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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

das bis auf die gründliche Untersuchung von H.Müller 1 ) gewöhnlich demHucbald von St. Amand beigelegt worden ist. Während nun H. Müller denNachweis führte, daß das Werk von Hucbald unmöglich verfaßt sein kannwar er der Ansicht, daß es von vornherein anonym erschienen sei. Dagegenmachte G. Morin 2 ) geltend, daß Otkar oder Otto von St. Pons de Tomieresder Verfasser sei, was er aber bald darauf zugunsten des Abtes Hogervon Werden widerrief; 3 ) denn die älteste Handschrift des Werkes wirdschon im 12. Jahrhundert in einem alten Kataloge von St. Amand alsMusica Otgeri et enchiriadis 4 ) erwähnt und weitere Bestätigung erhält dieseAnnahme durch eine im Katalog von Canterbury um 1170 gebuchte Auf-schrift Musica Hogerii. Abt Hoger von Werden ist 902 gestorben, und dadie Klöster des Hennegaus mit Werden in regem literarischen Austauschstanden, so ist es nicht zu verwundern, daß vielleicht noch im 9. Jahr-hundert eine Kopie der Schrift nach St. Amand gelangte. Nämlich dieseHandschrift scheint noch dem 9. Jahrhundert anzugehören, und an derSchwelle des 10. Jahrhunderts steht der Codex von Chartres N. 130. Sowird durch die paläographische Datierung beider Handschriften dargetan,daß die Musica enchiriadis noch im 9. Jahrhundert verfaßt ist und dieseZeit sowie die Angabe des Valentian. 325, daß Abt Noger 5 ) der Verfassersei, stimmt zu der von Morin statuierten Autorschaft des Werdener Abtes. 6 )Außerdem bemerkt G. Morin in einem Briefe, daß die Ähnlichkeit der vonHoger verwendeten Notenzeichen mit den Runen auf den Ursprung derSchrift im nördlichen Deutschland schließen lasse.

Zur Erörterung des Werkes bediene ich mich der lichtvollen Aus-einandersetzung von H. Müller, 7 ) der zuerst auf die logisch verständige Artdes Eingangs aufmerksam macht. Eine wichtige Neuerung Hogers bestehtdarin, daß er die Dasianotierung in achtzehn Zeichen für ebensoviel Töneeinführt. 8 ) Diese Schrift läßt sich auf eine einzige Grundform zurückführen,die durch Umkehr und Anhängsel und Abschnitte beträchtlich variiert wird.Nach den Untersuchungen von R. Schlecht 9 ) werden hiermit von Hogeralle sechzehn Töne der vier Tetrachorde mit den zwei übrig bleibendenbezeichnet. Allerdings sind diese Tonbezeichnungen von den Zeitgenossenkaum angewendet, und Hermann von Reichenau 10 ) wie Guido von Arezzoverwerfen sie ausdrücklich als unbequem. Sie sind sich denn auch viel zuähnlich und sie versinnlichen das Steigen und Fallen der Töne nicht ge-nügend, so daß sie der alten lateinischen Buchstabenbezeichnung nichtgleichkommen. Aber sie sind insofern wichtig, als Hoger sie mit der Inter-vallbezeichnung durch Tonus und Semitonium vereinigt, die Tonhöhen seiner

') Hucbalds echte und unechte Schriftenüber Musik (Leipz. 1884) 34—63.

2 ) Revue Benedictine 8, 343 ff.

3 ) Rev.ßened. 12,394.

") Ebenso hat Bruxell. 10088 s. XII (=10078—10095 f. 46 a) die Aufschrift De musicisnotis et consonantiarmn modis Otgeri abbatis,s. H. Müller a.a.O. S.U.

6 ) Mit leichterVerschreibung stattHoger.

6 ) Danach sind die irrigen Zeitangabenbei H. Müller, Hucbalds echte und unechte

Schriften S. 73 und 88 f. zu korrigieren.

7 ) a. a. O. S. 64-89.

8 ) Die Bezeichnung (s. Müller S. 65)kommt von der äaaela, dem in den Hss. ge-schriebenen Spiritus asper !-.

9 ) Monatsheftef.Musikgesch.8,89ff. Vgl.U. Kornmüller, Leipz. Allg. Musikzeitung1880,433.449.

10 ) Vgl. hierzu Ph. Spitta, Vierteljahrs-schrift f. Musikwissenschaft 1889, 469 ff.,477 ff.