52] SCHÖNHERR
sei er, daß alles, was mit Religionsstreitigkeiten zusammenhänge,vermieden sei, und daß der Dichter das Schwergewicht auf das reinMenschliche gelegt habe. Es sei nichts Theatralisches an dem Stück,sondern alles sei aus dem Leben gegriffen. Er erwarte in Schönherrden deutschen Dichter, der in Deutschland bis jetzt noch fehle;Schönherr sei der Mann, diese Hoffnung weitester Kreise zu er-füllen." Das Urteil konnte nur dazu dienen, die dem Dichter weniggewogene Kritik erst recht scharfzumachen, und die ultramontanenBlätter fanden sich in dem Bedauern einig, daß der Dichter von,,Glaube und Heimat" durch den „protestantischen Kaiser" ausge-zeichnet worden war; der „religiöse Friede" schien ihnen dadurchbedroht zu sein.
Im ganzen aber war die Wirkung des Dramas zu wuchtig, unddie unterirdische Minierarbeit der klerikalen Maulwürfe versagte.Ein starker Theatererfolg ist immer eine Sensation, die auch diePforten der Kirche nicht überwältigen. Nun wechselte das System,und sein Exponent wurde ein Franziskanermönch. Er betrat nichtdie Kanzel, um im Stile Abraham a Santa Claras gegen seinenGlaubensgenossen zu wettern, sondern als moderner Mensch dasVortragspult, auf dem er kein Neuling war, denn dieser Pater Ex-peditus Schmidt genoß in der Zunft der Theaterhistoriker einigenRufes; er war einer der ersten Pioniere jener Propaganda, die heutemit unleugbarem Erfolg dabei ist, die Forderungen deutscher Geistes-kultur mit den Voraussetzungen des katholischen Glaubens in Ein-klang zu bringen. Dieser Pater Schmidt hielt am n. April 1911 inBerlin einen Vortrag über „Glaube und Heimat", den die „VossischeZeitung" vom 12. (Nr. 178) durch folgenden Bericht kennzeichnete:
„Der gute Wagner meint ,ein Komödiant könnt' einen Pfarrerlehren'; in unsern Tagen wird auch das Umgekehrte versucht. Derliterarische Franziskaner Dr. P. Expeditus Schmidt sprach gesternabend im Architektenhause über Schönherrs .Glaube und Heimat'und beiher auch über die Aufführung des erfolgreichen Stückes imLessingtheater, über die .Serienspielerei', das heißt über die ununter-brochene Reihe von Aufführungen, die ihm im Ibsentheater (warumgerade in diesem Falle?) recht wunderlich vorkommt und (welcherfeine Instinkt!) auf Sensation hinzudeuten scheint. Der Zulauf desPublikums zu diesem literarischen Herzenserguß war ein außer-ordentlicher; ein Theaterkritiker in der Kutte scheint an Pikanteriemit einer Schönen im Hosenrock zu rivalisiren.
Dr. Schmidt begann mit der Ankündigung, daß er sich zwischenzwei Stühlen niedersetzen werde, daß man sich's aber auch insolcher Lage — nämlich zwischen zwei Extremen — bequem machenkönne. Nun, bequem hat er es sich wirklich gemacht; denn er wartrotz der treuherzigen Kanzelberedtsamkeit, die er hervorkehrte, so