Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
278
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v. HOLTEI 278

lung war demnach völlig unmöglich — aber als eine Art lebendesBild? das war neu und vielleicht durchzusetzen. Und als Hinter-grund schien eine Anekdote aus dem Leben Kosciuszkos, des Ober-feldherrn der Polen in ihrem Aufstand gegen Rußland i794, zurDramatisierung wie geschaffen. Aber Polen? Das war ein nichtminder bedenklicher Vorwurf. Kosciuszko zwar war 1817 schon ge-storben, aber das von Napoleon gegründete Königreich Polen be-stand noch, dasselbe Königreich, das man nach der dritten Aufteilungunter Rußland, Österreich und Preußen aus der Reihe der euro-päischen Staaten gestrichen hatte. Auch daran wollten die Macht-haber in Preußen auf der Bühne nicht erinnert sein. Aber Holtei ließsich durch diese Bedenken nicht beirren; die Verse zu französischenund polnischen Melodien summten ihm schon im Ohr, und inwenigen Tagen war der Einakter fertig. Im Vordergrund stand derPolenheld, Napoleon war zum Statisten verblasst, der nur im Heeres-zug stumm über die Bühne zieht. Im spätem Druck des Stücks(1832 im 1. Band der „Beiträge für das Königstädter Theater" vonK. v. Holtei) fehlt er ganz.

Auf der Leseprobe zog der Syndikus Kunowski sein Gesicht inbedenkliche Falten: das konnte er auf eigenes Risiko nicht wagen.Napoleon und noch dazu Kociuszko — unmöglich! Also erbot sichHoltei, selbst die Erlaubnis des Königs zu erwirken. Den Titel „Deralte Feldherr" hatte er mit Absicht zweideutig gewählt; damit konnteebensogut der Korse gemeint sein, und Holtei ließ nun durch einenbefreundeten Vermittler — jedenfalls den Geh. Kämmerier Timm— ganz bieder beim König anfragen, ob dem Erscheinen Napoleonsauf der Königstädter Bühne etwas entgegenstehe. Darauf kam dieAntwort: Wenn dabei Schmähungen gegen den entthronten Kaiserfallen sollten, müsse „Er sich dergleichen verbieten"; gegen einwürdiges Auftreten habe er nichts einzuwenden.

Holtei triumphierte: so etwas wie eine Erlaubnis des Königs warda, und die Direktion kündigte daraufhin die erste Darstellung an;das neue Liederspiel sollte, wie üblich, den Schluß des Theater-abends am 1. Dezember bilden. Am Morgen dieses Tages geriet dasDirektionsbureau der Königstadt in große Aufregung: der Königwollte selbst der Premiere beiwohnen, da aber im Hoftheater einneues Ballett gezeigt wurde, ließ er durch den Kämmerier Timmbitten, den „alten Feldherrn" zuerst zu spielen, damit er dann nochins Hoftheater hinübergehen könne, denn ein neues Ballett ver-säumte der König nie. Jetzt war Holland in Nöten: wenn der KönigHolteis Kriegslist gleich am ersten Abend durchschaute, konnte sichder „Alte Feldherr" begraben lassen. Solche Wünsche des Königswaren aber nichts Ungewöhnliches und stets von dem Zusatz be-gleitet: wenn die Umänderung dem Vorteil der Kasse — die König-