JORDAN 3° 2
desselben Jahres folgten, unter seinem Namen, „Irdische Phanta-sieen", deren Rückertsches Motto: „Wonach ich auf zum Himmegeschaut, Das hab' ich noch Alles gefunden auf Erden", schon deÜbergang des ehemaligen Theologen zur Naturwissenschaft, seiextrem diesseitige Weltanschauung und seinen unbezähmbaren. Hagegen alles, was mit Kirchenglauben und Aszese zu tun hatte, be-zeichnete. Daß er als Dichter die Welt erobern werde, war schonfür den Studenten ausgemachte Sache gewesen; ein starkes Selbs -bewußtsein trug der reckenhaft gewachsene Mann allzeit zur Schau-Und da Königsberg durch seine politische Bewegung, vor allem S»Johann Jacobys „Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreuß en(Mannheim 1841), die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands auf slCgelenkt hatte, faßte Jordan gemeinsam mit Gottschall den Pia 11 'durch eine Sammlung von „Charakteristiken" oder „öffentlichen Cha-rakteren", wie sie damals nach Heinrich Laubes und Karl Gutzkow'Vorbild modern waren, den Geist Königsbergs und seiner prominenten Persönlichkeiten dem großen Kreise der liberalen Gesinnung 5 'genossen in den fünfunddreißig deutschen Bundesstaaten näherzu-bringen.
In seinen hübschen Lebenserinnerungen „Aus meiner Jugend(Berlin, 1898) erzählt Gottschall ausführlich von seiner eng cnFreundschaft mit dem vier Jahre altern Dichtergenossen und auchvon ihrem gemeinsamen literarischen Plan: „Wir hatten uns baldgefunden, so verschieden auch unser Naturell war; denn jedenfallsgehörte er zur schweren Artillerie des Geistes und ich zu den beweg-licheren, leichten Truppengattungen. Doch gemeinsam war unsbeiden die Begeisterung für die neuen Zeitideen, deren Leuchte jetztam baltischen Gestade aufflammte, gemeinsam ein warmes Freund-schaftsgefühl, ohne alle Jean Paulsche Uberschwenglichkeit, gemein-sam die geistige Schule der Hegeischen Philosophie. Zusammenreisten wir an den von Ferdinand Gregorovius so schön geschildertenbaltischen Strand, wo wir in Neukuhren die Badegesellschaft stu-dirten, in Warnicken an einem Tisch in der Wirtshauslaube dichtetenund, wenn wir durch die samländischen Palven wanderten, mit deinBlick auf die aufrauschende See, uns unsere Verse vordeklamirten-Zusammen reisten wir ins Herz von Litauen, in seine Pfarrhaus-idyllen, denn dort in Norkitten lebte eine Pfarrerstochter, JordansBraut, die er später heimführte, es war dort so traulich-patriarcha-lisch bei dem ehrwürdigen Pfarrherrn. Ein langer Stammbaum dessiebenzigjährigen Geistlichen bildete die Familie, aus welcher deraus der Art geschlagene Dichter der .Irdischen Phantasieen' stammte-Doch in diesen Pfarrhäusern herrschte kein engherziger Sinn; rnanhielt Goethes Gedichte in Ehren, und Goethe war doch auch einSündenbock der damals tonangebenden Theologen . . . Jordan und