De duodecim abusivis saeculi. 107
7. De duodecim abusivis saeculi.
In einer literarisch ungemein armen Zeit, nämlich um die Mitte des7. Jahrhunderts entstand im südöstlichen Irland eine anonym überlieferteSchrift, deren Titel De duodecim abusivis saeculi ist. Sie besitzt keineVorrede oder Einführung, stellt vielmehr die einzelnen Überschriften derzwölf Abusiva in gedrängter Übersicht voran und geht dann gleich zuihrer Behandlung über. Als Vorbild diente dem Verfasser das siebenteKapitel der Regula Benedicti, das nach Hellmanns gründlicher Unter-suchung ! ) ihm den ersten Anstoß und das Schema für sein Werk gegebenhat. Nämlich hier wie dort wird jeder Abschnitt mit einer Definition ein-geleitet, für die eine doppelte Form angewendet wird. Sachlich wird inder Schrift die Vulgata benutzt, außerdem Isidor, und diese Quellen, wieauch einiges andere, 2 ) hat sie mit der irischen Kanonsammlung gemeinsam.Manches wird außerdem in der Schrift auf Benutzung irischer Literaturin der Nationalsprache zurückzuführen sein. 3 ) Merkwürdig ist ihre Anlage,denn sie verzichtet auf das Breittreten der acht Todsünden Cassians, diesowohl von Columban wie von Aldhelm nachahmend behandelt wurden,sie stellt vielmehr zwölf Gegensätze auf: wie der Weise 4 ) ohne gute Werke,der Greis ohne Religion, der Jüngling ohne Gehorsam, der Reiche ohneWohltun, das Weib ohne Keuschheit. Wenn dann auch solche Abschnittebegegnen wie der stolze Arme, der ungerechte König, das Volk ohneGesetz, so sieht man deutlich, daß dieses in seinen Anfängen mehr moral-theologische Werkchen doch auf Weltliches hinausgeht und den ursprüng-lichen Rahmen erweitert. Und gerade diese gegensätzliche Anlage hatwohl der Schrift ihre große Beliebtheit für die späteren Zeiten ermöglicht,denn einige der Gegensätze scheinen auf alte rhetorische Grundlage zurück-zugehen, die ja im Mittelalter sehr bedeutendes Ansehen genoß, und esverlohnte sich, etwaige Berührungspunkte mit Quintilian und Seneca auf-zusuchen. Die Ausführung der einzelnen Abschnitte ist meist derartig,daß der Worterklärung die Wirkung des an die Spitze gestellten Satzesfolgt, oder daß in breiter Folge die Konsequenzen der betreffenden Tugendgezogen werden. Hierbei wird biblisches Material in breitem Umfangebenutzt, zuweilen werden auch Beobachtungen aus dem täglichen Lebenwiedergegeben. 5 ) Wegen der Häufung ähnlicher Gedanken leiden vieleAbschnitte an Monotonie und diese wird noch verstärkt durch die über-mäßige Anwendung des Homoioteleuton, das sich auch in der irischenKanonsammlung stark bemerkbar macht. So sind die Abusiva und jeneSammlung durch eine ganze Reihe gemeinsamer Züge verbunden und daherwohl in gleicher Umgebung entstanden.
Zeugnisse. Die Abfassungszeit ergibt sich aus der Benutzung Isidors und aus derBenutzung in der irischen Kanonsammlung, s. Hellmann S. 2 f., zur Herkunft aus Irlands. Hellmann S. 7 ff. Den Titel haben die Hss. als Inskription, und der Anfang der Schrift
J ) Siehe Hellmann, Pseudo-Cyprianusde XII abusivis saeculi S. 5 (= Texte undUntersuchungen z. altchristl. Lit. 34,1).
2 ) Siehe Hellmann S. 5 f.
3 ) Siehe Hellmann S. 15 f.
4 ) Mit sap/ens wird dann gleichbedeutendpraedkator und cloctor gebraucht, s. die Aus-gabe bei Hellmann S. 32 f.
5 ) Vgl. Hellmann S. 33,2—7.