Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
537
Einzelbild herunterladen
 

537 SIMROCK

„In No. 183 des Freimüthigen ist unter der Rubrik: drei Tage unddrei Farben, unterzeichnet S i m r o c k , ein Aufsatz in Versen auf-genommen, der nur bei der geringsten Aufmerksamkeit des Gensorsnicht passiren konnte. Se. Königl. Majestät haben dies mit demhöchsten Unwillen aufgenommen, und haben befohlen, daß derCensor zur Verantwortung gezogen werde; auch wollen Höchst-dieselben unterrichtet sein, wer dieser S i m r o c k ist. Ew. Hoch-wohlgeboren fordere ich demgemäß auf, sofort den Censor desbetreffenden Artikels zur Verantwortung zu ziehen und die dies-fällige Verhandlung schleunigst einzureichen, auch dabei die be-fohlene Anzeige über den Verfasser zu erstatten. Da schon so oftvon Seiten des Censors gefehlt ist, so dürfte es am angemessenstensein, eine andere Person für dies Geschäft zu bestellen, und habenEw. Hochwohlgeboren Sich hierüber sogleich zu äußern."

Der unglückliche Zensor, dem es zunächst an den Kragen gehensollte, war ein armer Schriftsteller namens August Friedrich ErnstLängbein, Balladendichter und Humorist, dessen „Sämtliche Schrif-ten" (nach seinem Tode 1835/36 erschienen) dreißig muntre Bändeumfassen. Noch dazu sächsischer Humorist, dem aber die Launeausgegangen war, als er sich nach Abschluß seines juristischenStudiums zwanzig Jahre als Vizeaktuar in Großenhain und dann alsKanzlist im Geheimen Staatsarchiv zu Dresden herumgedrückt hatte,ohne weiterzukommen. 1800 hing er den Bureaurock ganz an denNagel und war kühn genug, sich in Berlin als freier Schriftsteller zuetablieren. Schon in Bürgers Musenalmanach hatte er mit Versendebütiert; jetzt gab es keine noch so kleine literarische Bedürfnis-anstalt, kein Taschenbuch und keine belletristische Zeitschrift, indenen nicht Langbeins Name zu finden war, und Jahr auf Jahrfolgten Gedichtbändchen, Lieder, Novellen, Schwanke, humoristischeRomane usw., die sich sogar einiger Beliebtheit erfreuten, dennLangbein hatte so etwas wie Leberecht Hühnchens Freude am Klei-nen, und das gefiel dem lesenden Biedermeier. Aber die Zeiten warenschlecht, die Honorare gering, und als er nach zwanzigjähriger un-ermüdlicher Federregung gar nicht mehr aus und ein wußte, kamder preußische Staat als deus ex machina, machte ihn zum —-Zensor für die Erzeugnisse seiner belletristischen Kollegen undrettete ihn so vor dem Verhungern. Mehr allerdings auch nicht,denn die „Zensurgroschen" (zwei, später drei Silbergroschen proBogen) gingen von den Verlegern nur spärlich ein, und so großwar die literarische Produktion nicht, daß jemand von dieser be-scheidenen Steuer in Fülle hätte leben können. Von den frugalenPicknicks in seiner Dachstube in der Kronenstraße erzählt FriedrichWilhelm Gubitz in seinen „Erlebnissen" mit Rührung, und es gabkeinen Kollegen, der dem armen Verseschmied sein peinliches