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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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300 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

er sich nur in einer Kloster- oder in einer Dom- bzw. Stiftsschule erworbenhaben kann. Französisch war ihm vollständig vertraut, Übersetzungsfehler,wie sie Wolfram häufig und sogar Hartmann begegneten, sind ihm nichtnachzuweisen. Er war ein „Studierter", ein „Klerk", aber was für eine Lebens-tätigkeit er hatte, ob er ein Amt bekleidete, wissen wir nicht. 1 Seine feine,aristokratische Bildung läßt schließen, daß er in angenehmen Verhältnissenlebte und in vornehmen Kreisen verkehrte, bei den Patriziern der Stadt oderdem benachbarten Adel oder auch am bischöflichen Hofe.

Ein einigermaßen relatives Datum für die Abfassungszeit des Tr. läßt sichaus den Beziehungen zu Wolfram gewinnen: da G. seine literarische Kritikgegen Wolfr. richtet (4636—88) und dieser im Willehalm 4, 22—24 daraufanspielt, so muß der Trist, zeitlich zwischen den Parzival und den Willehalmfallen, also etwa gegen 1210 erschienen sein. 2

§ 48. Tristan, Inhalt

Inhalt. Im Prolog 1—242 (darunter 15 vierzeilige Strophen) entwickelt der Dichter zu-erst das Verhältnis von Künstler und Kritiker 1—44, dann sein Programm 45—122: für die„edeln Herzen" hat er sich seine Arbeit (unmüezekeit) auferlegt, es sind die Sehnsüchtigen,die Liebeslust und Liebesleid zusammen in einem Herzen tragen (Publikum), damit sichmit seiner Erzählung ihre Sorge lindere (Zweck), denn Beschäftigung beruhigt das Liebes-not tragende Herz (Begründung). Dem Stil der mittelalterl. Prologe entsprechend wird kurzder Inhalt angegeben (Namen des Liebespaares) und die rechte literarische Quelle: Thomasv. Britanje 123—66. Den Schluß 167—242 bildet die moralische Empfehlung des Werkes,seine tugendfördernde Eigenschaft, das Liebespaar als Beispiel für die Minne edler Herzen.

Der Tristan ist ein biographischer Roman. Er beginnt mit der Vorgeschichte, der Erzählungvon der Minne der Eltern, und hätte, wenn er vollendet worden wäre, mit dem Tode desHelden geschlossen.

Die Vorgeschichte 243—1788. Bedeutungsvoll führt die tragische Liebesgeschichte derEltern die sehnsüchtige, leid- und freudvolle Stimmung des Gedichtes ein: Der HerzogRiwalin und Blanscheflur, des Königs Marke Schwester, sind in heimlicher Liebe verbunden.Aber rasch verweht das Glück, der Gatte fällt in der Schlacht, das junge Weib stirbt vorHerzeleid, nachdem sie einem Knaben das Leben geschenkt.

Tristans Kindheit und Jugend 1789—5870. Der Marschall Rual li foitenant (= der Treuehaltende), der Reichsverweser, und seine sorgsame Frau erziehen den elternlosen Knaben und

Gegensatz zum Schüler (Jünger), den dieserals Meister oder Vorbild anerkennt oder ver-ehrt; oder einen Virtuosen, einen hervor-ragenden Ausüber seiner Kunst, einen Ge-lehrten, der die Kunst gelernt hat, oder einenMeister seines Handwerks. Danach wird eszum erstarrten Titel für Handwerksmeister u.für bürgerliche Dichter von Beruf. Wacker-nagel, LG.l 2 ,128 Anm. 138 Anm.; Schulte,ZfdA 39, 185-251; Wallner, Beitr.33, 483—540; Petersen, Joh. Rothe S. 131 ff.;Kluckhohn, ZfdA. 52,135 ff.; Ders., Arch. f.Kulturgesch. 11,389 -410; Schwietering, De-mutsformel S. 45—70; Stammler, Dt.Viertel-jahrsschr. 2 S. 2f.; DWb. 6, 1952. — Das BildGotfrids in der Maness. Hs.: F. X. Kraus,Die Miniaturen d. Maness Liederhs., 1887.

1 Er war kein Geistlicher, vgl. 17947, u. dieArt, wie er sich über den trügerischen Eid

ausläßt 15737 ff. — Durch falsche Lesung einerUrkunde (rodelarius statt Cidelarius) nahmman früher an, G. sei Stadtschreiber von Straß-burg gewesen: Elard Hugo Meyer, Waltherv. d. Vogelw. identisch mit Schenk Waltherv. Schipfe, Bremen 1863, S. 5; Herm. Kurz,Germ. 15, 207-36. 322—45; Heinzel, Kl.Sehr. S. 19 f.; richtiggestellt durch C. Schmidt,Ist G. v. Str. Straßburger Stadtschreiber ge-wesen? Straßbg. 1876, dazu Steinmeyer,Anz. 1, 212 f., Behaghel, Germ. 24, 111;Hertz, Anmerk. in s. Tristan-Uebersetzung;Golther, Tristanb. S. 165ff.; H. Fischer aaO.;M. Thiel, Hat G. v. Str. dem Kreise der Geist-lichkeit angehört? Histor. Jahrb. 41, 1.

2 Lachmann, Anm. zu Iw. 6943 u. Lesartenzu 4533, Parz. S. XIX, Anm. zu Walther 20, 4(S. 146); Schröder, Rittermaeren' S. XVII f.