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NEUEREN KUNSTBESTREBUNGEN DER DEUTSCHEN.
ausüben. Fafsen sie dieselben richtig auf, so werden sie doch ihre Be-griffe und Regeln in einer Weise ausdrücken, welche dem künstlerischenGeiste ganz entgegengesetzt, daher fast unverständlich ist. Allein garleicht verfällt der Schriftsteller über Sachen der Kunst auf falsche Grund-begriffe, irrige Vorschriften und Lehren, eben weil die Kunst bald ihm alsein Untergeordnetes erscheint, zu welchem er nur vorübergehend sich her-abläfst, bald wiederum als ein Unbegreifliches, über welches er bei Kun-digeren sich Rathes erholt, um sodann aus dem Gehörten und Gelesenensich eine Theorie musivisch zu vereinigen. Dazu kommen die Träumeund Phantasieen poetischer Rhapsoden. Wenn jene abkühlen, erkälten, er-sticken, so versengen und verwirren diese den armen Künstler, der sichverleiten läfst, bei den Rhetoren Rath und Hülfe zu suchen.
Diese hegen indess von ihrem fördernden Einflufse auf die Thätigkeitender Künstler nicht selten eine höhere Meinung. Schon im löten Jahrhun-dert finde ich ausgesprochen: »dafs Gelehrte und Denker dem Kunstwerkedie Seele, der Künstler selbst aber nur den Leib ertheile.« Es bezieht sichdiese Behauptung auf damalige Lebensverhältnisse, hat daher innerhalb ge-wisser Beschränkungen einigen Grund. Als Rafael in der ersten Stanzedie Poesie mit der Politik, die kirchliche Mystik mit der Wifsenschaft zu-sammenstellte, war dieser Gedanke sicherlich nicht von ihm ausgegangen,vielmehr ihm zugebracht worden. Allein so interessant es sein mag, hierinwahrzunehmen, welche Gegensätze und Verschiedenheiten noch unter Ju-lius IL in der Hierarchie ihren Mittelpunkt, ihre Ausgleichung finden soll-ten, und zum Theile wirklich gefunden hatten: so ist es doch nicht dieserGedanke, sondern die Art, in welcher Rafael ihn durchgebildet hat, was dieMalereien in jener Stanze zum reichsten, schönsten und gediegensten Kunst-werke der neueren Zeit erhebt. Dafselbe wird von der Psyche der Far-nesina gelten sollen, wo zwar ein Gelehrter dem Rafael die Quelle derFabel übersetzt haben mufs, er selbst indess aufser Frage jene Fülle fei-nerer Beziehungen aufgefunden oder ausgedacht hat, die jenes herrliche