des Apostel- fuersten und Vikar Christi gewaltet, die dreifache Krone getragen und mit dem Hirtenstabe die Voelker geweidet hatte. Aus seinem Tode aber und aus der brennenden Frage, wer nach ihm den heiligen Sitz einnehmen und die Macht, zu loesen und zu binden, ererben sollte, entspannten sich grosse und blutige Streitigkeiten, welche Gott nicht schlichten zu wollen schien. Denn sein Geist senkte sich nicht vereinigend auf die Kurie von Geistlichen, Adel und Buergerschaft herab, sondern ein Schisma spaltete das Volk, und zv/ei feindliche Faktionen, von denen jede ihren An waerter auf den Tron der Welt als den einzig Wuerdigen ausrief, standen in heftiger Erregung gegen einander. Die eine wollte einen gewissen Presbyter vornehmer Herkunft namens Symmachus zum Papst, die andere den sehr beleibten Archidiakonus Eulalius, der ebenso wie Symmachus vor Ehrbegier zitterte. \ Der heilige Geist hatte an der Aufstellung keines von beiden irgend welchen Anteil; sie war blosses Menschenwerk, und mit Be- schaemung muss ich gestehen, dass Bestechung mit Gold dabei einschlaegig und parteiliches Machtstreben die Triebfeder von allem war. Darum liess sich das Goettliehe auch nicht erleuchtend und entscheidend auf die Waehlerschaft nieder, sondern diese lief in streitbarer Wut auseinander, die Parteien bewaffneten sich, und ein wilder Stadtkrieg brach aus, der auf Plaetzen, Strassen und leider auch in den Kirchen gefuehrt wurde 234 und bei dem die Tuerme der Bruecken sowohl wie aufgehoehte und ausgebaute Denkmaeler der Alten als Festungen und Verschanzungen dienten» Ich sage euch, es war eine grosse Schande» Aus dem Konklave wurden deren zwei, von denen jedes seinen eigenen Mann erkor und zum roemischen Bischof und Papst einsetzte» Symmachus wurde im Lateran, Eulalius in Sankt Peter ordiniert, ■und so sas- sen sie, der eine in jenem Palast, der andre in Kaiser Hadrians runder Grabesfeste, sangen Messe, fertigten Bullen und Dekrete aus und verfluchten einander, waehrend in den Gassen die Waffen klirrten. Der Namen, mit denen sie sich wechselseitig belegten, waren viele, und unaufhoerlich dachten sie ueber neue nach» "Verwuester der Kirche", "Wurzel der Suende", "Herold des Teufels", "Apostel des Antichrist", "Pfeil vom Bogen des Satans", "Rute Assur", "Schiffbruch aller Keuschheit", "Kot des Saekulums" "scheusslicher "und gekruemmter Wurm", so nannte einer den anderen schaeumenden Mundes. Eulalius, der, wie gesagt, sehr dick und vollbluetig war, uebernabm sich im Fluchen, wurde dabei vom Schlage getroffen und starb. Aber auch den Symmachus ereilte sein Schicksal; denn seinen Mannschaften lieferten die Eulalianer um ihren Papst zu raechen, ein grosses Gefecht, bei dem sie sie aufs Haupt schlugen und den Palast Lateranus erstuermten, sodass Symmachus gezwungen war, durch eine Hintertuer zu entweichen. Verfolgt, sprang er in den Tiber und ertrank. So hatte man statt zweier Paepste gar keinen mehr, was eine starke Ernuechterung unter den Roemern hervorrief. Man sah ein, dass man die Sache falsch und gottlos angegriffen, und eine Stimmung von Bussfertigkeit verbreitete sich jaehlings unter den Buergern. Ihr Beschluss, in allgemeiner Zusammenkunft gefasst, ging dahin, nunmehr die Wahl ganz und gar Gott selbst anheim zu stellen, -und Pastenwochen, Tage der Almosen und grosse Gebete in allen Kirchen wurden angeordnet, damit Er in Gnaden Sein Gebot kundtue, wer Ihm zum Stellvertreter und Traeger der Weltenkrone tauge« Nun lebte zu Rom ein frommer Mann aus altem Geschlecht, das frueher als die meisten das Kristentum angenommen hatte: Sextus Anicius Probus, schon betagt, ueber fuenfzig, und ebenso reich an Guetern wie an oeffentliehen Ehren« Zusammen mit seiner Gemahlin Paltonia Proba bewohnte er den Palast seiner Vaeter, die alle Konsuln, Praefekten und Senatoren gewesen waren: ein gewaltig grosses, mehrere Millien bedeckendes Anwesen in der fuenften Region, an der Via Lata, das dreihundertundsechszig Zimmer und Hallen, eine Pferderennbahn, sowie marmorne Thermen einschloss und von weiten Gaerten umgeben war« Die Baeder waren nicht laen- ger mit Wasser gespeist, das Hippodrom auch laengst ausser Gebrauch und die meisten der dreihundertsechszig Raeume leer und in verwahrlostem Zustande, - nicht weil es dem Besitzer an Mitteln und dienenden Haenden gefehlt haette, sie saemtlich wohl zu unterhalten, sondern weil seinen Augen Verfall, Zerruettung und das Hinsinken des sehr Grossen unter der Wucht seiner eigenen Groesse als das Zeitgerechte, Notwendige und Gottgewollte erschien« Zwar fehlte es in den wenigen Gemaechern, die er mit seiner Ehefrau bewohnte, nicht an schoener Behaglichkeit, weder an Ruhelagern, die mit kostbaren Stoffen des Morgenlandes bedeckt waren, noch an Geraeten in Goldschnitzerei, Sesseln von antiker Gestalt, bronzenen Kandelabern und Schreinen, worin edle Vasen, goldene Becher und rosige Trinkmuscheln standen. Aber diese Zimmergruppe war eine Insel der Wohnlichkeit, umgeben von weitlaeufiger Wuestenau, von Hoefen mit teilweise eingestuerzten 236 Saeulenordnungen und Brunnen, deren Figurenschmuck zerbrochen am Boden lag* und von veroedeten Saelen mit schadhaften Mosaik- boeden, wo die Goldtapeten zerrissen von den Yfaenden hingen und die Verkleidungen aus feinem Silberblech zerbeult davon abstanden» So waren Probus und Proba es gewohnt und fanden es angemessen» Auch die Gaerten, in welche der Palast eingebettet lag, waren verwildert und verwachsen bis zur Undurchdringlichkeit, aber desto lauschigere Plaetze gab^es darin, zu denen man sich zwischen wucherndem Buschwerk und von Schlinggewaechsen halb erstickten Baeumen durchschlagen mochte; und besonders liebte der Anicier eine von Lorbeergebuesch dicht umdraengte Marmorbank mit Pans- koepfen, von der man, vorbei an einer von ihrem Sockel gefallenen Amor-Statue reizenden Leibes, mit Pfeil und Bogen und ohne Kopf, auf eine kleine, in buntem Unkraut stehende Wiesenfreiheit blickte» Dort sas3 der wuerdige Mann, bekuemmert, wie er war, ueber die Verwalstheit der Kirche und die allgemeine Ratlosigkeit, an einem schon sommerlich warmen Apriltage nach dem Speisen» Am Morgen hatte er in der seinem Palaste nahe gelegenen Basilika der Apostel Philippus und Jakobus sich mit Inbrunst an den allgemeinen Gebeten beteiligt. Jetzt mochte er wohl im Duft des erwaermten Lorbeers eingeschlummert sein; denn er hatte ein Traumgesicht, da 3 ihn jedoch nicht von seiner Staette entfuehrte, sondern wo er sass, da sah und hoerte er, was ihn aufs tiefste bewegte, sodass man eher, als von einem Traum, von einer Vision und Offenbarung zu sprechen genoetigt ist. Vor ihm im Klee der Wiese stand ein blutendes Lamra und redete zu ihm. Es blutete aus der Seite, tat sein ergreifendes Lammesmaul auf und sprach mit zitternder, aber ueberaus suess zu Gemuete 237 It—’ :ki»- gehender Stimme: "Probe, Probe, hoere michi Grosses will ich dir verkuen- den." Dem Probus schossen die Traenen in die Augen bei des Lammes Stimme, und sein Herz fuellte sich mit Liebe zum Ueberstroemen» "Du Lamm Gottes", sagte er, "gewiss, ich hoere! Mit ganzer Seele hoere ich, aber du blutest, dein Blut faerbt dein sanftes Flies und rinnt in den Klee. Kann ich nicht etwas fuer dich tun, deine Wurde waschen und sie mit Balsam pflegen? Innig verlangt mich nach solchem Liebesdienst." "Lass das gut sein", sprach das Lamm« "Es ist sehr notwendig, dass ich blute. Hoere du, was ich dir zu verkuenden habe! Habetis Papam. Ein Papst ist euch erwaehlt»" "Teures Lamm", antwortete Probus im Traum oder in der Ent- rueckung, "wie das? Symmachus und Eulalius sind beide tot, die Kirche ist ohne Haupt, die Menschheit entbehrt des Richters, und der Stuhl der Welt steht leer» Wie soll ich deine lieben Worte verstehen?" "Wie sie lauten", sagte das Lamm. "Euer Gebet ist erhoert und die Wahl geschehen. Du aber bist erwaehlt, es zuerst zu vernehmen und deine Massregeln danach zu treffen. Glaube nur! Der Erwaehlte muss auch glauben, so schwer es ihm fallen moege» Denn alle Erwaehlung ist schwer s’u. fassen und der Vernunft nicht zugaenglich." "Ich bete an", sprach Probus, schluchzend ob der ruehrenden Suessigkeit der Stimme des Lammes« und sank vor der Bank auf die Kniee- "Lass mich vernehmen; Wie heisst er?" "Gregorius", antwortete das Lamm, "Gregorius", wiederholte der alte Mann ueberwaeltigt. 238 u Da ich es hoere, ist mir, als ob er garnicht anders heissen koennte, geliebtes Lamm* Willst du mich in deiner Guete auch wissen lassen, wo er ist?” "Fern von hier”, erwiderte das Lamm. "Und du bist ersehen, ihn einzuholen. Auf, Probet Suche ihn von Land zu Land in der Kristenheit und lass dich keine Muehen der Reise gereuen, sie fuehre nun hoch ueber oede Gebirgspaesse oder ueber reissende Fluesse. Auf einem wilden Stein sitzt der Erwaehlte ganz allein seit vollen siebzehn Jahren. Suche und hole ihn, denn ihm ge- hoert der Stuhl." "Ich will suchen mit allen meinen Kraeften", versicherte Probus. "Aber, ruehrendes Lamm, die Kristenheit ist so weit und gross. Muss ich sie ganz durchforschen, bis ich auf den Stein stosse, den der Erwaehlte einnimmt? In meiner Menschenschwaeche zage ich vor der Sendung." "Wer da sucht, der wird finden", sagte das Lamm mit besonders zu Herzen gehender Stimme; und auf einmal mischte sich in den bitteren Duft des Lorbeers, worin der Roemer gesessen hatte, Rosenduft, so stark und lieblich, dass man nur ihn noch wahrnahm. Denn jeder Blutstropfen, der aus des Lammes Wunde und von seinem lockigen Fell zu Boden rann, verwandelte sich dort in eine voll erbluehte rote Rose, deren es bald 3ehr viele waren. "Uebersteige mutig die Alpen", fuhr das Lamm, in den Rosen stehend, zu reden fort. "Ziehe durchs Alamannenland, ohne dich etwa von dem beruehmten Sankt Gallen verlocken zu lassen, dort zu saeumen, und richte dich weiter gen Abend und Mitternacht, gegen das Nordmeer. Kommst du in ein Land, das an dieses grenzt und fuenf Jahre lang mit Krieg ueberzogen war, von dem eine festhaltende Hand es befreite, so bist du recht. Wende dich gegen 239 seine Huegel und Berge, Waelder, Wildnisse und Einoeden. In einer solchen kehre ein, in dem Haus eines Fischers auf dem Wert eines Sees. Bei ihm wirst du Weisung empfangen. Du hast gehoert. Glaube und gehorcheJ” Damit verschwand das Lamm nebst den Rosen seines Blutes; Probus aber fand sich noch immer mit gefalteten Haenden vor der Bank mit den Panskoepfen knieend, die Wangen nass von Traenen, die die suesse Stimme des Lammes und die ergreifenden Bewegungen seines Maules beim Sprechen ihm entlockt hatten» Er spuerte mit der Nase in der Luft nach einem Rest von Rosenduft, und wirklich schien ihm fuer kurze Zeit noch eine Spur davon vorhanden, ueber- wogen und bald gaenzlich verdraengt allerdings vom Geruch des Lorbeers. "Was ist mir da geschehen?" fragte er sich. "Es war eine Vision - die erste, die mir je zuteil wurde, denn es liegt sonst garnicht in meiner Art. Faltonia pflegt mich einen trockenen Mann zu nennen, und es ist wahr: sie ist weit geistvoller, als ich, und studiert mit philosophischer Kuehnheit den Origines, obgleich seine Theorien verdammt worden sind. Aber etwas derartiges, wie mir soeben, ist ihr nie zugestossen. Der Rosenduft ist nun ganz entschwunden, aber mein Herz wallt immer noch ueber von Liebe zu dem Lamm, und ich kann nicht zweifeln, dass es mir ^ die Wahrheit verkuendet hat, und dass uns wirklich ein Papst er- waehlt ist, den ich suchen soll. Gleich muss ich Faltonien alles erzaehlen, erstens damit sie sieht, welcher ausserordentlichen Erlebnissen meine Seele faehig ist, und zweitens, um ihre Meinung zu hoeren ueber die praktischen Folgerungen, die ich aus dem Vernommenen zu ziehen habe." Damit machte er sich auf von seinen Knieen und eilte so 240 . ......jihtfjg'4 , KitttttttinfttttKNn rasch, wie ein ueber Fuenfzigjaehriger sich noch bewegen mag, dem Palaste zu, wo er in einem der zehn oder zwoelf wohnlichen Gemaecher seine Gattin fand, wie sie der starkgeistigen Be- schaeftigung oblag, den Origines zu exzerpieren. Mit Erstaunen gewahrte die Matrone seine grosse Bewegung und hoerte aufmerksam seinem ueberstuerzten Berichte zu, den er mit vielen ''Denke dir!", "Stelle dir vor!” und "Achte wohl!" versah. "Sextus”, sagte sie schliesslich, "das scheint in der Tat bemerkenswert. Du bist ein eher trockener Mann, und wenn dir ploetzlich ein solches Gesicht widerfaehrt, so kommt ihm moeg- licherweise ernste Bedeutung zu. Das Rosenblut ist poetisch, und aus dir selbst bringst du keine Poesie hervor; sie muss ausserhalb deiner Persoenlichkeit ihren Ursprung haben. Andererseits wuerde ich es fuer gewagt ansehen, wenn du so ohne Weiteres den Eingebungen deiner Einsamkeit folgtest und bei deinen Jahren dich in das Abenteuer einer Reise zu den Kimmeriern stuerztest, die ewig in Nacht und Dunkel tappen. Du bist zum Glauben ermahnt worden, aber es ist gewagt, allein zu glauben, und Handlungen, welche auf Grund eines ganz einsamen und persoenlichen Glaubens geschehen, fallen leicht ins Naerrische. Auch koenntest du dich ohne die Zustimmung der Oeffentlichkeit garnicht auf die Suche nach dem Erwaehlten machen und ihn herbeifuehren, wenn du ihn finden solltest. Werden aber deine Mitbuerger dem, was sie die Ausgeburten deines Nachmittagsschlaefchens nennen moegen, genuegend Wichtigkeit beimessen, um dich mit der Reise zu beauftragen?" "Ich bezweifle es selbst, Faltonia, Aber ich gestehe, dass ich mehr von dir erhofft hatte, als eine kritische Analyse meiner Lage, naemlich einen Rat." 241 -wJJäijiaju»**w •WUUUUmjUltttiS WEH* "Du hast unrecht, Probus, einen solchen von mir zu erwarten* Es handelt sich um eine kirchliche Angelegenheit, sogar um die alleroberste, und du weisst, dass in der Kirche das Weib schweigen soll. Ob es nicht besser stuende um die Kirche, wenn ver- staendige Frauen darin ein Wort mitzureden haetten, das wollen wir allerdings dahingestellt sein lassen . 11 "Deine Bitterkeit betruebt mich, Faltonia. Es ist aber wohl so, dass deine Gewohnheit, bei der theoretischen Zergliederung der Dinge stehen zu bleiben, dich zu einem Ratschluss nicht kommen laesst, und dass du dich darum hinter das Schweigegebot fuer Frauen in kirchlichen Fragen zurueckziehst "Sehr scharfsinnig. Es scheint, lieber Sextus, dass du heute den ganzen Tag ueber deine Verhaeltnisse lebst. Und dabei ver- saeumst du, des Einfachsten und Naechstliegenden zu gedenken, das anzuregen ich laengst im Begriffe bin, indem ich die dem Weibe gebuehrende Zurueckhaltung mit gutem Rat verbinde. Unterrede dich ueber dein Erlebnis mit deinem Freunde Liberius! Er, als hoher Kleriker, dessen Charakter und Intelligenz ich anerkenne, obgleich er die Lehren des Origines verwirft und eine christliche Philosophie nicht fuer Christentum erachtet, ist durchaus der Mann, sich in deine Lage zu versetzen und dir zu sagen, wie er selbst sich in derselben verhalten wuerde." Dieser Vorschlag leuchtete dem Probus sogleich als gilt und richtig ein. Der Mann, von dem Faltonia sprach, Liberius, war Kardinal-Presbyter Von Sancta Anastasia sub Palatio, ein hoch angesehener Praelat, sogar dem Gremium angehoerig, dem waehrend der Sedisvakanz die Verwaltung der Kirche oblag, und wirklich dem Probus in alter Freundschaft verbunden. Der Gedanke, sich ihm zu eroeffnen, war dem Heimgesuchten wohltaetig und will- 242 BäüßüiiÜiiiiji uH SimlStJfifiStii iGa ►«wrVHUUjs- kommen. "Faltonia”, sagte er, ”du hast vortrefflich gesprochen. Verzeih, dass ich mich, indem ich dich in deinen Studien unterbrach, zuerst an dich wandte! Auf keinen Pall kann ich es bereuen, denn wenn du mir eigentlichen Rat auch vorenthieltest, so hast du mir doch den besten Weg gezeigt, ihn zu erlangen. Sogleich will ich mich zu Liberius tragen lassen.” Nach diesen Worten schlug er mit dem Kloeppel gegen eine bronzene Droehnscheibe und gab den eintretenden Dienern Befehl, in Eile seine Saenfte zu ruesten. Er bestieg sie in einem der Hoefe mit den hinfaelügen Saeulenordnungen, indem er die Traeger zu rascher Gangart ermahnte. In einem knieweichen Trabe, um die Saenfte so wenig wie moeglich zu erschuettern, trugen sie ihn durch das beruehmte Rom, dessen Gassen sich zwischen ungeheueren, halb in Schutt liegenden Ruinen von Prachtbauten anderer Zeiten hindurchwanden und wo ueberall die Marmorstatuen von Kaisern, Goettern und grossen Buergern verstuemmelt herumlagen und darauf warteten, in die Kalkgrube geworfen zu werden, dass man Moertel aus ihnen brenne. Vor dem gedeckten Tragstuhl und seinen vier Traegern liefen noch zwei Diener her, denen es oblag, der Saenfte des Patriziers mit Rufen und Gebaerden freie Bahn durch das Stras- senvolk zu schaffen. Sie waren jedoch angewiesen, es nicht auf herrische Weise, sondern eher auf eine flehende, beschwoerende zu tun. Das Haus des Liberius war neben der Kirche der heiligen Anastasia unterhalb des Palatinischen Huegels gelegen, ein neu entstandener Ziegelbau, mit alten Konsolen und Friesen verziert und mit Bogenfenstern, von kleinen Pfeilern durchbrochen. Eine Freitreppe fuehrte zu seiner Vorhalle empor, deren tragende 243 iaüro- l * , * , ‘«»}»”«II2 *min MKTJÜIWMlt w;k aggaOflftfinnBii>tf t<,!