Einleitung 11
Achtung der Laien vor dem Klerikerstande nicht eben erhöht, es bildetensich ketzerische Regungen, und während die Kirche in Heiligenübertra-gungen und Visionen schwelgte, mußte der ihr gegenüber früher bewieseneEifer des Volkes erkalten. Die hagiographische Literatur in Prosa und Poesiewuchs allmählich zu einer wahren Flut an, wovon die Bände der ActaSanctorum deutlich Zeugnis ablegen.
Außerdem begnügt man sich in den späteren Universalgeschichten viel-fachmit mageren Exzerpten aus den früheren Werken, und Erdichtungen undFabeleien verdrängen die geschichtliche Wahrheit. 1 Auf solche Weise sankmit der Kirche in Deutschland die von ihr früher aufs regste betriebeneGeschichtschreibung, und noch waren hier die Laien nicht so weit gebildet,daß diese sie in die Hand nehmen konnten, wie das in den romanischenLändern wirklich der Fall gewesen ist.
Die Romanen hatten bei ihrer eigenen Geschichtschreibung den Vorzug,daß bei ihnen der große Kirchenstreit fast fehlte, wenn man von Italienabsieht; und als die Zeiten kamen, da ihren Ländern von der Kurie ähn-liches zugemutet wurde wie Deutschland, da hatten sie das Glück, Fürstenauf ihren Thronen zu besitzen, die solche römische Anmaßung einfach ab-lehnten. Nun waren sicher viele französische Bistümer und Klöster mitBüchern aus der Vergangenheit besser ausgestattet als die deutschen undder Sinn für Ortsgeschichte mag schon frühzeitig im Romanen stark ent-wickelt gewesen sein: jedenfalls sind die auf romanischem Boden ent-standenen Kirchen-, Bistums- und Klostergeschichten bedeutend reichhal-tiger als die aus deutschen Landen. Aber auch der Sinn für Volks-, Fürsten-und Dynastengeschichte ist bei den romanischen Völkern zu jener Zeitreger gewesen, so daß wir auf diesem Gebiete Werke von nicht geringer Be-deutung besitzen. Indes ist hier namentlich die Kreuzzugsgeschichte zunennen, deren Darstellung im 12. Jahrhundert fast ganz in den Händender Franzosen liegt. Der romantisch ritterliche Schimmer, der diese Kämpfeumgibt, paßte durchaus in das Darstellungsvermögen jener Nation hinein,und der Angriff des Abendlands auf den Orient war so eng mit den Fran-zosen verbunden und die christliche Anmaßung jener Zeit eine so große,daß man vom Titel eines Werkes aus diese ganzen Unternehmungen„Gesta dei per Francos" genannt hat. Einen großen Teil Frankreichs besaßfreilich England, und die Normannen, das herrschende Volk, taten sichnatürlich nicht wenig auf diese führende Stellung zugute. Sie haben es daheran Geschichtsdarstellungen über ihre Herrscher und über ihr Volk nichtfehlen lassen und wir besitzen aus ihren Kreisen vortreffliche Werke. Undebenso brachte das stolze Aufblühen der lombardischen Städte einen nichtgeringen Aufschwung in der Geschichtschreibung dieser Gemeinden her-vor, die sich, falls sie gegenkaiserlich waren, der werktätigen Hilfe vonSeiten der Kurie zu erfreuen hatten.
Neben der Geschichtsdarstellung geht die Sage her, die sich in der Ro-lands- und Karlssage namentlich durch die Chronik des Pseudoturpin offen-bart und auf keltischem Boden in der Vita Merlini eine nationale Aus-
1 So sind Erfindungen des 12. Jahrhun- Auceps für Heinrich I., Kreuzzug undderts die Beinamen Nanus für Pippin und Wunder Karls des Großen u. a.