A« Historische Dichtung 655
entgegen und boten ihre Unterwerfung an. Wilhelm legte seine Getreuen indie Stadt und in das Kastell und empfing durch Gesandte von Canterburyseinen ersten Tribut aus England und bricht dann nach London auf, dessenBewohner, auf die Sicherheit ihrer Mauern und des Flusses vertrauend,sich einen Knaben zum König wählen. Wilhelm schlägt sein Lager bei derStadt auf und in der Nähe der Westminsterkirche baut er große Belagerungs-maschinen. Da rät ein alter vornehmer Sachse Ansgard den Londonern,eine Gesandtschaft zu schicken und Unterwerfung vorzutäuschen. Das ge-schieht, aber der König ist klüger und besticht den Gesandten mit reich-lichem Gold, so daß dieser bei seiner Rückkehr durchaus für Unterwerfungund Gehorsam spricht. Das wird denn auch beschlossen und Wilhelm nimmtdie Huldigung entgegen. Inzwischen ist Weihnachten nahe herbeigekommenund Wilhelm läßt sich eine herrliche Krone herrichten, in der die zwölfmystischen Edelsteine (nach Apoc.21,18 ff.) erglänzen. 1 Unter großemPomp wird dann der Krönungszug dargestellt und die Feier in der Kirchebeschrieben, wo ein Normannenbischof das Volk auffordert, Wilhelm alsKönig anzuerkennen, und der Primas der Kirche nach alter englischer Sittedem Könige das Haupt salbt. Hiermit bricht das Gedicht unvermittelt ab.
Th. Wright und G. Körting vermuteten, daß das Gedicht auf Wunschdes Königs geschrieben sei; 2 das ist nun freilich nicht zu erweisen. Wennaber Wido nicht selbst Augenzeuge gewesen ist, so hat er jedenfalls sehrgenauen Bericht über die Kämpfe erhalten. Besonders gern verweilt erbei den Reden der von beiden Parteien geschickten Gesandten, die wohlmehr oder weniger von ihm erfunden sind. Seine Sprache ist ganz unpoetisch,und es zeigen sich auch nur höchst selten Anlehnungen an die alte Poesie,trotzdem Ordericus Vitalis meint, daß er Vergil und Statius nachgeahmthabe. Zuweilen zeigen sich Beobachtungen volkstümlicher Sitten, wie imAnfang (Vs. 58 ff.) Wilhelm den Wetterhahn der Kirche nach dem Windebeobachtet und froh ist, wenn der Südwind weht. 3 Wahrscheinlich hieltWido den epischen Vergleich für einen integrierenden Bestandteil der epi-schen Poesie, denn er wendet ihn recht häufig 4 und nicht immer geschickt 5an. Zur Charakteristik der Hauptpersonen werden Ansätze gemacht, dochfallen sie für die Sachsen gar zu ungünstig aus und Wilhelm gegenüber sindsie recht inhaltlose Schmeichelei. Antike 6 und biblische Personen werdennur selten genannt und 736 erscheint Karl der Große recht unvermittelt.Wido teilt also das schriftstellerische Ungeschick im lateinischen Ausdruckmit manchen normannischen Volksgenossen der Zeit völlig.
Zeugnisse. Hariulf erwähnt Wido im Chron. Centulense 4,17 (Migne 174,1328)Guido igüur tunc Ambianensis ecclesiae archidiaconus postea eiusdem sedis episcopus quiilhus (seil. Angelranni) fuerat in studio lilterarum diseipulus tali eius tumbam epitaphiodecoravit: Quem tegit etc. Wilhelm von Jumieges sagt von ihm Hist. Norm. 7, 44 (Du-chesne, Hist. Norm. SS. ant. p. 291C) Edidit praeterea de eadem materia opus non
j Vs. 763—781. 5 Vgl. 617 Et veluti muscae stimulo jamis
Wright, Biogr. brit. lit. Anglo-norman exagitatae Ulcera densatim pleno, eruore pe-
period p. 15 und Körting, Wilhelms von tunt,UndiquesicAngliregicurruntfamulari.
i J oiüersGestaGuilelmi(Dresdenl875)S.15. Man sieht hieraus deutlich die Wertschät-
Umgekehrt waren die Wikinger über zung der Sachsen durch den Normannen.
den Nordwind erfreut, da er sie nach Süden 6 537 wird der Graf vonPonthieu ein aller
brachte. Hectorides genannt, was wohl eigne Bildung
Vs. 86f. 385—388. 437f. 465f. 468. 617f. Widos ist.