ÜU Saeulen woanders hergenommen waren, und zu Fuessen der Treppe wartete auf dem Platz des Presbyters eigene Saenfte* Ja, als Probus die seinige verliess, sah er seinen Freund selbst, noch mit den Anlegen seines Umhanges besehaeftigt, au3 dem Hause treten und die Stufen hinuntersteigen. Betroffen blieb er auf halbem Wege stehen, als er Probus gewahrte, - ein hoher und schoener Mann, ergraut, mit der gewoelbten Oberlippe des Roemers, sinnenden dunklen Augen und einen Munde, der seinen eigentuemlichen, schmerzlieh-frommen Ausdruck durch das Herabhaengen des einen Winkels - nur des einen - gewann. Faltonias Gatte war viel kleiner als sein geistlicher Freund, auch etwas feist, wie mir bei dieser Gelegenheit auffaellt, mit kugelrunden Augen von Kastanien färbe und Brauenbogen darueber, deren Schwaerze scharf gegen das Schneeweiss seines dichten Haupthaares abstach. "Du hier, Probus?" sagte der Praelat mit Erstaunen, indem er dem Hinaufsteigenden mit ausgestreckter Hand weiter entgegenkam. Wisse, dass ich mich eben zu dir auf den Weg machen wollte, und zwar aus gewichtigen Gruendenl" "Das trifft sich eigentuemlich, mein Liberius", antwortete der Anicier. Sei aber gewiss, dass die Beweggruende, die mich zu dir treiben, den deinen an Dringlichkeit zum mindesten nicht nachstehenJ" "Ich kann es kaum glauben", versetzte der andere, wobei seine Augen sich verdunkelten und sein einer Mundwinkel sich noch schwe rer hinabsenkte. "Aber komm, lass uns hineingehen, lass uns ln meinem Zetas estivalis niedersitzen, dessen Kuehle und Stille unserem Austausch guenstig sein werden." Dieses luftige und angenehme Gemach war im Obergeschoss des Hauses nahe dem Speisesaal gelegen, und die Freunde betraten es nicht ohne dass der Hausherr den Dienern eingeschaerft haette, ihre Unterredung unter keinen Umstaenden zu stoeren. ”So ungeduldig ich bin, mich dir zu eroeffnen, mein Probus", sagte er, als sie neben einander auf einer mit Kissen belegten Steintruhe Platz genommen hatten, die ich bei naeherem Hinsehen fuer einen Prunksarg aus anderen Zeiten halte," - so moechte ich dich, der Gastlichkeit die Ehre gebend, doch auffordern,den Anfang zu machen und mir zu sagen, was du auf dem Herzen hast." "Ich danke dir, mein Freund", erwiderte Probus, "aber die Rechtlichkeit gebietet mir, dich darauf aufmerksam zu machen, dass, wenn ich dir meine Mitteilung gemacht haben werde, ueber- haupt von nichts anderem mehr wird die Rede sein koennen. Darum bitte ich dich, zuerst zu sprechen." "Ich kann es billigerweise nicht tun", versetzte Liberius, "denn es ist umgekehrt meine UeberZeugung, dass, wenn ich gesprochen habe, es zu einer Diskussion deiner Angelegenheit gar- nicht mehr kommen wird." "Nein, rede erst du", beharrte der Optimat, damit wir in Kuerze deine Sache eroertern und erledigen]" "Du taeusohest dich ueber ihre Tragweite", sagte Liberius, "wenn du von Kuerze und von Erledigung sprichst. Doch gut, Ich weiche deinem Dringen. Vernimm, mein lieber alter Freund, ich bin einer Erscheinung gewuerdigt worden." "Einer Erscheinung?!" rief Probus gedaempft, indem er seine Hand auf die des anderen legte. "Hoere, Liberius, ich nehme meinen Antrag zurueck und moechte nun doch vor allem dir meinerseits. .." "Zu spaet", antwortete der Presbyter. "Meine Begierde, mich dir anzuvertrauen, ist jetzt nicht mehr zu hemmen. Zu maechtig UUwttt quillt hervor, wovon mein Herz voll ist, und womit auch das deine zu erfuellen es mich unwiderstehlich draengt« Noch einmal denn, wie du mich hier siehst, ist mir vor weniger als zwei Stunden eine Offenbarung zuteil geworden .' 1 "Eine Erscheinung und eine Offenbarungi" wiederholte Probus, indem er die Hand des Freundes presste. "Ich beschwoere dich, wie geschahen sie dir?" "Folgendermassen", versetzte Liberius. "Sehr gut kennst du den kleinen, vor meinem Speisezimmer gelegenen Soeller mit seiner von Epheu umsponnenen Balustrade, von wo man den Blick auf den Huegel der Gruendung und auf unsere aeltesten Heiligtuemer geniesst. Dorthin hatte ich mir nach der Mahlzeit einen Sessel ruecken lassen, in dem ich ruhte, sorgenden Gedanken hingegeben ueber das Schicksal der Kirche, das wir in unserer Ohnmacht und Verwirrung Gott anheimgegeben haben. Du wirst sagen, ich sei darueber in Schlummer gefallen, da ich ein Traumgesicht hatte. Ich moechte j edoch eher von einem Wachgesicht sprechen, wenn ich auch zugebe, dass der Zustand, in dem man Gesichte hat, nicht derj enige gemeinen Wachens ist. Vor mir an der Balustrade stand ein ruehrendstes Lamm, das zu meiner unsaeglichen Ergriffenheit aus der Seite blutete, seinen Mund auftat und mit liebeerweckender Stimme zu mir das Wort sprach -" "Habetis papaml" rief Probus. "Ich bewundere", erwiderte Liberius, "deine Divination. Ja, so sagte es. 'Ein Papst', sprach es, 'ist euch erwaehlt. Seines Namens Gregorius, sitzt er, fern von hier, seit siebzehn Jahren auf einem wilden Stein, und ihm gehoert der Stuhl. Du aber bist erwaehlt, dies zuerst zu vernehmen.• "Sagte es das auch zu dir?" fragte der Anicier nicht ohne 246 leise Betruebnis. "loh gestehe, dass ich der Meinung war, es habe es nur zu mir gesagt.'* "Sextus, du sprichst als ob -l" ”Ja, mein Liberius, auch mir ist das ergreifende Lamm erschienen und hat mir seine Offenbarung getan, augenscheinlich zu derselben Stunde, wie dir. Und nicht genug damit, hat es mir auch verkuendet, dass ich ausersehen sei, den Erkorenen, unter wie grossen Muehen immer, aufzusuchen und ihn nach Rom zu fuehren." "Aber das will ich dir ja gerade berichten", rief Liberius, "dass es mir - auch mir also - diesen heiligen Auftrag erteilt hat i" "So, auch dir", sagte Probus. "Uns beiden also, jedem von uns, und zwar gleichzeitig. Freund, welch ein Wunder l Das r«™™ war auf deinem Soeller, und es war in meinem Garten, und zu jedem von uns hat es gesprochen, als spraeche es nur zu ihm. ’Uebersteige mutig die Alpen’, sagte es...” "Wende dich gen Abend und Mitternacht -" fiel Liberius ein. Und nun wiederholten sie, einander ins Wort fallend, alles, was das Lamm zu ihnen gesagt und was es sie ueber den ungefaehren Aufenthaltsort des Erwaehlten gelehrt hatte. "Ach, das Lammi" riefen sie immer wieder, einzeln und zweistimmig. Denn sie kamen nicht los von der gemeinsamen Erinnerung an des Lammes zu Herzen gehendes Bild, seine unendlich sanften, lang bewimperten Augen, die ruehrenden Bewegungen seines Mundes beim Sprechen, die zitternde Suessigkeit seiner Stimme, das Blut, das von dem Gelock seines Flieses getroffen war. Von dem Sarkophag standen sie auf, sanken sich in die Arme und kuessten einander, trotz der Verschiedenheit ihrer Groesse, unter Traenen auf die Wangen. Probus’ Kopf lag an der Brust des Liberius, dessen Dalmatika er mit seinen 247 I1ÄUW1MH ftttüiaa* 1 Traenen benetzte, und Liberius, das Haupt zur Seite geneigt, blickte mit fromm herabhaengendem Mundwinkel hoch ueber ihn hinweg. "Ach, und die Hosen", erinnerte Probus sich an seinem Busen, "in die sein liebes Blut sich verwandelte, als ich vor meiner Sendung verzagen wollte!" "Rosen?" fragte Liberius, indem er die Umarmung lockerte. "Ich weiss von solchen nicht." "Rosen die Menge bei mir!" versicherte Probus* "Ihr Duft schlug gaenzlich den des Lorbeergebueschs aus dem Felde." "Ich kann", erwiderte Liberius und beendete die Umarmung, "nur wiederholen, dass mir keine Rosen zu Gesicht gebracht worden sind* Aber lass uns, mein Freund, ein so herrliches Begebnis nicht verunehren, indem wir neidisch dabei auf einander sehen! Ich halte fuer moeglich, dass das Lamm In Anbetracht meiner Eigenschaft als Sohn und Fuerst der Kirche, es nicht fuer noetig hielt, meinen Glauben durch ein Rosenwunder zu stuetzen." "Gewiss, mein Teuerer, so mag es sein", pflichtete der Anicier ihm bei, "obgleich du es mir nicht verargen darfst, dass ich die Poesie dieser mir vorbehaltenen Erscheinung bewundere und dich einlade, es mit mir zu tun. Was wir aber vor allem bewundern wollen, ist die Weisheit des Lammes, nicht nur einem von uns, sei es dir oder mir> sondern uns beiden die erfolgte Erwaehlung zu verkuenden und j edem von uns die Reise anzubefehlen. Mit wieviel groesserer Zuversicht werden wir sie zusammen aatreten, als wenn nur einer die Weisung empfangen haette! Schwer Ist es, ohne Gesellschaft zu glauben, und nicht zu leugnen Ist, dass Handlungen, die aus einem voellig privaten und einsamen Glauben geschehen, leicht etwas Naerrisches haben. Und unsere Mitbuerger? 248 Bedenke, mein Freund, dass wir zum Handeln ihres Glaubens be- duerfen{ Zwar sind wir Maenner, deren Wort den Roemern gleich Eide gilt* Und doch duerfte der Einzelne sich wundem, wenn die Offenbarung ihm als das wenig besagende Erzeugnis eines Nachmittageschlaefchens ausgelegt wuerde? Darin eben besteht die Weisheit des Lammes, dass es die Heimsuchung verdoppelte und fuer zweier Zeugen Mund gesorgt hat, deren uebereinstiramende Aussage, uebereinstimmend mit der einzigen Ausnahme der Rosen, jeden Zweifel nieder sch lagen muss« Wie habe ich gesprochen?’* '•Hervorragend, mein Freund," erwiderte Liberius. "Jedes deiner Worte beweist, dass du Aemter und Wuerden nur teilweise deinem alten Namen verdankst. Ja, Hand in Hand wollen wir vor die schleunig einzuberufende Versammlung treten und, die Herzen voll vom Andenken des Lammes, wie aus einem Munde Zeugnis able- gen fuer das Wunder, das uns geschah*" Der zweite Besuch Der Fischer und seine Frau hatten seit siebzehn Jahren keinen Besuch mehr gehabt in ihrer Einoede auf dem Wert und vorher wohl ebenso lange auch keinen. Desto lebendiger hatte sich, wenn sie auch nie darueber sprachen, ihrem Gedaechtnis derjenige eingepraegt, den sie einmal empfangen hatten, der Mann mit Aerger und Unrede, die Frau unter frommen Vermutungen. Hinzufuegen will ich, dass der Mann von j ener Erinnerung nicht gar viel wissen wollte und sie moeglichst aus seinem Geist verbannte. Denn ihm war nachtraeglich immer, als ob er damals, obgleich er doch ganz nach des Fremden Wunsch und Begehr gehandelt hatte, etwas wie eine Missetat oder, kurz gesagt, einen Mord begangen habe; und dergleichen verbannt man lieber. Das gelang ihm auch garnicht 249 uebel, was die oberen Bezirke seines Gedaechtnisses betraf; denn er sah immerhin Leute, wenn er seine Ploetze, Schleie und Bitterlinge zwei Stunden weit in das naechste Dorf zu Markte brachte, und das zerstreute ihn» Die Frau aber sah gar niemanden, sie lebte und welkte ganz allein in der Einoede an ihres unwirsehen Mannes Seite, und da sie keinen Grund hatte, wie er, das Vorkommnis von damals aus ihrer Erinnerung zu verbannen, so hegte sie es still in der Seele durch all die Jahre und gedachte des schoe- nen, demuetigen Bettlers, den sie aus dem Regen zurueckgeholt und dem sie Schilf zum Lager gespreitet* gedachte seiner sehr haeufig* ja taeglich, und Traenen traten ihr dabei in die Augen. Das will nicht viel besagen, dass ihr die Augen näss wurden beim Gedenken, denn ueberhaupt weinte sie sehr leicht; will sagen: sie weinte nicht gerade, doch ohne dass ihre Miene sich Versender t haette und ohne sichtlichen, noch auch nur ihr bekannten Anlass gingen in aller Stille die Augen ihr ueber, und ein paar Traenen rollten ihr ueber die abgezehrten Wangen, weshalb ihr Mann, der Fischer, sie stets eine Heulliese nannte. Er naemlich wurde von dem Zusammenkommen mit Menschen und vom Handel und Wandel mit ihnen hart, fest und ordinaer erhalten, da das Weib, ganz ohne diese Erfrischung, von Einsamkeit seelenzart war und empfindsam wie Sinnkraut» Nun kam fuer sie beide ein Tag - das war in mancherlei Hinsicht ein Tag der Wunder, dieser und dazu der naechste! Sehr guenstig hatte der Tag begonnen, denn frueh morgens hatte der Fischer mit dem Hamen im See einen vortrefflichen Fisch gefangen, einen Hecht, desgleichen sah man nur selten. Es war ein wahres Examplum von einem Hecht, schon mehr ein Hai, mehr als sechs Puss lang, schoen schwarz gefleckt, das gierige Maul mit. Raub- 250 zaebnoi gespickt. Fuer das Kleingetier rings umher in dem See war es gewiss ein Gottessegen, von diesem Tyrannen erloest zu sein. Der Fischer hatte mit dem wilden Leib seiner Beute einen wahren Kampf zu bestehen gehabt, bevor er ihm den Kopf an der Bootskante zerschmettert hatte. Es war ein so gluecklicher Fang, wie das Handwerk ihm selten einmal gewaehrte. Morgen frueh wollte der Fischer den leckeren Braten zu Markte bringen und ihn ein- traeglich verhandeln. So 3ein Vorsatz; und wahrlich, gutes Kaufgeld sollte ihm werden fuer den Braten, doch nicht erst morgen, sondern gleich heute, und im fernen Dorf nicht, sondern bei ihm zu Hause. Denn den Tag noch sollten der Fischer und seine Frau wieder Besuch bekommen. Sie standen zusammen gegen Abend vor ihrer Huette, wie einst und oft, und blickten ins Land hinaus; der Fischer, der nun einen ganz grauen Bart hatte, mit finsterem Stolz seines Prachtfisches gedenkend, wie Eitler, der mit mehr Erbitterung als Freude das rare Glueck am Schopfe haelt, die Frau, den Kopf zur Seite geneigt und stillen Gesichts etwas weinend. Sie sprachen kein Wort. Wie einst und oftmals wurde es Herbst; Septemberzeit war es und fahles Licht heut Abend ueber den Huegeln, von denen es hinabging zu ihrem Wert. Das machte der Regenschauer, der bei sich neigender Sonne einen Teil des Himmels verfinsterte und dicht daran war, sich zu ergiessen. Da sahen sie fern auf krummem Waldsteige Reiter, einen hinter dem andern, zu Tale kommen. Lange sagten sie nichts dazu. Dann sprach der Mann mit heiserer Stimme das Wort: "Reiter." 251 "Du grosser Gott*', sprach die Frau, faltete die Haende, und zwei klare Traenen rollten ihr die Wangen hinab. Darauf verstummten sie wieder gaenzlich und sahen nur reglos und unverwandt der Annaeherung der Fremden zu. "Drei Reiter und ledig ein Tier", sprach heiser der Mann nach einer Weile* "Und ledig ein Tier !' 