Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
528
Einzelbild herunterladen
 

Vergleich, der mir damals seltsam hergeholt schien, und dermir dennoch sofort gewisse Ahnungen einflösste, nicht zurück-denken sollen, als sich mir später Adrians Vorhaben, das',7erk, das er bewältigte, indem es ihn überwältigte, und fürdas seine Kräfte sich gesammelt hatten, während sie qualvolldaniederlagen, langsam enthüllte? Hatte ich nicht recht, zu ,sagen, dass die depre3iven und produktiv gehobenen Zuständedes Künstlers, Krankheit und Gesundheit, keineswegs scharfgetrennt gegeneinander stehen? Dass vielmehr in der Krank-heit, und gleichsam unter ihrem Schutz, Elemente der Gesund-heit am Werke sind und solche der Krankheit geniewirkendin die Gesundheit hinübergetragen werden? Es ist nicht anders,ich danke die Einsicht einer Freundschaft, die mir viel Kum-mer und Schrecken bereitet, mich stets aber auch mit Stolzerfüllt hat: Genie ist eine in der Krankheit tief erfahre-ne, aus ihr schöpfende und durch sie schöpferische Form derLebenskraft.

Die Konzeption des apokalyptischen Oratoriums, die heim-liche Beschäftigung damit, reicht also weit zurück in eine 2eitscheinbar völliger Erschöpfung von Adrians Lebenskräften,und die Vehemenz und Schnelligkeit, mit der es danach, inwenigen Monaten, zu Papier gebracht wurde, gab mir immer dieVorstellung ein, als sei jener Elendszustaud eine Art vonRefugium und Versteck gewesen, in das seine Hatur sich zu-rückzog, um unbelauscht, unbeargwöhnt in ausgeschalteter,von unserem Gesundheitsleben schmerzhaft abgesonderter Ver-borgenheit Entwürfe zu hegen und zu entwickeln, zu denen ge-meines Wohlsein garnicht den abenteuerlichen Mut verleiht,und die gleichsam aus dem Unteren geraubt, von dorther mit-gebracht und zu Tage getragen sein wollen. Dass sich mir,was er vorhatte, nur schrittweise, von Besuch zu Besuch, ent-hüllte, sagte ich schon. Er schrieb, skizzierte, sammelte,studierte und kombinierte; das konnte mir nicht verborgen

528