Druckschrift 
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull : Buch der Kindheit
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

öffnet hätte. Als alles fehlschlug freilich, verzagte er; und da er außerdem wohlmeinte, daß er uns anderen nur im Wege sei, und daß wir ohne ihn leichterunser Fortkommen finden würden, beschloß er, ein Ende mit sich zu machen.Es war fünf Monate nach der Konkurseröffnung, und der Herbst fiel ein. Ichhatte seit Ostern den Schulbesuch endgültig eingestellt und genoß vorderhandeines freien Dbergangszustandes ohne bestimmte Aussichten. Wir hatten uns,meine Mutter, meine Schwester Olympia und ich, in dem nur noch notdürftig aus»gestatteten Eßzimmer versammelt, um unser jetzt äußerst notdürftig bestelltes Mit«tagsmahl einzunehmen, und warteten auf das Familienhaupt. Als aber auch nachgenossener Suppe mein armer Vater sich nicht wollte sehen lassen, entsandtenwir meine Schwester Olympia, für die er stets eine zärtliche Schwäche gehabt,in sein Schreibkabinett, um ihn zur Mahlzeit zu rufen. Kaum jedoch hatte sieuns seit drei Minuten verlassen, als wir sie mit anhaltendem Gekreisch trepp«auf, treppab und ziellos wieder treppauf durch das ganze Haus rennen hörten.Mit kaltem Rücken und des Äußersten gewärtig, begab ich mich stehendenFußes in meines Vaters Zimmer. Dort lag er mit geöffneten Kleidern auf demFußboden, seine Hand ruhte hoch auf der Wölbung seines Leibes, und nebenihm fand sich das blanke, gefährliche Ding, womit er sich in sein sanftes Herzgeschossen. Unsere Magd Genovefa und ich, wir betteten ihn auf das Sofa.Und während das Mädchen zum Arzte lief, meine Schwester Olympia nochimmer kreischend das Haus durchstörte und meine Mutter sich nicht aus demEßzimmer hervorzukommen getraute, stand ich, mit der Hand meine Augenbedeckend, an der erkaltenden Hülle meines Erzeugers und entrichtete ihm reich»lieh den Zoll der Tränen.

65