1 wiederholte die Frau und faltete enger die Haende, Sie hob sie hoeher vor ihr Gesicht und setzte hin- » * zu: "Ledig und weiss". So war es: Zwei ritten, als Platz genug dazu war, neben einander voran, den Dritten hinter sich lassend. Das war ein Knechtj sein Maulpferd war bepackt, es standen ihm pralle Saecke zu beiden Seiten. Er fuehrte aber ein viertes Tier, unbepackt, am Kopfzeuge mit daher, und das war weiss wie auch sein Sattel und Zaum. Die Herren vor ihm ritten auch gute, hochbeinige Maeuler, wohl gezaeumt und gesattelt. Es waren aeltere Herren, verschieden von Wuchs, der eine kurz, der andere lang. Sie waren in Reisemaentel gehuellt, mit Kapuzen* Sie hielten an, dicht vor den entgeisterten Eheleuten, die sie nur mit offenen Muendern anstaunten und sich zu neigen vergassen. Der kuerzere von den Herren bot ihnen den Abendgruss und fragte dann, zum Manne gewandt : "Freund, ist dies eine Einoede?" "Zu dienen, ja, eine Einoede", belebte sich der« "Eine vollkommene Einoede?" fragte der Lange und sah den Fischer tiefen Blickes an* indess ihm ein Mundwinkel schwer und gottergeben hinabhing. "Man kann es nicht leugnen, Herr. Diese Huette steht in 252 II groesstmoeglicher Vereinzelung hier am See. "Was ist Eure Hantierung?"'fragte der Kurze. "Ich bin ein Fischer", lautete die Antwort. Da sahen die Beiden einander an und nickten. Der Eine zog seine dichten schwarzen Brauen dabei empor, dem Andern sank der Mundwinkel noch froemmer hinab. "Hoer, Graubart", sagte wieder der Kurze, "wolle uns nicht verhehlen: Ist es vielleicht, dass hier im Bereich deiner Ein- oede ein Stein sich befindet, ein wilder, ein weltferner Felsensitz oder wie du den Aufenthaltsort nun benennen willst?" "Nein, Herr, einen solchen kenne ich nicht", antwortete der Befragte und schuettelte ein fuer allemal den Kopf zu seinem Bescheid. "Gar keinen solchen ringsum? Du bist ein Fischer, so fischest du wohl in dem See von grosser Geraeumigkeit, der sich dort erstreckt?" "Ja, Herr, dort finde ich meine Nahrung." "Und hat der See wohl Riffe, Klippen, wenn du so willst, die ueber das Wasser treten, oede Inseln also, von denen man eine oder die andere allenfalls als einen wilden Stein ansprechen koennte?" "Nein, Herr, meiner Seel 1 , den See sollt* ich kennen, weiss aber von keinem Inselsteine in seinen Wassern." "Warum weinet dein Weib?" fragte ploetzlich der Lange und wies mit dem Finger, an dem ein hoher Siegelring sass, auf des Fischers Frau. "Die weinet meistens", gab der Mann rauh zur Antwort. "Sie hat ein weinerliches Gemuet." "Selig sind die Sanftmuetigen", sprach der mit dem Ring. 253 Dann stieg er, wie auch der kuerzere, von seinem Tier; dieser aber trat vor den Fischer hin, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: ,, Amice> wisse, wir haben vor, euch zur Last zu fallen, dir und deinem traenenseligen Weibe, fuer diese Nacht« Wir Herren kommen weither, schon heute bloss, von all der Weitlaeufigkeit, die voranging, zu schweigen; denn wir reisen schon lange« Reise- und rittmuede sind wir« Nun faellt der Abend ein, und Regen droht, ja, es regnet schon etwas. Willst du uns Herberge geben in deiner vereinzelten Huette bis morgen frueh? Es soll dein Schade nicht sein." Und wie er das sagte, zwinkerte der gedrungene Herr vertraulich mit einem Auge, wie Einer, der sich ans Gewoehnliche wendet, an die Habsucht, die Gier nach Vorteil. Dem Fischer war so zumut und auch wieder so. Das Fragen der Fremden nach einem Stein war ihm in der Seele unbehaglich und stimmte ihn misstrauisch gegen ihr Kommen. Das Vorteilszwinkern des Herrn aber liess ihn finster-verschaemt laecheln in seinen Bart. Ein anderer Mann war er nun, ein geschmeidigerer, als als einst, da der nackte Holunck bittend vor seine Huette gekommen war. Ein Fang, ein guter, kam, wie es schien, heute zum andern, und war der eine wohl auch zum andern in vorteilhafte Beziehung zu bringen. Mit wahrem Ingrimm hielt er das Glueck am Schopf. "Unterwuerfig", sprach er, "sind Euere Gnaden gebeten, nur jedenfalls unterzutreten, so wenig diese vereinzelte Huette auf Besuch ueberhaupt, wie nun gar auf solchen Besuch vorbereitet und eingerichtet ist« Wir sind arme Leute. Haetten wir wenigstens den Beischlag noch, das Rumpelhaeuschen, das hier frueher stand nebenan, so koennten wir dort eure Reittiere einstellen, 254 die grauen und den Maulschimmel da* Aber der Schuppen ist vor Jahren schon eingestuerzt. Nun muss euer Knecht, wie ich ihn tun sehe, aus der Not das Beste machen, die Tiere anbinden und sie bedecken gegen den Regen, mit dem es, wenn ich mich auf das Wetter verstehe, nicht schlimm werden wird* Euch aber ist er nicht zuzumuten, und nicht, dass ihr weiterreitet bei Nacht, denn Woelfe gibt’s auch. Ich habe noch keinen, mochte er Herr sein oder Bettler, von meiner Schwelle gewiesen bei solchen Bewandtnissen* Waere nur unsre grosse Armut nicht und die Duerftigkeit dieser Stube, in der ihr voller Bedenken euch umseht2 Unser zuerst ist die Bedenklichkeit und das Zagen, denn wie sollen wir euch betten und wie, vorher, euch bewirten? Mit der Bewirtung, da wuesste ich allenfalls Rat, denn heute habe ich einen Fisch gefangen, - viel Geld haett’ ich fuer den erworben im Handel, - ein wahrer Herrenfisch ist der euch und ein mundendes Abendessen, wenn mein Weib ihn euch kocht oder braet. Der Bettung wegen aber, da ist guter Rat teuerer - mag der Fisch auch nicht billig sein - um die ist mir zag und bange.' 1 "Mann”, sagte darauf der kuerzere Fremde, der nun die Kapuze zurueckgeschlagen hatte, darunter dichtes, schneeweisses Haupthaar zum Vorschein kam, welches sehr huebsch zu seinen pechschwarzen Brauen stand, "Mann, wolle dir keine Sorge machen um uns und wie du uns bettest, denn das ist ganz einerlei. Es scheint dir nur, dass es nicht einerlei ist, das merkei Wir sind zwar Herren, aber wir sind es unter so beschaffenen Umstaen- den, dass nichts uns anzufechten und keine noch so sehr unsern Gewohnheiten widersprechende Zumutung uns zu kraenken vermag, denn keine, wie immer geartete, is t ueberhaupt der Rede wert im Vergleich mit dem Eigentlichen und Grossen, dessentwegen wir 255 ausgesandt sind und diese Reise in unserem Alter noch auf uns genommen haben* Kenntest du die Beschwerden, die, seit wir vor nahezu einem halben Jahr unsere Fahrt begannen, unser Teil waren, und die wir ohne Murren ertrugen, so wuerdest du dir keine Gedanken machen ueber unsere naechtliche Lagerung. Ein wenig Stroh hier am Boden mit einem Laken darueber soll uns schon ueppig duenken, wenn uns dein Weib dergleichen bereitet. Notfalls aber verbringen wir auch die Nacht auf den Hockern hier sitzend am tannenen Tisch, denn ohne Belang ist uns alles neben dem Einen.” So der Weisskopf. Da aber unterdessen auch sein Begleiter den Reisemantel abgelegt hatte, und geistlich Gewand darunter zum Vorschein kam, wie auch ein violettes Kaeppchen die Schur seines grauen Haares bedeckte, so knieten die Fisehersleute, um seinen Segen ersuchend, gleich vor ihn hin. "Segne uns, heiliger Vater!" bat mit nassen Augen die Frau. Aber der Lange erschrak bei dieser Anrede und wehrte ab mit grosser Gebaerde. "Spare den Namen, Weib," rief er, "und nenne nicht mich mit ihm, der nur Einem gebuehrt, welcher nicht fern sein kann/ - In nomine suo benedico vos," Und mit zwei Fingern beschrieb er das Kreuzeszeichen ueber dem Wirtspaar. Als sie sich nun gesegnet erhoben, fing gleich der Mann wieder von der Verpflegung an und kam auf seinen Fang, den leckeren Fisch zurueck, den er den Herren zu verkaufen und zum Abendessen aufzutischen sich erbot. Aber der weltliche Herr erwidertes "Schlag dir doch, Freund, all diese Dinge aus dem Sinn und sorge dich nicht um uns! Wir fuehren mit uns, was wir brauchen. Wir haben Wein und Brot, und wohl auch einen kalten Huehner* fluegel oder dergleichen wird unser Diener uns bringen, wenn er 256 die Tiere versorgt hat mit dem ebenfalls vorgesehenen Futter,” "Wohl, wohl”, sagte der Fischer* ”Aber sehen moechte ich doch, ob es euch Herren nicht nach dem Hecht geluestet als Hauptgang, wenn ich ihn euch zeige,” Und er brachte den Fisch in einer Buette, zum nicht geringen Erstaunen der Fremden, die sehr seine Groesse und Schoenheit lobten. "Auf dem Markt”, sagte der Wirt, "haette ich gut und gern fuenf Florinen fuer ihn geloest,” "Du sollst das Doppelte haben”, versprach der Weisskopf, "und mit deinem Weibe noch teilnehmen an seiner Verzehrung, wenn sie ihn uns schmackhaft zuzubereiten versteht, gebraten, gespickt und mit einer guten Cappernturike. Machst du dich dessen anheischig, Frau?" "Ach, edler Herr", sagte die, "von Cappern habe ich kaum ge- hoert, aber ein wenig Speck wird sich fuer die Spicknadel finden, und eine Wuerzbruehe will ich auch wohl anrichten, der ihr eueren Beifall gewiss nicht versagen werdet,” Sie versprach mehr, als sie zu leisten sich Zutrauen durfte; aber sie fuerchtete ihren Mann, der darauf brannte, seinen Fisch ueberm Preis zu verkaufen und sie schlagen wuerde, wenn sie sich unbeholfen zeigte. "Zehn Florinen”, rief der Habgierige, "und so ist der Handel getan! Eure reisende Gnaden aber habt zum Nachtmahl ein Herrengericht, wie es Euch unterwegs nicht leicht noch einmal geboten wird. Lasst mich ihm gleich nur die Haut waschen und ihn ausnehmen, damit dann die Koechin ihr Werk an ihm tue. Bei den Gaesten blieb die Fischersfrau stehen, die Haende gekreuzt auf der Brust, waehrend hinten ihr Mann beim Herde han- 257 tierte. Brot und Wein hatte der Knecht vor die Beiden hinge- stellt, und sie genossen davon, indem sie auch der Frau von dem roten Wein in einem Reisebecher zu kosten gaben. Sie trank mit Vergunst und Verlaub, und es war wohl, dass das Feuer des Weins ihre Neugier ermutigte, denn sie sagte: “Gross und wichtig muss wahrlich die Sache sein, die euch wuerdige Herren auf den Weg gebracht hat und euch gleichgueltig macht gegen ungewohnte Entbehrungen. Gut verstand ich, dass ihr weit herkommt und grosse Strecken der Welt ueberwunden habt . 11 “Das haben wir“, bestaetigte der mit dem weissen Haar und den schwarzen Brauen. “Von so weit wie aus dem Lande Italien kommen wir, wo das neue Jerusalem steht. Doch nicht aus Ueber- mut, der unsern Jahren nicht anstaende, haben wir uns auf die Reise gemacht und durchforschen die Kristenheit, sondern auf hoehere Weisung.“ “Andaechtig hoer ich das“, erwiderte die Frau, “Und mit Andacht geschieht es, nicht aus Vorwitz, wenn ich euch frage, wonach ihr wohl forschen moegt in der Kristenheit.“ “Du wirst es erfahren“, sagte der Kurze, “zusammen mit aller Welt wirst du es erfahren, wenn*sich an uns das Wort erfuellt hat: 'Suchet, so werdet ihr finden.’ Nicht viel kann fehlen, dass es sich erfuelle, und nicht mehr weit koennen wir sein von unserem Ziel, der Weisung zufolge. Wir haben die Staedte und Harrschaften Italiens durchzogen, zu Pferde, zu Wagen und in der Saenfte und naeherten uns so den furchtbaren Alpen, in deren Schlueften das Wasser kocht, das von grausen Felsen stuerzt, und wo es klimmend hinanging mit uns durch Wolkenfeuchte auf laengst erkundeten Passpfaden zu Hoehen und Halden, vor deren Oede die Seele erstarrt* Da waechst kein Baum noch Strauch* in glaesernem 258 riiihitHrrlfU Licht breitet nur wuestes Geroell sich aus, auf das verschneite Hoerner drohend von fern herniederblicken, und die Reine des Himmels, der sich darueber spannt, kommt ebenfalls der Veroedung gleich. Wir atmeten fluechtig, das Herz schlug uns bis zum Halse, und vermoege einer Art von Berauschung, die uns ueberkam und schlecht zu dem Entsetzlichen unserer Umgebung passte, begann mein Reisebegleiter, der geistliche Herr dort, ganz gegen seine Natur und Physiognomie sich in Scherzreden zu ergehen, was ich ihm wegen der Naehe Gottes verwies." ‘'Du kannst nicht sagen”, verwahrte der Lange sich, "dass meine Reden locker waren!” "So waren sie nur zu nennen nach ihrer sprudelnden Reichlichkeit”, versetzte der andre, "und ich erwaehne es einzig, um dieser guten Frau einen Begriff von der Ungeheuerlichkeit der Sphaeren zu geben, in welche die Reise uns fuehrte. Aber auch hinab ging es wieder von dort, und, wie erwartet, gelangten wir in das nutzliebende Alamannenland, wo ruestige Menschen den Wald zu Weide und Acker roden, Kunkel und Weberschiff wuerdige Staedte ernaehren und in friedvollen Kloestern die Wissenschaft blueht. Wir haben nirgends ueber die notwendigste Rast verweilt. Selbst das beruehmte Sankt Gallen vermochte nicht, uns zum Aufenthalt zu verlocken. Unsere Sendung duldete kein Saeumen. Gegen Abend und Mitternacht trieb es uns weiter, durch viele Bistuemer, Pfalzstaedte und Koenigreiche, bis wir in dieses Land gelangten, das ans Nordmeer grenzt, und von dem es heisst, dass es fuenf Jahre lang mit verheerendem Krieg ueberzogen war, von dem eine festhaltende Hand es befreite. Weisst du von der festhaltenden Hand?” "Nein”, antwortete die Frau. "Wir wissen nichts von alldem. 259 U lilL IUU1K Unsere Huette steht zu vereinzelt, als dass Krieg und Kriegsgeschrei zu uns gedrungen waeren." "Es hat aber damit seine Richtigkeit", sagte der Weisskopf, "und es entspricht unserer Weisung* Ihr gemaess liessen wir das knatternde Meer im Ruecken und suchten des Landes Huegel, Wildnisse und Einoeden* Da wies uns die Wildnis vom Gefild zum Wald, und von ihm irrten wir weiter, wie das Herz es uns riet, bis in den dritten Tag. Einen Steig schlugen wir ein, den kein Huf j e betreten, und es fuehrte der krumme, grasige Weg uns zu dieser Halbinsel im See und vor eure Huette* Siehe, da sind und sitzen wir* Und nun trinke noch einmal, Frau, aus meinem BecherJ Tu’ einen guten Zug auf das Wohl der GaesteJ Einen guten und laengeren - so. Und nun sag* uns getreu: Wisst ihr wirklich von garkeinem wilden Stein oder einsamen Felsensitz hier herum irgendwo im Bezirk eurer Einoede?" Die Frau aber fuerchtete ihren Mann und antwortete: "Habt doch ihr Herren den Fischer danach befragt, und er gab euch Bescheid. Wuerde er wagen, es euch zu verbergen, wenn er von solchem Orte wuesste?" "Warum bebest und weinest du aber?" fragte der Lange mit tiefer Stimme. Denn die Fischersfrau konnte nicht ihren Traenen gebieten, und die gekreuzten Haende zitterten ihr auf der Brust. "Mein Vater", sprach sie, "das ist nur, weil es mich gar so sehr verlangt, euch Herren auch eine Frage zu tun, - schon seit ihr zur Huette kamt, ja schon seit ich von fern euch kommen sah, draengt es mich armes Weib unaussprechlich dazu." "Frage]" sagte der priesterliehe Mann. "Fuer wen, ach, fuer wen wohl", fragte die Frau, "mag das weisse Maultier bestimmt sein, das ledige, das Ihr mit euch 260 fuehrt?“ "Das ist 1 *, antwortete Jener und senkte seine Stimme noch, tiefer, "fuer Den bestimmt, den zu suchen wir ausgesandt sind vom neuen Jerusalem nach hoeherer Weisung^ Fuer den Erkorenen ist es, nach dem wir die Kristenheit durchforschen, und dessen Sitz allen Zeichen zufolge nicht fern sein kann." “Ach, du mein Gott“, sprach die Frau, “so will ich euch sagen In dem Augenblick aber, wo sie so anhob, ertoente ein heiserer Schrei von dort, wo der Fischer sein Werk mit dem Fische tat, ein Ruf des Schreckens und bas3en Erstaunens, der die Herren auffahren und nach dem Rufer ausschauen liess; die Frau aber wandte sich jaeh, wies mit gestrecktem Arm dorthin, woher der Aufschrei gekommen, und als ob sie wuesste, was dort sich enthuellte, rief sie wie im Triumphe: “Da, dal Da habt ihr's, da habt ihr’si“ So blieb sie stehen, die Hand weit ausgestreckt. Die Herren aber machten sich auf, hinueber zum Herd, wo der Fischer sich schreckensvoll hoeren liess: “Er ist's! Ich seh* ihn wieder und halt' ihn, geborgen ist er vom Grunde, steh* Gott mir bei!“ Auf schleimigem Brett lag der Fisch, geschabt und geschlitzt, der Mann aber hielt in sudligen Haenden ein Ding, einen Schlues- sel, den starrte er an: “Weh mir! Er ist’s und kein andrerl Geborgen aus Wellentiefel In Fisches Magen! Der Magen, gleich sah ich ihm Seltsames an und schnitt es heraus, er war es, ich halt’ ihn, helf Gott mir Suenderi“ Und er wankte zum Tisch, auf den stiess er die Ellbogen und i vergrub die sudligen Haende im Haar mitsamt seinem Funde. Zu 261 ihm traten die Herren, indesa sein Weib, gleichwie in Ekstase noch immer stand, die Hand ausgereckt dorthin, von wo ihr Mann bereits fortgewankt^ ''Freund", sprach mit tiefer und sanfter Stimme Liberius, denn er war es, er und Sextus Anicius Probus, sie waren es, diese Fremden, dass ich die alten Bekannten nur endlich bei Namen nenne, - "Freund", sagte der Presbyter, "sprich zu uns und er- leichtre dein Herz, in dem der Magenfund die Erkenntnis alten Fehles erweckt zu haben scheint 1 Sieh in mir deinen Beichtigeri Was ist's mit dem Dinge, dem Schluessel in deinen Haenden?” Da richtete der bleiche Mann sich auf und tat seine Beichte, waehrend sein Weib mit gefalteten Haenden neben ihm kniete. Von dem weglosen Mann in der Bettlerhuelle sprach er, der vor vielen Jahren vor die Huette gekommen, und dem er Hohn und Hass geboten die Menge, ihm auoh garnicht Obdach gewaehrt haette ohne die Fuerbitte der Frau. Gestaeupt habe er ihn mit schnoeden Worten, da er ihn fuer einen Truegener gehalten, und alle diese habe der Mann in Demut hingenommen, mit BuesserSanftmut, ihn auch endlich nach einem wilden Orte befragt, wo er aeusserste Busse tun koen- ne, seinen Suenden gemaess. Zum grimmen Steine draussen im See habe er ihn am Morgen gebracht und ihn da ausgesetzt, nach seinem Wunsch zwar, aber mit Bosheit, um ihm die Heuchelei zu versalzen, und ihm zum Ueberfluss ein sperrbares Beineisen angelegt, den Schluessel aber hinaus in den See geworfen und sich ver- wuenschti wenn er den je wiedersaehe und baerge ihn aus der Wellentiefe, dann wolle er glauben, dass der Mann ein heiliger Bues- ser sei und ihm abbitten. "Verwuenscht, verwuenscht", stoehnte er. "Gott hat mich gestraft und mich geschlagen mit einem Wunder nach so langer Zeit. Da, seht den Schluessel, verschlungen vom 262 Fisch, gefunden in Fisches Magen, das Zeichen Gottes* verklaerend fuei* j enen* verdammend fuer mich, der den Heiligen verhoehat und sich zum Hoellenroste verwuenscht hat, denn zur Abbitte ist es zu spaet!" Und der Fischer stiess wieder die Ellbogen auf den Tisch und wuehlte die Haende ins Haar. Wie waren da die Freunde ergriffen! "Anima mea laudabit te", sprach Liberius aufwaerts, "et indicia tua me adjuvabunti - Fischer," wandte er sich dann an den Verstoerten, "sei guten Muts* denn dir ward der Schluessel gesandt zum Zeichen, dass du den beherbergt hast, dem Schluessel- gewalt gegeben sein soll und die Macht, zu binden und zu loesen. Er wird dich loesen und dir verzeihen, dass du ihn nicht erkanntest und, wie es einst geschah, zwar nach seinem Vifillen