854 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
auch von seinen Lehrern nichts, vielleicht hat ihn Berengar zeitweise unter-richtet. 1 Bischof Hoellus von Le Mans erhob ihn zum Leiter seinerDomschule und verlieh ihm 1091 die Würde eines Archidiakonus, und alsHoellus starb, wurde Hildebert zum Bischof erhoben (1096). Es heißt daßer erst seit seiner Erhebung zum Bischof sich mehr dem Studium der heili-gen Schriften hingegeben habe; und von einer gewissen Weltlichkeit inder Gesinnung zeugt so manches ihm beigelegte Gedicht wie auch der Um-stand, daß er einen Sohn hatte, der als Kanonikus und Erzpriester in LeMans starb. 2 Freilich war die politische Stellung Hildeberts in seinem neuenAmte gefährdet genüg, wie aus dem Gedicht über seine Verbannung deut-lich hervorgeht. In dieser Zeit unternahm er eine Reise nach Rom (Dezember1100 bis Juni 1101), 3 um den päpstlichen Segen zu erlangen und über diein der Normandie zwischen den Großen ausgebrochenen Streitigkeitenzu berichten. Sein Aufenthalt in Rom gab ihm die Ideen zu zwei Gedichtenderen erstes eine erhabene Klage über die großartige Schönheit der Ruinendarstellt, während in dem zweiten Rom selbst über seine Herrschaft alschristliche Welthauptstadt spricht. Von Rom reiste er nach Apulien inden Normannenstaat, wo man ihn mit kostbaren Geschenken belud; aufdem Rückweg nach Frankreich erwartete ihn bei der Insel Lerins große Ge-fahr durch Seeräuber, der er aber glücklich entkam. 4 In den folgendenJahren mag er bei allen Streitigkeiten, die er mit den weltlichen Großendurchzufechten hatte, der einmal ergriffenen poetischen Tätigkeit treu ge-blieben sein und auf den verschiedensten Gebieten der Poesie sich betätigthaben. 5 Als dann Bischof Giselbert von Tours zu Anfang 1125 starb, wurdeHildebert von Klerus und Volk zum Nachfolger gewählt, 6 nachdem er28 Jahre Bischof von Le Mans gewesen war. Als Erzbischof von Tours ister im Jahre 1133 gestorben. Die Anzahl der von ihm hinterlassenen Werkeist mit Ausnahme seiner Dichtungen nicht groß, und es sind ihm Schriftenbeigelegt worden, die ihm nicht gehören, wie die von Wilhelm de Conchesverfaßte Moralis philosophia. Wesentlich für die Aufhellung der Lebensum-stände des bedeutenden und viel angefeindeten Mannes ist es, daß sicheine Sammlung seiner Briefe erhalten hat, die zugleich für die Zeitgeschichtewichtige Dokumente bietet, aber jedenfalls nur eine Auswahl aus seinerKorrespondenz darstellt.
Zeugnisse. Die wichtigste Quelle für sein Leben ist außer den Briefen der Abschnittder Gesta episc. Cenomanensium, der über ihn ausführlich handelt (Mabillon, Analecta3, 303 = Migne 171, 89ff.). Eine wertvolle Biographie aus den Quellen verfaßte A. Dieu-donne, Hildebert de Lavardin, Paris 1898. Heinrich von Brüssel de Script, eccl. 8 (ed.Miraeus p.163) gibt folgendes: Hildebertus ex Cenomanensi episcopo archiepiscopus Tun-nensis qui damit tarn prosa quam metro scripsit eleganti metro vitam Mariae Aegyptiacae.Exposuit etiam metrice totum missae ordinem. Scripsit etiam diversas ad diversos epistolas.Zu Hildebert bei den mittelalterlichen Autoren vgl. Dieudonne S. 19—27, die neuereLiteratur zu seinem Leben daselbst S. 28—32. Vgl. Haureau, Nouv. biogr. gen. 24, 667ff.Barth, Hildebert von Lavardin, Stuttgart 1906.
1 Vgl. A. Dieudonne, Hildebert de La- 4 Vgl. Hildeberti Ep. 3, 7 (Migne 171,vardin S. 38 f. Vgl. Guilelmi Malmesb. 287 C).
Gesta reg. Angl. 3, 284 (ed. Stubbs p. 339) 6 Vgl. Dieudonne S. 66f. o
affectum in magistrum. 6 Ueber die Ereignisse in Tours vgl. Ep.*,
2 Vgl. Dieudonne a. a. O. S. 45f. 34 (Migne 171, 257f.).
3 Vgl. Dieudonne S. 59f. und lllff.