327 JORDAN
Unterdes hatte sich Jordan, der seiner offenen Absage an dieRadikalen wegen in dieser Gedichtsammlung „Schaum" bei vielenseiner früheren Freunde als Renegat gelten mußte, in Bremen ein-gerichtet, wo er als Lehrer und Schriftsteller tätig gewesen seinsoll; Näheres darüber bleibt noch festzustellen. Wahrscheinlich ar-beitete er für die liberale, in Preußen verbotene „Bremer Zeitung";denn als deren Korrespondent ging er bei Ausbruch der Februar-revolution nach Paris. Im April aber war er wieder in Berlin; dievormärzlichen Ausweisungsbefehle hatten nun keine Geltung mehr.Hier hielt er sich zum „Konstitutionellen Klub" und wurde vonFreienwalde in das Frankfurter Parlament gewählt, zu dessen wirk-samsten Rednern er zählte. Und im Frankfurter Parlament war es,wo er sein eigentliches Damaskus erlebte und durch seine berühmtePolenrede sich, wie Heinrich Laube sagt, „ein für allemal in eineverhältnismäßig konservative Partei hineinsprach". Bisher hatte ernoch zur Linken gezählt; jetzt schloß er sich der Mitte und derGagernschen Partei an. Als Sekretär des Marineausschusses wurdeer bei Gründung der deutschen Flotte Ministerialrat im Reichs-handelsministerium. In Bremen, witzelte Otto v. Corvin, der ein be-geisterter Sportsmann war und in Leipzig die erste Schwimmanstalteingerichtet hatte, „muß Jordan das Seewesen studirt haben, dennbei unsern nautischen Excursionen auf Schimmels Teich erschiener mir noch entsetzlich grün in dieser Hinsicht". Und als Zeichender politischen Wandlung des ehemaligen Leipziger Freundes er-zählt Corvin seine letzte persönliche Begegnung mit ihm: „Es war1855 i m Spätherbst in Frankfurt; ich war eben aus dem BruchsalerZellengefängniß gekommen, in welchem ich sechs Jahre gesessenhatte. Ich sah nicht eben blühend aus, sondern im Gegenteil sehr,sehr blaß; aber ich war glücklich und stolz, und als ich am Main,zwischen der Bibliothek und der Brücke, dem Herrn Marinerat be-gegnete, — tat er mir leid, aufrichtig leid, als er verlegen seitwärtssah und an mir vorüber ging. Es war mir nicht erfreulich, vonJordan zu reden, denn die Erinnerung an ihn erregt mich unange-nehm; ich kann nicht jubeln, wenn ein talentvoller Mann fehlt,sondern es bewegt mich schmerzlich".
Ein Dokument von Jordans politischer Wandlung enthalten auchdie preußischen Zensurakten; es ist ein Brief, den er drei Jahre nachjener Begegnung mit Corvin an einen Minister, anscheinend Rudolfv. Auerswald, richtete und der mit seinen Jugendbriefen an den Ober-präsidenten von Ostpreußen eigenartig kontrastiert:
„Hochwohlgeborner Herr, Hochgeehrter Herr Minister!
Im Vertrauen, daß Ew. Excellenz aus der Paulskirche her einevielleicht nicht ganz unvorteilhafte Erinnerung geblieben von einem