tatest, aber mit Hass. Es ist nicht zu spaet zur Abbitte. Morgen, ehe der Tag graut, sollst du uns zum Felsen bringen, ad petram, dass wir ihn niederholen, den zu suchen wir ausgesandt, und deine zweite Fahrt soll dir Loesung sein von der ersten." "Ach, werte und arme Herren!" seufzte der Fischer. "Was hilft uns die Fahrt? Ich will sie wohl tun, und vielleicht werd’ ich sie in Ewigkeit tun muessen, in der Verdammnis, ewiglich hin und her. Aber wie koennt ihr hoffen, den Heiligen dort zu finden, wo ich ihn haemisch ausgesetzt vor zwanzig Jahren - ?" "Siebzehn", verbesserte Probus, "siebzehn sind es, Freund Fischer." "Siebzehn oder zwanzig!" klagte der. "Was macht das aus? Begehrt nicht, dass er nur eines davon ueberstanden hat, ja, von dem einen ein Zwoelfteli Ich liess ihn auf dem kahlen Steine in mancher Not; eine davon war genug, jede Hoffnung zu morden. Haben nicht Wetter und Winde ihn baldigst umgebracht, so hat es 263 igiatküah«MH imtöiSi der Hunger getan und der wohl baelder noch, als die Bioesse» Von seinen Gebeinen einige Truemmer, das ist’s, was wir allenfalls finden werden von ihm auf des Felsens Kuppe, und als Reliquien moegt ihr Herren die nach dem neuen Jerusalem fuehren* Ich aber kann ihnen nicht Abbitte tun, noch Loesung von ihnen erlangen, sondern in Ewigkeit werd* ich hin und her fahren mues- sen zwischen Stein und Steg zum Lohn meiner Suende." Da blickten die Herren laechelnd einander an, schuettelten auch die Koepfe und lachten etwas mit ihren Schultern. "Mann, du sprichst, wie du es verstehst", sagte der Cleriker dann, und sein weltlicher Freund setzte hinzu: "Du Zaghafter, siehe dein Weib anj" Wie die naemlich da kniete, unterm Kinn die Haende gefaltet, war ihr das Herz so voll von Glauben und Glueck, dass es deutlich um ihren Kopf herum etwas heller war, als sonst im Funzeldunkel der Stube» Die Auffindung Der Fisch wurde nicht zubereitet und nicht verspeist; ich billige es, dass alle es unschicklich fanden, den Schluessel- traeger zu spicken und zu essen, und dass die Herren mit Brot und Wein sich begnuegten. In des Fischers armer Seele waere gar kein Raum gewesen fuer Gram um den Verlust des Handelspreises, voll wie sie war von Angst, dass er ewig werde hin und her fahren muessen zwischen Steg und Fels, weil er den Heiligen verkannt hatte. Jedoch bekam er sein Geld, denn die Gaeste hielten hochherzig dafuer, fuer das Bestellte muessten sie so oder so den Preis erlegen, und so fand sich der Mann in diesem Nebenpunkte beruhigt, wieviel Sorge ihn sonst auch beschweren mochte. 264 Den Glaubensschein um das Haupt seines Weibes betrachtete er als ihre persoenliche Angelegenheit, ganz als das Erzeugnis ihrer Schwaermerei, das nichts bewies gegen seine Ueberzeugung, dass man auf dem Stein vom Bettler ueberhaupt nichts mehr oder doch Reste nur finden werde, vor denen ihm graute. Schreckhaft be- schaemt und bestraft durch den Fund des Schluessels, fuerchtete er sich davor, die Staette seiner boshaften Untat wieder anzufahren, fuerchtete sich auch vor der Enttaeuschung der Herren, die sie nach grossen Muehen erwartetej denn die vornehm Bejahrten auf den Fels zu hissen wuerde kein Kleines sein, und dann wuerden sie nach so weiten Reisen an einem Ziele stehen, das ihnen unmoeglich noch etwas zu bieten haben konnte. Auf meine Art teile ich die Sorge des rauhen Mannes. Denn ich weiss ja, und mit mir wisst ihr es, denen ich alles er- zaehlte, welcher Pruefung die Beiden, denen Offenbarung und Auftrag zuteil geworden, entgegengingen l Vorhersichtig als Herr der Geschichte, koennte ich mich zwar getroesten, dass gleichsam die Pruefung nur ein Scherz war und alles gut ausging. Und doch erwarte ich mit Bedrueckung die grosse Verlegenheit und Verwirrung, die der Zuversicht vorerst einmal am Ziele bereitet war. / Das fromme Weib hatte den Boten die breite Matratze des Ehebettes in die Kuechenstube gelegt, und darauf taten sie stundenweise einen ungeduldigen Schlummer, zu zweit, oder es lag auch wohl nur Einer darauf, waehrend der Andere auf einem Stuhle nickte. Kaum aber graute der Tag, so waren sie rege, forderten Wasser vom Fischer zu ihrer Erfrischung, nahmen einige Loeffel von einer Mehlsuppe, die das Weib ihnen brachte, und wollten danach die Fahrt nicht anstehen lassen. Auf ihren Maeulern ritten sie die kurze Strecke zum Steg, gefuehrt von dem fischenden Manne, 265 der, trueb gesinnt, die Leiter trug, auch eine Spitzhacke und einiges Strickwerk* Der roemische Knecht aber musste zum Kopf- schuetteln des Fischers das weisse Maultier am Zaume mit hinfueh- ren, um am Stege damit auf sie zu warten. Etwas Mundvorrat, Brot und Wein, trug er auch, und wuerdige Kleider fuer Einen, der ihrer beduerfen wuerde, lagen auf des Maulschimmels Ruecken. Diese sowohl wie Trunk und Imbiss wurden mit den Gerasten im Boot versorgt* Liberius aber fuehrte mit fromm herabhaengendem Mundwinkel den Schluessel. So ruderte sie der Fischer, schwer seufzend zuweilen, hinaus auf den stillen Wassern, - eine Stunde? Gar zwei? Sie achteten es kaum. Sie spaehten aus nach dem Fels, den ihnen das Lamm ver- kuendet, und der denn endlich in leerer Weite erschien, grau-roet- lich und kahl, ein kegelfoermiges Riff, recht hoch, - "Repha”, wie der geistliche Herr mit Andacht murmelte, "Petra”, wie er mit gefalteten Haenden hinzufuegte. Probus aber sagte, als sie nahe herangekommen: "Noch sehe ich nichts und niemanden droben auf dem Stein.“ Er betonte das "Noch”, und dennoch strafte ihn sein Freund mit strengem “Sei du gewaertig!“ “Ich bin es”, antwortete der Anicier* “Aber noch zeichnet sich mir keine Huette, oder irgend ein Obdach sonst, noch die Gestalt eines Menschen dort oben ab*” “Womit lind wovon“, sprach der Fischer trostlos in seinen Bart, “sollte sich der da wohl ein Obdach gebaut haben!” Liberius ueberhoerte es* "Verstaerkt”, so gebot er, “Euere Ruderschlaege! Legt an am Fels, dass wir ihn ohne Saeumen erklimmen!“ “Ja, ihn erklimmen!“ wiederholte sein Freund mit Nachdruck, 266 obgleich ihm, als dem Beleibteren, der Aufstieg recht sorgenvoll bevorstand. In Wahrheit war das ein Ding, viel leichter gesagt als getan fuer Leute von ueber Fuenfzig. Der Fischer konnte wohl anlegen und festmachen; er konnte auch in bemuehtem Versuchen, Misslingen und endlichem maessigen Wohlgelingen seine Hakenleiter anhaengen an zwei Felsnasen droben, bis zu denen sie reichte, sodass sie, von der nicht vollkommen senkrechten Wand etwas abstehend, einen schwanken, aber leidlich sicheren Treppenstieg bot. Bekannt ist aber, dass sie mitnichten ganz hinauf bis zur Platte fuehrte, und die Aufgabe, seine Gaeste nicht nur ueber ihre Sprossen, sondern weiterhin ueber das zusaetzliehe nackte Stueck Fels zu bringen, erwies sich dem ohnedies hoffnungslosen Fischer in Wirklichkeit nicht etwa als leichter, sondern als schwieriger noch, als er sie sich immer schon vorgestellt. Alle drei band er mit seinem Strick zusammen und ordnete den Aufstieg ueber die schwanke Leiter so, dass er voranklomm, Libe- rius ihm folgte und der Anicier den Schluss machte. Schwer hatte der suendige Mann, vom Glauben nicht gestaerkt, zu ziehen und zu stemmen, schon auf den Sprossen und mehr noch, als sie endeten und auf dem letzten Stueck des Steines bis zur Hoehe dem Fuss kein vorgegebener Tritt und Schritt sich mehr bot. Mit seiner Spitzhacke versuchte er manchmal den ihm Nachkletternden im Gestein einen kuemmerliehen, mehr nur angedeuteten Stufenhalt zu schaffen. Sie nutzten ihn keuchend mit Hand und Fuss so gut sie konnten. Von Atem kurz und in Schweiss trotz der Kuehle kamen sie, nach dem Einen der Andre, oben an, erkrochen die Kegelplatte, richteten sich auf, zwangen ihre Augen umherzublicken, - der Fischer tat es nur matt und unerwartend, die Herren aber begierig, mit aufgerissenem Blick. Nicht mehr war da, als von Weitem, von unten zu erspaehen gewesen - Leere im kahlen Geviert, das sie mit solchen Muehen erreicht. Verwirrende Enttaeuschung, beschaemend und von Gramestiefe wandelte sie an. Hatten Verkuendigung und Weisung, die sie gleicherweise empfangen, sie beide betrogen und genasfuehrt? Konnte des Lammes Rede, bewaehrt bis zu diesem Punkt, zum Schluss und am Ziel sich als Luege erweisen? Unwillkuerlich ergriffen Probus und Liberius sich an den Haenden und drueckten sie einander. Das taten sie, bevor sie,, zugleich mit dem Fischer, von der Mitte der Platte weg gegen ihren Rand ein Ding, ein Wesen, eine lebende Creatur, wenig groesser als ein Igel, sich hinbewegen sahen, auf allen Vieren j etzt, dann sich aufrichtend, dann wieder auf die vorderen Gliedmassen sich niederlassend. Sein Lauf war wie Flucht, doch gab es, wohin er sich richtete, kein Versteck. Ein Gegenstand lag dort allerdings an der Kante, von Rost ueber- zogen und halb zerstoert, den fasste der Fischer ins Auge. ‘'Das Beineisenl" rief er. Von den Lippen der Freunde aber kam es gepresst: "Das Geschoepfl" Die Haende, an denen sie sich hielten, zitterten. Mit den anderen bekreuzigten sie sich. "Ist Euch", fragte Liberius den Fischer, "diese enteilende Creatur ihrer Art nach bekannt?" * "Nein, Herr", antwortete jener. "Ich sehe ihresgleichen zum ersten Mal. Es war kein solches Geschoepf auf dem Stein, als ich den Heiligen brachte." "Und was meinte", wollte da Probus wissen, "der Ruf, den du tatest, das Geraet dort betreffend?" 268 «äaHasaSäääHSjSa» '‘Das Beineisen ist*s", stiess der Fischer hervor, "vom Wetter 2erfressen, das ich einst dem Heiligen angelegt, und dessen Schluessel ich fluchend hinauswarf in den See, - da hat der Fisch ihn verschlungen. Ihr Herren haltet ihn hier, und dort liegt das Eisen, versperrt, doch niemandem mehr eine Fessel. Abgestreift hat es der Heilige. Vielleicht ist er zum Himmel gefahren." ''Nicht dahin lautete unsre Belehrung", erwiderte traurig der Presbyter. "Empor fuhr Er, der auf den Felsen seine Kirche gegruendet. Es ist bitter genug, dass wir den Felsen leer finden trotz suessester Weisung. Wenig frommte es uns, unseren Schmerz darueber mit unzulaessigen Konjekturen zu betaeuben." "Leer sagst du", warf Probus ein, "aber nicht voellig wird dies Wort der Wahrheit gerecht. Ganz leer und ohne jede Spur dessen, den zu suchen wir ausgesandt, finden wir den Felsen nicht. Dort liegt das Eisen, da3 er trug. Er selbst ist nicht sichtbar. Aber sollten wir als Kristen Unsichtbarkeit gleichsetzen mit Nicht-Sein? Sollten wir wankend werden im Glauben und nicht vielmehr uns ueberzeugt halten, dass hinter der Leere, dem scheinbaren Nichts Bestaetigung sich verbergen muss? Es ist wahr: nur von jenem fluechtigen Gottesgeschoepf dort beim Eisen ist die Staette belebt, die das Lamm uns wies. Es war nicht da, als der Erwaehlte hier Aufenthalt nahm; nun aber ist es da. Wir wollen uns ihm naehern." "Es ist sehr borstig", sagte Liberius mit Abneigung. "Das ist es", bestaetigte Probus. "Aber mehr auf Scheu, als auf boese Artung laesst sein Benehmen schliessen. Wir haben nichts von ihm zu fuerchten, - wie, wenn wir etwas von ihm zu hoffen haetten? Gehen wir zu ihmt" Und da er den Freund noch an der Hand hielt, zog er den 269 Widerstrebenden mit sich gegen den Rand der Platte, gegen das verrostete Eisen und das Wesen, das bei ihm sass. Wie gross aber war ihrer beider und de3 Fischers Erstaunen, wie verschlug es ihnen den Atem und liess sie am Fleck erstarren, als das Ge- schoepf eine seiner kurzen vorderen Gliedmassen ausstreckte gegen ihre Annaeherung und eine unzweifelhaft von seinen struppig verhangenen Lippen kommende Menschenstimme an ihr Ohr schlug: "Hinweg von mirl Hinweg von hier! Stoert nicht die Busse von Gottes groesstem Suender!" Entgeistert blickten die Herren einander an. Ihre Haende umklammerten sich fester. Der Praelat schlug mit dem Schluessel das Kreuz, Er sagte: "Du sprichst, Creatur, Ist daraus zu schliessen, dass du an der Menschheit teilhast?" "Ausser ihr bin ich", kam die Antwort, "Hinweg von dem Ort, der mir angewiesen, damit ich durch aeusserste Busse dennoch vielleicht zu Gott gelangel" "Liebes Geschoepf", legte nun Probus sich Ins Mittel, "wir wollen dir deine Staette nicht streitig machen. Wisse aber, dass auch wir an sie gewiesen sind in suessestem Doppel-Gesicht, und dass uns verheissen ist, den hier zu finden, den Gott erwaehlt hat," "Hier findet ihr nur, den Gott sich erwaehlt hat zum untersten, aeussersten Suender," "Auch das", erwiderte der Anicier mit staedtischer Hoeflich- keit, "ist eine interessante Begegnung. Der aber, den wir zu suchen und einzuholen gesandt sind, den hat Er erwaehlt zu seinem Vikar, zu aller Bischoefe Bischof, zum Hirten der Voelker, zum Papst in Rom. Vernimm, wir sind Roemer, Soehne des neuen 270 Jerusalem, wo der Tron der Welt leer steht, weil sich der Sinn der Menschen verwirrte bei dem Versuch, ihn zu besetzen. Wir aber, dieser Geweihte und ich, sind belehrt worden im Doppelgesicht von einem ruehrendsten Lamm, dass Gott selber die Wahl getroffen, wem gegeben sein soll, zu binden und zu loesen, und dass der Erwaehlte zu finden sei im fernen Lande auf einem Stein, auf diesem Stein, den er, so sagte das Gotteslamm, seit siebzehn Jahren bewohne. Wir finden ihn nicht, wir finden nur dieses Eisen, dessen Schluessel der See zurueckgab durch einen Fisch, und statt des Erwaehlten finden wir dich. Lass dich beschwoeren: V/eisst du uns irgend welche Kunde von ihm?” "Nicht weiterJ” rief Liberius mit ploetzlich aufsteigender Angst, indem er den Sprecher am Arm ergriff. Dabei aber geschah es, dass sie aus den Augen der Creatur, ueber ihre verwunschene, verwachsene Miene zwei Traenen rollen sahen. "Du weinst, liebes Geschoepf", sagte Probus, der sich selbst bei diesem Anblick nicht der Traenen enthalten konnte. "Mehr noch, als die Gabe der Sprache, zeugt dein Weinen dafuer, dass du an der Menschheit teilhast. Beim Blute des Lammes, warst du ein Mensch, ehe dir deine gegenwaertige Beschaffenheit zuteil wurde?l" "Ein Mensch, wenn auch ausser der Menschheit", kam es zu- rueck. "Und hast du die Taufe empfangen?" "Ein frommer Abt spendete sie mir und taufte mich auf seinen Namen." "Auf welchen Namen?" "Frage nicht 1" rief Liberius in hoechster Ang3t und suchte seine hohe Gestalt zwischen den Freund und das Wesen zu draengen. 271 Dieses aber antwortete: "Gregorius"• "Entsetzlich!" schrie der Cleriker auf und sank in die Kniee, indem, er sein Gesicht mit beiden Haenden bedeckte. Zu ihm beugte sich sein Gefaehrte, der ihn, obgleich von Statur so viel kuerzer, nun ueberragte. "Passen wir uns, amicei” sagte er* "Dies ist ein grosses, ich gebe zu: verwirrendes, aber ergreifendes Wunder, vor dem unserem Menschenwitz nur die Abdankung uebrig bleibt*“ "Teufelshohn ist es und Blendwerk der Hoelle!