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ZWEITE BEILAGE.
geben, und ob die Charaktere der handelnden oder dargestellten Personen richtig- ge-nommen worden.
Ein geübtes Künstler- und Kennerauge wird, selbst ungeachtet bedeutender Män-gel der Ausführung, die richtige Intention nicht verkennen; daher entdeckt es dasKunstgenie, bevor dasselbe mit erlangter Kenntnis und geübter Hand seinen glückli-chen Ideen die kunstgerechte Form giebt. Also die Würdigung der dem Bilde zuGrunde liegenden Idee sollte das erste Augenmerk des wahren Kritikers sein.
Die Verwirklichung dieser Idee, wodurch sie Gestalt gewinnt, und dem Anschauerklar wird, erstrebt die Malerei durch Form und Farbe.
Da letztere ohne erstere eigentlich in der Malerei nicht existiert, so ist es sach-gemäfs, den Styl der Formen zuerst zu betrachten, in welchem sich die Idee kundgiebt. Der Kritiker betrachtet daher mit Aufmerksamkeit, ob die im Gemälde dar-gestellten Figuren in ihren Bewegungen natürlich gestellt, in ihren Theilen richtiggezeichnet sind. — Dafs hiezu, um in concreten Fällen gerecht zu urtheilen, einegenauere Bekanntschaft mit den Gesetzen der Proportionen, welche am ausgebildet-sten in der Antike erscheinen, gehört, dafs eine gründliche Kenntnis der Anatomie,der Perspective, ein fortgesetztes Anschauen der besten Kunstwerke, der Umgangmit erfahrenen und viel leistenden Künstlern erfordert wird, — dies bedenken leiderdie ^Yenigsten, die ihr Urtheil öffentlich aussprechen, oder befser gesagt, aufdringen.Die Farbe verlangt ein noch länger und emsiger fortgesetztes Studium der in derNatur und in den vollkommenen Werken der Kunst vorkommenden harmonischenErscheinungen, des Colorits; und selbst ein solches Studium wird nur dann zu einemsichern Blicke in dieser Beziehung führen, wenn der Beschauende schon von der Na-tur mit einem für die richtigen Farbenwirkungen geformten Auge ausgestattet wordenist, welches durchaus nicht so oft vorkömmt, als mancher unbefugte Beurtheiler wohldenken mag.
Was nun endlich die Behandlung betrifft, so legen viele Kunsturtheiler ein grofsesGewicht auf eine kecke Pinselführung. Es sei nicht gesagt, dafs es nicht einen ho-hen Beiz habe, wenn sich jemand frei und kühn in seinem Werke bewegt. Aller-dings aber ist es zu beachten, dafs die wahre Freiheit der Behandlung allein aus dervollkommenen Kenntnis und Beherrschung des zu behandelnden Gegenstandes hervor-gehen kann. Es hat unsterbliche Künstler gegeben, deren Werke auf diesen Vorzugnicht Anspruch machen; und vielleicht war gerade die Tiefe ihrer Anschauung derNatur die Ursache davon, indem sie, sich selbst nicht genügend, es vorzogen, mit einersehr erhabenen Schülerhaftigkeit stäts tiefer in die Natur einzudringen. Ich möchtebehaupten, dafs solche Geistei-, die physische Kraft vorausgesetzt, in späteren Werkennicht allein nicht sinken, sondern fortschreiten müfsen.