“ stiess der Andere zwischen den Haenden hervor. “Pugamus! Wir sind des Teufels Narren! Gott hat kein borstiges Tier des Feldes zu seinem Bischof erwaehlt, und legte es sich hundertmal des Er- waehlten Namen bei! Fort von hier, fort von der Staette hoelli-r sehen Schabernacks 1“ Er sprang auf und wollte enteilen. Probus hielt ihn am Gewände fest. Hinter ihnen aber hoerten sie bescheidentlich sagen: "Ich habe einst grammaticam, divinitatem und legem studiert*” "Hoerst du?” frug Probus* "Nicht nur, dass es spricht und weint, es ist auch wissenschaftlich durchaus zum Binden und Loe- sen vorgebildet. Du taetest gut, ihm den Schluessel zu reichen." "Numquam!" rief ausser sich jener. "Liberius", drang guetlich der Gefaehrte in ihn, gedenke des Weibes dort in der Huette, das in der Huelle des Bettlers den Heiligen erkannte, und um deren Haupt wir den Schimmer des Glaubens gewoben sahen! Sollten wir uns beschaemen lassen von ihr und uns verstocken dagegen, in niederer Gestalt den Erwaehlten zu erkennen? Sollten wir irre werden an der genauen Verheissung 272 des Lammes?" "Es war", entgegnete Liberius, "von Anfang an etwas Unstimmiges in unseren Gesichten, denn du behauptest, des Lammes Blut sich in Rosen verwandeln gesehen zu haben, wo doch mir diese Manifestation vorenthalten blieb." "Du deutetest das", erwiderte Probus, "dahin, als Sohn und Fuerst der Kirche habest du solcher Glaubensstuetze nicht bedurft." "Der bin ich", rief Liberius* "Ein Diener der Kirche* ein Waechter ihrer heiligen Wuerde. Du aber bist ein Laie und aus- serstande als solcher, meine Gefuehle zu teilen. Leicht hast du es, dir im Glauben guetlich zu tun, waehrend mein Sinn fuer Repraesentation in Scham sich windet. Ausgesandt bin ich mit dir, den Bischof der Bischoefe, den Vater der Fuersten und Koenige, den Lenker des Erdkreises einzuholen, den Gott erkor. Soll ich heimkehren, eine Larve von wenig mehr als Igelsgroesse an der Brust, sie mit der Tiara kroenen, sie auf die Sedia gestatoria setzen und Stadt und YJelt zumuten, sie als Pap3t zu verehren? Tuerken und Heiden wuerden der Kirche spotten. Die Kirche..." Er hielt ein. Hinter ihnen sprach es: "Nehmt nicht Anstoss an meiner Gestalt1 Kindische Nahrung xand der Widerstand gegen die Wetter des Himmels setzten sie so herab. Erwachsenheit wird mir zurueckkehren." "Hoerst du? Hoerst du?" triumphierte Probus. "Seine Erscheinung ist verbesserungsfaehig. Du aber, mein Freund, kehrst allzu einseitig den Adelssinn der Kirche hervor und vergisst ihre Popularitaet, fuer die Gott hier, wie es scheint, ein starkes Exempel setzt. Bei der Wahl ihres Hauptes gilt nichts, was hienieden uns stuft, Gebluet und Stamm nicht, noch Herkunft, 273 selbst nicht, ob Einer auch nur schon zum Priester geweiht« Der Geringste und Unscheinbarste, ist er nur kristlich getauft und nicht Ketzer, Schismatiker oder der Simonie verdaechtig, kann Papst werden, du weisst es« - Und du, Bussgestalt, kennst du j enen Mann dort im ergrauenden Bart? 1 ' "Er brachte mich an diesen Ort." "Und trugst du dies Eisen?" "Ich trug es, bis es abfiel von mir dank meiner Verkleinerung. Kein Eisen brauchte mich festzuhalten an meiner Busse; ich selbst hielt an ihr fest mit festhaltender Hand. Meiner Suendhaftigkeit war es gegeben, mich in jedem Kampf ueber das uebliche Mass zusammenzunehmen." "Du scheinst bereit, der Erwaehlung Folge zu leisten?" "Kein Platz war fuer mich unter den Menschen. Weist mir Gottes unergruendliche Gnade den Platz an ueber Ihnen allen, so will ich ihn einnehmen voller Dank, dass ich binden und loesen kann." "Kardinal-Presbyter von Sancta Anastasia sub Palatio", sprach Probus mit Ansehen und reckte sich auf neben dem so viel laengeren Freunde, "gieb diesem Geschoepfe Gottes den Schlues- seli" Da widersetzte Liberius sich nicht laenger. "Et tibi dabo claves reqni coelorum", murmelte er, indem er sich auf ein Knie niederliess und dem Buesser darbot, was der Fisch in die Huette gebracht. Mit den verkuemmerten Aermchen drueckte der Empfaenger den Schluessel an seine filzige Brust. "Holde Eltern", sprach er, "ich will euch loesen." 274 Die Wandlung Sie beschlossen, dass derj enige, der ihn heraufgebracht, der fischende Mann, den Erwaehlten auf seinen Armen auch wieder hlnab- trage zum Boot* Sehr schwer war der Abstieg, fast schwerer noch als das Klimmen hinauf, aber gluecklich gelangten alle vier uebers Nackte zur Leiter und ueber ihre Sprossen hinab zum Kahn, auf dessen umlaufender Bank man den Schluesseltraeger behutsam nieder- setate, worauf der Fischer, der Hoffnung froh, dass er nicht ewig werde hin und her irren muessen zwischen Fels und Steg, aus allen Kraeften zur Heimfahrt sich in die Riemen legte. Mit quaelender Sorge beobachtete Liberius den Buesser vom Steine, und ich bezweifle, dass Probu3' Bedenklichkeit beim Anblick des Papstes dort auf der Bank sehr weit hinter der des geistlichen Freundes zurueckstand* Auch seine Seele war voll heimlichen Bangens von wegen der Repraesentation, umso mehr, da er viel Verantwortung auf sich genommen und sich in kristlicher Selbstpruefung fragen musste, ob nicht die Kuehnheit seines Verhaltens durch Hoffahrt, das heisst durch den Stolz auf das Rosenwunder bestimmt gewesen war, das nur ihm zuteil geworden. Uebri- gens sehe ich wohl, dass sich die Beklemmung der Schiffenden auch auf den Gesichtern derer malt, die dieser Geschichte lauschen* Nur ich, als alles vorwissender Erzaehler, bin vollkommen heiter und unbekuemmert; denn mir liegt offen, auf wie leichte und natürliche Art dies Dilemma, der Y/iderspruch zwischen Gregors verzwergter Missgestalt und der Hoheit des Amtes, zu dem er berufen, unterwegs sich loeste und zur grosssten Genugtuung und Beruhigung der roemischen Herren, ehe zwei Stunden um waren, kein struppiges, verhorntes und verzotteltes Naturding mehr, 275 sondern ein ansehnlicher Mann, seinem Alter nach gegen vierzig, mit ihnen im Boote sass, wohlgebildet am Leibe, mit langem schwarzen Haare zwar und das Gesicht von schwarzem Bartwuchs behängen, ohne dass der jedoch die Annehmlichkeit seiner Zuege ganz zu verdunkeln vermochte. Wie die Herstellung geschah? Es koennte wahrlich nichts einfacher sein und dem Verstaendnis geringere Schwierigkeiten bieten. Nach siebzehnjaehrigem Zullen an der Erde alter Mutterbrust brauchte nur hoehere Nahrung wieder seine Lippen zu be- ruehren, um den Saeugling des Steines in den Stand erwachsener Menschheit zurueckzuversetzen. Sehr glaublich, dass seiner Natur dies bewusst war, "Mich hungert und duerstet", sagte er nach wenigen Ruderschlaegen des Faehrmannes, und beschaemt, weil man vor Niedergeschlagenheit nicht selbst an Bewirtung gedacht, bot man ihm von dem im Boote verwahrten Wein und V/eizenbrot. Er ass vom Brote, trank von dem Wein, und von dem Augenblick an begann in stillem und stetem, unueberstuerztem Vollzüge, ich moechte sagen: ohne viel Aufhebens von sich zu machen uni, wie ich versichere, ohne dass diej enigen, die davon Augenzeugen waren, sich eigentlich darueber verwundert oder gar entsetzt haet- ten, die Wandlung, die uns Grigorss, den Zoegling des Abtes von "Agonia Dei", den Sieger im Draohenkampf, von der Zeit zum Manne gereift, zurueckgibt, sodass uns nur zu wuenschen bleibt, es moechten Schere und Schermesser bald mit dem starken Haarwuchs aufraeumen, in den sein Haupt gehuellt war, damit wir seines vertrauten Gesichtes, der ernsten Wiederholung von YYiligis * und Sibyllas reizvollen Zuegen, in aller Klarheit wieder ansichtig werden. Da er nackend war, reichte man ihm zartfuehlend das mitge- 276 fuehrte Kleidung3stueck, ein mit kurzem Schulterkragen versehenes Gewand aus weissem Wollstoff nebst geistlichem Kaeppchen. So war er angetan, als sie das Ufer, den Steg erreichten, und so bestieg er den weiss gezaeumten Maulschimmel, der dort zusammen mit den Tieren der Herren unter Aufsicht des roemischen Knechtes gewartet hatte» So auch ritt er mit denen, die ihn eingeholt, ueber den Werder zu des Fischers Huette, wo dessen welkendes Weib zum Empfange auf ihren Knieen lag, und, als er abgestiegen, seine Fuesse mit ihren Traenen netzte» "Ihr wart gut zu mir, Frau", sagte er, zu ihr geneigt, "als ich das vorige Mal diese Huette besuchte. Ich habe nicht vergessen, wie ihr mich aus dem Regen zurueckholtet und mich morgens wecktet, damit ich die Fahrt nicht versaeumte zu meiner Staette." "Ach, heiliger Herr", schluchzte sie, "ich verdiene nicht euer lobendes Gedenken, denn Gott kennt meine Suende* Als ich euch in Schutz nahm an jenem Tage gegen die Unrede des Fischers, da gab er mir Schuld, ich sei fleischlich verliebt in euch auf buhlerische Y/eise, und ich leugnete den Inzicht, gleissnerisch, wie ich heute bekenne. Denn mein Auge hatte es wirklich mit eueren Gliedern zu tun im Bettlersack und mit euerem edlen Angesicht, und Buhlschaft lag dem zugrunde, was ich euch Gutes erwies, ich Verworfene!" "Das ist eine Kleinigkeit", antwortete Gregorius, "und nicht der Rede wert* Selten hat der ganz unrecht, der das Suendige nachweist im Guten, Gott aber sieht gnaedig die Guttat an, habe sie auch in der Fleischlichkeit ihre Wurzel. Absolvo te." Dies seine YJorte. Es war das erste Beispiel der ausserordentlichen, den Menschen so troestlichen und nur den Rigoristen an- 277 stoessigen Indulgenz, die er als Papst bewaehren sollte* Das Weib war beseligt. Ich glaube, sie leitete aus seiner Verzeihung die Erlaubnis ab, ihn auch jetzt noch etwas fleischlich zu lieben. Ihn aber beschwerte nur eine Sorge, die ihn durch siebzehn Wetterjahre des Felsens nur im Schlafe verlassen hatte, und die er allem voranstellte, auch der V/eiterreise nach Rom, mit welcher die Herren nicht saeumen wollten, und sogar der Schur seines Haares und Bartes, die vorzunehmen ihr Kammerknecht sich erbot. Das war der Kummer um seine Tafel, die er an dem Morgen, als er dem Fischer nachgeeilt war, im Bettschilf des Beischlags vergessen hatte, worin er genaechtigt; und dringend frug er nach ihrem Verbleib. Wer haette ihn da wohl troesten koen- nen? "Ach, heiliger Herr", sprach der Fischer, "meinem gemeinen Worten entsprechend habe ich euch untergebracht fuer jene Nacht. Der Schuppen, den ich in meiner Verblendung euch anwies, war ein Geruempel. Zwoelf Wochen nur noch, seit Ihr mit mir fuhrt, hat er gestanden, da blies der V/ind ihn um, und er stuerzte zusammen. Dach und Waende hab ich verheizt, und wo das Haeuschen stand, - seht selbst, da ist 1 s wuest und leer, nur Nesseln und Unkraut bewuchern die Staette. Wie sollten wir nach so vielen Jahren wohl da noch ein Splitterchen finden von dem Ding, das Ihr einst dort vergasset? 0 weh, was huelfe es uns, danach zu suchen? Es ist schon laengst verfault und vom Grunde verzehrt, lasst jede gegenteilige Hoffnung fahren2" "Gedenke,Mann", antwortete ihm Liberius mit Strenge, "dass du ganz aehnlich gesprochen hast, als wir dich anhielten, uns zum Steine zu fahreni Nichts und niemanden mehr, so meintest du klaeglich, duerften wir hoffen, dort vorzufinden. Und wie 278 gewaltig hat Gott dich des Kleinglaubens ueberfuehrtI" ''Der heilige Vater 1 ', fuegte Probus hinzu, "vermisst ein Kleinod» Gebt Hacke und Schaufell Wir wollen uns gleich fuer ihn ans Graben machen." Gregor j edoch widersprach dem. "Nur mir das Geraet", befahl er. "Dann geht ln die Huettel Allein will ich graben und wuensche keine Zeugen bei meinem Ge- schaeft." "Euerer Sanktitaet", wandte Liberius ein, "darf ich bemerk- lich machen, dass es der Wuerde der Kirche nicht anstuende, wenn Ihr hier mit dem Spaten werktet und wuerfet im Schweiss Eures Angesichtes die Erde auf. Nicht einmal unser, der Gesandten, Sache ist das, sondern des Fischers und unseres Knechtes." "Ich habe gesprochen", antwortete Grigorss, und nach seinem Willen geschah es. Die Aermel seines Gewandes aufgestreift', stiess er bald hier, bald da das Grabscheit in den Grund, wo er einst gelegen, und wuehlte auch auf seinen Knieen mit eigenen Haenden im Staube, sodass man sagen kann, nie habe ein Mannmit heisserem Eifer nach seines Suendenstandes Urkunde und Diplom gesucht. Die Brennesseln bissen ihn in die Haende, aber er achtete nicht darauf, und Gott lohnte ihm Muehe, Brand und Schweiss, denn siehe, aus Mist und Pflanzenmoder blitzte es ihm entgegen, und hervor zog er, so nett und rein, als kaeme es eben aus des Kunstwerkers Hand, auch die Tinte ganz unverblasst, des Kindes Mitgift, seiner Mutter schmerzhaften Schuldbrief, den ihm die Erde so lange verwahrt, wie vordem der treue Abt es getan, siebzehn Jahre lang. Den hielt er nun in der einen Hand und in der andern den Schluessel und sprach bei sich den Spruch: 279 "Soll ich meines Lehens Grauen Nun in Deiner Klarheit schauen - Herr'l Wie sehr bewundr’ ich sie, Deine heilige Alchimie, Die des Fleisches Schmach und Leid Laeutert in die Geistigkeit, Dass der Sohngespons der Suende Hoechlichst sich gewuerdigt finde, Ird’scher Notdurft allerorten Oeffne Paradieses Pforten.” Der sehr grosse Papst Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, ueber der ganzen Stadt/ in ihren von Klang ueberfueilten Lueftenl Wer laeutet die Glocken? Niemand - als der Geist der Erzaehlung, indem er berichtet, dass sie drei Tage schon vor des Erwaehlten Einzug saemtlich von selber zu laeuten begannen und nicht aufhoerten, es zu tun, bis vor Sankt Peter seine Kroenung vollzogen war. Dies ist eine Tatsache der Geschichte, - bei all ihrer V/under- Schoenheit nicht gerade von reiner Annehmlichkeit fuer die populatio urbis. Drei Tage und Naechte lang waren die Glocken Roms nicht zu halten, sie laeuteten einhellig mit groesster Gewalt an allen Punkten, und all die Zeit dies ungeheuere Gedroehne und Gebimmel in den Ohren zu haben, war keine geringe Zumutung fuer die Menschen, darueber ist der Geist der Erzaehlung sich klar. ' Es war eine Art von heiliger Heimsuchung und Kalamitaet, um deren Abstellung aus schwaecheren Seelen manches Gebet zum Himmel stieg. Der aber war, wie ich wohl verstehe, zu feierlich gestimmt, als dass er so kleinem Flehen haette Gehoer schenken 280 moegen; denn er fuehrte das Schandkind, den Mann seiner Mutter, seines Grossvaters Eidam, seines Vaters Schwacher, seiner Kinder graeuliches Geschwister auf Petri Stuhl und war, das begreife ich, von seiner Unbegreiflichkeit so bewegt, dass diese Bewegtheit sich umsetzte in das selbsttaetig-gewaltige Pendeln und Kloeppeln aller Glocken der sieben Sprengel* Der hehren Plage aber, die grosse Nachfrage nach Baumwolle und, wie es schon zugeht, preistreibende Zurueckhaltung der ¥/are vonseiten der Haend- ler zeitigte, mochte die populatio entnehmen, dass ein Papst von ausserordentlicher Heiligkeit im Anzuge sei. Er zog durch die Kristenheit auf weissem, mit Purpur gedecktem Tier, das Antlitz vom Barte geklaert, in maennlicher Schoen- heit, und taeglich wuchsen, die ihn auf der Fahrt umgaben, an Zahl; denn viele Kirchenhaeupter, Grafen und einfach Solche, die von Pilgerlust ergriffen, der Kroenung und Huldigung beiwohnen wollten, schlossen sich unterwegs seinem Zuge an. Der Ruhm eines grossen Buessers, der siebzehn Jahre auf einem Steine verbracht und nun von Gott auf den Tron der Trone erhoeht werde, eilte ihm voraus, und ueberall auf den Strassen lagen die Kranken und Bresthaften in Menge, von seiner Beruehrung oder nur von seinem Wort oder Blick Genesung erhoffend. Die Geschichte weiss, dass Viele so von ihren Leiden erloest wurden, - manche, mag sein, durch einen seligen Tod, wenn sie naemlich bei allzu vorgeschrittener Bresthaftigkeit sich von ihren Betten geschleppt und auf die Strasse gelegt hatten. Andere aber, die an seinen Saum gestreift hatten, oder, wenn auch nur von fern, seines Segensgrusses teilhaftig geworden waren, warfen Kruecken und Binden weg und verkuendeten lobpreisend, sie haetten sich nie frischer gefuehlt. 281 Das beruehmte Rom empfing ihn mit Jauchzen, - teilweise auch, wie es menschlich ist, weil nun, da er angelangt war, voraussichtlich die uribaendigen Glooken bald zum Stillstände kommen wuerden. Er naeherte sich, so bin ich unterwiesen, mit seinem Anhänge auf der nomentanisehen Strasse, an deren vierzehntem Meilenstein der Ort Nomentum gelegen ist, ein Bischofssitz, Bis dorthin schon hatte man ihm die Kreuze und Fahnen der Basiliken Roms entgegengetragen, und alle Raenge des Volks, den Klerus, den Adel, die Zuenfte des Buergerstandes mit ihren Bannern, die Scharen der Miliz, die Schulen der Kinder, Palmen- und Oelzweige in den Haenden, fand er zu seiner Bewillkommung aufgereiht, Mit ihren Laudes mischte sich das ferne Erzgetoen, in welches die Ortsglocke von Nomentum ohne menschliches Zutun einstimmte. Man tat ihm Meldung von dem Wunder, und er freute sich herzlich der Ehrung. Da es schon dunkelte, verbrachte er die Nacht in des Bischofs Hause, und erst am Morgen hielt er in lang hinwallender und liederreicher Prozession seinen Einzug in die Stadt* Nicht durch das nomentanische Tor, so liest man, zog er ein, sondern zog laengst den Mauern hin und dann ueber die mil- vische Bruecke, um so zum Aposteldom zu gelangen. Himmelauf schwang sich da aus Vieltausend weit klaffenden Muendern der Lobgesang: "Ihr Voelker jubelt allzumal, Judaea, Rom und Graecia, Aegypter, Thraker, Perser, Skythen, Ein Koenig herrscht ob allen ]' 1 Das war er, des Abtes Fundkind, der Saeugling des Steines, der ueber all diese bunte Notdurft der Erde als Koenig gesetzt war, und dem, waehrend er die gestreckten Marmorstufen zum 282 Atrium der Grabeskirche emporstieg, wobei eine unzaehlbare Menschenmenge den Brunnenplatz vor dem Heiligtum bedeckte, der Gesang der Priester entgegenscholl: "Benedictus qui venit in nomine Domini*" Vor allem Volk, auf der Plattform vorm Eingang zum saeulenumstandenen Paradisus, empfing er aus den Haenden des Archidiakonus auf sein Haupt die dreifache Krone der Tiara, das Pallium um seine Schultern, den Hirtenstab in seine Hand und den Pischerring an seinen Finger* Es heisst, dass waehrend dem, oder schon waehrend seines Einzuges in die Stadt, die erzenen Statuen der Apostel Paulus und Petrus auf ihren Saeulen, ein jeder sein Insigne, der eine das Schwert der Erde, der andre die Schlusssei des Himmels freudig erhoben haetten, hoch empor. Das stehe dahin* Ich leugne es weder noch mache ich den Glauben daran zur Pflicht. Gregorius aber wurde in viele Gewaender gekleidet: die Falda aus weisser Seide, die Albe von Leinen und Spitzen mit goldener Hueft- schnur, in Schultertueeher, golden und rot durchwirkt, dazu In drei Messgewaender, eins ueber dem anderen, nicht eingerechnet Stola, Llanipel und Guerteltuch, weiss-seiden alles und goldgestickt, Die paepstliehen Struempfe tat man ihm an, sehr dick von Stoff und starrend von Goldstickerei, dass sie so schwer wie Stiefel sind; hing ihm das funkelnde Pontifikalkreuz um den Hals an goldener Schnur, steckte den Ring des Fischers ihm ueber den Seidenhandschuh und spreitete ueber all seine neun- Trachten zum Schluss noch die wuchtendste, den Schleppmantel, zu sehen wie Morgenrot und Abendgold, der vor kostbarem Stickwerk nicht wallen konnte. So setzte man ihn auf den goldenen Stangenstuhl, und Juenglinge in Scharlachseide trugen ihn durch die Basilika, ganz umher, mit Frommen angefuellt wie sie war bis zum letzten heidnischen Marmorstueck ihres Fussbodens: sei es dort, wo sie sich 283 unter der hohen Decke des Mittelschiffs weit und lang ausdehnt und aus der Ferne der Apsis her die Augen mit musivischem Glanze "blendet, oder dort, wo sie unter derselben Last der Daecher nach beiden Seiten in doppelten Saeulenhallen die Arme breitet. Zum Hauptaltar ueber dem Grabe trugen sie ihn, da feierte er seine Kroenungsmesse, wie er es sehr wohl vermochte, da er alle Hantierung schon frueh seinem Fundvater abgesehen im Kloster “Not Gottes“• Viele Bischoefe und Erzbischoefe sassen da um ihn und glaenzten wie Sterne; auch genug andere Herren, Aebte und Judices, Sang und Wonne waren da gross und mannigfaltig. Danach wurde er, waehrend der Glockenschwall noch andauerte, rundum den Platz Sankt Peter getragen, dann aber fuehrten sie ihn auf ueber- liefertem Wege, huegelauf und -ab, durch die Triumphboegen der Kaiser Theodosius, Valentian, Gratian, Titus und Vespasian und durch die Region Parione, wo am Palast des Praefekten Chromatius die Juden sich aufgestellt hatten und ihn mit wiegenden Koepfen priesen, die Sancta Via neben dem Coliseum dahin zu seinem Hause, dem Lateran. Nun sage ich euch, wie es war. Kaum hatte er dort, in der wohltuenden Stille, die dem endlichen Sich zur Ruhe begeben der Glocken folgte, die Ueberzahl seiner Festkleider abgelegt, als er auch schon die Kristenheit zu regieren, die Herde der Voelker zu weiden und Segen hinzuspenden begann ueber die bunte Notdurft der Erde. Gregorius vom Steine erwies sich binnen Kurzem als ein sehr grosser Papst, der Taten vollbrachte, wie die Schilde- reien an den Basen gewisser, woanders hergenommener Saeulen roe- mischer Kirchen sie dem Halbgotte Herkules zuschreiben. Ich weiss nicht, was ich zuerst ihm nachruehmen soll: dass er fuer die so notwendige Verstaerkung der aurelianischen Mauern sorgte, 284 auch Staedte wie Radicofani und die namens Orte neu befestigte, Kirchen, Bruecken, Plaetze, Kloester, Hospitaeler, ein Findlingshaus erbaute, das Atrium von Sankt Peter mit Marmorplatten pflasterte und den Brunnen daselbst mit einer Aedicula von Porphyr- saeulen scbmueckte. Es war dies das Wenigste, Denn nicht nur wusste er mit festhaltender Hand dem Heiligen Stuhl Patrimonien zu bewahren oder zu stiften, sogar in Sardinien, den Cottischen Alpen, Calabrien und Sizilien, sondern er machte ihm auch die Dynasten und trutzigen Barone des flachen Landes gefuegig, indem er sie, entweder durch gutes Zureden oder durch staerkere Mittel, bestimmte, ihre Castelle zu uebergeben, um sie sodann als Lehen der Kirche zurueckzuerhalten, sodass sie aus Edelfreien zu Leuten und homines Petri wurden. Ist das auch nur annaehernd alles? Bei Weitem nichtI So fest war sein Sinn, dass er mit schonungsloser Strenge die Manichaeer, die Priscillianer und Pelagianer, dazu die monophysitische Ketzerei ueberwand, die halsstarrigen Bischoefe Illyriens und Galliens dem Primat Sankt Peters unterwarf und gegen solche, die sich fuer die Spendung der Priesterv/eihe bezahlen Hessen, dermassen vorging, dass dieses Laster fuer einige Zeit fast spurlos von der Erde verschwand. Da kuende ich von seiner Staerke; und doch war nicht sie es, aus der vor allem sein Ruhm erbluehte, sondern seine Milde und Demut, Er zuerst schied Ehre und Weihe des geistlichen Amtes von der Wuerdigkeit oder Unwuerdigkeit seines Verwalters und verdammte ex cathedra die Ueberstrenge der afrikanischen Donatisten, die, wie schon der grimme Tertullian, das priesterliehe Amt nur in den Haenden von unbefleckter Reinheit fuer wirksam erachten wollten. Denn er sagte, wuerdig sei keiner, und er selbst sei 285 von Fleisches wegen seiner Wuerde am allerunwuerdigsten und nur durch eine Erwaehlung, die an Willkuer grenze, zu ihr erhoben worden. Das kam wohl manchem Schelmen und Bock in Gottes Garten zupass, erwies sich jedoch als hoechst kirchenklug, da es im Voraus das Amt vor aller Verachtung schuetzte, die menschliche Gebrechlichkeit ihm je und je zuziehen mochte. Seine Duldsamkeit und Erbarmen kamen der Unerschuetterlich- keit gleich, die er, wo sie nottat, bewaehrte; ja seine verwegene Art, die Gottheit zur Gnade anzuhalten in Faellen, wo sie schwerlich von sich aus darauf verfallen waere, erregte Aufsehen in aller Kristenheit. Er naemlich war es, und kein anderer, der den Kaiser Trajan, weil er einmal einer flehenden Witwe, der man den einzigen Sohn gemordet, stehenden Fusses hatte Gerechtigkeit widerfahren lassen, aus der Hoelle losbetete*. Dies schuf zum Teil sogar Aergernis, und Fama wollte wahrhaben, Gott habe ihn wiasen lassen, nun sei es einmal geschehen und der Heide unter die Seligen versetzt, er moege sich aber nicht beikommen lassen, dergleichen ein zweites Mal zu erbitten. Sei dem wie ihm sei: Die Neigung Gregors, zu loesen, war Zeit seines Lebens groesser als die, zu binden, und aus dieser Disposition erflossen die anfaenglich oft in der Kirche selbst wie auch im Volke staunendes Bedenken erregenden, zum Schluss aber stets zur Bewunderung anhaltenden Entscheidungen und Urteile, die ausgingen von seinem Richterstuhl. So verfuegte er grosse Freiheiten der Aufklaerugsmethoden in fernen, einfaeltigen Laen- dern. Wo noch heidnische Tempel standen, da sollten sie nicht zerstoert, sondern nur die Goetzeribilder entfernt und die Mauern mit Weihwasser besprengt werden, damit dis Einfaeltigen anbeten koennten, wo sie bisher angebetet, nur jetzt im Geiste der Auf- 286 klaerung• Sankt Peter, erlaeuterte er, sei, wie man wohl wisse, von oben bis unten aus dem Material des Cirkus des graeulichen Kaisers Caligula erbaut worden und bestehe also sozusagen ganz und gar aus, Schmach und Schande, - geheiligt nur durch das Grab Und durch den Geist, indem man dort anbete* Auf den Geist komme es an# Haetten die Einfaeltigen frueher den Daemonen Stiere geschlachtet, so solle man sie weiter schlachten und essen lassen, nur jetzt zur Ehre des alleinigen Gottes. Was kamen nicht alles fuer Fragen vor ihn! - und alle beantwortete er auf denkwuerdige Weise. Sie fragten ihn, ob Kranke, ohne Almosen zu bezahlen, in den Fasten Fleisch essen duerften. Sie duerften es, gab er Auskunft; zuweilen gehe die Notwendigkeit vor dem Gesetz. - Sie fragten ihn, ob ein Bastard Bischof werden koenne« Er^koenne es, ja, erwiderte er. Das hergebrachte Recht verbiete es zwar, das sei billig zu wissen, wenn man legem studiert habe; wenn aber der Unechte ein rechter Mann sei, fromm und von festhaltender Hand, wenn die.Umstaende zwingend und die Waehler einig seien, so tue es dem Rechte nur wohl, wenn es eine Ausnahme erleide. - Ein Moench zu Genf hatte es mit der Chirurgie und schnitt, wo er konnte. Einer Baeuerin schnitt er den Kropf heraus und legte ihr Bettruhe auf. Statt dessen arbeitete sie und starb. Durfte der noch seine priesterliche Funktion versehen? Ja, sprach Gregor. Zwar sei es nicht ganz zu billigen, dass ein geistlicher Mann derlei Handwerk treibe, doch nicht aus Geldgier, sondern aus Menschlichkeit, Liebe zur Kunst und Verabscheuung des Kropfes habe er gehandelt, ausserdem Vorschriften von aerztlicher Umsicht gegeben, fuer deren Verabsaeumung er nichts koenne. Darum solle er, wenn er sich nur einer leichten Busse entledigt, wieder Messe lesen. - Hoechst aufregend war die 287 ISffftHM Sache der moslemitischen Bekehrten im Lande Kanaan, die in aller Treuherzigkeit mit ihren vier Frauen, ein jeder mit vieren nebst deren Kindervolk, zum Taufstein gekommen waren. Konnten die,um Gottes willen, denn Kristen werden? Dies bereitete, so sagte sein Kaemmerling, dem Papst eine schlaflose Nacht. Dann aber besann er sich auf Abraham und die anderen Vaeter, die unter Jahwes Augen nicht anders, als die Tuerken gelebt hatten. Er stand auf und diktierte dem Schreiber die Antwort: Im Evangelium selbst, geschweige denn in den Buechern des Alten Bundes, lasse kein Wort sich finden, das die Vielweiberei ausdruecklich ver- boete. Da offenbar den Heiden nach ihren Kultgesetzen eine Mehrzahl von Frauen rechtmaessig zustaende, so sollten sie sie auch als Kristen nach dem Vorbild der Patriarchen behalten duerfen. Unweise wuerde es sein, ihnen die Konversion ohne Not zu erschweren, und menschliche Konflikte waeren unvermeidlich, wenn man ihnen auferlege, j e eine nur ihrer Frauen ins neue Leben mitzunehmen, die anderen aber und ihre unschuldigen Kinder in die Finsternis zurueckzustossen, wodurch die Kirche vieler Seelen verlustig gehen wuerde. Unter diesem Gesichtspunkt sei die Mission zu handeln angewiesen. Gegeben zu Rom, fruehmorgens, im Lateran. Gregorius, P.M, m.p. Welches Aufsehen schuf das! Es reichte bis zu den Thrakern und Skythen. Waere nicht seine Strenge gegen Simonisten, Haere- tiker und halsstarrige Leugner des Primats gewesen, so haette man ihn der Laesslichkeit beschuldigt* Und wiederum aber leistete er dieser Beschuldigung Vorschub, indem er, ein fuer allemal, die Taufe eines aus der Haeresie zur Kirche Uebertretenden, weil sie doch im Namen Christi gespendet sei, fuer gueltig erklaerte und die Wiedertaufe verwarf, worueber mehrere Bischoefe Afrikas 288 und Asiens sich heftig erbitterten. Eine Gesandtschaft aus Karthago, die wegen irrigen Gebrauchs seiner Machtvollkommenheit bei ihm vorstellig wurde, wies er zurueck, ja lockerte schon den Bannstrahl gegen den in dieser Sache ganz ungebaerdigen Primas von Afrika. Fast waere es deswegen zum Schisma gekommen, wenn Gregor nicht gerade damals durch ein sehr heiliges Wunderkunst- stueck, wie Moses solche vor Pharao vollfuehrte, bewiesen haette, dass Gott auf seiner Seite sei. Durch blosse Beruehrung naemlich fuegte er die von Petrus getragenen Ketten, den j erusalemisehen und den roemischen Teil, zum Ganzen zusammen, sodass sie nun eine einzige Kette von achtunddreissig Ringen bildeten. Daher stammt das Fest Petri Kettenfeier, das ja nicht ohne Wurzel und Ursprung sein kann und also das Protokoll jener Tat beglaubigte Damit schlug er manches Murren ueber Laesslichkeit nieder oder kam ihm zuvor. Und doch gab es Solche, die behaupteten, er wolle unvergahbare Suer.den vergeben, wie Ehebruch und Hurerei. Das traf nicht zu. Er verordnete dergleichen Schaechern schon recht schwere Bussen., nur keine allzu schweren; die liebte er nicht und war dagegen^ Er selbst war durch aeusserste Bu33e gegangen und von Gott zum hornigen, filzigen kleinem Geschoepf und Erdsaeugling herabgesetzt v/orden, aber er war der Meinung und wies alle Beichtiger und geistlichen Richter an, sie zu teilen, dass man dem Suender mit sanfter Busse seine Beschwernis verringern solle, so dass ihm die Reue suess sei. Das Recht ist von schwieliger, harter Hand, die Fleischeswelt aber bedarf einer zwar festen, doch weichen. Will Einer den Suender zu eifrig verfolgen, so stiftet er leicht mehr Schaden, als Heil. Denn legt man dem Gnadensucher zu jaehe Busse auf, so mag er davor verzagen, es nicht ertragen, und Gott wieder entsagen, verwoehnt wie 289 er ist durch den Teufel, dessen Dienst er dann wohl in umgekehrter Reue wieder aufnimmt. Darum ist's grosse Politik, dass Gnade vor Recht gehe; denn sie schafft im geistlichen Leben das rechte Mass, durch welches der Suender gerettet und der Gute bestaendig erhalten wird, damit die Ehre Gottes maechtig emporwachse im roe- mischen Reich. Wen haetten solche Lehren wohl nicht erfreuen sollen? Sie erfreuten alle, nur ausgenommen einige Rigoristen, die aber eine ihm eigentümliche Autoritaet in Schach hielt. Er war auch sehr schoen zu sehen, wie Kinder der Suende, aus welchem Grunde immer, es oefters sind, ein herrlicher Mann. "Der", sagt der Sprichwort, “wird gern gehoert, den man liebt." Und er wurde geliebt bis nach Perser- und Thrakerland, weil man ihn gernehoerte. Seiner erstaunlichen Auskuenfte wegen hiess er "Das apostolische Orakel"; aber um seiner Lindigkeit willen wurde er "doctor mellifluus" genannt, das ist: "Der Lehrer, welcher von Honig fliesst." P enkhart Seine Mutter, seine Base, sein Weib, die hatten nur einen Leib, und der war nun bejahrt mit harten Jahren und war schwach worden an Kraeften und Farbe, so hatte sie sich in Reue und Mueh- sal gekleidet all die Zeit und unablaessig das Wasser der Demut getrunken. Was der Buhlsohn ihr auferlegt, bevor er aus ihrem Lande schied und auf Bussfahrt ging, das hatte sie mit Leib und Gut und harrendem Sinne ganz geleistet, viele Jahre lang, mehr als zwanzig, wo sie doch, als er schied, schon achtunddreissig gewesen war* Er war dazumal noch recht jung gewesen, und haette es in 290 reiferem Stande wohl sanfter gemacht, besonders da er haette Vorhersagen koennen, dass Merimbald, ihr entfernter Vetter, der nach seinem Entschwinden Herzog wurde in Plandern-Artois, von ihrer Verlassenheit, ihrem Huecktritt vom Irdischen und ihrem Verlangen, das Wasser der Demut zu trinken, recht derb Gebrauch machen und ihr das Wittumsgut auf alle Weise schmaelern wuerde, sodass das Asylum, das sie zu Fuessen der Burg an der Landstrasse errichten konnte, vom Alleraermlichsten war, nicht besser als eine Baracke, die ihr nicht einmal Raum bot, gesondert zu schlafen» Sondern unter den Krueppeln und Kranken schlief sie, die sie von der Landstrasse aufgelesen, oder die an ihre Brettertuer geklopft, und denen sie ein grauer Engel war, indem sie sie bettete und atzte mit Pappe und Schlippermilch. Da war sie auch niedergekommen auf einem Strohsack mit ihrem zweiten Toechterchen, das man, wie Herrad, das erste, wohl auch ihr Grosskind nennen mochte« Ein selber hochschwangeres Weib, das in Suenden empfangen hatte von einem vagierenden Gaukler, mit dem ihr Mann sie betroffen, stand ihr bei in den Noeten, und als nach nur drei Tagen die mit der Mistgabel Verjagte dann niederkam, da machte Sibylla sich auf vom Kindbett, um j ener beizustehen und entband sie von einem Knaben. Gudula, diese Suenderin, blieb bei ihr und half ihr, die Siechen zu laben, ihre Wunden zu waschen, sie zu baden und zuzudecken. Heranwachsend, halfen ihr auch ihre Toechter dabei, ebenfalls in grauen Kleidern: Herrad, weiss und apfelrot, die nun Stultitia hiess, da ihr Taufname zu stolz und sie ueberhaupt nur irrtuemlich getauft war; dann auch die zweite, Humilites ohne Taufe genannt und waelisch blass-braeunlioh wieder, mit schwarzen Augen von blauem Unterschein, ihrem Grossvater-Oheim Wiligis und so auch ihrem vaeterlichen Bruder sehr aehnlich, wes- halb Sibylla sie viel strenger hielt, als Stultitia, die aeus- serlich aus dieser Verwandtschaft fiel. Gudula's, jenes Weibes Sohn jedoch und des Gauklers, empfing in der Taufe den Namen Penkhart und trug ihn in Ehren. Denn er wurde sehr wacker, des Asylums frommer, handlicher Knecht, halb- wuechsig schon, und spaeter erst recht, in vielen Tuechtigkeiten bewandert, ein Bettschreiner, Kerzengiesser, Schuster und Ofensetzer, Bienenvater dazu, Gemuesebauer und solch ein Zimmermann, dass er der Baude mehrere neue Gelasse und Bettschuppen anzimmerte, damit die Herrin mehr Jammervolle aufnehmen, die Misel- suechtigen absondern und selbst mit den Toechtern gesondert schlafen koenne. Nicht genug damit, war es dem Bankhart gegeben, die Innenwaende der Herbergen aufs wunderlichste auszuzieren. Denn von fruehan war es seine Lust gewesen, aber keine besondere, sondern nur wie die zu den anderen Handfertigkeiten, mit Kohle, Schiefer und Reissblei zu figurieren, wo immer eine leere Plaeche ihn reizte, demnaechst sich Farben zu reiben, die er anmischte mit Wasser, Eiweiss und Honig, "und damit Getier und Gemensch, auch hoehere Wesen wie Apostel und Engel mit grosser Wahrscheinlichkeit und ln natuerlichsten Kolorit vor Augen zu fuehren. Darin hatte er's weit und weiter gebracht, und als er siebzehn war und die neuen Spelunken gezimmert hatte, - ein gedrungener Bursche, schwaerzlich, mit schmalem Gesicht, an dessen Seiten das Schlaefenhaar so lang herabhing, das es aussah wie ein Backenbart -, da bewarf er die Waende mit nassem Kalk und malte darauf mit dem Stielbueschel, in Wasserfarben, die erstaunlichsten Dinge: einen blutenden Bischof im Heiligenschein, von Kriegsknechten gemartert, David, wie er mit einer Miene, alsob nichts geschehen waere, das Haupt des Goliath am Schopfe nach Hause bringt, den 292 Herrn Jesus, wie er im Jordan getauft und auf dem Kirchendach vom geschwaenzten Satan versucht wird, hinabzuspringen, und dergleichen mehr. Als das fertig war, baute er wieder Kohl und schusterte, kuemmerte sich auch nicht darum, dass Herren und Damen der Burg, trotz allem Ekel vor Eiter und Kraenke, hinabkamen ins Asyl, um seine Schildereien zu sehen. Herzog Merimbald aber kam nicht, da er gehoert hatte, dass Penkhart dem Feldhauptmann, unter dessen Aufsicht der heilige Bischof gemartert wurde, mit taeuschender Aehnlichkeit seine Zuege verliehen hatte. Sibyllen bekamen die Neugierigen auch nicht zu sehen, obgleich sie nach ihr auslugten und das mit Recht; denn Grimalds Kind, das niemanden sich fuer ebenbuertig erachtet hatte, als den genau ebenso feinen Bruder, war auch im Alter noch und im Bues- serkleid von fueretlicher, wenn auch verhaermter Schoenheit. Ver- haermt waren wohl ihre Wangen, und zwei stehende Furchen hatten sich z\vischen ihren Brauen eingegraben, aber die Jahre weder, noch die Todsuenden, an denen sie trug, noch das viele Buecken ueber Siechbetten und Badezuber hatten ihre Gestalt zu beugen vermocht. Strack und herrinnenhaft war die, wie zu der Zeit, als Grigorss zuerst im Dom des notvollen Bruges sich ihr genaht, und stolz ihr Tritt, wie ja der Adel des Leibes sich seltsam gegen die Beugung der Seele durch kristliches Suendenbewusstsein behauptet. Wie grau oder weiss ihr Haar war, das sah man nicht unter dem auch noch die Stirn verhuellenden Gebaende ihres Hauptes. Aber die bitteren Angst- und Reuetraenen so vieler Jahre um willen ihrer gehaeuften Todsuenden hatten nicht die sonderliche Schoenheit ihres elfenbeinfarbenen Antlitzes zerstoeren koennen, diesen mit der blassen Sichel unterm Gebaende gezeichneten Liebreiz, den ich nicht noch einmal zu beschreiben versuchen will, da ich nun 293 einmal kein Penkhart hin und ihn nicht malen kann, fuer welchen sie aber leider alle untereinander, Bruder und Schwester, Sohn und Mutter, so viel wechselseitigen und ausschliesslichen Sinn gehabt hatten. Allein trug Frau Sibylla, die Buesserin, ihn nun wohl im Alter noch, in verhaermter Form, zur Schau; denn Wiligis war hin, Grigorss ihm gefolgt und mutmasslich auch dahin, obgleich man ihr nicht seinen Leichnam gebracht hatte. Aber war Wiligis, der Holde, zu Grunde gegangen und ins Grab gesunken aus Zartheit, so war gewiss Grigorss, ihr zweiter Gemahl, das Opfer seiner stolzen Jung-Maennlichkeit geworden; denn bestimmt hatte das Kind e3 ueber- trieben mit der Busse und nicht auf sich acht gegeben, sondern den schoenen Leib, der eheliche Lust mit ihr geteilt, metzeln lassen im Heiligen Lande von krummen Saebeln. Ob seine Seele dadurch dem Hoellenrost entgangen war? Und Wiligis seine? Vifer konnte ihr darauf Antwort geben? Wer gar auf die Frage, wie es um ihre eigenen mit Todsuenden wie von eiternden Wunden bedeckte Seele stand, und ob sie, bei noch so vielem Trinken vom Wasser der Demut, die geringste Aussicht hatte, einst Gott zu schauen? Viel, wenn sie eben nicht Sieche badete, weinte sie und kniete hart in angstvollem Gebet fuer sie alle drei und ihren schrecklich verschlungenen Bund. Da hoerte sie nun, als sie sechs2ig Jahre alt war, dass zu Rom ein sehr grosser Papst erstanden sei, des paepstlichen Namens Gregorius, der ein Troester der Suender und ein so guter Arzt der Seelenwunden sei, wie keiner, der je die Schluessel ge- fuehrt, viel eher geneigt, zu loesen, als zu binden. Wie haette sie nicht von ihm hoeren sollen? Alle Welt hoerte von ihm, der ganze orbis terrarum christianus, und mir ist immer, als habe 294 er's geradezu darauf angelegt, dass mit dem orbis auch sie von. ihm hoere. War er nicht etwa gar ein so grosser Papst geworden, damit sein Ruhm ueberall hin und also auch zu ihr dringe? Jedenfalls war er ja auch ein so guter Herzog gewesen, weil er’s um ihretwillen, die er betrog, so sehr noetig hatte* Man muss es nur noetiger haben, als andere, dann macht man sich bei der Menschheit einen Namen. So war denn also in der Frau der Entschluss gereift, auf ihre alten Tage nach Rom zu dem heiligen Papste zu pilgern und ihm, den es mindestens interessieren musste, diesen ganzen Fall extremer und verschlungener Suendhaftigkeit, dessen Mittelpunkt sie war, zu Gehoer zu bringen, damit sie allenfalls Rat und Trost von ihm erlange. Sie sagte es auch zu Gudula, ihrer Gehilfin* "Gudula’', sagte sie, "mir ist eingegeben, und meine Gebete haben es in mir zur Reife gebracht, dass ich zu diesem grossen Papste wallen und ihm meine ganze unerhoerte Geschichte zu Ohre beichten will. Es ist ihm ein solches Uebermass von Suendhaftigkeit wohl noch garnicht vorgekommen, und es gebuehrt sich, dass er davon erfaehrt* Er allein kann dies Uebermass mit Gottes Gnadenfuelle vergleichen und abmessen, ob die davon ueberstiegen wird, oder ob sie, als Uebermass ebenfalls, ihm gewachsen ist und meiner Suende die Wage haelt. Man kann es nicht wissen. Vielleicht wird er die Haende heben, mich aus der Kristenheit fluchen und mich dem gluehenden Pfuhl ueberantworten. Dann ist eben alles aus, und ich weiss Bescheid. Vielleicht aber finde ich Ruhe durch diese Beichte - Ruhe hier und ein wenig Seligkeit dort, wenn auch nur eine eingeschraenkte, - fuer mich und die, die ich liebte.” Gudula hoerte das kopfnickend an, die Haende in den Aermeln ihres grauen Kleides« "Ich will auch. Stultitia und Humilitas mitnehmen", fuhr Sibylla fort, "und ihm die unselig-unschuldigen Fruechte meiner Todschande vor Augen stellen, um fuer Humilitas vielleicht die kristliehe Taufe von ihm zu erlangen, trotz ihres Vaters Grigors3 maennlichem Verbot» Papst Gregor soll ja so grosszuegig sein mit der Taufe und hat sie selbst den vielweiberischen Muselmanen und all ihrer Brut bewilligt, wie man ueberall hoerte» Dich aber, so ist’s bei mir ausgereift, will ich derweilen hier uebers Asylum setzen, dass du es eigenmaechtig betreust, bis ich wiederkomme, verdammt oder geloe3t• ,, "Liebe Frau", antwortete Gudula, "Ihr solltet mich lieber auch mitnehmen, damit ich dem Herrn Papst meine alte Lustsuende beichte mit dem Gaukler und er ihre Schwere abwaegt gegen Gottes Gnadei" "Ach, Gudula", erwiderte ihr Sibylla, "der Papst wuerde laecheln ob deiner Beichte und wuerde belaecheln, dass du deswegen zum Stuhle Petri kommst! Das mit dem Gaukler war ja eine Lapperei; es ist meiner Meinung nach laengst schon abgebuesst, und dein Sohn Penkhart ist ein so vortrefflicher Junge. Er soll mein Briefbote sein, wenn ich nun schreibe nach Rom. Ich bin keine Fuerstin mehr, und es ziemt sich nicht, dass ich an den Herrn Papst persoenlich schreibe. Aber ich war eine Fuerstin und weiss den Geschaeftsgang» Ich will an den Nomenculator Seiner Heiligkeit schreiben, das ist sein conseiller, musst du wissen, in Gnadensachen, Muntwalt der Pupillen und Witwen und aller Bedraengten, an den man sich wendet, wenn man vom Papste etwas zu bitten hat. Ihm will ich schreiben, ich stuende im Mittelpunkt einer Geschichte von abnormer Suendhaftigkeit. Von Gebuerte hoch sei die Greisin, doch nun schon lang eine Buesse- rin und erflehe die Gnade, sich dem Vater der Kristenheit zu Fuessen zu werfen und ihm ihres Lebens Greuel zu Ohre beichten zu duerfen, die allerdings schwer und entsetzlich zu hoeren seien; man muesse ein Mann von grosser Festigkeit sein, um es auszuhalten und auch zu glauben, dass Gott es aushalten koenne. So will ich schreiben* um den Nomenculator und den Herrn Papst doch vielleicht neugierig zu machen* Wozu waeren wir Frauen, wenn wir nicht etwas Schlaeue sollten spielen lassen bei solcher Gelegenheit? Kurzum, der Brief ist so gut wie fertig in meinem Kopf; ich brauche ihn nur auf Pergament zu setzen, und Penkhart soll ihn nach Rom tragen. Deine Sache aber will ich schon unterderhand mit einfliessen lassen, wenn der Papst mir Gehoer schenkt* Die wird er bestimmt vertragen koennen, wenn wirklich ist sie vergleichsweise ja nur zum Laecheln ." 1 - "Und Penkhart?” sagte sie einige Monate spaeter zu Gudula. "Wo bleibt er nur? Gross ist meine Ungeduld und macht mir die Zeit wohl laenger, als sie ist, aber ich schaetze doch, dass er nachgerade zuruecksein muesste, sei es mit Gewaehrung oder Verweigerung, aber zurueck muss er doch kehren. Meine Ungeduld, Gudula, will sich in Besorgnis wandeln, nicht meinet-, sondern seinet- -und deinetwegen. Denn wie staende ich da vor dir, waere ihm etwas zugestossen auf der Reise und v/ir hoerten nie wieder von ihm, weil er von Raeubern erschlagen worden oder in einen Abgrund gestuerzt ist? Das waere mir schrecklicher, als wenn er Verweigerung braeohte." "Seid nur getrost, Frau, und geduldet Euchi" troestete Gu- dula sie, die Haende in den Aermeln. "Mein Penkhart, der kommt schon durch." 297 Und wirklich war es nur so, dass Penkhart zu Rom die Bekanntschaft einiger junger Leute gemacht hatte, die ebenfalls figurierten und mit Farben malten. Mit denen hatte er Freundschaft geschlossen, und sie hatten ihn auch zu ihrem Meister gefuehrt, bei dem sie zur Schule gingen im Farbenreiben und Pinseln; der hatte sich etwas von ihm vorfigurieren lassen, ihn gelobt und ihm Ratschlaege erteilt, und darueber hatte Penkhart bei aller Treue sich in der Stadt versaeumt, obgleich er des Papstes Ge- waehrung, durch den Nomenculator erteilt, schon in der Tasche hatte# Ungern nur trennte er sich von Rom, von jenen Kumpanen und ihrem Meister und war darum sehr froh, dass Sibylla,. als er ihr endlich, unter Entschuldigungen seines Saeumens wegen, die Gewaehrung ueberbrachte, ihm sagte, er solle nur gleich wieder mitkommen, wenn sie nun mit Stultitia und Humilitas aufbraeche zur Romfahrt, und ihnen als ihr Reisegehilfe seine Erfahrungen zugute kommen lassen. Das tat er denn auch mit vieler Umsicht, Geschick und Fuersorglichkeit und brachte Mutter und Toechter gluecklich und ohne dass ihr Fuss an einen Stein gestossen waere, durch die ihm schon vertrauten Strecken und Schrecken, ueber Hochöeden und durch suesse Gefilde hinab in die Stadt der Staedte und vor den Nomenculaton; der wies sie an, im Frauenkloster Sergius und Bacchus, beim Lateranpalaste gleich nebenan, Obdach und Hospitalitaet zu nehmen und nannte der Beichtbittstellerin Tag und Stunde, naemlich gleich morgen, wo der Papst ihr das Ohr neigen und ihr Einzelgehoer gewaehren wolle im innersten Arbeitszimmer. 298 Die Audienz Die Nonnen von Sergius und Bacchus nahmen sie milde auf, und den folgenden Tag, vor der genannte Stunde, schon bald nach der Fruehmesse, holte des Papstes Cubicularius oder Kaemmerer die Pilgerinnen ab vom Kloster und fuehrte sie in den Palast; da ueberlieferte er sie im ersten Saal dem Protoscriniar, der sie weitergab an den Vestiarius, von dem sie der Vicedominus empfing und sie dem Primicerius der Defensoren abtrat - und so immer weiter von Saal zu Saal. Durch viele Haende gingen sie, und durch zehn steinerne Saele ging es mit ihnen, die dem innersten Zimmer vorgelagert waren, gehuetet von Palatinischen Hellebar* dieren, Nobelgardisten, Tuerstehern und roten Saenftentraegern* Im groessten stand ein Tron, durch den geleiteten sie zwei Ehrenkaemmerer, die sie in der Tuer an zwei Geheimkaemmerer ab- gaben. Nun waren sie im siebenten, dem Geheimen Vorzimmer, und dort blieben Stultitia und Humilitas zurueck in der Hut von zwei Geheimkaplaenen. Sibylla aber schritt weiter, gefuehrt von einem Greise, dem Curopalata; denn fern davon, dass das Geheime Vorzimmer schon vorm Innersten gelegen gewesen waerel Es stiess daran noch ein Saal •und an den noch einer, die zu garnichts dienten, als Abstand zu bilden, und an den stiess ein kleiner, noch einmal mit einem Tron>> auch nur dem Abstand dienend. Der aber muendete denn doch in eine Eichentuer mit dem paepstliehen Wappen in Marmor darueber und bewahrt rechts und links von schar- lachnen Waechtern. Gegen diese hob der Curopalata das Haupt, und sie oeffneten beide Fluegel. Der Greis trat zurueck, die Frau aber schritt hindurch und war im Innersten. Der Vater der Kristenheit, seinen Jahren nach auf zweiund- ü‘! M II« 1 ;i‘! J wil 299 uw t i i r ttfwitt: vierzig zu schaetzen ('und da schaetze ich richtig, denn er regierte seit fuenfen), sass auf rot-goldenem Stuhl an einem grossen, mit rotem Leder ausgeschlagenen Tisch, bedeckt mit Papierrollen rings um das Schreibzeug. Seitlich sass er zu der, die eintrat und sich schon an der Tuer zum ersten Tiefknicks nieder- liess, und wandte sein Haupt gegen sie, das in eine rote, mit Hermelin verbraemte, in den Nacken und halb ueber die Ohren reichende Sammetkappe gehuellt war* Das ist eine feine Kopfbedeckung, dem Papste Vorbehalten, und sehr gefaellt mir auch der Stutzmantel aus gleichen Stoffen, den er ueber der weissen Dalmatika um die Schultern trug, - darueber das Pallium, mit Kreuzen bestickt. Streng war in der Kappe sein vom Barte freies Antlitz; blank und so stark zeichneten die Wangenknochen sich darin ab, dass es aussah, als wuerden sie durch ein Zusammenpressen der Kiefer hervorgetrieben, und ueberaus ernst lag die etwas weit vorn an der Nase ansetzende Oberlippe auf der unteren. Die dunklen Augen aber er- schimmerten, wie sie der Buesserin entgegenschauten, in Traenen, ohne dass ihr Blick sich dadurch entfestigt haette, was rar und schoen ist: fest blicken durch Traenen. Sie sah es nicht, da sie ihre Augen fromm gesenkt hielt, waehrend sie unter drei Tiefknicksen herankam und sich ihm, herangekommen, zu Fuessen warf. Mit einer Bewegung, zu rasch fast fuer seine Wuerde, hob er sie auf, verv/ehrte ihr, seinen mit einem Kreuz gezeichneten Saffian-Pantoffel zu kuessen und bot ihr statt dessen den Ring zum Kuss. Dann wies er auf eine mit rotem Sammt bedeckte Kniebank zu seiner Seite; ein Oberbrett mit Kissen h^tte sie zum Auflegen der Haende. Von da schlug sie die Augen auf zu Gottes Stellvertreter und blickte andaechtig in sein Gesicht. Die alte Fraui Sie vergass, zu blinzeln bei 300 üHHä «:Hff -SJ«» SH-m-w ihrem Schauen, vergase den Lidschlag, unterliess es, versteht mich recht, mit der Wimper zu zucken, wodurch ja der Blick sehr bald nicht so wohl starr wird, als ins Schwimmen geraet, sich an seinem Gegenstände zu brechen und, ihn nicht mehr fassend, in eine unbestimmte Ferne zu gehen scheint. Sie schloss denn auch lieber die Augen, fuhr leicht mit den Fingerspitzen ueber ihre Stirn und blickte dann nieder auf ihre gefalteten Haende. "Ihr habt, werte Frau, Unsere Tochter", begann ihr Beichtiger mit verhaltener Stimme, "eine weite Reise getan zu Uns aus Euerem entlegenen Lande, ueber das Ihr, wie Wir hoeren, einst Herrscherin wart. Gross muss Euer Verlangen sein, Uns Euer Herz zu er- oeffnen und seine Last bei Uns niederzulegen. Die Stunde dafuer ist gekommen. Der Papst hoert." "Ja, heiliger Vater", antwortete sie, "die Stunde ist da dank Euerem Erbarmen, von dem ich wohl weiss, dass es nur vor- laeufig ist und nur das Hoeren betrifft, denn wie es nach dem Hoeren um Euer und Gottes Erbarmen bestellt sein wird, - ich zage, daran zu denken." "Der Papst hoert”, wiederholte er und rueckte sein von der Samtkappe halb bedecktes Ohr etwas naeher zu ihrem Munde. "Gott helfe mir", fluesterte sie, "zu beginnen! Wisst, heiliger Vater, zu meiner Castigierung stehe ich, wie es mir anbefohlen worden von gewisser Seite, einem Asylum vor fuer den Abschaum der Landstrasse, und dabei geht ein Weib mir als treue Gehilfin zur Hand, Gudula mit Namen, eine arge Suenderin. Denn vor zwanzig Jahren vergass sie sich ganz und gar mit einem ziehenden Gaukler und liess sich von ihrem Mann im besten Suendigen betreffen, sodass er sie in gerechter Wut mit einem Feldgeraete verstiess. So kam sie zu mir und hat ihre Busse mit meiner ver- 301 ÜfWlftMMtiHi einigt und mich ersucht, ein gutes Wort hei Euch einzulegen fuer ihre Loesung, dessen ich mich darum unterfange, weil Gott geneigt scheint, ihr zu vergeben* Denn von dem Gaukler hat er sie mit einem Sohne gesegnet, Penkhart, der ist vortrefflich und besser wahrscheinlich, als wenn er von ihrem Manne waere* Geschickt ist er in aller Handfertigkeit und malt mit Farben, so anschaulich, dass ich Euch fragen moechte, heiliger Vater, ob er nicht eine Anstellung finden koennte an Euerem Hof und koennte Eure Ge- maecher ausmalen und manche Kapelle, zu Gottes Ehre und Euch zum Dank fuer seiner Mutter Loesung* u "Frau’', sagte Gregor und hob sein Ghr von ihr weg, "habt Ihr dazu Euere Reise getan, um Uns diese Lappalien zu bej ehen? Denn nach allem, was Ihr Unserem Nomenculator schriebt, ist, was zwischen jenem Weibe und dem Gaukler geschah, nur eine Lappalie neben den Suenden, die Euch beschieden waren*" “Das ist nur zu wahr, heiliger Vater", gab sie zu, "Und ich habe im Stillen gefuerchtet, Ihr moechtet mich irrtuemlich loben dafuer, dass ich die Sorge ums eigene Seelenheil uneigen- nuetzig zurueckstelle hinter die einer suendigen Schwester und nicht nur zuerst fuer sie bitte, sondern auch noch um eine Anstellung einkomme fuer ihren kunstfertigen Bankhart* Diese Deutung waere moeglich gewesen, aber mit Recht habt Ihr sie nicht in Betracht gezogen. Nicht aus Selbstlosigkeit sprach ich zuerst von Gudula, sondern ich habe ihre Geschichte nur vorgeschoben, um Frist zu gewinnen und weil ich mich so sehr davor entsetze, die eigene auszusagen und durch ihre Bej ehung Euer Ohr mit Grausen zu erfuellen*" "Dies Ohr und dies Herz", antwortete er, "sind fest* Sprecht ohne Vorschuebel Der Papst hoert." 302 mmm Da sagte sie ihm, die schoenen, mageren Haende zuweilen auf dem Kissen ringend, zuweilen stockend, zuweilen die Fluesterstim- me von Schluchzen erstickt, all-alles ein, die ganze extreme Geschichte, wie ich sie euch erzaehlt habe, mit Ausnahme der zweimal siebzehn Jahre auf der Normannischen Insel und auf dem Stein, die ihrem Wissen fehlten* Von ihrem suessen Bruder raunte sie und wie nur sie beide an Feinheit einander fuer ebenbuertig erachtet, von Grimalds Rittertum, und wie, da er starr lag, um den Turm die Kaeuzlein so aengstlich geschrieen und Hanegiff, der Treue, zur Decke geheult, sie aber es dennoch getan haetten, moerderisch, in blutiger Ebenbuertigkeitswonne. Wie sie es fortgetrieben haetten und der Schwester Leib mit einem Bruderkinde graesslich gesegnet gewesen sei. Von Herrn Eisengrein und der harten Gutmuetigkeit seiner Verfuegungen. Von Wiligis * Abgang und zartem Verderben. Von ihrer Niederkunft auf dem Wasserschloss unter Frau Eisengreins Haenden und wie man ihr das schoene Knaeblein genommen und es im Toennlein verschlossen haette, so- dass sie kaum Zeit gehabt habe, es doch ein wenig auszustatten zur Fahrt auf den Uenden: mit der Tafel, worauf seine Bewandtnisse standen, Broten voll Gold und einigen guten Stoffen aus Morgenland. Von den sieben Schwertern sprach sie, die ihr Herz durchdrungen, und von ihrem Zerwuerfnis mit Gott, dem sie nun kein Weib mehr habe sein wollen, ueberhaupt keines mehr, sodass sie alle Freier verschmaeht und so das Land ins Elend gebracht habe. Auch ihren alten Traum beichtete sie: wie ihr getraeumt hatte, sie gebaere einen Drachen, der ihr den Mutterschoss zerriss und dann davonflog, aber nur, um wiederzukehren und sich zurueckzudraengen in ihren Schoss. Und so war es geschehen* Denn ploetzlich sei das Kind ein Mann gewesen oder doch ein rit- 303 terHoher Knabe mit groesstem Anspruch auf Maennlichkeit und habe in ihrem Lehen den wilden Freier gebaendigt mit unglaublich festhaltender Hand. Wie sie da, fluesterte sie, heiliger Vater.’ den Geliebten, den Einzigen, den sie habe lieben koennen und muessen, zum Gatten genommen und mit ihm in Ehewonne gelebt habe drei Jahre lang, ihm auch eine Tochter geboren, weiss und apfelrot, und spaeter noch eine, ihm gleich und ihr. Wie durch das Auffinden der Tafel, schluchzte sie, sich ihr die Einerleiheit von Kind und Gatte fuerchterlich enthuellt hatte und ihr vor Schrecken die Seele in Amacht gefallen war, aber nur komoedianti- scher Yfeise; denn obenauf stelle die Seele sich an und mache ein Wesen von teuflischer Taeuschung, die ihr angetan, tief unten aber, wo still die Wahrheit wohne, da habe es gar keine Taeuschung gegeben, vielmehr sei ihr da die Einerleiheit bekannt gewesen gleich auf den ersten Blick, und unwissentlich-wissend habe sie das eigene Kind zum Manne genommen, weil es der einzig Ebenbuer- tige wieder gewesen. Da habe er es, das Letzte sei damit eingestanden, denn unwuerdig waere sie des paepstlichen Ohres, wenn sie nicht ohne Hinterhalt die Fickfackerei ihrer Seele gestaende. Nun moege er zornrot die Haende heben, zu Faeusten geballt, und sie verfluchen zum Hoellenrost; das waere ihr lieber, als vor Gott und dem Papste luegnerisch einzubehalten, dass sie heimlich alles gewusst und ihre Seele sich bei der Entdeckung nur angestellt habe. Sie schwieg. Es gab ein Schweigen. Sie sagte noch: "Ihr habt meine Stimme lange gehoert, Papst Gregorius. Nun werde Ich gleich auch die Euere wieder hoeren." Sie hoerte sie wieder, wenn auch nicht vollen Tones; denn er sprach gedaempft wie der Priester im Beichtstuhl: 304 "Gross und extrem ist Euere Suende, Frau, und bis zum Grunde habt Ihr sie dem Papste gestanden. Diese Gruendlichkeit im Extrem ist groessere Busse, als wenn Ihr nach Eures Suendengatten Verfuegung den Bettlern die Fuesse wuschet. Ihr seid gewaertig, dass ich die Arme hebe und Euch verfluche. Hat Euch nie jemand gesagt, der Gott studiert hatte, dass Er wahre Reue als Busse annimmt fuer alle Suenden, und dass ein Mensch, sei seine Seele auch noch so krank, - wenn sein Auge nur eine Stunde nass wird von Herzensreue, so ist er gerettet?" "Doch, ich hoerte es schon", antwortete sie, "und es ist ueberwaeltigend, es vom Papste wiederzuhoeren. Aber nicht alleine will und kann ich gerettet sein, sondern nur zusammen mit ihm, meinem Gattenkinde. Geruht) Wie steht es mit ihm?" "Vorderhand", sagte er, "frag ich das Euch. Ihr habt nie gehoert seit damaliger Zeit, was aus ihm geworden, ob er lebend ist oder tot?" "Nie, Herr, hab ich von ihm gehoert. Ob er aber lebend ist oder tot, davon halte ich sehr, dass er tot. Denn aus Maennlich- keit hat er bestimmt so gewaltige Busse auf sich genommen, dass er sich uebernommen hat, Meinte er doch, seine Suende ueber- traefe die meine, was ich nicht zugeben kann. Denn wenn auch all sein Fleisch und Bein aus Suende bestand - aus seiner Eltern Suende so hat er doch damit nur insofern gesuendigt, als er unwissentlich bei seiner Mutter ruhte. Ich aber habe mir mit dem Bruder den Gatten gezeugt." "Das Mass der Suendhaftigkeit", versetzte er, "ist strittig vor Gott, umso mehr, als dein Kind dort, wo die Seele keine Faxen macht, ebenfalls recht gut wusste, dass es seine Mutter war, die er liebte." 305 "Vater der Kristenheit, wie schwer beschuldigt Ihr ihn!" "Nicht zu schwer« Der Papst wird mit dem Fant nicht schonender umgehen, als Ihr mit Euch umgegangen seid« Ein Juengling, der auszieht, seine Mutter zu suchen und sich ein Weib erkaempft, das, sei es noch so schoen, seine Mutter sein koennte, muss damit rechnen, dass es seine Mutter ist, die er heiratet« Soviel von seinem Verstände. Seinem Blute aber war die Einerleiheit von Weib und Mutter vertraut, lange bevor er die Wahrheit erfuhr und sich gar komoediantisch darueber entsetzte«" "Es spricht der Papst. Und doch kann ich’s nicht glauben." "Frau, er hat es Uns selbst gesagt." "Wie, wie? So habt Ihr ihn gesehen vor seinem Tode?" "Er ist durchaus am Leben." "Ich fass es nicht 1 Wo, wo ist er?" "Nicht weit von hier, Wuerdet Ihr Euch getrauen, ihn zu erkennen, wenn Gott ihn Euch zeigte?" "Heiligkeit, auf den ersten Blicki" "Und lasst mich weiter fragen: Waer’ es Euch wohl sehr peinlich, ihn wiederzusehen, oder ueberwoege die Freude?" "Sie ueberwoege nicht nur, sondern selig waere sie ganz allein auf dem Plan. Gnade, Herr! Lasst mich ihn sehen!" "So seht erst dies." Und er zog unter den Papieren des Tisches ein Ding hervor, das reichte er ihr: aus Helfenbein, gerahmt und zum Brief beschrieben, die Tafel. Sie hielt sie in ihren Haenden. "Wie wird mir?" sprach sie. "Das Stueck ist dies, wovon ich Euch sagte, und das ich dem Kinde mitgab ins Faesslein vor siebzehn Jahren und dreien und fuenfen. Gott, du mein Gott, ich halte es wieder - zum dritten Mal. Als ich es beschrieb mit des Kindes Bewandtnissen, da hielt ich's, und wieder dann in der graesslichen Stunde, als ich’s nach Weisung der schlimmen Magd aus dem Schube nahm in meines Gatten Gemach« Welche Not hatte die suendige Seele da, zu erraten, wie er zu dem Stueck gekommen sein mochte; Das Kind und der Gatte - die Seele wollte sie weit auseinander haben und nicht ihre Einerleiheit begreifen. Dem Gatten, so wollte sie lange, habe das Kind diese Tafel gegeben« Euch gab sie mein Gatte, Herr, liebster Papst?" "Sie ist mein von je« Ich landete mit ihr, auf einer Insel des Meeres erst, dann in dem Land Eurer Vaeter und meiner. Eine neue Aufgabe habe ich, Teuerste, deiner Seele zu stellen, doch eine gnadenvolle: die Drei-Einheit zu fassen von Kind, Gatte und Papst." "Mir schwindelt." ^'Begreift es, Sibylla, Wir sind Euer Sohn." Sie beugte sich laechelnd ueber ihr Handkissen, indess ihr die Traenen ueber die von Alter und Busse abgezehrten Wangen rannen. Und sprach unter Laecheln und Traenen: "Das weiss ich laengst." "Wie?" sagte er. "So habt Ihr mich erkannt in der Papstkappe, nach so vielen Jahren?" "Heiligkeit, auf den ersten Blick. Ich erkenne Euch immer." "Und habt, lose Frau, nur Euer Spiel mit Uns getrieben?" "Da Ihr Euer Spiel mit mir treiben wolltet -" "Wir gedachten, Gott eine Unterhaltung damit zu bieten." "Dabei ging ich Euch gern zur Hand. Und doch war es kein Spiel. Denn sind Dreie auch Eins, so ist doch weit der Papst vom Kinde und Gatten, Dem Erwaehlten des Herrn hab ich innigst gebeichtet« 1 ' "MutterI" rief er. "VaterI" rief sie. "Vater meiner Kinder, ewig geliebtes Kindt" Und sie umhalsten einander und weinten zusammen. "Grigorss, du Aermstert" sagte sie, indem sie sein Haupt an das ihre drueckte. "Wie schonungslos musst du gebuesst haben, dass Gott dich so ueber uns Suender alle erhoehte." "Davon nichts weiter", erwiderte er. "Meine Staette war freilich die kahlste; des Himmels Gestirne aber und Wind und Wetter boten viel Abwechslung, und zudem hatte Gotte mich tief herabgesetzt, zum Murmeltier; da merkt man es nicht so sehr. Aber, lieb-liebste Mutter - du - warst du denn garnicht erstaunt, im Papste den Sohn zu finden?" "Ach, Grigorss", entgegnete sie, "diese Geschichte ist so extrem, dass darin das Erstaunlichste einen nicht mehr erstaunt. Aber wie hoch muessen wir Gottes Weisheit preisen, dass Er dich, befriedigt von deiner Herabsetzung, zum Papst erhob! Denn nun steht es bei deiner Macht, den Graus zu loeschen, der immer noch fortwaehrt, und unsere Ehe zu scheiden. Bedenke, dass wir bis auf diesen Tag kristlich vermaehlt sind!" "Ehrwuerdigste", sagte er, "wir wollen das Gott anheimgeben und es ihm ueberlassen, ob Er einem Teufelswerk, wie unserer Ehe, Gueltigkeit beimessen will oder nicht* Mir staende es wenig an, den ScheidungsSpruch zu sprechen und unser Verhaeltnis auf das von Mutter und Sohn zurueckzufuehren. Denn auch Euer Sohn waere ich, alles recht erwogen, ja besser nicht." "Was aber, Kind, koennen wir denn einander sein?" "Bruder und Schwester", antwortete er, "in Liebe und Leid 308 und Busse und in der Gnade*" Sie sann: "Bruder und Schwester. Und wo ist Wiligis’ Seele?" "Meines Vaters Seele? Frau, habt Ihr nie gehoert, dass Wir es fertig brachten, einen Heidenkaiser los aus der Hoelle zu beten? Nun denn, kein Bangen um meinen teueren Ohm, den ich so gern im Leben noch angetroffen haette, den wir einst aber antreffen werden im Paradiese." "Heil, Kind, deiner SchluesselgewaltI Du warst so jung, als du von mir gingst und unserer zweiten Tochter die Taufe verweigertest. Wirst du sie ihr jetzt, in deiner paepstlichen Reife, gewaehren?" "Unsere Toechterl" rief er. "Wo sind sie?" "Es war mir etwas empfindlich", erwiderte sie, "dass du noch nicht nach ihnen fragtest. Sie sind im Geheimen Vorzimmer." "So weit von hier? Man soll sie vor Uns bringen, sogleichi" Das geschah. Stultitia und Humilitas kamen zu ihnen herein ins Innerste und durften auch nur den Ring, nicht den Pantoffel kuessen. "Liebe Nichten", sagte Gregorius, "so nennen Wir euch, da euere Mutter im Papste einen Seitenverwandten erfunden hat. Wir freuen Uns lebhaften Herzens, euch kennen zu lernen in eurer verschiedenartigen Lieblichkeit." Zu Sibyllen aber sagte er: "Da siehst du, ehrfuerchtig Geliebte, und Gott sei dafuer gepriesen, dass Satanas nicht allmaechtig ist und es nicht so ins Extreme zu treiben vermochte, dass ich irrtuemlich auch noch mit diesen in ein Verhaeltnis geriet und etwa gar Kinder von ihnen hatte, wodurch die Verwandtschaft ein voelliger Abgrund 309 geworden waere, Alles hat seine Grenzen« Die Welt ist endlich,’* Noch vieles sprachen sie mit einander, und wie einst, nur unter so viel gluecklicheren Umstaenden, traf Gregorius seine Verfuegungen, da er der Mann war und obendrein Papst« Vorderhand noch sollten Sibylla nebst den Nichten im Kloster Sergius und Bacchus verweilen, bald aber wollte er ihr ein eigenes Kloster bauen, darin sie walten sollte als Puerstin-Aebtissin in grossen Wuerden« Woertlich geschah es so, und Stultitia blieb bei ihrer Mutter als Vice-Aebtissin, Humilitas aber, nachdem sie die krist- liche Taufe empfangen, vermaehlte sich mit Penkhart, dem Figu- rierer, da sie beide schon laengst einander geneigt gewesen. Sehr weit brachte es Penkhart in der Handfertigkeit, hielt in Rom einen hohen Stand, und durfte viele Y/aende bemalen, teils seiner Gaben wegen, teils weil er eine Nichte des Papstes zur Frau hatte« Dies nennt man Nepotismus, gegen den aber nichts zu sagen ist, wenn Verdienste ihn rechtfertigen. So lebten sie alle in gemeinsamer Freude, und j eder starb mit der Zeit seinen Tod, je wie er angetreten und nach der Reihenfolge. Sibylla starb zuerst mit achtzig Jahren: aelter wurde sie nicht, da viel frueher Kummer und die harten Jahre der Busse ihr doch wohl das Leben verkuerzt hatten. Ihr Brudersohn, der Papst, ueberlebte sie fast um ein Menschenalter: er wurde neunzig und wuchs als Voelkerhirt immer noch in die Hoehe; bis zum Schluss erregte er das Staunen des orbis als Apostalisches Orakel und Doctor mellifluus. Die anderen blieben ein wenig noch hier, am laengsten die Kinder Penkharts und der Humilitas, froehliche Leute, die vorwaerts gezeugt waren in rechter Richtung und so auch lebten, Y/ie lange aber, so gilbten auch sie, wie das Laub eines Sommers, und duengten den Boden, darauf neue 310 Sterbliche wandelten, gruenten und gilbten. Die Welt ist endlich •und ewig nur Gottes Ruhm. V ■Sfr Clemens, der so die Maer ans Ziel gebracht, dankt euch fuer euere Aufmerksamkeit und nimmt gern eueren Dank entgegen fuer die Muehe, die er ans Werk gewendet. Es moege nur keiner, der sich die Geschichte behagen liess, falsche Moral daraus ziehen und denken, es sei zuletzt mit der Suende ein leichtes Ding. Er huete sich, zu sich zu sprechen: "Nun sei du ein lustiger FrevlerJ Wenn es so fein hinausging mit diesen, wie solltest da du verloren sein?" Das ist des Teufels Gefluester. Bringt erst einmal siebzehn Jahre auf einem Steine hin, herabgesetzt zum Murmeltier, und badet die Siechen mehr als zwanzig Jahre lang, so werdet ihr sehen, ob es ein Spass istl Aber klug ist es freilich, im Suender den Erwaehlten zu ahnen, und klug ist das auch fuer den Suender selbst. Denn wuerdigen mag ihn die Ahnving seiner Erwaehltheit und ihm die Suendhaftigkeit fruchtbar machen, sodass sie ihn zu hohen Fluegen traegt. Zum Lohn fuer Warnung und Rat bitte ich euch um die Gefael- ligkeit, mich einzuschliessen in euer Gebet, dass wir alle uns einst mit ihnen, von denen ich sagte, im Paradiese Wiedersehen. V a 1 e t e . mmmmm Diese Erzaehlung gruendet sich in den Kauptzuegen der Handlung auf das Vers- epos “Gregorius vom Steine“ des mittelhochdeutschen Dichters Hartmann von Aue (ca. 1165-1210), der seine ritterliche Legende aus dem Franzoesischen uebernahm. DER ERWAEHLT E I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII XIII XIV XV XVI XVII XVIII XIX XX XXI XXII XXIII XXIV XXV XXVI XXVII XXVIII XXIX XXX XXXI Wer laeutet? Grimald und Baduhenna Die Kinder Die schlimmen Kinder Herr Eisengrein Frau Eisengrein Die Aussetzung Die fuenf Schwerter Die Fischer von Sankt Dunstan Das Heckgeld Der Trauerer Der Faustschlag Die Entdeckung Der Disput Herr Poitewin Die Begegnung Der Zweikampf Der Handkuss Sibyllas Gehet Die Hochzeit J eschute Der Abschied Der Stein Die Busse Die Offenbarung Der zweite Besuch Die Auffindung Die Wandlung Der sehr grosse Papst Penkhart Die Audienz Valete Mimeographed by WALLENBERG & WALLENBERG New York, N* Y. -■zs&t jWtKjj«; iiStg?: am. .